Ror Wolf: Poesiealbum 343

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ror Wolf: Poesiealbum 343

Wolf/Wolf-Poesiealbum 343

SIEBEN GRABSTEINE

1
Von einem kurzen Leben ist die Rede,
von Kaspar Q, er wurde nicht sehr alt.
Am Morgen blies er noch auf der Trompete
und schon am Abend war er hart und kalt.

2
Nach langem Leiden, unerwartet schnell,
ging von uns Otto Klomm, er ging dahin.
In stiller Trauer sitzen nun um ihn
die Anverwandten und verteiln sein Fell.

oder:

Nach kurzer Krankheit, plötzlich, unverhofft,
verschwand Herr Klomm, er ging in Frieden
nach Goms und ist in Goms verschieden.
Nun schweigen alle Flöten, wie so oft.

3
Karl Großmann, sechstes Kind aus Neuruppin,
der hängte sich im Regen einfach hin.
Er hing ganz still, man kam und schnitt ihn ab
und legte ihn hinein in dieses Grab.

4
In München starb Professor Gustav Roth.
Tags lebte er und abends war er tot.

5
Man fand ihn unter den Kohlen,
der Leib war ganz schwarz vom Ruß,
er wollte Kartoffeln holen
mit einem geschwollenen Fuß.

6
Außer Knochen, Blut und kalten Ohren
bleibt von Robert Moll nicht viel zurück,
was er hatte ist verloren,
nicht viel Glück.

Ganz am Anfang war sein Leben schlecht
und dann wurde es noch etwas schlimmer,
und dann wurde es noch immer
nicht so recht.

Robert Moll stellt sich hinein ins klare
schimmernd schöne wunderbare Licht.
Meine Herrn, das war das Wahre
wirklich nicht.

7
Oh Leser, warte einen Augenblick
und mach Dich nicht so einfach aus dem Staub.
Hier liege ich, bedeckt vom faulen Laub.
Ich komme wieder, ich bin bald zurück.

 

 

Stimmen zum Autor:

Wer Ror Wolf liest, rechnet mit dem Schrecklichsten. Er weiß aber auch, daß es danach weitergeht.
Arno Widmann

Seine Gedichte unterscheiden sich von den Gedichten anderer dadurch, daß sie gut sind. Das weiß aber nicht jeder… Die Romane werden vom gleichen Schicksal ereilt wie die Gedichte: Hier und dort werden sie bisweilen von aufgeschlossenen Menschen gelesen, denen die grasswalserböllsche Tränensackliteratur zu bleiern, zu schwerfällig und zu betulich ist und die öde Trivialliteratur der Jüngeren zu schematisch und zu kunstlos zusammenklabustert.
Thomas Blum

Es gab eine Zeit, als plebejische Ball-Treterei nimmer für höhere Lyrik dienen durfte. Damals bereits erkannte Wolf Eleganz und poetische Brisanz von Sätzen wie „Der Ball wird immer länger“ oder „Er kam aus der Tiefe des Raumes“… Wolf hat seine Fans in einer Minderheit, die auch aus Kreisen um konkret und titanic stammt. Bis heute meint Wolf, er sei ein grotesker Autor geworden, weil er früh die Saalfelder Feengrotten besuchte.
Matthias Biskupek

Wolf erzählt sein eigenes Universum, ohne sich in den ausgedienten Erzählmustern großmeisterlich zu aalen und durch onkelhaftes Geraune brillieren zu wollen.
Brigitte Kronauer

Was für ein toller, ideengesättigter Autor dieser Wolf doch ist, der nicht die Öffentlichkeit sucht, dafür in den Herzen vieler Leser einen Platz hat.
Lothar Schröder

Jede Distinktion, die wir mühsam glauben gewonnen zu haben, kann sich auf der nächsten Seite als Irrtum erweisen, jedem Indiz kann auf der nächsten Seite widersprochen werden. Wolfs Effektivität im literarischen Werden und Vergehen übertrifft die der Evolution bei weitem… Man muß diese „Klinggedichte“ laut lesen, wahrlich eine Abschaffung der Langeweile durch Musik – und durch unentwegte Katastrophen.
Sven Hanuschek

Wenn Traum und Wirklichkeit ineinander fließen, sich die Zeiten verschieben, Realität und Wahrnehmung keine Schnittmengen mehr bilden, dann befinden wir uns in Wolfs Welt.
Cornelia Zetzsche

 

Poesiealbum 343

Wolf gehört zu den markantesten deutschen Lyrikern. Neben seinen berühmten Fußballgedichten hat er ganze Serien großartig gereimter, hochmoderner Gedichte in Form klingender und schwingender Verse geschrieben: Hans Waldmanns Abenteuer, Doktor Pfeifers Reisen oder die Rammer & Brecher Sonette, woraus Biskupek eine spannende Auswahl zusammengestellt hat.

Märkischer Verlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2019

Ror Wolf

Der Dichter, Radiomoderator und Erzähler war schon immer ein Sprach-Experimentator, ein Pionier der Hör-Collage und Nutzer alter lyrischer Formen für neue Inhalte. Als Fußball noch Unterklassensport war, nutzte er ihn für Sonette und Stanzen; aus witzigen Fan-Schlachtrufen und Allgemein-Weisheiten schuf er Radiokunstwerke. Mit den Texten korrespondieren seine bildkünstlerischen Arbeiten: aus Erb-Stücken komponiert er verblüffend Modernes. Immer aber versteht er sich als Fossil wie Erneuerer der Reimkunst.

aus Eugen Gomringer: Poesiealbum 342, MärkischerVerlag Wilhelmshorst, 2018

 

Ror Wolf liest seine Dankrede zum Rainer-Malkowski-Preis 2018

 

HALBZEIT
Nach Ror Wolf

Das war ein ganz verdammt und zugenähter
Moment für diesen Stern, als nichts verfing
und ihm letztendlich doch die Luft ausging
wie einem Fußball. Aber davon später.

Das Ende: schmachvoll. Und so geht es weiter:
Im Schutt des Stadions grünt ein erster Halm.
Nach all den Qualen und nach all dem Qualm
ein Anblick schön und ausgesprochen heiter.

Sechstausend Jahre müssen jetzt vergehen
bevor der Menschheit, fraglos unverdient
der Rasen wieder und die Hoffnung grünt.
Was dann geschieht? Wer weiß. Wir werden sehen.

An einem Samstag, so ist zu vermuten
um 15 Uhr (die Uhren gehen wieder)
ertönen dann die guten alten Lieder
im Rund des Stadions, dem neuen guten.

In diesem wunderbaren Augenblicke
betritt den Platz ein andrer Rummenigge.

Kurt Bartsch

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

 

In der Zwischenzeit: Poesie – mit Matthias Biskupek.

 

Zum 85. Geburtstag des Autors:

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG + IMDb
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