Jürgen Brôcan: Ortskenntnis

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Jürgen Brôcan: Ortskenntnis

Brôcan-Ortskenntnis

ARCHIMEDISCHER PUNKT

Fenster, enge Pforte, Ufer,
an dem ich stehe,

sehe: Vögel im messerscharfen Licht
(das den Vorhang jeden Zweifels zerschlitzt),
wie sie mit kräftigem Flügelruderschlag ins Freie stürmen,
Gras und Wolke, Verträumtheit und Gier verbinden,
als zögen sie unsichtbare Fäden.

Ohne Unterlaß zimmert der Geist sich
Stege in die Welt, selbst aus morschesten
Planken; (und noch dieses Papier trägt die Farbe eines
Leichentuchs) … Sind wir, deshalb, Bettler unter rußenden Lampen,
denen man mürrisch die Münzen des Draußen vorzählt?

Wie lasten auf der Erde die Anklagen derer,
die sich an ihrer Nabelschnur erhängen möchten…

Aber das Winterlicht hat kein Mitleid,
stößt mich in Stille und die Brisen des Zorns,

Licht, das Bäume, Dächer und Türme
umfließt wie ein reines Wasser –
Stille und Licht, Quell der Bilder, verwegene Passagen
durch diesen fast tödlichen Abstand.

Bleierne Zeit,
aaaaaaaaaaaaZeit in Schwebe,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaKörper aus Staub:

auf dem Weg vibriert alles von Wesentlichem,
Staubkörnchen segeln im Sonnenlicht durchs Zimmer
(als sei Zeit ein un-
entdecktes Meer),
das Paradies kehrt in den Apfel zurück,
die verwunschenen Wimpern öffnen sich für die Entdeckung,
der Raum
aaaaaaaaaberührt einen anderen Raum
(nicht „höher“ oder „reiner“, sondern aus dem Atem geboren),
Zimmer, Plätze, Sterne,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaoder kleiner: Feder, Scherbe, ein Stift
und das Verlangen, im Auge der Schönheit zu versinken –
vielleicht ist es jener Punkt, von dem aus die Welt
mit fiebernden Nadeln geflickt wird…

(für Philippe Jaccottet)

 

„… ETWAS / INSTABILES, WIE VERNUNFT.“

– Zu den Gedichten von Jürgen Brôcan. –

Man soll einen Text nicht mit einer Frage beginnen, und man sollte möglichst auf Rhetorik verzichten; allein wie, fragt Nietzsche, hat Sokrates die Griechen verzaubert.
Und er hat sie verzaubert trotz einer Nase in Form einer Kartoffel. Vernunft? Die Welt, wie wir sie kennen, als Hülle, als Verkleidung, als Zeitung, als Schutz für den Fisch, den man heimtragen will.
Man soll also den Text nicht mit einer Frage beginnen. Aber ist es denn vernünftig, Gedichte zu schreiben? Am Bahndamm. Jürgen Brôcans Blick ist gerichtet. Und seine Wahrnehmung widerspricht vehement dem medial verwirrten Blick.

… schön
ist das Make-up im Regen, Atem,
Stimme ohne Maßband; & weiter:
Moose, Wolken in uns,…

Und ist es vernünftig über Gedichte zu schreiben, zumal über solche, deren Schönheit im Gegensatz zu der des Sokrates, ins Auge springt, Texte ohne Geschmacksverstärker, Gedichte, die sich am Wahrnehmbaren abarbeiten, die in Gedanken, in Versen das Sichtbare zeigen. Jürgen Brôcan ist Phänomenologe. Und wenn ich richtig verstanden habe, gilt es, zunächst einmal alles ernst zu nehmen, bevor man, wie mancher Kollege, im Diskursiven verschwindet, Sinn und Sinnlichkeit, Phänomene gleichen Ranges.
Wie dichtet es sich in sauberen Schuhen, in Schuhen, die den Boden nicht kennen? Wie dichtet es sich im Sitzen? Wie dichtet es sich bei geschlossenem Fenster. Jürgen Brôcan wird uns die Antwort schuldig bleiben, denn er lebt in einer Welt, die aus mehr besteht als aus Universität und Versandhandel.
Man könnte sagen, ich könne Jürgen Brôcan gar nicht kennen, so kurz war unsere Begegnung, bei einem Stipendiatentreffen in der Wolfenbüttler Bibliothek. O Lessing, O Vernunft! Wir waren als Essayisten geladen, und langsam entspann sich am Abend dann auch ein Gespräch über Lyrik und über die Schwierigkeit, als Lyriker heute zu bestehen. Wie viele Leser braucht ein Gedicht? Und wie viele Augen verträgt ein Gedicht? Und liegt im Gedicht schon die Rede über es selbst? Und schon waren drei Tage vergangen und wir stiegen am selben Gleis in verschiedene Züge. Ich denke, man kann das Gedicht in Worte einspinnen wie die Spinne ihre Beute im Netz. Vielleicht wird es so konserviert. Ein Sprachkäfer zur späteren Verdauung. Doch wollen Gedichte gelesen und gesehen werden, von möglichst Vielen. Vor allem diese.
Zu flüchtig lag bislang mein Blick auf Jürgen Brôcans Texten, könnte man sagen. Aber was, bitteschön, ist denn Zeit? Ein Maß nur für die Produktivität chinesischer Stahlwerker. Und „Nach der Angst vorm Tod, ist es Schönheit, / die uns antreibt. Holzkohle, Knochenkohle auf Fels…“ Ich kenne den Mann! Und ich kenne auch seine Gedichte! Da genügte ein Blick, nicht weil sie so einfach wären, der Blick hat mir Lust gemacht auf ihre Komplexität, und auf das, was sie offenlegen:

und in der Stille
der Gewächspausen weben Fäden sich,
geht ein menschenscheuer Duft um.

Ich habe ihn schon länger gekannt. Ein Band mit Gedichten von Marianne Moore wurde längstens abwechselnd von meiner Frau und von mir durch unsre Behausung getragen. Man muss sich das so vorstellen: Eine Großgewachsene geht mit Ehrfurcht im Gang immer drei Schritt durch eine Leipziger Gründerzeitwohnung. Dann hält sie inne, und öffnet ein Buch vor der Brust, liest. Dahinter versucht eine zweite Gestalt (ich) auch einen Blick ins Buch zu erhaschen, verrenkt sich im Rahmen der physischen Möglichkeiten, und hofft, die erste würde gezwungen (wovon auch immer) das Buch einmal aus der Hand zu legen. Marianne Moore übersetzt aus dem Amerikanischen von Jürgen Brôcan. Und jetzt endlich der Band mit seinen eigenen Gedichten. Ich werde Acht geben und der Erste im Hause sein, der ihn in die Hand nimmt.

Jan Kuhlbrodt, Nachwort

 

Jürgen Brôcan schreibt Gedichte,

die beide Augen öffnen für alles, was uns umgibt. Vor allem in seinen Naturbeschreibungen wird die Wahrnehmung für besondere Atmosphären geschärft: stille Höhepunkte des Lebens. In seinem Nachwort schreibt Jan Kuhlbrodt treffend: „Texte ohne Geschmacksverstärker, Gedichte, die sich am Wahrnehmbaren abarbeiten, die in Gedanken, in Versen das Sichtbare zeigen. Jürgen Brôcan ist Phänomenologe.“ Eine ganze Palette von Perspektiven in einer stark differenzierten und sehr kenntnisreichen Sprache: „Der Gedichtkörper ein Energieträger, ein Ganzleiter.“

Lyrik Edition 2000, Klappentext, 2008

 

Im Gespräch: Timo Brandt redet mit dem Autor Jürgen Brôcan

Die Dankesrede des Dortmunder Autors Jürgen Brôcan zur Verleihung des Literaturpreises Ruhr 2016 in Gladbeck.

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Jürgen Brôcan

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.