Ai Qing: Auf der Waage der Zeit

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ai Qing: Auf der Waage der Zeit

Qing-Auf der Waage der Zeit

BÄUME

Hier ein Baum dort ein Baum
aufrecht steht jeder für sich
Die Luft und der Wind
zeigen uns ihren Abstand

Verdeckt von der Erde jedoch
recken sich ihre Wurzeln
und in der Tiefe entzogen dem Blick
umklammern sie sich

 

 

Nachbemerkung

Ein Dichter muß die Wahrheit sagen… Selbstverständlich, die Wahrheit zu sagen kann Unannehmlichkeiten bereiten, sogar Gefahren bringen. Wer aber Gedichte schreiben will, kann nicht gegen sein Gewissen die Unwahrheit sagen.

Als Ai Qing diese Sätze einer Gedichtsammlung voranstellte, war er ein siebzigjähriger Mann, der einmal zu den bekanntesten Dichtern Chinas gehört hatte, dann für zwei Jahrzehnte von der literarischen Bühne verschwand und nun wieder in die vordere Reihe der chinesischen Lyrik zurückgekehrt war.
Ai Qing, sein eigentlicher Name ist Jiang Haicheng, wurde am 27. März 1910 geboren. Während seiner Kindheits- und Jugendjahre durchlebte China eine leidvolle dramatische und wechselvolle Geschichte. 1911 stürzte die bürgerliche Xinhai-Revolution die letzte Kaiserdynastie und proklamierte die Republik. Da jedoch der feudale Grundbesitz auf dem Lande nicht beseitigt wurde, blieb die sozialökonomische Basis des chinesischen Feudalismus erhalten. Ebenso wurden die Machtpositionen der imperialistischen Mächte nicht angetastet, die sich durch militärische Aktionen und Verträge mit der kaiserlichen Regierung zahlreiche Privilegien – wie die gewaltsame Öffnung von Häfen, Errichtung von eignen Settlements mit Konsulargerichtsbarkeit in verschiedenen großen Städten und das Recht der Stationierung von Truppen – erpreßt und das Reich unter sich in Interessensphären aufgeteilt hatten. Auch nach der Xinhai-Revolution war China ein rückständiges, halbfeudales und halbkoloniales Land, das von revolutionären Aktionen erschüttert und ständigen Bürgerkriegen zerrissen wurde.
Im Gefolge des Umdenkungsprozesses, der nach der gescheiterten Revolution in weiten Kreisen der Intelligenz einsetzte, entstand um 1916/17 vor allem in Shanghai und Peking die „Bewegung für eine neue Kultur“, die für die Förderung von Demokratie und Wissenschaft eintrat und sich gegen den feudalen Überbau, speziell die alte konfuzianische Moral wandte. Ihre Träger waren junge kleinbürgerliche Intellektuelle, die sich um die von Chen Duxiu (1880 bis 1942) herausgegebene Zeitschrift Xin Qingnian („Neue Jugend“) scharten. Einer der führenden Köpfe war der erste Marxist in China, Li Dazhao (1889-1927), der marxistisches Gedankengut einbrachte. Diese Strömung bereitete den Boden für das Heranreifen der patriotischen und antifeudalen Massenbewegung des „Vierten Mai (1919)“, deren wichtigstes Ergebnis auf dem kulturellen Sektor die Schaffung einer neuen realistischen und allgemein verständlichen Literatur war. Bis dahin war das als seriös betrachtete Schrifttum in Schriftsprache abgefaßt, einem künstlich konserviertem Idiom, das auf der mehr als zweitausend Jahre alten klassischen Literatur basierte und keine Beziehung mehr zur gesprochenen Sprache hatte. Eine der Hauptforderungen der neuen Literaturbewegung bestand darin, die Schriftsprache durch eine der Umgangssprache angepaßte Literatursprache (Baihua) zu ersetzen. In dieser Zeit entstand auch eine junge Lyrik, die – ebenfalls in Baihua verfaßt –, eine Abkehr von den traditionellen poetischen Formen bedingte und an Namen wie Guo Moruo (1892-1978), Hu Shi (1891-1962), Wen Yiduo (1899-1946), Zhu Ziqing (1898-1948) u.a. geknüpft war. Sie orientierten sich an moderner Lyrik des Auslands oder nahmen nationale Traditionen, vor allem der Volkspoesie, auf und entwickelten mannigfaltige Formen bis zu den freien Rhythmen. Außerdem erschlossen sie der chinesischen Dichtkunst neue thematische Bereiche, indem sie sich auch sozialen Problemen zuwandten. In der Auseinandersetzung mit Strömungen, die die „reine Poesie“ und extremen Subjektivismus propagierten, setzte sich die realistische, an den Problemen des Landes orientierte Richtung durch. So waren Anfang der dreißiger Jahre die Grundlagen der modernen chinesischen Lyrik im wesentlichen gelegt.
Wie die meisten Intellektuellen jener Zeit entstammt Ai Qing einer unbedeutenden Gutsbesitzerfamilie. Er wurde in einem kleinen Bergdorf im südlichen Mittelchina geboren und auf Grund eines „bösen Orakels“ von einer mittellosen Dorffrau aufgezogen. Dieser frühe innige Kontakt mit den ärmsten ländlichen Schichten hat sein späteres Schaffen und soziales Engagement wesentlich vorgeprägt. Erst mit fünf Jahren wurde er zu seinen Eltern zurückgeholt und verbrachte eine freudlose Kindheit. Schon früh verriet Ai Qing künstlerische Neigungen: Er wollte Maler werden. Nach einem Semester an der Staatlichen Kunsthochschule in Hangzhou ging er 1929 nach Paris, wo er „drei Jahre in geistiger Freiheit und materieller Armut“ lebte. Er nahm dort auch Verbindung zu progressiven Intellektuellenkreisen auf. Wahllos las er Werke der europäischen Philosophie und Literatur und lernte moderne europäische Lyrik kennen. Nach eigener Aussage liebte er besonders die russischen kritischen Realisten sowie Majakowski, Alexander Block und Sergej Jessenin, weiter die französischen Symbolisten, speziell Rimbaud und Verlaine – der Symbolismus hatte zur damaligen Zeit großen Einfluß auch auf die junge chinesische Intelligenz –, vor allem aber die sozial engagierten Dichter Walt Withman und Emile Verhaeren. Nach seiner Rückkehr im April 1932 ließ er sich in Shanghai nieder und trat der Liga Linksgerichteter Künstler bei. Im Juli wurde er „wegen versuchten Umsturzes der Regierung“ ins Gefängnis geworfen, aus dem er erst nach drei Jahren vorzeitig entlassen wurde. Während seiner Haft vertauschte Ai Qing, der bereits in Frankreich gelegentlich Verse geschrieben und nach seiner Rückkehr sogar ein Gedicht veröffentlicht hatte, den Pinsel mit der Feder und wechselte zum Dichterstand über. Insgesamt entstanden 25 Gedichte, die er mit Hilfe von Freunden aus dem Gefängnis schmuggeln konnte. Das beste – erstmals unter dem Deck- und Künstlernamen Ai Qing gedruckt – war „Dayanhe, meine Amme“, das den jungen Autor mit einem Schlag berühmt machte. Im Unterschied zu den Lyrikern jener Zeit war Ai Qing über das Mitleid mit den Armen hinaus zur Beteiligung und Identifikation gelangt. In anderen Gedichten verarbeitete er seinen Europaaufenthalt. „Mit romantischen Illusionen“ war er aus dem halbfeudalen China in das fortgeschrittene demokratische Frankreich gekommen. Die Wirklichkeit des entwickelten Kapitalismus, die er hier erfuhr, wirkte trotz aller Faszination auf ihn ernüchternd. Einer der interessantesten Texte aus dieser Gruppe ist sicher „Paris“. Symbolistische Einflüsse sind hier unverkennbar. Auch biblische Stoffe hat er in dieser Zeit gestaltet.
Nach seiner Entlassung lebte er bis zum Ausbruch des chinesisch-japanischen Krieges in Shanghai. Daß er genau am Vorabend des japanischen Überfalls das Gedicht „Wieder zum Leben erwachte Erde“ schrieb, mutet wie eine Vorahnung an. Seine berufliche Tätigkeit als Pädagoge oder Redakteur führte ihn in den nächsten drei Jahren kreuz und quer durch das geschüttelte Land. Mit eigenen Augen sah er das Elend, das der Krieg den einfachen Menschen bringt. „Die Flickerin“ und „Schnee senkt sich auf Chinas Erde“ zeigen seine Betroffenheit. Er befand sich in jenen Jahren ständig in einer zwiespältigen Gefühlslage, die zwischen tiefer Niedergeschlagenheit und Zuversicht schwankte. Aus dieser Spannung heraus schuf er seine besten Verse. In dieser Zeit entstanden auch die bedeutenden Versepen „Er ist zum zweitenmal gestorben“ (1939) und „Die Fackel“ (1940). Vor allem das letzte, in Form eines szenischen Gedichts geschriebene Werk löste ein nachhaltiges Echo unter der jungen Intelligenz in den Guomindang-Gebieten aus.
Gesellschaftliche Determiniertheit und Parteilichkeit für die Armen und Unterdrückten sind die Besonderheiten der modernen chinesischen Literatur. Nur ein Schriftsteller oder Dichter, der sein Werk offen mit den akuten Problemen des Landes verband, vermochte auf die Dauer ein breites Publikum anzusprechen. Auch Ai Qing war von seiner ersten Zeile an politischer Dichter in dem Sinne, daß seine innere Befindlichkeit, über die seine Verse aussagen, in Übereinkunft stand mit der Befindlichkeit des Landes und seines Volkes, daß seine Gedichte die Grundstimmung seiner Epoche artikulierten. „Das ,ich‘ eines Dichters“, schrieb er, „meint in seltenen Fällen nur ihn selbst. In den meisten Fällen muß sich ein Dichter das ,ich‘ ausborgen, um die Gefühle und Hoffnungen einer Epoche wiederzugeben.“ Düstere, elegische Töne herrschen in dieser Zeit in seiner Lyrik vor, aber in ihnen schwingt Zorn mit, der Widerstand suggeriert und suggerieren will. Dieser Gedanke findet sich am Schluß vieler Gedichte deutlich artikuliert. Für den Kampf des Volkes um seine Befreiung, so meint er, muß der Poet seine schöpferische Fähigkeit einsetzen. Damit will er betonen, daß es nicht genügt, wenn ein Gedicht wahr (der Einsicht des Dichters in die Welt entsprechend) und gut (für die Gesellschaft nützlich) ist, es muß obendrein schön sein. Schönheit ist für ihn nicht wertfrei und „allgemeinmenschlich“, aber er betrachtet sie als das eigentliche Wesen der Poesie. Diese Position war zu einer Zeit, als sich die progressive Literatur vornehmlich als Waffe verstand und die inhaltliche Seite überbewertete, nicht selbstverständlich. Das Denken in Bildern ist nach seiner Ansicht die grundlegende Methode des Dichters. Bilder machen das Abstrakte konkret und damit für den Leser erfahrbar. In seinen Gedichten, zumindest in den vor 1945 verfaßten, vermeidet er abstrakte Vorstellungen ebenso wie verbale Appelle, alles setzt er in poetische Bilder um, die an der Wirklichkeit orientiert sind und auf genauer Beobachtung beruhen. Das Noch-nicht-Erfahrene, die vorerst erträumte Zukunft behandelt er meistens in allegorischer Form, durch Personifikation der Sonne, der Morgendämmerung oder auch des Feuers. Seine Sprache ist schlicht und konzentriert. Er vermeidet schwülstige und ausgefallene Wörter und schreibt klar gegliederte Sätze in einer nahezu schulbuchhaft genauen Grammatik, bar aller „poetischen Freiheiten“. Anfängliche europäische Tendenzen, so das Kokettieren mit schwer durchschaubaren langen Satzperioden und das Spiel mit kulturhistorischen Symbolen u.ä., hat er schnell abgestreift.
Ai Qing gilt als Meister der freien Rhythmen in der chinesischen Poesie. Seiner Meinung nach ist es letztlich die poetische Idee und nicht die Form, die das Gedicht ausmacht. Er will seine Gedanken nicht in eine vorgegebene Hülle gießen, vielmehr soll die Form unmittelbar aus dem sich ständig wandelnden Fluß seiner Worte erwachsen, jede Zeile soll genau so lang sein wie erforderlich, um einen Gedanken so bildhaft und im Rhythmus so angemessen wie nötig und so knapp und präzis wie möglich auszudrücken. „Lieber nackt sein als eine Kleidung anlegen, die deiner Figur nicht paßt und die Atmung erstickt“ ist eins seiner Postulate. Ai Qing schreibt Verszeilen von sehr unterschiedlicher Länge, die aus freien Abfolgen meist zwei- oder dreisilbiger Sprechtakte bestehen. Sie formieren sich zu langen oder kurzen Strophen von unregelmäßigem Aufbau. Reime treten nur sporadisch auf. Dennoch versteht er seine Dichtung nicht als zerhackte Prosa. Seine Gedichte haben eine ausgewogene innere Form, die aus der Anordnung der Bilder, der Präzision ihrer Sprachgebung, dem sowohl dem Satzbau als auch dem Stimmungsgehalt angepaßten Rhythmus, der bewußten Wiederholung von Sprach- oder Formmitteln usw. resultiert. Über freie Rhythmen verfügt er souverän, verwendet aber gelegentlich auch gebundenere Formen.
Im Herbst 1940 kam Ai Qing nach Chongqing, dem Sitz der Guomindang-Regierung, wo er von den Behörden bespitzelt wurde. Einer Aufforderung Zhou Enlais folgend, ging er deshalb im Frühjahr 1941 nach Yan’an, dem damaligen Zentrum der Befreiten Gebiete. Hier, unter den völlig neuen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen, vollzog er endgültig und öffentlich den Bruch mit seiner Klasse. Er trat wohl 1941 bereits der Kommunistischen Partei bei, jedoch wurde die Mitgliedschaft bis 1945 nicht bekanntgegeben, um seinen Einfluß unter der Intelligenz in den Guomindang-Gebieten nicht einzuschränken. Er übernahm eine Reihe wichtiger Aufgaben und Funktionen und gründete zusammen mit einigen anderen Schriftstellern die noch heute existierende Zeitschrift Shikan („Poesie“). Nach der Kapitulation Japans und während des Volksbefreiungskrieges nahm er an Kampagnen für die Bodenreform teil. Aus diesen Erfahrungen entstand die 1948 veröffentlichte Gedichtsammlung Der Kuckuck, in der er in volksliedhaftem Ton das neue Leben im befreiten Dorf einzufangen suchte, wie das Gedicht „Boden bewässern“ zeigt.
Auch nach dem Sieg der Volksrevolution war er wieder mit wichtigen Aufgaben und Ämtern betraut. Unter anderem wurde er Chefredakteur der führenden literarischen Zeitschrift Renmin Wenxue („Volksliteratur“). In seiner Lyrik wandte er sich jetzt vorrangig internationaler Problematik, wie der Bewahrung des Weltfriedens und dem antiimperialistischen Kampf der Völker der dritten Welt, zu. Auf einer Zusammen mit einer ZK-Delegation unternommenen Reise durch die Sowjetunion entstanden begeisterte Verse. Zum Aufbau und zu den Problemen im eigenen Land äußerte er sich in seinen Werken kaum. Eines der seltenen Beispiele ist das Gedicht „Gut“. Allerdings wirkt die Mehrzahl der Gedichte dieser Periode im Vergleich zu seinem früheren Schaffen vordergründig. Ai Qings poetische Handschrift war in der Realität der Guomindang-Gebiete zur Reife gelangt. Bereits in Yan’an hatte sich angedeutet, daß er zunehmend Schwierigkeiten hatte, den aktuellen Anforderungen, die in den Befreiten Gebieten von einem neuen, gänzlich anders zusammengesetzten Publikum an die Literatur gestellt wurden, künstlerisch gerecht zu werden. Eine Reihe schöner Gedichte brachte er 1954 von einer Südamerikareise zurück, auf der er noch einmal mit einer ihm von früher her vertrauten sozialen Problematik konfrontiert worden war. Bereits 1958 geriet Ai Qing in die Mühlen der „Kampagne gegen die Rechten“. Unter dem Vorwurf des bürgerlichen Individualismus wurde er als „rechtes Element“ eingestuft, aus der Partei ausgeschlossen und sämtlicher Funktionen enthoben. Erst 1979 ist er auf Parteibeschluß rehabilitiert worden. Um ihn unmittelbarer Verfolgung zu entziehen, brachte seinerzeit ein einflußreicher Freund ihn und seine Familie zunächst im hohen Nordosten und dann im entfernten Xinjiang unter, wo er im Rahmen einer Armee-Einheit körperliche Arbeit leistete.
1978 wurde erstmals wieder ein Gedicht von Ai Qing, der 1975 wegen eines schweren Augenleidens illegal nach Peking zurückgekehrt war, veröffentlicht und damit nach zwanzigjährigem erzwungenen Schweigen eine neue Periode fruchtbaren künstlerischen Schaffens eingeleitet. Als junger Dichter hatte Ai Qing das Gleichnis von der Kohle formuliert, als Siebzigjähriger hat er es für seine Person eingelöst. Seinen Idealen treu und ungebrochen erhob er erneut seine Stimme. Viele, die sich über die Jahre der Kulturrevolution gerettet hatten, waren zu „versteinerten Fischen“ geworden. Voll leidenschaftlichem Zorn nahm er zu den Ausschreitungen der Kulturrevolution Stellung. Uns berührt der Humanist und Dialektiker, der die als blindwütige „Rote Garden“ mißbrauchten Jugendlichen nicht verdammt.
Weise Abgeklärtheit hat seine Dichtung eine neue Höhe erreichen lassen. Seine Sprache ist noch einfacher geworden, die Form wurde zum Teil strenger, häufiger erscheinen auch Reime. Oft faßt er Lebensbeobachtungen in kleine philosophische Miniaturen und verwendet dabei Bilder von verblüffender Einfachheit. Was er mit kargen Sätzen in seinem Gedicht „Der Spiegel“ ausdrückt, sind nicht etwa banale Lebenseinsichten, sondern war damals konkrete und wohlverstandene chinesische Gegenwart.
Ai Qing ist stets ein leidenschaftlicher und mitfühlender, kämpferischer und Mut spendender Begleiter und Mitgestalter seiner Epoche gewesen. Es ist jedoch kein „Trommler der Zeit“, wie man seinen Dichterkollegen Tian Jian genannt hat. Bescheiden sagte Ai Qing von sich:

Diese Zeit muß man durch zahlreiche Chöre und Sinfonien wiedergeben. Ich bin nur ein Flötenspieler unter den vielen Orchestern.

Manfred Reichardt, Nachwort, September 1987

 

Ai Quing

Ai Qings exponierte Stellung in der chinesischen Literaturszene ist unumstritten. Er ist der bekannteste Repräsentant einer Dichtkunst, die eng mit der wechselvollen Geschichte ihres Landes verbunden ist. „Lieber nackt sein als eine Kleidung anlegen, die deiner Figur nicht paßt und die Atmung erstickt“ – dieser Satz aus einer literaturtheoretischen Schrift des Dichters charakterisiert die Aufbruchstimmung der neuen chinesischen Lyrik, die sich in der Abkehr von den erstarrten poetischen Traditionen und der elitären klassischen Schriftsprache in den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts etablierte. Er ist programmatisch für das lyrische Schaffen des 1910 geborenen Grundbesitzersohnes Ai Qing, der die Schranken seiner Klasse überwand und zum Sprecher des Volkes wurde. Auf der Suche nach neuen Formen fand er bei Apollinaire, Rimbaud, Cendrars, bei Verhaeren, Whitman und Majakowski, aber auch in der chinesischen Volkspoesie Anregungen. Als Meister der freien Rhythmen und einer poetisierten Alltagssprache hat er der Dichtung seines Landes entscheidende Impulse gegeben. Die Irrwege der Geschichte führten nicht an ihm vorbei, aber zwei Jahrzehnte unfreiwilligen Schweigens haben ihn nicht zum „versteinerten Fisch“ werden lassen. Seit seiner Rehabilitierung im Jahre 1979 erbebt er erneut seine Stimme, ein Anwalt der Menschlichkeit, der Vernunft und der künstlerischen Individualität – „Diese Zeit muß man durch zahlreiche Chöre und Sinfonien wiedergeben. Ich bin nur ein Flötenspieler unter den vielen Orchestern.“

Verlag Volk und Welt, Begleitzettel, 1983

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

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