Elke Erb: Der wilde Forst, der tiefe Wald

Erb-Der wilde Forst der tiefe Wald

SO ODER SO

Aha, nun sind die achtziger Jahre wahrhaftig vorbei, und ich werde nach meinen damaligen „Eigenheiten“, jenen, die „innovativ wirkten“ und nach einer Autorenpoetik gefragt. Wie ich mich doch immer von solchen Fragen nicht finden lassen will! Als habe man sich in der Tür geirrt, und der Bäcker wohne nur nebenan.
Tagelang suche ich nach einem Weg durch das von dieser Frage gerufene Labyrinth. Dabei habe ich auf den 450 Seiten meiner Winkelzüge oder Nicht vermuteten, aufschlußreichen Verhältnisse (beendet Nov. 89, Erscheinen demnächst, 1991, im Druckhaus Galrev, Berlin) noch und noch
mit weiterhelfenden (suchenden, irrenden, ungewohnten, gewohnten, schlüssel-und-schloßgleichen, hauslosen)
Winkelzügen zu tun gehabt
und auch die (genau im Juni 80) verlassene siebziger-Jahre-Tour der Kurzprosa mehrfach rekapituliert: sie erschrocken geschmäht, sie in ihrem Vorgehen erkannt und,
aaaerhellt vom Gang durch die texteigenen Situationen
aaawährend dieser bis ins Spitzfindige lebenswahren
aaaErörterung,
nach und nach würdigen können, dankbar, gewiß nicht erschöpfend.
Der innovativen Form, die sie endgültig beendete, die sie „durchbrach“, hatten diese bisherigen Texte zugearbeitet, Vorschub geleistet, indem sie sich mit Spannungen aufluden, welche in – anscheinend divergierende – Intensivsignale (Text-Positionen) hinein„schossen“, bis sie in der gewohnten Geschlossenheit nicht mehr zu halten waren. So wurde jene einer demokratischen Erneuerung vergleichbare „Explosion“ der thematischen Produktiv„kräfte“ in der Produktion auf dem Blatt verteilter Wort- und Sinngruppen herbeigeführt (einer in den achtziger Jahren „an sich“ nicht mehr neuen, nur mir neuen und in meinem Gesellschafts- wie Bewußtseinsbezirk wohl auch allgemeines Neuland sich gewinnenden Schreibweise).

Innovation: Der Hintergrund, nämlich der Darstellungsprozeß, von dem bisher nur das Resultat zu gelten hatte und stand, erschien als Vorgang im Vordergrund.

Seine Anliegen, Liegenschaften, Umstände,
welche bisher den notorisch linear ablaufenden Texten
aaa(dem Reden gleich ablaufenden,
aaaaber ohne die lebendige Assistenz
aaader beredten tönenden, tonlosen und stillschweigenden,
aaagestischen Verständigungen des Redens),
den dinggleich geschlossenen, den Modelltexten, Beispiel-, Gegenbeispiel-Texten –
aaaa) zum Spiel das Beispiel,
aaab) „Texte, auf die alles gesetzt war“,
aaac) wie geht das zusammen?
– welche bisher diesen Resultat-Texten
ihr fortsetzendes Wort in die Zeile abzuordnen und auf eine möglichst günstige Gesamtvertretung dort zu zielen hatten,

erwiesen sich als selbst mündig, sobald sie, wie es nun anging, selbst gesehen wurden: Das Rohmaterial war nicht roh, der Wust nicht wüst, das taube Gestein nicht taub. Diese ehemals anscheinend sprachlosen, zurückgelassenen Teilhaber meines Bewußtseins verlangten Nachgiebigkeit, Redlichkeit, Wahrnehmung, Gehör von mir, und so, wie ich nachgab und aufnahm, so forderten sie den Text, das Thema, mich, so forderten sie zutage: Ihresgleichen, Rückständige, Vernachlässigte, Verdrängte, Unerkannte, – ihren eigenen, meinen Zusammenhang.

Die unhierarchische, kollektiv-aktiv förderliche Textform dieser feldhaften Erörterungen nahm fast selbsttätig (als sei die Schreibwerkstatt ein experimentierendes Labor) einen „Sujet“-Typ nach dem anderen durch.
Während die Texte vorher ohne einen wahrgenommenen Zusammenhang untereinander entstanden
aaa(alle Bindekraft neu in jeden von ihnen, Zusammenhalt in ihnen, Texte, auf die alles gesetzt war),
spürte ich nun ein Weitergehen von Text zu Text.

Offenbar trat der Zusammenhang, den mir ihre Eröffnungen, Übungen, Lehren zusicherten, an die Stelle eines Mangels, den die bisherigen Texte schließlich erzeugt hatten. Denn gegen Ende des Lehrgangs (der „Innovation“) begann ich wieder lineare Textchen zu schreiben, die – als wären sie aus der feldhaft-themadienlichen und kollektiven Erörterung vereinzelte Sinn-Orte – mit einem gewissen Mutwillen, einer (beim Schreiben jedesmal) spürbaren Entschlossenheit die Gemeindegrenzen eines eingemeindenden Sinns hinter sich ließen: einen Zusammenhang voraussetzten, unterbanden, herausforderten – Kritik des Anspruchs auf ihn, Nicht-Anerkennung und Erkenntnis seines Vorgebots.

Meine Sammlung Vexierbild (geschrieben 77 bis 81, erschienen 83) enthält vor allem Kurzprosa und diese feldhaften Erörterungen. Das Bändchen danach (Kastanienallee, Berlin 1987, geschrieben 81 bis 84) enthält feldhafte Erörterungen und vor allem Gedichte, unter ihnen jene Textchen, die die Sammlung zu einem Gebilde aus heterogenen und divergierenden Bewegungen machten. Ohne die seit 1980 gewonnene Bewegungsfreiheit und Sicherheit, insbesondere ohne die inzwischen geübte Fähigkeit zur Reaktion auf anscheinend heterogene und divergierende Ansprüche, wäre ich 1984 nicht dazu gekommen, Text für Text darin mit Kommentaren zu beantworten, welche ursprünglich dem Buch eine Geschlossenheit nach gewohntem Maß geben sollten, aber bald mit eigenen Motiven und Zielen zuwege waren.

Seit 1983 schrieb ich an den Winkelzügen. Ich hatte nur vorgehabt, eine kurze Tagebuch-Notiz „literarisch zu klären“. Es begann ein Schreibprozeß, dessen Ende ich nicht sah, dessen dank der neuen Erfahrungen veränderter Charakter aber mir sofort ein solches Zutrauen gab, daß ich seine unbekannte Zukunft schon im Anfang (wie dann auch im Fortgang) mit Aufgaben belud, die vordem nicht einmal denkbar waren. Der Text folgte einem Schreibgesetz, das den Satz „Der Zweck heiligt die Mittel“ richtiggestellt hatte, zuächst nur mit seiner Umkehrung: „Die Mittel heiligen den Zweck“. So wie die Mittel sind, so ist auch das Ergebnis.
Das Schreibgesetz hieß: verbindliche Offenheit und offene Verbindlichkeit.
Unbeschränkte, vorbehaltlose Wahrnehmung des vom Schreiben im Text und neben dem Text Erregten
bei einer Offenheit (Entspannung, Entzerrung, Gelassenheit) der strikten textbildenden Verbindlichkeit.
Ich zitiere von S.172f (im Zitat ist x das Unbewußte bis Unterbewußte, y das Bewußtsein, das bewußt Artikulierte, Beobachtete):

Ein Zusammenhang verändert sich in einem Prozeß
der Verwandlung von Wirkungen in Ursachen
und von Ursachen in Wirkungen.

Von anderen Zusammenhängen,
in denen x und y aufeinander wirken,
unterscheidet es das Schreiben
(und ihm darin gleiche Unternehmungen),

daß es diese Ursachen fixiert
und sie so der Erkennbarkeit erhält,
d.h. sie seinem Zusammenhang als Ursachen erhält

in einer künstlichen Gegenwart des Vergangenen
jenseits ihrer jeweils aktuellen Wirkung.

Befreiend war, daß dieser Text in die von ihm eröffneten Perspektiven selbst weiterging, und ich fragte mich, auf die früheren Texte zurückblickend, erschrocken:

wie konnte ich nur – wem denn?
überlassen, was ich jetzt selbst tue.

Die Textprobe läßt erkennen, wie die, wieder lineare, Schreibweise der Winkelzüge die auf dem Blatt verteilten Wort- und Sinngruppen beerbt. Blindzeilen schaffen den Aussage-Einheiten Raum, in dem syntaktischen und/oder gedanklichen Verbund für sich zu stehen. Einrückungen und Kursiv-Setzungen ferner fordern gesonderte ebenso wie verbindende Wahrnehmung in beweglichen Zusammenhängen. Die unterbrochenen Zeilen formen die Intonation, die den vielgestaltig geklärten Ausdruck der Möglichkeiten, Gründe, Motive, Spannungen, Rhythmen, Entscheidungen… (sowie deren Studium) in Kontur setzt.

Dieses Schreiben war Handeln, nicht: Darstellen, Bereitstellen, Feststellen. Die Text-Art hat keinen Namen unter den üblichen. Ich habe mich dafür entschieden, sie eine prozessuale Erörterung zu nennen, im Vertrauen darauf, daß sich aus der Kombination von prozessual und Erörterung schließen läßt (nein?), es müsse dann wohl eine gelebte Erörterung sein. (Unter Erörterung verstehe ich ein Gehen von Ort zu Ort, ein Orte Erkennen, Aufsuchen, Erwandern, Durchwandern). Die Aktionen und Situationen in den Winkelzügen erforderten Erfolge im Angriff auf die codes, die Denkvoraussetzungen und Fertigformen, auf das vom Heil der Zivilisation in sie getriebene Unheil.

Das, was neu war, bin ich infolgedessen gewohnt. Mir ist, als sei ich unterwegs gewesen, lange, durch dieses Jahrzehnt. Eine der „aufgebrachten“ Devisen hieß: „Grenzen leben ist offen leben.“ Neuerdings aber spüre ich einen restaurativen Zug, der mir nicht recht geheuer ist. Allerdings neu für mich. Vielleicht gibt es sich.

 

 

Mit Elefanten und Trompeten

– Neue Prosa von Elke Erb, der Spezialistin für die Veränderung. –

Will man die Vermutung begründen, daß es sich bei den Werken von Elke Erb um große Dichtung handelt, dann kann man auf den wesentlichen, der Gegenwart angehörigen Inhalt hinweisen – die Beschreibung hochkomplexer seelisch-geistiger Abläufe –, der eine angemessene, auf der Höhe der modernen Poetik stehende Form (die „feldhafte Erörterung“) gefunden hat. Eine Spezialistin für Veränderungsprozesse, legt Elke Erb nun eine Chronik der Jahre 1989 bis 1995 vor, die neben Prosastücken einige Gedichte enthält.
Der Band setzt mit dem Tagesprotokoll des 1. September 1989 ein („Von früh bis abends“). Geschrieben auf Bitten von Christa Wolf zum 50. Jahrestag des deutschen Angriffs auf Polen, bricht der Text mit den Konventionen des Gedenkens, die man von ihm erwartet haben mochte, um der individuellen Erfahrung Ausdruck zu geben, die dann auch das Gedenken einschließt. So wird der Leser auf ein ungewöhnliches Buch eingestimmt. Elke Erbs Äußerungen bedürfen keines Banners; was sie zu sagen hat, ist in ihrer Arbeit – Dichtung, Übersetzung, Edition – verantwortet.
Zwei Schwerpunkte lassen sich ausmachen: die poetologische Untersuchung der Gegenwartslyrik, die im Falle Sascha Anderson, zu dessen Analyse Elke Erb dreimal ansetzt, außerordentliche Einsichten über die Stasi-Mitarbeit des Dichters erbringt; zum andern die gesellschaftlichen Veränderungen seit 1989, die für die DDR Demokratie und Marktwirtschaft – „die Leistungs- und Bewegungsfreiheit (folglich Intelligenz!) des Kapitalismus“ – brachten und mit der Vereinigung eine Diskussion deutscher Identität, auf die hier, ohne das Thema zu strapazieren, Stücke über Dresden und das Heimatdorf Elke Erbs in der Eifel antworten. Wenn sie ein Deutsch schreibt, so körnig und zugleich spirituell, daß man es für endgültig verschüttet gehalten hatte, dann wohl auch wegen der nicht endenden Auseinandersetzung, die die moderne Poesie mit der vormodernen, agrarischen, „zurückgebliebenen“ Welt eingeht.
Kindheitserinnerungen aus der Eifel. Übersetzungen aus den Sprachen des Ostens, der Arbeitsalltag einer Mutter – dies alles sind Gehalte, die sich einer stromlinienförmigen Modernisierung verweigern. Deshalb ist die Ansicht von Elke Erb als ausschließlich intellektueller Dichterin schief. Sicher wimmelt bereits das graphische Bild ihrer Gedichte von Frage- und Ausrufezeichen und läßt so an eine Abfolge von Erkenntnissen denken, die zum poetischen Prinzip erhoben wird. Aber die Intelligenz kreist nicht in sich selbst, sondern bewährt sich in der Art, wie man die Welt einrichtet – „umgänglich, vielseitig“ lautet ihre bündigste Definition. So hält die hochreflektierte Dichterin Abstand zum Rationalismus.
„Draußen regnet der heilige Frühling“ – diesen Satz, mit dem das philosophische Langgedicht Winkelzüge begann, trifft man in allen Versionen wieder: hand- und maschinenschriftlich faksimiliert, zitiert und als Gegenstand der Kommentierung; leicht ist er als der Schlüsselsatz nachzuweisen, um dessen Rechtfertigung auch die Prosa bemüht ist. Und gewiß gilt für seine raumschaffende Geste, was Elke Erb in einem Interview über ihr Schreiben äußert:

Na, das möchte ich doch behaupten, daß ich nicht mit weniger daherkomme als mit Elefanten und Trompeten, also mindestens! Mit Trara. ,Gedöns‘ sagt man im Rheinland.

Aber er hat seinen Grund auch darin, daß die 1938 geborene Dichterin weiß, was Unheil und verordnete Öde bedeuten.
Als deren Bild erscheint die „verschmorte“, immer schwarze Stadt Halle, in der Elke Erb von 1949 bis 1966 lebte. Nur eine Kategorie des Mythos taugt wirklich zu ihrer Beschreibung: „Tartaros“, der Verbannungsort der Titanen; als „thronende Unterlegenheit“ wird das Verhalten dieses gestürzten, um seinen Kult gebrachten Göttergeschlechts genau umschrieben. Der Dichterin, die sich aller programmatischen Aussagen zur Mythologie enthält, gelingt das Unwahrscheinlichste: die zwanglose Aufnahme religiöser Erfahrung in einen modernen Reflexionsprozeß. Südfranzösische Eindrücke, die das kurze Stück „Bei Bordeaux“ skizziert, weisen in eine ähnliche Richtung:

So viele Saint in diesem Land… an so vielen Orten, daß im Postleitzahlenbuch nach dem St. das Alphabet wohl noch einmal erscheint.

Als sie eine kleine Szene unerwarteter Freundlichkeit erlebt, findet sie eine überraschende Deutung:

Vielleicht, denke ich (und tauche im Kopf), sind sie verknüpft wie ein Fischernetz – diese vielen Saint, das Lächeln, die Zuvorkommenheit.

Aufgeklärter als die Abwehrreflexe der ironischen Intelligenz ist eine Haltung, die solche Beobachtungen zu ihrem Recht kommen läßt.

Lorenz Jäger, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.9.1996

Exercitium; Licht im Welten-Winter

– Entsakralisierung verhärtet die Welt. Warum das Heilige ein Faszinosum darstellt. Licht. Ein Plädoyer für die unbefangene Wiederentdeckung des Heiligen und seiner inneren Musikalität. –

Wer in diesen Tagen nicht mit tiefer Trauer auf die Kirche schaut, hat nichts verstanden. Das Geschehene wird nicht vergehen wie ein beliebiger Finanzskandal; der Schatten, der sich über alles Katholische gelegt hat, wird bleiben. Trostworte wollen nicht verfangen. Es bleibt aber auch die Ahnung, dass ohne eine Gegenwart des Heiligen die Menschheit vielleicht aufgeklärter werden wird, aber unfruchtbarer, und dass sie innerlich verdorrt.

Man muss das Heilige wahrnehmen können, einen Sinn dafür ausbilden. Und vielleicht nur: es für möglich halten. Ich finde die Melodie an einer unerwarteten Stelle. Elke Erb, eine bedeutende Dichterin, geboren in der Eifel 1938, in der DDR lebend seit 1949, also vierzig Jahre im Einflussbereich des Marxismus und Atheismus, fährt im November 1992 nach Bordeaux. Was fällt ihr als allererstes auf? Was ist das eigentümlich Andere hier?

So viele Saint in diesem Land – wie: nicht mehr gewohnt; noch vorhanden.

Und zwar „an so vielen Orten, dass im Postleitzahlenbuch nach dem St. das Alphabet wohl noch einmal erscheint, das gesamte.“ Sie kennt sich in der Gegend nicht aus und ist nahe daran, die Orientierung zu verlieren, da kommt Hilfe.

Eine Schickliche trippelt ins Blickfeld, die ich fragen kann nach dem Bus. Eine jener um die sechzig, streng und behende, klein und einzeln, plausibel: eine jener Histoires françaises, wie sie der Vormittag in die Stadtschneisen führt.

Die Dichterin folgt der strengen Unbekannten in einen kleinen Laden und tut ihr Anliegen kund. Die Fremde verwandelt sich, sagt „,ja, Madame‘, fasst mich am Ärmel und führt mich hinaus: ,dort das Wartehäuschen!‘ Augenblicklich war ihr Gesicht eine strahlende Bläue im nächsten Frühjahr. Vielleicht, denke ich (und tauche im Kopf), sind sie verknüpft wie ein Fischernetz – diese vielen Saint, das Lächeln, die Zuvorkommenheit.“

Aus dem aktuellen Novembertag, der in Wahrheit ein trüber Welten-Winter ist, wird die Frühlingsvision eines neuen Lebens, eines lichtvolleren. Hier denkt man an das Wort Anmut, obwohl die fremde Dame ja streng erschien. Strenge und Anmut müssen einander also nicht ausschließen. Mag sein, sie sind auf tiefere Weise verbunden, nämlich in der Abwehr des bloßen Sich-Gehenlassens. Anmut und Strenge treffen sich im Begriff der Form, dorthin deuten sie. Deshalb heißt die unbekannte Dame schlicht „eine Schickliche“, sie wurde Elke Erb geschickt und sie weiß, was sich schickt. Entsakralisierung aber führt in einen Welten-Winter in dem die Vögel nicht mehr singen und die Gebärden selbst in der Kirche anmutlos werden. Dass der Verlust des Heiligen in diesen Trauer-Winter führen muss, versteht man auch ohne soziologisch komplizierte Begründungsumwege – nämlich direkt, unmittelbar. Vielleicht wird aus dem Lächeln dann ein Grinsen und am Ende ein Zähnefletschen.

Noch ein Weiteres kann man der Szene entnehmen, die Elke Erb in wenigen Worten aufgezeichnet und gedeutet hat. Der fromme Mensch ist das Gegenteil eines Fanatikers, weil Frömmigkeit die Glaubensinhalte in das Leben einsenkt und nicht ins Ausgedachte. Hirngespinste sind nicht die Geistesbeschäftigung der Frommen. Ansichten, Meinungen, Glaubensweisen bilden sich nicht in einem mentalen Raum allein, nicht ausschließlich „im Gehirn“. Sie sind in Atmosphären verwoben, in ein menschliches Klima, ja in ein bestimmtes Licht: Man beleuchtet ein Gotteshaus nicht mit Neonlampen, außer bei protestantischen Sekten. Von diesem Klima, von dieser inneren Musikalität könnte ein Trost ausgehen – für den, der das Glück hat, auf sie zu treffen.

Lorenz Jäger, Die Tagespost, 5.9.2018

Der wilde Forst : Elke Erbs Auskünfte in Prosa

– Kluge Dichterin spürt Katastrophentriumph. –

Im Oktober 1991 entstand jener Text, der dem Band den Titel gab: „Der wilde Forst, der tiefe Wald“. Das läßt an Hermann Löns denken, aber Elke Erb zitiert lieber Franz von Schober, „Des Jägers Liebeslied“ von 1826, der auch ganz markige Zeilen beizusteuern vermag:

kein Ort, der Schutz gewähren kann,
wo meine Büchse zielt,
und dennoch hab ich harter Mann
die Liebe auch gefühlt.

Man(n) darf gerührt sein. Es war konsequent und richtig, den Titel dieses wunderschönen Stückchens Prosa, das nichts anderes wiedergibt als die Assoziationen und Überlegungen beim Besuch des Jagdmuseums Grunewald, als Überschrift für das gesamte Buch zu wählen. Tatsächlich stehen diese knapp sieben Seiten für Inhalt und Machart aller Aufsätze, Erläuterungen, Essays, Reden, Tagebuchnotizen und wirklichen Auskünfte über Lyrik, die zwischen 1989 und 1995 entstanden. Die Mehrzahl wurde bereits gedruckt, meist an so entlegener Stelle, daß der Nachdruck in weiten Teilen einer Erstedition gleicht. Einen sonderbar spröden Zauber strahlt diese Prosa aus, der eigentlich durch nichts gerechtfertigt ist. Nach den herkömmlichen Maßstäben ist sie nämlich abwechselnd: hermetisch, anmaßend, ausufernd, geschwätzig, gestelzt, unverständlich, subjektiv – kurz, in einem Maße manieristisch, daß man eigentlich ein kritisches Verdikt fällen müßte. Ich werde mich hüten. Denn diese absolute Rigorosität und Ehrlichkeit, die reflektierte Fülle und auseinanderberstenden Assoziationsketten machen den Reichtum von Elke Erbs Prosa und Lyrik aus, denen sich der Leser freilich überantworten muß. In „Gründlich mit Grund“ steigert die Autorin diese Herangehensweise zum Kategorischen Imperativ, demzufolge „man vor einem Text, gleich welcher Art, verharrt, bis man versteht“. Wobei Elke Erb voraussetzt, daß es sich immer lohnt, ihn zu verstehen Man spürt in jeder Zeile, daß sie beschlagen ist in den literarischen Theorien der Moderne. Das wußte man zwar schon seit 1981, als sie mit dem Vortrag „Von Erich Arendt bis Sascha Anderson. Die DDR-Lyrik der letzten fünf Jahre“ eine Debatte über die – damals – neue Poesie auslöste. Eine der wichtigsten Anthologien der nichtoffiziellen Literatur in der DDR, Berührung ist nur eine Randerscheinung (1985), die sie mitherausgab, trug unverkennbar den Stempel ihres Kenntnisreichtums. Doch diese Gelehrtheit kann auch zuviel werden; auf einigen Texten lastet eine allzu schwere Bürde von Anmerkungen und Erläuterungen. „segensreich, Katastrophentriumph“ – mit solch einem Crescendo endet das Gedicht „Bessern das Übel“ von 1992. Mir scheint diese Zeile sehr passend für eine abschließende Charakterisierung des Bandes. Doch steht zu befürchten, daß es nicht mehr viele Leute gibt, die vor diesem Katastrophentriumph so lange verharren werden, „bis man versteht“. –

Hans-Georg Soldat, Berliner Zeitung, 9.3.1996

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Stefan Siebeneicher: „Schreiben ist geistiges Atmen“
Neue Deutsche Literatur, Heft 2, 1996

Elsbeth Pulver: Den Weg im Gehen bahnen
Neue Zürcher Zeitung, 9. 3. 1996

 

CHRONIK
für Elke Erb

Langobarden, Alemannen, Goten
Gingen unbelastet, weil sie nichts für die Quersäcke hatten,
Südwestwärts, obwohl sie das schwerlich wußten.
Vor Hunger, vor Insekten in den goldenen Locken, vor Hungererbrechen
Fielen sie, ihre violetten Augen öffneten sich für die Himmelsfernen.

Grimmige Riesen und gebrechliche Frauen gingen durch die Sümpfe,
Ihre Götter schwiegen, einstweilen kein Blut verlangend,
Weil sie, die Langobarden, Alemannen, Goten,
Keine Stätten hatten für ihre dreifüßigen Opferaltäre.

Seneca öffnete sich die Pulsader, Vespasian machte Geld an Klosetts,
Die Christen versteckten sich in den engen Maulwurfsgängen,
Die Perser liehen ihr Ohr Zarathustra,
Und wer-weiß-was geschah; nur diese allerhungrigsten, allerverwaistesten,
Daher in höherem Grad zu allem bereiten
Als die anderen Völker im Umkreis,
Diese Langobarden, Alemannen, Goten
Waren nicht eingeplant. Und hatten auch zum Wegnehmen nichts.

Alles, was sie konnten, war, graue Seife kochen,
Schäbige Hütten bauen und töten.

Töten auf der Jagd, auf dem Schlachtfeld, bei den Götzentempeln,
Töten die satten Römer, die hungrigen Sumpfuntiere,
Irgendwelche Dirnen ungewisser Herkunft, allerlei Mißgeburten,
Untreue Frauen, doch taten das
Nicht nur die Langobarden, Alemannen, Goten.

Der Rhein war herrlich bei friedlichem Wetter,
Die Legionäre langweilten sich, das Imperium starb.
Siegfried schaute, in der Nase bohrend, nach Westen.
An diesem Tag war es zum Erstaunen friedlich im Wald.

Olga Martynova

 

Elke Erb: Die irdische Seele (Ein schriftlich geführtes Interview)

Elke Erbs Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012.

Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.

Elke Erb, Christian Filips lesen Bo Wiget komponiert und spielt: Haushaltsfragen

Klassiker der Gegenwartslyrik: Elke Erb liest und diskutiert am 19.11.2013 in der literaturWERKstatt berlin mit Steffen Popp.

 

Lesung von Elke Erb zur Buchmesse 2014

 

Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Steffen Popp: Elke Erb zum Siebzigsten Geburtstag
literaturkritik.de

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Waltraud Schwab: Mit den Gedanken fliegen
taz, 10.2.2018

Olga Martynova: Kastanienallee 30, nachmittags halb fünf
Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018

Michael Braun: Da kamen Kram-Gedanken
Badische Zeitung, 17.2.2018

Michael Braun: Die Königin des poetischen Eigensinns
Die Zeit, 18.2.2018

Karin Großmann: Und ich sitze und halte still
Sächsische Zeitung, 17.2.2018

Christian Eger: Dichterin aus Halle – Wie Literatur und Sprache Lebensimpulse für Elke Erb wurden
Mitteldeutsche Zeitung, 17.2.2018

Ilma Rakusa: Mensch sein, im Wort sein
Neue Zürcher Zeitung, 18.2.2018

 

Annett Gröschner: Gebt Elke Erb endlich den Georg-Büchner-Preis!
piqd.de, 27.6.2017

Fakten und Vermutungen zur Autorin + KLG
und weiteres  12 + 3 + 4
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Dirk Skiba Autorenporträts +
Galerie Foto Gezett 1 + 2 + 3
shi 詩 yan 言 kou 口

 


 

Richard Pietraß: Dichterleben – Elke Erb

 

Elke Erb liest auf dem XVII International Poetry Festival von Medellín 2007.

 

Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

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