Reiner Kunze: Reden und Gedichte

Kunze-Reden und Gedichte

AUF EINEN VERTRETER DER MACHT
ODER GESPRÄCH ÜBER DAS GEDICHTESCHREIBEN

Sie vergessen, sagte er, wir haben den
längeren arm

Dabei ging es
um den Kopf.

 

 

 

Inhalt

Reiner Kunze:

– Die Rückwärtswende herbeisehnen?
Rede in Jena, November 2014

– Nette Herrschaften

– Dankrede zum Hohenschönhausen-Preis

– Zehn Gedichte

– Dankrede in München
Zur Verleihung des Franz Josef Strauß-Preises, Mai 2015

 

Beiträge zu diesem Heft:

Christian Eger: Kein Haus von Strauß
Mitteldeutsche Zeitung, 27.12.2015

Sabine Reithmaier: Missverständnisse
Süddeutsche Zeitung, 21.1.2016

 

Dieses Sonderheft der Zeitschrift europäische ideen ist zu bestellen über awmytze@hotmail.com

 

Kunze: „Gott, wie viel Blau verschwendest du“

Die wunderbaren Jahre: Mit diesem Buch hat der Autor Reiner Kunze 1976 ein Publikum erreicht, von dem jeder Lyriker träumt – hunderttausendfach hat es sich verkauft. Dabei ist es ein Werk, das so viel persönliche Verzweiflung, so viel Schmerz enthält über die Zeit damals, die politische Lage und was sie mit ihm als Mensch gemacht hat. Der heute 83-Jährige musste damals die DDR verlassen, andernfalls wäre er wegen seiner oppositionellen Haltung für Jahre ins Gefängnis gewandert. –

Gabriele Ingenthron: Herr Kunze, in Ihrem Essayband Das weiße Gedicht schreiben Sie, wenn uns ein poetisches Bild in seinen Bann schlägt, werden wir ein Zeichen in das Buch legen, was etwas Ähnliches ist, als steckten wir einem Menschen den Ring an den Finger. Was meinen Sie damit?

Reiner Kunze: Damit meine ich, dass wir von nun an mit dem poetischen Bild zusammenleben wollen.

Ingenthron: Kann man sich in jemandes Sprache, in seine dichterischen Bilder, seine Nuancierungen, in die Feinheit seines Ausdrucks verlieben?

Kunze: In einem Gedicht von Odysseas Elytis heißt es:

Mein Gott, wie viel Blau verschwendest du, damit wir dich nicht sehen.

Ich möchte dieses Bild nicht mehr missen.

Ingenthron: Was vermag Sprache grundsätzlich und wo sind ihre Grenzen?

Kunze: Jede Sprache hat ihre eigenen Vorzüge und ihre eigenen Grenzen. Kämen die Völker überein, zugunsten einer einzigen Sprache auf ihre eigenen Sprachen zu verzichten, und ihre mitunter jahrhundertealten Literaturen wären nur noch in der Übersetzung dieser einen Sprache zu lesen, ginge an menschlichem Ausdruck und an Ausdruck des Menschlichen Unwiederbringliches verloren.

Ingenthron: Verarmt Sprache in schnelllebiger Zeit?

Kunze: Sprache verarmt nicht, weil die Zeit schnelllebig ist, sondern weil die Menschen die Sprache ruinieren.

Ingenthron: Könnten Sie das näher erläutern?

Kunze: Auf wie viele Seiten wollen Sie das Interview ausweiten? Allein die Rechtschreibreform hat Hunderte von differenzierenden Wortzusammensetzungen aus dem Wortschatz getilgt. Der Sprachfeminismus bewirkt durch die Diskreditierung geschlechtsübergreifender Wortbedeutungen eine eklatante Verarmung der Sprache.

Ingenthron: Beide christliche Kirchen mahnen einen behutsamen Umgang mit der Sprache an. Wie erleben Sie als sprachsensibler Autor die öffentliche Sprache in Politik und Medien?

Kunze: Auf dem Bildschirm an der Stirnwand eines großen Saales voller Gymnasiallehrer stand geschrieben „Herzlich Willkommen!“ Einen ganzen Tag lang erhob sich keine einzige Stimme des Protests. Als letzter Redner machte ich darauf aufmerksam, dass es nach der klassischen wie nach der reformierten Rechtschreibung heißen müsste „Herzlich willkommen“, denn „willkommen“ ist hier ein Adverb, und Adverbien werden bekanntlich klein geschrieben. Schreibe ich „Willkommen“ groß und das Wort steht nicht an einem Satzanfang, ist es ein Substantiv, vor das man ein „das“ setzen kann. „Herzlich das Willkommen“ ist kein Deutsch, deutsch müsste es heißen „Herzliches Willkommen!“ Wenn Lehrer, aus welchen Gründen auch immer, einen Tag lang ein solches Begrüßungswort anstarren können, ohne mit der Wimper zu zucken, ist es sinnlos, über die Sprache in Politik und Medien zu klagen.

Ingenthron: Was würden Sie jungen Menschen raten wollen? Worauf kommt es an?

Kunze: Die Maximen verändern sich im Leben, nicht zuletzt durch die Fehler, die man macht. Zu Maximen, die ich für wichtig halte, gehören: Abstand halten zu Extremen jeder Art, sich jeder ideologischen Indoktrination verweigern und sich nicht verführen lassen, falsches Bewusstsein zu schaffen. Letzte Instanz sollte nie die Idee, sondern stets die Wirklichkeit sein. Junge Menschen haben oft noch das absolute Gehör für Ehrlichkeit. Sie sollten es sich so lange wie möglich erhalten, damit man ihnen nichts vormachen kann.

Sonntagsblatt, 19.3.2017

 

VERSUCH ÜBER SILBERDISTELN
für Reiner Kunze

es gibt die konstellationen
des südlichen und des nördlichen himmels,
und es gibt sie: die silberdisteln.

zu finden beim vieh, auf den weiden,
nicht in den glashäusern und parks.
ihr trick: so dicht am boden
noch schweben zu können,

in asterisken zu glimmen,
bevor die frühe nacht
als schatten einer kuh auf sie fällt.

auch jener astrologe,
der im dunkel zu lesen versteht,
barfuß über die wiese geht,
wird an sie denken.

Jan Wagner

 

 

Michael Wolffsohn: REINER KUNZE – der stille Deutsche

In Lesung und Gespräch: Reiner Kunze (Autor, Obernzell-Erlau), Moderation: Christian Eger (Kulturredakteur der Mitteldeutschen Zeitung, Halle). Aufnahme vom 17.01.2012, Literaturwerkstatt Berlin. Klassiker der Gegenwartslyrik: Reiner Kunze. Wenn die post hinters fenster fährt blühn die eisblumen gelb.

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Zum 60. Geburtstag des Autors:

Harald Hartung: Auf eigene Hoffnung
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.8.1993

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Katrin Hillgruber: Im Herzen barfuß
Der Tagesspiegel, Berlin, 16.8.2003

Lothar Schmidt-Mühlisch: Eine Stille, die den Kopf oben trägt
Die Welt, 16.8.2003

Beatrix Langner: Verbrüderung mit den Fischen
Neue Zürcher Zeitung, 16./17.8.2003

Sabine Rohlf: Am Rande des Schweigens
Berliner Zeitung, 16./17.8.2003

Hans-Dieter Schütt: So leis so stark
Neues Deutschland, 16./17.8.2003

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Michael Braun: Poesie mit großen Kinderaugen
Badische Zeitung, 16.8.2008

Christian Eger: Der Dichter errichtet ein Haus der Politik und Poesie
Mitteldeutsche Zeitung, 16.8.2008

Jörg Magenau: Deckname Lyrik
Der Tagesspiegel, 16.8.2008

Hans-Dieter Schütt: Blühen, abseits jedes Blicks
Neues Deutschland, 16./17.8.2008

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Jörg Bernhard Bilke: Der Mann mit dem klaren Blick: Begegnungen mit Reiner Kunze: Zum 80. Geburtstag am 16. August
Tabularasa, 18.7.2013

artour: Reiner Kunze wird 80
MDR Fernsehen, 8.8.2013

André Jahnke: Reiner Kunze wird 80 – Bespitzelter Lyriker sieht sich als Weltbürger
Osterländer Volkszeitung, 10.8.2013

Josef Bichler: Nachmittag am Sonnenhang
der standart, 9.8.2013

Thomas Bickelhaupt: Auf sensiblen Wegen
Sonntagsblatt, 11.8.2013

Günter Kunert: Dichter lesen hören ein Erlebnis
Nordwest Zeitung, 13.8.2013

Marko Martin: In Zimmerlautstärke
Die Welt, 15.8.2013

Peter Mohr: Die Aura der Wörter
lokalkompass.de, 15.8.2013

Arnold Vaatz: Der Einzelne und das Kartell
Der Tagesspiegel, 15.8.2013

Cornelia Geissler: Das Gedicht ist der Blindenstock des Dichters
Berliner Zeitung, 15.8.2013

Johannes Loy und André Jahnke: Eine Lebensader führt nach Münster
Westfälische Nachrichten, 15.8.2013

Michael Braun: Süchtig nach Schönem
Badische Zeitung, 16.8.2013

Jochen Kürten: Ein mutiger Dichter: Reiner Kunze
Deutsche Welle, 15.8.2013

Marcel Hilbert: Greiz: Ehrenbürger Reiner Kunze feiert heute 80. Geburtstag
Ostthüringer Zeitung, 16.8.13

Hans-Dieter Schütt: Rot in Weiß, Weiß in Rot
neues deutschland, 16.8.2013

Jörg Magenau:  Der Blindenstock als Wünschelrute
Süddeutsche Zeitung, 16.8.2013

Friedrich Schorlemmer: Zimmerlautstärke
europäische ideen, Heft 155, 2013

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Rede + Interview 1 + 2
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Richard Pietraß: Dichterleben – Reiner Kunze

 

Reiner Kunze – Befragt von Peter Voss am 15.7.2013.

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