Ludwig Harig: Zu Günter Eichs Gedicht „Betrachtet die Fingerspitzen“

Im Kern

Im Kern

– Zu Günter Eichs Gedicht „Betrachtet die Fingerspitzen“ aus Günter Eich: Zu den Akten. –

 

 

 

 

 

GÜNTER EICH

Betrachtet die Fingerspitzen

Betrachtet die Fingerspitzen, ob sie sich schon verfärben!

Eines Tages kommt sie wieder, die ausgerottete Pest.
Der Postbote wirft sie als Brief in den rasselnden Kasten,
als eine Zuteilung von Heringen liegt sie dir im Teller,
die Mutter reicht sie dem Kinde als Brust.

Was tun wir, da niemand mehr lebt von denen,
die mit ihr umzugehen wußten?
Wer mit dem Entsetzlichen gut Freund ist,
kann seinen Besuch in Ruhe erwarten.
Wir richten uns immer wieder auf das Glück ein,
aber es sitzt nicht gern auf unseren Sesseln.

Betrachtet die Fingerspitzen! Wenn sie sich schwarz färben,
ist es zu spät.

 

Poetischer Imperativ

Als in den Reaktoren von Cattenom zum erstenmal Atomkerne unter Beschuß gerieten, fragte ich mich, ob unser hiesiges Leben zwischen den nuklearen Brennstäben an der Mosel und den atomaren Sprengköpfen in der Pfalz nicht fürderhin eher ein halbiertes als ein ganzes Leben sei, ein jämmerliches Leben in physikalischen, biologischen, effektiven Halbwertszeiten. Ich dachte an Günter Eichs Gedicht „Betrachtet die Fingerspitzen“ und schaute meine Fingerspitzen an. Ich weiß, von nun an wird es nicht mehr das Bakterium der Pest sein, das unser Blut heimsuchen kommt; der Pestkeim der Zukunft heißt Cäsium und ist ein weiches, silberhelles Metall, ein instabiles, doch langlebiges Radionuklid, das in der Strahlung zerfällt und tatsächlich, vielgestaltig verwandelt, als Blattsalat auf dem Teller, als Frischmilch in der Pappschachtel wiederkehrt.
Es ist schon viel zu viel gesagt worden vom Dichter als Barometer, als Seismograph, als gesellschaftspolitischem Wetterfrosch: die Metaphern sind verbraucht. Und doch sind es nur die Dichter, die das Unheil frühzeitig bemerken; ich denke an Günter Eich. Lange bevor andere an ihren Ohren merken, daß Wirbelstürme um ihre Köpfe brausen, unter ihren Füßen spüren, daß die Erde bebt, bevor die Politiker wahrnehmen, daß überhaupt das Wetter sich ändert, die Uhrzeiger auf fünf vor zwölf stehen, hat der Dichter die Gefahren längst registriert und auch seine Stimme erhoben, die ungehört im eisigen Wind verhallt.
Auch wenn die Welt für ihn verrätselt sei, ein Buch mit sieben Siegeln, wie Günter Eich schon in seinen Gedichten der endvierziger Jahre sagt, wenn er von „solchen Büchern“, von „fremden Zeichen“ spricht, so fragt er doch: „Wer errät aus den Wurzeln den Text?“ und sucht „das Wort, das wie Sesam die Türen der Berge öffnet.“
Günter Eich warnt und ist dennoch kein Optimist: er kennt den Fatalisten, der sich auch im Unheil einzurichten weiß, er kennt auch den Glückssucher, der seinen geruhsamen Platz nicht findet, doch vehement wendet er sich gegen alles, was Macht über den Menschen beansprucht. In seiner Büchnerpreis-Rede, in der er von der Macht und der gelenkten Sprache spricht, sagt er, ihm komme es auf das Ärgernis an, das hörbar werden solle. „Freilich sind in allen Ärgernissen Imperative verborgen“, heißt es, „aber ich hoffe, daß es mir gelingt, wenigstens einige zu verschweigen.“ Sein Gedicht „Betrachtet die Fingerspitzen“ verschweigt den Imperativ nicht.
Und so schaue ich täglich auf meine Fingerspitzen, ob nicht der Pesthauch des Cäsiums mich schon angeweht und seine schwarzen Male gesetzt hat. Der Dichter hat seine Arbeit getan, mehr kann er nicht tun. Er hat mich aufmerksam gemacht, auch auf die gelenkte Sprache. In der Broschüre Kernenergie im Dialog, herausgegeben und in den Haushalten verteilt von den Betreibern und Herstellern von Kernkraftwerken in der Bundesrepublik Deutschland lese ich:

Cäsium erweist sich als weitgehend unproblematisch, da es in Lebewesen nach kurzer Zeit ausgeschieden wird.

Günter Eich dagegen sagt mir:

Wer mit dem Entsetzlichen gut Freund ist, kann seinen Besuch in Ruhe erwarten.

Seit der Regen nicht nur mehr Botschaften bringt, der Maulwurf nicht nur mehr ein Raunen des Untergrunds ist, haben Günter Eichs Gedichte noch mehr an Mahnkraft gewonnen.

Ludwig Harig, Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Bd. 11, Insel Verlag, 1988

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