Johannes Bobrowski: Im Windgesträuch

Bobrowski-Im Windgesträuch

OSTEN

Alle meine Träume
gehn über Ebenen, ziehn
unbetretenen Wäldern
windhell entgegen, kalten
einsamen Strömen, darüber
fernher Rufe schallen
bärtiger Schiffer –

Dort sind alle Gesänge
ohne End, im geringsten
Ding steht Gefahr, vieldeutig, –
nicht zu halten mit dem und
jenem Namen: Gefilde,
Moor, eine Schlucht; wie Verhängnis
schlägt sie hinab, bleibt, gemieden, –
dort um die niederen Hügel
fliehn die Pfade davon.

Worte gelten nicht.
Aber ein Streicheln, Grüße,
Blitz unterm dunkelnden Lid
und in der Brust jenes Ziehn;
noch als Umarmungen stärker.

Händler kommen von weit. Die
unter uns wohnen, sind Fremde.
Unsicher gehn sie, fragend,
ziellosen Straßen nach, hängen
Fähren und Brücken immer
an, als wär dort Gewisses –

Wir aber kennen uns leicht.
Unsre Gespräche steigen
alle aus gleichem Grunde.
Und im Erwarten ewig
wohnt uns das Herz.

 

 

 

Nachbemerkung des Herausgebers

Dieser Band vereinigt sechzig Gedichte aus dem Nachlaß von Johannes Bobrowski aus den Jahren 1953 bis 1964. Sie bilden den größeren Teil jener Gedichte, die in die Bände Sarmatische Zeit, Schattenland Ströme und Wetterzeichen keine Aufnahme fanden. So verschiedenartig die Gründe dafür gewesen sein mögen, so sicher helfen diese Verse, die thematisch-motivische und die sprachlich-rhythmische Entwicklung des Lyrikers Bobrowski genauer zu erfassen. Nicht wenige von ihnen erweitern zugleich den bisher bekannten Horizont seiner lyrischen Welt. Gedichte, die ihrer Sprache nach noch völlig der vorausgegangenen Entwicklungsstufe seiner Lyrik zugehören, wurden nicht aufgenommen.
Alle Gedichte sind bisher ungedruckt und werden buchstaben- und zeichengetreu in der Fassung wiedergegeben, in der sie im Nachlaß vorhanden sind, korrigierte Texte in der letzten Korrekturstufe. Anderslautende Fassungen in fremden Händen können gleiche Verbindlichkeit nicht beanspruchen. In zwei Fällen, in denen Bobrowski selbst zwei verschiedene Fassungen aufbewahrte, wird die jeweils frühere Fassung in den Anmerkungen mitgeteilt. Zu mehr als einer streng chronologischen Anordnung der Gedichte hielt sich der Herausgeber nicht befugt. Die Anmerkungen sind nach Bobrowskis Verfahrensweise eingerichtet, jedoch etwas ausführlicher gehalten; einige Hinweise dazu hat dankenswerterweise Prof. Dr. Wilhelm Girnus, Berlin, gegeben.
Der Titel des Bandes ist dem Gedicht „Žemaite“ entnommen, das Bobrowski ursprünglich in den ersten Gedichtband aufnehmen wollte. Von Wind oder Lüften ist in mehr als der Hälfte der Gedichte die Rede.
Ohne das großzügige Entgegenkommen und Vertrauen von Frau Johanna Bobrowski wäre die Herausgabe des Bandes nicht möglich gewesen. Ihr gilt der Dank von Herausgeber und Verlag.

Eberhard Haufe, Nachwort

 

Im Windgesträuch

Fast zwanzig Jahre hat Johannes Bobrowski gezögert, bis er 1960 seinen ersten Gedichtband veröffentlichte. Äußere Umstände, aber vor allem auch ein hohes Kunstbewußtsein mögen die Ursache dafür gewesen sein. Als der Dichtere 1965 in Ost-Berlin starb, hatte er drei Bände vorbereitet, die sich zu gut zwei Dritteln aus Texten der fünfziger Jahre zusammensetzen. Seine Anfänge hat er als Vorstufen stets der Veröffentlichung entzogen. Es handelte sich dabei um metrisch streng gebaute Versarbeiten, die in Thematik und bildstruktur die späteren Gedichte schon vorwegnehmen. …
Der Herausgeber des soeben erschienenen Nachlaßbandes hat dem Willen Bobrowskis entsprochen und keine Texte aus dieser Phase aufgenommen. Das früheste Gedicht datiert von 1953. Das mag die Bobrowski-Philologie enttäuschen, der Gewinn ist ein Gedichtbnad, der an Qualität den drei vorausgegangenen Büchern kaum nachsteht. Die chronologisch abgedruckten Verse bringen allerdings keine neuen Aspekte, sie helfen jedoch, das bisher bekannte Bild von der Dichtweise Bobrowskis zu vertiefen.
Neben lyrischen Porträts auf so unterschiedliche Personen wie Gauguin, Proust, Eichendorff, Rosa Luxemburg stehen Naturgedichte, die alle um das „Schattenland“ jenseits der Weichsel kreisen, in dem Bobrowski aufwuchs. T.S. Eliot bemerkte einmal, daß der größte Teil der Bilder eines Lyrikers aus der Kindheitsphase stamme. Für Bobrowski ist es die Welt um „Lattenzaun und Bretterzaun, / daran der Flieder lehnt und der Holunder“. Der Dichter wird nicht müde, diese verschollene Welt immer erneut zu beschwören, freilich nur selten als verlorene Idylle, sondern meist mit einer dunklen, bedrohlich wirkenden Einfärbung. Die erinnerte Landschaft ist für den Autor ein geschichtsträchtiger Ort, in dem sich vergangene Schuld in sichtbaren Bildern – in Fisch, Vogel, Baum – manifestiert.
Bobrowski benutzt dabei ein Verfahren, das mit der mittelalterlichen Typologie oder der barocken Emblematik vergleichbar ist. Ähnlich wie dort werden Personen und Geschehnisse aus verschiedenen Zeitebenen auf Grund ihrer Analogie aufeinander bezogen, wobei die ältere Bildschicht die Funktion hat, auf das Gegenwärtige hinzuweisen. Der neue Band bietet für diese Dichtweise zahlreiche Beispiele.
Das Gedicht „Die russische Birke“ (1959) ist deshalb wichtig, weil es das poetische Verfahren eigens ausspricht. Das Gedicht besteht aus einer Eingangsstrophe und drei deutlich voneinander getrennten Abschnitten, die in sprachlicher und inhaltlicher Steigerung Bilder aus der russischen Landschaft wiedergeben. Die erste Strophe lautet:

Ein Streifen Bast,
mit drei Schnitten
gelöst von der Rinde: Zeichen –
Sergej aus Rjasan
hat sie gelesen, du wirst
eines entziffern

Bobrowski spielt auf den symbolischen Lyriker Sergej Jessenin an, der im Gouvernement Rjasan aufwuchs und 1925 in Moskau Selbstmord beging. Die Erinnerungspoesie Jessenins erscheint dem lyrischen Ich als Präfiguration der eigenen Dichtung.
In der Tat lassen sich Analogien finden: wie Bobrowski beschäftigte sich der russische Lyriker mit der Beschwörung siner verlorenen bäuerlichen Heimat. Birke, Mond und Apfelgarten sind bei ihm zentrale Chiffren für das „hölzerne Rußland“. Die Analogie geht jedoch über das Thematische hinaus und bezieht sich auf die Haltung des Dichters, der wie ein Zauberer das Vergangene entziffert. Bobrowski dachte vermutlich an Jessenins Gedicht „Goldenes Gehölz“, das in der Celanschen Übersetzung mit den Versen beginnt:

Goldenes Gehölz wills aus dem Sinn mir reden:
mit leichter Birkenzunge sprichts.

In dem Gedicht
„Steh. Sprich. Dioe Stimme“, das Bobrowski kurz vor seinem Tod vollendete, wird nicht ohne Zufall der „singenden Stimme“ eine andere gegenübergestellt, in welche die „Angst eingegraben“ ist. Das Gedicht endet mit der stammelnden Strophe:

Jona kommt
wir reden und reden
Sag Ninive
Sag morgen morgen morgen.

Auch hier erscheint wieder eine typologische Beziehung. Das lyrische Ich spiegelt sich in der Gestalt des Propheten Jona wider, der von Gott den Auftrag bekam, in die reiche Stadt Ninive zu gehen und ihren Untergang zu predigen.„Da glaubten die Leute in Ninive an Gott“, heißt es in Jona 3,5. Die Menschen fastete, auch der König:

Er legte seinen Purpur ab, hüllte einen Sack um sich und setzte sich in die Asche.

Die Stadt blieb vom Untergang verschont.
Das Jona-Gedicht trägt sehr viel zum Selbstverständnis Bobrowskis bei. Er selbst empfand sich als Mahner, der durch die kunstvolle Technik der Typologie die dunkle Vergangenheit in die Zukunft projizierte. In einer Zeit der Fortschrittsgläubigkeit zweifelte er das Morgenrot an. Schon 1953, in seinem Gauguin-Gedicht, bekannte er:

Endzeit ist immer.

Hans Dieter Schäfer, Die Welt der Literatur, Heft 24, 26.11.1970

 

Im Windgesträuch

Gegenüber dem letzten, von Bobrowski noch selbst in Auswahl und Anordnung der Gedichte besorgten Band Wetterzeichen (1966) ist dies die erste Veröffentlichung aus dem Nachlaß. Sie umfaßt sechzig zwischen 1953 und 1964 entstandene Gedichte, die der Herausgeber, darin dem Dichter folgend, chronologisch angeordnet hat. Bobrowski hat diese Gedichte von der Veröffentlichung ausgeschlossen, weil sie in den von ihm publizierten Gedichten ihre nach seiner Auffassung wohl gültigere thematische, motivische und sprachgestalterische Aufhebung gefunden haben oder nicht weiter verfolgte Nebenlinien seiner poetischen Selbstverständigung repräsentieren.
Um so dankbarer müssen wir Frau Bobrowski und dem Herausgeber für die mit dieser Veröffentlichung geleistete Arbeit sein…
Johannes Bobrowski führt mit seinem Werk die Traditionslinie der Klassik weiter, der in der Nationalpoesie eine völkerverbindende Aufgabe erwuchs.

… leg ich die Schlingen aus, zu fangen mich im eigenen Wort: weil ich dem Wehlaut gehör, dem Quellmund der Völker hinter den Hügeln.

Bobrowskis Lyrik vergegenwärtigt uns eine im „Quellmund der Völker“, das heißt in ihren Sagen, Mythen und Liedern aufbereitete Natur-, Geschichts- und Kulturlandschaft, die einst seine engere Heimat war. Sie vergegenwärtigt uns diese im Ton der Klage. Geboren und aufgewachsen in einem Landstrich zwischen Weichsel- und Memelmündung, in welchem sich litauische, polnische, jüdische, russische und deutsche Volksgruppen und Kultureinflüsse durchdrangen, Angehöriger jener Volksgruppe, die, mit einem mächtigen, aggressiv-chauvinistischen Staat verbunden, in jeder ihrer Lebensäußerungen ihr hegemoniales Streben gegenüber dem östlichen Nachbarn bekundet und als Exponent der Ausbeutung und Unterdrückung erscheint, befindet sich Bobrowski mit seiner zeitigen Offenheit für die Kultur- und Lebensweise der benachbarten Völker bald in der Lage eines Außenstehenden und Fremden, fremd gegenüber jenen Deutschen, die ihn in die Uniform eines Soldaten der faschistischen Armee stecken und an die Ostfront schicken, fremd aber auch gegenüber jenen Völkern, deren Boden er als Eroberer betritt. Der verbrecherische Inhalt dieser Mission ist es, der ihm die Landschaft seiner Herkunft entfremdet. Sie verschließt sich vor ihm, ist von „kalten, einsamen Strömen“ durchflossen. Gefilde, Moor, eine Schlucht schlagen „wie Verhängnis“ herab. In Ihren unbetretenen Wäldern „schwand grün deine Spur“. In dieser Landschaftszeichnung manifestiert sich eine Lebenssituation:

Die unter uns wohnen, sind Fremde. Unsicher gehn sie, fragend, ziellosen Straßen nach.

Es ist das Trauma der Fremde, Unbehaustheit und poetischen Sprachlosigkeit, das die einstige Heimat nun für den Dichter bereithält. dem die eigene Vergangenheit in ihr abgeschnitten ist.
Dieses Trauma zu überwinden, den Zugang zu Kindheit und Vergangenheit wiederzugewinnen, sich in der Gegenwart festzumachen und seiner eigenen Sprache wieder mächtig zu werden sind die Inhalte des poetischen Bemühens Bobrowskis. Er sucht den einstigen Heimatboden historisch zu durchdringen, die Verschuldungen der Deutschen gegenüber den östlichen Nachbarvölkern zu benennen und uns damit jenen „Wehlaut“ hörbar zu machen, der ihre Geschichte und Volkspoesie seit Generationen bis zur faschistischen Okkupation durchzieht.
Bobrowski beschränkt sich jedoch nicht darauf, das Problem von Heimatlosigkeit und Heimatgewinn ausschließlich an „seinem Thema: Deutschland und der europäische Osten“ abzuhandeln, ist doch das Gefühl des Heimischseins nicht nur an einen bestimmten geographischen Bezirk gebunden. Dieser ist für Bobrowski der konkrete Kristallisationspunkt seiner Erfahrungen, um den sich nach und nach immer weiträumigere Zeitaussagen anschließen: Da rücken die Raubzüge der deutschen Ordensritter mit denen der spanischen Konquistadoren in ein gemeinsames Blickfeld, das Schicksal der Heimatlosigkeit erfährt Rosa Luxemburg inmitten des eigenen Volks, die Situation, des spätbürgerlichen Künstlers steht in einer Reihe von Porträtgedichten ebenso für dieses Problem wie die des sich mit Alter und Tod auseinandersetzenden Individuums. Heimat und das Problem ihrer inneren Inbesitznahme weiten sich dergestalt zu einem Prozeß von menschheitlichen Dimensionen aus. Bobrowskis Bekenntnis zur Kraft des Humanen erwächst so nicht zuletzt aus der Auseinandersetzung mit dem überkommenen lyrischen Erbe als kondensierter geschichtlicher Erfahrung der Völker. Sie gestattet ihm, im spätbürgerlichen Endzeitbewußtsein die Krise des Neubeginns herauszuarbeiten. Die gelungene Ausweitung seines Themas zum Epochen- und Menschheitsthema ist es, die Bobrowskis Lösung aus poetischer Sprachlosigkeit und sein erneutes Heimischwerden auf dem Boden und in den Verhältnissen unserer Republik bezeugt. Bobrowskis nachgelassene Gedichte zeigen uns plastisch die Arbeitsrichtung des Dichters: sie künden von künftigen, über das fertiggestellte Werk des Dichters hinausweisenden Entwicklungen, deren Vollendung der Tod abbrach…

Olaf Reincke, Der Sonntag, Heft 50, 13.12.1970

Erinnernde Sprachmagie

– Zu Bobrowskis Gedichten. –

„Heimatlieder 1945–48“: Diesen Titel gab Bobrowski einer Sammlung von Gedichten, die er während der Kriegsgefangenschaft im ukrainischen Novoschachtinsk zu Papier brachte. Die Texte sind Zeugnisse eines Schreibens, das für den etwa 30-jährigen Autor in der gegebenen Lebenslage Trost und Kompensation bedeutete. Und wie der Sammlungstitel schon anzeigt, kennzeichnen sich sehr viele der Gedichte durch Liedhaftigkeit. Zumeist sind die Verse strophisch gefügt und per Endreim, der häufig gar als Mehrfachreim auftritt, klanglich aufeinander bezogen. So ist eine Gedichtsprache anzutreffen, die etwas entschieden Melodiöses hat. An den Anfang der Sammlung rückte Bobrowski ein Gedicht namens „Heimatlied“; von ihm wurde der Gruppentitel hergeleitet. Hier die ersten drei Strophen:

Lied meiner Heimat! Du aus Glück
gefügtes! Darin singt
die Flur, von Wald und Fluß umringt –
so lang tönt das zurück,
so lange noch! Das ruft und winkt zurück,
von Wald und Fluß umringt,
und ruft das Herz zurück.

Das Dorf am Waldrand ausgestreut,
wo sich der Fluß hinwand,
von Wiesenbächen muterneut,
ein vielgefältelt Band,
umsäumt vom grünen Wiesenland –
Da blieb das Sonnenschiff vertäut
lang stehen überm Land.

Hier war der Wald, dort ging der Fluß,
dazwischen stand das enge Haus,
stieg Jahr für Jahr ein Blumengruß
hell über alle Zäune aus.
Da stellten sich vor Überfluß
Kirschbäume in des Sommersblaus
Umarmung vor dem Fenster drauß
hinunter bis zum fluß.

Die Verse beziehen sich auf jenes memelländische Motzischken, wo der Königsberger Gymnasiast bei Verwandten regelmäßig sommerliche Ferienwochen verbracht hatte. Und die erinnerte Sommerferienwelt gewann im Gedicht den Status von Heimatlichkeit schlechthin. Dabei wurde die liedhaft-melodiöse Fügung des Textes vom Autor offenbar als ganz und gar angemessen empfunden; für die hellen Erinnerungsbilder bot sich eine singende Sprache an, in der sie die erwünschte ästhetische Realität erlangen konnten. Vielleicht aber auch, dass es sich umgekehrt verhielt? Dies würde bedeuten, zu dem „selig“ fortsingenden Lied habe sich ein zu ihm passendes Idyll entfaltet und mit Heimatlichkeit hätte sich dem Autor zuallererst das Trauliche jenes Sprachsanges verbunden. Wie auch immer: Für den Kriegsgefangenen Bobrowski erwies sich der Harmonienraum poetischer Klangsprache zumindest ebenso als ein Zufluchtsort wie die erinnerte memelländisch-dörfliche Ferienlandschaft.
Der Titel eines weiteren in Novoschachtinsk geschriebenen Gedichts lautet „Abends nach dem Regen“:

Fernab verfiel der bösen
geschwärzten Wolken Lauf,
da stieg, uns zu erlösen,
der Regenbogen auf.

Wie grün war rund die Flur!
Wie schön der Garten drauß!
Und röter glühten nur
die Malven um das Haus.

Die Fenster wurden aufgetan.
Der Regenduft.
Verliebter Laute Tändeln kam
süß durch die Luft.

Unter den 36 starktonigen Vokalen des Gedichts findet sich nur dreimal ein e, neunmal jedoch ist ein klangkräftiger Umlaut anzutreffen und sechsmal der Diphthong au. So kennzeichnet sich das Gedicht hörbar durch eine Vokalität, die seine Rede als ausgesprochen klangkompositorisch gefügt hervortreten lässt. In einer Strophe des Gedichts „Die Vaterstadt“ führt dieser Fügungsimpuls sogar dazu, dass für deren fünf Verse siebenmal der Umlaut ü beansprucht wird:

Der altersmüde Park, zu grünen Hügeln
gehäuft und herbstens in Gebirgen glühend
emporgetürmt, und tief wie unter Flügeln
ins dichte Laub getaucht mit seinen Giebeln
das strohgedeckte Haus, in Farben blühend.

Dabei tritt hier, in diesem auf Tilsit sich beziehenden Gedichttext, zum klangvokalischen Fügungsimpuls noch ein weiterer, auf Sprachmusikalität seinerseits hinwirkend: Was er stiftet, ist der Harmonismus einer Textbewegung, die sich durch freies und breites Dahinströmen charakterisiert. Bereits die erste Strophe macht diesen Duktus auf exemplarische Weise deutlich:

Gewaltig geht der Strom durch seine Triften.
Da drängt umwaldet sich der Berg heran,
und die geliebte Stadt fängt irgendwann
mit ihren Gärten, ganz aus Fliederdüften,
und ihren hellen alten Häusern an.

Eine harmonistisch-musikalisch geformte Verssprache als Asyl. Vorab, während des Krieges, hatte Johannes Bobrowski alkäische und sapphische Oden geschrieben. Auch sie waren durch Trostsuche gekennzeichnet gewesen. Aber in ihnen hatte Bobrowski die gegenwärtige Erfahrungsrealität nicht ausgeblendet. Namentlich ist es das immer wieder anzutreffende Bild der zerschossenen Kirche, in dem sie sich signifikanten Ausdruck verschafft hatte. Nun aber, in den Gedichten der Gefangenschaftszeit, wurde zum tröstlichen Ort eine von Spannungen freigehaltene klangsinnliche Reimsprache, die alle Not abwies und der sich die Konstruktion einer zu ihr passenden Erinnerungslandschaft verband. Die Gedichtgruppe „Backsteingotik“ lässt das Nämliche erkennen: Bei den Versen handelt es sich um gereimte fünfhebige Jamben; die syntaktischen Bögen sind weit gespannt; die dichterische Rede strebt, abgesehen vom Eingangstext „Die Burg“, eine große Sakralarchitektur zu versinnlichen, in der sich bergender, Erde und Himmel verbindender Glaube manifestiert. Die meisten der Gedichte sind auf den Königsberger Dom bezogen. Im ersten dieser Texte wird der Vorgang seiner Errichtung besungen; die Vollendung des Bauwerks findet sich als ein überwältigendes Gelingen dargestellt, hinausweisend über das begrenzte Vermögen menschlicher Kräfte. Jede der drei Strophen kommt mit nur zwei Reimen aus. Deren letzte lautet:

Oh unbegreiflich weite Herrlichkeit!
Geschlossen war das Dach, im Turme hingen
die Glocken, aber immer, wie ein Kleid,
verhüllte sie die Unermeßlichkeit
des Werks, das über Wollen und Vollbringen
aus Pfeilern und aus Bögen wuchs und Schwüngen
und größer ward und stärker als die Zeit.

Der Dombau als Numinosum. Und die aller Kleinparzellierung entstrebende Reimarchitektur des Gedichts sucht dies ebenso zu bezeugen wie der auch in ihm anzutreffende klangmagische Vokalismus:

(…) und aus Bögen wuchs und Schwüngen
und größer ward und stärker als die Zeit.

Als Bobrowski das Gedicht schrieb, gab es den Dom nicht mehr; es gab nur noch das gespenstisch Aufragende seiner Ruine. Es ließe sich in Anschlag bringen, Bobrowski habe in Novoschachtinsk nichts davon wissen können, was auch über den Dom die „Zeit“ tatsächlich vermocht hatte. Aber nicht einmal der Anflug einer bangen Frage kommt im Gedicht zum Vorschein. Es errichtet sich den Dom als zeitenthobenes und zeitenthebendes tröstliches Refugium.
Es ist bekannt, dass Bobrowski all die Gedichte, die in Novoschachtinsk entstanden waren, in späterer Zeit nicht nur nicht mehr gelten ließ, sondern buchstäblich verleugnete. Im ersten der beiden Interviews mit Irma Reblitz gab er Auskunft dahin gehend, der „Anfang“ seiner „Schreiberei“ sei auf die Jahre 1943/44 zu datieren; „russische Landschaft“ habe er damals im Gedicht festlegen wollen; und er fügte hinzu, dass er dafür das „Hilfsmittel“ der „griechischen Ode in der von Klopstock bis Hölderlin versuchten Eindeutschung“ herangezogen habe. Und er setzte fort:

Dann habe ich das Schreiben wieder bleibenlassen eine ganze Zeit. Erst nach der Gefangenschaft, also erst 1952, als ich schon eine Weile wieder in Deutschland war, habe ich es noch einmal aufgenommen, nun eigentlich sofort in einer äußerlich freien Form – die allerdings für Leute, die von Metrik etwas verstehen, ziemlich deutlich die griechischen Odenstrophen und Versschemata verrät.

Außer den Novoschachtinsker Gedichten wurden damit auch alle die verheimlicht, die über viele Jahre hin bereits vor den Oden, großenteils noch in der Gymnasialzeit, entstanden waren: Bobrowski wünschte der Öffentlichkeit nur diejenige Spur seines Schreibens erkennbar zu machen, die sich im Publizierten bezeugt fand. Gleichwohl bewahrte er viele von den verheimlichten Texten sorgfältig auf – und so auch die der Gefangenschaftszeit entstammenden. Das bedeutete wohl: In literarischer Hinsicht galten dem späteren Autor diese Gedichte zwar als inakzeptabel, aber ihm selbst waren sie, einen Abschnitt seiner Schreibbiografie bezeichnend, denkwürdig geblieben. Und denkwürdig sind sie unter diesem Blickwinkel in der Tat. Denn in und mit diesen Gedichten reagierte der Lyriker Bobrowski erstmals auf jene Lebenssituation eines Entferntseins, die als bitter bewusste dann auch seinem Schreiben in all der folgenden Zeit zugrunde lag. Am fremden Ort Novoschachtinsk, an dem er auszuharren gezwungen war, rief sich Bobrowski eine Gegenwelt ins Wort, für die sich ihm der Bezug auf Erinnertes nahe legte: auf Erinnerungssequenzen, deren Versinnlichung im Medium klangmagischer Sprache als imaginatives Herholen von Heimat unternommen wurde. Und in den fünfziger Jahren war dann der Lebensort zwar kein Gefangenenlager mehr, aber als Diaspora, als einen Ort entwurzelter Existenz hat ihn Bobrowski nicht minder begriffen. So verlor sich der Impuls, jene Art klangmagischer Kompensationsdichtung nun fortzusetzen, keineswegs. Er blieb in kaum zu überschätzendem Maße wirksam.
Allerdings gab es fortan Beweggründe, die den Autor trieben, sich von solchem Impuls nicht mehr ausschließlich leiten zu lassen. Ein erster dieser Beweggründe erwuchs daraus, dass sich Bobrowski nach seiner Entlassung sehr intensiv mit Entwicklungen der lyrischen Moderne befasste. Er nahm, gleichsam aufarbeitend, zur Kenntnis, was ihm lange Zeit verschlossen geblieben war; wachen Sinnes verfolgte er alle signifikante neu erscheinende Lyrik. Gewiss war Bobrowski weit davon entfernt, sich an beobachtbaren Moden zu orientieren. Aber es erwies sich ihm, dass die Sprache der lyrischen Moderne ein Differenzbewusstsein zur Qeltung brachte, das ihm selbst ja mitnichten fremd war. Dieses Bewusstsein hatte ihn vorab veranlasst, sich schreibend in Harmonismen zu flüchten – nun gelangte er dazu, ein solch harmonistisch gefügtes Gedicht als künstlerisch obsolet, als praktizierten Traditionalismus betrachten zu müssen. Im April 1960 hielt Bobrowski vor Mitarbeitern christlicher Buchhandlungen einen Vortrag, in dem er, sprechend über Lyrik der Gegenwart, die übergreifenden Merkmale des modernen Gedichts wie folgt darlegte:

Das moderne Gedicht heimelt nicht an, es erlaubt nicht, sich’s in einem Vers gemütlich zu machen, es nimmt den Leser nicht in ein Bewußtsein der Kommunikation, der Gemeinschaft mit dem Dichter auf. Es ist beunruhigend, manchmal beängstigend, bedrohlich.

Mit diesem Passus resümierte Bobrowski gleichsam all das, was sich ihm selbst als eine Art künstlerischer Herausforderung ergeben hatte.
Als Gegenimpuls zu dem, der sich nach wie vor auf jene klangmagische Kompensationsdichtung richtete, wirkte jedoch auch ein noch eigens zu benennender zweiter. Er entsprang den Regungen eines geschichtskritisch-moralischen Bewusstseins, das dem ästhetischen durchaus die Autonomie bestritt. Bobrowski war Protestant; in seiner Jugendzeit hatte er an Bekenntnisgottesdiensten teilgenommen; bezeugt ist seine Aktivität im Schülerbibelkreis. Und wenn er in den Jahren 1949/50 dazu tendierte, sein Christentum aufzukündigen, so sollte sich dies sehr bald schon als eine Reaktion erweisen, die episodisch blieb. Dabei vermittelte sich der christlich-protestantisch gegründete Moralismus einer geschichtlichen Sichtweise, auf deren Ausprägung namentlich der im letzten Gefangenschaftsjahr (1949) absolvierte Lehrgang in der Antifa-Schule gewirkt hatte und die sich durch einen sehr bestimmt-kritischen Blick auf die deutsche Nationalhistorie kennzeichnete. Entsprechend machte sich der Wille zu einem außerästhetisch bezogenen Engagement geltend, dem es darum ging, gegen jedes Fortleben des deutschen Wahns zu agieren. Hierfür aussagekräftig sind jene oft zitierten Sätze, die Bobrowski 1961 für Hans Benders Anthologie Widerspiel formulierte und in denen er Auskunft darüber gab, was er als Programm, das all seinem Schreiben zugrunde liege, verstanden wissen wollte:

Zu schreiben habe ich begonnen am Ilmensee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit. Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung, seit den Tagen des deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buch steht. Wohl nicht zu tilgen und zu sühnen, aber eine Hoffnung wert und einen redlichen Versuch in deutschen Gedichten. Zu Hilfe habe ich einen Zuchtmeister: Klopstock.

Auch bei anderen Gelegenheiten hat Bobrowski immer wieder betont, wie belangvoll die so gefasste Schreibintention für ihn sei. Die einschlägigen Auskünfte sind ernst zu nehmen. Es verbietet sich, sie womöglich einer Plakativität zu verdächtigen, die dem Autor aus Opportunitäts gründen ratsam gewesen sei. Doch gleichermaßen ist leicht erkennbar, dass sich die Gedichttexte, die er seit 1952 zu Papier brachte, dieser Absichtserklärung nicht völlig fügen. Und grob schematisierend lässt sich jedenfalls sagen, dass sich in ihnen die außerästhetisch gerichtete Schreibintention sehr spannungsvoll sowohl gegenüber einem Modernitätsanspruch verhält, der ja gerade nicht auf Kommunikationsfreundlichkeit hinwirkte, wie auch jener fortdauernden Neigung gegenüber, die danach trachtete, sich den poetischen Text als Fluchtort, als Ort einer sprachmagisch heraufbeschworenen Heimatlichkeit zu gewinnen.
Kein Zweifel: Ein schwächerer Dichter als Bobrowski wäre wohl kaum in der Lage gewesen, einer derartigen Tripolarität von Schreibimpulsen literarisch standzuhalten. Und dass Bobrowski dies vermochte und im Zeichen solch zerreißender Widersprüchlichkeit zu einer in sich konsistenten Sprache fand, eben dies macht seine denkwürdige dichterische Leistung aus. Im Jahr 1954 entstand das Gedicht „Kindheit“:

Da hab ich
den Pirol geliebt –
das Glockenklingen, droben
aufscholls, niedersanks
durch das Laubgehäus,

wenn wir hockten am Waldrand,
auf einen Grashalm reihten
rote Beeren; mit seinem
Wägelchen zog der graue
Jude vorbei.

Mittags dann in der Erlen
Schwarzschatten standen die Tiere,
peitschten zornigen Schwanzschlags
die Fliegen davon.

Dann fiel die strömende, breite
Regenflut aus dem offenen
Himmel; nach allem Dunkel
schmeckten die Tropfen,
wie Erde.

Oder die Burschen kamen
den Uferpfad her mit den Pferden,
auf den glänzenden braunen
Rücken ritten sie lachend
über die Tiefe.

Hinter dem Zaun
wölkte Bienengetön.
Später, durchs Dornicht am Schilfsee,
fuhr die Silberrassel
der Angst.
Es verwuchs, eine Hecke,
Düsternis Fenster und Tür.

Da sang die Alte in ihrer
duftenden Kammer. Die Lampe
summte. Es traten die Männer
herein, sie riefen den Hunden
über die Schulter zu.

Nacht, lang verzweigt im Schweigen –
Zeit, entgleitender, bittrer
von Vers zu Vers während:
Kindheit –
da hab ich den Pirol geliebt –

Sogleich in den ersten Versen macht sich eine Klangsinnlichkeit geltend, die wiederum, wie schon in den Gedichten der Gefangenschaftszeit, durch Wörter von ausgesprochen sonorer Vokalität erzeugt wird. Aber die klangsinnliche Rede ist freirhythmisch aufgebrochen. Und eine Brechung wird auch dadurch signalisiert, dass im Gedicht von Vornherein ein Ich präsent ist, dem das Bewusstsein gegenwärtiger Diaspora-Existenz unverdrängbar bleibt. Entschieden zeigt sich Differenzielles an – wobei sich denn auch ein Vorgang mitgeteilt findet, als dessen Ergebnis der gegenwärtige Lebensstatus erscheint. So folgt dem Pastorale der klangsinnlich erinnerten Sommertagsbilder die Rede von der durchs „Dornicht am Schilfsee“ fahrenden „Silberrassel der Angst“, von einer „Hecke“, die „Fenster und Tür“ verwuchs, von den hereintretenden Männern mit Hunden. Am ehesten löst eine konkretere geschichtliche Assoziation dies letztere Bildzeichen aus; es ist die von deutschen Uniformierten, die abgerichtete Schäferhunde mit sich führen. Was hingegen die vorab stehenden Bildzeichen betrifft, so verweist ihre Metaphorik durchaus auf einen Vollzug von schicksalhaft-mythischer Bewandtnis. Doch eben der eine wie der andere Aspekt wird damit als einer Erinnerung zugehörig dargetan, die sich unausweichlich durch Ambivalenz kennzeichnet: Der Verlust von „östlich“-kindheitlicher Daseinsharmonie verbindet sich mit dem Wissen um Geschichtlich-Faktisches – und ist ihr arge mythische Erfahrung gleichermaßen.
Am Ende des Gedichts ist als Signum der gegenwärtigen Ich-Existenz die Nacht benannt. Damit erscheint der Text nun insgesamt auf eine Antinomie bezogen, mit der es ihrerseits eine uralt-mythische Bewandtnis hat: auf die Licht-Finsternis-Polarität. Bereits in der sechsten Versgruppe hatte die Hecken-Metapher die Daseinsnot des von „Düsternis“ Umgebenen näher bestimmt; das Motiv des verschlossenen Fensters und der verschlossenen Tür deutet auf Vereinzelung, aufs Elend einer Existenz, die sich unverständigt weiß. So auch wird die „Nacht“ der letzten Versgruppe mit „Schweigen“ in eins gesetzt – das Gedicht insgesamt aber bekommt schließlich die Bedeutung einer Rede, die der „Zeit des Schweigens“ noch immer zu entgegnen sucht. Es fällt auf, dass sich im Gedicht auch dort, wo diese Rede den Status gegenwärtiger Existenz bezeichnet, kein Abstumpfen bemerkbar macht; das klangmagische Sprechen bleibt vorwaltend bis hin zur letzten Versgruppe. Noch dann, wenn die Rede das Elend gegenwärtig-existenziellen Verstörtseins benennt, überantwortet sie sich einer klangsinnlichen Sprache, die damit sowohl Fluchtort ist als auch ein mit der Gegenwart sich konfrontierendes Agens.
Freilich vermag ein Gedicht wie „Kindheit“ mit dieser Gegenwart keine Hoffnung zu verbinden. Und als die Zeit eines übermächtigen Dunkels und einer allumfassenden Verschüttung erscheint sie auch in weiteren Gedichten der fünfziger Jahre. Ragte demnach der außerästhetisch gerichtete Anspruch ins Leere? Immer wieder schuf eine obsessive Erinnerung sich Raum, die helle Gegenbilder ins klangmagische Wort rief und zugleich den Vorgang ihres Verblassens und einer hereinbrechenden Verfinsterung. So aber fragt das Ich nach einiger Zeit – in Gedichten der endfünfziger Jahre – auch direkt und schroff diesem seinem Fixiertsein nach; und es sieht sich gar zu dem Befund veranlasst, dass es im Banne der fixierenden Erinnerung die gegenwärtige Lebenswirklichkeit aggressiv verfehle. Im Herbst 1959 entstand das Gedicht „Gegenlicht“. Es mündet in die folgende Versgruppe:

Aber
wer erträgt mich,
den Mann mit geschlossenen Augen,
bösen Mundes, mit Händen,
die halten nichts, der dem Strom
folgt, verdurstend,
der in den Regen
atmet die andere Zeit,
die nicht mehr kommt, die andre,
ungesagte, wie Wolken,
ein Vogel mit offenen Schwingen,
zornig, gegen den Himmel,
ein Gegenlicht, wild.

Jagende Atemlosigkeit kennzeichnet den Sprechduktus. Das Ich spricht über sich das Urteil, dass es sich, der Imagination jener „anderen Zeit“ hingegeben, für das, was die Lebensgegenwart erfordert, nicht habe offen halten können. Was damit in Gedichten wie diesem artikuliert wurde, ist bedrückt-kritische Selbstreflexion. Es existieren aber Gedichte zumal des Jahres 1960, in denen solche Selbstreflexion auf eine Weise fortgeführt erscheint, welche geradezu auf Selbstbefehligung hinausläuft.
Dieses Jahr 1960 brachte für Bobrowski die Gewissheit, dass endlich die langhin ersehnte Veröffentlichung eines ersten Gedichtbands zustande kommen werde (Sarmatische Zeit). Der Auftrieb, den ihm dies gab, ist hervorzuheben. Und durch ihn sah er sich gefordert, der Gegenwart nicht mehr nur als brüsk sie Abwehrender dichterisch zu begegnen. Doch wie auch immer: Die Zeichen einer selbstverpflichtenden Reflexion finden sich in den Texten von 1960 allenthalben. Immer wieder spricht in (beziehungsweise aus) ihnen ein Ich, das sich zur Bejahung gegenwärtiger Existenz aufruft, zur hoffnungsmutigen Offenheit ihren Anforderungen gegenüber. Dabei verschafft sich sprachmagisch heraufbeschworene Erinnerung auch in diesen Texten einen beträchtlichen Raum – zugleich aber wird ihr nun eine spezifische Funktion zubestimmt: Was sie leisten soll, ist eine gemahnende Orientierungshilfe. Eines dieser Gedichte erinnert in solchem Sinn an den für Bobrowski seit langem bedeutsamen Königsberger Magus Johann Georg Hamann; ein anderes wendet sich jenem mythischen „Wanderer“ zu, der von sich sagen kann:

Menschlich hab ich gelebt,
zu zählen vergessen die Tore,
die offenen. An die verschloßnen
hab ich gepocht.

Die letzte Versgruppe lautet:

Jedes Tor ist offen.
Der Rufer steht mit gebreiteten
Armen. So tritt an den Tisch.
Rede: Die Wälder tönen,
den eratmenden Strom
durchfliegen die Fische, der Himmel
zittert von Feuern.

Tür und Fenster, so war im Gedicht „Kindheit“ befunden worden, seien zugewachsen – hier nun wird dieser Befund korrigiert. Und der Imperativ gilt einer klangsinnlich suggestiven Rede, deren Concentus ein lebendig Numinoses bezeugen und die so beschaffen sein soll, dass sie in seinem Zeichen Gemeinschaft stifte. Auch ein Gedicht wie „An den Chassid Barkan“ ist hier zuzuordnen. Erinnert wird der Chassid als ein in Weltfreundlichkeit und Heiterkeit Lebender, dem noch und gerade die Diaspora eine von Gott ihm zubestimmte Daseinssituation bedeutet, der folglich in ihr an dessen Nähe nicht irre wird und insofern auch über die Kraft verfügt, sie unverdrossen zu bezeugen. In der letzten Versgruppe wünscht das Ich, dass ihm der Chassid als gemahnende Erinnerungsgestalt gegenwärtig bleiben möge:

Geh nicht fort. Die Zeit
kommt auf, deine Pfade zu lieben,
inne zu werden des tiefen
Dunkels um Wälder und Ströme,
auszusäen mit Tränen,
zu ernten fröhlich.

Die Reflexion freilich, dass die in die „Finsternis“ hineinzusprechende, der allumfassenden Entfremdung also begegnende Rede doch die eines Ichs nur sein kann, das an dieser Entfremdung teilhat, drängte fortan gleichermaßen ins Gedicht. Als in Schuld verstrickt hatte sich dieses Ich bereits in Texten der fünfziger Jahre identifiziert, zumal in solchen Versen, die der Erinnerung an die einstige Soldaten-Existenz Raum gaben. Und schon 1955 hatte sich die verzweifelte Frage artikuliert:

Wie will ich rufen
einmal
das Aug mir noch
hell?

(„Kathedrale 1941“)

Nun, im August 1960, entstand ein Gedicht wie „Dorfkirche 1942“, in dem ein Ich ausspricht, dass ihm der Vergangenheitsschatten seiner selbst virulent geblieben ist:

Rauch
um Schneedach und Balkenwand.
Über den Hang hinab
Krähenspuren. Aber der Fluß
im Eis.

Dort
Aufschein, zerstürzt
Stein, Gemäuer, der Bogen,
geborsten die Wand,

wo das Dorf stand
gegen den Hügel, der Fluß
sprang im frühen Jahr,
ein Lamm, vor der Tür,
eine runde Bucht
war für den Wind,

der auf den Höhen umher
geht, finster, der eigene
Schatten, er ruft, rauhstimmig
die Krähe
schreit ihm zurück.

Ebendies aber, dass dem Ich das Bewusstsein eigener Schuld – und einer Schuld, die der allumfassenden Verschüttung und Verfinsterung korrespondiert – unverlierbar ist, wirft zugleich auch die Frage auf, inwieweit seine Sprache zu dem, was etwa im „Wanderer“-Gedicht programmatisch kundgetan worden ist, wohl überhaupt fähig sein könne.

(…) umher
geht meine Sprache und ist
rostig von Blut.

Dieses Diktum findet sich im Gedicht „Gertrud Kolmar“ (Januar 1961). Und die Skepsis dem eigenen Sprechen gegenüber artikulierte sich stets aufs Neue. Eines der einschlägigen Gedichte, ein viel zitiertes, trägt den Titel „Immer zu benennen“:

Immer zu benennen:
den Baum, den Vogel im Flug,
den rötlichen Fels, wo der Strom
zieht, grün, und den Fisch
im weißen Rauch, wenn es dunkelt
über die Wälder herab.

Zeichen, Farben, es ist
ein Spiel, ich bin bedenklich,
es möchte nicht enden
gerecht.

Und wer lehrt mich,
was ich vergaß: der Steine
Schlaf, den Schlaf
der Vögel im Flug, der Bäume
Schlaf, im Dunkel
geht ihre Rede – ?

Wär da ein Gott
und im Fleisch,
und könnte mich rufen, ich würd
umhergehn, ich würd
warten ein wenig.

Welche Möglichkeit aber verblieb dem Dichter angesichts solch wach reflektierter, noch dabei freilich nicht begrifflich zum Ausdruck gebrachter Vergessens- und Fremdheitsnot? Es blieb ihm das Gebot, gegen die tödliche Herrschaft zweckrationalistisch instrumentalisierter Sprache noch immer das Agens einer anderen herbeizurufen. Das Ich weiß, dass diese andere Sprache ihrerseits nur die eines „Vergeßlichen“, an der Entfremdung Teilhabenden ist, doch im „Zeichen“- und „Farben“-Spiel, dem diese andere Sprache zuneigt und das ihm selbst nur mehr als fragwürdig – weil unbelehrt, unverständigt – erscheint, hofft es noch immer versinnlichen zu können, worauf sich die nach Zeitüberwindung verlangende Sehnsucht richtet. Dabei holte sich Bobrowski für solche Versinnlichung sprachbildliche Elemente zu Hilfe, die nach wie vor aus mythisierter Erinnerung an die „sarmatische“ Landschaft gewonnen werden konnten; zu Hilfe kam des Weiteren eine Rede-Erinnerung, die sich auf biblische Stellen, auf signifikante Stellen tradiert poetischen Sprechens bezieht. Und wiederum zeichnen sich auch die späten Gedichte nicht zuletzt durch jenes Auratisch-Klangmagische aus, auf das hin die Wörter gewählt und zueinander gefügt erscheinen – und das noch immer zurückverweist auf die Gedichttexte der Gefangenschaft. Wenn es einer solchen Rede jedoch eignen könnte, pontifikaler Höhe zuzustreben, so opponieren dem nun die weit häufiger und deutlicher noch als vorab gesetzten Zeichen apostrophierender Mündlichkeit. Dem Impuls sinnlicher Rede gehorchen auch sie; nicht minder indes teilt sich durch sie ein Ich mit, das sich vom Status eines klopstockschen-priesterlichen Sprechens weit entfernt findet. Und seine Rede, zum magischen Agens gefügt, der Fremdheitsnot zu entgegnen – einsam, es ist ihm bewusst, wird diese Rede bleiben:

KALMUS

Mit Regensegeln umher
fliegt, ein Geheul,
der Wasserwind.
Eine blaue Taube
hat die Flügel gebreitet
über den Wald.
Schön im zerbrochenen Eisen
der Farne
geht das Licht
mit dem Kopf eines Fasans.

Atem,
ich sende dich aus,
find dir ein Dach,

geh ein durch ein Fenster, im weißen
Spiegel erblick dich,
dreh dich lautlos,
ein grünes Schwert.

Bernd Leistner, aus: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): TEXT+KRITIK. Johannes Bobrowski, Heft 165, Januar 2005

Der Aufsatz basiert auf einem ausführlicher darstellenden Text, den ich unter dem Titel „Bobrowskis Gedichtsprache der Erinnerung“ im Germanistischen Jahrbuch Polen Convivium publiziert habe (Bonn 1998).

Begegnung mit Johannes Bobrowski

– Ein Brief an E. H., Meschwitz, den 4.10.1974. –

Diesen Brief schiebe ich mit ganz schlechtem Gewissen nun schon Tage und Wochen vor mir her, notgedrungen: Ich sitze in großer Terminnot hier draußen bei meinen Eltern in Klausur, mein Bobrowski-Material liegt in der Bautzener Wohnung, die Rozhlad-Hefte waren aus dem Keller des Verlags nur schwer noch herauszufinden usw. – kurz, ich muss mich entschuldigen wenigstens dafür, Ihnen nicht schon längst einen kurzen Zwischenbescheid geschickt zu haben, und Ihnen erst einmal für Ihre freundlichen Worte und Absichten danken. Nun habe ich kaum Hoffnung, dass das Nachfolgende noch für den Sammelband zurechtkommt (höchstens wohl noch bei den Korrekturen?), aber es mag Ihnen für spätere Vorhaben oder einfach zu Ihrer Information dienlich sein.
Um nicht noch weitere Zeit zu verlieren, gebe ich Ihnen, geringfügig redigiert und ergänzt und soweit sie die unmittelbare Begegnung betreffen, einige Stellen aus meinem „Nachruf für Johannes Bobrowski – einen Freund der Sorben“ (Rozhlad 1965, S. 296–303) in Deutsch wieder, nicht ganz ohne Bedenken, denn – Sie werden verstehen – diese Erinnerungen sind unter dem Eindruck seines Todes geschrieben und lassen vielleicht manchmal den gebührenden Abstand vermissen, ja noch heute kann ich schwer ruhige Worte dafür finden (damals ging es so weit, dass ich bei einer nicht ganz ungefährlichen Blinddarmoperation im Herbst 1966 in der Narkose, wie mir der Arzt dann sagte, laufend von „irgendeinem Bobrowski oder so“ fantasiert haben soll).
Im Herbst 1963 hatte sich der Domowina-Verlag, ich glaube auf meine Empfehlung, an J. B. gewandt, dessen Gedichte ich liebte und der dem Verlag als Lektor und deutscher Lyriker mit einem engen Verhältnis zur slawischen Kultur schon bekannt war, mit der schriftlichen Anfrage, ob er das Lektoratsgutachten einer deutschen Auswahl von Zejler-Gedichten in J. Brezans und – hauptsächlich – meiner Nachdichtung, von der einige Proben dem Brief beigelegt waren, übernehmen würde. Bobrowski antwortete umgehend, er erklärte sich bereit zu der Lektorierung und bekundete sein reges Interesse an dem Gesamtmanuskript. Dies war endlich fertiggestellt und unter dem Titel Unvergessen bleibt das Lied Anfang Februar 1964 dem Verlag eingereicht worden.
Bobrowskis Gutachten vom 14. Februar überraschte uns vor allem durch Sachkenntnis (wir wussten damals noch nicht, dass er über H. Nagel verschiedene sorbische Bücher erhalten hatte) und enthielt ein sehr schmeichelhaftes Lob meiner nachdichterischen Leistung, das ich, der zum ersten Mal vor ein deutsches Publikum treten wollte, damals gut brauchen konnte. Als mir mein sorbischer Lektor Ben Budar dann sagte, dass mit J. B. ein Treff auf der Frühjahrsmesse in Leipzig ausgemacht sei (jetzt fällt es mir wieder ein: Das Manuskript war doch noch nicht ganz abgeschlossen, und wir wollten ihm noch einige nachgereichte Gedichte und das Nachwort vorlegen), fieberte ich dieser Begegnung regelrecht entgegen, nur gut, dass meine Begeisterung ein wenig dadurch gedämpft wurde, dass ich das Nachwort bis zu dem entscheidenden Tag dann doch noch nicht ganz geschafft hatte.
Am 4. März 1964 (dem Tag meines 26. Geburtstages) sah ich J. B. vor dem Stand des Union Verlages im neuen Messehaus am Markt zum ersten Mal, d.h., ich erkannte ihn aus den Umstehenden sofort heraus, ohne zuvor ein Bild von ihm gesehen zu haben: eine gedrungene Gestalt mit bescheiden-bedächtigen Bewegungen, die grobe Mundpartie wie geschaffen zu unbändigem Lachen, schwere Augen, deren warmes Braun das ganze Gesicht erhellte, der runde Rücken des Sitzenden, Schreibenden, Ehrfurcht und Mitleid zugleich erweckend, und doch eine elementare männliche Kraft, von seiner Erscheinung wie eine beruhigende Welle ausgehend, ein Elegiker an der Grenze des Gauklers, eine Persönlichkeit von seltener, einfacher Monumentalität, ja mir wollte scheinen leibhaftiger Legendantat – er musste sich vor jedem Hintergrund abheben.
Da an diesem Tag wenig Zeit blieb, trafen wir uns am nächsten Vormittag (also am 5. März 1964) in einer Gaststätte im Obergeschoss des gleichen Hauses bei Kaffee und Kognak zur Lektorierung des Restmanuskripts. Noch heute erinnere ich mich fast wortwörtlich an J. B.’s flinke, sichere, wie nebenbei in die völlig gelöste, lockere Unterhaltung eingestreute Verbesserungsvorschläge, seine Kritik hatte nichts Belehrendes oder gar Verletzendes an sich. Von dem Gedicht „Die Gottesklage“ zeigte er sich gerührt, empfahl hier den ehrwürdigeren Genitiv, dort ein stärkeres Wort, warnte vor einem allzu wertenden Ton des Nachworts, „das hat er [Zejler] sich nicht verdient“, meinte er lächelnd. In der Ballade „Burg Körse“ hatte ich ohne Hintergedanken, also gedankenlos übersetzt „Aufkrächzten die Raben Herrn Rolf im Wind / neun Spielleut’ spielten auf seinem schönen Kind“ – natürlich hatte ich sagen wollen „aufspielen“ und analog „aufkrächzen“; er bemerkte nur, ich meinte doch nicht etwa „jemanden auf-krächzen“, das ginge auch, wäre aber was anderes… Das gab einen Spaß! An diese Arbeit schloss sich ein heiter-freimütiges Gespräch. Ich erzählte ihm von meinen Bedenken, meiner Unentschiedenheit, mich Deutscher oder Sorbe zu nennen: Damals veröffentlichte ich deutschsprachige Arbeiten – wissenschaftliche Beiträge, Nachdichtungen – noch unter meinem deutschen, „bürgerlichen“ Namen Christoph Lorenz, während mein dichterisches Debüt, in sorbischer Sprache, 1961 schon unter meinem sorbischen Namen Kito Lorenc erschienen war. (Einerseits hatte ich im Elternhaus nur die deutsche Sprache gehört und seit meinem 12. Lebensjahr etwa laufend deutsche Gedichte geschrieben, andererseits lebte ich seit meinem 14. Lebensjahr nur in sorbischer Umgebung, im sorbischen Oberschul- bzw. Universitätsinternat, hatte einen sorbischen Dichter-Großvater, sprach sorbisch inzwischen wie deutsch und hatte schließlich eben ein sorbisches Debüt.) Bobrowski entschied kurzerhand, ich sei doch ein Sorbe… Dann sprach er bereitwillig über seine dichterische Arbeit, ihre Formen und Ziele, ja sogar von seinen Schaffensplänen. Er verriet uns, dass ein Gedicht bei ihm manchmal in 15 Minuten fertig sei, weil es – d.h. die konkret gesehene Situation, von der er stets ausginge – schon über 15 Jahre in seinem Gedächtnis und „alles dann so schön unterschwellig“ sei; er bekannte, dass er ausgiebig die „alten Oden“ studiert habe und von daher seine sprachliche Sicherheit empfinde, lobte die Reime Hermlins und bedauerte, dass sie ihm selbst immer „zu glatt“ gerieten. Als ich seinen eben angekündigten Roman (Levins Mühle) erwähnte, erzählte er mit Begeisterung – und mir schien, auch schon mit der heiteren Überzeugung vom Gelungensein dieser Arbeit – von seiner Absicht, darin alles Politische und Nationale in seiner konkreten sozial-ökonomischen Erscheinung zu zeigen, von der bewussten volkssprachlichen Prägung, auch und besonders der Syntax, vom Durchbrechen sprachlicher Klischees und dem beabsichtigten humorvollen Charakter des Ganzen. An einer bestimmten Stelle des Gesprächs hatte ich ihm meinen (wie ich heute weiß, vagen) Eindruck kundgetan, dass mir einige seiner Gedichte zu dunkel, schwer verständlich, chiffriert erschienen – er nickte mit überraschend ernstem, aufmerksamem Einverständnis (so als hätte er selbst ständig diesen Einwand) und erklärte, dass er nun allmählich, obwohl im gleichen Stil, zu „einfacheren“, klareren, vielleicht auch näher in der „Gegenwart“ angesiedelten Inhalten (oder gebrauchte er ein anderes Wort?) komme, und wie zur Bestätigung zog er seltsam ungeschickt aus der Innentasche seiner Jacke ein gefaltetes Blatt hervor (anscheinend trug er seine neuesten Texte immer so mit sich herum) mit der Schreibmaschinenabschrift eines unveröffentlichten Gedichts und gab es mir zu lesen, wobei er gespannt meine Reaktion abwartete. Mir war dabei anfangs gar nicht wohl zumute, meinte ich doch, nun etwas besonders Kluges sagen zu müssen. Doch das verging mir bald, und die Schlusszeile „Schöne Erde Vaterland“ machte mich tief betroffen.
Zum Abschied gab ich Bobrowski meinen ersten, sorbischen Gedichtband, und 14 Tage darauf schickte er mir seine ersten beiden Sammlungen mit der Widmung „Für Kito Lorenc, den Sorben, zur Erinnerung an die erste Begegnung in Leipzig. 17. März 1964. Johannes Bobrowski“.
Bei dieser einen Begegnung ist es dann geblieben, und auch bei einem einzigen kurzen Brief, den er mir als Antwort auf meinen (von Ihnen erwähnten) Brief vom 25. März 1964 am 20. April 1964 schrieb und aus dem Sie einige Zeilen im Rozhlad zitiert finden. Eigentlich enthielt er nur eine Entschuldigung und eine Einladung in Bobrowskis Berliner Heim. Aber ich kam damals nur sehr selten von Bautzen nach Berlin, und so wurde daraus nichts. Den Brief versuche ich noch für Sie zu finden.

(Leider komme ich erst heute wieder zum Weiterschreiben.)

Sicher werden Sie diesen Erinnerungen schon manches Element einer Beurteilung entnehmen können. Die eine persönliche Begegnung mit J. B. war für mich wohl mehr ein beschleunigender Katalysator in dem komplexeren Wirkungsprozess seines Werkes auf meine dichterische Entwicklung, als ein unabdingbares Ferment hierfür. Das Gespräch mit ihm bekräftigte mich zunächst einmal ganz allgemein in meinem Selbstgefühl als sorbischer Dichter und in meinen ersten, zaghaften Bemühungen, das sorbische Lyrikerbe in deutscher Sprache zu erschließen. Und doch ist das nur die Oberfläche, es reichte alles viel tiefer und weiter, und ich will versuchen, es wenigstens Ihnen (und jetzt, wo ich dabei bin, auch mir) ein wenig näher zu erklären. Zu Bobrowskis Lyrik, die mich mit ihrer freirhythmischen Sprachmusik und Bildkunst seit ihrem Erscheinen in ihren Bann zog und – gleich einer Offenbarung – innerhalb der deutschsprachigen Lyrik der Zeit meinen Vorstellungen von Poesie schlechthin am nächsten kam (also nicht nur wegen der äußerlichen Berührungen der sarmatischen mit meiner sorbischen Sphäre), hatte ich damals noch ein eher passiv-bewunderndes als ein produktives Verhältnis. Von der historischen Entlegenheit ihrer Gegenstände, ja ihrer ganzen Stimmung her schien mir noch keine Brücke zu meiner Gegenwart zu führen, obgleich da schon eine latente Ahnung gewesen sein muss. Zum Zeitpunkt dieser Begegnung war ich noch nicht in der Lage, mein eigentliches, sorbisches Anliegen in einer heute möglichen deutschen Gedichtsprache zu artikulieren und machte mir angesichts eines immer noch existenten sorbischen Publikums vor, dass es auch gar nicht notwendig sei; noch immer schrieb ich in einer Diktion, die sich unschlüssig zwischen Becher, Brecht, Maurer, Fürnberg, dem Volkslied, ja noch Jessenin bewegte, recht traditionelle (wenn auch – und das war allerdings der ständige Skrupel – im sorbischen Bereich neuartigere) Gedichte, hie mit „sorbischer“ Thematik und in Sorbisch für den Druck, da mit „allgemeineren“ Inhalten in Deutsch für die Schublade. Nach der Begegnung mit J. B. befasste ich mich nun auch unter dem Eindruck seiner Persönlichkeit, ihrer menschlichen Nähe und Sympathie, intensiver mit seiner Lyrik, las sie wieder und wieder, um hinter ihre – und ihr – Rätsel zu kommen, und so gingen mir gewisse seiner Stilelemente schon in Fleisch und Blut über, ohne dass ich sie in meinen deutschsprachigen Übungen schon mit meiner spezifisch sorbischen Erfahrung verbinden konnte (etwa „Vogellied I“ und, wohl schon nach seinem Tode, „Vogellied II“ in Flurbereinigung). Die quälende Unzufriedenheit mit diesen Versuchen, dazu der ständige Termindruck meiner damaligen wissenschaftlichen Brotarbeit, machte mich zeitweise wieder ganz mutlos und scheu, und das war, neben der Entfernung, wohl auch ein innerer Grund, warum ich mich vorerst nicht so sehr um eine neue Begegnung mit J. B. bemühte – ich glaubte wohl, dazu freier und reifer sein zu müssen, ich wollte abwarten… Erst in der Selbstbesinnung, die auf die durch seinen plötzlichen Tod ausgelöste Erschütterung und Lähmung folgte, gewann ich allmählich ein unbefangeneres, theoretischeres Verständnis seiner Dichtung und damit die Möglichkeit einer produktiven, zunächst mehr oder weniger konzeptionellen Anknüpfung. Das schlug sich dann – über gewisse Vorstufen wie das Gedicht „Aber wenn ihr weint“ (ebenfalls in Flurbereinigung, eine unterschwellige Polemik mit Volker Brauns, wie mir schien, allzu forschem Schwarze-Pumpe-Pathos, dem ich allerdings noch nicht viel mehr als den elegischen Abschied von einer idyllisierten Kindheit entgegenzusetzen hatte) – 1966 im Plan des Struga-Zyklus nieder. Wie Schuppen war es mir von den Augen gefallen: Auch mir war ja etwas verloren gegangen, ähnlich wie in anderem Zusammenhang Bobrowski, und ich wollte es wie er in einer Reihe von Landschafts- und Porträtgedichten erinnern, erzählen, aufbewahren. Dabei vermeinte ich auch in meiner naiven Identifikation mit ihm, an seiner Stelle nun „vollenden“ zu müssen und – begünstigt, glaubte ich, durch meinen teilweise noch lebendigen sorbischen Stoff – auch zu können, was er meiner damaligen Überzeugung nach durch seinen frühen Tod nicht mehr ganz geschafft hatte: jene Brücke aus dem Erinnerungsmaterial in das „Hier und Heute“ und Morgen zu schlagen (und während meiner Krankheit wähnte ich schon, es auch nicht mehr zu schaffen – daraus dann, also auch aus einer seltsamen Identifikation mit J. B., ein gut Teil des Impetus der Struga). Dieser Trugschluss über das Wesen der Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft-Relation, dies Verkennen der Dialektik des „Aufhebens“, dem der aus dieser Sicht ganz überflüssige „Versuch über uns“ sein Dasein verdankt, sicherte mir damals aber einen (wenngleich missverstandenen) Abstand von J. B., den ich brauchte, um – ohne mich selbst aufzugeben – ungeniert in seine Hülle zu schlüpfen und sie (wenn Sie dieses Bild gestatten) zu „erweitern“ und zu „sprengen“. In Wirklichkeit war sie mir viel zu groß und hatte für so viele und so vieles noch Platz, nur nicht für Epigonen, und ich war – Gott sei Dank – auch wohl nicht ganz „darin“ und konnte es nicht sein. Ich weiß schon, dass es dies Bild auch nicht sagen kann. Jedenfalls genügte das, was ich von ihm auf der Zunge trug, mir – als Stimulans – die Zunge zu lösen in meiner ursprünglichen, deutschen Sprache und über sie auf neue Art wieder zu reden in meiner zweiten, sorbischen, von einem lang angestauten Lebensstoff. Bei dieser komplizierten Synthese und Interferenz (in die ja auch andere Stilelemente usw. eingingen) musste natürlich etwas relativ Selbstständiges herauskommen, doch kühn war es sicher nicht: Die Gedichte der Struga (oder ihr Stimulus?) waren schlauer als ich – bis zum Ostereiermalen, und als ich klüger sein wollte als sie, gab es einen Bruch, und ich musste neu anknüpfen oder glaubte es zu müssen („Abend am Schwielochsee“, „Das Wort“). Dem Stimulans oder Bannkreis Bobrowski konnte ich mich erst um 1970 entwöhnen und entziehen („Bericht vom großen Kampf“ usw.), doch das ist schon eine andere Geschichte.
Sehr geehrter Herr Doktor, Sie sehen also, dass Sie mit Ihrer Bitte bei mir einen neuralgischen Punkt getroffen haben, doch Sie wollten ja gern mit einem reden, der J. B. liebt, und nun bin ich ganz erleichtert, dass es ungefähr heraus ist. Sie mögen manches durchaus auch etwas anders sehen, z.B. kennen Sie an meinen Brief an J. B. vom 25. März 64, an den ich mich nur dunkel erinnere und von dem ich keine Zweitschrift auffinden kann – ob Sie mir eine schicken könnten? Ich lege Ihnen also noch die zwei Rozhlad bei mit den Artikeln von H. Nagel und mir. Von den jüngeren Lyrikern, die außer Jentzsch, Berger und Kirsten in die Chronik gehörten, fällt mir noch Sarah Kirsch ein. Hoffentlich kann Ihnen das alles nun noch etwas nützen!

Kito Lorenc, aus Kito Lorenc: Im Filter des Gedichts, Domowina-Verlag, 2013

Walter Gross: Der Ort, wo wir leben
DU, Heft 2, Februar 1965

Jürgen Joachimsthaler: Bobrowskis Häutungen
literaturkritik.de, 5.4.2017

Andreas Degen: Kafka zum Beispiel
literaturkritik.de, 9.4.2017

Thomas Taterka: Der letzte Talissone
literaturkritik.de, 5.4.2017

Sabine Egger: Martin Buber und Johannes Bobrowski
literaturkritik.de, 16.4.2017

Andreas F. Kelletat: Vom Ende der Sesshaftigkeit
literaturkritik.de, 5.4.2017

 

SPÄTE ANTWORT.
Für Johannes Bobrowski

Der Pflasterstein schreit
lauter auf, als ich
den Mut hätte zu schreien,
träte man mich, wie man trat
auf dich. Deine

Wassermeere fliegen
durch die Lüfte, Habichte
ziehen ihre Kreise. Drohend
eingezogene Flügel. Sturz.

Buxtehude, Präludium. Eine Fuge
aus Sand. Die Landkarte
hilft nach. Du aber,
laß den Sand sprechen. Jetzt

Spricht Sand –

Klaus Hensel

 

GEDENKBLATT
17. Juni 1953

Wie war das Wetter
an jenem Tag
mit den aus Händen
gerissenen Plakaten
und den Stürzenden?

Kein Geräusch mehr
von S-Bahn-Zügen.
Über leere Bahnsteige
hallten die Ansagen.
Zugausfälle.

Du kehrtest
nach Haus zurück,
Schwere
bis in deine Zeilen hinein.

Das Aufbegehren
fand ohne dich statt.
Du sprachst
einmal davon,
wie dir die Leere folgte.

Ulrich Grasnick

 

Zum 60. Geburtstag des Herausgebers:

Kai Agthe: Dem lauteren Gelehrten Eberhard Haufe zum 80.
Das Blättchen, 7.2.2011

Thomas Bickelhaupt: Ein Hüter der Überlieferung
mitteldeutsche kirchenzeitungen, 6.2.2011

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

Zum 50. Geburtstag des Autors:

Gerhard Desczyk: „… so wird reden der Sand“
Neue Zeit, 9.4.1967

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Gerhard Rostin: Der geht uns so leicht nicht fort
Neue Zeit, 9.4.1977

Zum 15. Todestag des Autors:

Jürgen Rennert: Von der Sterblichkeit der Dichter
Das Literaturjournal, 3.9.1980

Zum 20. Todestag des Autors:

Gerhard Wolf: Stimme gegen das Vergessen
Freibeuter, Heft 25, 1985

Reinhold George: Brober
Schattenfabel von den Verschuldungen. Johannes Bobrowski zur 20. Wiederkehr seines Todestages, Amerika Gedenkbibliothek, Berliner Zentralbibliothek, 1985

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Michael Hinze: Mitteilungen auf poetische Weise
Berliner Zeitung, 9.4.1987

Eberhard Haufe: Der Alte im verschossenen Kaftan
Neue Zeit, 9.4.1987

Zum 50. Todestag des Autors:

Annett Gröschner: Der sarmatische Freund
Die Welt, 29.8.2015

Christian Lindner: Mit dem dunklen Unterton der Melancholie
deutschlandradiokultur.de, 2.8.2015

Lothar Müller: Nachrichten aus dem Schattenland
Süddeutsche Zeitung, 1.9.2015

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Helmut Böttiger: Große existenzielle Melodik
Süddeutsche Zeitung, 6.4.2017

Dirk Pilz: Dem großen Dichter zum 100. Geburtstag
Berliner Zeitung, 6.4.2017

Dirk Pilz: Ostwärts der Elbe
Frankfurter Rundschau, 7.4.2017

Arnd Beise: Ein Christenmensch und ein großer Geschichtenerzähler
junge Welt, 8.4.2017

Klaus Walther: Johannes Bobrowski: In „Sarmatien“ eine poetische Heimat gefunden
FreiePresse, 7.4.2017

Richard Kämmerlings: Der Deutsche, der an der Ostfront zum Dichter wurde
Die Welt, 9.4.2017

Cornelius Hell: Wer war Johannes Bobrowski?
Die Presse, 7.4.2017

Klaus Bellin: Erzählen, was die Leute nicht wissen
neues deutschland, 8.4.2017

Tom Schulz: Mein Dunkel ist schon gekommen
Neue Zürcher Zeitung, 9.4.2017

Manfred Orlick: Die Deutschen und der europäische Osten
literaturkritik.de, 5.4.2017

Oliver vom Hove: Der Dichter verlorener Welten
Wiener Zeitung, 9.4.2017

 

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Fakten und Vermutungen zum Autor + Sammlung 12  + KLG +
Umzug
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Johannes Bobrowski: Der Sonntag ✝ Die Zeit
Kürbiskern ✝ Grabrede

2 Antworten : Johannes Bobrowski: Im Windgesträuch”

  1. Dirk Klose sagt:

    Das sind aber wirklich ungewöhnlich schöne, informierende Texte zu Bobrowski, großen Dank.
    Ob Sie wissen, wann Bobrowskis Frau Johanna gestorben ist? Ich habe sie mal persönlich erlebt, sie hat mir das Arbeitszimmer gezeigt, am Ende hat sie mich umarmt, werde ich nie vergessen.
    Viele Grüße aus berlin – Dirk Klose

  2. Redaktion sagt:

    Sehr geehrter Herr Klose,

    hier können sie die Pressemitteilung der Johannes-Bobrowski-Gesellschaft über den Tod von Johanna Bobrowski nachlesen:

    http://www.johannes-bobrowski-gesellschaft.de/PM-Johanna-Bobrowski-tot-06-09-11.pdf

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