Horst Samson: Kein Schweigen bleibt ungehört

Samson-Kein Schweigen bleibt ungehört

SCHLAFLOS. EINE VARIATION

Alle Wege vergeudet, die Stirn flieht
Mit kahlgeschorenen Manuskripten
Unterm Arm. Das Nichts predigt

Orthodoxe Oden. In den Autos
Mit den kleinen Nummern und
Biegsamen Antennen folgen

Auch nachts den Versfüßen die Schatten
Der Richter. Hexamter stolpern
Auf der Flucht über Flinten im Korn,

Schlafende üben in den Betten
Verbeugungen und es träumen die Träume,
Der Heiligenschein werde schwarz

Verteilt. Der Himmel aber ist wachsam
Und bis an die Zähne bewaffnet mit Sternen,
Im Fenster spioniert der Mond.

 

 

 

Von den Quellen

Damit der Leser dieser Gedichte es nicht von Fremden erfährt: Ich habe gerade die Korrekturen dieses da und dort versiegelten Buches Kein Schweigen bleibt ungehört vorgenommen. Es sind (außer zwei Texten) unveröffentlichte Gedichte aus der Zeit vor und nach meiner Emigration im März 1987. Sie sind nicht chronologisch nach ihrem Entstehen geordnet. Auch ich war in jener Zeit nicht chronologisch geordnet.
In meinen Ängsten, in meinen Träumen, in meiner Freude und meiner Trauer, in meinen Gefühlen und in meinem Hirn herrschte Durcheinander. Und das rund um die Uhr. Ich war mal da, mal dort, mal dort, mal da, manchmal mehr dort als mehr da, oder genau umgekehrt, verkehrt vielleicht, vielleicht irgendwo im Nirgendwo oder nirgendwo im Irgendso! Aber ich lebte, lebte auf eigenen Koordinaten und schrieb über meine Längen und Breitengrade, bewegte mich nach einem eigenen GPS-System.
Das Typoskript meines ursprünglichen Gedichtbandes war umfangreicher als das vorliegende und ich hatte es damals „Die Köpfe sind unterwegs“ genannt. Aber das passt heute, mehr als ein Vierteljahrhundert später, nicht mehr so treffend schön wie einst, als sich kaum jemand dafür interessierte. Doch von Schopenhauer hatte ich gelernt:

Ein guter Vorrat an Resignation ist überaus wichtig als Wegzehrung für die Lebensreise.

Die Gedichte dieses Bandes sind teils noch „drüben“, in jener ganz anderen, bedrohlich unschönen alten Welt entstanden, und teils schon „hüben“, in dieser bedrohlich verbogenen und herzlos schönen neuen Drei-A-Welt, als Ausländer, Asylanten und Aussiedler sprachlos nach sich selbst fahndeten, um zu Jenen von sich zu sprechen, die ihnen nur in seltenen Fällen zuhörten. Das Gedicht als hohes Gericht unterlag sowieso dem Spruch der Ignoranz. Doch es gab Ausnahmen – Leser, Zuhörer, Nachdenker. Einige von ihnen sind an meiner Seite geblieben.
Wie das für mich Langsamgeher im literarischen Gelände bezeichnend ist – begegnen Ihnen auf den weißen Seiten eines dunklen Vierteljahrhunderts Gedichte als Zeugen und Zeugnisse, als Erzeugnisse und Erzeuger. Schön, dass man sie jetzt endlich unendlich lange lesen kann.
Mein Freund, der Verleger Traian Pop, hat mich immer wieder danach gefragt und am Ende auch sanft bedrängt, unbedingt den Essay-Text (oder wie man den nennen sollte) „Exkurs über die Endlosschleife“ zur Entstehung meines Gedichtes „Pünktlicher Lebenslauf“, den ich eines Nachts für die Schweizer Literaturzeitschrift Orte auf deren Anreiz hin geschrieben hatte, mit in dieses Buch aufzunehmen. Er kannte den Text aus dem Tagungsband Der werfe das erste Buch des „Exil-P.E.N. – Sektion deutschsprachige Länder“ zu einer literarischen Begegnung, die im November 2012 in Bad Kissingen stattgefunden hat.
Vergeblich versuchte ich, ihm das ebenso sanft auszureden. Zu schwach war ich aber auch, mich seiner Begeisterung für diesen Text und das dazugehörende Foto zu entziehen, zu wiedersetzen. Dann hat er genau dieses „irre schöne Bild“ mit meinem Vater als Krad- und Meldefahrer in den Umschlag eingearbeitet. Der Umschlag sieht gut aus – ein Blickfang, würde auch ich meinen. Und wenn das den Gedichten hilft, über solchen Umweg, den sie gewiss nicht brauchen, beim Leser anzukommen, dann hat sich ihre Motorisierung gelohnt.
Es gibt, in die Tiefe geblickt, sogar Verbindungsfäden von dem Foto und seiner Geschichte zu den Gedichten dieses Bandes. Die Gedichte stammen aus der Zeit des offenen Diktats über eine gefährlich verschlossene Welt und aus der Ära der ersten bundesrepublikanischen „Lichter-Verschmutzung“, die der staunende Emigrant aus der Dunkelheit ins Zugfenster gelehnt betrachtete, wie ein kleiner Junge einen geschmückten Tannenbaum auf dem Nürnberger Christkindelmarkt. Die Gedichte sind in einem weitschweifigen Sinne „irgendwo“ (wie man in meinem Vaterland das Niemandsland gerne anzubringen und zu verorten pflegte) auf eine schräge Art auch… Kriegsgedichte: Ich im Krieg der Wörter, die Wörter im Krieg um meine und ihre Freiheit, aber auch um unser Überleben in einem widerwärtigen Reich der ideologischer Verblendungen. Und dann noch wirkliche Kriege, die Spuren und Themen im Hirn des Schreibenden hinterließen. Der Dichter im Kriegszustand mit seiner Zeit.
Nicht zuletzt spiegelt sich in diesen Gedichten aber auch der Krieg des Emigranten um einen Platz in einer neuen Welt. Mit seinen Worten, mit seiner Sprache. Konfuzius sagt: Um an die Quelle zu kommen, muss man gegen den Strom schwimmen. Aber was kümmert es die Quelle, wer sie erreicht.

Horst Samson, 15.4.2013, Nachwort

„Kein Schweigen bleibt ungehört“

Erinnerung steht im Mittelpunkt der Gedichte von Horst Samson. Man könnte mit Jean Paul sagen, dass die Erinnerung auch für Samson das „einzige Paradies“ sei, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Erinnerungsliteratur ist sie trotzdem nicht nur, die Samsonsche Lyrik und Prosa. Seine Gedichtbände haben so sinnliche Titel wie Kein Schweigen bleibt ungehört, Und wenn Du willst, vergiss, Wer springt schon aus der Schiene, Was noch blieb von Edom – rhetorische Fragen, die Horst Samson in seinen Gedichtbänden beantwortet: „Das Land schwimmt davon, sage ich dir, / Und auf großen Geldscheinen / Rudern westwärts die Freunde“ („Regengedicht für Edda“, 1986) – so der Dichter vor seiner Ausreise 1987 nach Deutschland im neuesten Gedichtband Kein Schweigen bleibt ungehört. Eigentlich will er erinnern und nicht vergessen: an den Dezember 1989, an den „Nachtwächter“ im Dorf, an „Weihnachten im Westen“, an Temeswar, die Stadt, aus der „Keiner entkommt“, an eine „Brennende Zeit“, eine „Nacht im Donaudelta“ sowie an einen „Unvollendeten Dezember“, an die Ankunft in Nürnberg: „1987 – Erster Ausgang“ und „Nürnberg im März“. Samson erinnert an die Vergangenheit, an erlebte Geschichte und Geschehnisse, an Dinge wie die „Matrosenbluse“, an den „dritten Brief nach Hause“, auch an Orte, wie Tîrgu Jiu mit einem ehemaligen KZ neben der endlosen Brâncuşi-Säule, den Grenzbahnhof Curtici, den Wannsee und Kleist; an Personen: „für Rolf“ (Rolf Bossert), der 1986 in Frankfurt starb, mit den Zeilen „Coram Publico“, an den Dichter Urmuz, den Begründer des Surrealismus, an „Radu“, den Clown, an „Iwan Iljitsch“ (eine Figur aus einer Tolstoi-Erzählung), an die Freunde in „Noch einmal Oktober“ oder in „Fahrwind“ (für Erna und Dan), an Ingeborg Bachmann in „Das Meer“.
Der Dichter verleiht der Erinnerung ein Bild für die Nachwelt, für die sehnsuchtstragenden Leser, die Bilder zum Vergleichen suchen für ihre eigenen Erinnerungen, für die Neugierigen und die Entdecker einer vergangenen, aber nicht vergessenen Realität. Manchmal jedoch hat man auch das Gefühl, dass für Samson einige „Reizwörter“, die von der Zensur verboten waren, wie „Wanzen“, „Schubladen“, „Zensor“ „Emigranten“ „Verbot“ und andere, die eigentlichen Anhaltspunkte sind beim Schreiben von Gedichten, die vor 1989 entstanden sind. Seine Gedichte machen uns die Grenzen, die Begrenzungen und Einengungen des Daseins bewusst, die nicht nur im einstigen Kommunismus präsent waren, sondern auch in der freien, neuen Welt anzutreffen sind: Einsamkeit, Schlaflosigkeit, Verlassensein, Selbstbestimmung.
Stimmungsvoll und präzise, sachlich nüchtern, lyrisch und reimlos – klassisch modern präsentieren sich die 130 Gedichte dieses Bandes, die nicht chronologisch geordnet, manche mit Jahreszahl der Entstehung versehen, andere generell und allgemeingültig dastehen. Die wunderbaren Wortspielereien, die dichten Stimmungsbilder Horst Samsons sind einzigartig und bleiben dem Leser im Kopf: seine Zweifel, seine Konflikte, seine Selbstüberprüfung, seine Hoffnung und seine Irrtümer. Samson, der viele seiner Gedichte auch selbst vertont hat und so manche Leser durch seine Gesangsauftritte verzaubert, hat im Brechtschen Sinne auch in diesen Band zwei Kreuzreimgedichte eingestreut: „Kofferlieder“ und „Kanzone“, deren Metrum bereits beim Lesen die Melodie anklingen lässt:

Hab ein Eisenbett für die Nacht,
Liege über meinem Sohn.
Hab die Fremde zugemacht,
Flüchte in ein Saxophon.

Entgegen der Brechtschen Lyrik gibt Samson viel Privates preis in seinen Gedichten. Der Leser gewinnt so den Eindruck eines direkten Teilnehmers am Leben des Dichters. Eine Art Vergewisserung gegen das Vergessen.
Den Gedichtband schließt mit einer kurzen Prosa „Die Endlosschleife“ ab – ein weiteres Erinnerungsstück an den Vater Martin Samson, der aus den „Weiten Russlands“ als Meldefahrer der SS und Nordland-Panzerdivision ein Foto auf einem schwarzen Motorrad der Marke NSU als Erinnerung aus dem Krieg mitbrachte. Dieses Foto begleitet den Vater in seinem weiteren Leben – als Erinnerungsstück in der Brieftasche. Auch der Sohn kommt nicht von diesem Bild des jungen Soldaten Samson los, der trotz Krieg, Deportation, Entfremdung von der Heimat glücklich und traurig zugleich zu sein scheint auf seiner schwarzen NSU. Und wie der Vater sein Glück in diesem Erinnerungsstück fand, findet der Sohn sein Glück in den Erinnerungszeilen mit dem Bild des Vaters im Kopf, dem er eines seiner besten Gedichte widmete: „Pünktlicher Lebenslauf“.
Samson, der als Generalsekretär des Exil-PEN stets für deutschsprachige Autoren unterwegs ist, wurde in Salcâmi im Bărăgan geboren und war in Kleintermin, einem Dorf nahe der ungarisch-serbischen Grenze, beheimatet. Er arbeitete bei der Neuen Banater Zeitung, gehörte zur Temeswarer Literaturszene um Herta Müller und Richard Wagner und war vor der Ausreise Redakteur der Neuen Literatur. Zurzeit arbeitet Samson als Zeitungsredakteur in Bad Vilbel.
Samsons wunderbarer Gedichtband Kein Schweigen bleibt ungehört spiegelt eine „Generation in ihrem existentiellen Verständnis“ – wie es auf dem Rückumschlag heißt.

Katharina Kilzer, banater-schwaben.org, 22.9.2013

Absurditäten des Alltags – mal da, mal dort

Auf meinem Grabstein sollte stehen,
Dass ich nie aufgehört habe, zu leben

(„Vorschläge für die Gestaltung meines Grabsteines“, S. 100)

Horst Samson liebt es, mit Sprache zu spielen, um so seinen Leser zu überraschen und ihn zum Denken anzuregen. Paradoxie scheint ein beliebtes Mittel zu sein, denn schon der Titel seines 2013 veröffentlichten Gedichtbandes enthält einen Widerspruch, der dem Leser eine neue Welt eröffnet: Wie könnte ein Schweigen hörbar werden? Laut Samson, bleibe nämlich keines ungehört. Spielerisch versieht der Dichter seinen Gedichtband mit zwei Verneinungen und vereint unter dem angeblichen Paradoxon einschneidende Lebenserfahrungen aus der widersprüchlichen Welt der Existenz bzw. des Schreibens unter der Diktatur. Gleichzeitig bietet aber Samson auch Einblick in die Welt des Emi- und Immigranten, wobei Insider wissen, dass die Auswanderungen in den Westen als Konsequenz der rumänischen kommunistischen Diktatur aufzufassen sind.
Die Verse des Bandes Kein Schweigen bleibt ungehört betrachtet der Dichter selbst unter anderem als Kriegsgedichte, wobei er sich konkret auf den „Krieg des Emigranten um den Platz in einer neuen Welt“ bezieht, genauer auf die existentiellen Anpassungsschwierigkeiten an das Leben in Deutschland nach der Auswanderung aus Rumänien 1987. Unterschwellig durchzieht aber das Motiv des Krieges den ganzen Gedichtband: Zahlreiche Texte bieten nämlich ein desolates Bild des Dichters zu kommunistischen Zeiten, der Kampf mit der Zensur und Diktatur nimmt die Gedanken und Empfindungen des lyrischen Ichs vollkommen in Anspruch. Eine schizophrene, entfremdete Welt des kommunistischen Rumäniens offenbart sich dem Leser, gleichzeitig entpuppt sich Deutschland ebenfalls als eine „bedrohliche“ und „herzlose“ Welt: Die neue „Drei-A-Welt, als Ausländer, Asylanten und Aussiedler sprachlos nach sich selbst fahndeten, um zu Jenen von sich zu sprechen, die ihnen nur in seltenen Fällen zuhörten.“ (S. 154)
Inhaltlich gesehen, lässt sich im vorgestellten Band kein roter Faden im eigentlichen Sinne verfolgen. Die Gedichte, so Samson, widerspiegeln Träume, Freude, Trauer in einem Durcheinander, das der Dichter nach seiner Ausreise aus Rumänien 1987 erlebte:

Ich war mal da, mal dort, mal dort, mal da, manchmal mehr dort als mehr da, oder genau umgekehrt, verkehrt vielleicht, vielleicht irgendwo im Nirgendwo oder nirgendwo im Irgendso. (S. 153)

Die Verse lassen sich aber um drei große Themen bündeln: Auswanderung und Exil, Absurdes Dasein im Kommunismus, Nationalsozialistische Vergangenheit der Vätergeneration. Das Exil kennzeichnet sich durch Boden- und Orientierungslosigkeit, das lyrische Ich kämpft, seinen Platz in der neuen Welt zu finden:

Zwischen zwei Sprachen
Auf den gespannten Faden. Wo willst du?
Zu wem?
(S. 7).

Die lyrische Aufnahme der neuen Welt ist von Entfremdung gekennzeichnet, der Text „Weihnachten im Westen“ veranschaulicht, wie fremd das lyrische Ich das „Wunder“ des Westens empfindet.
Viele Gedichte thematisieren aber das Thema des Schreibens unter der Diktatur. Die Absurditäten des Alltags werden nüchtern beschrieben, der Leser bleibt mit einem bitteren Nachgeschmack einer entfremdeten Welt.
Durch die strenge Überwachung der Securitate und der Zensur lebt das lyrische Ich fortwährend unter Bedrohung. Somit sind die Gedichte, die die kommunistische Diktatur in den Mittelpunkt stellen, ebenso Kriegsgedichte, sie zeigen nämlich den Kampf mit den Instrumenten der Diktatur – mit den Beamten der Securitate, mit Abhörgeräten („Protokoll. Die Mauer / Schreibt mit. […] Was wäre / Ohne uns   die Wanze.“, S. 122.), mit dem Schreibverbot („Hineingeboren schreiben wir genervt / Mit kalter Tinte dem Staat. Und Gedichte. / Schreiben uns die Schubladen hinter / Die Ohren, schwer wie Gewichte / Schreiben wir uns auf […], S. 44).
Hiermit ist der Titel Kein Schweigen bleibt ungehört aufschlussreich:   Das System hatte sich bis in die 1980er Jahre so perfektioniert,   dass jedwede Unterlassung der Verpflichtungen bzw. der Kontrolle und Überwachung nicht in Frage kam. Die erhebliche Verhärtung des literarischen Lebens in Rumänien kommt deutlich aus Samsons Versen zur Geltung. „In jeder Zeile, die ich schreibe, / Friert die Tinte, erstarren die Wörter, / Die Sätze, die Finger“ (S. 86), Literatur wird dem Dichter zum Verhängnis, „Sie hängt dich auf mit deinen eigenen / Sätzen oder sie entführt dich gekonnt / An unbekannte Orte und drückt dir langsam / Das Herz ab, das völlig wehrlose Herz.“ (S. 47)
Weiterhin spielt sich der Krieg für das lyrische Ich ebenfalls an einer anderen Front ab – der Auswanderung sowie des Heimatverlustes. Im Schreiben wird erneut eine Heimat gefunden:

Gedichte
sind ein Zuhause
Für alle
Die keins haben
(S. 126).

Viele Gedichte thematisieren die Auswanderung („Grenzbahnhof Curtici“, S. 77; „Fahrwind“, S. 78) sowie die ersten Erfahrungen im Westen: „Übergangswohnheim für Aussiedler“ (S. 79), „Morgenstunde im Lager“ (S. 112).   Das lyrische Ich pendelt dabei zwischen der neuen und alten Heimat, das Wunder des Westens lässt auf sich warten, der Wohlstand als Errungenschaft des Kapitalismus wird ironisiert:

Ich bin uralt geworden in einem Jahr,
Schreibe über hormonverseuchtes Kalbsfleisch,
Über ölige Erde und die Invasion des Mülls in Form
Von bunten Schachteln, schreibe über Pferdemarkt und
Politik, Altkleidersammlungen, mit dem Computer
Um das nackte Geld
(„Brief an die Zurückgebliebenen“, S. 40).

Typische Aspekte des Emigrantenlebens werden angesprochen: Bürokratie, Arbeitslosigkeit, Schreibschwierigkeiten, Überleben der eigenen Identität.
Einen besonderen Stellenwert nimmt auch die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ein. Das Gedicht „Pünktlicher Lebenslauf“ offenbart „den schrecklichen unendlichen Krieg“, es beschreibe eine „Generation in ihrem existentiellen Verständnis“ (S. 149):

Nachts setzt sich Vater
Den Stahlhelm auf,
steckt sein Gebetbuch
In seine Brusttasche
Und fährt mit einer schwarzen NSU
Durch das Minenfeld bei Narwa
In Richtung Leningrad.
Morgens um fünf
Ist er wieder da.
(S. 100).

In dem Text „Über die Endlosschleife“ (S. 145–150) wird ebenso die nationalsozialistische Vergangenheit durch die eigene Familiengeschichte angesprochen. Die Zwitterstellung des Vaters zwischen Opfer und Täter wird aus einem persönlichen und subjektiven Erlebnis zur Kollektiverfahrung der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien. Wie wichtig diese Vergangenheit für die Deutschstämmigen ist, soll an Hand des angeführten Exkurses hervorgehoben werden. Von Bedeutung in dieser Hinsicht ist auch die Wahl des Fotos auf dem Bildumschlag – es zeigt den Vater in Uniform auf einem Motorrad.
Der Lyrikband Kein Schweigen bleibt ungehört führt den Leser in eine Welt der Entfremdung ein. Die Ästhetik des fremden Blickes lässt sich nicht nur bei Herta Müller sondern auch in der Lyrik Horst Samsons des Öfteren feststellen. Die Absurdität des Alltags im Kommunismus, teils auch im Kapitalismus, führen dazu, dass das natürliche Vertrauen in die Dinge verloren geht, und die Umwelt nicht mehr als selbstverständlich aufgefasst wird. Samsons Band vereint folglich Generationen und Welten, die auf den ersten Blick von einer tiefen Kluft getrennt zu sein scheinen.

Delia Cotârlea, Deutsche Zeitung für Rumänien, 11.4.2015

 

Steppenwolf – Eric Giebel im Gespräch mit Horst Samson

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Fakten und Vermutungen zum Autor
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