Paulus Böhmer: Zum Wasser will alles Wasser will weg

Böhmer-Zum Wasser will alles Wasser will weg

Langsam bildet sich, denn es will Abend werden,
auf Handrücken, auf Fußböden eine Bewegung aus, wie ich sie kenne
von den uralten Nabokovstellen Deines Unterleibs.
Ein Schleusenwärter hob die Hand zum Hitlergruß.
Schwesterchen verschwand im Haus der Gewichte.
(Später wird hier die Draier-Bande
einen Teil ihrer Waffen vergraben.)
Mit der Abgebrühtheit des weit, weit Älteren
zitiert Schilf aus den Aufzeichnungen des Pearlweather Hacker:
Ein wenig Deko-Cross, ein wenig Lauren-Flaglanti,
Kratzer, anfangs nur mitteltief.
Mag sein, daß Alexander Trocchi genau das meint,
wenn er bemerkt, daß Literatur nur dann Literatur sei,
wenn sie keine Literatur mehr sei, sondern reine Bewegung
aus schlechtem Atem, aus flachem Puls, aus Sehnsucht
und Fäulnis und funkelndem Moos.
Aus all dem, was man aufnimmt, aufgibt, weggibt, vergibt, ohne zu zögern,
ohne überhaupt nachzudenken: wem oder warum,
eine Bewegung ohne Zeit, ohne Zeitpfahl, Zeitpfeil, ohne
Raum und Verortung, fernab aller Akten und Akte,
aller Kinderkrippen, Gespinste, aller – ob konvex, ob konkav –
aller Arschfaxen, allem parzivaleskem Erschauern…
… als ginge sie das magere Glück der Sterblichkeit
schon lange nichts mehr an.

Die Einmaligkeit eines Sandkorns, das neurotische Gebell
eines Ramses, der psychotische Bass Cicerones, das hysterische,
sich selbst dekonstruierende Schlagzeug Dave Höllenbeins,
das polymorph-perverse Doom-Crooning Timo Konietzkas,
die ganz einmalige, ganz vieltausendfältige, sich in jeder Pussy
aufblähende, gleich wieder schmelzende Schneeflocke a la James Joyce,
als noch jeder so war, wie er gemeint war:
ein Weltwunder, eine Verlassenheit, die alles hinter sich ließ,
ein Herzgriff, ein Ergriffensein, eine Fülle,
die keinen Umweg mehr nahm,
ein Nichts, das ganz Fülle war.
An diesem Tag kam die Maus, fast unbemerkt,
aus ihrem Loch. Ahnungslos, angstlos, unwiderstehlich.
Bis sie mich sah.
Daß ich sie nicht erschlug.

 

 

 

Am Anfang war das Wasser

– Paulus Böhmers Langgedicht. –

Dieses Gedichtbuch hat die Wucht der biblischen Schöpfungsgeschichte. Nur ist es kein allmächtiger Gott, der hier den Geist über dem Wasser schweben lässt, sondern der Dichter Paulus Böhmer, der einen ungeheuer bilder- und wortreichen Hymnus auf die Welt anstimmt, in einem epischen Gedicht, das alle Grenzen und Gattungskonventionen sprengt. Zum Wasser will alles Wasser will weg ist ein Buch des Lebens, das tief in die Zeitgeschichte, die Naturgeschichte und die religiösen Mythen hinabsteigt, um aus dem Wirbel der inneren Bilder, Phantasmagorien und Assoziationen eine neue Vision unseres Daseins zu gebären. Seit bald dreissig Jahren ist der 1936 in Berlin geborene Paulus Böhmer als Apostel des langen Gedichts durch die Lande gezogen, aber erst jetzt, mit seinem visionären Wasser-Poem, hat er mit dem Peter-Huchel-Preis die Anerkennung erhalten, die er seit langem verdient.
Auf seinem Weg hat ihn stets der kleine Peter-Engstler-Verlag begleitet, der in Ostheim in der hessischen Provinz einen Stützpunkt für deutsche Adepten der Beat-Generation und andere eigensinnige Poeten errichtet hat. Böhmers im besten Sinne ausschweifende Gedichte, die er seit 1987 veröffentlicht, entfalten einen Furor des Diversen. Eine unglaubliche Vokabel-Vielfalt aus unterschiedlichsten Wissensgebieten wird mit Erinnerungsbildern und poetischen Zitatbrocken den Gedichten einverleibt, bis jener poetische Maelstrom in Gang kommt, den der Dichter in seinem Wasser-Poem so aufruft:

bin ein Wasserkopf,
der kaut und kaut, der kaut und kaut, nichts wiederholt, nichts schluckt,
nichts sich einverleibt, sondern kaut, bis jeglicher Sinn
sich zersetzt hat…

Böhmer straft die missmutigen Kritiker, die ihm gerne eine „Ästhetik der Willkür“ bescheinigen, Lügen. In seinem Poem zieht er alle Register traditioneller lyrischer Techniken. Sein Gedicht kommt als grosse Litanei daher, gleich einem Gebet, das seine Beschwörungsformeln beständig wiederholt. Er arbeitet ganz kalkuliert mit den Verfahren der Reihung sinnlicher, in der Lautgestalt und Morphologie oft bizarrer Wörter. Und er zelebriert die poetische Metamorphose seiner Hauptfigur.
Denn der Protagonist dieses grossen autobiografischen Lebensgedichts trägt unterschiedliche Masken, die alle als poetische Doubles des Dichters entziffert werden können: „Wasserkopf“, „Schöps“ und „Saul“. In drei grossen Kapiteln durchlaufen diese Gestalten die Stationen einer Lebensgeschichte: Kindheit, Erwachsenenleben, Alter und Tod. In alle drei Kapitel hat Böhmer die Stationen seiner bizarren Biografie eingeschleust. Aufgewachsen in Nieder-Ofleiden in der mittelhessischen Provinz, hat Böhmer Architektur studiert und sich in diversen Jobs versucht, so zum Beispiel als Industriekaufmann, Werbetexter, als freier Maler oder als Zierstrauchgärtner. In Berlin traf er in den sechziger Jahren auf Walter Höllerer, der damals das Literarische Colloquium zum Drehpunkt des literarischen Lebens machte. Später war er Leiter des hessischen Literaturbüros im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm.
Die Schöpfungsquelle seines grossen Gedichts ist ein kleiner mittelhessischer Fluss, die Ohm, die gleichsam die fliessende Bewegung der Verse animiert und alle Landschaften und Personen, die in diesem Gedicht auftreten, in die Strömung hineinzieht. „Die Ohm“, heisst es an einer Stelle, „stürzt weiter, dreht sich, bereits weit weg, noch / einmal um, hebt, in einer Ohmkino-Geste, die beinah alles enthält, / die Hand, legt sie auf dein Gesicht, die Ohm, / perlblitzend, schäumend, jetzt schon unter der Brücke, / im Kleid von Sehnsucht, im Kleid von Entkommen, Ankommen / im Delir, in Flappen aus Brühe und Blut.“ Und in der Fliessbewegung der Ohm treiben auch die Schrecken der Kriegszeit nach oben, die Böhmer als Kind in seiner Dorfkindheit miterlebt hat.
Neben den Greueln des Krieges sind auch archetypische Bilder von Schrecken und Schmerz, von körperlicher Auflösung oder auch sexueller Entgrenzung dem Gedicht eingeschrieben. Die Kapitelüberschriften liefern dabei die Grundrisse des Bauplans für das Wasser-Poem. So trägt das grosse Kindheits-Kapitel den Titel: „Wasserkopf oder: Rachitis, Rommel, Rizinus“. Hier manifestiert sich nicht nur Böhmers Lust an Alliterationen, sondern die direkte assoziative Verknüpfung von Lebensgeschichte, Zeitgeschichte und Naturgeschichte. Rachitis ist eine Knochenerkrankung, die dem Protagonisten „Wasserkopf“ zugeschrieben wird; Rommel, der Feldherr des sogenannten Afrika-Korps, ist Sigle für die Kriegsgeschichte; und Rizinus, das Wolfsmilchgewächs, repräsentiert die Passion des Dichters für die Natur. Einen „Homer der Datenströme“ (Jan Volker Röhnert) hat man Böhmer einmal genannt. Wer sein epochales Langgedicht Zum Wasser will alles Wasser will weg durchquert, wird mit einem enzyklopädischen Sprachreichtum beschenkt, der einzigartig ist in der Landschaft der Gegenwartsdichtung.

Michael Braun, Neue Zürcher Zeitung, 30.1.2015
Michael Braun, Badische Zeitung, 1.4.2015

Wasser will alles Wasser

– Gedanken zu Paulus Böhmer. –

Bei voller Unregierbarkeit in einen Fluss, in einen Motor greifen. Aber wie soll und kann man sich den poetischen Lavaströmen der Langgedichte von Paulus Böhmer denn überhaupt nähern. Wie ein Schaum höherer Ordnung entfirnen sich die Möbel aus den Zimmern.
Seit über fünfzig Jahren stellt uns nun Paulus Böhmer schon seine hymnisch-monolithischen Großpoeme in den Weg, ja, in den Weg, krachend, zerschmetternd, sinnlich, rauschhaft betörend wie es sonst nur Musik kann, in der Angemessenheit einer triftigen Universalsprache. Nachdem Böhmer über viele, viele Jahre vom deutschen Literaturbetrieb sträflichst ignoriert wurde, werden ihm jetzt endlich all die Ehrungen zuteil, die schon wesentlich früher auf ihn hätten zutreffen müssen. Für sein letztes Buch Zum Wasser will alles Wasser will weg im Peter Engstler Verlag bekam er nun endlich den diesjährigen Peter-Huchel-Preis. Um Mitternacht nahm ganz Asien das Aussehen einer verreckten Zecke an.
Viel zu oft wird in Deutschland von Einzigartigkeit oder Ausnahmedichter gesprochen. Im Falle Böhmers finden diese beiden Begriffe eine logische Entsprechung. Viel zu selten finden wir in unserer heutigen Literatur solch eine konzertante Rauschhaftigeit, solche geschichtsüberbordende, rockmusikalische Riffheftigkeit und sinfonische Vulkanisierung des täglichen Zugrundegehens wie in den Gedichten von Paulus Böhmer. Wir lesen und saufen und lesen und verehren die ewige Wiederkehr eines durch jeden historischen Umzug gegangenen Wassers. Ich wollte immer nur eine Zementfabrik oder ein Stahlwerk sein.
Seine Bücher sind für mich kleine Heiligtümer. Sie gehören für mich zu den wenigen, die ich mit nach draußen, an die Luft nehme. Sie hätten die ungeheuerlichen Jahreshauptversammlungen unserer Pfingstrosen sehen sollen.
Diese Texte benötigten noch nie eine seitlich vom Literaturmarkt oder vom herrschenden Hochfeuilleton eingeflößte Vitalisierungsarznei. Seine kraterhaften, ablebeprallen Infusionen bestimmte Böhmer von je her selbst. Noch schießen die Wasser bergaufwärts, ein Stein, ein Blatt, eine nicht gefundene Tür. Die Lächerlichkeit einer gesellschaftsfreundlichen Volumentherapie. Die Aufrechterhaltung wachblöder Nüchternphasen. Dunkelheit der Diskurse vor dem Milcheinschuß. Geringe Wissenschaftsoberfläche. Keine Restverdaulichkeit. Und ich hörte die Stimme der Frau, die sich über den Sterbenden beugte, mit allen Kollateralschäden des Nichtbegreifens, mit Vogelstimmen, röcheln und racheln, klirren und kratzen und schaben und Resten von Maulbrütersaft und Resten von Sumatra. Es gibt nicht die geringste Leseanleitung für solche Gedichte. Resignation der Flußflöße. Olympische Einlaufordnung. Die Weiterleitung des Sammelns unter keiner Zielfahne. Ich wollte nie ein Stahlwerk, nie eine Zementfabrik sein. Die besessene und auslöschende Genauigkeit von Amokläufen. Eidechsen stehen herum auf erstarrten Beinchen und lecken Aschereste. Wie sollen wir uns, wir können wir uns denn überhaupt zurechtfinden in Böhmers Kosmos, wie? Aus Innenohren treten bläschenartige Ausstülpungen hervor, mit Muster, Vertiefungen, Poren, Kanülen, die sich zu Höhenlinien einer Wanderkarte verwandeln. Wir verlassen in regelmäßigen Abständen beim Sprechen, Lesen, Saufen, Schreiben, Musikhören und Ficken die Erde, kümmern uns um unsere biographischen Schulhofpausen und Ein leuchtend-orangeroter Geweihschwamm setzt zur Landung an, weich. Bin da. Mögen wir also alle noch einen Raubanteil unserer Zeit mit diesen überragenden Gedichten verbringen und uns daran erfreuen, daß wir gegen sie und mit ihnen zu kämpfen haben, da wir ohne die geringste Anstrengung leichter zu beeinflussen wären und uns wie Wasser verhalten würden. Allen Bakterien in mir ist das Verlangen nach Sanftmut und Wasser, nach Wurmnähe und Pasta nah.
Danke Paulus, daß ich deine großen, störrischen Gesänge schon so lange Zeit begleiten durfte.
Wasser bedarf keiner Achtungserfolge. Ist immer da.

(Der Mensch sei schuld, höre ich. Das ist,
als halte man den Höhlenbären für schuld daran,
daß es Höhlen gibt
.)

Thomas Kunst, Ostragehege, Heft 75, 2015

Die Poesie der inneren Säfte

– Noch einmal Avantgarde: Paulus Böhmers Zum Wasser will alles Wasser will weg. –

Die Gedichte Paulus Böhmers sprengen jeden Begriff: flussartige Gebilde in einem Umfang, der sonst ganzen Bänden vorbehalten ist; das aktuelle Langgedicht umfasst 236 Seiten im A4-Format. Man muss weit zurückgehen, um auf Vergleichbares zu stoßen, vielleicht bei den Visionen des Propheten Jesaja, den Prophezeiungen Nostradamus’, den Psalmen Walt Whitmans. Vielleicht sollte man auch Hieronymus Bosch, den Apokalyptiker, Dalí, den großen Masturbator, die Orgelkaskaden Bachs, die Riffs von Hendrix erwähnen, um Böhmer begreifbar zu machen.
Neben dem Schreiben hat Paulus Böhmer, Jahrgang 1936, stets gemalt, aber mehr als das: Er war Stauden- und Ziergraszüchter, Werbetexter, Bohemien im Umkreis von Walter Höllerer, Johannes Bobrowski, Uwe Johnson, Günter Bruno Fuchs. Seit 1973 lebt der Sohn einer oberhessischen Prinzessin und eines in Russland gefallenen Architekten, der das Posener Schloss zur „Führerresidenz“ umgestalten sollte, in Frankfurt am Main; von 1983 bis 2003 leitete er das Literaturbüro im Mousonturm. Es überrascht, dass Böhmer mit seinen monolithisch in der Literaturlandschaft stehenden Langgedichten ein Geheimtipp geblieben ist. Kürzlich wurden ihm zwei Goethe-Medaillen, der Hölty-Preis und der Gernhardt-Preis verliehen. Sein Hauptwerk Kaddish, ein 600-seitiges Memorial, ist bei Schöffling vergriffen. 2011 ging Böhmer mit Am Meer. An Land. Bei mir zum Verlag Peter Engstler in der Rhön, wo inzwischen auch die ihn bewundernden Avantgardisten wie Monika Rinck und Ulf Stolterfoht veröffentlichen. Engstler ist die verlegerische Großtat anzurechnen – schließlich ist Böhmer ein Dichter, der noch einmal, nach Rimbaud, Lautréamont und Apollinaire, poetisches Neuland betritt: Böhmers Gedichte sind keine bequeme Lektüre, sondern eine körperliche Erfahrung, der man sich aussetzen muss.
Sosehr die Gedichte auf der einen Seite Zumutung an ästhetische Gewohnheiten sind – bei Böhmer paart sich Erhabenes mit Urkomischem, die Kindheitsfragen nach Gott, Welt und Universum sind konterkariert durch skurrile Sentenzen, absurde Vergleiche –, so sehr hat die Lektüre etwas Befreiendes: Da ist eine Form, die sich organisch mit dem Atem einstellt und alle gewohnten Formen als Verschleierung einer Wahrnehmung erscheinen lässt, die hier wieder zu sich selbst findet.
In drei Spielfiguren seiner selbst – „Wasserkopf“, „Schöps“ und „Saul“ – umkreist Böhmer das Ich. Man könnte es auch als mit rauschhaft entriegelten Sinnen geschriebene Autobiografie bezeichnen; Autobiografie eines Ich, das durch die Flüsse Nordhessens und die Säfte des Körpers gleitet, als flöge es nach Haus.

Sicher lassen sich die drei Partien des Langgedichts auf Kriegs- und Nachkriegskindheit, auf wilde 68er-Ära und Alterskontemplation über Frankfurter Hinterhöfe zurückführen. Das Besondere ist der Sog der Sprache: Der Lyriker ist erst bei sich, wenn er ganz in diesem Wasser fließt. Wenn Montaigne, der als Erster eine Sprache für die Peristaltik der inneren Organe und ihr Mitwirken am Ich gefunden hat, schreibt, dass wir alle nur „aus buntscheckigen Fetzen bestehen, die so locker und lose aneinanderhängen, dass jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will“, so führt eine direkte Linie zu Paulus Böhmers sich im eignen Zerfließen aus dem Wasser lesenden Ich:

Mein Balkan
war die Kupferfarbe der Jauche in den Ablaßbecken,
die Beeteinfassungen aus leeren Steinhägerflaschen,
die fernen Entzückungen der Tiere, ihr Erstaunen,
wenn sie nachts durch die Fenster auf die Schlafenden schauten,
war das Gewinsel der Gläubigen, das Gejohle der Heimkehrer,
das Absacken der Eismassen zwischen Ohmwiesen und Ukh,
das Ausbluten der Farben, der Schaum
in Mäulern, in Schnuten, in Pfützen,
waren die kristallinen Präterrita
zwischen den Beinen der Frauen, die haarigen Bussarde,
die Fleisch-Erde-Verwerfungen, die Mechanika der Glutäen,
waren Rübenmieten, Ohrenkratz, Zementgeruch, Bienen,
die vor aller Augen verreckten.

Erkenntnis vermag bei diesem Wort- und Bilderstrom nur noch im Zündfunken singulärer Momente aufzuschießen.

Jan Volker Röhnert, Die Zeit, 14.1.2015

Das Leben, die zerbrechlichste Sache der Welt

– Zu Paulus Böhmers Gedicht Zum Wasser will alles. Wasser will weg. –

In dem Grade in dem die Welt sich zählbar und messbar
zeigt – also zuverlässig-: erhält sie Würde bei uns.
Ehedem hatte die unberechenbare Welt Würde.

Friedrich Nietzsche

Doch was sind Blüten anderes / als der verstörende
Aufstand der Gegenwart gegen die Gegenwart?

Paulus Böhmer

Wer hat die Eins erfunden? Dann die Zwei? Dann die Drei?
Gehen die Zahlen auch nach dem Tod weiter?
Haben die Zahlen Nerven?
Dringen die Nervenenden der Zahlen
nach dem Tod in den Kern des Weltgeschehens ein?
Sind sie das Weltgeschehen?

„Wir erfanden die Zwei. Später die Drei. / Reine Notwehr“… Zahlensysteme, Maßeinheiten, einander hinterherhinkende Kulturtechniken: Woran könnte man sich halten, wenn alle Ordnungen, die an die Welt von außen herangetragen werden, bloß den Charakter von Notwehr-Reaktionen haben? Und wonach, andererseits, könnte man sich richten, wenn wir selbst nur Produkte von Ordnungen sind, die lange vor unserer Zeit beschlossen wurden?
Paulus Böhmers überbordende Langgedichte nehmen an einem solchen Nullpunkt des Zählens und Erzählens ihren Ausgang und werfen, gleichsam von dort aus, noch einmal die Frage nach dem roten Faden auf, nach dem Anfang des Knäuels, von dem her das „Ganze“ zu packen oder zu begreifen wäre. Für die Leserin freilich ist diese Suche nach dem roten Faden lediglich der Beginn einer noch viel größeren Verstrickung.

Bereits der vorangegangene Titel Am Meer. Am Land Bei mir, an den Zum Wasser will alles. Wasser will weg anschließt, hatte eine weg-weisende Trennung der Erde in drei große Kontinente vollzogen: Wasser, Land und Bewusstsein. Mit Zum Wasser will alles hat das inklusive, um nicht zu sagen ozeanische Bewusstsein bei Paulus Böhmer definitiv das Ruder übernommen. Nichts, was nicht in den reißenden, nie abreißenden Textstrom eingeschleust werden könnte: Zitate gehören dazu, behandelt wie halb vergessene, flüchtig hergewehte Sätze, wissenschaftliche Thesen, biographische oder autobiographische Splitter. Mit seinen Rezitativen und Refrains, volksliedhaften Evokationen und akustischen Rekonstruktionen, Herkunftssondierungen und Zukunftsvisionen, Bewegungen des Engführens oder Abschwellens, im Wechsel von Lauda und Schauder, Gesang und Geschrei, Gezeter und Gesumm hält dieses Gedicht einen immensen Klang- und Ereigniskörper bereit, der einerseits dokumentarischen Wert besitzt, andererseits förmlich angestimmt werden kann. Historische Begegnungen werden arrangiert, literarische Zufallsbekanntschaften geschickt eingefädelt und wieder gelöst. Woyzeck, Renoir und Kleist haben ihren Auftritt, „die No-Name-Käfer, die dem Mondlicht folgten“ oder „Mozart, das winzige Wolferl“. Und dazu, mittendrin, die Imago des Autor selbst: als „Wasserkopf“, der sich in „Schöps“ verwandelt, als Schöps, der als Saul wiederaufersteht. Das kann albern oder brachial sein, lausig oder gelallt („breggegegex koax koax“, „Rinimi manta jahala“); es kann in eine Reminiszenz aus Kindertagen münden („In Mutters Stübele / da heult ein Bübele“) oder durch einen Tabubruch erschaudern lassen:

Der Tod und der Jud
verstehen sich gut!

Wie schon die früheren Poeme des 1943 geborenen Dichters, von denen vor allem Kaddisch zu nennen wäre, speist sich auch Zum Wasser will alles. Wasser will weg bald aus der eigenen Erinnerung, bald aus den Verwerfungen der Geschichte, verweist auf biblische Episoden und anthropologische Prozesse, integriert die „polymorphen Pfade des Eros“ ebenso wie die Untiefen des kollektiven Gedächtnisses, die Verheerungen der Kriege ebenso wie persönliche Idiosynkrasien. Geschichte denkt Paulus Böhmer anhand von Mikrogeschichten, die keinerlei Anstalten machen, sich zu einer Geschichte zu fügen. Das Exemplarische und Objektive ist Böhmers Sache nicht, lieber sucht er die Realität in ihren Spuren auf, denen er nicht traut. Wer nach mehr Konkretheit verlangt, bekommt mehr Sprache, und wer von einer selbstzweckartigen Sprachdynamik ausgeht, wird durch aufrüttelnde Zeugnisse tatsächlicher Verbrechen bald eines Besseren belehrt.
Weil das Alles, das zum Wasser will, auch das All ist, das mit dem Wasser verschmilzt, ist der Titel zugleich Prophezeiung und Drohung. Lässt sich Zum Wasser will alles zum einen als „Alles will Wasser werden“ übersetzen, also mit dem Kreislauf des Wassers erklären, so wird dem Wasser im zweiten Teil des Titels eine aktive Rolle zugesprochen und im selben Atemzug auch schon wieder aberkannt. Das Wasser, mit all seinen destruktiven und schöpferischen, zwangsläufigen und unbezähmbaren Eigenschaften, ist hier tatsächlich Motiv und Quelle in einem: Wasser, das Zug- und Sogkräften ausgesetzt ist. Wasser, das sich zu Strudeln formt, staut oder zusammenbraut. Wasser das verdunstet versickert getrunken wird. Wasser, das bis zum Halse steht. Wasser, dessen Natur so beweglich, und dennoch zu keiner Form zu bekehren ist:

Zusammen aber ist jedes einzelne Teilchen alles, ganz bei sich, springt ganze Berge & Bergketten hoch,
wenn es nur will.

Doch wie kann Wasser durchsichtig und amorph wie es ist, überhaupt „etwas“ wollen? Und wenn es wegwill, flieht es dann nicht vor allem vor sich selbst? Mit der Figur des ,,Wasserkopfs“ suggeriert Böhmer die Überlappung von Geist und Welt, Schöpfer und Geschaffenem, Denken und Text.
Als Walter Höllerer in den 60er Jahren das „subtile und triviale, literarische und alltägliche Ausdrücke“ verschmelzende Langgedicht der „Preziosität“, „Feiertäglichkeit“ und „Chinoiserie“ deutscher Versformen gegenüberstellte, konnte er die Neuinterpretation dieser Form durch Paulus Böhmer noch nicht berücksichtigt haben. Paulus Böhmers Poeme türmen etwas auf, sie tragen etwas zusammen, sie fordern durch Wiederholung oder Beschwörung etwas heraus. Und, nicht zu vergessen: Sie bauen aufeinander auf. Ihre Vorbilder sind akustisch und ihr Antrieb ist rhythmisch. Mit dieser Haltung, die sowohl konkret Zeugnis ablegt als auch historisches Wissen hinterfragt, setzt Böhmer sich dem Vergleich mit anderen literarischen Erinnerungsprojekten der zweiten Jahrhunderthälfte bewusst oder unbewusst aus. Walter Kempowskis Echolot oder Heimrad Bäckers Nachschrift etwa weisen durchaus Berührungspunkte zu Böhmers Gedicht-Chroniken auf, mit dem Unterschied freilich dass Böhmer die versprengten Spuren der Vergangenheit auch in phantastischen Begebenheiten aufsucht. Indem er das Wunderbare als wahrheitsfähig behauptet, gelingt es ihm einerseits, das Bezeugte und Beglaubigte zu hinterfragen, andererseits, für das frei Erfundene eine ephemere Anschaulichkeit zu erzwingen:

Was gibt es schöneres, als sich an Dinge zu erinnern,
die es gar nicht gibt. Auf einer Nadelspitze etwa
haben tausend Seelen Platz…

Im Zweischritt von „Festhalten und Freigeben“ (Monika Rinck) erinnert dieser Schreibgestus ein wenig an den Gang von Hirnstromaufzeichnungen oder an die pumpende Fortbewegungsart von Quallen, was erneut auf den Titel verweisen würde. Immer wieder kommt es vor, dass sich die lose verketteten Versfolgen ihrerseits zu Gedichten fügen. Sie tauchen an einer bestimmten Stelle plötzlich auf oder sortieren sich, wie die eine, codebildende Zahlenkombination vor dem geistigen Auge, aus einem unübersichtlichen Gewimmel allmählich heraus:

Am Anfang ließ Gott eine Scheidewand inmitten der Wasser
entstehen und schied so die Wasser unterhalb des Gewölbes
von den Wassern oberhalb des Gewölbes,
ließ dazu etwas Trockenes entstehen:
das war die Erde und das andere war das Meer – so verhindere Gott
schon zum Schöpfungsbeginn naseweise Kritiken
an seiner bereits eingeschlagenen Route: Gut und Böse undialektisch und
unauflöslich miteinander zu verpappen, im In-, im Aus-, im Umeinander
zu verklumpen, jedes Prinzip erst durch sein Gegenteil möglich.
So viel zur Entstehung des Brotneids, der Stänkerei, Zänkerei,
der Begehrnisse, Wollungen, Morde.
So kommt es, daß Oleg Jurjew „Gedichte schreibt, um zu erfahren,
wovon ich handle“,
daß Lothar Matthäus lernen muß, alleine zu leben,
und daß Gedichte noch viel schöner sind, als sie sind.

Dass mit den funktionstüchtigen Strategien des Wissens nicht selten der Anspruch auf Herrschaft verbunden ist, durchkreuzt Böhmer systematisch, indem er bedeutungstragende Worthülsen und rhetorische Gebärden mit evidenten Albernheiten ausfüllt. So zimmert er, das Unterste zuoberst kehrend oder das Augenscheinliche abstreitend, mit unbezwingbarer Folgerichtigkeit seine eigenen Logiken:

Alle Geschichten dieser Welt stecken in einem Satz! schrie ich.
Diesen Satz gibt es nicht! schrie ich.
(…)
Wir erfanden uns Bücher, die wir auf immer lieben würden
die bald niemand mehr lesen würde.
(…)
ein Song, ein sehr weit entfernter, kaum
hörbarer Song, noch ganz ohne Worte
(…)
mit solch elementarer Kraft, dass selbst Ratten ohne Synapsen,
mutterlos aufgewachsen, immer noch hoffen konnten,
gerettet zu werden, im allerletzten Moment.

Weit entfernt, kaum hörbar, ohne Worte, ohne Synapsen, verwaist – und dennoch hoffend! Bedingung für die Wertschätzung einer derart verschrobenen Einzelheit ist freilich, dass jemand das spezifische Gewicht des Nicht-Geschehenen überhaupt wahrnimmt und die zerstreuten Blicke der Leserinnen darauf lenkt:

So, wie zuweilen Zaunkönige
ihr Nest bauen im Kopf eines Menschen,
über Abgründe mit Haarnadelkurven dem Geräusch
stürzender Wassermassen, abrutschender Hänge, so.

In ihrer Eigenschaft, den Unsinn, nicht aber die Unverbindlichkeit zuzulassen, bekleiden sich die spekulativen Verneinungen und kühnen Identitätsbehauptungen Paulus Böhmers nicht zuletzt mit einer schwer zu bestimmenden politischen Relevanz.

Ich wollte immer nur eine Zementfabrik oder ein Stahlwerk sein.

Warum denkt einer sich solche Sätze aus? Wie Kinder manchmal vor dem Effekt einer Wortverwendung zurückschrecken oder darüber frohlocken, scheint es auch Paulus Böhmer zu genießen, auszusprechen, was sagbar ist, seinen subversiven Witz an Bagatellen und Banalitäten auszuleben. Es ist die Setzung, die zählt, und von ihr ausgehend eine Dynamik, die weitere Setzungen hervorruft.
Dass der Autor dem ikonoklastisch-romantischen Ansatz der Beat-Poets mehr verdankt als etwa den rigoros komponierten Poemen Inger Christensens, muss also nicht überraschen. Daneben scheint mir in Böhmers Texten jedoch auch ein aktionistisches Moment unverkennbar. Ohne Übergriffigkeit kein Begreifen? Eine Schlammkur gar? Will sich da einer durch ein „worst-cast“-Szenario, das jeder Beschreibung spottet, gegen Jedwede Instrumentalisierung von Gewaltbildern abschotten?

Über die Ohm-Augen fallen, Tag für Tag,
Horden kopfloser Goldsucher her.
Kindergruppen werden in den Tod gejagt, Bauern
an Scheunen genagelt…

Nicht zuletzt aufgrund der kuriosen Überdeterminierung durch den Plural legt Böhmers rasante Collage aus Fakten und Fiktion den Verdacht der schieren Aufzählung durchaus nahe. Doch abgesehen davon, dass auch die einzelnen Tonspuren und Refrains in hohem Grade strukturbildend agieren, nimmt das Gedruckte gerade durch die fortwährende Überrumpelung der Vorstellungskraft mitunter fast dreidimensionale Züge an. Ja wäre eine derart überschwänglich aus eigener und fremder Rede geflutete Schreibpraxis nicht überhaupt in einem anderen Medium besser aufgehoben?
Die Art, wie dieses Gedicht, Kaskade und Kanal, Kloake und „intrauteriner Raum“, einen mitschleift, in sich hineinzieht und beizeiten wieder ausspuckt, erinnert tatsächlich dunkel an die kasuellen Such- und Verlustrouten des Internet. Jedoch erzielt Böhmer diese Wirkung sozusagen auf analogem Wege, ohne die List des Kompilators gegen die Autorität des Autors auszuspielen. Erkenntnis, scheint es, erwächst eben manchmal aus der Totalität des Unwesentlichen oder als Antwort auf Fragen, die man gar nicht gestellt hat:

Ich kann dir alles erklären, sagte Wittgenstein,
und ich verstand.

Wiegt das Verstandene schwerer als das Nicht-Verstandene und das Gegebene schwerer als das bloß Erträumte oder Gedachte? Wiegt das instinktive Verstehen manchmal das Erklären auf? In einer Ewigkeit voller Nichtigkeiten ist das Vergleichen von Unwägbarkeiten vermutlich nicht irrationaler als alles andere auch. Und ein Text wie Zum Wasser will alles Wasser will weg nicht chaotischer als die Welt „draußen“.

Freilich, das Verstehen durch ein Ergriffensein zu umgehen, wäre Kitsch. Indes, das Verstehen auf einen Begriff zu bringen, der die Dinge ironisch verkleinert, wäre Verrat an ihrem unveräußerlichen Kern. Der dritte Weg hingegen, das Ausblenden der zerstörerischen Anteile „im Sinne einer zweifelhaften Psychohygiene“ (M. Rinck) käme einer Lüge gleich. Bleibt der exorbitante Einspruch des Einzelnen – Schatzmeister und Satansbraten, Bürgerschreck und Würgeengel, Rächer und geprügelter Hund! – gegen die Zumutung, in der Gewalt des kosmischen Ganzen zu sein.
Diese Mischung aus Anmaßung und individueller Exponiertheit macht für mich das, nicht rein qualitativ zu fassende, Format der Bücher von Paulus Böhmer aus, die sich den Vorgaben einer stark kulturwissenschaftlich geprägten Dichtung ebenso entziehen wie jeder bloß suggestiven Formenraffinesse. Insofern wäre dem Autor, wenn er schreibt:

Es gibt keine Form,
in der das Leben, die zerbrechlichste Sache der Welt,
aufbewahrt werden kann.

ausdrücklich zu widersprechen. Denn wenn es eine solche Form gäbe, so könnte dafür eigentlich nur das Gedicht in Frage kommen, das zwar in der Konfrontation mit der Übermacht des Wassers ebenfalls nur sinkendes Schiff sein kann, jedoch immerhin eines, bei dem Scheitern und Größe aufeinander verweisen.
So endet auch dieses Buch als ein fernes Echo auf sich selbst, ein Abgesang, der ebenso ein Übergang zu etwas Anderem sein könnte, ein Standby-Modus vor dem neuerlichen Warmlaufen:

Mir schwindelt. Mir ist, als beschreibe mein Denken
einen Halbkreis und stehe schließlich,
zum ersten Mal, sich selbst gegenüber, zuletzt.

Oder diente das ganze Unternehmen bloß dazu, einen Raum zu erzeugen, groß und weit genug, sich darin selbst zu begegnen?
Nur in einer Sache hat Paulus Böhmer es sich leicht gemacht: Er hat sich um das Anfangen herumgestohlen und gleich mit dem Post scriptum begonnen. „Dass ein Gedicht weder Anfang noch Ende hat, nur wechselnde Eingänge“, das erleben wir in jeder seiner wuchernden Setzungen aufs Neue. Man kann in seine Wort- und Gedankenströme an jeder Stelle einsteigen, auf den fahrenden Zug aufspringen, bis zur nächsten Brücke mitschwimmen, Sie fangen unvermittelt an und verharren in dieser Mitte, bis eine neue Mitte beginnt. Paulus Böhmer begegnet seiner Zeit wie der ein Buch liest und alle Stellen unterstreicht. Er ist Reisender in einer Welt voller Sehenswürdigkeiten. Und er nimmt sie die Freiheit, alles Marginale so zu behandeln, als wäre es der Mittelpunkt seines Alls. Das Unwirkliche wird dadurch möglich, das Unwichtige wirksam, und das Unbegriffene der Schlüssel zu einem anderen Verstehen.

Theresia Prammer, Park, Heft 69, Dezember 2016

Die ganze Welt in Worten

Sehr geehrte Almut Gehebe-Gernhardt,
liebe Ricarda Junge, lieber Paulus Böhmer,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Heinz Erhardt hat häufiger auf der Bühne von jener schicksalhaften Begegnung erzählt, die ihn zu dem gemacht hat, was er war, und die ich in Kurzform wiedergeben möchte. Im Jahr „Schalke 09“, seinem Geburtsjahr, lag er allein in der kalten Wohnung herum, sowohl die Eltern als auch der Ofen waren ausgegangen, als sich plötzlich die Wand öffnete, obwohl es sich nicht um einen Neubau handelte, und eine Fee den Raum betrat. Sie tätschelte dem kleinen Heinz den Bauch und fragte ihn:

Na, mein Kleiner, was willst du denn mal werden?

Und Heinz dachte in dieser unbequemen Situation an seine etwas feuchten Windeln und sagte:

Liebe Tante, ich möchte gerne Dichter werden. (Bei Heinz Erhardt hat es auch immer ein paar Sekunden gedauert, bis die Pointe gezündet hat.)

Noch ein Anlauf: Die letzte Tagung der legendären Gruppe 47 in der Pulvermühle im oberfränkischen Waischenfeld stand unter keinem guten Stern. Nicht nur, dass es Konflikte nach innen gab; hinzu kam, dass eine Gruppe von dem SDS nahestehenden Studenten aus Erlangen sich vor dem abgeschiedenen Tagungsort versammelte, um die vermeintliche Weltabgewandtheit und Selbstbezogenheit der Mitglieder der Gruppe 47 zu kritisieren. Die Studenten waren wütend. Wenige Monate zuvor war Benno Ohnesorg erschossen worden. Was also skandierten sie als schlimmstmögliche Beleidigung gegenüber den Schriftstellern? Sie riefen „Dichter, Dichter!“ Das saß.
Der allerletzte Vorwurf, den man dem diesjährigen Robert-Gernhardt-Preisträger Paulus Böhmer machen könnte, wäre den der Weltabgewandtheit. So viel Welt wie bei ihm findet man selten im Gedicht, aber dazu gleich mehr. Und Paulus Böhmer, geboren 1936, gehört ja sogar rein nominell gerade noch so zu jener Generation, die sich die politische Veränderung der deutschen Nachkriegsrepublik zum Ziel gesetzt hatte. Und doch ist Paulus Böhmer ohne Wenn und Aber und in voller Konsequenz: ein Dichter. Und was für einer. Die Wiederauferstehung des Dichters aus den Trümmern von Kahlschlag und Gebrauchslyrik. Und was einen Dichter in erster Linie ausmacht, ist seine vollkommene Freiheit.
Böhmer schert sich nicht um Moden, um die Einflüsterungen des Zeitgeistes, um ästhetische Konventionen. Das heißt selbstverständlich nicht, dass sein Werk frei wäre von Einflüssen aller Art. Sie sind oft und zu Recht immer wieder genannt worden, die großen amerikanischen Langdichter, Walt Whitman am Anfang einer Kette, an deren Ende Allen Ginsberg steht, die Beat-Poeten, Brinkmann, die Musik, doch habe ich die Erfahrung gemacht, dass man einen Schriftsteller, einen Dichter auch umstellen kann mit Referenzgrößen; so lange, bis man ihn selbst nicht mehr oder nur noch aus der Ferne zu erkennen vermag.

Also versuche ich, konkret zu werden: Der Robert-Gernhardt-Preis ist ein projektbezogener Preis, Paulus Böhmer wird für ein Projekt ausgezeichnet, das den Arbeitstitel trägt

Zum Wasser will
alles
Wasser will weg

Ein einziges, zusammenhängendes Langgedicht, wie es heißt, in das die fiktive Lebensgeschichte eines Menschen in den drei Lebensphasen Kindheit/Jugend, Erwachsenwerden und Erwachsensein und Altwerden und Altsein eingearbeitet sein soll. Das mag so sein. Aber ich hoffe, der Preisträger nimmt es mir nicht allzu übel, wenn ich sage: Im Grunde genommen schreibt Paulus Böhmer, wie so mancher großer Dichter, nur an einem einzigen langen Text, und dieser Text ist das Leben und die ganze Welt, eine Geschichte der ganzen Welt, in allem, was sie ist; in allem, wie sie sich dem sprechenden Ich darstellt. Und trotzdem ist das titelgebende Element, das Wasser, möglicherweise eine der zentralen Triebkräfte in Paulus Böhmers Werk. Wasser kann sprudeln und mitreißen, es kann überwältigen und ja, auch tödlich sein, lebens rettend, aber auch zugleich lebens bestimmend. Es kann in vielen Bahnen nebeneinander herlaufen, mäandern und wieder zusammenfließen, es hat Fallhöhe und Tiefe, Wucht und Eleganz. Und all das trifft auch auf die Lyrik von Paulus Böhmer zu.

In einem 1997 veröffentlichten Band mit dem Titel Die Ohm steht die Zeile „Die Seel ist wie Wasser“, und dazu muss man wissen, dass die Ohm ein Fluss ist, wir in Hessen wissen das, und dass dieser Fluss nicht weit entfernt fließt von jenem mittelhessischen Dorf, in dem Paulus Böhmer mehrere Jahre lang gewohnt hat, Nieder-Ofleiden, südlich von Kirchhain und östlich von Marburg. Nun also, unter der Prämisse, dass Böhmer seine Texte sieben-, acht-, neunmal überarbeitet, sie also nicht bloß affektive Produkte, sondern genau gebaute Rhizome sind, ein kurzer Auszug aus Zum Wasser will alles Wasser will weg, allein schon, weil man das einmal gehört haben muss:

Als ich noch Kind war,
eine unstete Erscheinung der Blenden, der Augenglaukome,
ein Wasserkopf, schmalbrüstig, puppig,
in tiefer Ofleidener-Nacht,
rückten nach Einbruch der Dunkelheit die großen Bäume auf mich zu
und schlugen über mir zusammen, lagen unter Stroh und Wolle
die Körper der Alten und ich konnte nicht glauben, daß einmal
irgendjemand ihre Seelen stürmisch und ungetüm
in Empfang nehmen würde,
durchstreiften Katzen die Wildnis, ballte sich
in Sielhäuten aus Fett und Fäkalien
ein Anderes meiner Selbst,
eine ungeheuerliche Masse.

Vom Spiel der Hände, die wie Insekten aufflogen, sich abrupt
Wieder niederließen, ging ein Grauen, eine Besessenheit aus,
eine vage, unsagbare Angst,
als ich noch ein Kind war und träumte,
daß ich noch ein Kind war und daß eine Frau,
die neben dem Bett stand und die ich nicht kannte,
wieder und wieder hinausging, um den Hund zu beruhigen, jedesmal
mit einer neuen Bißwunde zurückkam.
Im Keller, in den Kaninchenställen, hinter den Briketts,
hielt der Vater sich nach dem Krieg versteckt, manchmal
schlich er sich hinaus und hörte Schallplatten im nahen
Basaltbruch. Vollkommen lautlos, vollgesogen
Mit Schamgries, dem Schammes, dem Suddel, dem Jauche-Tief
Der belgischen Riesen überstand er die Patrouillen
Der Amis. Zur Mitternacht weinte die Mutter.
Engel erhoben sich, flogen schwer, schwer mit Bomben beladen,
über die Oberfläche des Wassers davon – aus welchem Davor?

In diesem bloßen Anheben, in diesem Atemholen zu einem längeren, sich weitenden Gebilde, sind die Motive und Bildwelten angelegt, die sich, davon bin ich überzeugt, ausweiten werden zu einem großen Gesang, der auch dazu angetan ist, uns Angst zu machen, so wie auch ich, warum sollte ich das nicht zugeben, nur furchtsam und tastend über Paulus Böhmers Schreiben zu sprechen wage, denn seine Gedichte scheren sich um nichts, auch nicht um mich. Das macht Angst, denn wir sind es gewohnt, Gedichte anders zu lesen oder andere Gedichte zu lesen. Selbstverständlich muss das Werk Paulus Böhmers einem Menschen Angst machen, zu dessen Hausgöttern ein Gottfried Benn gehört mit seinen statischen Gedichten und deren sich selbst immer wieder umgrenzenden Ich.

Die deutsche Tradition ist auf Knappheit festgelegt, auf Reduktion, Böhmer dagegen auf Opulenz und Entgrenzung. Wie bedrohlich, maßlos und mitreißend sie doch ist, die überbordende Virtuosität Böhmers, wie sie in seinem Hauptwerk, dem Kaddish-Zyklus zu bewundern ist. Böhmer erzählt uns keine Geschichten, er erfasst die Welt in ihrer Totalität. Gleichberechtigt steht alles nebeneinander, Wahrnehmungen und literarische Versatzstücke, Historisches und Gegenwärtiges, Augenblickhaftes und Monumentales. Unendlich ließe sich die Kette dieser Gegensätze fortsetzen: profan und heilig, hässlich und schön.
Doch Moment. Was heißt schön? Ist schön eine literarisch-ästhetische Kategorie? Es gibt einen nicht unwichtigen deutschen Literaturkritiker. Dessen Texte lese ich nicht mehr, denn wann immer er ein Buch loben will und ihm die Worte dazu fehlen, findet er es „schön“ oder auch „schön geschrieben“, als sei das das Gleiche. Und jetzt stehe ich hier und sage: Paulus Böhmers Verse sind wunderschön. Sie sind überwältigend schön; sie wollen uns überwältigen und sollen und dürfen das auch. Nichts an Böhmer raunt; wir kennen das, wovon er spricht, aber nicht, wie er davon spricht. Unablässig rotieren die Begriffe und Metaphern, verschieben sich die Bedeutungsebenen in ihrem jeweiligen Konkretionsgehalt. Böhmers Verse, und das mag das zunächst grundsätzlich Irritierende sein, haben keine Geborgenheitspunkte, keine Fluchtinseln, auf denen man sich ausruhen kann.
Das Ich, das hier spricht, ist selbst Materie und Material, kein Zentrum, sondern ebenfalls virtuell, im Fluss; nicht Autorität, sondern mitgerissenes Treibgut im Strom der Empfindungen, Beobachtungen, Erfahrungen, Wirklichkeiten, Sprachebenen. Die Welt in ihrer Totalität, wenn sie denn benannt, beschrieben und mit Sinn gefüllt werden soll, wenn sie also in dem, was sie ist, erkannt werden soll, braucht eine Form. Und wie jeder Dichter, wie jeder Schriftsteller von Rang, gibt auch Paulus Böhmer der Welt eine Form, einen Tonfall vor, der nicht mehr abzustreifen ist. Böhmers Gedichte sind Weltprägungen im Bewusstsein ihrer Leser, Böhmer dichtet nicht sein Leben, er dichtet um sein Leben; er schreibt den Tod und überschreibt ihn zugleich; er setzt sein eigenes Zeitmaß gegen das offiziell anerkannte und gültige. Das ist in sich vollkommen schlüssig, und ich bin überzeugt davon, dass es nicht nötig ist, alles davon im Detail zu verstehen, wenn man allein das erst einmal verstanden hat.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir haben zwei Robert-Gernhardt-Preisträger, aber ich bin nicht der Sportmoderator Gerhard Delling und muss deswegen auch nicht jeden meiner Sätze in einen zwanghaften Sinnbezug zum vorangegangenen setzen. Dabei wäre das in diesem Fall ganz einfach, denn Paulus Böhmer und Ricarda Junge, die zweite Gernhardt-Preisträgerin, sind auf eine wundersame Weise miteinander verbunden; viele von Ihnen werden das wissen; der Rest muss noch ein wenig warten.

Christoph Schröder, Neue Rundschau, Heft 4, 2013

Peter-Huchel-Preis 2015 für Zum Wasser will alles Wasser will weg, Verlag Peter Engstler, 2014

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Jan Wagner: Paulus Böhmer: Zum Wasser will alles Wasser will weg
lyrik-empfehlungen.de, 2015

Das Lyrische Quartett im Lyrik Kabinett sprach am 4.11.2014 über dieses Buch und ist zu hören ab 0:04:20.

 

MIT NASENBLUTEN, SCHLUCHZERN, ENGEM AUFGESTÖHN (LONG VERSION)

der energischen Navajos, manche ganz englisch, also
aufgedonnerte Nannys, Angostura nippend in einer Schlucht,
aus der die Bäche kommen, schwerer als Wasser. Narrativ.
Blau die Nas von einem Schluri (war mal ein Ritter gewesen).

Bitterschokolade, plärrenden Augs. Fischarts
nauppengeheuerliche Softnutten, Leerschlag nach Leerschlag
schlittern die Eingebornen in enge Kostüme auf der Suche nach dem schrulligen
Nosferatu. Schaluppen mit Lippen wie ein Schuljunge

mit Nixlein. Öffentliche Austern. Bodenbluten, ebenfalls
öffentlich. Mit Brettersosse narrt man die zehrenden
Schaben. Man hat eine Tendenz zum Wespenlutscher,
man hätte einen Kolbenfresser auf dem

Schluchsee (Forêt noire), es wäre irre eng, ok, im
Aufzug. Die Sockenschlümpfe lernen von Artisten, die
noch in Notzelten einen Salto finden. Solobutter,
Schonzeit für Bullen, na prima. Tim und Mentzer

Nas und Nuppe, Totnsonntag auch für „seinen“
Johannes. Von der Milch her ein Hans sein,
schlurfender Nochspecht, ein Karneol aus
Lutherjahren, nenn ihn Stüber, aber schweig

von seinem geschmähten Glied. Diese Seufzerbrücke
kurz vor knapp. Schlimmer wären die Störenfriede des
Pontormo, mit Bulgur sogar, oder das rechte Bein gleich
neben einem toten Kamel. Sags ihr durchs Maul,

nimm das Übersee-Necessaire mit ins Nadelöhr,
pack dich voll mit Astor Filter. Schluchzende
Neubauten, enge Hängung, hier auf dem Boulevard
der Engadiner. Ist er ein Soldat, soll er die Trommel

frein, eine der vielen Bullrichnasen meiner Oma Scharlott,
in ihrem Gefolge auch so ein Fensterweiblein mit
contrainte. Fand in Kriegszeiten Verwendung als
Fischschwanz, normal oder normannisch,

Holz in den Kalk gezeichnet. Altes Rasierblut noch
von ten sixty six. Erfolgsgeschichte einer Muse namens
Klit, Johan Fischart, genannt Gargant. Paul und Paul
vom Ross gefallen, alle Apostel sonst auf dem Posten.

Das stornieren wir gleich. Tintenstrahl mit Fischgeschmack,
Prints für die Veganer vom Mars. Dortige Mäuse.
No Sir, energischer als Shakespeare schlug Störtebekker
die Hornissen tot: bellende Schnauzen nardische

Blutbuletten ausm Silo, saftiger als alles was der Butcher
(patientenenglisch) nach einem Absacker so auftischt.
Oder wenn er all die Schaunasen rotwelsch
untertitelt. Rust never sleeps.

Mitten im Bungabunga isst man halt Butterbrezeln,
schielt nach dem schönen Zettel, der anderswo
ein bottom wäre.

von seinem geschmähten Glied. Diese Seufzerbrücke
kurz vor knapp. Schlimmer wären die Störenfriede des
Pontormo, mit Bulgur sogar, oder das rechte Bein gleich
neben einem toten Kamel. Sags ihr durchs Maul,

nimm das Übersee-Necessaire mit ins Nadelöhr,
pack dich voll mit Astor Filter. Schluchzende
Neubauten, enge Hängung, hier auf dem Boulevard
der Engadiner. Ist er ein Soldat, soll er die Trommel

frein, eine der vielen Bullrichnasen meiner Oma Scharlott,
in ihrem Gefolge auch so ein Fensterweiblein mit
contrainte. Fand in Kriegszeiten Verwendung als
Fischschwanz, normal oder normannisch,

Holz in den Kalk gezeichnet. Altes Rasierblut noch
von ten sixty six. Erfolgsgeschichte einer Muse namens
Klit, Johan Fischart, genannt Gargant. Paul und Paul
vom Ross gefallen, alle Apostel sonst auf dem Posten.

Das stornieren wir gleich. Tintenstrahl mit Fischgeschmack,
Prints für die Veganer vom Mars. Dortige Mäuse.
No Sir, energischer als Shakespeare schlug Störtebekker
die Hornissen tot: bellende Schnauzen nardische

Blutbuletten ausm Silo, saftiger als alles was der Butcher
(patientenenglisch) nach einem Absacker so auftischt.
Oder wenn er all die Schaunasen rotwelsch
untertitelt. Rust never sleeps.

Mitten im Bungabunga isst man halt Butterbrezeln,
schielt nach dem schönen Zettel, der anderswo
ein bottom wäre.

für Paulus Böhmer

Hans Thill

 

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Steffen Popp: Ein Werk wie ein Wal
Welt, 20.9.2016

Paulus Böhmer mit Monika Rinck und Orsolya Kalász
haus-fuer-poesie.org, 12.10.2016

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLGPeter-Huchel-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer + Galerie Foto Gezett
shi 詩 yan 言 kou 口

Nachrufe auf Paulus Böhmer:

Hessisches Literaturforum im Mousonturm
facebook.com, 7.12.2018

Christoph Schröder: Radikal ausufernd
Journal Frankfurt, 7.12.2018

Beate Tröger: Das Universum in uns
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.12.2018

Michael Braun: Ein Rhapsode der Schöpfung
Badische Zeitung, 10.12.2018

Harry Oberländer: No home
faustkultur.de, 10.12.2018

In Erinnerung an Paulus Böhmer: Gespräch des Monats Mai 2019 im Haus für Poesie

 

 

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