Paul-Henri Campbell: Zu Cees Nootebooms Gedicht „Abschied (9)“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Cees Nootebooms Gedicht „Abschied (9)“ aus Cees Nooteboom: Abschied

 

 

 

 

CEES NOOTEBOOM

Abschied (9)

Höre die Musik, nicht aber die Worte,
eine Tanzbewegung, aber niemand dazu.
Gedicht, aber ohne den Leser.
Zeit, aber ohne die Ziffern.

Wie viele Rätsel kannst du ertragen?
Der Freund, der starb, ohne reden zu können,
der andere Freund, der in seinem letzten Bett
einen Kreis zeichnete mit den Händen

und damit Reisen meinte. Das war
ein Abschied und ich verstand es, ich musste
noch reisen und weiter, Kreise über die Welt,
bis ich wieder bei ihm wäre,

oder er bei mir, ein leeres Gelübde.

 

Sechzehn Gedichtbände

liegen von dem 1933 im Haag geborenen Grandseigneur der Nederlandse Letteren vor: Das in dreizehnzeilige Anamnesen unterteilte Langgedicht „Abschied“ kündigt die Abrundung von Nootebooms lyrischem Werk an. Nun sag also, Cees:

Wie viele Rätsel kannst du ertragen?

Etwa, dass eine „Tanzbewegung“ ohne Partner immerhin noch ein Tanz ist; dass die „Zeit“ auch ohne die „Ziffern“ verstreicht; dass vom Freund, der sich „verabschiedet“ hatte, jede Erinnerung ein Wiedersehen sein wird. Es braucht zwar keine ausgeklügelte Mantik, um die Erinnerungsrätsel aufzulösen, als die sich diese knappen Teilanamnesen präsentieren, doch die Zufälligkeit der an die Oberfläche gespülten Bilder und ihre lockere Anordnung zum Langgedicht allein schon sind auffällig. Warum dreiunddreißig Gedichte in drei gleich lange Sequenzen von je elf Texte aufteilen? Verweist die Zahl 33 auf das Geburtsjahr 1933 und damit der Abschied auf die Geburt des Dichters? Rätsel entstehen also dort, wo etwas unbestimmt und vieldeutig ist. In einem anderen Gedicht aus dem Band heißt es:

Er kann es nicht Bild
für Bild benennen, doch was immer er fragt
über Formen, über Schatten und
kaum sichtbare Münder,
über die Drohung von Namen und Ziffern, die Antwort
bleibt leer. Will er sie kennen?

Als sei das lyrische Ich selbst erstaunt darüber, warum irgendwas ihm gerade überhaupt in den Sinn und in den Vers strömte. Ließ sich nicht der junge Cees Nooteboom oft als Tramper ziellos in Europa herumtreiben, fuhr er nicht manchmal mit, wohin man ihn mitnahm? Im Nachwort notiert Nooteboom über diese zufälligen Bildbewegungen:

Und dann nimmt das Gedicht erneut eine eigenwillige Wendung, es erscheint jemand oder vielmehr es stellt sich jemand dazwischen, du bekommst eine Mappe in die Hände mit Zeichnungen, die sich auf eine merkwürdige Art und vielleicht nur für dich reimen mit einem vorsokratischen Text von Empedokles.

Immer schon, aber gerade und besonders in der Insolation, die uns die Pandemie aufzwingt und darin diese Gedichte entstanden sind, werden Wahrnehmungsräume und Erinnerung extrem privat. Warum aber provoziert diese Wahrnehmung ausgerechnet jene Erinnerung, wird diese Erinnerung zu jenem poetischen Bild? Die scheinbar zufällig auftauchenden Bilder verdichten sich zu Rätseln und gewinnen in ihrer Rätselhaftigkeit eine neue Rationalität: „Muss er sie kennen“ heißt es bezüglich poetischer Bilder in einem weiteren Gedicht aus Abschied, so „wissen sie etwas, das er wissen wollte“. So entdeckt man in Nootebooms poetischen Rätseln plötzlich eine eigentümliche Klarheit, die vielleicht den Abschied zumindest etwas erträglicher macht.

Paul-Henri Campbell, Volltext, Heft 1, 2021

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