Ramón Gómez de la Serna: Greguerías-Die poetische Ader der Dinge

Serna/Detjen-Greguerías-Die poetische Ader der Dinge

In den Träumen des Kahlkopfs gibt es keinen Schatten.

Wenn ein Stern fällt, läuft eine Masche am Strumpf der Nacht.

Den Baum, den man stutz, schmerzt am meisten, daß die Axt einen Stiel aus Holz hat.

An den Straßenecken kratzt sich der Wind den Rücken.

Verbindet alle Sterne mit Linien in Leuchtschrift, und ihr habt die Silhouette Gottes.

Dem „Ich“ und dem „Über-Ich“ steht das „Was-weiß-ich“ gegenüber.

Für die Sterne leben wir immer in einem Abgrund.

Treppen aller Länder, vereinigt euch, und ihr werdet uns in den Himmel führen.

 

 

Don Ramón und seine „Sprüche“

– Nachträgliches Vorwort. –

Zunächst: Der Mann heißt nicht de la Serna, sondern Gómez de la Serna.
Bestehen Sie auf dem Gómez!, sagt er selbst. Er hat also nur einen Nachnamen und nicht die zwei, die Spanier gewöhnlich haben. Aber der eigentliche Name ist ja für den Spanier der Vornahme: so heißt man; der Familienname – das ist gar nicht el nombre; sondern etwas anderes – el apellido. Und der Vorname lautet in unserem Fall Ramón. Also, mit der zugleich vertraulichen und maßvoll ehrerbietigen Anrede, die nur mit dem Vornamen verbunden werden darf: Don Ramón.
„Ramonismo“ heißt eine der beiden Gattungen, die auf Don Ramón zurückgehen (da handelt es sich um bestimmt geartete kurze Prosaskizzen); die andere, wichtigere Gattung – und nur um die geht es hier − heißt Greguería: zu sprechen, bitte, ohne das u und zu betonen, wie der Akzent angibt, auf dem í: gregería. Welcher neuere Autor darf sich rühmen, gleich zwei literarische Gattungen, zwei kleine Formen, begründet zu haben?
Um an Ramóns „Sprüchen“ Spaß zu finden, wie sie Rudolf Wittkopf ausgewählt und trefflich, ja vortrefflich übersetzt hat, um sich in sie zu vernarren – dies kann geschehen −, muß man im Grunde nichts über die Gattung wissen, auch nichts über den Autor. Diese Sätze – „Nicht der Masse qualvoll abgerungen, / Schlank und leicht, wie aus dem Nichts entsprungen“ – sprechen beredt und sehr buchstäblich für sich selbst. Sie haben auch nichts spezifisch Spanisches und setzen, ungleich bestimmten britischen Skurrilitäten, einen spezifischen Humor nicht voraus. Nur eben Humor und – aber dies ist eigentlich dasselbe – Nachdenklichkeit. Und Aufmerksamkeit, poetische Aufmerksamkeit. Allerdings: die knappe Auswahl, wie sie hier vorgelegt wird, mußte wirklich einer enormen Masse und gewiß nicht ohne ein wenig Qual abgerungen werden: die gewaltige Zahl 10.000 (in Worten: zehntausend) nennt der Autor selbst; soviele Greguerías ungefähr habe er insgesamt von sich gegeben.
Don Ramón war eben furchtbar fruchtbar, und er schrieb durchaus nicht nur Greguerías, aber Greguerías schrieb er unentwegt. Leicht segelten sie seiner Aufmerksamkeit zu. „Seit 1910, seit fünfzig Jahren, widme ich mich der Greguería. Sie entstand an jenem Tag des Zweifels und der Müdigkeit, als ich, Gefäß um Gefäß, alle Ingredienzien meines Laboratoriums zusammenmischte und aus Präzipitat, Reinigung und völliger Auflösung desselben die Greguería hervortrat.“ So beginnt, kaum erhellend, Don Ramón das vierzig Seiten starke Vorwort zur sechsten Auflage (1960) seiner eigenen Auswahl an Greguerías.

Was ist eine Greguería? Wie immer drängt sich die schwierige Unterscheidung zwischen Form und Inhalt auf. Bleiben wir zunächst beim Formalen. Wo aber beginnt das Inhaltliche und hört das Formale auf? Nun, eine Greguería ist vor allem kurz; meist besteht sie nur aus einem – zudem kurzem – Satz: ein Textsatz, ein Satz, der also schon ein ganzer in sich runder, aber suggestiv offener Text ist. Oft hat er die schlichte Form einer Definition, und eigentlich ist die Greguería eine Definition. Eine Definition, die gleichsam treffend neben der Sache liegt: eine poetische Definition, Produkt poetischer Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit lauert entspannt auf die poetische Potenz der Dinge. Sie läßt sich frappieren. Die Greguería ist eine Metapher, aber eine Metapher mit Humor. So lautet Don Ramóns eigene Formel: „Humor+Metapher=Greguería“, „Humorismo+metáfora=greguería“. Die Schwierigkeit ist, daß „humorismo“ nicht genau dasselbe meint wie „Humor“. Nicht um Witz und Lustigkeit und Humor geht es primär, obwohl diese nicht fehlen, sondern um eine rezeptive Gesamthaltung, die sich mit „Humorigkeit“ bezeichnen ließe: poetisch disponierte Humorigkeit. Die Greguería ist somit kein Aphorismus. Von ihm natürlich ist sie vor allem abzusetzen. Sie ist kein gedankliches Kondensat, sie sucht nicht Sinn oder gar Tiefsinn. Sie nimmt ihn allenfalls, wenn er sich einstellt, als ungewollte Nebenwirkung in Kauf: sie hat nichts gegen ihn, sucht aber wirklich nicht ihn, sondern etwas anderes. Sie huldigt – man möchte sagen: phänomenologisch – der Tiefe der Oberfläche, dem scheinenden Schein. Formal – noch immer formal, aber es ist formal in einem schon inhaltlichen Sinn – ist die Welt der Greguerías bestimmt durch einen heiter radikalen Indifferentismus. Man könnte auch wohl von Nihilismus sprechen. Warum nicht? Wir sind in Nietzsches Nähe: ästhetische Rechtfertigung der Welt; die Welt ist gerechtfertigt nur – aber völlig ausreichend – als ästhetisches Phänomen. Auf Don Ramón angewandt: die Welt ist gut, insofern sie Anlaß gibt zu Greguerías…

Hans-Martin Gauger, Aus Nachträgliches Vorwort

Die Greguería

(„Kauderwelsch“, „Durcheinanderreden“ ist damit gemeint), 1910 von Gómez de la Serna als Bezeichnung und als Gattung erfunden, gilt als einer der originellsten Beiträge zur modernen Literatur Spaniens. Greguerías sind poetische Definitionen; sie enthüllen uns die geheime Verwandtschaft der Dinge. Sie sind keine Sprichwörter, keine Aphorismen und erst recht keine gebündelten Lebensweisheiten. Leicht und heiter beschreiben sie eher die Tiefe der Oberfläche.

Straelener Manuskripte Verlag, Ankündigung, 1994

 

Die Anchovis in der Olive

– Die poetische Ader der Dinge. –

Gómez de le Serna erklärt uns die Verwandtschaft der Dinge. Als Ramón Gómez de la Serna 1963 fünfundsiebzigjährig in Buenos Aires starb, beklagte der Lyriker Luis Cernuda in seinem Nachruf die Undankbarkeit der Spanier gegenüber einem ihrer größten Schriftsteller, den er Proust, Eliot, Rilke, Joyce und Gide als gleichrangig an die Seite stellte. Dankbar zeigten sich nur jene von Gómez de la Sernas Lesern, die selber schrieben. So reihte sich vor und hinter Cernuda immerhin George Luis Borges, Walter Benjamin, Pablo Neruda, Pedro Salinas und Octavio Paz in die Schlange der Bewunderer ein. Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied trennt freilich Ramón – wie ihn seine Freunde nannten – von den genannten Großmeistern und auch von den erfolgreicheren unter seinen Nachahmern, zu denen beispielsweise Gabriel García Márquez zu rechnen wäre: Während seiner lebenslang rastlosen journalistischen und literarischen Tätigkeit bändigte Gómez de la Serna seinen Einfallsreichtum und seine überbordende Schaffenskraft nicht durch die Struktur eines Werkes, dauerhafter als Erz oder mächtig aufragend wie eine gotische Kathedrale, sondern machte das Spiel und die Zerstreuung zu seinen Lebens- und Schreibprinzipien. Zwar hat er als Biograph, Essayist und Romancier Vortreffliches geleistet; in Erinnerung bleibt er aber vor allem als Chronist der Stadt Madrid und Erfinder seiner ureigenen Ausdrucksform, der „Greguería“.
Die Etymologie, der „nicht eßbare Kern“ des Wortes, kommt den Spaniern griechisch („griego“) vor. Kauderwelsch ist damit gemeint, Durcheinanderreden, Vielstimmigkeit. Im Jahre 1961 verehrte der Madrider Verlag Aguilar dem Autor „aus Anlass seiner goldenen Hochzeit mit der Literatur“ eine Gesamtausgabe der Greguerías auf Bibelpapier im Brevierformat; in dem umfangreichen Vorwort bestimmt der Jubilar die Gattung ex negativo: kein Sprichwort, kein Sinnspruch, kein Epigramm und vor allem, bitte schön, kein Aphorismus! Zwar umfaßt die Greguería meist nur einen Satz und hat oft die Form einer Definition, aber belehren will sie nicht. Sie trifft auch nicht ins Schwarze des menschlichen Herzens, statt desselben plündert sie die Wunderkammer der Analogien. Am besten zitiert man eine Greguería, welche die Ästhetik der Gattung, wenn nicht in der sprichwörtlichen Nuß, so doch in einer anderen kleinen Frucht darbietet: „Der Gipfel menschlicher Kunstfertigkeit ist die Anchovis in der Olive.“ Ein jäher Absturz führt von den Höhen superlativer Allgemeinheit in die konkreten Niederungen des Alltags. Der naturgegebene Stein wurde künstlich durch das schmackhafte kleine Fischfilet ersetzt, so dass Land und Meer im Mund zusammenfinden. Nicht von symbolbefrachteten Nahrungsmitteln wie Brot und Wein ist die Rede, sondern von einem pikanten Appetithappen, den die Spanier beim nächtlichen Kneipenbummel als Beilage zu Bier, Rotwein oder Sherry schätzen. Was die Natur getrennt hervorgebracht hat, vereint für den Genießer die Kunst.
Ramón schenkt seine Zuneigung dem Kleinen und Augenblickhaften; er kultiviert eine Empfänglichkeit für den Zufall der Einfalt. Gerade die thematisch einander ähnlichen Greguerías beweisen seine Fähigkeit, die verschiedenen Facetten eines Gegenstandes unter immer neuen Blickwinkeln auffunkeln zu lassen: „Siphonflasche: Pistole gegen den Durst“ oder „Die Siphonflasche ist das Mannequin des Wassers“. Der Perspektivenwechsel im Metapherngebrauch befördert den Relativismus und die Erneuerung des Denkens; Ramóns Analogien gehorchen jenem kategorischen Imperativ der Innovation, der die künstlerischen Avantgarden des zwanzigsten Jahrhunderts von Anbeginn beherrschte: „Wenn die Welt am Anfang nicht neu gewesen wäre, hätte sie nicht beginnen können. Der Eintritt in neue Zeiten erfordert neue Formen, neue Erfindungen.“
Manchmal versteckt sich die Ähnlichkeit hinter einem Wortspiel oder wird dem Leser sonstwie als Rätsel aufgegeben, etwa „Der Floh macht den Hund zum Gitarristen“. Für Spanier gewinnt die Anthologie dadurch an zusätzlicher Prägnanz, daß für „kratzen“ und „auf einer Gitarre herumklimpern“ das gleiche Verb zur Verfügung steht („rascar“). Hier ist die Nähe zur barocken Concetto-Rhetorik unübersehbar. Mitunter kippt das moderne Lob des flüchtig Schönen in die althergebrachte Vergänglichkeitsoptik um: „Alle deine Ringe werden für deine Skeletthand zu groß sein.“ Auch in der gesuchten Verbindung des Ingeniösen mit dem Grotesken, des Erhabenen mit dem Trivialen knüpft Gómez de la Serna an eine spezifisch spanische Tradition an, die von Quevedo über Goya bis zu Valle-Inclán reicht und dezidiert antiklassizistisch ist. Nicht umsonst widmete Ramón jedem dieser Meister des Wortspiels und des schwarzen Humors eine eigene Lebensbeschreibung. Nur weil er die Trennung zwischen hoch und niedrig nie anerkannt hat, vermag er den Tag des Jüngsten Gerichts im Waschtag wiederzuentdecken: „Die Seele verläßt den Körper, als wäre sie das Unterhemd, für das der Waschtag gekommen ist.“
Rudolf Wittkopf hat aus zehntausend gut vierhundert Greguerías ausgewählt und pointiert ins Deutsche übersetzt, Hans-Martin Gauger steuerte einen ebenso vergnüglichen wie informativen Essay bei und Klaus Detjen einige Tuscheskizzen. Lediglich Fetischisten werden von dem hübschen Band enttäuscht sein, denn zur Vollkommenheit fehlt ihm ein Lesezeichen, und „die Lesebändchen sind aus Trägerchen von Damenhemden gemacht“.

Max Grosse, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.4.1995

 

Ode an Ramón Gómez de la Serna

Ramón
hält sich verborgen,
haust in seiner Grotte,
ein Bär aus Zuckerwerk.
Wagt nur nachts sich hervor
und turnt auf den Ästen
in der Stadt und erntet
trikolorne Kastanien,
zackenstarrende Pinienzapfen,
Küchennelken, Gewitterkämme,
safrangelbe tote Fächer,
verlorene Augen an Straßenecken,
und kehrt heim mit seinem Schnappsack
in sein Hinterandenschlupfloch,
das mit langen Haaren gepolstert
und mit Himmelsohren bestückt ist.

Voller Furcht kehrt er nach Hause
vor dem Klopfen an seiner Türe,
vor dem Ungestüm, mit dem die
Flieger
in den Weltraum streben,
vor der Kälte,
die von Spanien
in Lianen kriecht, in Menschen,
in die Fahnen, Ingenieure.
Furcht vor allem.
Drinnen hat er in seiner Höhle
Verpflegung gelagert
fürs Wandern
und ernährt sich
von düster Hellem
und von Orangen:

Doch auf einmal
leuchtet, blitzt es
aus seiner Lampe,
und der ultraviolette
Lichtstrahl
in der Mitte seiner Stirne
überglänzt unseren Längsschnitt, unser Fest,
zeigt uns einen neuen Kalender
mit Freitagen, die sind tiefer,
Donnerstagen wie das brüllende Meer,
all das prall, das alles
ausgereift samt seinen Sphären,
denn der da enthüllt das Universum,
heißt Ramón, und stößt er
in die Perlmuttblüte, in seine Trompete,
sprudeln Bäche,
zeigt das Schweigen seine Kategorien.

O König Ramón,
Gebieter
im Geiste,
überschwenglicher
Dirigent
fragenstellender Dichtung,
Hirt du geheimer
Parabeln, Urheber
des Morgendämmers und seiner
hilflosen
Erdumwälzung,
hastiger
und bedächtiger
Dichter
mit so vielen Wenn und Aber,
mit soviel blinden Augen,
denn obgleich Ramón
alles sieht,
erzürnt er doch
und verschwindet,
verliert sich in der Wolke
des Mondentintenfisches,
und der alles auszusprechen
imstande ist
und willkommen zu heißen, was da kommt und was geht,
beugt sich jäh
über Vorgestriges und rennt sich
an der Sonne der Geschichte den Kopf ein,
und bei dem Aufprall stieben schwarze Funken
ohne den Stromstoß seiner Empörung.

Ich schreibe in Isla Negra,
konstruiere
Brief zugleich und Dichtung.
Zerbrochen war der Tag
wie die antike Statue
einer Meeresgöttin, die man soeben,
naß von Tränen und von Schlick,
aus ihrem kühlen Bette geborgen,
und vor der Ruhelosigkeit des Meeres,
die bloßlegt,
und seines Sandes
fiel mir der Dichter ein
und sein Bemühen,
die strahlende Beharrlichkeit seines Gischtes,
der kommende Wind seiner Wellen.

Drum habe ich Ramón
gewidmet
meine morgendlichen Hymnen,
meine sich schlängelnde
Schönschrift,
auf daß ihm, wenn er
hervortritt
aus seinem schmucken Gürteltierturmbau,
entgegenweht heiter
der große, der chilenische Luftzug
und sein Zaubererhut glitzert
und ausstreut all seine Sterne.

Pablo Neruda

 

Fakten und Vermutungen zum Autor und seinem Werk

 

Monolog von Ramón Gómez de la Serna 1928.

 

Ein Film über Ramón Gómez de la Serna.

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