Richard Pietraß: Zu Eberhard Häfners Gedicht „kopfstand“

Im Kern

Im Kern

– Zu Eberhard Häfners Gedicht „kopfstand“ aus dem Band Eberhard Häfner: Syndrom D. –

 

 

 

 

EBERHARD HÄFNER

kopfstand

hier beginnt die baumgrenze
verehrter schäferhund
jetzt bist du wieder wolf von assisi
deine winde stinken nicht
in der grauzone
wirst du die madonna reißen
im voraus
feiern wir den tag der zündung
soll keiner bedauern
ins mark hinein frieren
zweibeiniges wölflein
unter den völkern wird frieden sein
aus kühlem grund
sind moskitos besser dran
beteiligt
sind wir alle
tage
öffnet dir der mond sein fenster

1984

 

Im grünen Bereich

Mitten im Zweiten Weltkrieg in Steinbach-Hallenberg geboren und bis in die achtziger Jahre in Erfurt zuhaus, gehörte der sanfte Mansardenbewohner zur Szene des Prenzlauer Bergs. Sein menetekelhaftes Gedicht findet sich in seinem 1989 im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar erschienenen Band Syndrom D, der schon untrügliche Zeichen bröckelnder Zensur zeigt. Denn die staatstragende Grenze gehörte zu den heiligsten Kühen, die nicht grotesk thematisiert und damit durchlöchert werden durften. Die sinnkippende Sprachkunst des Wortartisten vermag es, zugleich zu erheitern wie auch – wo ist der Gefrierpunkt für Blut? – uns das Blut in den Adern erstarren zu lassen. Der zum „Wolf von Assisi“ mutierende Hütehund und Vogelheilige wird zur madonnenreißenden Bestie. Dennoch läßt es sich der menschenfreundliche Autor nicht nehmen, in die Rolle des Propheten zu schlüpfen, der es sich, singend im Wald – wir schaffen das – nicht nehmen läßt, dem „zweibeinigen Wölflein“ künftigen Völkerfrieden zu weissagen. Wir Tsunamigeschockten, in unserem grenzen- und hautlosen Land hin und her gerissen zwischen Güte und Geiz, Angst und Zorn, machen uns angesichts überforderter Politiker mit diesem hellsichtigen Gedicht unseren ohnmächtigen Kehrreim auf die mörderischen Seiten der kriegsentwerteten Lebens- und Selbstschutzmedaille. Während die globalen Moskitos jede Notnacht ihr Blut und ihren Honig saugen, mag es den Verzweifelten scheinen, als bliebe am Ende nur das lichte Fenster des unwirtlichen Mondes.

Richard Pietraß

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