Robert Gernhardt: Zu Marie Luise Kaschnitz’ Gedicht „Juni“

Im Kern

Im Kern

– Zu Marie Luise Kaschnitz’ Gedicht „Juni“ aus Marie Luise Kaschnitz: Gesammelte Werke. –

 

 

 

 

MARIE LUISE KASCHNITZ

Juni

Schön wie niemals sah ich jüngst die Erde.
Einer Insel gleich trieb sie im Winde.
Prangend trug sie durch den reinen Himmel
Ihrer Jugend wunderbaren Glanz.

Funkelnd lagen ihre blauen Seen,
Ihre Ströme zwischen Wiesenufern.
Rauschen ging durch ihre lichten Wälder,
Große Vögel folgten ihrem Flug.

Voll von jungen Tieren war die Erde.
Fohlen jagten auf den grellen Weiden,
Vögel reckten schreiend sich im Neste,
Gurrend rührte sich im Schilf die Brut.

Bei den roten Häusern im Holunder
Trieben Kinder lärmend ihre Kreisel.
Singend flochten sie auf gelben Wiesen
Ketten sich aus Halm und Löwenzahn.

Unaufhörlich neigten sich die grünen
Jungen Felder in des Windes Atem,
Drehten sich der Mühlen schwere Flügel,
Neigten sich die Segel auf dem Haff.

Unaufhörlich trieb die junge Erde
Durch das siebenfache Licht des Himmels.
Flüchtig nur wie einer Wolke Schatten
Lag auf ihrem Angesicht die Nacht.

 

Schön und gut

Ein in vieler Hinsicht schönes Gedicht. Es fängt schön an, mit einem jener hochfahrenden Sätze, die sogleich die Einzigartigkeit des Anlasses betonen, wie Hebbels „Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah“ oder Benns „Einsamer nie als im August“. Es redet von schönen Dingen, und es tut dies auf schöne Weise, in fünfhebigen Trochäen, deren langer Atem gut zum gewagten Vorhaben paßt, einer Erdenfeier, welche die Dichterin von hoher Warte aus anstimmt: Wie eine Insel sieht sie unseren blauen Planeten unaufhörlich im Winde treiben, Jahrzehnte vor irgendeinem Astronauten.
Marie Luise Kaschnitz lebte zwischen 1932 und 1937 in Königsberg, in diesen Jahren hat sie „Juni“ geschrieben. Sie veröffentlichte das Gedicht 1947, in ihrem ersten Gedichtband. Wie die Leser im Nachkriegsdeutschland „Juni“ gelesen haben mögen, weiß ich nicht, wie es heute wirkt, weiß buchstäblich jedes Kind: „Daß sie als Kind jugendlich schön die Erde gesehen hat und jetzt halt mit dem verschmutzten Meer und Seen“, antwortet der kleine Maxi auf die Frage von Ute Andresen:

Ist es euch denn fremd, was da erzählt wird?

Ute Andresens Buch Versteh mich nicht so schnell, Gedichte lesen mit Kindern erschien 1992, gut fünfundzwanzig Jahre zuvor hatte Marie Luise Kaschnitz bereits dem Maxl zugestimmt: „Auf den Gedanken, daß in der Natur alles heil sei und daß die Natur alles heile, käme ohnehin niemand mehr“, schreibt die Siebenundsechzigjährige in „Tage, Tage, Jahre“ und:

Während der vorangegangenen ostpreußischen Jahre… war ich von der Natur bis zur Besessenheit angerührt worden… aber sie war vorüber, auch die Zeit der Naturgedichte.

Nach dem Kriege habe sie keines mehr geschrieben: „Nachmittag im August großes Glücksgefühl… aber ein Gedicht wird daraus nicht, heute nicht mehr“, notiert sie am 10. August 1967. Alles hat seine Zeit; so gesehen sind alle Gedichte Gelegenheitsgedichte, auch jene, die sich so zeitlos und so unpersönlich geben wie „Juni“.
Schön, daß es einmal Dichter gegeben hat, die von Wolke, Regen oder Ozon reden konnten, ohne an Tschernobyl, sauer oder Loch denken zu lassen. Gut, daß die Dichterin ihrer Naturbesessenheit noch rechtzeitig Worte verliehen hat – oder hatte die Natur der jungen Marie Luise Kaschnitz eines schönen Tages Worte eingegeben, die, bei Licht betrachtet, gar nicht die ihren waren? Eine Aufzeichnung der älter gewordenen Marie Luise Kaschnitz läßt derlei vermuten: „Der Herbst war meine Jahreszeit seit jeher“, schreibt sie 1967, „vom 21. Juni, dem Tag der Sonnenwende, an begann ich aufzuatmen, jetzt konnten die Tage nicht länger werden.“

Robert Gernhardtaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Sechzehnter Band, Insel Verlag, 1993

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