Michael Guttenbrunner: Die lange Zeit

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Michael Guttenbrunner: Die lange Zeit

Guttenbrunner-Die lange Zeit

WARNUNG

Arachne hatte gewagt
durch des Webstuhls schlagendes Fadenwerk
mit Pallas Athene zu ringen.
Sie wurde verflucht, Spinne zu sein.
Dies warne den schaffenden Künstler:
Menschheit sich zu bewahren
begrenze er seine Kunst.
Sich selbst übertreffen
wäre sündliche Hoffahrt.
Gottverhaßt
zieht sie Entmenschung nach sich.

 

 

 

Silberne Monde

Der Gegenstand sei für das Gedicht da und nicht das Gedicht für den Gegenstand, sagte T.S. Eliot. In Michael Guttenbrunners neuen Gedichten machen die Gegenstände sich stark und breit. Findet man bei dem Kärntner Außenseiter auch nicht das sanfte Melos, die dunkle Rhythmik, den weichen Wahnsinn Trakls, so ist er doch offensichtlich ein Nachfahr, besser, ein Wahlverwandter. Auch Rilke begegnet man gelegentlich; allerdings fehlt Guttenbrunner jedes lyrische Raffinement, und vielleicht war die Wahl seiner poetischen Paten geheim, geheim für ihn selber, vielleicht wußte er nicht, was es mit solchen Wendungen auf sich hat:

Im entlaubten Park
gehn flüsternde Schritte,
und in der Kerkerzelle,
gestreckt auf ein hartes Brett,
spielt der Gefangene
mit den Sternen des Himmels

… nach einer Insel, fern im Meer des Wahnsinns.

Dabei sind die Themen überwiegend einfach und werden einfach dargeboten. Bäuerliches Österreich, archaischer Balkan, arkadisches Griechenland, lästige neue Welt, und er, Guttenbrunner, darin – unruhig, unzugehörig, schweifend, doch noch in der erzwungenen Fremde, als Soldat im Krieg, Gelegenheiten zu Gedichten ausmachend. Im Krieg, da sieht er die Leiber „gerötet von Blut“, sie bergen sich „im Abgrund der sterbenden Erde“, die Leichen sind wiederum „blutig“, und die Straßen sind „Straßen unendlicher Qualen“ auf denen der einzelne „eingezwängt in den Soldatenrock“ das Jenseits betritt. Nun, mögen das Floskeln sein, mit deren Hilfe ein lyrisch Gestimmter arglos auch in einer solchen Welt zurechtkommt; wenn er aber angesichts des „Leichenfeldes“ zu artikulieren vermag: „Keines Sterblichen Wimper erträgt / solch würgendes Grauen“ dann bleibt nur die Annahme, daß er so etwas nie gesehen oder doch nie wahrgenommen hat. Mag er mit dem Leib dabeigewesen sein, mit den Sinnen nicht. Seine Wahrnehmungen sperrte jener Mechanismus, der dem Soldaten das Aushalten ermöglicht und den kein Dichter besitzt.
„Keines Sterblichen Wimper“ – was wollte er nur assoziiert wissen, als er das über sich brachte? Griechisches? Hölderlin? „Drum trinket, Augen…“? Muß man hinzufügen, daß diese Wimper nicht nur nicht „solch würgendes Grauen“, sondern überhaupt kein „würgendes Grauen“ ertragen kann?
Das Zitat ist bezeichnend. Guttenbrunner hantiert mit lyrischem Material, wenn er auch nicht kompiliert. Es kommt ihm anscheinend vor seinen Gegenständen in den Sinn und gerinnt ihm halt so zu Vers. Er arbeitet nicht freischaffend vor dem Erlebnis, der Erfahrung, der Emotion aus der Sprache, sondern er gewinnt Erlebnisse, Erfahrungen, Emotionen erst im Medium der Literatur. Allerdings gelingt ihm auch nicht, was da zusammenkommt, seiner Einbildungskraft vorzustellen. Wie sonst bringt er solche Sachen zuwege:

eingebogen wie der Ungeborene
in der Scholle des Mutterschoßes

(Alter Mythos, ja; aber woher das Ambiente nehmen, in dem er stimmt?)

Dein Leben ist mit allen Züchtigungen
auf breiter Front in einem Knaul gerollt

Schade, vieles ist so tüchtig gemeint, so freundlich gefühlt, so ernstlich gewollt – was hilft’s? Unbehagen etwa an der Welt, am politischen Spiel, in der Kultur bewirkt noch kein Gedicht:

Nun ist die Welt geteilt.
Zur Wiedervereinigung
fehlt nur der Führer.
Im Osten Notzucht,
im Westen Prostitution.
Und nichts gilt,
was sich nicht prostituiert.
Und neue Gefahr
blickt medusenhäuptig
aus Ost und West.

Von dieser Art ließe sich vieles zitieren, und man fragt sich, weshalb es in Verse abgeteilt ist.
Dagegen kommen die wenigen Stücke nicht auf, in denen Gegenstand und Gedicht sich immerhin auf der Basis der Gleichberechtigung verbinden und Reminiszenzen der Kärntner Kindheit die literarischen Reminiszenzen verdrängen. Sie können nicht wettmachen: die „flutenschwangeren Wolken“, das „… und wieder sinkt des Silbers flüssige Säule“, den „silbernen Mond“, machen sich unsterblich…

Rino Sanders, Die Zeit, 22.4.1966

 

Vinzenz Jobst: Guttenbrunner Rebellion und Poesie (Auszug S. 67–120)

 

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Richard Wall: Michael Guttenbrunner Autodidakt und Außenseiter
Wiener Zeitung, 8.9.2019

Barbara Michl-Karácsonyi: Michael Guttenbrunner zum 100. Geburtstag
Dichter & Dichtung, Nr. 3, 2019

Fakten und Vermutungen zum Autor + ÖMKLG

 

Laudatio von Ilse Storfer-Schmidt zur Gedenksteinenthüllung von Michael Guttenbrunner am 15.8.2019.

 

Gedenksteinenthüllung für Michael Guttenbrunner am Dichterweg Zammelsberg am 15.8.2019.

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