Walter Hinck: Zu Dagmar Nicks Gedicht „Treibjagd“

Im Kern

Im Kern

– Zu Dagmar Nicks Gedicht „Treibjagd“  aus Dagmar Nick: Gezählte Tage. –

 

 

 

 

 

DAGMAR NICK

Treibjagd

Spätsommer, dieses Gespür
von Abschied voraus.
Hinter dir fällt schon die Tür
ins beschattete Haus.

Wind, der die Weite durchmißt:
deine Wege von morgen.
Was du verloren hast, ist
aufs neue zu borgen.

Bis der Herbststurm erwacht,
magst du noch draußen zelten,
die Schüsse während der Nacht
brauchen nicht dir zu gelten.

Fuchsfallen, im Acker getarnt,
findest du blind.
Erst wenn der Häher dich warnt,
weißt du: die Treibjagd beginnt.

 

Es geschieht mitten unter uns

Ein Spätsommer-, ein Herbstgedicht? Es mag zunächst so scheinen. Die Abschiedsstimmung der August- und Septembertage, die Ankündigung des Herbststurms und sogar der Treibjagd – alles dies deutet auf die Wiederkehr des gleichen im Wechsel der Jahreszeiten, im Kreislauf der Natur.
Vers und Reim stören solchen Eindruck nicht. Das metrische Gerüst, durch die unregelmäßige Folge von Hebungen und Senkungen gelockert, bekommt Halt im Endreim der kreuzweise gereimten Zeilen. Die Strophen unterliegen der Spannung und zugleich dem Ausgleich von Freiheit und Fessel – einem Gesetz, dem auch der Rhythmus des Jahreslaufs sich beugt. Die elegische Stimmung ist in den Klangkorrespondenzen wohlaufgehoben. Ein Gedicht also, das vom herkömmlichen Spätsommer- oder Herbstgedicht nicht sonderlich abzuweichen scheint.
Der Widerruf ist denn auch zunächst überhörbar; der Gegenzug gegen den herkömmlichen Gang des Gedichts setzt unmerklich ein. Eine Tür fällt zu. Der scheinbar belanglose, scheinbar vorläufige Vorgang bekommt aber bald den Charakter des Endgültigen. Die Zuflucht, die Schutz vor den Herbststürmen gewährt, ist versperrt. Die Wege, deren Richtung der Wind weist, führen ins Ungewisse. Kein Besitz bietet Sicherheit. Mitgenommen in die Zukunft wird nur das befristet Entliehene.
Das adverbiale „Noch“ bestimmt die Zeitperspektive: „noch“ bietet ein Zelt Notquartier. Aber wie schutzlos der Untergeschlüpfte schon ist, zeigt sich sogleich:

die Schüsse während der Nacht
brauchen nicht dir zu gelten.

Sie brauchen nicht, also können sie.
Damit ist die Erwartung, die der Gedichttitel „Treibjagd“ geweckt haben mag, widerlegt. Nicht ein Ereignis der Jagdsaison, nicht ein fröhliches Jäger-Spektakel steht bevor. Der Ausgesperrte selbst wird das Wild sein. Und auch die Vertrautheit mit dem Gelände kann nicht helfen. Die Menschenjagd wird beginnen.
Das Gedicht ist doppelbödig. Bis zum Schluß der dritten Strophe, wenn nicht gar bis zu den letzten beiden Versen bleibt ein versöhnlicher Ausgang immerhin möglich: seine Auflösung in eine Herbst- und Jagdidylle. So mag mancher Leser in die Falle des Gedichtes gehen. Da ist dann das Motiv des warnenden Hähers die letzte Warnung auch an den Leser.
„Keine Zeit mehr zum Warten und Hoffen / diese Jahre sind abgetan“, heißt es in einem anderen Gedicht des Bandes Gezählte Tage; „doch die Fluchtwege immer noch offen / über Länder und Ozean.“ Von solcher Offenheit der Fluchtwege spricht das Gedicht „Treibjagd“ nicht. Nimmt Dagmar Nick hier ein thematisches Grundmuster ihrer Dichtungen aus den frühen Nachkriegsjahren wieder auf, knüpft sie an die historischen Erfahrungen der Hitlerzeit, an die Schrecken der Juden-, der Menschenverfolgungen wieder an?
Die Zeitform der Sprache ist hier nicht das Präteritum. Vom „draußen zelten“ in diesem Augenblick, von den „Wegen von morgen“ ist die Rede. Vergangenheit ist wiederholbar, und Menschenjagden – wer abends die Nachrichten der Welt hört oder morgens sie liest, weiß es – sind finstere Gegenwart.
Doch lesen wir das Gedicht nicht zu einsinnig! Es gibt die Treibjagden jenseits des Scheinwerferlichts öffentlicher Medien, in den zwischenmenschlichen Verhältnissen, aus seelischer Verhärtung gegen die Außenseiter und Fremden, im psychischen Terror erkalteter Beziehungen. Das „du“ des Gedichtes, die Nähe, ist ernst zu nehmen. Das Kesseltreiben geschieht mitten unter uns.
Wirklich, ein Jahreszeiten-Gedicht mit doppeltem Boden.

Walter Hinck, Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Bd. 11, Insel Verlag, 1988

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