Wolfgang Brenneisen: Zu Erich Kästners Gedicht „Die Zeit fährt Auto“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Erich Kästners Gedicht „Die Zeit fährt Auto“ aus dem Band Erich Kästner: Gesammelte Schriften für Erwachsene. –

 

 

 

 

ERICH KÄSTNER

Die Zeit fährt Auto

Die Städte wachsen. Und die Kurse steigen.
Wenn jemand Geld hat, hat er auch Kredit.
Die Konten reden. Die Bilanzen schweigen.
Die Menschen sperren aus. Die Menschen streiken.
Der Globus dreht sich. Und wir drehn uns mit.

Die Zeit fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken.
Das Leben fliegt wie ein Gehöft vorbei.
Minister sprechen oft vom Steuersenken.
Wer weiß, ob sie im Ernste daran denken?
Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei.

Die Käufer kaufen. Und die Händler werben.
Das Geld kursiert, als sei das seine Pflicht.
Fabriken wachsen. Und Fabriken sterben.
Was gestern war, geht heute schon in Scherben.
Der Globus dreht sich. Doch man sieht es nicht.

 

Erstaunlicher Weitblick

Die Angelsachsen sind von einer beneidenswerten Nonchalance: In ihren Literaturgeschichten sprechen sie unbefangen von minor poets und meinen damit Dichter, die zwar den ganz großen wie Shakespeare, Keats, Joyce oder Faulkner nicht das Wasser reichen können, aber dennoch ihr Scherflein zum Schatz der englischen Literatur beitragen.
Diese lässige Toleranz kennt die deutsche Literaturgeschichte nicht. Hier heißt es: Alles oder nichts, und im Falle von Erich Kästner, der Ende der zwanziger Jahre sehr hoch in der Gunst des Publikums und sogar in der mancher Kritiker stand, neigt sich die Waage bedenklich mehr und mehr zum Nichts. Der jugendliche Heißsporn, der intelligente Dresdner mit der Berliner Schnauze, der 1928 mit seinem ersten Gedichtband Herz auf Taille Furore machte, reißt die heutigen Leser nicht mehr vom Hocker, und für die Germanistik war er schon immer – daran ändert auch sein Roman Fabian kaum etwas – eine Quantité négligeable, allenfalls eine Fußnote wert. Ein immer noch viel gelesener Kinderbuchautor? Um so schlimmer! Minor poets tun sich bei uns schwer.
Da haben wir hier also Kästners Gedicht: „Die Zeit fährt Auto“: Rasch runtergehauene Verse, wie wir vermuten, denn das war seine Arbeitsweise, das war der Stil des Studenten und frischgebackenen Redakteurs. Einfache Sätze, einfache Verse, einfache Strophen. Es reimt sich, die Versfüße stimmen, man versteht, was gemeint ist. Keine Formexperimente, keine Artistik, kein Ringen mit dem Weltgeist. Solides, schlichtes Handwerk, „Gebrauchslyrik“, wie sie Kästner selbst genannt hat.
Und dennoch. Der Mann hat einen erstaunlichen Weitblick. Meint er seine Zeit – oder unsere? Das stimmt ja immer noch, Zeile für Zeile! Man nehme die heutige Zeitung und vergleiche mit den aktuellen Nachrichten aus Politik und Wirtschaft. Nun gut, die Globalisierungsfalle kannte Kästner noch nicht, die Umweltprobleme bahnten sich erst an, das Experiment Sozialismus war noch nicht endgültig gescheitert. Aber sonst: Hut ab! Der Dichter als Seher – wird dieses Modell hier nicht auf das schönste bestätigt?
Es wäre jedoch ein arges Mißverständnis, wollte man Dichtung als eine Art Wahrsagerei mit einer gewissen Trefferquote legitimieren. Überraschend ist nicht, daß das Bild der Zeit vor rund siebzig Jahren immer noch aktuelle Bedeutung hat. Erschreckend ist vielmehr – und das wäre es auch für den Moralisten Kästner –, daß sich in der menschlichen Gesellschaft nichts wesentlich geändert hat. Der Globus dreht sich wie eh und je. Kein Fortschritt, Wiederkehr des Ewiggleichen. Dabei sind nicht nur Geld, Konjunktur und Wirtschaft gemeint: Das Leben fliegt wie ein Gehöft vorbei – unkontrollierbar wie ein Geschoß.
Dies ist das Gedicht eines jungen Menschen von nicht dreißig Jahren. Und doch klingt es wie das Resümee eines alten Mannes. Am Ende ist es der kalte, ungerührte Blick der Moiren, der Schicksalsgöttinnen, die aus erhabener Distanz das groteske Menschengewimmel betrachten. Die dichterischen Mittel sind nur auf den ersten Blick einfach. Durch den geschickt variierten Refrain, durch die lautlose, magische Bewegung der Erdkugel schließen sich die disparaten Einzelheiten zusammen. Dem unheimlichen Sog des Gedichtes kann man sich schwer entziehen. Frivole Zeilen verstärken nur seinen grotesken Charakter.

Wolfgang Brenneisen, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Hundert Gedichte des Jahrhunderts, Insel Verlag, 2000

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