Peter Rühmkorf: Zu Wolf Wondratscheks Gedicht „In den Autos“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Wolf Wondratscheks Gedicht „In den Autos“ aus dem Band Wolf Wondratschek: Das leise Lachen am Ohr eines andern. –

 

 

 

WOLF WONDRATSCHEK

In den Autos

Wir waren ruhig,
hockten in den alten Autos,
drehten am Radio
und suchten die Straße
nach Süden.

Einige schrieben uns Postkarten aus der Einsamkeit,
um uns zu endgültigen Entschlüssen aufzufordern.

Einige saßen auf dem Berg,
um die Sonne auch nachts zu sehen.

Einige verliebten sich,
wo doch feststeht, daß ein Leben
keine Privatsache darstellt.

Einige träumten von einem Erwachen,
das radikaler sein sollte als jede Revolution.

Einige saßen da wie tote Filmstars
und warteten auf den richtigen Augenblick,
um zu leben.

Einige starben,
ohne für ihre Sache gestorben zu sein.

Wir waren ruhig,
hockten in den alten Autos,
drehten am Radio
und suchten die Straße
nach Süden.

 

Gepünktelte Hoffnungslinie

Was wie eine Ballade anfängt, eine Reiseromanze vielleicht, gibt schon in der Eingangsstrophe über den Erzählstoff hinaus zu denken. Ein vergleichsweise unauffälliges, wenn nicht farbloses „Wir“ hockt lässig in den alten Autos (Bekanntschaft vorausgesetzt) und sucht die Straße nach Süden (wir verstehn uns, Compagni?), wobei der bestimmte Artikel schon für sehr bestimmte Artikel steht.
Trotzdem scheint das lyrische Wir seiner eigenen Position nicht ganz so sicher, wie es sich in Positur setzt. Statt Reiseeindrücke zu vermerken oder Landschaft im Fluge festzuhalten, verzeichnet das Fahrtstenogramm Gedanken und Erinnerungen, die den Zurückgebliebenen gelten: einer unbeirrbaren Avantgarde hier, einer geschlossenen Bruderloge dort, unter sich unverbunden alle, wie sie da sind, aber jedes in seiner Art auf einen festen Nenner zu bringen oder bei einem Glaubensinhalt zu packen.
Vergleicht man die unterschiedlich entschiedenen Elitekorps noch einmal genauer mit unseren Trial-and-error-Touristen, dann ist allerdings unübersehbar, daß hier klare, um nicht zu sagen absolute Positionen gegen ein ziemlich vages Disponiertsein stehen. In sechsmaligem Ansatz werden sogenannte alternative Verhaltensmodelle von uns aufgeführt und hingereiht, hinter denen jeweils eine unbedingte Heilsgewißheit steht, ganz egal, ob vom Glauben an „endgültige Entschlüsse“ bewegt oder vom Vertrauen auf den einzig möglichen, „den richtigen Augenblick“ getragen.
Interessant scheint mir dabei, und ich meine, artistisch interessant, daß die konkurrierenden Alleinvertretungsansprüche nicht bloß einfach von außen her bestritten oder abgewiesen werden, sondern als Widersinnigkeiten-in-sich auf die Bühne gerufen. Missionarische Postkarten aus der Einsamkeit sind ja letzten Endes genauso paradox wie das Totalitätsverlangen nach einer niemals untergehenden Sonne; und wer von einem alle Finsternisse durchdringenden Erwachen immer bloß „träumt“ gerät in die nämliche Absurdität wie jemand, der sich totstellen muß, um den eigenen Kairos nicht zu verpassen.
Damit ist das Gedicht mit seiner Kunst allerdings noch nicht am Ende. Diese hebt erst richtig an, wo die Frage nach dem Sinn von solchen Daseins-Radikalen sich zunehmend dramatisiert und in einem beinah mechanisch anmutenden Abbuchungsverfahren auf einmal der Schicksalsknoten geschürzt wird. Mögen die finalen Umstandsbestimmungen (grammatikalisch gesprochen) zunächst noch offenlassen, wohin es mit der schlimmen Ausschließlichkeit einmal führen kann („um uns zu endgültigen Entschlüssen aufzufordern“ – „um die Sonne auch nachts zu sehen“) – in der klug kalkulierten Engführung des fünften Statements („saßen da wie tote Filmstars… / um zu leben“) gibt das scheinbar absichtslos wiederholende Aufzählen dann auf einmal seinen heimlichen Hintersinn preis, und wo eben noch ein rechthaberisches „Um zu“ genügte, einen eigentlichen Daseinszweck zu bezeichnen, sieht sich das Finalitätsdenken plötzlich in die Nähe eines heillosen Finales gerückt:

Einige starben
ohne für ihre Sache gestorben zu sein.

Und seltsam, was uns am Anfang des Gedichtes noch so vag und zag und unentschieden erschien, dieser Singsang vom Aufbrechen und vom planlos beiläufigen Herumprobieren (hocken – drehen – suchen), das klingt 1m zweiten Durchgang beinah wie ein kleiner Trutzgesang. Ohne daß der Autor auch nur ein einziges Wörtchen an seiner Introduktion geändert hätte, lesen sich die un- und fast unterbetonten Aussagesätze auf einmal wie erklärte Ausrufesätze mit einem dick unterstrichenen Wir zu Beginn und einer erwartungsvoll in die Zukunft hineingepünktelten Hoffnungslinie beim Ausklang.

Peter Rühmkorf, Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Bd. 4, Insel Verlag, 1979

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