Mila Haugová: Schlaflied wilder Tiere

Haugová-Schlaflied wilder Tiere

DORMI 1

Schlaf später Engel mit dem gläsernen Handgelenk.
Irgendwer hat fast immer die Augen zu
Unter vielen Lidern schlaf.
Schlaf später.
So tief wie Gott ist.

 

 

Mila Haugová

hat ein bewegendes Buch über den Abschied von geliebten Menschen und das Entgleiten des eigenen Lebens geschrieben. Ausgangspunkt ist ein doppelter Verlust: Die Mutter stirbt und der Geliebte geht eigene Wege. Während sich mit der toten Mutter Kindheit und Vergangenheit entfernen, nimmt der Geliebte die erhoffte Zukunft mit. Zurück bleibt ein reduzierter Alltag, durchflochten mit allgegenwärtigen Erinnerungen. Haugová lässt sich ein auf die nun aufbrechenden Bilder der Kindheit und der Tage mit dem Geliebten. Findet sich in dieser erkaltenden Welt noch ein Rest der Wärme von einst?
Wiederbegegnung und Abschied sind eins in Haugovás Gedichten. Es sind intime Einübungen in die Abwesenheit der Liebsten, ins Annehmen ihres Verschwindens, welche mit der Zeit jene kathartische Kraft entwickeln, die die Liebe von neuem ermöglicht.

Edition Korrespondenzen, Klappentext, 2011

 

 

Lyrische Poltertöne

Aus ihren jüngsten Gedichtbüchern hat die 1942 geborene ungarisch-slowakische Dichterin Mila Haugová eine grosszügige Auswahl kompiliert, die nun, von ihr und der Slawistin Anja Utler gemeinsam übersetzt, in einer schmucken zweisprachigen Edition vorliegt. Unter dem ebenso schlichten wie enigmatischen Titel Schlaflied wilder Tiere – Wildtiere, die singen? die besungen werden? – gibt der Band eine Reihe lyrischer Texte zu lesen, die sich thematisch vorzugsweise zur Natur hin öffnen (Landschaft, Tierwelt), frühkindliche Wahrnehmungen vergegenwärtigen, die Leiblichkeit der Liebe feiern, aber auch deren Schwund und Verrat beklagen. Stilistisch fällt die Engführung elitärer intertextueller Rede und kruder Alltagssprache auf, formal – die Tendenz zu serieller oder zyklischer Textfügung, aber auch der weitgehende Verzicht auf Interpunktion, auf syntaktische und logische Korrektheit. Man könnte Haugovás kraftvolles lyrisches Idiom ungeschlacht nennen, alles Gefällige, Liedhafte, Eingängige wird vermieden zugunsten eines unverwechselbaren Poltertons, in den Provokation und Trauer und Trotz und Zärtlichkeit gleichermassen eingeschmolzen sind. Nässe, Kälte, Nebel dominieren die graue Seelenlandschaft, stehen für Abschied, Entfremdung, Verlust. Nur in der Erinnerung kommen noch Intensitäten auf, bleibt die Liebe präsent, tut sich das Leben kund als schmerzliches Glück:

Jetzt wird es wahr wenn ich es aufschreibe; du bist
Mein Wort geworden; ist wirklich nur so eine Welt möglich
Dieses einzig mögliche Leben…

Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung, 7.2.2012

Die Perspektiven der Produzenten:

Gespräch zwischen Mila Haugová, Walter Koschmal und Anja Utler, 14.12.2012

Anja Utler: Mila, im Gespräch nach deiner Lesung haben die Studierenden formuliert, dass es sie fasziniert hat, wie du dich zwischen einleitendem Erzählen und den Gedichten bewegt hast. Sie waren der Meinung, dass sich deine Stimme kaum ändert, manchmal haben sie einen Moment gebraucht, um zu verstehen, dass man jetzt schon im Gedicht ist. Sie hatten das Gefühl, dass du dadurch als Person sehr gut sichtbar geworden bist und dass sie dadurch mit deinen Gedichten besser umgehen konnten. Spielt das für dich eine Rolle, dass die Gedichte einen ähnlichen Klang haben wie Alltagssprache?

Mila Haugová: Nein, in keinem Fall. Ich glaube, meine Gedichte klingen auf Slowakisch, und ich glaube auch auf Deutsch, nicht wie Alltagssprache. Das kommt vielleicht daher, dass die Studenten nicht genug Erfahrungen mit Gedichten haben. Ich vermute, ich bin vielleicht die zweite oder dritte Dichterin, die sie sehen. Aber wenn man ein paarmal schon jemanden lesen gehört hat, würde man das nie sagen. Man muss das unterscheiden. Vielleicht war das deshalb ein wenig täuschend, weil meine Inhalte gleich sind. Nur die Bearbeitung im Gedicht ist anders. Manchmal hat man mich auch schon gefragt, warum Gedichte und nicht Prosa? Ich glaube, dass ich im normalen Leben ein bisschen zu viel spreche. In meinen Gedichten aber möchte ich sehr diszipliniert sein. Das, was ich im Sprechen mit vielen Wörtern sagen muss, möchte ich, und das ist ein wunderbares deutsches Wort, verdichten. Ich glaube, dass in meinen Gedichten nicht viele Wörter sind, die man auch entfernen könnte, und das Gedicht würde trotzdem weiter stehen. Vielleicht hatte es aber auch mit der Zeit zu tun. Wir hatten ausgemacht, dass ich eine dreiviertel bis eine Stunde lese, und ich wollte zwischen den Gedichten, die wir ausgewählt hatten, nur ganz knapp sprechen. Durch diese Knappheit habe ich vielleicht im Erzählen eine ähnliche Diktion bekommen wie beim Lesen. Die strenge Lesung kann die Sätze beeinflusst haben, die ich nur zwischendurch gesagt habe. Mein Sprechen könnte sich auch verdichtet haben.

Utler: Du würdest also sagen, die Annäherung ging eher vom Gedicht in das, was du dazwischen gesagt hast, als umgekehrt.

Haugová: Ja.

Utler: Ich habe ja den Eindruck, dass deine Gedichte rhythmisch extrem genau gearbeitet sind.

Haugová: Ja.

Utler: Das hat man in der Lesung heute auch gehört, glaube ich. Wie wichtig ist die akustische Dimension deiner Arbeit für dich?

Haugová: An erster Stelle steht für mich die Vorstellung von Bildern. Auch die slowakischen Kritiker sagen, ich sei weniger melodisch als manche meiner Kollegen. Sie sagen, ich sei bildnerisch. Eher verwandt mit der bildenden Kunst. So beende ich manchmal einen Satz, ohne dass ich auch die Melodie bis ans Ende führe. Meine Schnitte stehen dort, wo ein Bild vollendet ist. Wenn man stärker auf die Melodie achtet, würde man weiter gehen und sie beenden. Ich kann sagen, dass ich konservativ bin, altmodisch, dass ich figurative Bilder liebe, und in musikalischer Hinsicht bin ich vielleicht näher bei Bartók oder Schostakowitsch, wo das Ende auch häufig abrupt ist. Bei den Klassikern, bei Schubert etwa, kann man wissen, jetzt kommt das Ende, bestimmt auch bei Beethoven, man spürt, dass es kommt. Bei Debussy, Bartók oder Schostakowitsch kommt das Ende wie eine Überraschung und nicht aus der richtig zu Ende geführten Melodik. Das ist mir näher. Denn die Wahrheit des Gedichts ist, dass es passt, und nicht, dass man eine kanonische Vorgabe erfüllt.

Utler: Das heißt, es hat eine innere Logik und nicht die Form als externe Logik?

Haugová: Ja, deshalb gab es auch manchmal Streit mit meinem ehemaligen Freund, der bildender Künstler war und sehr avantgardistisch. Bei ihm musste alles der Logik entsprechen, die er sich ausgedacht hatte. Ich habe dann eine Metapher gefunden für meine Lyrik und ihn. Er hatte gesagt, deine Lyrik kommt nicht zu den neuesten, experimentellen Formen. Und ich habe ihm gesagt, du bist wie jemand, der mit der Machete neue Wege in den Urwald schlägt, aber dann komme ich, und ich sammle hier ein Ästchen, da ein Vögelchen, hier ein Steinchen und da eine Blume, und aus diesen Resten, die du hinterlassen hast, mache ich ein Nest oder ein Gedicht. Ich schütze die Sachen, ich schlage keine neuen Wege, ich bewahre die Dinge.

Utler: Gleichzeitig aber hast du in der Lesung gesagt, es sei dir am liebsten, wenn du die Gedichte in deiner Stimme sprichst und wenn du sie in deiner Stimme hörst. Hast du auch schon erlebt, dass Leute deine Gedichte gesprochen haben, und du hast dir gedacht, das sind nicht mehr meine Texte?

Haugová: Ja, im Rundfunk. Ich höre viel Radio, einen Kultursender, und plötzlich höre ich da ein Gedicht und frage mich, mein Gott, wer hat denn das geschrieben, dass man das hier mit so einer sentimentalen, piependen Stimme vorträgt. Das hat fast eine ganz andere Bedeutung bekommen. Nach drei, vier Wörtern habe ich schon verstanden, oh Gott, das sind deine Gedichte, aber am Anfang war ich so überrascht. Ich habe mich gefragt, wie das möglich ist, das war in einem so sentimental-romantischen Stil, die Akzente waren schlecht gelegt. Die Stimme war schön, aber nicht gut. Ich lese vielleicht nicht wie eine Schauspielerin, aber auf der anderen Seite weiß ich, dieses Wort oder jenes muss so, und hier muss man ein bisschen höher. Ich glaube, wenn man fragt, wie hört man ein Gedicht im Slowakischen und wie im Deutschen, dann wäre es interessant, wenn nicht ich das Deutsche lesen würde, sondern du. Bestimmt wäre das Deutsche dann schöner, denn manchmal konnte ich das Deutsche sicher nicht ganz richtig lesen, denn die Diktion kann man, wenn es nicht die Muttersprache ist, nur sehr schwer nachahmen. Da müsste man hier fünf bis sechs Jahre leben, dass man weiß, wie muss man etwas sagen, dass man alle Nuancen der Wörter richtig bekommt. Für mich ist es zum Beispiel sehr schwierig, dass die Präfixe am Ende des Satzes kommen, dafür habe ich gar keinen Atem. Wo diese abtrennbaren Präfixe sind, zerstöre ich die ganze Sache, weil ich nicht daran denke, dass zu diesem Verb noch etwas gehört. Das ist das größte Problem mit Lesungen in anderen Sprachen, dass man es nicht ganz in sich hat, was noch kommt. Im Slowakischen ist das sehr fein, dass ein Satz verschiedene Richtungen haben kann, es ist nicht so streng.

Utler: Als wir in Linz zusammen aufgetreten sind und ich deine Gedichte auf Deutsch gelesen habe, waren es also auch auf Deutsch noch deine Gedichte?

Haugová: Ja. Mehr sogar als die, die ich heute selbst gelesen habe.

Utler: Aha.

Haugová: Ja, was du gelesen hast, waren mehr meine Gedichte. Denn wir haben bei der Übersetzung gut zusammengearbeitet, und du hast vielleicht auch die Empathie, dass du die Diktion aus dem Slowakischen, wie bei einer Induktion, ein bisschen übernommen hast, so dass von beiden Seiten her eine Ganzheit entstanden ist.

Utler: Aber wenn du sagst, du kommst eher vom Bild her, ist dir dann wichtig, dass die Leute deine Gedichte selbst lesen, sie also auch visuell vor sich haben, oder findest du, dass es auch genügt, wenn sie sie gehört haben?

Haugová: Nein. Vor allem in der Slowakei ist es Tradition, dass man Gedichte zu Hause liest, bei kleiner Lampe, in der Ecke auf dem Kanapee. Gedichte zu lesen war bis in die 90er Jahre hinein eine sehr intime Sache. Bis dahin hat man in der Slowakei Gedichte als gesprochene nur von Schauspielern bekommen. Nur manchmal machte man damals Rundfunkaufnahmen, mit alten Dichtern, deren Stimme man bewahren wollte, die haben dann etwas gelesen oder auswendig vorgetragen. Aber das war nie Programm, dass man eigene Gedichte liest. Das ist erst später gekommen. In Russland, zum Beispiel, gibt es diese Tradition des lauten Lesens, in Deutschland auch, aber in der Slowakei nicht. Und dafür gibt es auch einen Grund, denn in der romantischen Zeit, in der unsere Sprache entstanden ist, sind die Dichter in Devín auf den Felsen gegangen und haben dort ihre Gedichte gelesen. Und das war uns ein bisschen zu pathetisch. Jeder hatte Angst, dass es pathetisch würde, wenn man seine eigenen Gedichte liest. Jetzt ist es normal geworden, dass man zivil, mit der eigenen, nicht präparierten Stimme die Gedichte liest. Das kommt jetzt langsam, dass man sich mit dem Vortrag auch beschäftigt, das kommt mit Poetry Festivals, wie Ars Poetica, wo man laut lesen muss und man auch der internationalen Szene gegenüber steht, wo man mit dem einfachen Vorlesen fast schon verloren ist.

Utler: Aber machst du’s gerne? Gibst du gerne eine Lesung oder ist es eher ein notwendiges Übel für dich?

Haugová: Nein, nein. Ich glaube, meine erste Lesung war in Hainburg, auf der Ruine, das war fast schon wie in Devín. Dort hatten sie in kleinen Höhlen Lautsprecher, und dort konnte man die Stimmen von Sylvia Plath, Ingeborg Bachmann, Christine Lavant und ich weiß nicht, von wem noch hören. Dort haben wir dann gelesen und ich habe fast lautlos gelesen, eigentlich auch ohne mich zu geben, es war wie eine Hausaufgabe oder so etwas. Aber dort habe ich auch verstanden, dass es so nicht geht. Dann habe ich mich richtig damit beschäftigt. Ich habe zu Hause laut gelesen, auch die Zeit gemessen. Und jetzt hängt es vom Auditorium ab, ob ich gerne lese oder nicht. Man spürt, ob eine Zusammenarbeit existiert. Und vielleicht kann ich hier nochmal auf die erste Frage zurückkommen. Es ist vielleicht deshalb alles so sehr zusammengeschmolzen, weil ich mich gut gefühlt habe. Es war keine so große Spannung, dass jemand vielleicht nur da ist, weil man am Ende ein Glas Wein bekommt oder so, wie es bei den Institutionen manchmal ist. Alle waren gekommen, weil sie das wollten. Und das ist sehr wichtig.

Utler: Dann entfaltet sich die Lesung besser?

Haugová: Ja, die Lesung entfaltet sich besser, weil ich nicht mehr auf mich selbst aufpasse, sondern nur noch auf die Stimme und auf den Text. Ich vergesse Mila, die Person, und bin ganz in dem Text.

Utler: Aber habe ich dich da richtig verstanden, du hast das einmal gemacht wie eine Hausaufgabe, da in Hainburg, und dann hast du richtig geübt?

Haugová: Ja, wie du sagst, richtig geübt.

Utler: Bevor du einen Text liest, hast du so etwas wie eine innere Stimme, in der du den Text schon hörst, und dann versuchst du, das mit der äußeren Stimme umzusetzen? Oder hörst du die Texte innen gar nicht?

Haugová: Nein, ich bin eher extrovertiert, als introvertiert. Und das hängt bestimmt zusammen mit dieser Sache. Eine liebe Kollegin, und Freundin, ist eher introvertiert, und sie bereitet sich auf Lesungen eher so vor, dass sie das alles innerlich durchgeht vor der Lesung. Und ich mache solche Sachen wie – das ist lächerlich, aber: Ich esse ein Minzzuckerchen, ich denke an meine Stimme, ob sie passen wird, im Sinne von Gesundheit, dass ich das alles im Griff habe, dass meine Stimme nicht versagt. Ich trinke Wasser. Manchmal komme ich zu einer Lesung und es ist kein Wasser da, denn die Leute wissen nicht, was eigentlich notwendig ist für eine Lesung. Ich denke, man kann sagen, weil ich meine Gedichte liebe, will ich meine Gedichte nicht mit meiner Stimme anders machen als sie eigentlich sind. Durch so äußerliche Sachen wie eine Krankheit. Krank gehe ich nie zu einer Lesung. Manchmal sagen Kollegen: Er ist gekommen, obwohl er krank war. Aber dann ist durch die Stimme alles verschoben. Vielleicht kann ich sagen, ich will die Herrin meiner Stimme sein, wenn ich meine Gedichte lese.

Utler: Weil du den Gedichten gerecht werden willst?

Haugová: Ja. Genau.

Walter Koschmal: Mit der Stimme des Mannes möchte ich noch fragen: Wie ist es, wenn ein Mann deine Gedichte liest? Denn ich nehme an, dass das auch im Rundfunk eher Frauen lesen.

Haugová: Ja.

Koschmal: Ist das dann noch fremder?

Haugová: Wenn ein Mann meine Gedichte liest? Ja, das hat es schon gegeben. Bei einem Berliner Lyrikfestival 2003 hat mein Partner meine Gedichte auf Deutsch gelesen. Da konnte ich nicht so kritisch sein, weil die Person mir nahe stand, er kein Schauspieler war. Er hat sich bemüht. Aber es war einfach eine Notwendigkeit, weil der Herr, der das lesen sollte, nicht gekommen war. So musste man das ad hoc machen. Seine Stimme war bei meinen Gedichten anders, als ich das vom normalen Lesen gekannt hatte. Ich war überrascht davon, wie er das liest. Man kann sagen, es war mehr Gefühl dabei als bei meinem eigenen Lesen, und ich hatte keine Liebesgedichte gewählt, das wäre auch etwas peinlich gewesen, wenn wir beide dort auf der Bühne stehen und solche Gedichte lesen. Wann hat noch ein Mann gelesen? Einmal in Köln, Herr Böhm. Das war schön, sehr schön, sehr zivil. Nein, es hat mich überhaupt nicht gestört, wenn das von Männerseite gelesen wurde. Im Englischen war das häufiger, dass Männer gelesen haben. Einmal in der Slowakei, in Trenčín, hat ein Schauspieler gelesen, und das war mir fremd. Aber nicht wegen Mann oder Frau. Sondern weil ich glaube, dass er diesen Gedichten nicht nahe war. Er hat das bekommen wie eine Aufgabe, bezahlt und alles, hat es sehr schön gemacht, und alle waren begeistert und Beifall und alles, aber mir war das nicht nahe. Es gibt aber im slowakischen Rundfunk zwei, drei Stimmen, und immer wenn ich etwas für den Rundfunk mache, schreibe ich dorthin: Bitte eine Schauspielerin mit reifer, tiefer Stimme. Anders mag ich es nicht. Aber zum Glück sind in der Slowakei und in Deutschland, Ungarn auch, die Frauenstimmen tiefer als zum Beispiel in England oder Amerika. Die haben etwas schrillere Stimmen. Vor allem in England, wenn ich höre, wie sie dort piepen, dann ist das nicht der Durchschnitt von deutschen oder slowakischen Frauen. Ich liebe es, wenn die Sprache eines Gedichts, und ich möchte das so im Kreis definieren, Gedicht ist. Und das ist egal, ob das dann ein Mann oder eine Frau liest.

Koschmal: Eine kleine Frage noch. Mich würde interessieren, wie es ist, wenn du mit Mikrofon lesen musst – der Raum ist ja auch wichtig, eine Synagoge etwa ist ein anderer Raum als unser Raum hier. Ändert sich das Verhältnis zum eigenen Gedicht, wenn du mit Mikrofon sprechen musst?

Haugová: Nein. Es ist nur ein technisches Problem, ich bitte immer darum, das Mikrofon nicht halten zu müssen. Das stört mich körperlich, wenn ich zwischen mir und dem Buch etwas in der Hand halten muss. Und noch etwas: Ich lese nicht gerne, wenn ich stehe. Vielleicht wäre es eine andere Stimme, wenn ich stehe und das Buch halte, aber das ist mir nicht angenehm. An einem Tisch fühle ich mich ein bisschen wie beim Schreiben. Wenn ich einen Tisch habe, dann lege ich dort meine Sachen ab, dann kann ich einen Bleistift oder eine Feder in der Hand haben. Ich fühle mich mit Tisch beim Lesen sicherer. Wenn ich gefragt werde, was ich brauche, sage ich, ich brauche einen Tisch, Wasser und einen bequemen Stuhl. Im Stehen muss ich mich auf andere Sachen konzentrieren, dass meine Brille nicht runterfällt, wo ich das Etui habe, ich frage mich, wie ich es beim Blättern machen soll, ich kann mich auf das Lesen gar nicht konzentrieren. Und ich kann mich nicht so vorbereiten, dass ich einfach mit zwei Papieren dort stehe, das geht so nicht. Ich lese gern aus dem Buch. Und der Tisch ist wie eine Unterstützung, als sei noch jemand mit mir dort vorne.

aus Anja Utler: „manchmal sehr mitreißend“. Über die poetische Erfahrung gesprochener Gedichte, transcript verlag, 2016

 

Fakten und Vermutungen zur Übersetzerin
Porträtgalerie
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Anja Utler liest beim ersten Wales International Poetry Festival in Bangor am 6.10.2012.

Fakten und Vermutungen zur Autorin

 

Mila Haugová spricht über ihre Lyrik.

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