Kathrin Schmidt: waschplatz der kühlen dinge

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Kathrin Schmidt: waschplatz der kühlen dinge

Schmidt-waschplatz der kühlen dinge

AMAZONIAN AMAZON

auf meinem konto keine krümmung der jahreszeit,
kein wetterleuchten vom krisenblitz.
wie er einschlug, die faule kiste zum platzen zu bringen,
trug sich anderswo zu. nicht wert der rede,
die meinen mund ansonsten bewegt. das haus
hängt der bank zwar zum hals raus, damit sie ihn
nimmermehr vollkriegt, das geld aber, nett gebeutelt,
geht brav seinen flüssigen weg. kein griechenland
spiegelt sich drin, dem die schuld
übern kragen wächst. wenn der platzt,
hörst du im wüten washingtons trumpet, wie
übern atlantischen ozean ostwärts gespielt. welche einigkeit
zwischen den klängen verschiedener seiten. welches
trommelfell, das sich spannt, links zum trotz, rechts zum schur.
nach billigen indem für den nur halbwegs
sauberen haushalt steht mir kein sinn,
und dennoch klagt die amazone in mir
offene grenzen ein. Spricht’s
und legt die weibliche endung beiseite.
ich schaue dem e hinterher, meinem
blauen, so blauen begehr.

 

 

 

Das Buch

Es sind poetische Reisen, zu denen Kathrin Schmidt einlädt: an abgelegene, oft zungenbrecherische Orte wie los guachimontones oder paleski radyaytsina-ekalagichny – aber es sind auch Reisen in die Sprache selbst. Denn immer wird hier ein Raum vermessen und durchschritten, wird genau hingeschaut, gedeutet und umgedeutet. Das Gedicht ist bei Schmidt ein Überraschungsmedium, in dem jeder Zeilenumbruch unerwartete Bedeutungen freisetzt. Archaisches Wortmaterial wird behutsam geborgen und mit Begriffen unserer Gegenwart verschaltet, dass es Funken schlägt. Diese Texte gehen aufs Ganze und tief unter die Oberfläche – bis zur „Erdhirnrinde“. Aber sie bleiben immer so einladend, humorvoll und scharfsinnig, dass man gerne mitreist, selbst in die entlegensten Gegenden.

Kiepenheuer & Witsch Verlag, Klappentext, 2018

 

Kathrin Schmidt schreibt lustvoll böse Verse

auf Amazon und Trump

In einem neuen Gedichtband nimmt die Lyrikerin und Erzählerin Kathrin Schmidt die Erschütterungen unserer Gegenwart in den kühlen Blick. Virtuos verdichtet sie die Bruchstellen der Gegenwart in barockem Sprachwitz. –

Wer heute nach brauchbaren politischen Gedichten sucht, die ihren Kunstcharakter nicht gleich an die Maximen einer billigen Gesinnungsästhetik verraten, hat es nicht leicht. Denn die Tradition einer meinungsstarken Lyrik, die Poesie als literarischen Flankenschutz für edle humanitäre Anliegen instrumentalisieren will, ist noch nicht ganz ausgestorben.
Jenseits eines wohlfeilen Moralismus gibt es aber auch eine Dichtkunst, die mit grosser sprachlicher Virtuosität die Verwerfungen der Zeitgeschichte zu vergegenwärtigen vermag. Zu ihren Repräsentanten gehört die als Erzählerin wie als Dichterin gleichermassen versierte Kathrin Schmidt, die in ihrem neuen Gedichtband waschplatz der kühlen dinge die Erschütterungen unserer von Globalisierung und Migration geprägten Lebenswelt mit barockem Sprachwitz in den Blick nimmt.
Gleich am Anfang ihres neuen Gedichtbandes mobilisiert sie die Königsdisziplin moderner Dichtkunst, den Sonettenkranz, um für die Umwälzungen durch die weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen eine poetisch adäquate Form zu finden. Einfache Antworten werden hier verweigert, stattdessen regieren Paradoxien, Ambivalenzen, Verballhornungen und schmerzhafte Widersprüche.
Der Sonettenzyklus „das boot setzt über“ gibt zunächst vor, von den genuin poetischen Fragen des Übersetzens zu handeln, taucht aber umgehend ein in die erhitzten Debatten über Migration. Kathrin Schmidt markiert sehr lakonisch die ideologischen Überhöhungen und Stereotypien, die den Ton angeben:

die scheidelinien alter kontinente
verwischen sich, die digitalen köpfe
legierter sprachen brauchen auspufftöpfe
für clouds with loops und samples ohne ende.

wo neozoenwörter miteinander
sehr heftig kungeln am belangexpander.

Gegen die Diskurse des politischen Flachsinns und deren „kungeln am belangexpander“ setzt Kathrin Schmidt ihre „gereizten Vexierspiele“, Gedichte voll sinnlichem Übermut, die bei aller Experimentierfreude auf festen Versfüssen stehen. Im ersten Teil des Buches zelebriert sie diese sprachspielerische Passion in Reisegedichten, die an exotische Schauplätze führen.
Das setzt sie danach fort in einer selbstironischen Wochenchronik, in der es an schräger Komik nicht mangelt. Oder auch in einer aberwitzigen Litanei über den Durst, wobei der böse Spott über den „völkischen Durst“ umschlägt in bitteren Sarkasmus über die existenzielle Not der auf der Insel Lampedusa Gestrandeten.
Nicht immer entstehen dabei schöne poetische Sabotagen der politischen Rhetorik. Mitunter stolpert Kathrin Schmidt selbst über die poetischen „zündschnüre“, die sie schon im Eröffnungsgedicht ausgelegt hat. Dann wirkt ihr Witz angestrengt, so zerquält wie die Matadoren der öffentlichen Rede mit ihren „vokabelbindern“.
Aber in kleinen Meisterstücken wie dem Schlussgedicht „amazonian amazon“ kontert sie die „krisenblitze“ einer atemlosen Politik mit der listigen Aushebelung jeder faulen Gewissheit. Schon der Titel des Gedichts „amazonian amazon“ lebt von der Verklammerung der Gegensätze: Der grosse Online-Händler wird darin ebenso aufgerufen wie der antike Mythos der kampfbereiten Amazonen, die gegen patriarchalische Mächte aufbegehren.
Und wohl zum ersten Mal in einem zeitgenössischen Gedicht wird der Name des ungeliebten Präsidenten karikiert:

hörst du im wüten washingtons trumpet, wie
übern atlantischen ozean ostwärts gespielt. welche einigkeit
zwischen den klängen verschiedener seiten, welches
trommelfell, das sich spannt, links zum trotz, rechts zum schur.

Die Sprachspiele der Kathrin Schmidt sind gemixt aus Schnoddrigkeit, Trotz und Formbewusstsein. Und am Ende folgt ein selbstironischer Wink in Richtung einer schrumpfenden Amazonen-Identität:

und dennoch klagt die amazone in mir
offene grenzen ein. spricht’s
und legt die weibliche endung beiseite,
ich schaue dem e hinterher, meinem
blauen, so blauen begehr.

Michael Braun, Neue Zürcher Zeitung, 8.5.2018

Die Lage als Durst zu beschreiben

– Ohne Wohlstandsgeplauder: Buchpreisträgerin Kathrin Schmidt hat ihren siebten Gedichtband veröffentlicht. –

Vielleicht sind Gedichte am besten mit Vögeln zu vergleichen. Von den Vögeln heißt es in einem der hier 48 versammelten Texten, sie hätten „so weltgemacht besserwissende / allüren: tragflächen schultern und los…“.
Allüren, das meint das Benehmen, die je eigene Gangart, keineswegs nur das possierliche Gehabe. Und es macht die Gangart der Gedichte von Kathrin Schmidt aus, dass sie die Welt gleichzeitig von oben und von ihrer Unterseite her betrachtet, aus kühler Distanz und kochender Nähe zugleich. Es sind Texte, die sich im „taubenblick“ üben und gleichermaßen zu den „fundevögeln“ rechnen. „helm auf und runter / unter die oberflächen / aber sonst nichts“, heißt es einmal. Zugleich jedoch: „unter den oberflächen haben wir nichts / verloren“. Was auch heißt: Man findet dort nicht, was man einst besessen und dann verloren hat, um es jetzt wiederzufinden. Dass eines der Gedichte den „zerfall zirpen“ hört, „knapp unter der oberfläche“, bedeutet nicht, dass sich Kathrin Schmidt in wohlfeilem Kulturpessimismus ergeht, so wenig wie in verkitschender Romantisierung einer (Vogel-)Natur. Man findet mit diesen Texten Bilder, Sätze, Worte, die „lautlos landen“, das aber immer „konkret“, im Dasein der „allertage“, auf Reisen von Usedom bis Litauen, von denen hier viel die Rede ist. „wohlstandsgeplauder“ bietet dieser bemerkenswerte Band jedenfalls nicht.
Kathrin Schmidt, im März dieses Jahres 60 Jahre alt geworden und vor neun Jahren für ihren Roman Du stirbst nicht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, hat mit waschplatz der kühlen dinge ihren inzwischen siebten Gedichtband geschrieben.
Und man darf ihn durchaus (wieder) als „origami für fortgeschrittene“ betrachten, so der Titel eines der Gedichte: Sie faltet die Sprache zu neuen, überraschenden (Sinn-)Gebilden zusammen, zu „kühlen dingen“, denen die Vieldeutigkeit nie abzuwaschen ist. Lyrik als „faltehaus“, inklusive des „faltschmerz(es)“, der entsteht, wenn andere, unerwartete Bedeutungen entstehen. Mitunter scheint die Autorin selbst überrascht, vielleicht überrumpelt, was die Sprache anzustellen vermag; das ist das schmerzlich Schöne dieser Gedichte, die übrigens mit großer formaler Sicherheit und Bandbreite auftreten, vom Sonettenkranz bis zum Prosagedicht.
Manches bleibt (mir) dabei auch unerklärlich, manches wahrscheinlich absichtlich dunkel, wenn es etwa heißt, dass etwas „muslimisch knirscht“, wenn von der „eigenfrequenz nationaler antennen“ die Rede ist. Stets aber gilt es hier, „die lage als durst zu beschreiben“. Dass dieser Band auch einen siebenteiligen Zyklus zum „durstthema“ enthält, ist programmatisch: Wüsste man, wonach einem dürstet, bräuchte es keine Literatur, kein Dichten.
Es braucht sie für Kathrin Schmidt auch nicht als „stillgequälte formen“, sondern als weltgemachte Gangart, den Durst zu erkunden.

Dirk Pilz, Frankfurter Rundschau, 12.8.2018

Pulver im Pelz

– Private Befindlichkeiten, aber auch politisch: Kathrin Schmidt untersucht in ihrem Gedichtband waschplatz der kühlen dinge die feinen Risse in der Welt. –

Blinde Bienen sind äußerst aktive Geschöpfe. Sie mögen bisweilen taumeln im Flug, doch tatsächlich haben sie Feuer unter den Flügeln – oder genauer:

pulver im pelz,
dass es stäubt, dass es juckt

Die Dichterin Kathrin Schmidt war vor acht Jahren so begeistert von diesen Wesen, dass sie ihren Gedichtband nach ihnen benannt hat. Und wir Leser konnten an ihre stäubenden Wörter andocken und „zittern im rhythmus der / flackernden freuden“. Nun geht es ein wenig ruhiger zu in Schmidts Sprachbienenstock. In ihrem neuen Band waschplatz der kühlen dinge schlägt sie „aussichtsdübel in die nackte wand“ und untersucht private Befindlichkeiten oder die feinen Risse in Beziehungen, all das „biographische obst an den bäumen“, das sich in den Routinen des Alltags ansammelt. Mit Wortfindungen wie „kürzeldrüse“, „jahrgangszinnober“ oder „netzhautgemetzel“ will sie „die dürren begriffe fluten“, während im Hintergrund die „ichrobbe“ schläft. Dabei verschiebt sie gern die Konsonanten, aus „sander“ wird hier „zander“ und aus „zangen“ werden  „schlangen“.
Zugleich sind diese Gedichte oft politisch, in dem Sinne, dass sie die Sprache der Politik, der Werbung und des Internets in ihre Windungen holen. Mit Volker Braun sondiert Schmidt dann „theoretischen schneefall“, andernorts schickt sie eine „amazonian amazon“ ins Rennen, mitsamt „krisenblitz“ – um „die faule kiste zum platzen zu bringen“. Weniger intensiv sind Gedichte, in denen Schmidt direkt die politischen Zeitläufte in den Blick nimmt. Etwa in einem Sonettenkranz, der unter dem Titel „das boot setzt über“ das Übersetzen von Sprachen mit dem tatsächlichen Über-Setzen von Menschen, die auf der Flucht sind, kurzschließen will. Hier verlieren sich die Verse manchmal selbst „in süßer schrift und  doppeldeutigkeiten“.
Viel stärker ist Kathrin Schmidt, wenn sie Landschaften scannt, in Litauen etwa oder in Weißrussland, nicht weit von Tschernobyl entfernt. Dann verwandelt sie die Risse im Gelände und die „mineralsalzeinträge industrieller handschrift“ in hochbewegliche Rhythmen:

wir fuhren ins schlackenland ein. ich hörte den zerfall zirpen
knapp unter der oberfläche, womöglich wollte die erdhaut
geräuschlos einreißen. jedenfalls sah es so aus, als sammelte sie kraft,
indem sie sich kaum merklich zurückzog.

An solchen Stellen hat Kathrin Schmidts Sprache ordentlich Pulver im  Pelz.

Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung, 1.6.2018

Blau ist eine kalte Farbe

– Sprachhaut abtasten: Kathrin Schmidts Lyrik sucht den waschplatz der kühlen dinge.

Was heißt verstehen? Wenn verstehen heißt, etwas erklärend in eigenen Worten sagen zu können, dann sind Kathrin Schmidts Gedichte nicht verständlich. Und doch handelt jedes von Phänomenen, die im Horizont des Alltags liegen: Älterwerden, Naturerfahrungen, Reiseimpressionen, die Gleichzeitigkeit von Partylaune und Ertrinken an schönen Stränden. Und im „wüten washingtons“ ertönt die „trumpet“. Erleben, Erinnern, Empfinden, Überlegen werden von Kathrin Schmidt nicht einfach (oder kompliziert) in eine sprachliche Form gebracht. In dieser Lyrik meldet sich Sprache als ein Gegenüber, mit dem die Autorin interagiert: sensibel, heftig, spöttisch, sarkastisch, witzig und manchmal brutal.
Es ist wie ein Abtasten, ob die Sprachhaut reagiert, empfindlich wird und antwortet. Stimuliert von Realitätspartikeln oder Redensarten oder nur von einzelnen Wörtern, kann die Autorin in einen flow geraten, in eine Art vom wortkörperlichem Zusammensein mit Silbenfall und Gleichklängen. Konsequente Kleinschreibung, bei dem die grammatikalischen Ordnungen ins Fließen geraten, unterstreichen das Fluide dieses Geschehens. Und wie beim Sex (oder schon beim Purzelbaum) ist hier nicht jede Sprachbewegung „verständlich“. So können Sätze mehr oder weniger notwendig der Kontrolle einer Verstehens-Vernunft entgleiten. Ihre Intimität ist nicht immer teilbar.
Beschreibbar sind die Gedichte schon. Das titelgebende Eingangsgedicht „verfallen“ öffnet für dreimal sechs Zeilen eine Naturszene:

im unruhigen garten der mohn kopf an kopf.

Von Enkeln ist die Rede, denen Kletten – „frisch installiert / die widerborsten“ – im Haar hängen, oder sie hängen im Haar der Ich-Großmutter:

falls ich ins gras falle. falls ich die falle
der zündschnüre nicht umgehen kann.

Kampfmetaphorik unterläuft die kleine Idylle, explosionsbereit. In diesem Garten „zeltet die verpflichtung zum zeithaben, zum ausharren“. Aber das Ich rüttelt an den Stangen (von Zelt und Zeit). Es sagt von sich, dass es „wie toll“ aussehen muss, in dieser Ekstase. Und doch hat es im sommerlichen Ambiente einen „strengen winter / um den mund“. Sein „eisiger standpunkt / tritt sehr beherrscht auf und ködert die temperaturen“. Dieser Sommergarten wird zum „waschplatz / der kühlen dinge“, die das Ich „mitnehmen will, während im zelt / die schuldigkeit langsam dahingeht“.
Das ist programmatisch. Ein Ich hat einen Waschplatz errichtet, an dem die Dinge kühl gehalten, gereinigt werden von Erhitzung. Dabei ist dieses Ich zum einen außer sich, „wie toll“, zum andern „ködert“ sein „eisiger standpunkt“ die Temperaturen. Ob es über die Zündschnüre des Sommers „fällt“ oder nicht, es bleibt (dem Leben, der Liebe, der Aufmerksamkeit, dem Dasein?) „verfallen“.
Ein sicherer Weg, Temperaturen zu drosseln, ist die Form. Die strengste poetische Struktur dürfte der Sonettenkranz verlangen, eine Versbastelanleitung aus dem Barock, bei dem die letzte Zeile eines Sonetts zur ersten des nächsten wird. Nach vierzehn Gedichten (die den zweimal vier plus zweimal drei Zeilen eines Sonetts entsprechen) bildet ein fünfzehntes Sonett mit der Abfolge der jeweiligen vierzehn Anfangsverse den Abschluss. In „das boot setzt über“ fügt Kathrin Schmidt in dieser Weise streng gegliedert unterschiedliche Themen zusammen, die sich mischen und verändern in schwindelmachenden Echos. Sie überblendet die Frage nach dem Übersetzen wie nach dem Schreiben mit Flüchtlingsbooten, die übersetzen zu einem Ufer. Und auch ein „lieblingsfisch“ durchschwimmt die Klangwasser; er kennt das „salz der salze noch vom balzen“. In diesen hochartistischen Stücken geht es um Poesie und Politik, Erotik, Leibes- und Sprachaufschwünge, die bei dieser realitätswachen und lebenserfahrenen Autorin voneinander nicht zu trennen sind. Und ist es dann schlimm, wenn der „altgewordene uterus ulkt“, vielleicht nur um des Klanges willen, und auch die „migränenmoräne“ und die „kürzeldrüse“ aus diesem Grund ihren Auftritt haben?
Am schönsten sind die Reisegedichte. Sie fangen Augenblicke von oft unaussprechlichen Orten ein, und ein Reporterblick durchblitzt sie. Sie führen zur mexikanischen Kreispyramiden-Kultanlage „Los Guachimontones“ oder – im Gedicht „paleski radyaytsina-ekalagichny, pogonnoye“ – zum radioaktiv verseuchten „schlackenland“ eines Nationalparks in Weißrussland. Dann wieder nehmen sie mit zum Picknik in Rjasan:

die vielstimmige wiese auf dem tisch, das azurblaue
wispern der gläser, gäste mit taschentüchern aus mohn –

Blau ist eine kalte Farbe. Sie durchzieht diese Verse, „die sich im abend kühl herunterdimmen“, immer wieder einmal. Sie verrät, dass bei aller Sozialkritik und politischer Haltung ein romantisches Band, ein Sehnen diese im Wechsel der Töne verwirrend und beglückend reiche Lyrik färbt. Im letzten Gedicht „amazonian amazon“ legt denn auch das Ich „die weibliche endung beiseite“. Um dann „dem e hinterher“ zu schauen:

meinem
blauen, so blauen begehr.

Angelika Overath, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2018

Entlegene Gegenden mit Regungen

ihr wechsel, ihre ungestalten enden –
wer wollte nicht den tausch der wörter planen,
die sich vernutzen in bergabromanen
und drohen mit erzählten gegenständen…

Kathrin Schmidts neuer Gedichtband ist eine Reise wert! Wie kühler, zierender und wuchernder Efeu winden sie sich um ihre Themen und überraschen die Lesenden mit Vieldeutigkeit aber auch mit spielerischer Leichtigkeit und, ja, man könnte fast sagen: einer gewissen närrischen Freude hier und da.
Es sind allerdings dennoch Gedichte, die sich dann und wann auch etwas verklausulieren und ungeebneter geben als sie sind. Manches ist Blendwerk, auch wenn es schönes Blendwerk ist. Am meisten gefällt mir, wie bereits erwähnt, der Schalk, das Lächeln, das langsam in manchem Gedicht aufzieht oder von Anfang darin aufscheint. Dieses Lächeln und seine Sprache machen die Gedichte weicher und das Kantige der poetisch-papierenen Wortwahl etwas schnörkelloser.
Thematisch lässt sich der Band nicht zusammenfassen, aber man kann sagen, dass Schmidt vor allem eine Beobachterin ist. Eine Dichterin, die sich ohne Zögern in ihre Gegenstände hineinbohrt, sie abhobelt, auch wenn dabei ein paar Wortspäne zu viel herabfallen. Insgesamt: ein toller Gedichtband, nie drückend, oft wunderbar den Ahnungen verpflichtet, manchmal etwas kopflos dennoch.

denn hier bleibt den sommer über der waschplatz
der kühlen dinge, die ich mitnehmen will, während im zelt
die schuldigkeit langsam dahingeht.

Timo, amazon.de, 6.5.2018

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Ulrich Schäfer-Newiger: stillgequälte formen in den bänden
signaturen-magazin.de

Monika Vasik: chronisches echogramm
fixpoetry.com, 2.8.2018

Iris Hermann: Das Verflüssigen der Unterschiede
literaturkritik.de, September 2018

 

 

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Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Kathrin Schmidt

 

Kathrin Schmidt in der Sendung „typisch deutsch“.

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