Hans Christian Kosler: Zu Marie Luise Kaschnitz’ Gedicht „Dein Schweigen“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Marie Luise Kaschnitz’ Gedicht „Dein Schweigen“ aus Marie Luise Kaschnitz: Die Gedichte. Gesammelte Werke. Band 5. –

 

 

 

 

MARIE LUISE KASCHNITZ

Dein Schweigen

Du entfernst dich so schnell
Längst vorüber den Säulen des Herakles
Auf dem Rücken von niemals
Geloteten Meeren
Unter Bahnen von niemals
Berechneten Sternen
Treibst Du
Mit offenen Augen.

Dein Schweigen
Meine Stimme
Dein Ruhen
Mein Gehen
Dein Allesvorüber
Mein Immernochda

 

Frierend und klar

Gedichte sind Solitäre, die ihre Wirkung aus eigener Kraft entfalten. Weder dulden sie Vergleichbares neben sich, noch bedürfen sie in der Regel eines Kommentars, der ihre Vieldeutigkeit nur einschränken und den Leser in seinem Verstehen eher bevormunden statt helfen würde. Doch es gibt Ausnahmen, Gedichte, für deren Verständnis ein gewisses Vorwissen um ihre Entstehung nicht nur nützlich, sondern geradezu notwendig ist.
Eine solche Ausnahme bildet das Gedicht „Dein Schweigen“ von Marie Luise Kaschnitz. Man wird ihm nur gerecht, wenn man weiß, daß die Anrede nicht einem lebenden Menschen – und schon gar nicht einem sich willentlich entfernt habenden Geliebten – gilt, sondern daß es die Verfasserin an ihren verstorbenen Ehemann richtete. Mit dem Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg war sie dreiunddreißig Jahre verheiratet; er erkrankte 1956 an einem unheilbaren Gehirntumor, der ihn zwei Jahre lang in einen von trügerischen Besserungen unterbrochenen Dämmerzustand versetzte, ehe er von seiner schweren Krankheit erlöst wurde.
Wie groß die Liebe zu diesem Mann, einem ebenso charmanten wie abgrundtief melancholischen Wiener, gewesen sein muß und wie wenig sein Tod dieser Liebe etwas anhaben konnte, davon zeugt ihr gesamtes späteres Werk, in dem bis zur letzten Buchveröffentlichung, den autobiographischen Aufzeichnungen Orte, die gemeinsam verbrachte Zeit immer wieder behutsam in Erinnerung gerufen wird. Und auch dieses Gedicht, das in den ersten Jahren nach Guidos Tod entstand und dem 1962 erschienenen Lyrikband Dein Schweigen – meine Stimme seinen Titel lieh, setzt Liebe voraus. Daß sie keine Erwiderung mehr finden kann, trägt zu der unendlichen Trauer bei, die über diesen Versen ausgebreitet liegt. Doch der subjektive Schmerz, der hier zum Ausdruck gebracht wird, bezieht sich keineswegs auf die Tatsache, daß der Tod die beiden Liebenden für immer voneinander getrennt hat. Mit einer schönen Naivität glaubte Marie Luise Kaschnitz daran, daß der Tote auch weiterhin ihr Gegenüber, ihr stummer Ansprechpartner bleiben würde und daß sie ihm später im Jenseits wieder begegnen werde.
Oder war der Glaube bereits erschüttert und nur mehr ein Vorsatz? Immer wieder, notiert die Autorin später in ihren Tagebüchern, werde sie von dem Gedanken gequält, daß sich der Tote in rasender Geschwindigkeit von ihr entferne, daß er irgendwann einmal gänzlich verschwinde und sie ihn nie mehr „einholen“ werde. In dem vorliegenden Gedicht hat der „quälende Gedanke“ bereits den Charakter einer schmerzlichen Gewißheit angenommen: der Ahnung, daß die Erinnerung an diesen Mann immer mehr verblassen und die Nähe trotz allen Festhaltenwollens zur Ferne wird.
So ist dieses Gedicht gleichermaßen von Liebe, Schmerz und Trauer geprägt, ohne daß eine dieser Emotionen an- oder ausgesprochen würde. Was den Inhalt einer Klage hat, wird in die Form einer nüchternen Aussage gebracht, in die antithetische Gegenüberstellung zweier unvereinbarer Sphären: des Lebenden und des Toten, der irdischen Hast und jener an „Hyperions Schicksalslied“ gemahnenden himmlischen Ruhe. „Vom Allerpersönlichsten zum Allerunpersönlichsten“ zu gelangen, hat Marie Luise Kaschnitz einmal das Ziel ihres Schreibens genannt. Das gelingt ihr mit diesem Gedicht: Sie ringt sich aus tiefem Schmerz und großer Einsamkeit zu einer frierend klaren Bewußtwerdung durch. Das Gedicht sucht keinen Trost, und dennoch spendet es Trost: Was wir gemeinhin „unsägliches Leid“ nennen, ist in Worten wie diesen sagbar.

Hans Christian Kosleraus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Zwanzigster Band, Insel Verlag, 1997

1 Antwort : Hans Christian Kosler: Zu Marie Luise Kaschnitz’ Gedicht „Dein Schweigen“”

  1. Der Kontakt, der zwischen Sprecher(in) und Besprochenem besteht, ist verwandelt. Was zu Lebzeiten Gemeinsamkeit war, ist nun diametral Entgegengesetztes.

    In diesem Gegensatz, in dieser Antithese besteht eine Verbindung. Diese Verbindung wird ausgeführt. Auch ist es Schmerz, sicherlich. Doch auch ist sie kostbar: Verbindung.

    Interessant finde ich inbesondere die Richung. Zeile 1 spricht von Bewegung. Die letzte Zeile endet mit Stillstand. Ironischerweise steht der Handelnde still. Der Nicht-Handelnde jedoch bewegt sich. Er treibt dahin. Machtlosigkeit.

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