Michael Lentz: Zu Helga M. Novaks Gedicht „der Pilzfreund“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Helga M. Novaks Gedicht „der Pilzfreund“ aus Helga M. Novak: solange noch Liebesbriefe eintreffen. –

 

 

 

 

HELGA M. NOVAK

der Pilzfreund

wie Morgenröte flach über die Sandwege schlendert
und die Ränder vergoldet
wie der Specht in die Borke haut
wie der Pilzfreund von der vereinbarten Route abweicht
sich in der Schonung verbirgt und nichts verlautet
wie der Pilzfreund im Heidekraut wühlt
wie der kühle Morgen sich in den heißen Mittag verwandelt
wie der Pilzfreund auf der Suche nach Birken in den Sumpf gerät
wie da keine Rotkappen stehn sondern schwarzes Wasser
unter toten Wurzeln Blasen schlägt
wie der Pilzfreund mit dem Stocke Fliegenpilze kappt
wie es schwelt
wie der Flächenbrand sich ertränkt in den Wiesen
wie der Nebel steigt und unterm Himmel hängt
wie der Pilzfreund das gelbe Gras niedertritt
wie er um die Sandkuhle schlurft
wie er zwischen Kiefern und Buchen die Kurve nimmt
wie der Regen von vorgestern aus seinen Schuhen
rinnt und die Spuren verdunkelt
wie die Mittagssonne mir heimleuchtet und der Pilzfreund
durch den Ginster hampelt und ein Lied anstimmt
wie in den Nadelbetten am Rande der Schonung
die Maronen funkeln und der Pilzfreund
mit dem Messerchen nach fetten Butterpilzen schnappt
wie der Pilzfreund das versengte Gras niedertritt
wie jeden Birkenstamm ein Trampelpfad umringt
wie die Hexenringe um die Erlen tanzen in Zweierreihen

 

Natürliche Seelen-Landschaft

Ein ganz auf Wahrnehmung abgestelltes und ganz aus ihr hervorgegangenes Gedicht. Ein suggestives Wörtchen hat hier ganz schön viel mitzureden. Seine zwanzigmalige Wiederholung macht es zur anrufenden Beschwörungsformel und den „Pilzfreund“ zu einer anschaulichen Litanei. Die Instanz der Beobachtungen selbst, ein „ich (sehe, wie…)“ oder ein präludierendes „es (ist schön, wie…)“, bleibt ausgespart. Erst in der zwanzigsten Zeile gibt sich der implizite Beobachter grammatisch zu erkennen:

wie die Mittagssonne mir heimleuchtet.

Auf welche Weise hier etwas geschieht, ist ganz der Einbildungskraft des Lesers überlassen. Die solchermaßen autonome Setzung der Konjunktion „wie“ am Zeilenanfang macht das Gedicht reizvoll unvollständig, verleiht ihm aber überhaupt erst seinen kontemplativen Zauber. Sie bewirkt den Leseeindruck, dass dieses Stationengedicht in einer Art absolutem Präsens erzählt wird und den Beobachtungen eine eindringliche Präsenz zukommt.
Konzentriert sich die Wahrnehmung zunächst auf die Naturbetrachtung, lässt sein Abweichen von der „vereinbarten Route“ den Pilzfreund in den Fokus des Bilderreigens geraten. Das Gedicht folgt fortan seinem eigenmächtigen Agieren und wird zu einem Spuren lesenden Liebesgedicht. Gerade das Verbotene, das sprichwörtlich Verwegene macht ihn so attraktiv, dass überallhin, auch in Gefahrenzonen, seine Fährte aufgenommen und sein differenzierter Umgang mit den verschiedenen Pilzen präzise benannt wird. Und so provozieren die nüchternen Schilderungen der Naturvorgänge und des Pilzesammelns zwei Lesarten, eine realistische und eine symbolische. Im Unterschied zur Realität gewährt das wie eine Mitschrift wirkende Gedicht einen Überblick und kann wiederholt gelesen werden. Die wichtigste Differenz aber ist, dass „der Pilzfreund“ die Vorgänge in ihrer Gesamtheit auch als symbolische im Sinne eines Minnedienstes erfahrbar macht, einer den Weg bereitenden Liebesbezeigung, die zu Lied und Tanz führt, immer aber auch die Nähe von Eros und Tod erkennen lässt: Im Sumpf mit seinem schwarzen Wasser und seinen toten Wurzeln kann man versinken, Pilze können vergiften, der Volksmund glaubt, dass, wenn der „Hexenring“ sich schließt, der Eigentümer des Waldes, der Wiese oder Weide stirbt.
Der Pilzwissenschaftler (Mykologe) weiß natürlich, worum es sich bei einem „Hexenring“ handelt und was die Rotkappe von einem Fliegenpilz unterscheidet, der im Volksglauben als dämonisierte Hexenpflanze gilt, oder welchen kulinarischen Genuss ein „Butterpilz“ zu bieten hat. Das Gedicht setzt dieses Wissen nur bedingt voraus. Der Kontext, in dem diese Pilze poetisch wachsen, lässt die Namen ganz wörtlich nehmen, und das setzt ihren mythischen Gehalt frei.
Mit dem Aufrufen des „Hexenrings“ münden die Akte der Zerstörung (abschneiden, kappen, niedertreten, trampeln) sinnbildlich in eine befriedende ästhetische Formation, den Tanz. Der Tanz der Hexenringe schließt zum einen den Kreis zur Eingangszeile, die ebenfalls Naturphänomene personifiziert, zum anderen werden in ihm Naturbild und Liebesgedicht zusammengeführt: Beobachter und Beobachteter finden zueinander und bilden einen geschlossenen Kreis.
Das Gedicht ist von einem eigenen Myzel durchzogen, einem feinen Geflecht korrespondierender Lautstrukturen. Assonanzen und Endreime motivieren Auswahl und Anordnung der Worte und halten durch die sich wiederholenden grammatischen Strukturen das Textgewebe zusammen: „haut“ korrespondiert hier lautlich und inhaltlich mit „verlautet“, „wühlt“ mit „kühl“, „hampelt“ mit „Trampelpfad“: Der „Flächenbrand“ „ertränkt“ sich paradoxerweise. Der Sprachrhythmik kommt eine besondere gestische Bedeutung zu: „wie jeden Birkenstamm ein Trampelpfad umringt“ zeichnet den Trampelpfad bzw. das Trampeln rhythmisch geradezu vor.
„Der Pilzfreund“ ist zuerst erschienen im Band Silvatica, der Gedichte von 1990 bis 1996 versammelt. Helga M. Novak lebte zu dieser Zeit im polnischen Dorf Legbad. In ihrem Porträtfilm Arg zersplittert sind meine Schalen. Die Schriftstellerin Helga M. Novak hat Doris Netenjakob das Leben der 1935 in Berlin-Köpenick geborenen Dichterin zwischen permanentem Aufbruch und permanenter Rückkehr eindringlich dokumentiert. Der Wald war und ist ihr ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Refugium – und permanenter Fluchtpunkt. Ob sie auf Island, wo sie ebenfalls lange lebte, oder in Polen entstanden sind, ein imaginiertes Sibirien heraufbeschwören oder Utopia, oder ob sie das Heimatgehege Köpenick mitsamt brandenburgischen Seen und Wäldern besingen – die Seelen-Landschaften einfassenden Gedichte von Helga M. Novak erschließen sich bei jeder Lektüre neu.

Michael Lentzaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Vierunddreißigster Band, Insel Verlag, 2011

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