Martina Hefter: Nach den Diskotheken

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Martina Hefter: Nach den Diskotheken

Hefter-Nach den Diskotheken

FIG. I

Der Körper ein Rucksack, gut durchblutet,
immer unterwegs zum Kräftemessen mit den
aaaaaGedanken,
über Wertstoffhöfe, Kompost?

Mein linker Arm beschreibt kleine Kreise.
Ich fürchte, die Gene. Sternfeuer aus Abfall.

Ich schleppe an einer Qualle, einem Blasebalg,
mit allem vertraut, was an mir haftet
an Glanz.

Ich lade auf, werfe ab,
schnips mit den Fingern, und puff.

Werde ich spüren, dass ich nichts wiege,
zwischen die Lichtbündel hüpfen,
die Spotlights schleudern?

 

 

 

Diskotheken:

Ein Wort, das es eigentlich gar nicht mehr gibt – heute würde man ja wohl ,Club‘ sagen. Wenn man es nur lang genug vor sich her spricht, klingt es sogar wie ein Wort, das man ersonnen, erdichtet, wenn nicht erlogen hat. Es ist Platzhalter für eine vergangene Zeitspanne genauso wie für eine erfundene Ära, die so nie stattfand. Ein Wort, das dazwischen fällt. Wohinein? Direkt in den Raum des Gedichts? • Ist ,Diskotheken‘ das neue ,Eden‘? Das neue ,Atlantis‘? Der neue ,Hades‘? So halb. Und auch wieder nicht. Aber jederzeit gilt: Nach den Diskotheken ist, wenn der Heimweg beginnt. • Ob im titelgebenden Kapitel „Nach den Diskotheken“ oder im Abschnitt „Ein Buch des Körpers“, immer steht die Differenz im Mittelpunkt des Interesses. Die Differenz zwischen zwei Punkten einer frühmorgens zurückgelegten Strecke genauso wie diejenige zwischen Anfangs- und Endzustand einer Verwandlung, und sei es die des eigenen Körpers in eine Hummel, einen Gepard, einen Schatten. Oder, wie in den „Vierschanzengedichten“, die Differenz zwischen Absprung und Landung, Vergangenheit und Zukunft, Mann und Frau, Ost und West. Das Dazwischen, seine nebulöse Qualität, für die es eine eigene Sprache braucht, ist stets von Belang. Der Zwischenraum. Die nicht unbedingt präsenten wie präsentablen Vorgänge auf dem Weg von A nach B, sie finden ihre Sprache in den Gedichten – oder besser:
Die Gedichte sind diese Vorgänge selbst. • Zwischenräume entstehen auch durch Bedeutungsverschiebungen – wenn Schwan oder Hupfdohle in Korrespondenz mit Wappenvögeln ganz anderer Art treten: mit John Keats, Heinrich Heine und Simon Dach. Am Ende flüstern die Pflanzen, und die Londoner Busse sind wieder pünktlich.

Martina Hefter, kookbooks, Klappentext, 2010

 

 

Sprache, Körper, Tanz

– In diesen Nächten schläft keiner. Hier wird getanzt oder gelaufen, um Seen, durch Stoppelgrasufer, an Straßenrändern entlang. Martina Hefter liefert mit diesem Band ein starkes Lyrikdebüt. –

Wo ein Rest bleibt in diesen Gedichten, etwas Unklares oder Rätselhaftes, da hat dieser Rest immer etwas Leichtes, Schwebendes, von dem man mitgenommen wird in ein sanftes Kreiseln, wie von Schlaftrunkenheit umflort. Nach den Diskotheken, der Titel des ersten Gedichtbandes von Martina Hefter, setzt nicht nur die zeitliche Signatur: die Nacht, die im ersten Teil der Gedichte herrscht. Sondern der Titel setzt auch eine Signatur der Körper, die weich und biegsam und zugleich schwer sind um diese späte Stunde, durchschallt von Musik und müde vom Tanzen. Durchlässig sind diese Körper, die den Gravitationspunkt fast aller Gedichte bilden, und gleichsam empfindsam für das Außen. „Man spürt sich überall gegen den Abend“ lautet der erste Vers des ersten Gedichts, das Spuren eines ausklingenden Sommerfests ausstreut und die Stimmung vorgibt für das, was auf den nächsten Seiten folgt. Auch die Wahrnehmung in diesen Nächten ist – wie die Körper – durchlässig und gleichsam ungemein klar, wie in den Momenten großer Müdigkeit, kurz vor dem Einschlafen, in denen Bilder oder Gedanken für einen kurzen Moment aufblitzen. Nur dass in den Nächten von Martina Hefter keiner schläft. Hier wird getanzt oder gelaufen, um Seen, durch Stoppelgrasufer, an Straßenrändern entlang.
Unschwer lassen die Gedichte darauf schließen, dass Hefter, die bisher drei Romane veröffentlicht hat, zuletzt 2008 Die Küsten der Berge, ausgebildete Tänzerin ist. Mal sind es Tanzbilder selbst: „Ich lade auf, werfe ab, / schnips mit den Fingern, und puff. // Werde ich spüren, dass ich nichts wiege“, mal erhält die Sprache etwas Tänzelndes, etwa wenn die Blicke und Bedeutungen Pirouetten schlagen:

Dreh dich nicht um. Wenn doch, sieh dir
den weißen Tanz nicht an,
was ist umgekehrt ein Schuh?

Und kurz darauf die fast kokette Frage:

Weißt du es nicht? Du tanzt ja mit.

Wenn im zweiten Teil der Gedichte der Tag die Nacht ablöst, sind es doch weiterhin die Körper, die Hefter hin und her biegt, deren Sinnlichkeit und Beweglichkeit sie in die Sinnlichkeit und Beweglichkeit der Sprache überblendet:

Die Straße eine Richtung, von Schritten durchflitzt?
Eher gähnt ein Bewusstsein zum Bus, regennass,
Schwäche fächelnd über den Glanz.

Mit der Helligkeit zieht auch der Witz in die Gedichte ein. Im Zyklus „Handbuch der Pomologie“ präsentiert sie eine kleine Apfelkunde samt spielerischen Sentenzen über Einkaufs- und Pflückbedingungen, Druckstellen und braune Ränder: „Granny Smith“, „Crisp Pink“ oder „Gloster“ heißen die Gedichte. Drei andere philosophieren gar unter dem bedeutungsschweren Titel „Aus einem Zimmer, in dem nicht wahrnehmbare Vorgänge kreuzen“ über Begegnungen mit gemeinen Topfpflanzen und brechen dabei alles, was andernorts an Transzendenz aufgeleuchtet sein mag, ins lustvoll Kalauernde hinunter:

Dein Sattsein entzündet jetzt
sanftfarben das Zimmer, du meine Blüte,
sagtest du grad leise „Nacht“,
„Schmetterling“, sagtest du „Dünger“?

Und unversehens, im Zyklus „Vierschanzengedichte“ bekommt die geborene Allgäuerin regelrecht etwas sprudelnd Plauderiges:

Schieber-, Pudel-
Woll-, als solche überlieferte Mützen,
über Stirnen schräg, schief
knapp sitzende, die Stirn, das dahinter
Gedachte verkappende Mützen,
nur am Rand der Veranstaltung
von Belang.

Gott behüte uns vor diesen Mützen.

Denn die Mützen freilich sind das Ungeformte, das Tumbe, das so gar nicht passt zu den gespannten Körpern der Skispringer, die durch die weiße Landschaft fliegen. Von diesen Körpern, mal hingebogen wie Rosen, mal in konzentrierter Spannung, mal sich der Geschwindigkeit hingebend, erzählen die Gedichte.
Dass frühere Völker versucht hätten, sich den Sternkonstellationen und auf diese Weise der Welt durch Tänze ähnlich zu machen, schreibt Walter Benjamin über das mimetische Vermögen, einen grundmenschlichen Reflex, den in heutiger Zeit die Sprache übernommen habe. Hefter schreibt:

Tanzende denken kein Denken.

Und doch ist es genau das, was sie in ihren Gedichten macht: Sie lotet die Ähnlichkeiten von Körper und Sprache, von Tanzen und Denken aus, lässt die Körper denken und das Sprechen tanzen und lässt im Sprechen über die Körper ein diffuses Wissen von etwas aufblitzen – der Welt womöglich –, das im nächsten Moment schon wieder davongekreiselt ist.

Wiebke Porombka, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.7.2010

Das Schweben der Singstimme

Mit ihrem ersten Lyrikband hat Martina Hefter den Liebhabern dieser Literaturgattung einen nicht geringen Wunsch erfüllt, so scheint es zumindest.
Ist die Kritik einer großen Tageszeitung schon randvoll zu recht geäußerter Zuversicht, so erinnert die Lesefreude an zuversichtlich gelebte Kindheit, gelesene alte Sagen und gesehene Tanzschritte. Freunde des Ballett werden beschenkt, Liebhaber französischer Musik von Jean Baptiste Lully ebenfalls, denn Lyrisches und Tanz sind verbundene Künste und die Ausschau hin zu Augustin oder John Keats birgt etwas, was Hoffnung heißt und nicht nur Vergnügen sondern pures Atmen.
Da heißt es langsam Lesen und sich Entspannen, doch nicht die Romantik bestimmt das Leben (hier in Verse gefasst!), sondern die Hinweise, das Hinführen zu, ich möchte sagen, ermöglichter Ruhe.
Der Griff ist weitgefasst, vom Altertum bis hin zur Moderne, das bereichert.
Schön, dass es Anmerkungen gibt zum Ende hin, die es in sich haben und Vertiefung des Gesagten ermöglichen durch eigenes Studium der Quellen.
Hier nun ein kleines beispielhaftes lyrisches Etwas, das schwebt und zugleich berührt:

Nichts jagte mich aus dem Buch.
Ich wusste, dass Elfen Gedichte sind, mit Muskeln,
nur schöner.

Das stimmt hier.
Und etwas weiter, als ein Amerikaner auf einen Bus in London wartet:

Verständnis kann nicht geliehen werden, wie auch kein Ohr.
Wir übersetzen aus dem Camping-Englisch ins Englisch des Amerikaners,
das nicht weiß, wann endlich der Bus kommt nach Bromley.
Das Camping-Englisch weiß es, You are waiting at the wrong bus stop,
aber will sich zur Einsicht nicht entfalten, No bus will ever come.

So ist es eben, das Leben, mal romantisch und grün und dann wieder urban und recht oft humorvoll.
Und dann in den „vierschanzengedichte“ der Ausruf:

Hebt die Köpfe! Hier ist eine – gesegnet
seien die höheren Mächte – dem haushohen Hungern
zu dürfen entschlüpft. Ihr findet sie, satt gleitend,
über den Wipfeln. Bitte einen Beifallssturm.

Einen geziemenden Beifallsturm hat sie schon verdient.

Klaus Grunenberg, amazon.de, 12.8.2010

Das Zusammenziehen und Ausdehnen des Raumes

– Gespräch mit Martina Hefter im August und September 2010. –

Axel Helbig: Liebe Martina Hefter, in Ihrem in diesem Jahr bei Kookbooks erschienenen Gedichtband Nach den Diskotheken wird in neun Kapiteln ein breiter Fächer an Themen und formalen Aspekten der Lyrik ausgebreitet. Bereits im ersten Kapitel ist von der „Schule des Tanzes“ die Rede. Deshalb geht meine erste Frage auch in Richtung Ihres Vorlebens als Tänzerin und Tanzpädagogin. Wie kamen Sie zum Tanz? Wann und auf welchem Weg begann sich das Tanzen mit der Literatur zu arrangieren?

Martina Hefter: Tanzunterricht gab es bei uns auf dem Land nicht, aber ich habe trotzdem immer getanzt, in meinem Zimmer oder auf dem Parkplatz vor dem Haus, in dem ich wohnte, später exzessiv in der Jugenddisco. Erst später habe ich eine Ausbildung in zeitgenössischem Tanz gemacht. Interessant ist für mich im Nachhinein, dass ich nie den Traum oder Ehrgeiz hatte, Tänzerin zu werden. Ich wollte in erster Linie tanzen, ungestört von beruflichen Ambitionen. Zum Tanzen muss man nicht kommen. Tanzen kann eigentlich jeder von Kindesbeinen an. Tanz als „normale“, auch essentielle Beschäftigung für jeden Menschen – das ist, heute, in Mitteleuropa zumindest, ein eher abseitiger Gedanke. Dabei war Tanz hier bis ins 16. Jahrhundert Bestandteil des täglichen Lebens, für das soziale Miteinander unerlässlich. Nur hat sich die Kirche bereits im Mittelalter da störend eingeschaltet – beim Tanzen war der Teufel mit im Spiel – und im 16. Jahrhundert weitete sich das aus zu einer Bewegung des „zivilisierten“ Bürgertums gegen den Tanz des „niederen“ Volkes. Daher kommt es auch, dass Tanzen heute nach wie vor mit Scham konnotiert ist – etwas, für das man sich schämen muss, nicht nur, wenn man es selbst tun soll, sondern auch, wenn man es betrachtet. Dazu kommt in Deutschland auch die natürlich nachvollziehbare Ablehnung eines Begriffes von „Volkstanz“ – der im Nazi-Deutschland leider komplett missbraucht worden ist. Um auf Ihre Frage zu antworten: das Tanzen und das Schreiben mussten sich nicht arrangieren bei mir – es geht eher darum, beides aufmerksam im Blick zu haben.

Helbig: In Ihrem Essay „Keine falsche Bewegung“ gehen Sie u.a. der Frage nach, wie tauglich Sprache ist, Bewegung des eigenen Körpers zu beschreiben. Ein Zwischenbefund lautet:

Die Sprache, die allgemeine, sowohl Alltags- als auch Fachsprache, scheint mit dem… was im Körper, also auch im Gehirn, vorgeht,… nicht kompatibel zu sein.

Hefter: Ich glaube, es wird gar kein Essay. Ich könnte keine Essays schreiben, denke ich. Der Text ist ein Gemisch, das ich nicht in einer Gattung unterbringen kann. Der Zwischenbefund, von dem Sie sprechen, bedeutet für mich als Tänzerin und Autorin vielleicht zunächst nur so viel, dass ich dem Thema weiter nachgehen will, mit allen mir verfügbaren Werkzeugen.

Helbig: Dem Körper und der Bewegung sind weitere Kapitel des Gedichtbandes gewidmet – etwa: „Ein Buch des Körpers“, dem Zitate des französischen Choreografen Xavier Le Roy – „Warum sollen unsere Körper an der Haut enden?“ und von Augustinus (Philosoph und Kirchenvater) – „Unsere Leiber leben aus uns, indem sie uns anhängen.“ – vorangestellt sind. Ketzerisch gefragt: Sind wir außerhalb unseres Körpers und kommt daher die vorhin erwähnte Inkompatibilität?

Hefter: Außerhalb des Körpers zu sein – das kann ja vieles heißen. Nicht wenige Meditationstechniken haben genau das zum Ziel, oder gewisse Praktiken des Drogenkonsums. Und im Tanz ist dieser Zustand eigentlich nicht wegzudenken – die frühesten Tänze hatten zum Ziel, den Tänzer in Ekstase und Trance zu versetzen, er trat damit in eine andere, höhere Form des Seins ein. Nur so konnte man z.B. böse Geister vertreiben. Im romantischen Ballett geht es eigentlich ausschließlich um das Außerhalb-Sein des Körpers – die Hauptrollen bestehen fast nur aus Untoten, man muss nur an „Giselle“ denken.
Im zeitgenössischen Tanz spielt der Trancezustand auch wieder eine Rolle, z.B. in den neueren Arbeiten des belgischen Choreographen Alain Platel. Das wirft die Frage auf, ob man, um außerhalb sein zu können, nicht auch innerhalb seines Körpers sich bequem aufzuhalten verstehen muss. Bestimmte Techniken, um in einen Trancezustand zu kommen, verlangen ausgefeilte Atemtechniken, man muss mit seinem Körper schon vertraut sein, um ihn verlassen zu können.
Auf der anderen Seite gibt es das Modell der Kinesphäre von Rudolf von Laban: Der Mensch ist von einer Raumkugel umgeben, die sich aus allen ihm möglichen Bewegungen ergibt, wenn er – auf einem Bein – auf einem festen Platz steht. Das schließt auch die Fortbewegung mit ein, die ja eine Aneinanderreihung von Zuständen des Stillstehens ist. Die Kinesphäre kann man demnach nicht verlassen, sie ist quasi ein Teil des Körpers, der gleichzeitig außerhalb von diesem liegt. Eigentlich ganz einsichtig, wenn man z.B. an die sogenannte intime Abstandszone unter Menschen denkt.
Außerhalb des Körpers zu sein kann auch bedeuten: tot sein. Es gibt ja diese Berichte von Menschen mit Nahtoderfahrung, nach denen sich die Person selbst unten auf dem OP-Tisch oder auf der Straße liegen sah. Auf ein alltägliches Maß heruntergebrochen, heißt außerhalb des Körpers zu sein, dass man mit seinem Körper nicht vertraut ist. Dabei liegen im Körper ja Potenziale zu Kommunikation, die ganz anders ablaufen, als wenn man sprechen würde. Vielleicht kann man die nicht oder nur eingeschränkt anwenden, wenn man in seinem Körper nicht zu Hause ist.

Helbig: Mit den Aspekten Tanz und Körper ist die Themenbreite Ihres Lyrikbandes bei weitem noch nicht beschrieben. Es gibt noch ein „Handbuch der Pomologie (Apfelkunde) – ein Gespräch mit einer Topfpflanze – Vierschanzengedichte – Gedichte über eine Busfahrt durch das nächtliche London und anderes mehr. Wie kam es zu diesem vielschichtigen Band, in dem z.B. die in Meran so gelobten Naturgedichte noch nicht einmal enthalten sind?

Hefter: Der Band versammelt Texte, die über einen größeren Zeitraum hinweg entstanden sind. Die Themen haben jeweils bestimmte Formen von Text angezogen, aber genauso oft gab es den umgekehrten Fall. Es ist eher nicht so, dass die Gedichte Ausdruck des Interesses am jeweiligen Thema wären. Wichtig ist/war für mich der Aspekt des Lernens: Bei und von jedem zu bearbeitenden Interesse, bei jeder Form des Textes lernte ich etwas – das konnten ganz unerhebliche Dinge sein, die vielleicht für ein zeitgenössisches Gedicht gar nicht brauchbar oder wichtig sind, oder Dinge, die mit dem Schreiben gar nichts zu tun haben. In diesem Zusammenhang gibt es ein tolles Tanz-Sprechstück des Tänzers Thomas Lehmen: „Lehmen lernt“. Ich kann nur jedem empfehlen, sich das anzusehen, falls man die Gelegenheit bekommt – es liefert viele schöne Impulse, auch für das Schreiben.

Helbig: Eine ganz persönliche Schlussfolgerung in „Keine falsche Bewegung“ lautet:

Deswegen muss das Schreiben… immer wieder unterbrochen und etwas anderes getan – müssen Blumen gegossen, muss ein Handstand geübt werden.

Das führt mich zu den ganz praktischen Dingen. Wann schreiben Sie? Wo schreiben Sie? Wie geht das alltägliche Leben mit dem Schreiben zusammen?

Hefter: Das ist in dem Text etwas mutwillig ausgedrückt, eigentlich ist es schon Fiktion – in Wirklichkeit unterbreche ich das Schreiben nicht, wenn ich denn mal schreibe. Dann nämlich schreibe ich so kurz, dass es sich nicht lohnt, Pausen zu machen. Bemisst man als Mutter zweier Kinder seine eigene künstlerische Arbeit an den Leuten um einen herum, die jünger und ungebundener sind, muss es einem zwangsläufig als kompletter Wahnsinn erscheinen, wie wenig Raum für die eigene Arbeit/Beschäftigung mit seinen Aufgaben bleibt. Aber schaut man genauer hin, ist das ein ideologisches Konstrukt, dem man auf den Leim gegangen ist. Die Ideologie heißt: Fleiß. Die Arbeit, die man verrichtet, muss immer den Großteil seiner Zeit auffressen, sonst ist es keine gute Arbeit. Dabei hat die Qualität einer Arbeit weniger mit Zeit, sondern mit Aufmerksamkeit zu tun, und man kann auch fünf Minuten aufmerksam sein und an ein, zwei Zeilen sinnvoll arbeiten. Allerdings war das schon ein längerer Erkenntnisprozess. Ich kümmere mich jetzt nicht mehr so sehr darum, wann ich wie viel schreibe. Ich schreibe, wenn ich schreibe. Beim Tanzen ist der Umfang der Beschäftigung meistens größer. In fünf Minuten würde ich zu wenig erreichen. Die Intensität kann aber sehr wohl unterschiedlich sein. Im Moment trainiere ich wieder intensiver, verschiedene zeitgenössische Techniken. Das ist auch ein äußerst interessanter Lernprozess: Manche Aspekte einer Bewegung verstehe ich erst jetzt, wohingegen ich sie vor zwanzig Jahren nicht so ganz nachvollziehen konnte. Eine Erfahrung, die viele zeitgenössische Tänzer/innen in meinem Alter teilen.

(…)

Ostragehege, Heft 60, 2010

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Dorothea von Törne: Lyrik
Literarische Welt, 7. 8. 2010

 

Lyrikline Live. Martina Hefter im Gespräch bei der Vorstellung als neue Stimme für lyrikline am 24.11.2016 im Haus für Poesie.

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer +
Galerie Foto Gezett
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Martina Hefter liest 2013 aus ihren beiden Gedichtbänden.

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