Attila József: Ein wilder Apfelbaum will ich werden

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Attila József: Ein wilder Apfelbaum will ich werden

József-Ein wilder Apfelbaum will ich werden

ARS POETICA
Für Andor Németh

Dichter bin ich – was soll mich scheren
weiter selbst der Dichtung Genuß?
Schön wär’s nicht, stiegen in den hehren
Himmel die Nachtsterne vom Fluß,

Die Zeit, wie läßlich sie versickert,
mich treibt nicht mehr der Märchen Lauf,
ich schlürfe wirklich Welt, gesichert,
mit schäumendem Himmel darauf.

Wie schön der Born – in dem zu baden!
Schlottern und Stille im Geflecht
geeinigt, und die Wellen wagen
ein zärtlich-kluges Wortgefecht.

Fremde Dichter? Alle bloß Scheitern
für mich. Bekotet bis zum Kinn
mögen sie mit geschürten Geistern
mimen den schief berauschten Sinn.

Ich übersteige diese Kneipe
bis zur Vernunft, die weiter reicht!
Frei mein Verstand, ich täusch im Leide
nicht vor, ich sei ein dummer Knecht!

Magst essen, trinken, lieben, schlafen:
Messe dich immer mit dem All!
Nicht mal zischend dien ich der Raffen-
und Schergengewalten Gefahr.

Kein Feilschen gibt’s – mein Glück mein eigen!
Sonst erniedrigt mich jeder Sud,
und rötliche Flecken bezeichnen
mich, und Fieber verzehrt mein Blut.

Ich halte nicht, nicht mehr den Streitmund.
Vorm Wissen beschwer ich mich dann.
Dieses Jahrhundert gibt mir recht, und
mich meint beim Pflug der Ackermann;

mich ahnt innig des Werkmanns Körper,
wenn er gerührt sich steif bewegt;
mir lauscht abends vorm Kino derber
Jungstrolch, in Fetzen eingenäht.

Und wo Schurken, geballt in Lagern,
jagen meiner Verse Phalanx,
da dröhnen Reime, werden ratternd
verbreitet von brüderlichen Tanks.

Ich sag: Der Mensch reift noch in Keltern.
Wähnt er sich groß, so ist er dreist.
Sein Schritt sei bewacht von den Eltern:
Sei’ von der Liebe und vom Geist!

 

 

Attila József

„Es war ihm beschieden, vollkommen zu sein. Nicht nur ein ausgewählter Teil, sondern sein ganzes Lebenswerk verdient die Ewigkeit“ – mit diesen Worten habe ich Attila József in der Gedenknummer von Szép Szó (Schönes Wort) im Januar 1938 verabschiedet.
Ich glaube nicht, daß diese Worte nur durch die Liebe des Freundes und die eigenartige Gerührtheit der Trauer hervorgerufen wurden. Ich hatte ihn bereits während seines Lebens mit Hölderlin, Keats, Rilke und Kafka verglichen und bewunderte seine strudelnde Tiefe, seine stupende sprachliche Virtuosität und metaphysischen Höhenflüge. Mir gereicht zur Zufriedenheit, daß nunmehr auch die deutschsprachige Leserschaft in die Lage versetzt wird, diesen aufgrund von Sprachschwierigkeiten fast als unzugänglich verschrienen Dichter kennenzulernen, und zwar in einer Form, die mir seiner großartigen Dichtung würdig zu sein scheint. Das größte Erlebnis meines Lebens war, daß ich ihn aus der Nähe kannte, der erste Leser einiger seiner Meisterwerke – und ab und zu sein Ratgeber – sein durfte, und daß ich einer unter den allerersten war, die die tragische Größe seiner Kunst nach ihrem Wert gewürdigt hatten. Sein Lebenswerk war, als er noch lebte und schrieb, sogar in seinem eigenen Land kaum vom Publikum wahrgenommen worden.
Es sei mir erlaubt, kurz einiges über mich anzumerken: Ich zog Anfang der dreißiger Jahre nach Budapest, nachdem ich meine Grundprüfungen in den Fächern Ungarische, Deutsche und Französische Literaturen an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität von Pécs mit Erfolg abgelegt hatte. Dort freundete ich mich besonders mit dem Germanistikprofessor Thienemann an, dem ich die Bekanntschaft mit den Essayisten aus dem Kreise um Stefan George zu danken hatte. Parallel zu meinen Budapester Universitätsstudien besuchte ich immer öfter einen Kreis von Intellektuellen, die Miklós-Bartha-Gesellschaft, in der wohl die besten Vertreter der Nachkriegsgeneration – unter ihnen der junge Gyula Illyés – über die damals immer komplizierteren, unheilversprechenden Entwicklungen der ungarischen Politik und der Weltpolitik diskutierten. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen der sich immer stärker nach links orientierenden Gesellschaft standen folgende Themen: die damals unlängst ausgebrochene Weltwirtschaftskrise, die Arbeitslosigkeit und vor allem die Folgen durch den Entfall des ungarischen Agrarexports, die sich auch für uns in den beispiellos gewaltigen Protestkundgebungen der Budapester Industriearbeiter und Angestellten geäußert hatten.
Zu dieser Zeit hatte ich mit einem der führenden Mitglieder der Bartha-Gesellschaft Freundschaft geschlossen, nämlich mit einem buckeligen Setzer, dem Kommunisten Péter Pál Lakatos, der mich zum Abendessen einlud, an dem auch seine wunderschöne Frau teilnahm. „Hast du schon die Gedichte von Attila József gelesen?“ fragte er mich. „Wie sagst du? Attila József?“ Ich gab zu, daß ich, obwohl ich die Entwicklungen in der Poesie aufmerksam verfolgte, von einem Dichter dieses Namens noch nichts gehört hatte.
„Nun, dann hast du keine Ahnung, was du dabei versäumt hast!“ sagte der Freund. „Er ist der Beste unter uns. Wenn du willst, lese ich dir gleich einiges von ihm vor.“ Er hatte das gelbe Heft rasch hervor geholt, dessen zentrales Gedicht so kühn ansetzte:

Ich hab kein Land. Keinen Gott.
Keinen Vater. Mutter nicht.

Er guckte unter seiner dicken Brille wach hervor und prüfte laufend die Wirkung. Als er das Gedicht zu Ende gelesen hatte, bat ich ihn, es noch einmal zu lesen. Ich murmelte betäubt: „So eine Poesie hatte ich seit Endre Ady nicht mehr gehört.“
„Willst du ihn kennenlernen? Gut, dann gehen wir gleich zu ihm“, wir griffen augenblicklich nach den Mänteln. Attila József wohnte damals in der Nähe des Westbahnhofs, im zweiten Stock eines verrauchten, verwitterten Hauses. Entsprechend der Bauweise der Jahrhundertwende konnte man vom Flur, der den Innenhof umkreiste (damals und auch heute noch Gang genannt), unmittelbar in eine Küche treten, wo Frau Judit, eine große Gestalt mit strengem Gesicht, gerade den Boden schrubbte. Sie erhob sich nicht aus ihrer kauernden Haltung: „Tretet ein“, sagte sie, „Attila arbeitet gerade.“ Mein Freund stellte mich ihm vor: „Dieser junge Mann fiel fast in Ohnmacht vor Bewunderung, als ich ihm dein ,Tiszta szívvel‘ (,Reinen Herzens‘) vorlas.“ Attila József stand auf, drückte mir kräftig die Hand, bot mir an, mich zu setzen, und griff, um uns zu bewirten, nach der Weinflasche, die auf seinem Tisch zwischen den aufgetürmten Büchern und Schreibheften stand.
Viele fragen mich seitdem, was für ein Mensch er war. Sein Äußeres verriet überhaupt nichts Extravagantes, er war bürgerlich gekleidet und sorgfältig rasiert – er behielt nur den kleinen Schnurrbart, der seinem glatten, beinahe kindischen Gesicht etwas Männliches verlieh. Das beste Portrait von ihm zeichnete wohl Dezső Kosztolányi, vielleicht der größte Schriftsteller unter den Zeitgenossen, der ihn fast väterlich liebte:

Ein kecker Kerl, ein gradsinniger Meistergeselle. Schmächtig, aber äußerst mannhaft. Ist nicht einem Dichter ähnlich, und auch das deutet darauf hin, daß er ein richtiger Dichter ist.

Als wir uns begegneten, war er 27 Jahre alt, war also nur vier Jahre älter als ich, aber bereits – wie mir Péter Pál Lakatos unterwegs sagte – viel gereist, hatte Paris besucht, schrieb sogar französische Gedichte an eine junge Französin. Im Gegensatz zu mir, dem unbeholfenen, schüchternen Jungen vom Lande… Nun, ich war äußerst gerührt. Auch dadurch, daß er mit mir wie mit einem alten Bekannten sofort anfing, über die damals entdeckten und in Deutschland publizierten Jugendwerke von Karl Marx zu sprechen und mir Teile aus ihnen vorlas.
Das Gedicht, das mich ins Herz traf, muß ich anmerken, erschien 1925, in Buchform 1929. Ludwig Baron von Hatvany, der bereits Freund, Mäzen und Prophet des größten Poeten der Jahrhundertwende, von Endre Ady, war, zeigte sich auch betroffen, als ihn Ignotus, die zweitwichtigste Person der Zeitschrift Nyugat (Westen), auf Attila József aufmerksam machte. Er schrieb gleich nach Bekanntwerden von „Reinen Herzens“, daß dieses Gedicht „das Dokument der ganzen Nachkriegsgeneration sei für spätere Zeitalter.“ Und tatsächlich. Nach Endre Ady, dessen Werk den Optimismus und die heroische Kampfbereitschaft der Vorkriegsgeneration in der verfeinerten, an der Kunst der Symbolisten und Surrealisten geschliffenen poetischen Sprache betonte, gab Attila József dem verzweifelten Aufbegehren jener Generation Ausdruck, die die erste Weltkatastrophe überlebt hatte. Der vorhin erwähnte Ignotus schrieb, nachdem er das Gedicht „Fekete zongora“ („Schwarzes Klavier“) gelesen hatte:

Man soll mich hängen, wenn ich es verstehe, es ist aber schön.

Derselbe Mann begriff Attila József gleich und empfahl dessen Gedicht mit den Worten „Wunderschön!“ Der damalige Chefredakteur von Nyugat, der liberale, aber streng moralisierende Ernő Osváth lehnte aber den Text als nicht publizierbar ab.
Um auf unser bis tief in die Nacht hineinreichendes Gespräch zurückzukommen, kann ich sagen, daß dies unsere Freundschaft, die durch den gemeinsamen Glauben an das marxistische Evangelium immer enger geschnürt wurde, besiegelt hatte. Aus heutiger Sicht mag es tollkühn erscheinen: Wir glaubten an die unmittelbar bevorstehende Revolution. Deren Ausbruch prognostizierte einer der Vorsitzenden der Miklós-Bartha-Gesellschaft, der Ökonom und Soziologe Sándor Szatmári (er war wesentlich älter und gebildeter als wir selber), mathemathisch auf Januar 1933, wobei er den stetigen Anstieg der die kapitalistischen Staaten bedrohenden Arbeitslosigkeit mitberücksichtigte. Die wissenschaftlich anmutenden Berechnungen von Szatmári wurden durch einen milchgesichtigen Parteidichter und Journalisten namens László Gereblyés bekräftigt, der uns in seinem Reportagebuch über die zahlenmäßig immer größere Überlegenheit der Deutschen Kommunistischen Partei berichtete, nachdem er von einer Studienreise in Deutschland zurückgekehrt war.
Attila József hatte sich uns oft angeschlossen, als unsere aus Philologiestudenten und Schülern des Eötvös-Kollegiums bestehende Studiengruppe sonntags Ausflüge in die hügelige Gegend von Budapest, Hűvosvölgy genannt, veranstaltete. Einmal las er auf einer Lichtung vor der um zahlreiche Ausflügler erweiterten Menge sein Gedicht „Munkások“ („Arbeiter“), wobei er bewiesen hatte, daß er sich – wie etwa Bertolt Brecht – sogar von der trockenen, leninistisch-stalinistischen Ideologie zu einem meisterhaften Gedicht anregen ließ:

Doch – Genossen! – das ist grad jene Klasse,
die Eisenkleid anzog im Ungemach!
Wir künden sie wie Schlöte: Sei sie krasse
sichtbar! Erleiden für sie jede Schmach!

Attila war begeistert, wir applaudierten ihm, und wir alle stimmten darauf gutgelaunt die Lieder der russischen Revolution an. Er war stolz darauf, daß er in einem Außenbezirk von Budapest, er war mittlerweile dorthingezogen, Flugblätter verteilen konnte, die zum Streik aufgerufen hatten.
Im April 1932 hatten wir mit Attila gemeinsam das Vorhaben beschlossen, eine ernsthafte soziologisch, philosophisch und kritisch orientierte Zeitschrift zu gründen. Ein Titel fand sich rasch: Valóság (Wirklichkeit). Nur noch Geld mußten wir auftreiben. Was letzteres betrifft, hatten wir uns mittels des Kommunistischen Jugendverbandes, mit dem wir in Verbindung standen, an den Führungsstab der halblegalen, das heißt von der Polizei geduldeten, aber observierten Társadalmi Szemle (Gesellschaftliche Rundschau) gewandt; ich erinnere mich an die Namen Pál Sándor, Doktor Schönhertz sowie an den des Soziologen und Schriftstellers József Magyar, die uns dann tatsächlich unterstützten, unter der Bedingung, daß die Zeitschrift von uns beiden niedergeschrieben würde. Auch heute noch begreife ich kaum, warum diese Leute mir, dem Schriftstellerlehrling und angehenden Literaturlehrer, mehr Vertrauen geschenkt hatten, als Attila József, den ich bereits damals als Meister betrachtete. Hatten sie vielleicht, mit gutem Instinkt, in Attila den zukünftigen Abtrünnigen gesehen, der sich in keinen Parteikäfig stecken ließ? Der Skandal brach bereits vor dem Erscheinen der ersten Nummer aus, als ich die Materialien, darunter Attila Józsefs Leitartikel „Egyéniség és Valóság“ („Individuum und Wirklichkeit“), Pál Sándor präsentierte. Er hatte nämlich diese im Jargon von Hegel verfaßte Schrift einfach als unverständlich abqualifiziert. Ich gebe zu, ich begriff sie auch nicht ganz, obwohl mir Attila einige Nächte lang auseinandersetzte, was er zu sagen beabsichtigte. Vermutlich wollte er die Parteieminenzen durch sein philosophisches Wissen verblüffen. Was die intellektuellen Hauptkontrolleure am meisten gestört haben dürfte, war die Art und Weise, wie er die hegelsche Dialektik mit der im freudschen Sinne verstandenen Sexualität vermengte. Er schrieb zum Beispiel:

Der Koitus aber, wie er von der Psychoanalyse richtig ausgelegt wird, ist ein sozialer Akt, eine gesellschaftliche Tätigkeit …

Pál Sándor und sein Kreis sahen im Artikel wohl die Karikatur ihres eigenen Stils, waren sie doch als gute Kommunisten noch dazu einigermaßen prüde… Es bedurfte eines langen Zuredens, bis ich ihnen begreiflich machte, daß Attila József ein großer Dichter sei und daß man seine Schriften, ob man mit ihnen einverstanden sei oder nicht, auf keinen Fall zensieren könne. Der Artikel erschien dann in der Tat, konnte aber nur von den wenigsten gelesen werden, weil ich gleich am Tag des Erscheinens verhaftet wurde und alle in meiner Wohnung befindlichen Exemplare, einige hundert, der Beschlagnahmung zum Opfer fielen.
Während ich ein Jahr lang eingekerkert war, von Juni 1932 bis Juni 1933, besuchte mich Attila József jeden Sonntag im Sammelgefängnis, und anläßlich eines seiner Besuche im Januar berichtete er mir aufgeregt, daß die Deutsche Kommunistische Partei bei der Vertreibung der sozialdemokratischen Regierung mit den Nazis in Berlin zusammengewirkt habe. Diese Aufregung veranlaßte ihn dann, jenen Artikel zu verfassen, der in der kommunistischen Zeitung Új harcos (Neuer Kämpfer) erschien und nach heftigen Diskussionen dazu führte, daß er aus der KP ausgeschlossen wurde. Attila József hatte eigentlich sich selber aus der Partei ausgeschlossen, als er nach Hitlers Machtergreifung den Artikel veröffentlichte, in dem er ein Urteil „über die in ihrem eigenen Marxismus ertrunkenen Berufsrevolutionäre“ fällte.
Nicht viel später wurde sogar Attila József zum „Sozialfaschisten“ gestempelt, so wie auch ich, der ich mich nach meiner Freilassung mit Attila solidarisierte. Auf diese Weise und zu diesem Zeitpunkt wurden wir beide, revolutionäre Intellektuelle, überzeugte Sozialdemokraten. Nachdem ich im Dezember 1933 Rózsa Hilmayer geheiratet hatte, verzehrten wir das Abendessen äußerst gutgelaunt zu viert in der Wohnung meiner Schwiegermutter in der Pipa Straße. Da es zu spät war, mit der Straßenbahn in den Außenbezirk von Budapest zurückzukehren, hatten Attila und Judit diese besondere Nacht bei uns auf einer Matratze verbracht. Mitte 1934 wurden wir Nachbarn. Attila József hatte mich mit dem Chefredakteur der Zeitungen Népszava (Volksstimme) und Szocializmus (Sozialismus), Illés Mónus, dem herausragenden Arbeiterführer, bekanntgemacht, der im Herbst 1944 von ungarischen Nazis erschossen und in die Donau geworfen wurde. Im Artikel „A szocializmus bölcselete“ („Philosophie des Sozialismus“), geschrieben auf Ersuchen von Illes Mónus im November 1934, formuliert Attila nicht mehr im hegel-marxschen Jargon, sondern stellt deutlich fest:

Der Bewußtseinsprozeß der Arbeiterschaft kann durch keinerlei Terror übersprungen werden…

Damals hatten wir uns täglich gesehen. Im Dezember 1934 erschien Attila Józsefs Band Medvetánc (Bärentanz), und bei der Zusammenstellung der Gedichte hatte ich auch in gewisser Hinsicht Ammendienste geleistet. Ich bin heute noch stolz darauf, daß ich bei der Gestaltung eines der wunderbarsten Gedichte im Band, beim Entstehen von „Eszmelet“ („Hellsinn“) dabei sein durfte. Attila zeigte mir zunächst drei Strophen davon, worauf ich ihm sagte:

Es ist sehr schön, aber reicht irgendwie nicht. Um einige Strophen ergänzt, könnte ein prächtiger Zyklus daraus entstehen.

Er akzeptierte meinen Ratschlag. Und weil ich mich nicht schäme, mit diesem „geschichtlichen“ Verdienst zu prahlen, will ich hinzufügen, daß die Nachwelt mir noch die Entstehung von zwei anderen, ebenso bedeutenden Gedichten zu verdanken hat. Das geschah bereits in der Zeitspanne, in der wir mit unserem Freund Pál Ignotus zu dritt die 1935 gegründete Zeitschrift Szép Szó (Schönes Wort) redigierten, die zwar eine wichtige Rolle im literarischen Leben der Vorkriegszeit spielte, jedoch nicht mehr als tausend Abonnenten gehabt hatte. Die Zusammenstellung und Redaktion von zwei Doppelnummern, beide für die jährlich stattfindende Buchwoche geplant, wurden mir anvertraut, und ich nahm den Auftrag unter der Bedingung an, daß der Leitartikel für beide Nummern – 1936 mit dem Titel „Mai magyarok régi magyarokról“ („Ungarn von heute über Ungarn von gestern“) und 1937 „Mi a magyar most“ („Was heißt Ungartum heute“) – von Attila József in Gedichtform verfaßt werde. In der ersten Nummer erschien das Gedicht „A Dunánál“ („An der Donau“, in der zweiten jenes „Hazám“ („Vaterland“), beides wunderbar ausgereifte Texte. Ich füge hinzu: Attila schrieb gerne auf Bestellung. So verfaßte er für die Nyolc órai újság (Nachrichten um acht Uhr) sein ebenfalls oft rezitiertes, erschütterndes politisches Gedicht „Levegőt!“ („Mehr Luft!“) auf Ersuchen unseres gemeinsamen Freundes András Hevesi. Die Geschichte verdient vielleicht, erzählt zu werden. An einem frühen Nachmittag saßen wir in unserem Stammcafé Japan, als Hevesi, der Hauptmitarbeiter der Zeitung, mit gestücktem Atem hereinstürzte und sagte, er suche Attila, er solle ihn aus dem Schlamassel ziehen. Hevesi war nämlich beauftragt worden, einen Leitartikel für die nächste Ausgabe zu schreiben über die allgemeine Stimmung, daß wir mangels Freiheit in diesem Land fast ertrinken würden. Er setzte, sagte er, ein paar Mal an, es kam aber keine Anregung, und so entstand der Gedanke, Attila um Hilfe zu bitten. Der Dichter nippte rasch an seiner Tasse und fragte: „Wieviel zahlt ihr denn?“ Hevesi unterbreitete ein ziemlich vertretbares Angebot. „50 Pengő“, sagte er, „aber nur dir zuliebe, da du der bist, der du bist.“ „Für wann brauchst du das Gedicht?“ fragte er. „Wenn möglich, noch heute, um acht Uhr.“ Wir blickten auf die Uhr an der Wand, es war drei. So entstand, genau für den bestimmten Zeitpunkt, dieses unvorstellbar schöne und erschütternde Gedicht.
Von einem anderen Ereignis aus Attila Józsefs Leben möchte ich auch berichten, bei dem ich eine Rolle spielte, auf die ich nicht stolz sein kann. Ich mochte Attilas Lebensgefährtin, Frau Judit, entschieden nicht. Sie war zu kalt und abweisend, obwohl Attila, so meine ich, in erster Linie Zartheit gebraucht hätte, worüber er selber ab und zu klagte. Für die Februarnummer 1935 der Klausenburger Zeitschrift Korunk (Unser Zeitalter) schrieb ich unter dem Pseudonym Ernő Fülöp eine längere Studie über Attila Józsefs letzten Band, in dem ich die Liebesgedichte von ihm so charakterisierte:

In Józsefs Liebesgedichten steckt etwas Unabgeschlossenes. Aber in der „Óda“ („Ode“) schlägt er einen anderen Ton an, aber nur ein einziges Mal, obwohl ich öfter dieses tiefe Tönen hören möchte.

Attila und Judit waren bei uns zum Abendessen eingeladen, und als ich zu dieser Stelle kam, blickte ich zu Judit, deren Gesicht plötzlich erstarrte. Es war eine bedenkliche Bemerkung von mir, da ich von der Krise der Beziehung wußte, die gerade durch die „Ode“ ausgelöst worden war. Nach dem Abend, entsinne ich mich, trafen wir uns nicht mehr mit Judit. Attila verließ sie.
Ich könnte noch lange von der in einer außerordentlich freundschaftlichen Atmosphäre redigierten Zeitschrift reden, sowie von Attila Józsefs polemischem Verhältnis zu Pál Ignotus und dem Orientalisten Bertalan Hatvany, der sowohl Attila als auch die Zeitschrift materiell unterstützte (im Bund mit dem Verfassungsrechtler Zoltán Gaspar und dem Ökonomen und Philosophen Géza K. Havas). Wir haben den Kampf gemeinsam ausgefochten, den man litaraturgeschichtlich den Konflikt zwischen „Volkstümlern und Urbanen“ nennt und dessen Hauptgegenstand und Erkennungszeichen aus folgendem bestand: Szép Szó übte heftige Kritik sowohl am Kommunismus als auch am Nationalsozialismus und verstand sich eindeutig links und demokratisch, während das Organ der Volkstümler, Válasz (Antwort), diese Ausdrücke nicht verwendete und bereit war, sogar mit der regierenden Elite zusammenzuarbeiten, um das Hauptziel, eine wirksame Bodenreform, zu erzwingen. Diese Möglichkeit hatten wir für unvorstellbar gehalten. Bereits zu jener Zeit, aber dann stärker noch nach dem Krieg, dachten viele, daß Attila József durch den beherrschenden Einfluß der Linksliberalen auf unsere Gruppe von den Volkstümlern getrennt werde (deren Nachfahren nennen sich heutzutage Populisten). Darauf kann ich nur sagen: Wer Józsefs poetische Werke und Prosaarbeiten aufmerksam liest, kann sich davon überzeugen, daß er sowohl den Populismus als auch den Stalinismus (den Attila in einer seiner Stanzen „faschistischen Kommunismus“ genannt hatte) aufs heftigste ablehnte.
Als ich über André Gides Buch Rückkehr aus Rußland eine Studie verfaßte – ihrem Übersetzer Tibor Déry trug sie wegen Verbreitung kommunistischer Propaganda irrtümlich eine Haftstrafe ein –, war es gerade Attila József, der (im Gegensatz zum gemäßigteren Antikommunisten Pál Ignotus) meine leidenschaftliche Schrift zum Zeichen seines Einverständnisses als Leitartikel hatte erscheinen lassen, obwohl das nicht meine Absicht war. Außerdem hatte er selber in mehreren Artikeln seine Einwände gegen die Volkstümler-Ideologien zum Ausdruck gebracht, die lieber mit der engagiert kommunistischen Intelligenz geflirtet hatten, als daß sie Solidarität mit der demokratischen Opposition gezeigt hätten (und deren Beschimpfung als „verjudet“ sie selbst in den dreißiger Jahren initiierten).
„Wer zum Dudler werden will, in die Hölle muß er hin“ – dieses aus der Folklore stammende Gedicht wählte Attila József als Motto für seinen Auswahlband Bärentanz. Er hatte tatsächlich die Hölle der Schizophrenie kennengelernt, und zwar bewußt, und man könnte behaupten, er schöpfte bis zum letzten Augenblick Dichtung aus seinen Schmerzen. Als er bereits zutiefst vom Wahn gesteuert wurde, rief er mich an einem Vormittag in der Wörterbuch-Redaktion an: „Ich schrieb ein Gedicht“, murmelte er, „möchte es dir vorlesen.“ „Attila“, bat ich ihn, „du weißt, ich mag Gedichte zuerst lesen und erst dann hören. Bitte, bring es im Büro vorbei.“ „Nein, nein, ich will es sofort“, sagte er. „Ich will wissen, was du darüber denkst.“ Und er fing unvermittelt an, das Gedicht „Nagyon fáj“ („Es schmerzt mich“) in den Hörer zu flüstern. Ich glaube, nicht zu irren, wenn ich sage, daß es eines der schmerzhaftesten und gleichzeitig wunderbarsten Gedichte der Weltliteratur ist. Als er es zu Ende gelesen hatte, bat ich ihn, es mir noch einmal vorzulesen. „Na, wie ist es? Gefällt es dir?“ forderte er eine Antwort heraus. „Wie kannst du so was fragen?“ erwiderte ich. „Furchtbar, was du da geschrieben hast. Furchtbar, daß du es erlebt, überlebt hast.“ Und fügte noch hinzu: „Als Gedicht ist es über alle Maßen wunderbar.“
Zu solchen Ausbrüchen war er bis zum letzten Augenblick fähig. Am erschütterndsten sind seine Gedichte über das höllische Elend sowie über seine Hinwendung zu einem vorerst stark geleugneten Gott, der sich seiner erbarmen solle.
Er glaubte, er wollte in seinen letzten Monaten glauben, daß er durch Flóras Liebe, der er sich fast todessehnsüchtig hingab, gerettet werden könne. Es ist eine tragische Ironie der Geschichte, daß er, als er seine großartigen Liebesgedichte an Flóra verschickte, noch nichts davon wußte: Sie war seit einiger Zeit in seinen besten Freund – in der Dichtung sein Rivale – Gyula Illyés verliebt. Von der Klinik, wo ich ihn noch gelegentlich besuchte, wurde er von Jolan, der älteren Schwester, in eine Pension am Balaton gebracht. Dort sah ich ihn zum letzten Mal. Sein Bild kehrt in meinen Träumen auch heute noch wieder. Er steht vor dem Haus, nimmt Abschied von den Freunden, die sich ins zur Abfahrt bereite Auto setzen, den Kopf gesenkt. Als wenn er sich dem Schicksal fügen würde.
Nach einer Woche, in einer Dezembernacht, rief mich Pál Ignotus an. „Er ist tot“, sagte er. Ich nahm schnell meinen Mantel, lief auf den Boulevard hinunter, um Luft zu holen. Sein Hinscheiden war vorhersehbar, hatte mich aber getroffen wie ein Blitzschlag. Ich blickte auf das dem Nationaltheater gegenüberstehende Zinshaus, auf dessen Dachspitze ein Leuchtrohr allnächtlich die Nachrichten einer Abendzeitung verbreitete, und las:

József Attila, Dichter, beging Selbstmord.

Der diensthabende Nachrichtenredakteur wußte gar nicht, daß der Dichter, der sich vor den Güterzug geworfen hatte, Attila József hieß, wußte also auch nicht, daß er den Tod eines der größten Künstler der ungarischen Literatur angekündigt hatte. Nur wenigen war dies bewußt, zum Beispiel Sándor Márai. Ich begleitete ihn, äußerst niedergeschlagen, zum Friedhof von Balatonszárszó, aus dem Józsefs sterbliche Überreste nach Budapest in den Kerepesi-Friedhof übergeführt wurden. Folgendes schrieb er:

Er bezahlte einen furchtbar hohen Preis für die Größe, blieb aber in nichts schuldig. Mich tröstet nun kaum was anderes, als daß ich ihm sagen konnte: Ich schätze ihn hoch.

Es war eine im warmen Ton gehaltene Abschiedsrede aus dem Mund des großen Zeitgenossen, der sich in seinem vornehm einsamen Leben ferngehalten hatte von Attila József, dem Sohn der Wäscherin und des Proletariervaters.
Die Hochschätzung Sándor Márais beschwört eine andere Szene herauf. Attila József kam gerade von Bela Bartók in die Redaktion, er hatte den großen Komponisten gebeten, einen Artikel zu verfassen. Sein Gesicht strahlte, ich sah es noch nie so hell leuchten. „Was ist mit dir, Attila?“ fragte ich. „Worüber freust du dich so sehr?“ – „Stell dir vor, was mir Bartók gesagt hat. Daß ich in der ungarischen Literatur das bin, was er in der ungarischen Musik ist.“ Er freute sich so über dieses Lob wie ein Kind über die elektrische Eisenbahn zu Weihnachten.
Abschließend möchte ich noch ein Bild lebendig werden lassen, das nicht vom leidenden und auf dem Wege der Katharsis taumelnden Attila József zeugt, sondern vom kindlichen, gutgelaunten, lebensfrohen Menschen. Wir hatten uns zu seinem Geburtstag im Café Central versammelt. Keiner von uns ahnte, daß es der letzte werden sollte. Attila kam mit mehr als einer Stunde Verspätung, wir warteten auf ihn immer ungeduldiger mit dem Geschenk, einer goldenen Feder, in der Hand. Plötzlich stürmte er herein, heftig keuchend: „Ich habe euch eine Überraschung mitgebracht“, sagte er verschmitzt lächelnd, wobei er einen zerknitterten Zettel aus der Tasche hervorkramte und anfing, eines seiner lieblichsten Gedichte vorzutragen.

Dreißig und zwei sind nun vorbei,
sei dies als Überraschungsei
gedacht…

Nicht einmal die Spur einer Sorge betrübte sein Gesicht.
Seinen 33 Geburtstag erlebte er nicht mehr. Aber er hat uns ein gewaltiges und reiches Lebenswerk hinterlassen und seine Prophezeiung ging post mortem in Erfüllung: Er lehrt sein ganzes Volk, und zwar nicht auf mittelschulische Art. Das heißt: im Geist.

Ferenc Fetjő, Vorwort
Aus dem Ungarischen von Daniel Muth

Attila József in der Zeit

Versuch einer Gewichtung
Die Hauptleistung der europäischen Lyrik zwischen Baudelaire und Paul Celan bestand darin, die doktrinäre Unterscheidung des 19. Jahrhunderts zwischen Inhalt und Form, „Tradition und Erfindergeist“ (Apollinaire), aufzulösen. Während sich in der westlichen Hemisphäre dieser Prozeß durch eine lange Vorgeschichte (die Sonette Petrarcas, Ronsards und Shakespeares, der spöttische Sentimentalismus von Heine usw.) organisch gestaltete, wurde er in den meisten Literaturen Ostmitteleuropas durch zwei Faktoren erschwert.
Einerseits bildeten die Literaten in diesen zumeist rückständigen Gesellschaften eine soziale und politische Kraft, welche die im Westen bereits entstehende zivile Gesellschaft ersetzen sollte. Sie dienten als Träger fortschrittlicher Ideen und Akteure der Selbstbefreiung ihres Landes, und zwar unabhängig davon, inwieweit dieses Bedürfnis überhaupt vorhanden war. Dichter schrieben Nationalhymnen, Revolutionslieder und künstliche Epen, fielen in Duellen, wie die Russen Puschkin und Lermontow, oder in Freiheitskriegen, wie der Ungar Petőfi oder der Bulgare Botew.
Andererseits fand die literarische Bewegung, je weiter man nach Osten vordrang, mehr Sprache und Stil in einem antiquierten Zustand, der die Ausdrucksmöglichkeiten der Poeten stark begrenzt hatte, selbst wenn sie der Erneuerung durch ihren persönlichen Einsatz beitrugen. So begann die ungarische Moderne um Endre Ady (1877–1919) mit dem Aufsprengen der sprachlichen Strukturen der nationalen Romantik, was ebenso radikal wirkte, wie die Aufnahme der offenen Erotik in die legitimen Inhalte der Lyrik. Eine zusätzliche Aufgabe bestand darin, für diese Innovation, die auf einen erbitterten Widerstand der akademischen Literatur stieß, ein entsprechendes bürgerliches Publikum zu gewinnen.
Attila József (1905–1937) schuf bereits in einem zeitgemäßen und europäischen künstlerischen Milieu, und sein Werk ist demjenigen seiner westlichen Kollegen ebenbürtig. Seine emotionale Ausstrahlung, die Stärke seiner Bilder, die Reimfertigkeit und Melodie, seine gesamte technische Formenvielfalt (die von der finnischen Kalevala über ungarische Volksliedkunst und klassische Sonette bis zu surrealistischen Experimenten André Bretonscher Prägung reichte) sichern ihm einen Stellenwert vergleichbar mit dem von Rilke, Brecht, Kavafis, Lorca, Jessenin, Pasternak und anderen großen Lyrikern der neueren Zeit.
Leider gestaltete sich seine ausländische Rezeption keineswegs seinem dichterischen Rang entsprechend. Was die Aufnahme in Deutschland anbelangt, hängt dieser Handicap zuerst mit der Tatsache zusammen, daß die meisten Ausgaben aufgrund von Interlinearübersetzungen in der DDR oder Ungarn nachgedichtet wurden, und diese Stütze erwies sich selbst bei Arbeiten von so hervorragenden Vermittlern wie Franz Fühmann, Peter Hacks oder Ernst Jandl als ungeeignet, wichtige Schichten der Józsefschen Welt zu erfassen. Zweitens war die sehr lange vereinfachende Interpretation in Ungarn selbst schuld daran, ihm sozusagen die Vollmitgliedschaft im „Klub der toten Dichter“ zu verweigern. Es bleibt nur zu hoffen, daß mit Hilfe der neuen Übersetzung von Daniel Muth, welche sich an den Originaltext lehnt, dieser Akt beschleunigt wird.

Dekonstruktion eines Denkmals
Ich stehe keineswegs in der Tradition der Bildzerstörung, wie sie für den nachträglichen Antikommunismus in Ungarn typisch ist, wenn ich im folgenden am Bild des „proletarischen Dichters“ Attila József rütteln werde, wohlwissend, daß im engen Sinne beide Wörter berechtigt sind. Den Sohn des Seifensieders Áron József und der Wäscherin Borbála Pőcze kann man nach den sozialen Kriterien seiner Geburtszeit schwerlich einer anderen Klasse zuordnen als derjenigen, die Marx seinerzeit als die „am meisten arbeitende und leidende“ Volksgruppe bezeichnet hatte. Zudem verstand sich der Dichter selbst als „Sohn der Straße und der Erde“, er bekannte sich zum Sozialismus, wollte den Roten Stern an die Fassade der „dunklen Fabrik“ anheften (was heutzutage in unserer demokratischen Republik eindeutig eine strafbare Handlung wäre), und nicht zuletzt ließ er als erster in einem agitatorischen Gedicht „den Sowjet, den Arbeiterrat“ hochleben. Trotz seiner zahlreichen Konflikte mit der in Ungarn damals verbotenen KP gab er seine marxistische Weltanschauung niemals auf, und sein Herz schlug links bis zu seinem selbstgewählten Tode durch einen Güterzug in Balatonszárszó.
Seine Qualität als Dichter bezweifelten selbst seine persönlichen oder politischen Gegner niemals. Vielmehr versuchten sie, ihn, den bereits Toten, vor ihre Karre zu spannen, und schmückten sich mit seinem Dornenkranz wie die Spanier mit demjenigen von Garcia Lorca. Die kommunistische Kulturpolitik rühmte ihn besonders in den fünfziger Jahren als den „ungarischen Majakowskij“, ließ ihm Statuen errichten, benannte nach ihm Straßen, Kulturhäuser und ganze Neusiedlungen – Wohnsilos, an denen er womöglich wenig Freude gehabt hätte. Posthum wurde ihm 1948 (zusammen mit dem Komponisten Béla Bartók und dem Maler Gyula Derkovits) der höchste Staatspreis verliehen, ein anderer trägt bis heute seinen Namen, wobei Teile seines Lebenswerks aufgrund „politisch inkorrekter“ Texte bis 1990 unveröffentlicht blieben.
Und doch gehört er bis heute in Ungarn zu den meistzitierten Lyrikern, seine Gedichtzeilen passen zu allen Lebenslagen, ersetzen Liebeserklärungen, strahlen eine brauchbare Lebensphilosophie aus, wirken tief und allgemeinverständlich und suggerieren gültige moralische Verhaltensmuster. Er überlebte jeden akademischen Kanon, sowohl den ihm angekreideten „sozialistischen Realismus“ als auch die Postmoderne, und selbst die den ungarischen Diskurs ebenso verhängnisvoll wie unproduktiv bestimmende Debatte zwischen den „Urbanen“ und den „Volkstümlern“ ging an seiner Poesie völlig vorbei.
Diese privilegierte Situation verdankt er bis heute seinem einzigartigen lyrischen Ich. Er gehört zu den ganz wenigen literarischen Gestalten – als Beispiel könnte ich vielleicht noch den von ihm heißgeliebten und übersetzten François Villon nennen –, die zwischen sich selbst und dem Leser eine ungezwungene, offene Nähe herstellen, frei von falscher Anbiederung. Die meisten Klassiker stilisieren ihre poetische Gestalt mittels Verfremdung so hoch, daß man sie nur noch respektvoll siezen kann. Niemandem wäre eingefallen, den Geheimrat Goethe einfach Johann oder – Gott behüte! – Hans zu nennen, selbst der phänomenale Heinrich Heine hieß nur im engen Freundeskreis Harry, während József selbst von seinen späteren Nachfahren häufig mit Attila angesprochen wurde – mit diesem Vornamen wollten die proletarischen Eltern übrigens des Hunnenführers gedenken, den die Ungarn als ihren Ahnen betrachten. Die Du-Form ist darauf zurückzuführen, daß der Dichter in seinem lyrischen Selbstgespräch häufig die zweite Person Singular anwendete, als wäre er nicht bloß Subjekt, sondern auch Objekt der eigenen Verse.
So weichen die Statuen mit dem stolzen Blick und die sorgfältig retuschierten „selbstbewußten“ Fotos mal dem spielerisch kindlichen, mal dem gequälten Gesicht des „Genies des Schmerzes“ (so nannte ihn der Publizist György Bálint), und wenn man sich in seine Züge vertieft, verwandelt sich sein Antlitz in einen Spiegel für Freud und Leid eines jeden, für den das 20. Jahrhundert zum persönlichen Erlebnis wurde.

Die Zeit
Der von der Entente (vor allem von Frankreich und Großbritannien) aufgezwungene und vom ungarischen Parlament am 4. Juni 1920 ratifizierte Friedensvertrag von Trianon bedeutete einen enormen Schock für die ungarische Gesellschaft. Das Land war verpflichtet, 60 Prozent seines Vorkriegsgebiets den Nachfolgestaaten zu überlassen, wodurch 30 Prozent seiner ehemaligen Einwohner nun außerhalb der Landesgrenzen lebten. Hinzu kamen noch die Reparationen, die in keiner Weise der ökonomischen Leistungsfähigkeit Ungarns entsprachen. Der auf dieser Art entstandene Kleinstaat wurde von den Zeitgenossen im Unterschied zum St. Stephans Reich (dem mittelalterlichen ungarischen Königtum) mit bitterer Ironie als „Rumpfungarn“ bezeichnet. Selbst das System erwies sich als ein Rumpfwerk mit allen feudalen Relikten des Vorkriegsregimes von Stephan Graf Tisza, aber ohne dessen großzügigen Liberalismus. Die Folge waren ein Parlament ohne freie und geheime Wahlen, eine Pressefreiheit mit vorbeugender Zensur, ein Künstlerelend mit Suppenküchen, undurchsichtige, handgreifliche Willkür von Gutsverwaltern im Dorf (siehe auch Gyula Illyés, Die Puszta), Korruption auf allen Ebenen (siehe Zsigmond Móricz, Verwandte), körperliche Züchtigung in der Armee und der militarisierten Jugenderziehung und nicht zuletzt ein in den Rang der offiziellen Politik erhobener Antisemitismus.
Trotzdem ging die spätere pauschale Verdammung der gesamten Ära als „Horthy-Faschismus“ durch die Kommunisten nicht nur an den verschiedenen Phasen dieses Vierteljahrhunderts vorbei, sondern ließ auch die Vielfalt des geistigen Widerstandes gegenüber der staatlichen und kirchlichen Autorität sowie die Leistungen der Kultur außer acht. Vielmehr machte sie Kommunisten – von denen viele tatsächlich großen persönlichen Mut demonstrierten – zum alleinigen Gegenpol des Systems. Entsprechend verzerrt war das Bild von Attila József als unerschrockenem Verfechter aller Ausgebeuteten und Unterdrückten.

Mythen und Lücken einer Kanonisierung
Meine Generation wurde nicht mehr mit jenem „Mann aus Marmor“ konfrontiert, wie ein „proletarischer Dichter“ der beginnenden Volksdemokratie zu sein hatte. Parallel zum erhöhten Legitimationsbedürfnis des Systems gewannen nach der Niederwerfung des Volksaufstands 1956 allmählich die Gedichte, Essays und Briefe von Attila József an Gewicht. János Kádár rühmte sich der persönlichen Freundschaft des Dichters in der Illegalität. Die Publikation und differenzierte Kommentierung seiner Werke gehörte zur neuen Staatsräson. Trotzdem mangelte es nicht an offenen Fragen und Geheimnissen. Diese betrafen vor allem Probleme wie den Ausschluß des Dichters aus der illegalen KP Ungarns, die Rezeption seiner Texte in der Sowjetunion, seine praktische und theoretische Beziehung zur Freudschen Lehre und zur Psychoanalyse, seinen Konflikt mit der bürgerlichen und volkstümlichen Literatur und speziell mit Mihály Babits (1883–1941), seine mißlungenen Liebesbeziehungen und schließlich den Verlauf seiner seelischen Krankheit, die im Freitod mündete.
Teile dieser Schwierigkeiten blieben lange Zeit ausgeblendet. Die organisatorische Entfernung aus der KPU galt jahrzehntelang als unbewiesen, obwohl Erklärungen für die Ausschaltung des Dichters aus der praktischen Arbeit in der Literatur ebenso auftauchten wie Erörterungen seiner von der „Generallinie“ abweichenden Ansichten. 1957 wurde ein zum 20. Todestag veröffentlichtes Gedenkbuch sogar aus dem Verkehr gezogen, weil dort einige alte „Illegale“ für die Partei wenig schmeichelhafte Einzelheiten lüften wollten.

In bezug auf die Sowjetunion stellte sich vor allem die Frage, warum Attila József im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen Gyula Illyés und Lajos Nagy 1934 nicht zum ersten Kongreß der sowjetischen Schriftsteller in Moskau eingeladen wurde. Sein von vielen Zeitgenossen gelesenes Manuskript „Warum nicht ich?“, das sich damit auseinandersetzt, ging unter mysteriösen Umständen verloren. Trotzdem lagen manche Gründe für die Boykottierung des bedeutendsten sozialistischen Lyrikers auf der Hand. Die Moskauer Exilgruppe ungarischer Literaten listete ihn in einer „Plattform der proletarischen Literatur“ verleumderisch unter den Autoren auf, die „ihren Ausweg im Lager des Faschismus suchen“.
Eine der Erklärungen für die Distanz der kleinen, zum Sektierertum neigenden KPU zu ihrem Dichter war dessen lebenslange Vorliebe für Sigmund Freud. Praktisch argumentierte man damit, daß die Pflicht, dem Analytiker „alles“ zu erzählen, die Geheimhaltung der verdeckten Tätigkeit gefährde. Dies mochte auch stimmen, obwohl die chronisch konspirative Krise der Genossen (höchstens 5.000 Kader) davon zeugte, daß diese Vorsicht leicht übertrieben war. Auf der „Couch“ der Horthy-Polizei verfügte man über ganz andere Mittel als in der Wiener Bergstraße. Folter und Prügel waren an der Tagesordnung.
Auf theoretischer Ebene löste Attila Józsefs Essay „Hegel, Marx, Freud“ einen Eklat aus, in dem er versuchte, seine Doppelbindung an das proletarische Bewußtsein und an das Freudsche Unbewußte zu begründen. Der Zeitschrift, in der die genannte Publikation erschien, wurde sehr bald der Hahn der Parteiförderung zugedreht. Außerdem schrieben weniger begabte kommunistische Autoren wütende Artikel und Spottgedichte gegen den Dichter, dessen Verse gleichzeitig von der staatlichen Zensur mal einzeln, mal als ganze Bände beschlagnahmt wurden.

Viel glücklicher gestaltete sich Józsefs Verhältnis auch nicht zur etablierten bürgerlichen Literatur. Trotz seiner frühen Entdeckung durch die renommierte Zeitschrift Nyugat (Westen) erhielt er in diesem Kreis nicht annähernd jene Anerkennung, die zweitrangigen Autoren nach einer Weile beinahe automatisch zuteil wurde. Vor allem handelte es sich dabei um den privaten, aber sehr prestigehaften Baumgarten-Preis, dessen Hauptkurator Babits war. Der Dichterfürst arbeitete nach dem Fiasko der Revolutionen 1918/19 zunehmend an einer humanistisch geprägten, akademisch gewordenen „literarischen Konzentration“, mit der er sowohl die damals politisch radikal werdenden „Volkstümler“ als auch Lajos Kassáks Avantgarde zu zähmen suchte. Dabei gab es keinen jungen Lyriker, der diese Entwicklungsphase, und sei es als Kinderkrankheit, hätte vermeiden können.
Infolge des ursprünglichen Generationskonflikts spaltete sich die literarische Szene in beinahe undurchsichtige Gruppen. Die meisten Rezensionen über József im noblen Journal Nyugat fielen bestenfalls wohlwollend aus. Offenbar waren die Kritiker nicht nur von seinem Klassenstandpunkt, sondern auch von der ungewöhnlich populären und melodischen Sprache irritiert. Zu den volksnahen „Populisten“, mit denen er durch zahlreiche Themen geistig verwandt war, ging er vor allem auf Distanz, weil sie zeitweilig mit dem Reformprogramm des faschistoiden Premiers Gyula Gömbös (1935) kokettierten.
Attila József trug selbst zum Konflikt mit Babits durch ein aggressives und ungerechtes Pamphlet bei (1929), in dem er die künstlerischen Qualitäten des letzteren strikt in Frage stellte. „Inhalt und Form meiden einander bei Babits wie zwei Vatermörder, die miteinander Sherlock Holmes verdächtigen“, lautete die kecke Aussage, die er später bitter bereute. Hinter dem provokanten Ton steckte die Ansicht eines beinahe banalen Vatermords – ein fester Bestandteil seiner Krankheit wie auch Grundlage seiner an dem Freudschen Begriffskreis orientierten „zweiten Weltanschauung“.

Einerseits litt er nach der heutigen Diagnostik an Schizophrenie, unternahm seit seiner Pubertät mehrere Selbstmordversuche und war trotz allen Bemühungen der Ärzte und Psychologen unheilbar. Andererseits schöpfte er als Lyriker erstaunlich viel aus diesem bewußt erlebten Zustand. Sein Freund, der gebürtige Ungar Arthur Koestler, hatte seine diesbezüglichen Werke mit Recht „Freudsche Volkslieder“ genannt. Für die Analytikerin Edit Gyömrői schrieb er sogar ein „Verzeichnis freier Einfälle in zwei Sitzungen“ (1936) nieder, das sehr lange im Safe des Budapester Literarischen Museums als geheime Verschlußsache aufbewahrt wurde und erst 1987 das Tageslicht erblickte. Dieses Dokument zeigt jedoch nicht einfach eine morbide Persönlichkeit, sondern auch einen Autor, der versucht, der obszönen und ordinären Sprache der späten Pubertät eine ästhetische Form zu verleihen.
Obwohl seelische Krankheiten keineswegs direkt aus der Biographie abzuleiten sind, war József offensichtlich für die Neurose geradezu prädestiniert. Als er Kleinkind war, verließ der Vater die Familie; man wähnte ihn in Amerika, aber in Wirklichkeit zog er nach Rumänien. Die kranke Mutter schickte Attila in die Provinz zu Zieheltern, wo er sogar seinen Namen ändern mußte. Später, nach dem Tode seiner Mutter (1919), besuchte er das Gymnasium in Makó mit Hilfe des Mannes seiner Schwester Jolán und wohnte im dortigen Internat. Kurz nach Erscheinen seines ersten Gedichtbandes, als er bereits Student an der Universität in Szeged war, schrieb er das berühmte Gedicht „Reinen Herzens“ und wurde deswegen vor Gericht gestellt und relegiert. Alle seine späteren Versuche, sich ein Diplom zu verschaffen (in Wien und Paris), scheiterten an der Armut und vielleicht an der damals schon einsetzenden Krankheit.
Und doch: Unter allen Schicksalsschlägen erwies sich der Verlust der Familie als der eigentlich schmerzhafteste. Seine Gedichte „Mutter“ (1931), „Mama“ (1934) und „Späte Klage“ (1935) variieren dasselbe Gefühl der untröstlichen Trauer. Kein geringerer als der italienische Philosoph Benedetto Croce, der 1942 in der Zeitschrift Critica eine Auswahl von Józsefs Gedichten veröffentlichte, wußte diese Gestalt als Symbol zu schätzen:

Wir alle sehen und fühlen diese Mutter als groß; denn groß, unendlich und erhaben ist jene moralische Kraft, die volle Hingabe und entschlossene Opferbereitschaft ausstrahlt.

Józsefs Unfähigkeit, sich der „normalen“, erwachsenen Gesellschaft anzupassen, wurzelt in seiner Armut und entbehrungsreichen Kindheit.

Der Sozialist
Das von Croce am meisten geschätzte Muttergedicht befindet sich im von der Staatsanwaltschaft konfiszierten Band Hau den Stamm um (wobei das ungarische Wort für Stamm auch Kapital bedeutet). In der Umgebung von programmatischen Poemen wird hier der persönliche, biographische Hintergrund seines Engagements sichtbar:

War Mutter, winzig klein. Sie starb früh,
denn früh sterben die Wäscherinnen,
vom Schleppen zittern ihre Beine,
Kopfschmerzen kriegen sie vom Bügeln – –

Ich seh, sie stockt erstarrt im Bügeln.
Das Kapital brach sie, zerbrechlich
war ihr Wuchs. Immer schmäler, schmäler –
Ihr Proletarier, bedenkt das – –

In den Jahren der Weltwirtschaftskrise, als selbst die gedemütigte Budapester Arbeiterschaft mit 100.000 Demonstranten gegen das Elend protestierte, gehörte Attila József bereits der illegalen KPU an – eine Art Ersatz für die Familie –, hielt Seminare für Arbeiter, studierte sozialistische Literatur in deutscher Sprache, schrieb Gedichte für Sprechchöre („Menge“, 1930), im griechischen Metrum gehaltene Scherze für streikende Schuhfabrikarbeiter („Dialog“, 1931), verfaßte in Villons Versform Bekundungen für verhaftete Genossen („Aufgeflogen“, 1930), und gereimte Manifeste für organisierte Arbeiter („Sozialisten“, 1931). Diese Jahre der großen Hoffnungen mobilisierten in ihm den Agitator – was später die Angleichung an Majakowskij begünstigte.
Ohne Attila Józsefs außergewöhnliches Talent und Sprachkunst schmälern zu wollen, muß ich darauf hinweisen, daß es bei ihm, anders als bei den meisten zeitgenössischen linksradikalen Autoren (nach dem Sowjetdichter seien hier Brecht, Aragon und Neruda erwähnt), um keine intellektuelle Einsicht in eine Notwendigkeit, sondern um eine zutiefst private Haltung ging. Selbst in dieser plakativen Phase ist er nicht solidarisch, sondern identisch mit den Armen, für die er schreibt. In einem Fresko über die Hoffnungslosigkeit der sozialen Peripherie („Sag, was wird vom Schicksal…“, 1932) baut er die eigene Perspektive in die allgegenwärtige Misere ein:

Und sag, was wird vom Schicksal dem bereitet,
dem Dichter, der erschrocken singt im Leid?
Die Frau schrubbt den Boden ergeben,
und er selbst rennt nach Kopierarbeit;
sein Name, wenn’s ihn gibt, nur Markenzeichen,
ist wie irgendeines Waschpulvers Ruhm,
und sein Leben, wenn er überhaupt eins hat,
wird einst Proleteneigentum?!

Um Erwerbslose zu finden, brauchte er nicht auf den berüchtigten Menschenmarkt zu gehen: Er war einer von ihnen. So steht in einem Fragment aus den frühen dreißiger Jahren:

Vogelweise leb ich, abwärts, stellenlos,
mich umstellt – anderthalb Jahre schon – mein Los.

War Bücheragent, las nicht, doch gab hin, froh,
Móricz und Shaw, Barbusse, Zola und Cocteau.

Andere Intellektuelle versuchten das Problem diskreter zu bewältigen. Eine Heiratsannonce aus dem Jahr 1931:

Mann mit Diplom würde gerne die Frau heiraten, die ihm zu einer Stelle verhilft.

Im Neunmillionenland befanden sich 600.000 Menschen auf Arbeitssuche.

Der Antifaschist
Es ist schwer zu sagen, wann der kommunistische Zukunftsglaube bei Attila József einer zunehmenden Skepsis und gleichzeitig einer höheren Sorge für das Schicksal der Welt, der Nation und für das eigene Leben gewichen ist. Historisch wird dieses Ereignis an die „Machtergreifung“ der Nazis und an das spürbare Heraufziehen eines europäischen Krieges geknüpft. Zwar entstanden die großen sozialistischen Gedichte wie „Am Rand der Stadt“, „Elegie“ (1933) oder „Hellsinn“ (1934) bereits in einem Umfeld, in dem Bücher verbrannt wurden, doch verschob sich in diesen das Zukunftsbild auf eine philosophische Ebene. Die Muse war nicht mehr die abstrakte Klasse, sondern das Land („An der Donau“, 1936, „Vaterland“, 1937). Die zutage gelegte Haltung wurde zunehmend defensiver, zumal die „soziale Frage“ von der rechten Demagogie vereinnahmt wurde: „Was wir gehütet haben, ist nicht mehr da, / es wird von unsren Angreifern verteidigt“, so klingt die messerscharfe Analyse.
Das Motiv Klassenkampf schwand allmählich aus seinen Gedichten, obwohl er nicht den leisesten Zweifel aufkommen ließ, eine bessere Gesellschaft als die vorhandene anzustreben.

… Wie die Wirklichkeit nach einem akuten Fieber,
so glänzt und leuchtet
in meiner Seele,
die nach einer Welt sehnt,
die menschliche Befreiung.

Diese Metapher verrät uns, daß Attila József immer noch an dem Projekt der „menschlichen Befreiung“ (Sozialismus) festhielt, als das „akute Fieber“ (die Begeisterung für den Kommunismus) längst vorbei war.
Nun galt es, die Menschenrechte bei der Staatsmacht einzufordern („Mehr Luft!“, 1936), und das Lügengewebe des Faschismus zu entlarven („Die Urratte verbreitet Seuchen“, 1937) Gleichzeitig entfalteten sich in diesen letzten Jahren seine grandiose Liebeslyrik („Ode“, 1933, „Es schmerzt“, 1936), und der Flóra gewidmete Zyklus (1937) – Lieder einer glücklichen Liebe, die er sich, ähnlich wie seinerzeit Kierkegaard, rein erdichtet hatte. Schließlich folgen die lyrischen Dokumente des pathologischen Zerfalls der Persönlichkeit und das kristallklare Todesbewußtsein. In Kenntnis der darauffolgenden Ereignisse klingt sein früheres Gedicht, eine Art persönlicher Nachruf zu Lebzeiten („Attila József“, 1928), beinahe prophetisch:

er war landesweit im Verfallen…

Die letzten Jahre seiner poetischen Laufbahn brachten ihm dennoch einen unerwarteten Erfolg. Ein Freundeskreis bildete sich um ihn und gründete das Literaturjournal Szép Szó (Schönes Wort), in dessen Mittelpunkt sein antifaschistisches Programm stand. Einerseits bedeutete diese Position für ihn ein bescheidenes Einkommen (als Sponsor sprang die jüdische Adelsfamilie von Hatvany ein), andererseits machte sie ihn zu einem bestimmenden Faktor des ungarischen Geisteslebens. Das linksliberale Milieu stellte eine Verbindung zu der europäischen Literatur dar und zeitigte den vorläufigen Höhepunkt von Attila Józsefs Laufbahn.
Im Januar 1937 besuchte Thomas Mann, seines Zeichens bereits Exilautor und durch eine freundliche Geste des Staatspräsidenten Benes zum tschechoslowakischen Staatsbürger ernannt, seinen Freund, den Baron Lajos von Hatvany. Bei einer Matinee im Ungarischen Theater (Magyar Színház) fiel József die Ehre zu, ein Gedicht zum Gruß des Nobelpreisträgers vorzulesen.

die Menschheit wird, wie er, vom Krebs zerrüttet
und bald von Monsterstaaten zugeschüttet
sein, und wir fragen erschrocken: Was noch?
Was zerstört uns, welches neue Ideenjoch?
Wer kocht uns Gifte neu, wer will uns fangen?
Wie lang kannst äußern noch deine Gedanken?…

Während Mann aus seiner Lotte las, hinderten die ungarischen Behörden den Lyriker daran, sein Grußwort vorzutragen. In einem Zeitungsbericht war zu lesen:

Die Ode von Attila József wurde von der Genehmigungsabteilung des Polizeipräsidiums aufgrund des Gutachtens der Abteilung für Staatssicherheit für ungeeignet befunden, öffentlich in einer unpolitischen Sitzung vorgelesen zu werden.

Mann bedauerte das Verbot des Gedichts und kommentierte diesen Willkürakt, der sicher das Prestige der Budapester deutschen Gesandtschaft schonen sollte, mit seiner unnachahmlichen ironischen Höflichkeit:

Mir steht als Gast nicht zu, die Verfügungen der Behörden zu kritisieren. Meine Meinung ist jedoch, je schwerer der Druck auf einem Volk lastet, desto stärker erwacht in ihm der Wunsch nach Freiheit.

Gleichzeitig sagte Thomas Mann seine Teilnahme am Empfang des Kulturministers Bálint Hóman ab, indem er Unwohlsein vorgab, und verbrachte den Abend in der Villa Hatvany. Am Klavier spielte Béla Bartók, der einige Jahre später freiwillig ins Exil ging, weil er nicht die geringste Lust verspürte, auf den nach Hitler und Mussolini benannten Budapester Plätzen spazieren zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt allerdings weilte Attila József bereits seit drei Jahren nicht mehr unter den Lebenden. Thomas Mann hatte noch gerade Zeit, die alte Welt zu verlassen.

Liebe und Tod
„Man sagt, alle, die leben, / sterben den Liebestod. / Doch Glück ist vonnöten / wie eine Mundvoll Brot“, schrieb er in Szép Szó zu Freuds 80. Geburtstag (1936). Zwei Jahre später war der Wiener Greis auf der Flucht aus dem Anschlußland „Ostmark“ und beantwortete in Paris, aus dem Zugfenster gebeugt, die neugierige Journalistenfrage, wie es ihm denn in der deutsch besetzten Kaiserstadt ergangen sei, mit bitterem Sarkasmus: „Ich kann die Gestapo allen wärmstens empfehlen.“
Ganz im Sinne des Meisters blieben Attila Józsefs Liebesgeschichten oft Projektionen, um nicht zu sagen seelische Utopien. Frauen, die sich später an ihn erinnerten, erzählten höchstens von Versuchen, das Unglück zu mildern, das dann wiederholt auf sie selbst übergriff. So auf die Bürgertochter Márta Vágó oder die eiserne Genossin Judit Szántó, die einzige, die zu seiner Lebensgefährtin wurde. Fast unvermeidlich waren zwei von den Musen Psychologinnen, die mit ihrer Hilfsbereitschaft nur die Konturen des Krankheitsbildes verschärfen konnten.
Die Wilhelm-Reich-Schülerin Edit Gyömrői, die, nachdem sie von einem Patienten, einem SA-Mann, denunziert worden war, von Deutschland nach Ungarn zurückkehren mußte, erfuhr sehr bald, wie heikel der Umgang mit dem genialen Klienten war. Sie verfügte ohnehin über kein medizinisches Diplom, was nach 1935, der Gründung der Ärztekammer, dem Berufsverbot gleichkam. József verliebte sich in sie und wollte aus Eifersucht ihren damaligen Freund umbringen. „Ich hätte diese Liebe selbst dann nicht erwidern können“, erzählte mir die betagte Dame Anfang der achtziger Jahre, „wenn er wildfremd gewesen wäre. Eine harmonische Beziehung mit seinem zerstörten Ich erschien mir unvorstellbar.“
Ähnlich erging es 1937 der jungen Heilpädagogin Flóra Kozmutza, der durch einen Test „gelungen war“, den Patienten, fester, als sie es wollte, an sich zu binden. Die Geschichte verlief diesmal milder und beschenkte die ungarische Literatur mit wunderschönen Liebesgedichten. Da jedoch Flóra später den Dichter Gyula Illyés (1902–1983) heiratete, hütete sie das Geheimnis bis zum Jahre 1987 und war dadurch immer wieder albernen und manchmal bewußt geschürten Intrigen ausgeliefert.
So oder so konnte die psychologische Betreuung den Zustand des Poeten keineswegs bessern, geschweige denn den Prozeß der Selbstzerstörung aufhalten. Dies sah er selbst ein, als er einen kurzen Brief aus Balatonszászó an seinen letzten behandelnden Arzt, Dr. Róbert Bak, schrieb:

Lieber Herr Doktor, ich grüße Sie recht herzlich. Sie haben das Unmögliche versucht, vergebens.

Das Datum war der 3. Dezember 1937, sein Todestag. Kurz nach sieben Uhr abends raste der Güterzug durch die Station Balatonszárszó.

Noch lange kursierten Anklagen und Spekulationen unter den Zeitgenossen, wie man den Lebensmüden hätte retten können, und wer wann was in dieser Hinsicht versäumt hätte. Die sinnlose Suche nach Ursachen und Sündenböcken hätte der Betreffende selbst mit einer matten Handbewegung erledigt, wie er dies übrigens schon ein Jahr vor seinem Tode tat:

… Ich scheide nicht im Kampf, nicht am schroffen
Strang, sondern im Bett – manchmal will ich’s hoffen.
Wie’s auch immer kommt, gezählt die Bestände.
Gelebt – dran fand manch einer schon das Ende.

Europa feiert nun seinen 100. Geburtstag. Er ist aber für immer 32 Jahre alt geblieben.

György Dalos, Nachwort

Nachbemerkung des Übersetzers

Attila József gilt als einer der größten ungarischen Lyriker, dessen Verse jedem Ungarn so vertraut sind wie etwa die Heinrich Heines in Deutschland. In Ungarn sind zahlreiche Straßen nach ihm benannt, an seinem Geburtstag wird Jahr für Jahr der Tag der Poesie gefeiert, und einer der bedeutendsten Literaturpreise trägt seinen Namen. Außerhalb des ungarischen Sprachraumes ist er aber ein Unbekannter.
Was bedeutet dieser Name den Ungarn? Attila József steht für poetische Vollkommenheit, politischen Mut, menschliche Integrität und unbezweifelbare Glaubwürdigkeit. In Józsefs Gestalt finden alle einen gemeinsamen Nenner, aufgrund dessen jede künstlerische und existentielle Frage berührt werden kann. Diese einzigartige Stellung verdankt er verschiedenen Faktoren: Sein sozialer Hintergrund bestärkt das Mitgefühl, seine opferbereit arglose, intellektuelle Linksorientierung gewinnt selbst die Sympathien der ästhetisch Konservativen, seine ins Universelle reichende Dichtung überzeugt auch diejenigen, die seinen politischen Ansichten nur mit Widerwillen begegnen können. Seine unglückliche literarische Laufbahn und die Gültigkeit seiner Aussagen verleihen seiner Erscheinung einen beinahe zwingenden Beweisgrund.
Attila József war, solange er lebte, ein allseits Verfemter, der in jeder Hinsicht scheiterte. Nach seinem frühen Tode gilt er als ein Unantastbarer, fast als ein Heiliger, der im Grunde immer Recht hat und posthum alle Bedenken überwand. Womit ist diese Kardinalstellung zu erklären? Er war ein Mensch, der in seinem Leben ein Übermaß an Demütigungen hinzunehmen hatte und trotzdem große Kunst schuf. Er war ein Linker, der – als Zeitgenosse der frühen Existenzialisten – alle Heimsuchungen der Existenz erfahren hatte. Er war eine tragische Figur, die dank seiner „strudelnden Tiefe“ (Ferene Fejtő) noch der Hoffnungslosigkeit der Kreatur einen eigenen Wert hinzugefügt hatte. Er war ein Dichter, der seinem Gefühl, in eine ver-rückte Welt geworfen zu sein, in klassischen Formen Ausdruck gab. Und schließlich: Er war ein Poet, dem es gelang, die ungarische Dichtungstradition in die Nähe der europäischen Entwicklung zu rücken. Die begrifflich gestützte, ins Abstrakte greifende, sorgfältig geschliffene Sprache und Metaphorik erinnern uns an Rainer Maria Rilke; seine stellenweise stark expressionistisch modellierten Visionen könnten aus Georg Trakls Texten entlehnt worden sein; die gährende Empfindlichkeit für soziale Spannungen in seiner Dichtung lassen an Bertolt Brecht denken; die anmutige, leicht spielerische Denkart mancher Gedichte gemahnt an Morgenstern und Ringelnatz. Dies alles begründet die Vermutung, daß sein Werk auch in einen europäischen Kontext gehört. Seine stark metaphorische, bildhaft ausgeprägte Kunst wurzelt zwar zum Teil in der ungarischen, an sinnlichen Eindrücken unmittelbar haftenden Ausdrucksweise, seine von zeitlosen Ideen gesteuerte Poesie wird aber durch das gemeinsame europäische Gedankengut genährt. Die Ballaststoffe, könnten wir sagen, stammen aus dem heimischen Boden, die Nährkraft ist aber völlig europäisch. Józsefs Werk berührt sich durch geistesgeographische Luftlinien unter anderem mit der Leistung von Mandelstam, Apollinaire, Garcia Lorca, Rilke und den Existenzialisten.
Seine Dichtung umfaßt die großen, unerschöpflichen Themen der Existenz in vielfältiger Weise: Hunger, Armut, Alleinsein, Gottsuche, Zusammenhang von Freiheit und Ordnung, persönliches und soziales Leid, Liebe, Todesangst, Verlust alles Menschlichen und Verzweiflung. Sie ist, grob gesagt, ein rabiates Aufbäumen gegen jegliche Zurücksetzung und Erniedrigung.
Da ich Attila Józsefs Bedeutung umfassend sichtbar machen wollte, ließ ich mich beim Übersetzen von den nachfolgend skizzierten Grundsätzen leiten.
Attila Józsefs Dichtung wird von der gebundenen Form beherrscht: Seit Ende der zwanziger Jahre schrieb er keine freien Verse mehr. Es war mein Ziel, die Formenwelt des Autors auch in der Übersetzung zum Ausdruck zu bringen, weil sie ein konstituierender Teil der schöpferischen Entscheidung ist und im ungarischen Original wesentlich zu seiner Wirkung beigetragen hat. Alle Elemente des spezifisch Lyrischen wiederzugeben ist in einer fremden Sprache unmöglich. Ich habe versucht, durch einen vorsichtigen Umgang mit dem Reim und die Zuhilfenahme von entsprechenden Kunstgriffen wie Alliteration, Assonanzen, Silbenanzahl, rhytmische Entsprechungen, verwandte Klangfarben soviel wie möglich vom Klangreiz seiner Sprache hörbar zu machen. In dieser Hinsicht hat mir sporadische Untreue geholfen, József im ganzen treu zu bleiben.
Die innere Form des Gedichts ist der Inhalt. Ich werde die Formfrage, dachte ich, womöglich von der Warte des Inhalts zu lösen und auch die Gestaltung vom Inhalt her zu steuern versuchen. Attila József war ein großer Formkünstler und ein scharfer Intellekt: Beides mußte aufgezeigt werden. Aber das Was hat immer durch die deutlichen Konturen des Wie hindurchzuschimmern.
Was für eine Bedeutung haben bei Dichtungen von gestern und für heutige Leser die klassischen, gebundenen Formen?
Sie spiegeln das uralte und immer noch aktuelle Bedürfnis, durch Regelung, Messung, Gliederung und Proportion das Individuelle im Allgemeinen zu verankern. Die Form hebt das Geschaffene in die Nähe des Transzendenten und bindet es gleichsam ins Weltall. Das Gefühl der katharsis, das vom Meisterwerk heraufbeschworen wird, hängt eng mit der Formgebung zusammen. Man sollte bedenken, daß das Erhabene nicht als Pathetisches abgetan werden kann und auch die Poesie des Tagtäglichsten einer – wenn auch nicht gebundenen – Form bedarf. Auch der freie Vers hat seine eigenen Gesetze. Die gebundene Form weist immer zumindest auf etwas teilweise Ganzes.
Formgebundene Kunst formgetreu zu übersetzen ist in diesem Sinne ein Postulat künstlerischer Ethik.
Zum Schluß: Ein ganz besonderer Dank gebührt Egon Ammann, der bereits in seinen jungen Jahren Attila Józsefs Bedeutung erahnt, ihm die Wertschätzung durch Jahrzehnte hindurch bewahrt und schließlich in Form dieser Ausgabe zum Ausdruck gebracht hat. Er stand unserem Unternehmen Pate. Allen wenigen, die mich im Laufe dieser Arbeit in irgendeiner Form ermutigt haben, gilt auch mein herzliches Wort. Schließlich möchte ich der ungarischen Dichterin Zsófia Balla für ihre unermüdliche Bereitschaft Dank sagen, mir im Textvergleich, in der Interpretation und der Wortfindung beigestanden zu haben. Sie hat verhindert, daß die Routine mich demoralisierte. Sie hat mir geholfen, die Arbeit nicht abzubrechen. Ihr Anteil am Endergebnis ist unsichtbar, aber auch unschätzbar.
Ich danke Attila József für diese fünf zeitlosen Jahre.

Daniel Muth

 

Erstmals

wird mit unserer umfangreichen zweisprachigen Ausgabe, die einen Querschnitt durch das gesamte Schaffen des Dichters vermittelt, der Vesuch unternommen, das dichterische Werk direkt aus dem ungarischen Original zu übersetzen. József bediente das poetische Register, das ihm die Sprache vorgab, mit Virtuosität. Daniel Muth gelingt es mit seiner Übersetzung, diesen Formenreichtum sichtbar zu machen.

Ammann Verlag, Klappentext, 2005

Ein Genie des Schmerzes

Der Ungar Attila József ist einer der großen Dichter der Moderne, was aber die Welt immer noch nicht wirklich weiß. Sein Heimatland feiert am 11. April 2005 den hundertsten Geburtstag seines frühvollendeten tragischen Genies. Das Werk dieses Mannes, der 1937, erst zweiunddreißigjährig, seinem Leben ein Ende setzte, überstand nicht bloß Krieg und Faschismus, sondern auch die kommunistische Kulturpolitik, die József als „ungarischen Majakowski“ vereinnahmte und zugleich die Veröffentlichung politisch „inkorrekter“ Texte unterdrückte. Heute ist Józsefs Poesie in Ungarn mindestens so populär wie bei uns die Verse Brechts oder Kästners. „Er war einer unser Götter“, sagt George Tabori.
In Deutschland ist Józsefs Name kaum mehr als ein Gerücht. Wenn auch ein durchaus schmeichelhaftes. Es basiert auf zwei Bändchen mit Nachdichtungen nach Interlinearversionen, die 1960 in der DDR und 1963 in der Schweiz erschienen und längst verschollen sind. Stärker blieb der Nachhall eines historischen Moments: die Begegnung Attila Józsefs mit Thomas Mann. Anlaß war Thomas Mann Lesung aus Lotte in Weimar im budapester Ungarischen Theater am Abend des 12. Januar 1937. József hatte aus diesem Anlaß die Ode „Gruß an Thomas Mann“ geschrieben. Es gibt ein Foto, auf dem der jugendlich wirkende Dichter sie dem Nobelpreisträger, dem großen Europäer, überreicht. Was das Foto nicht zeigen kann, ist dies: József durfte seine Ode nicht auf der Bühne vortragen. Die Polizei hatte die Rezitation verboten. Das politisch Anstößige kommt am Schluß des Gedichts zum Ausdruck. Dort prangert József die „Monsterstaaten“ an, die Europa mit ihrem ideologischen Gift zerstören wollten, und endet mit einem Gruß an den guten Europäer, der Thomas Mann war.
Kein Zweifel, daß Attila József – nach starken kommunistischen Sympathien – sich einem liberalen Antifaschismus im Sinne Thomas Manns angenähert hatte. Ihm blieb indessen nicht mehr viel Zeit – weder für seine politische noch seine poetische Entwicklung. Das Jahr 1937 wurde das Jahr seines Todes. Am 3. Dezember 1937 starb Attila József. Er hatte sich vor einen Güterzug geworfen.
Dieser Dichter war ein „Genie des Schmerzes“, wie ihn der ungarische Publizist György Bálint genannt hat. Sein Leben ließ ihm auch wenig Wahl. Es begann in Budapest am 11. April 1905. Józsefs Geburt war denkbar gering: die Geburt des dritten Kindes einer Wäscherin und eines Seifensieders. Eines Vaters übrigens, der sich bald aus dem Staub machte. Und so kam der kleine Attila für einige Jahre zu Zieheltern, die ihn Pista riefen – den Namen Attila gebe es nämlich gar nicht. Der Dichter schreibt später:

Das erschütterte mich sehr, ich hatte den Eindruck, daß sie [die Zieheltern] mein Dasein in Zweifel zogen. Die Entdeckung der Sagen über Attila, glaube ich, prägte von da an entscheidend all mein Streben, letzten Endes führte mich vielleicht gerade dieses Erlebnis zur Literatur.

Attila József mußte sich selbst erfinden. Elias Canetti hat einmal gesagt:

Das Schicksal der Menschen wird durch ihre Namen vereinfacht.

Attila József schuf seine poetische Welt aus seinem endlich gewonnenen, endlich behaupteten Namen. Er vereinfachte sein Schicksal dergestalt, daß er Dichter wurde – Dichter einer Weise, für die alles andere zweitrangig werden mußte: Beruf, Geld, Liebe, psychische Probleme, ja das bloße physische Leben.
Der junge Attila schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. In seine Schulzeit fiel, Weihnachten 1919 und in einem Armenhospital, der frühe Krebstod der Mutter. Als Gymnasiast unternahm er mehrere Selbstmordversuche; der erste, 1914, war durch die Krebserkrankung der Mutter ausgelöst. Doch der potentielle Selbstmörder hatte sein Antidot entdeckt, jene Tätigkeit, die Leiden aufheben kann: das Dichten.
Als eine Zeitschrift Gedichte des Siebzehnjährigen druckte, galt er als Wunderkind, „wobei ich nur Waise war“, wie József kommentierte. Schon bald erschien ein erster Gedichtband, und ihm folgte ein erster Skandal: Das Gedicht „Christus in Aufruhr“ führte zur Anklage wegen Gotteslästerung. Der neunzehnjährige Poet wurde zu einem Monat Gefängnis verurteilt, freilich durch den Obersten Gerichtshof begnadigt. Drei Jahre später erregte das Gedicht „Reinen Herzens“ den Zorn rechter Kreise.
„Christus in Aufruhr“ klagte einen Gott an, der die Armen hungern läßt und ihnen die Schönheit der Rosen vorenthält. „Reinen Herzens“ konzentriert alles, was der junge József damals, März 1925, zu sagen hatte. Er gibt sich als poète maudit, der nicht bloß die bürgerliche Moral provoziert, sondern sich auch zur Tat bekennt:

Reinen Herzens brech ich ein.
Morde gar, so muß es sein.

„Reinen Herzens“ – dieser Titel war nicht bloß die Bezeichnung einer poetischen Rolle: er entsprach dem Wesen des Dichters. József war kein Ideologe, sondern ein praktizierender Idealist. Reinen Herzens und aus den bitteren Erfahrungen seiner Jugend heraus wandte er sich dem Sozialismus zu und der kommunistischen Partei Ungarns. Bei seinem Aufenthalt in Wien (1925/26) las er die Klassiker des Marxismus und nahm die Lehren der Anarchisten in sich auf. Im Herbst 1930 wurde er Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei Ungarns und begann, illegale Parteiarbeit zu leisten. Seine Treue zur Partei wurde mehr als strapaziert. Eine moskauer Gruppe ungarischer Literaten denunzierte ihn als jemand, der seinen „Ausweg ins Lager des Faschismus“ suche. Józsefs Essay „Hegel Marx Freud“ wurde von orthodoxer Seite heftig attackiert. In der Tat suchte der Dichter einen Weg, der proletarisches Bewußtsein und das Freudsche Unbewußte zusammenführte.
Zu Sigmund Freuds 80. Geburtstag schrieb er 1936 das Gedicht „Was du ins Herz versteckst“, ein Gegenstück zur Ode an Thomas Mann. Auch dies Gedicht ist ein Schlüssel-Gedicht. Es sagt uns – mehr noch als über Freud – Entscheidendes über den Dichter selbst. Es formuliert seinen Anspruch, die Wahrheit zu suchen und zu bekennen. Es spricht vom Glücksverlangen des Menschen und bringt Glück und Aggression des Liebesverlangens mit dem Regressionsbedürfnis zusammen:

Kinder sind alle, die leben
weh nach dem Mutterschoß.

Besonders die Dichter sind Kinder; und eben auch deshalb Liebende. József war ein großer Liebender – nicht der Zahl seiner Liebschaften willen, sondern wegen der ungebrochenen Intensität seiner Liebe, zu der er jeweils fähig war. Márta Vágó verschaffte József Zutritt zu bürgerlich-liberalen Kreisen; das Ende der Beziehung führte zu einem veritablen Nervenzusammenbruch und zur Einweisung in ein Sanatorium. Ein Schema, das sich wiederholte. So auch in der Beziehung zu der Heilpädagogin Flóra Kozmutza, die sich mit seinem dichterischen Konkurrenten Gyula Illyés verheiratete.
Damit sind wir im Sommer seines Todesjahres und bei der Frage, ob unserem Dichter auf Erden zu helfen war. Offenbar so wenig wie Heinrich von Kleist. Dabei setzte József selbst, von seinen seelischen Problemen schwer bedrängt, in sein Schreiben immer wieder die Hoffnung auf Heilung, ja Erlösung. In seinem Mai 1936 geschriebenen Gedicht „Du hast mich zum Kind gemacht“ drückt sich diese Hoffnung besonders ergreifend aus. Da bekennt er, von den Jahren seiner Heimsuchung fortwährend bedrängt zu sein, und fleht die Geliebte – Flóra Kozmutza – an:

Nähr mich: ich hungere. Schütz mich: ich friere.
Töricht bin ich: nimm dich meiner an.

Er bittet sie, ihm zu seinem eigenen Leben, ja zu seinem Tod zu verhelfen, ja, um die Fähigkeit, sich endlich selbst zu lieben.
Diese Fähigkeit, sich selbst zu akzeptieren – wie stark war sie wirklich? Wir wissen, daß die vielen Gedichte, die sich an Flóra richteten, letztlich Selbstrettungsversuche sind – und zugleich die schönsten Perlen von Józsefs Poesie. Freilich mischt sich auch hier der Todeswunsch ein, der sich schon lange angekündigt hatte. Nicht bloß der Wunsch, auch die Todesart.
Schon der Siebzehnjährige schrieb ein Gedicht „Betrunkener auf den Gleisen“. Es läßt noch offen, ob der herannahende Zug ihn überrollt. Und 1934 heißt es in „Hellsinn“:

Ich wohne schienen-nah

An diesen Gedichten ist nicht eine Prophetie zu bewundern, die sich selbst erfüllt, sondern das, was der Dichter als „Hellsinn“ bezeichnet: die Fähigkeit, die Wirklichkeit zu durchdringen und zu erhellen. Große Dichtung – wie die Attila Józsefs – ist Zauber und Gegenzauber zugleich.
„Ein wilder Apfelbaum will ich werden“, wünscht sich ein frühes Gedicht:

Alle Hungernden äßen von meinem
Riesigen Leib, alle Kinder
Säßen unter meinen Zweigen.

Von diesem Gedicht hat auch die opulente zweisprachige Ausgabe ihren Titel. Sie ist mit informativen Dokumenten gut bestückt und bringt einen Essay von György Dalos, sowie ein liebevolles Charakterbild des Dichters, das Ferenc Fejtő verfaßt hat, der wohl letzte überlebende Freund Józsefs.
Der ungarische Lyriker und Übersetzer Daniel Muth präsentiert in seiner Übertragung die Essenz von Józsefs dichterischem Werk. In seiner Nachbemerkung reflektiert er das Problem, die Virtuosität, den Anspielungsreichtum und die Formenvielfalt der Originale in Deutsche zu bringen. Seit Ende der zwanziger Jahre schrieb József keine freien Verse mehr; und so hat sein Übersetzer versucht, in Reim und Metrum wenigstens Analogien zum Ungarischen herzustellen. Das ist ihm – wie kann es anders sein – nicht überall gelungen. Am schönsten wohl in den Liebesgedichten Attila Józsefs. Ein neuer Anfang ist jedenfalls gemacht, das Genie des Schmerzes auch als Genie der Kunst sichtbar zu machen.

Harald Hartung, als: Und alle Kinder säßen unter meinen Zweigen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.4.2005

Ein wilder Apfelbaum will ich werden

– Zum 100. Geburtstag von Attila József. –

Zum 100. Geburtstag des frühvollendeten Budapester Dichters Attila József erscheint eine zweisprachige Ausgabe mit einem Querschnitt seines Werks. Die Gedichte werden durch Essays und Fotos ergänzt. Sein mit 16 niedergeschriebenes Lebensmotto Ein wilder Apfelbaum will ich werden! betitelt den Band.

Ich hab kein Land. Keinen Gott.
Keinen Vater. Mutter nicht.
Keine Wiege. Grabtuch keins.

Diese Verse schreibt Attila József aus Budapest kurz vor seinem 20. Geburtstag.

Reinen Herzens brech ich ein.
Morde gar, so muß es sein.

Das ist mehr als ein Gedicht. Solche Art Lyrik versteht man im Ungarn des Jahres 1925 als Kriegserklärung an das autoritäre System, und prompt erhält der Poet eine Anklage wegen „Gotteslästerung“. Die erste…
József, Attila, geboren 1905 als Sohn eines Seifensieders und einer Waschfrau: Der Name des Hunnenkönigs sollte dem Lebenslauf des Jungen Schwung verleihen, doch es wird eine tragische Biographie. Als Attila drei ist, verlässt der Vater die Familie; elf Jahre später stirbt die Mutter an Krebs. Attila arbeitet hart, er stiehlt und bettelt, und dann macht er – ein Hochbegabter – sein Abitur. Später beklagt er sich:

Man hielt mich für ein Wunderkind, wobei ich nur Waise war.

Er studiert, will Lehrer werden, doch die Professoren werfen ihn hinaus. Nun wird er Dichter im „Hauptberuf“ und schafft ein Werk ohnegleichen: mal anrührend zart und spielerisch, mal pure soziale Anklage, Sprengstoff in Versen. „Nicht ich bin es, der schreit, die Erde dröhnt“, vermerkt er.
1930 wird József Mitglied der illegalen KP. Nun predigt er die Revolution, „Ein Hoch den Sowjets, den Arbeiterräten!“, aber nur wenige Jahre später verstößt auch die Partei den Rebellen.
Auf ewig ist dieser Attila József ein Außenseiter, verfemt, „ein zum Ungarsein Verbannter“. Er leidet an seinem Land, er leidet an dieser Zeit, am Triumph des Faschismus. Und der Hunger bleibt sein Begleiter. Die Welt scheint voller Dämonen zu sein. Attila József hat Depressionen, dann auch Schübe von Schizophrenie. „Ich lausche den Nachrichten, die eine Stimme aus meiner Tiefe bringt“, notiert er. Am Ende sind die Dämonen stärker als der Dichter. Im Winter 1937, mit eben 32 Jahren, wirft er sich bei einem kleinen Ort am Balaton vor einen Güterzug.
In der Ära des Sozialismus wird der „ungarische Majakowski“ als angeblich linientreuer Marxist vereinnahmt. Aber längst gilt der Sprachkünstler als Klassiker der Moderne. Im heutigen Ungarn ist József – der Sänger der Liebe und Herold der Heimat – eine Vaterfigur, fast ein Heiliger.
In Deutschland – Ost und West – wurde der melancholische Budapester recht spät entdeckt, erstmals vor 1960 durch Stephan Hermlin und Hans Magnus Enzensberger. Franz Fühmann, Peter Hacks und Ernst Jandl schufen Nachdichtungen auf der Basis von Interlinearübersetzungen. Eine angemessene Würdigung stand jedoch aus.
Zum 100. Geburtstag des Frühvollendeten hat der Zürcher Ammann-Verlag die Lücke nun geschlossen: mit einer aufwendigen zweisprachigen Ausgabe, 500 Seiten im Großformat, samt Fotos und Essays. Der Band, ein Querschnitt des Werkes, ist ein erstmaliger Versuch, die Gedichte direkt aus dem Original zu übertragen. Ein verdienstvolles Projekt, nur, leider: an die erwähnten Nachdichtungen namhafter Lyriker reichen die deutschen Textfassungen nicht heran. Spröde klingt hier mancher Vers, gekünstelt, wenig elegant.
Dennoch: Wer in dem liebevoll gestalteten Großband blättert, fühlt sich bald wie verwandelt. Ein Refugium ist diese Poesie, Zuflucht in lauter Zeit. Oder eine Art Picknickkorb, randvoll mit Delikatessen. Schon der Dichter hat sein Werk so verstanden. „Ein wilder Apfelbaum will ich werden!“, schrieb József mit 16,

Ein weitverzweigter Apfelbaum;
Alle Hungernden äßen von meinem
Riesigen Leib, alle Kinder
Säßen unter meinen Zweigen.

Uwe Stolzmann, Deutschlandradio Kultur, 11.5.2005

Der ungarische Majakowski

– Attila József, unglücklicher Dichterkönig, ist in einer wunderbaren Edition wiederzuentdecken. –

Am Ende seines kurzen Dichterlebens taugte die selbstverordnete Heiterkeit nicht mehr als Antidot gegen die bedrückende Seelenqual.

Gut war er, heiter. Als verdrießlich auch bekannt
Wenn man verlachte, was er seine Wahrheit nannt’.

So hatte sich der ungarische Dichter Attila József 1928 in einem ironischen Nachruf zu Lebzeiten porträtiert: Als einen stets auf seiner poetischen Subjektivität und Widerspruchslust beharrenden Außenseiter, der in keiner Kirche der Welt, sei sie politischer oder religiöser Natur, seinen Frieden finden kann.
Bereits als Schüler hatte József zwei Selbstmordversuche unternommen, als er keinen Ausweg aus dem Elend mehr sah, in dem er seit seiner frühesten Jugend gelebt hatte. Seine späten Verse zeichneten den Weg in den Abgrund vor:

Starr, schmerzschwer, abgestürzt in Kot
lieg ich im Abgrund, hebt mich keiner.
Nimm mich, nimm deinen Sohn, mein Gott,
ich will nicht Waise sein, kein Ärger.

Zurückgewiesen von seiner großen Liebe und verlassen von seinen literarischen Freunden, warf sich der gerade mal 32jährige Dichter am 3. Dezember 1937 in der ungarischen Provinzstadt Balatánzarszó vor einen Güterzug.
Ein derart vom unglücklichen Bewusstsein zerquälter Dichter eignet sich in der Regel nicht zum literarischen Nationalhelden. Aber bei Attila József hat der anhaltende Ruhm sehr viel mit der selektiven Wahrnehmung des Publikums zu tun. Inständig verehrt wird nicht der tragisch Gescheiterte, sondern der hinreißende Liebeslyriker, der begeisterte Verkünder des „Ungarntums“ und gewiss auch der wortmächtige Plebejer und „ungarische Majakowski“.
Als Gerhard Falkner 1999 zu einem Streifzug durch die junge ungarische Lyrik-Szene (in der DuMont-Anthologie Budapester Szenen) startete, musste er feststellen, dass auch im postsozialistischen Ungarn noch immer alle Wege zu Attila József führen. Gerhard Falkner stieß zwar auf sehr westlich anmutende Bewusstseinshaltungen, auf Attitüden des Undergrounds, wie sie auch hierzulande auf jedem „Slam Poetry“-Abend zu erleben sind. Aber Falkners lakonisches Fazit lautete:

Am Ende hat es dann doch mehr zu tun mit Attila József als mit der Acid-Party.

Die fortdauernde Popularität des Dichters József in seiner Heimat korrespondiert indes nur punktuell mit einer vergleichbaren Wertschätzung im Westen. Obwohl ihn Hans Magnus Enzensberger 1960 in sein Museum der modernen Poesie aufgenommen hatte, sprang der ästhetische Funke zumindest in der westdeutschen Rezeption nicht über. Die literarische Einbürgerung des Dichters József ist zuvorderst Stephan Hermlin zu verdanken, der bereits 1954 und 1958, in zwei Ausgaben von Sinn und Form, nachdrücklich auf die Gedichte Józsefs hingewiesen hatte und dessen „große proletarische Dichtung“ in den Kanon einer sozialistischen Literatur integrieren wollte.
Die von Hermlin 1960 im Verlag Volk & Welt herausgegebene Gedichtauswahl prägte denn auch das Bild vom „plebejischen Dichter“ Attila József der aus den Elendsvierteln der Budapester Vorstadt zum Apostel einer volksnahen marxistischen Poesie aufstieg.
Hermlin hatte dem „ungarischen Majakowski“ eine proletarische Muster-Biographie auf den Leib geschrieben. Tatsächlich hatte der am 11. April 1905 in Budapest geborene Sohn eines Seifensieders und einer Wäscherin zeit seines Lebens unter bitterster Armut zu leiden. Sein Vater verließ die Familie, als der Junge gerade drei Jahre alt war. Mit seinen Schwestern wurde der Junge zu Pflegeltern aufs Land geschickt, wo er Schweine zu hüten und unter brutalen körperlichen Demütigungen zu leiden hatte. Für eines seiner ersten Gedichte unterzog man den hochbegabten Schüler, der mit siebzehn Jahren seine ersten Texte veröffentlichte, einem Gotteslästerungsprozess. Was Hermlin aber besonders an József schätzte, war sein lange Jahre unerschütterlicher Marxismus, mit dem der Dichter dem prä-faschistischen Horthy-Regime die Stirn bot. Was Hermlin in seiner biographischen Skizze vernachlässigt, ist Józsefs konstitutionelles Ketzertum, begründet u. a. in seiner Passion für die Psychoanalyse, die ihn nach einigen Jahren in schwerste Konflikte mit der damals verbotenen KP brachte.
Wie wenig sich József als heldenhaft plebejischer Dichter vereinnahmen lässt, zeigt nun die erste umfassende und wunderbar bibliophile Auswahl seiner Gedichte im Ammann Verlag, die der Übersetzer Daniel Muth mit Hilfe der ungarischen Dichterin Zsofia Balla ins Deutsche gebracht hat. Zum erstenmal liegt hier eine József-Übersetzung vor, die in akribischer Arbeit am Originaltext entstanden ist. Die von Hermlin publizierte Auswahl hatte sich – wie alle bislang erschienenen Ausgaben – noch auf Interlinear-Versionen gestützt. Als des Ungarischen unkundiger Leser muss man verblüfft zur Kenntnis nehmen, dass Abgründe zwischen den Nachdichtungen Hermlins und den am Original orientierten Übertragungen Muths liegen.
Während Muth der Wörtlichkeit und den ursprünglichen Bildfügungen treu bleiben will, nimmt sich Hermlin wesentlich größere Freiheiten heraus. Seine Nachdichtungen erfinden Józsefs Texte neu in eleganter und geschmeidiger Prosodie. Was Hermlin an Pathos und Plastizität gewinnt, entnimmt er im Zweifelsfall eher dem eigenen Bildervorrat als dem Józsefschen Original. An einem berühmten proletarischen Genrebild Józsefs lässt sich die Differenz zwischen den Übersetzungen ermessen. Das Gedicht „Hunger“ überträgt Hermlin in weitaus größerer rhythmischer Dynamik und ans Original angelehnten Reimen:

Die Dreschmaschine steht. Der Staub treibt weg
Wie Nebel, die im Herbst sich lang verspäten,
Senkt auf die krummen Rücken, die verdrehten
Hälse sich. Und sie essen. Starr von Dreck.

Im Vergleich dazu hat Muths etwas spröde Übertragung Mühe, sich gegen den Nachhall der geschmeidigen Hermlinschen Pathetisierungen zu behaupten:

Die Maschine steht. Müder Staub wirbelt
in der Luft wie herbstliche Nebeldünste,
befällt die krummen Nacken und die Brüste
der Menschen. Sie essen jetzt. Dreck durchschwitzt.

– Trotz der gelegentlichen Sprödigkeit der Übersetzung ist diese Edition des Ammann Verlags als verlegerische Großtat zu rühmen. Mit Attila József ist eine Portalfigur der lyrischen Moderne endlich jener intellektuellen Trägheit entrissen worden, in die schwierige Dichter im deutschen Literaturbetrieb in unschöner Regelmäßigkeit versinken.

Michael Braun, Frankfurter Rundschau, 20.4.2005

Ein wilder Apfelbaum will ich werden

– Vor hundert Jahren wurde Attila József, einer der bedeutendsten ungarischen Dichter, geboren. Nun liegt eine Auswahl seiner Gedichte in einer prachtvollen Ausgabe vor. –

Attila József stammt aus ärmlichen Verhältnissen und wächst in einer Vorstadt von Budapest auf. Sein Vater, ein Seifensieder, verschwindet, als der Knabe drei Jahre alt ist. Die Mutter muss sich und ihre drei Kinder als Waschfrau alleine durchbringen. Zusammen mit seiner Schwester Etel verbringt Attila einen Teil der Kindheit bei Bauern auf dem Land. „Ich arbeitete bereits damals – wie es unter armen Dorfkindern üblich ist – als Schweinehirt“, schreibt er später in seinem Lebenslauf.
Attila ist sieben, als er wieder nach Budapest zurückkehrt und eingeschult wird. Armut, Hunger und Entbehrungen bleiben seine ständigen Begleiter. Mit neun versucht er zum ersten Mal, seinem Leben ein Ende zu setzen. Im gleichen Jahr erkrankt seine Mutter an Krebs und stirbt fünf Jahre später.
Attila beendet das Gymnasium und publiziert 1922 seine ersten Gedichte. Den Durchbruch schafft er, als ein Jahr später auch die führende Literaturzeitschrift Nyugat („Westen“) drei seiner Gedichte veröffentlicht. Er lernt die bedeutendsten zeitgenössischen Literaten der Zeit kennen, unter anderen auch Dezso Kosztolányi, dessen surrealer Schelmenroman Ein Held seiner Zeit kürzlich auf Deutsch erschien.
Sein Gedicht „Christus in Aufruhr“ bringt József eine Anklage wegen Gotteslästerung ein – es wird aber nicht das letzte Mal sein, dass er wegen seiner Texte mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Sein Gedicht klagt einen Gott an, der die Armen hungern lässt:

Wahrlich, ich sag, Du hast noch keinen Blick,
Du siehst jetzt noch nichts. Sei endlich gerecht,
Gott! Gott!

József studiert in Szeged Literatur und Philosophie und wechselt nach einigen Semestern nach Wien und später nach Paris.
Im Ausland kommt er mit den führenden Köpfen der linken ungarischen Emigration in Kontakt, so auch mit György Lukács und Béla Balázs. Wieder zurück in Ungarn, wird er 1930 Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei.
Im Alter von 25 Jahren erleidet er zum ersten Mal einen Nervenzusammenbruch und beginnt, sich intensiv mit der Psychoanalyse zu beschäftigen. Er veröffentlicht mehrere Gedichtbände und erhält auch einige literarische Auszeichnungen, immer wieder aber werden seine Texte scharf kritisiert oder gar verboten.
Seine zahlreichen Liebschaften enden zumeist unglücklich, und die Armut bleibt sein ständiger Begleiter. Im Sommer 1937 erleidet er einen zweiten Nervenzusammenbruch und begleitet im Herbst seine Schwester nach Balatonszárszó, wo sie eine Pension zu leiten versucht. Am 3. Dezember 1937 wirft er sich dort vor einen Güterzug.
Attila József gilt in Ungarn als einer der grössten Lyriker des 20. Jahrhunderts, zahlreiche Strassen, Schulen und die Universität von Szeged sind nach ihm benannt. Aber ausserhalb Ungarns ist József kaum bekannt, seine Gedichte galten bisher als kaum übersetzbar. Für die deutsche Sprache hat Daniel Muth nun den Gegenbeweis angetreten. Wer die ungarischen und deutschen Gedichte parallel liest, kann nur staunen, wie exakt und präzis Muth hin und wieder Stil und Tonfall, manchmal auch den Rhythmus des Originals ins Deutsche hat übertragen können.
Dass dabei etliche Formulierungen holprig und holzig geraten sind, ist zu bedauern, scheint – mit Blick aufs Original – aber verzeihlich. Vielleicht wäre aber eine strengere Auswahl der Gedichte hilfreich gewesen, denn nicht alles, was sich in einer Sprache formulieren lässt, kann in eine andere Sprache übertragen werden.
Mehrere einführende Texte runden das voluminöse Buch ab.

Peter Haber, Tages-Anzeiger, 2.6.2005

 

Attila József und seine Dichtung im Kreuzfeuer der Ideologien –  ein Feature von Anat-Katharina Kalman 

 

Fakten und Vermutungen zum AutorIMDb
Zum 80. Todesjahr von Attila József: literaturkritik

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