Paulus Böhmer: Palais d’Amorph

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Paulus Böhmer: Palais d’Amorph

Böhmer-Palais d’Amorph

ONLY ROCK ‘N’ ROLL
(für Werner Söllner)

In der Hand hielt ich drei
Policen. Ich sah
im Ausguß ein paar
Haare ganz nah.

Ganz nah ein Kamm,
ein Tuch, ein Schwamm.
Im Eisschrank Lamm
von Tengelmann.

Auf dem Tisch die Post
mit dem Wiedehopf.
Daneben fünf Mark.
Ein Manschettenknopf.

In the days before rock ’n’ roll, im Meer:
Aus der Zeitachse fällt alles Fleisch, verquer,
fällt vorwärts, vorbei an der Achse, fällt
rückwärts ins Broca, Wasser enthält
keine Zeit. Wasser
klebt in Hose, im Rock,
am Eingang der Scheide, im Darm, im Dock
der Organe, in Telegrammen, im Geld,
in Kilometern von Roggenfeld.
Planeten stürzen, von Gas und Staub
gebremst, ins Zentrum, von den Bäumen das Laub
wird zu Fallaub, das Knochengestell
wird zu Schiefer & Öl,
wird dunkel, wird hell,
wächst zu Nugen und Fängen,
zum Highnoon des Sekrets,
in den Farben von Sandstein, Himbeere, Aids.
Wellen, anlaufend, ablaufend,
laut, werden zu Fleisch, unter der Haut
wachsen Pflanzen, Bakterien, Säuren, Sand, Werk=
stätten wuchern im brachen Land, Epi=
phanien, gesäumt am Rand
von Kränen, Containern, Niemandsland,
fallen lautlos vom Himmel, schwarz
steht der Wald, schwarz
ist die Pampe am Wolgastrand.
Schwarz ist die Scheiße, der Sklavenreflex,
schwarz dein Gewächs, schwarz die Farbe des Specks.
An der Zeitachse rutschen
die Furien herab, lutschen
und lecken die Nässe im Grab.
Profanes Fleisch verrottet noch
in Senken, Tränken, in Löchern, im Loch
der Mutter, im Ziel
der Kloaken: im Moloch.

In der Hand hielt ich drei
Policen. Ich sah
im Ausguß ein paar
Haare ganz nah.

Liebe hockt
in den Erddeponien der Dealer.
Liebe lockt
in Knackärschen, unbehaarten, behaarten, glitzert
in Bierschaum. Speichel, in Wind, Hitze, Steilheit,
in Gangsterhöhlen, in Autoscheiben,
die der Fahrer herunterläßt.
Im Stehen ißt ein Kind sein Eis,
blickt starr vor sich her, über die Wangen
laufen ihm Tränen, eine Frau
bockt ihre Hüften.
Die Erde schlingert leicht auf Bahnen, die sich
nach tausend Jahren wiederholen, leicht
schlingert ein Hund, als habe er sich
von seinem Körper entfernt, seinen Körper
schon vor dem Tod abgeworfen wie eine Haut.
An der Ecke werden
Schwarzfahrer exekutiert.

Ganz nah ein Kamm,
ein Tuch, ein Schwamm.
Im Eisschrank Lamm
von Tengelmann.

Nachts leuchten
die Augen der Kaimane
auf im Glück.
Mechanisch wie ein Paarungsakt
bewegen sich die Kiefer.
Die Erde schnurrt zusammen
wie ein Ballon. Die Callas
verlor Onassis an Jackie, Jackie verlor
Onassis an den Tod.
Die Erde schnurrt.
Die Augen der Kaimane leuchten.

Schwer hängt der Himmel überm Bruch.
Bussarde. Gelber Raps.
Erstarrt steht Nyssia, Gyges kniet
neben ihr. Die Wiesen summen.
Sterbende liegen
mit flatterndem Mund
im Bett. Sie wollen ins Meer, un-
sterbliche Molekulargedichte. Eis.
Kälte. Kälte. Eis.
Molekular-
gedichte.

Auf dem Tisch die Post
mit dem Wiedehopf.
Daneben fünf Mark.
Ein Manschettenknopf.

Die Person, die kommt, ist immer
der Tod. Befleckt
ist der Slip, verdreckt der Zeh.
Wenn du kommst, dann komm,
wenn du gehst, dann geh.
Die Zunge ist dick wie der Arm einer Frau,
die du nicht liebst, eine arme Sau
stirbt im Hof, schließ die Augen
vor ihrem Manschettenknopf.
Schließ die Augen, Liebe, glaub mir nicht,
wenn ich sag, ein Molekulargedicht
bist du, ein Tröpfchen im Meer.
Das Meer wird nicht leer.
Geh nicht, komm her.

In der Hand hielt ich drei
Policen. Ich sah
im Ausguß ein paar
Haare ganz nah.

Ganz nah ein Kamm,
ein Tuch, ein Schwamm.
Im Eisschrank Lamm
von Tengelmann.

 

 

 

So liegt die Zahl der Zellen des menschlichen Gehirns

in derselben Größenordnung wie die der Milchstraßensysteme des Universums: rund 1 Billion. Allein hundert Milliarden davon sind Nervenzellen – jede von ihnen kann mehrere tausend Verbindungen zu anderen Neuronen knüpfen. In einem einzigen Gehirn sind somit mehr Kreuz- und Querverbindungen möglich, als es Atome im Universum gibt…

… reiht man die im Gehirn eines Menschen enthaltenen Verbindungen aneinander, ergäbe das dreimal die Entfernung von der Erde bis zum Mond: 1 155 00 km. Ein paar Meter davon haben Sie, für eine kurze Zeit, auch diesem Buch offen gehalten.

Paulus Böhmer, Nachwort, 1999

Während Paulus Böhmer an der Fortsetzung seines großen work in progress arbeitet, den nächsten Lang-Gedichten seiner Kaddish-Folge (Teil I bis IV sind 1996 in dem Band „Säugerleid / Kaddish & andere Gedichte“ erschienen), präsentiert er in diesem Buch neue Gedichte aus den beiden letzten Jahren:

Hier ist ein sanftes Ungeheuer von ungeheuerem Kunstsinn. Süddeutsche Zeitung

… hinwegrollend über die – immer nur nach Lyrik klingende – Lyrik all jener Lyrikerinnen, Sonettisten, lyrischen Landesmeister und Büchnerpreisträger, die neben solchem Koloss sofort schmalbrüstig werden, wortarm, hausfrauenlyrisch. Basler Zeitung

Böhmer ist wie Godard ein originärer Solitär, dessen Texte sich im Zustand und unter Einfluß polymorpher Assoziationen befinden. Die Gedichte von Böhmer haben keine erzählerische Zentralperspektive, keine anthropozentrische Hierarchie, kein Zeitkontinuum. Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Axel Dielmann – Verlag, Klappentext, 1999

 

Beitrag zu diesem Buch:

Alban Nikolai Herbst: Das Ungeheuer Zartgeist
die-dschungel.de

 

DAS EINFACHSTE: SIE MEIDEN DIE VERGLEICHE
Und jubeln über größte Poesie.
Sie loben, preisen, und sie feiern die,
Die sich im Hauptfeld wähnen, selten bleiche

Und blutleere Gedichtattrappen, starre
Gebilde ohne Trotz und Sprachverlangen.
Im Blick: Die Ausreißer nie einzufangen.
Verfolge das schon mehr als zwanzig Jahre.

Warum gelangt mit den Gedichten niemand
In meine Top Einhundertfünfunddreißig.
Ich hätte jetzt so gerne Gernhardt hier,

Auch Heine, Hacks und deren Sachverstand.
Auf Netzwerke und auf das Hauptfeld scheiß ich
Und lebe wohl: Am Meer. An Land. Bei mir.

(für Paulus Böhmer)

Thomas Kunst

 

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Steffen Popp: Ein Werk wie ein Wal
Welt, 20.9.2016

Paulus Böhmer mit Monika Rinck und Orsolya Kalász
haus-fuer-poesie.org, 12.10.2016

Fakten und Vermutungen zum Autor + ÖM + KLG +
Peter-Huchel-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer + Galerie Foto Gezett +
Brigitte Friedrich Autorenfotos + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口

Nachrufe auf Paulus Böhmer:

Hessisches Literaturforum im Mousonturm
facebook.com, 7.12.2018

Christoph Schröder: Radikal ausufernd
Journal Frankfurt, 7.12.2018

Beate Tröger: Das Universum in uns
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.12.2018

Michael Braun: Ein Rhapsode der Schöpfung
Badische Zeitung, 10.12.2018

Harry Oberländer: No home
faustkultur.de, 10.12.2018

In Erinnerung an Paulus Böhmer: Gespräch des Monats Mai 2019 im Haus für Poesie

 

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