Odysseas Elytis: Tagebuch eines nichtgesehenen April

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Odysseas Elytis: Tagebuch eines nichtgesehenen April

Elytis/Elytis-Tagebuch eines nichtgesehenen April

OSTERSONNTAG, 26

KLARER, TRANSPARENTER TAG. Weithin sichtbar
der Wind, reglos in Gestalt eines Berges westwärts.
Und mit gekreuzten Flügeln Thalassa, tief unter dem
Fenster.

Du möchtest hinauffliegen und von lichter Höhe aus
deine Seele gratis verteilen. Dann heruntersteigen
und, furchtlos, den Platz im Grab einnehmen, der dir
zusteht.

 

 

 

Nachbemerkung

Der am 2. November 1911 geborene Odysseas Alepoudelis, der sich 1935 den Namen Odysseas Elytis gab, veröffentlichte 1984 seinen Gedichtband Tagebuche eines nichtgesehenen April. Ich las dieses Büchlein, auf dessen Umschlag eine verblichene Wandmalerei von Pompeji abgebildet ist, im gleichen Jahr, da ich gerade für den Leipziger Reclam-Verlag eine Elytis-Ausgabe vorbereitete. Ich kannte den Elytis, der Axion esti und das wunderbare Gedicht Maria Nepheli geschrieben hatte. Aber erst diese Texte berührten mich sofort – und anders (so daß ich spontan beschloß, sie zu übersetzen). Sie offenbarten mir apokalyptische Momentaufnahmen einer ganz persönlichen „Geschichte des Todes der Geschichte oder besser einer Geschichte der Geschichte des Todes (und das ist kein Wortspiel)“, wie es im Gedicht vom 16. April heißt. Die formale Gestaltung der Texte, die Tagebuchform, die Sprache, die poetischen Bilder und die Methode des Abfilmens und Schneidens dieser Bilder, der „monatliche“ Hintergrund – das alles dient dazu, den mysteriösen Raum der Seele eines Menschen abzutasten, der sich damit gleichsam vor seinem Leser entblößt. Daß dieser Mensch nicht nur in der Ich-Form spricht, sondern tatsächlich der Dichter selbst ist, fasziniert mich. Denn wer gibt schon freiwillig sein Innerstes preis? Viele Kritiker umschrieben diese Offenbarung des Elytis mit der Feststellung, das Tagebuch stelle etwas Neues – „Dunkles“ – im Schaffen des Dichters dar. Und meinten vielleicht nur die formale Seite: die für andere Elytis-Gedichte nicht typische Kargheit der poetischen Bilder, den apokalyptischen Ton der lyrischen Sprache und die Nähe dieser Texte zu seiner Prosa. Wie auch immer. Ich übersetzte das Tagebuch 1987/1988, aber zunächst verhinderten technische, später die uns allen bekannten gesellschaftlichen Umstände die bei Reclam geplante bibliophile Veröffentlichung. Dem Interesse und Engagement von Niki Eideneier, Romiosine Verlag, Köln, ist nun das Erscheinen dieses Buches anläßlich des 80. Geburtstages von Odysseas Elytis zu danken.  Zu danken habe ich für sein umsichtiges Lektorat auch dieses Buches Horst Möller aus Leipzig und für ihre feinsinnigen Hinweise Ina-Kathrin Kutulas, die mich veranlaßten, meine frühere Nachdichtung noch einmal für diese Ausgabe zu überarbeiten.
Im übrigen folgte ich dem Rat des Dichters, daß „eine freie Übertragung besser ist als eine treue Übersetzung“, den er mir nicht nur mehrmals mündlich gab, sondern ihn auch für die eigenen Nachdichtungen beherzigte. Was für mich bedeutete, daß ich um so genauer den Geist und den Ton des Tagebuches im Deutschen zu treffen hatte.

Asteris Kutulas, 29. August 1991

 

Asteris Kutulas erinnert sich an seine Besuche bei Odysseas Elytis

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Manuel Gogos: Der Schaumgeborene
Neue Zürcher Zeitung, 5.11.2011

Hansgeorg Hermann: Kämpferische Unschuld
junge Welt, 2.11.2011

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer

 

Odysseas Elytis: AXION ESTI in einer Version von Mikis Theodorakis im Lycabetus Theater in Athen im August 1977.

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