Tim Holland: vom wuchern

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Tim Holland: vom wuchern

Holland-vom wuchern

BIG DATA LOVE

du bist goldgräber. ich bin gold
du stehst im fluss. ich fließe
du wirst nicht nass

du bist grubenarbeiter
ich bin schatz. ich bin dein
schatz. hebe mich
so schwer bin ich nicht

ich bin eins. mit mir kannst du rechnen
auf mich kannst du zählen
aber gehe pfleglich mit mir um
ich bin eine rassige ressource

ich halte die fenster offen, das sind meine anteile
ich schließe die fenster. Ich verliere jeden überblick
reset heißt shutdown
und der verlust des teilrisikos. schwacher ableger.

die DNA dieser topfpflanze sollte doch mehr können
das nächste mal streue doch besser, streue doch früher
heute waren die verluste groß

dieses risiko ist bekannt, eine altbekannte
nutzpflanze. lass die DNA dieses risikos patentieren

ich suche dich
ich sporne die suchmaschine an

„land in sicht!“ fragt nicht nach dem land
„land in sicht!“ fragt nach der sicht

du sagst mir, wohin es geht
und wie man sich bewegt:
als was soll ich kommen?

ich bin ein teil von dir. du gibst mir raum
zur spaltung. du bist ein teil von mir
ich erkenne dich
ich beginne meiner erkenntnis zu ähneln
ich erkenne mich

hier hat erkenntnis system,
eine notwendigkeit der ntuzung.
du bist der diskrete
untersuchungsausschuss,
der meine emotionen diskutiert
und feinsäuberlich ablegt
du erkennst mich

ich traue dir
ich trau dir nicht
ich traue dir
du traust mir nicht
ich weiß nicht, wem nicht zu trauen ist
wir wissen voneinander

ich traue dir.
ich traue dir nicht
ich traue dir
träumst du von mir?

du rasierst das feld
ich wende das heu
du holst es ein
ich wende das heu
du wendest mich
du bist der große traktorist
du schneidest an und befiehlst den zweiten schnitt
du dengelst stetig
quengelst nicht

du rasierst mich
du wendest das heu
halm für halm für halm
almunabhägnig

du bist der große protokollant
du protokollierst verlauf und bestand
ich bin immer auf der tagesordnung
ich lobe deine strukturelle sanftmut
ich lobe deine subtile logik.
du konzentriest meine zerstreute aufmerksamkeit
summierst mich auf,
du rekonstruierst mein ich
und tröstest mein inneres kind
du weißt, wenn es schreit
ich würde nur die flasche geben
du aber, du kannst mehr
ich lobe deine anarchie.
du scheißt auf die besuchszeit
du bist immer für mich da
ich preise dich, trockenäugiger warlord
du bist mir zugeneigt, kommst mir entgegen
liest meine wünsche und machst mich wunschvoller
du hast das zärtlichkeitsmonopol und übersteigst
die täglich empfohlene menge an zärtlichkeit

ja du bist abrakadabra, tandaradei
ei dei dei, tam tam wie bla bla,
krimskrams
und remmidemmi
du bist hokus pokus, simsalabim
sesam öffne dich, hexhex
du bist spiritus rector
du bist spiritus sancti
urbi et orbi

 

 

Mit dem Band vom wuchern

legt er nun sein Debüt vor, das man in seiner Form als durchaus ungewöhnlich bezeichnen kann. Das Buch besteht aus den beiden Teilen „nachdernacht“ und „theorie des waldes“, wobei der erste wie eine Landkarte gestaltet, der zweite ein eingelegtes Heft ist.
Bei „nachdernacht“ handelt es sich um einen raumgreifenden lyrischen Text, der die „Poesie der Fläche“ (Franz Mon) neu auslotet und das Verhältnis von Schrift und Fläche untersucht. Das Grundgerüst bildet dabei ein Zyklus an Pantumen, Texten also, die in einer alten, ursprünglich malaischen Strophenform gebunden sind. Das Pantum wurde ursprünglich zu festlichen Anlässen mündlich vorgetragen, im 16. Jahrhundert erstmals schriftlich fixiert und fand im 19. Jahrhundert auch bei Schriftstellern in Europa Anklang. Das Pantum zeichnet sich durch ein strenges Wiederholungsmuster der Strophenform aus. Die zweite und vierte Zeile der vierzeiligen Strophen werden zur ersten und dritten Zeile des darauffolgenden Vierzeilers. Die Strophenzahl – und damit die Länge des Gedichtes – ist variabel. Durch die zyklischen Wiederholungen der einzelnen Zeilen entsteht ein Ringelreihen, und durch die Verknüpfung mit hinzukommenden Zeilen gehen die Verse immer neue Sinnzusammenhänge ein. Das Ende des Pantums findet sich in der Aufnahme der ersten und dritten Zeile des ersten Vierzeilers.
Wo sonst das Gedicht frei auf der Buchseite steht, lagern sich bei der Textfläche „nachdernacht“ prozessual weitere Sprach- und Satzpartikel am einzelnen Text ab, ergänzen und kommentieren ihn. Die hoch verdichtete Form wird aufgesprengt, Verse werden wiederholt, remixed und weitergesponnen. Zum Teil inhaltlich assoziativ, zum Teil lautassoziativ und anagrammatisch, entfaltet sich der Text und spannt sich auf zu einem Netzwerk, das keinen eindeutigen Anfang oder Ende vorgibt. Der Leser muss sich selbst im Textgeflecht orientieren. „Ein textliches Wurzelwerk soll entstehen, in dem die einzelne Zeile zu oszillieren, der Text zu zittern beginnt“, so der Autor.
„wald ist die neue weltordnung“ lautet die letzte Zeile von „theorie des waldes“, ein experimentell angelegtes ,Textnetzwerk‘ des Lyrikers, das den Leser in Form verschiedener, miteinander verwobener Exkurse schließlich zu einer neuen ,Ordnung‘ führt. Ergänzt durch Zeichnungen des Autors ,wuchern‘ und ,verwurzeln‘ sich hier auf 32 Seiten verschiedene Textstränge, die in ihrer Kombination ein Konglomerat bilden, das sich vielfach verzweigt und immer wieder neue Bezüge herstellt.

Die theorie des waldes unterläuft Erwartungen. Weder ist sie Theorie noch Gedicht. Sondern eine hybride Textform, die in sprachspielerischen Bewegungen ihre Umwelt erkundet. Aus dem Spiel entsteht Welt und Welt wird im Spiel definitorisch abgeleitet. Der Wald, die Wiese, der Maulwurf (ein Tier, das nur mit den Händen gut sieht), die Angst (sie beweist nichts, tut aber, was sie kann), ein Fuchsteufelswild… Sie alle bewegen sich, nicht in einem beliebigen, sondern in einem ununterscheidbaren Raum zwischen Erkenntnis und Verwurf, Zeichnung, Aphorismus und Kalauer. (Tim Holland)

Der mit Karte und Heft ausgestattete Band wurde von Michael Wagener gesetzt und gestaltet (unter Verwendung der kartografischen Arbeit „dauerlandschaft – eiland | island“ von Michael Wagener und Zeichnungen aus der Serie „theorie des waldes“ von Tim Holland). Das Heft „theorie des waldes“ ist als Band 7.b der reihe staben auch einzeln erhältlich.

Gutleut Verlag, Ankündigung

 

Vollwertig umbaumter Raum

– Der Lyrikband vom wuchern des jungen Dichters Tim Holland aus Tübingen vermisst die Enge des Waldes und findet hier auch einen Maulwurf, der schlecht im Weitwurf ist. –

Für die Sprache gilt das Wort vom Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht. Man nähert sich ihm nicht, er tritt einem nicht entgegen, trotzdem ist man plötzlich von Bäumen umstellt. „greifst du in den bewegten gestand?“, fragt der in Tübingen geborene Dichter Tim Holland, der mit seinen 28 Jahren selbst noch ein eher junges Gewächs ist. Mit dem schönen Debütband vom wuchern trägt es, nach einem Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, nun erste Früchte. Darin findet sich die „theorie des waldes“ auf 32 kreuz und quer bedruckten Seiten, die zum Abschweifen ins Unterholz einladen.
Überall wimmelt es, und ein „maulwurf“, der „nicht gut im weitwurf“ ist, gräbt sich durch die Seiten. Im Hintergrund steht immer auch das unbedruckte Papier, das mal echter Wald war:

vor lauter lichtung den
wald nicht sehen

Alles wächst, indem es sich in sich verläuft:

wenn ein baum
in zwei bäumchen zerfällt
ist das bereits wald?

Eine Frage, die einen umtreiben kann. „wohl käumchen“, frohlockt der Dichter, „das ist zweidimensionaler / wald. vollwertiger wald ist immer umbaumter raum“.
Überschüssig im Wortsinn ist dieses textuelle Gebilde, in dem man plötzlich auf mathematische Formeln trifft, englische Parks mitten im dichtesten Gestrüpp. Es verhält sich mit der Sprache hier ähnlich wie im Bild Wittgensteins, der sie mit einer alten Stadt verglich. Deren Zentrum bilde ein „Gewinkel von Gässchen und Plätzen“, „umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern“.
Ein Zentrum hat Hollands Wald nicht, er „bleibt unterabgetastet“, denn seine „theorie des waldes“ funktioniert dialektisch. Den Gegenpart bildet „nachdernacht“, eine ausfaltbare Karte, die neben dem Wald-Heftchen in der Klapphülle aus Karton steckt – zusammen bilden sie das Buch „vom wuchern“. Statt eines Inhaltsverzeichnisses hat „nachdernacht“ ein Register mit Koordinatenangaben, doch auch die zur Fläche entfaltete Totalschau bietet keine Gesamtübersicht. Es herrscht die Hermetik quadratischer Textblöcke im Schriftsatz, aber diese Blöcke brechen auf, Zeilen fließen ineinander, Worte liegen plötzlich frei im Raum.
Der Band entstand als Zettelsammlung, die vom Schreibtisch des jungen Dichters aus über den Fußboden, schließlich die Wände emporwucherte und so ein sprachliches Gewächs in der Fläche bildete, halb Wald, halb Karte, entsprechend den beiden Teilen des Buchs. Gemeinsam ist ihnen der „vermessene“ Anspruch, hier werde etwas vermessen. „Die notwendige Bedingung für die Geburt der Kartografie ist weniger die Überzeugung von der Materialität der Welt, sondern der Glaube an die Möglichkeit einer Materialisierung durch die Erschaffung eines analogischen, symbolischen Bilds“, heißt es in L’empire des cartes von Christian Jacob, einer Geschichte der Kartografie. Das Erkenntnisversprechen der Dichtung hingegen ist nicht das „geflügelte Wort“, sondern dass die Worte Wurzeln in die Erde schlagen und sie „maulwürfig“ durchdringen. Und dann? Holland notiert:

die bäume akupunktieren die erde
die erde entspannt sich

Philipp Bovermann, Süddeutsche Zeitung, 26.4.2016

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Jan Kuhlbrodt: Zu Tim Hollands Vom Wuchern
signaturen-magazin.de

Kristoffer Cornils, David Frühauf, Tim Holland: zettels raum
fixpoetry.de, 28.5.2016

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Porträtgalerie: Dirk Skibas Autorenporträts

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