TEXT+KRITIK: Peter Waterhouse – Heft 137

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch TEXT+KRITIK: Peter Waterhouse – Heft 137

TEXT+KRITIK: Peter Waterhouse – Heft 137

DER SPAZIERGÄNGER

− Versuch über Peter Waterhouse. −

Was charakterisiert den Spaziergänger? Was macht er? Was macht er nicht? Vorerst stelle ich fest, er ist verhältnismäßig langsam unterwegs. Sein Tempo ist ein Charakteristikum. Entsprechend diesem Charakteristikum kann er sich die Umsicht leisten; er ist in der Lage, ohne größere Umstände oder Unvorsichtigkeit auf eine Sache oder einen Sachverhalt einzugehen, sich ein Urteil zu bilden und dieses Ur-Teil mitzunehmen. Ein weiteres Charakteristikum scheint mir die Absichtslosigkeit zu sein. Der Begriff Spaziergang transportiert etwas Feiertägliches, unter Umständen Altmodisches, etwa einen Sonntagnachmittag, eine Promenade, eine Esplanade. Halt, klickt sich da nicht ein bestimmtes bürgerliches Weltbild ein? Ein Zur-Schau-Führen, ein Zeit-Haben, eine Demonstration von Besitz und Wahrgenommenwerdenwollen oder -müssen? Das würde der Absichtslosigkeit zwar widersprechen. Doch hält denn die Absichtslosigkeit? Der Schweizer Autor Robert Walser schreibt in der Erzählung „Der Spaziergänger“: „Ohne spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet.“ Demnach ist für ihn der Spaziergang keineswegs absichtslos, sondern geradezu ein Lebensmittel, wenn nicht Überlebensmittel. Ist es notwendig, den Widerspruch zu klären? Vielleicht gibt der Spaziergang auch nur den Rahmen ab für Konzentration und Absichtslosigkeit. Und diese beiden Begriffe sind für mich ein Zugang zum Werk von Peter Waterhouse: Der Spaziergänger. Der Sprachspaziergänger. Der Sprachspazierseziergänger. Der Sprachsezierspaziergänger.
Zweierlei zuerst, dann vielerlei, dann das Eine. Es stellen sich, denkt und liest man in den Arbeiten von Peter Waterhouse, eine Unmenge von Assoziationen ein, Sprachgewitterassoziationen, dunkle und helle Wolkengebilde und zugleich ein rasiermesser-scharfer Schnitt, der von einem Gebilde zum Nächsten, zum Nächsten verläuft, der die Dinge verbindet und trennt. Es wird Fuß vor Fuß gesetzt und so eine Wegstrecke zurückgelegt. Dieser Gang durch eine Landschaft ist immer wenigstens zweierlei und vielfach vielerlei und er ist immer anregend, das heißt, es ist ein Spaziergang, der die eigenen Augen zum Entdecken und Wahrnehmen anregt, diese keinesfalls verschließt oder verdeckt. Der Spaziergang ist immer auch Sprachspaziergang, ist immer auch Sprachlandschaft, Sprachsezierlandschaft et cetera. Ein besonderes Stück (Sprach)Landschaft möchte ich ins Zentrum meiner Überlegungen stellen, nämlich den Gedicht-Essay „Gedichte und Teillösungen“, der in dem Band Die Schweizer Korrektur erschienen ist. Eine Autorin und zwei Autoren reflektieren ihr Verhältnis zu Gedichten und zum Gedichteschreiben. Sie prüfen, überprüfen und schreiben den Schöpfungsprozeß weiter. Peter Waterhouse hat sich dabei von der deskriptiven Sprache so weit entfernt, daß man das Ergebnis als Gedicht-Essay bezeichnen kann. Dieser Gedicht-Essay handelt von und in einer geographisch genau angesiedelten Landschaft, die gleichzeitig allerdings eine vollkommene Nichtlandschaft ist, also eine Sprachlandschaft. Worauf ich den Blick lenken möchte, ist die vielfältig gespeiste Energiequelle, die das Vorwärts dieser Gedichte, Gedicht-Romane, Gedicht-Essays, Gedicht-Dramatik bestimmt. Es ist primär, behauptet der Autor, ein Nicht-Können, ein Nicht-Wissen. Die Stimmung dieses Nicht-Könnens oder dieses Nicht-Wissens ist ein Punkt Null, ist die besondere Art, mich, den Leser, in seiner Unwissenheit ernst zu nehmen. Gemeinsam mit ihm, dem Autor, erlerne ich das Gedicht, indem es entsteht. „Das Gedicht ist auch ein Geher; geht den Feldweg entlang, stapft am Wald hinauf und wirft einen Schatten.“ Diese Stelle suggeriert: Wir, das sind lauter Subjekte, selbst das Gedicht, und wir sind gleichberechtigt oder gleichbefähigt, gemeinsam eine Wegstrecke, einen Lernprozeß zu erspazieren, zu erbuchstabieren. Das Nicht-Sprechen-Können, das Nicht-Wissen, also eine Unfähigkeit, erweist sich als Kraft und Energiequelle, die am Anfang steht, wie auch das Wort „nicht“ in allen möglichen Varianten auftaucht. So wird ein Nicht-Raum oder Un-Ort geschaffen, der als gemeinsamer Ausgangspunkt für Sprecher, also Autor und Lesenden, dienen mag; und der zwanglos immer gegenwärtig ist, sei es als Bahnhofswarteraum oder als kleines Gartenhaus et cetera. Dieser Nicht-Autor, der hier am Werk ist, ist nicht nur kein allwissender Erzähler, sondern einer, der sich gemeinsam mit dem Leser, wie schon erwähnt, als Angebot und als Lernhypothese von diesem Un-Ort des Nicht-Sprechen-Könnens und des Nicht-Wissens aufmacht, um zu lernen und zu erfahren, und zwar in völliger Gleichgültigkeit, besser Gleichwertigkeit. Sprechen und Zuhören, Autor und Rezipient sind demokratisch gesprochen gleichberechtigt, sie haben gleiche Rechte, deswegen vielleicht auch gleiche Pflichten. Nur gemeinsam werden sie Erfahrungen machen oder keine Erfahrungen machen, nur gemeinsam sind sie lernfähig, werden sie sprechen-lernen oder nicht-sprechen-Iernen. Peter Waterhouse entwirft so das Idealbild des Lehrers oder Lehrenden.
In seinem Essay-Band Die Geheimnislosigkeit. Ein Spazier- und Lesebuch spürt er den ,geheimnislosen‘ oder ,heldenlosen‘ Wörtern nach. Tankstelle, Wellblechhütte, sind das nicht Orte einer konzentrierten Absichtslosigkeit, Un-Orte, Ausgangspunkte? Oder sind es hingestreute Blumen in einer Waterhouse-Sprachlandschaft? Immerzu alles, wäre eine Antwort. „Im Akazienwäldchen liegen Dosen, Papier, Zigarettenschachteln, zerbrochene Ziegel und Betonstücke auf dem Gras und Moos. Fast hörbar, wie die Dosen auf das Weiche geworfen wurden, das Papier zerrissen wurde, der Ziegel einmal zerbrach. Auf dem Akazienwaldboden liegt also ein Gedicht.“ So sagt oder schreibt es der Autor. Schau dich um, sage ich mir, die Dinge sprechen, sie erzählen ihre Geschichte, diese Geschichte ist hörbar. Hier liegt also ein Gedicht und da liegt ein Gedicht. Lauter gefundene Gedichte. Gedicht-objets trouvés, das heißt aber auch: Hier geht es um eine Haltung, um einen Willen zum Gedicht. Diese Stelle markiert einen Übergang von einer poetischen Methode zu einer Lebenspraxis. Sosehr man beim ersten Eindruck im Werk von Peter Waterhouse die radikale Spracharbeit wahrnimmt, so unmißverständlich drängt sich bei genauerer Betrachtung die darüber hinausgehende Haltung oder Lebenspraxis auf. Sehe ich jetzt zufällig das über die Wiese laufende, manchmal stehenbleibende, tänzelnde, Wiesenschaumkraut pflückende Kind, so ist es sicher kein Zufall, daß ich es gerade im Nachdenken über den Spaziergänger Peter Waterhouse sehe.
Dosen, Papier, Zigarettenschachteln, zerbrochene Ziegel oder Beton, das sind alltägliche Fundstücke, anders ausgedrückt ,geheimnislose Wörter‘, Und doch, indem sie erwählt werden, wahrgenommen werden, passiert etwas. Der Autor weiß das, er spricht von ,Durchlässigkeit‘. Was ist damit gemeint? Wie Marcel Duchamps objet trouvé, etwa „der Flaschentrockner“, ein alltäglicher Gegenstand, im Rahmen einer öffentlichen Ausstellung ,durchlässig‘ wird, das heißt, sich verändert und auf etwas Zusätzliches verweist, nämlich auf seine Kunst- beziehungsweise Nicht-Kunstfähigkeit, so verändern sich die vom Spaziergänger wahrgenommenen Dosen, Zigarettenschachteln, Ziegel oder Betonstücke im Rahmen eines Buches zu „durchlässigen“ Wörtern. Anders ausgedrückt, den „geheimnislosen Wörtern“ wird ein Zauberhut aufgesetzt und es wird ihnen so ihr ursprüngliches Geheimnis oder ihre Aura zurückgegeben. Sie sind gedichtfähig. Der Alltag ist gedichtfähig. Es empfiehlt sich, folgenden Satz in „Die Geheimnislosigkeit“ nicht als Scherz aufzufassen, sondern als Agitation, Literatur und Lebenspraxis ineinander übergehen zu lassen: „Zu jedem Vertrag, der in diesem Land geschlossen wird, soll nicht nur die zu entrichtende Gebühr, also die indirekte Steuer, gehören, zu jedem Vertrag soll auch ein Gedicht geschrieben werden, fast wie eine kleine sprachliche Wiedergutmachung, für die Allgemeinheit, die, nein, nicht veröffentlicht, doch im Allgemeinen Verwaltungsarchiv bewahrt werden sollte, abgelegt unter verschiedenen Stichworten.“ „Die Geheimnislosigkeit, Ein Spazier- und Lesebuch“. Klingt da nicht beides an? Etwas Geheimnisvolles, und etwas sehr Lebenspraktisches. Und man hat Lust, gleich einmal die erste Landschaft unter die Füße zu nehmen. Ein Verdienst von Peter Waterhouse ist es zu zeigen, daß die Groteske heiter sein kann, sagt Alexander von Bormann. Tatsächlich erfahre ich diese Heiterkeit nicht nur bei der unmittelbaren Lektüre, sondern sie hält darüber hinaus an oder eilt voraus. Etwa dieser kleine Bautrupp hier vor dem Fenster; es wird Sand geschaufelt, es werden Steine gelegt, es wird Maß genommen, und das Rot ihrer Arbeitskleidung ist ein erfrischendes Vormittagsrot et cetera. Ja selbst in der Katastrophe, dieser Immer-Wunde, härteste Bestandsprobe in einem Gedichtelebensgeflecht, muß es etwas geben, das herauskann, doch nicht ein Gegensatz, eine Opposition, eine Ungleichung, sondern eine Wiederbegegnung und eine Konstanz. Die Wunde und das Wunder, die vielleicht in jedem richtigen Gedicht gegenwärtig sind, ungefähr so Peter Waterhouse. Zurück zu der Landschaft, Ausgangspunkt im Gedicht-Essay „Gedichte und Teillösungen“, es ist die friaulische Landschaft um Aquileia, und mit dem Autor hat man sofort Lust, in dieser Landschaft herumzuspazieren, sich umzusehen. Immer wieder ist es der Blick, der auf die Peripherie fällt, auf das Vor-Städtische, den Übergang zwischen Land und Stadt oder zwischen Natur und Kunst oder Künstlichkeit. Es ist ein Blick weg von der Mitte. Ist im gleißenden Zentrum nichts mehr zu sehen? Ist hier das Blendwerk allzu groß? Schwingt hier die Vorsicht und das Wissen um die Überwältigungsgefahr mit? Erst an den Rändern wird etwas sichtbar, Zum Beispiel an der Landstraße zwischen Cividale und Attimis ein Akazienhain und darin liegen Dosen, Papier, Zigarettenschachteln, zerbrochene Ziegel et cetera, und im Hinhören liegt also auf dem Akazienwaldboden ein Gedicht. Was macht die Sprache aus der friaulischen Landschaft? Sie läßt sie kaum zu Wort kommen, denn es ist die Peripherie, die spricht, Dosen, Papier, Zigarettenschachteln, Kies, Waldboden. Das ist die Ortlosigkeit oder es sind die „geheimnislosen Wörter“ einer Allgegend und trotzdem ist meine Lust auf speziell diese Landschaft gegenwärtig. Im Absehen von ihrer Mitte ist sie gegenwärtig, wächst sie in meiner Vorstellung, erwächst sie mir als eine Lust. Was meint aber diese Lust? Ist es nicht vielmehr die Lust auf ein Landschaftmachen, ein Sprachlandschaftmachen, ein Gedichtefinden? Ich vermute, beides wird es sein, ein Vielfaches wird es sein. „Gedichte und Teillösungen“ ist ja der Titel des Essays. Dosen, Papier, Zigarettenschachteln, es sind periphere Dinge, die uns der Autor vorstellt, doch sie deuten auch auf ein Allgemeines, besser, sie sind ein Allgemeines, besser, sie tun ein Allgemeines, zum Beispiel singen, nämlich… „der Damm, aus dem Schutt hervorsteht, singt. Er singt, daß alles singt und sich erheben kann.“ Das ist ein Evangelium, eine Frohbotschaft, und sie bewirkt Heiterkeit. Der Dichter Peter Waterhouse bewohnt und bewirtschaftet mit seiner Familie in der wärmeren Jahreszeit im südlichen Kärnten, an der Peripherie, ein kleines Haus mit großem Garten. Schreibpraxis, Lebenspraxis. Das Gedeihen der Obstbäume, das Abernten, Mostmachen, Marmeladeeinkochen. Man bekommt sofort Lust darauf, wenn man den Autor davon erzählen hört. Oder bekommt man Lust auf ein Gedicht? Man bekommt Lust auf einen Spaziergang und entdeckt den Satz: „Auf einer Wiese steht einer und lernt sprechen.“ Und je öfter ich mich auf diese Sätze von Peter Waterhouse einlasse, desto einfacher, komplizierter, kindlicher, weißer, philosophischer, verrückter, grotesker, heiterer… sind sie. Hier wird ein großes Fenster geöffnet, und es läßt sich leichter, das heißt selbstverständlicher atmen. Und wer zeigt uns schon, daß „sir“ und „city“ ein Gesang ist? Jetzt ist der Bautrupp vor meinem Fenster damit beschäftigt, betonierte Steinraster Stück für Stück auf den gewalzten Kies zu legen. Ein Abstellplatz für die Autos neben dem Wohnblock gegenüber entsteht. Ein Abstellplatz für Autos, das paßt wohl zu den peripheren Dingen, ein Gruß, ein kleiner Spiegel, doch eindeutig spürbar, wie ein Schal oder ein Halstuch, die sich wärmend an den Körper schmiegen. Und schon möchte man weitermachen mit Blechdach, kunststoffbeschichtetem Drahtzaun oder den Häusern am Anger, aber da gibt es noch den Spaziergänger Peter Waterhouse, der andere Kulturen und andere Sprachen erkundet. Mit Gerard Manley Hopkins etwa hat er sich auf den Weg gemacht, um den Blick zu schärfen für die Details. Ein anderer heißt Michael Hamburger, ein anderer Andrea Zanzotto, ein anderer Biagio Marin, ein anderer usw. „Gehen heißt also die Welt mit eigenen Beinen ausstatten“, dabei, wir erinnern uns, heißt es am Anfang der „Geheimnislosigkeit“: „Jedes Gedicht, das ich sagte und schrieb oder schreiben wollte, kam aus einem: Ich kann nicht sprechen; ich habe keine Wörter.“ Wie zäh und ausdauernd kann die Ohnmacht sein, wie sehr kann sie das Schäumen und Übersprudeln provozieren! Darin liegt auch etwas Tröstliches, etwas „auf der ,anderen Seite der Trauer, (…) in der zurückgewendeten Liebe“, „Dichtung, was ist sie? Das Dichten ist ein Sterben und Erinnern zugleich, ein Strömen, ein Psalm, ein Verwandeln.“ So sind wir also wieder beim Bautrupp, wo sich gerade der Architekt eingefunden hat, um an Hand des Planes noch einmal die Baustelle zu prüfen. Sehe ich abfällige Blicke der Arbeiter gegenüber dem Planer? Ist alles in Ordnung? Kieselsteinplan. Für die unsichtbare Universität. Ein schmales Buch, erschienen in einem Berliner Verlag. Und der erste Satz lautet: „Ein Augenblick der Verneinung und man bewegt sich in allen Sprachen“. Motto für „die unsichtbare Universität“ oder vielleicht Universalität? Das wäre wohl zuviel an Bedeutung, zuviel dicker Mitte, dem Peripheriewanderer angetragen, Betrachtet man den Satz genauer, so geht es ja auch nicht um „die Verneinung“, sondern nur um „einen Augenblick der Verneinung“, einen Kippschalter, der uns nicht nur den Zugang zu allen Sprachen, sondern auch zu allen Disziplinen oder Fakultäten eröffnen kann. Vielleicht meint dieses Durchmischen oder Ineinander-Übergehen von, sagen wir Logik, Politik, Physik, Tankstellenfarbenlehre, Sprachwissenschaft, Gartenbaukunde, Architektur et cetera einen Kieselsteinplan für die neue Universität. Hier schlägt ein Autor nicht nur Schneisen in sein Fachgebiet, sondern er ist in einem umfassenden Sinne tätig. Das Einzelne und das Allgemeine; der Spaziergänger, der sich durch das Einzelne und durch die Weite, die Allgemeinheit, die unsichtbare Universität der Landschaft bewegt und seine Dosen, seine Zigarettenschachteln, Betonstücke entdeckt, die im Anhören ihrer Geschichte hier auf dem Waldboden zur Universalität eines Gedichtes werden, dieses Gedicht sind. Und sogleich stürmt das Kind in mein Arbeitszimmer, springt herum und will ballspielen gehen, das heißt, es zieht mich eines solchen Satzes wie des vorherigen, des Geistesmißbrauchs. Ich rekapituliere: Ein Satz wie der vorherige ist gierig nach Lösungen, er ist lösungsgeschädigt oder -beschädigt. „Gedichte und Teillösungen“ heißt der Essay, um den es geht, Teillösungen, das ist zwar auch eine Lösung, doch sie läßt mich feststellen: Der Autoabstellplatz da unten ist zum Großteil fertig. Heute ist Sonntag und es wird nicht gearbeitet, Das Kind ist wieder ins Wohnzimmer gegangen und ich schreibe diese Zeilen schnell und locker zu Ende. Spaziergang hin oder her, eines darf ich nicht unerwähnt lassen in Bezug auf Peter Waterhouse, und das ist das Wasser. Vielleicht sind seine Spaziergänge auch Auf-dem-Wasser-Spaziergänge oder Bootsfahrten, ein Segelbootgleiten? Auftauchen, untertauchen, zerfließen, verdunsten, gefrieren, schmelzen, die Liste kann beliebig fortgesetzt werden. Das Wasser, unser Element. Ist hier der Spaziergang zu Ende? Noch einmal der Autor: „Der blaue Himmel über dem Spaziergänger ist, sobald von ihm geschrieben oder gesprochen wird, weiß.“ Und: „In meinen Sätzen ist kein Zwang mehr, verstehen sie das?“ Und: „Gedichte geben das Sichere und Gute.“ Das steht am Ende des Gedicht-Essays „Gedichte und Teillösungen“, geschrieben zum Jahreswechsel 1994/95. Es soll auch am Ende dieses Spazierganges stehen: „Gedichte geben das Sichere und Gute.“

Hans Eichhorn

 

 

Inhaltsverzeichnis

− Hugo Dittberner: Peter Waterhouse, unterwegs zu den Namen
− Peter Waterhouse: Unsere Namen werden lebendig
− Hans Eichhorn: Der Spaziergänger. Versuch über Peter Waterhouse
− Stefanie Menzinger: Übergang Untergang. Vom Gehen im Schreiben bei Peter Waterhouse
− Yoko Tawada: Blumen blühen auch elektrisch. Zu Blumen von Peter Waterhouse
− Hartmut Kasper: Meister Peter, Mystiker
− Alexandra M. Kedveš: „Ich vernähte den Himmel mit dem Straßenstück vor dem Haus“. Die Arabeske als thematische Form bei Peter Waterhouse
− Hermann Korte: „Mit keinem Wort ein Wissen“. Die kurzen Gedichte von Peter Waterhouse
− Martin Kubaczek: Sprachliche Topographie. Zur Konzeption des poetischen Raums bei Peter Waterhouse
− Luigi Reitani: Durchlässige Textlandschaften. Zu einer poetischen Konstante im Werk von Peter Waterhouse
− Gerhard Grössing: Das Schwärmen der Sprache
− Luigi Reitani: Bibliographie der Werke von und über Peter Waterhouse

 

Ankündigung

Peter Waterhouse gehört – mit seinen ästhetischen Konzeptionen und mit seiner Radikalität – zu den anregendsten Vertretern gegenwärtigen avantgardistischen Schreibens. Er versteht seine Literatur als einen Beitrag im „Meer der Lösungen“, als Teil eines Kontinuums ohne eigentlichen Anfang und ohne eigentliches Ende, in das er einstimmt, um darin Fragen und Formen zu finden: Wörter und Sätze, die aufhorchen lassen und aufschrecken, da sie sich plötzlich in kategorial anderer Umgebung wiederfinden. Die Wort- und Satzfindungen von Peter Waterhouse entstammen verschiedenen, auch romantischen Traditionen, verdanken ihre Herkunft den Einflüssen von Autoren wie Adalbert Stifter, Paul Celan, Michael Hamburger, Basho und Gerard Manley Hopkins. Diese Findungen bringt Waterhouse in Kontakt mit Anklängen, in neue Nachbarschaften, er bewirkt Befremden und macht sie durch diesen Akt des ,Übersetzens‘ durchlässig: Die Titel seiner ersten Bücher – MENZ (alias Mensch) und passim – rufen das programmatisch auf. Mit seinem einerseits meditativen, andererseits rebellischen Verfahren bringt Waterhouse die sprachlichen Verhältnisse zum Tanzen und zum Leuchten. Seine Arbeiten werden so zu Mustertexten einer neuartigen romantischen Reflexion. In diesem Heft versuchen Dichterkollegen, das Faszinosum des Autors Peter Waterhouse zu klären, wissenschaftliche und kritische Kenner erschließen Hauptlinien, Strukturen, Konstanten und Entwicklungen seiner Texte. Beiträger sind unter anderen Hans Eichhorn, Stefanie Menzinger, Yoko Tawada, Hartmut Kasper, Alexandra M. Kedveš, Hermann Korte, Martin Kubaczek, Luigi Reitani und Gerhard Grössing. Ein bisher unveröffentlichter Text von Waterhouse ergänzt die Analysen. Die erste umfassende Bibliografie zu Waterhouse beschließt diesen ersten großen Überblick über sein Werk.

edition text + kritik, Ankündigung, 1998

 

Zeitschriftenlese

Es gehört wohl zu den stärksten Passionen junger, selbstbewusster Zeitschriftenmacher, die jeweils amtierenden Literaturpäpste zu grimmigen Bannflüchen zu reizen. Auch im Falle von Heinz Ludwig Arnold, dem Erfinder der Zeitschrift Text + Kritik, kam es zu Verwerfungen, als der junge Germanistikstudent im November 1962 den großen Friedrich Sieburg, seines Zeichens Chefkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, um ein existenzsicherndes Inserat für seine neue Zeitschrift anging. „Sie scheinen nachgerade an einem hoffnungslos gewordenen Qualitätsbegriff festhalten zu wollen“, so komplimentierte Sieburg artig den jungen Editor, um anschließend die Peitsche zu zücken: „Sie nennen für die erste Nummer drei Namen, die mir alle drei gleich widerwärtig sind, nämlich Günter Grass, Hans-Henny Jahnn und Heinrich Böll. Das ist … eine trübe Gesellschaft, dem deutschen Waschküchentalent entstiegen und gegen alles gerade Gewachsene feindselig gesinnt.“ Zwei Jahrzehnte später, so behauptet die Legende, war es Sieburgs Nachfolger Marcel Reich-Ranicki, der mit derben Beschimpfungen der „Schweine-Bande“ um „Arnold-Dittberner-Kinder“ nicht geizte.
Der so Attackierte ließ sich nicht einschüchtern. Der damals 22-jährige Arnold setzte in seinen ersten beiden Heften unverdrossen auf seine Hausgötter Grass und Jahnn – und es gelang ihm scheinbar mühelos das, was bei Rainer Maria Gerhardt, dem heute vergessenen Literaturgenie der Nachkriegszeit, noch in astronomisch hohen Schulden und einem tragischen Freitod geendet hatte. Unter dem ursprünglich von Arnold gewünschten Zeitschriftentitel fragmente hatte Gerhardt schon 1951/52 in seinem großartigen literarischen Journal dem restaurativen Nachkriegsdeutschland die Leviten gelesen, war aber an notorischem Geldmangel und ästhetischer Kompromisslosigkeit schon früh gescheitert.
Heinz Ludwig Arnold und seine frühen Mitstreiter Gerd Hemmerich, Lothar Baier und Joachim Schweikart hatten mit Text + Kritik mehr Glück. Das Konzept, sich in kritischen Aufsätzen immer nur einem wichtigen Gegenwartautor zu widmen, schien zunächst nur auf ein germanistisches Fachpublikum zu zielen. Nachdem er aber auf listige Weise beim Chefmanager von HAPAG-Lloyd eine Spende von 1000 DM rekrutiert hatte, begann Arnold mit seinem neuen Literaturblatt von Göttingen aus die literarische Welt zu erobern. Das Debütheft über Günter Grass, ein 32 Seiten-Heftchen, ist noch heute, in stark erweiterter und aktualisierter Fassung, zu haben. Für den Eröffnungsbeitrag, eine „Verteidigung der Blechtrommel“, hatte Arnold den Brüsseler Germanisten Henri Plard gewinnen können, den er während seiner literarischen Lehrjahre als Sekretär Ernst Jüngers kennen gelernt hatte. Auf sein literarisches Adjutantentum bei Ernst Jünger, das von 1961 bis 1963 währte, blickte Arnold später mit einigem Ingrimm zurück, zuletzt in seinem Text + Kritik-Heft zu Jünger, das die schärfste Kritik am Anarchen aus Wilflingen enthält, die jemals aus literaturwissenschaftlicher Perspektive geübt wurde.
Die Lust an der literaturkritischen Auseinandersetzung zeichnet ja nicht nur das Jünger-Heft, sondern viele andere Projekte der edition text + kritik aus, die 1969 im juristischen Fachverlag Richard Boorberg ein festes verlegerisches Fundament gefunden hatte und dort ab 1975 als selbständiger Verlag agieren konnte. Text + Kritik war nie ein Forum für urteilsschwache Germanisten, die jede interpretative Wendung mit einem Überangebot an Fußnoten absichern, sondern ist bis heute die bevorzugte Schaubühne für philologische Feuerköpfe, die cum ira et studio für oder gegen einen Autor und sein Werk eintreten. So muss jeder Autor, dem die Ehre zukommt, in einem Text + Kritik-Heft analysiert und seziert zu werden, mit kritischen Dekonstruktionen des eigenen Werks rechnen.
Mittlerweile hat die öffentliche Aufmerksamkeit nachgelassen, aber die angriffslustige Essayistik ist auch nach insgesamt 157 Heften das Markenzeichen von Text + Kritik geblieben. In Neuauflagen und Aktualisierungen wurden veraltete Urteile revidiert, beim Wechsel der Denkschulen und Interpretationsmethoden aber auch so mancher Purzelbaum geschlagen. In der 5. Auflage des Ingeborg Bachmann-Heft exponierte sich z.B. eine schrille feministische Literaturwissenschaft, der Sonderband Nr. 100 über „Literaturkritik“ publizierte massive Attacken auf Marcel Reich-Ranicki. Einem euphorischen Sonderheft über „die andere Sprache“ der „Prenzlauer-Berg-Connection“ folgte mit der Nummer 120 alsbald die Selbstkorrektur im desillusionierten Blick auf den Zusammenhang von „Literatur und Staatssicherheitsdienst“. Die subtilsten, stilistisch funkelndsten Schriftsteller-Entzauberungen haben in den letzten Jahren Hermann Korte und Hugo Dittberner verfasst. Über Sarah Kirsch, in der Nummer101, findet man z.B. die wunderbare Sentenz, die Dichterin schreibe „Gedichte, die durch forcierte intellektuelle Unterbeanspruchung langweilen“. Diesen Königsweg literaturkritischer Unruhestiftung will Text + Kritik nicht mehr verlassen.

Michael Braun, Saarländischer Rundfunk, April 2003
Fakten und Vermutungen zu TEXT+KRITIK

 

Laudatio anläßlich der Verleihung

der Adolf Mejstrik-Ehrengabe

der DEUTSCHEN SCHILLERSTIFTUNG VON 1859

1985 wurde der Peter-Huchel-Preis für Lyrik zum zweiten Mal verliehen; das Land Baden-Württemberg und der damalige Südwestfunk hatten ihn das Jahr zuvor gestiftet. Die Gedichtbände von über 150 Autoren des Verlagsjahres 1984 wurden im Vorverfahren in Betracht gezogen. Die Jury entschied schließlich über 36. Guntram Vesper erhielt den Preis. In Vertretung des Ministers überreichte ich ihn. Warum erzähle ich Ihnen das? Unter den 36 Lyrikbänden der schließlichen Auswahl war der Erstling eines bis dahin so gut wie noch nicht in Erscheinung getretenen Autors englisch-österreichischer Herkunft. Dem Erstling den Preis zu verleihen, konnte die Jury des Peter-Huchel-Preises sich nicht entschließen. Die Skepsis, ob es sich nicht um eine Eintagsfliege handle, ist bei Erstlingen nicht unangebracht. Die Huchelpreisjury war jedoch durch die Frische und unprätentiöse Neuheit des Tons dieser ungewöhnlicherweise in Langzeilen geschriebenen Gedichte so angetan, dass sie kurzerhand beschloss, über das hinaus, was die Preissatzung vorsieht, eine ergänzende Auszeichnung zu schaffen. Der Hüter der Satzung in diesem Gremium, das war ich, widersprach dieser Lösung aus Überzeugung nicht. Und so hieß es in der Verlautbarung über die Verleihung des Peter-Huchel-Preises 1985:

Als besonders bemerkenswerte Erstveröffentlichung stellt die Jury den Lyrikband MENZ des in Pisa lebenden Österreichers Peter Waterhouse heraus.

Damit ist der Name gefallen. Peter Waterhouse ist 1956 in Berlin-Charlottenburg als Sohn englisch-österreichischer Eltern geboren, er wuchs zweisprachig, und, weil die beruflich bedingten Versetzungen des Vaters das so mit sich brachten, an wechselnden Wohnorten auf, unter anderem in Südostasien und in England. Nach dem Besuch deutscher Gymnasien studierte er in Wien und in Los Angeles. Der Zwanzigjährige reist erstmals nach Italien und entdeckt dort die Sprache und – wie er es nennt – die „malaysischen Wiesen Friauls“. Fürs Jahr darauf, also 1957, datiert er seine erste Begegnung mit der Dichtung Paul Celans. 1982, während des Rückflugs aus Amerika, entstehen seine ersten Gedichte, die dann in den Band MENZ eingingen. Für 1983 setzt er an den Beginn seiner Verbundenheit mit Alfred Kolleritsch und der Zeitschrift manuskripte in Graz, für 1985 die der Verbundenheit mit Norbert Wehr und Hermann Wallmann und der Zeitschrift Schreibheft in Essen. 1985 wurde Waterhouse in Wien mit einer Arbeit über die Dichtung Paul Celans promoviert. Peter Waterhouse lebt als Übersetzer und Freier Autor in Wien.
Eine „Selbstauskunft“ – überschrieben „Leibniz schweigt“ –, die Peter Waterhouse im „Juli 1986“ gegeben hat, beginnt er:

Die Augen sind beinahe unterbrechungslos offen, aber über das Sehen ist schwer sich einigen. Man liegt sehr oft zwischen Blumen und sofort einer Wiese und weiß viel. Am Ende des Nachdenkens hat vielleicht alles falsche Namen. Ein Glas Wasser getrunken macht den Menschen innen nach großer Heiterkeit rufen. Das flache Gesicht kennt sich selbst hinter diesem Gesicht. Das Sehen geht weiter.

Augen, Sehen, Gesicht und noch einmal Sehen sind das Gerüst dieser Passage. Waterhouse fährt fort:

Nachmittags entstehen Worte wie: Ohrensausen, Rollschuh und andere, und es ist mit diesen Worten fast ein Umgang mit dem Abgrund gefunden. Unterschätzt ist immer das eigene, und das ist gut, und dann ist es nicht gut. Konstruktion, ja, und diese wieder ins Gespräch gebracht mit etwas anderem, das weiter geht, wie das Sehen.

„Eine Poetik, ja, eine, die das nichtgeschriebene betrifft“, endet die „Selbstauskunft“, als ziehe Waterhouse sich damit aus dem Gesagten wieder zurück. „Die Sprungbewegungen (das Shiften) der Texte“ sei weniger unzugänglich, als sie scheinen“, meinte Alexander von Bormann 1985 in der ZEIT, „Sie bilden Sehweisen ab, zu denen es Zugänge gibt: in der Kindheit, im Traum, in anderen Kulturen, in der Poesie.“
Hans Eichhorn, in dem Peter Waterhouse gewidmeten Heft 1/98 der Zeitschrift für Literatur TEXT+ KRITIK überschreibt seinen „Versuch über Peter Waterhouse“: „Der Spaziergänger“. Konzentration und Absichtslosigkeit charakterisieren den Spaziergang. „Diese beiden Begriffe“ seien für ihn, Eichhorn, „ein Zugang zum Werk von Peter Waterhouse: Der Spaziergänger. Der Sprachspaziergänger. Der Sprachspazierseziergänger. Der Sprachsezierspaziergänger.“ Er zitiert Waterhouse:

Im Akazienwäldchen liegen Dosen, Papier, Zigarettenschachteln, zerbrochene Ziegel und Betonstücke auf dem Gras und Moos. Fast hörbar, wie die Dosen auf das Weiche geworfen wurden, das Papier zerrissen wurde, der Ziegel einmal zerbrach. Auf dem Akazienwaldboden liegt also ein Gedicht.

„Die Dinge sprechen“, fährt Eichhorn fort, „sie erzählen ihre Geschichte, diese Geschichte ist hörbar. Hier liegt also ein Gedicht und da liegt ein Gedicht. Lauter gefundene Gedichte, Gedicht-objets trouvés.“ Aber, nicht wahr, Sie erinnern sich: Eichhorn sprach nicht allein von Absichtlosigkeit, er sprach von Konzentration und Absichtslosigkeit, folglich an anderer Stelle vom „Willen zum Gedicht“.
Und so mag ein Gedicht, dieses und das abschließende sind nachzulesen in dem 1986 erschienenen Band passim, aus der einen Zeile bestehen:

Glauben Sie mir das Wort Blume?

Straßenecke, Zaun. Wovon spreche ich? Musik aus welchen Fenstern?
Die Dachziegel sind Schutzheilige im einzelnen. Eisenbahngleis.
Man kann ein Ausland als Kopftuch tragen. Wo ist mein Kopf? Was zählt? Hör auf.
Blaues Haus. Und Gesicht der Tiefe. Ich muss noch alles verlernen. Hier ist die Liebe.

Unter den fünf Ehrengaben der Deutschen Schillerstiftung von 1859 ist die Adolf Mejstrik-Ehrengabe der Lyrik gewidmet. Die Jury schlug vor, mit ihr dieses Jahr Peter Waterhouse auszuzeichnen.

Egbert-Hans Müller

 

Fakten und Vermutungen zu TEXT+KRITIK
Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Galerie Foto Gezett +
Dirk Skiba Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Waterhouse“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Peter Waterhouse

 

Peter Waterhouse liest beim Tanz um das goldene Nilpferd am 10.3.2012 im Klagenfurter Ensemble.

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