Walt Whitman: Grashalme

Whitman-Grashalme

DICHTER DER ZUKUNFT

Dichter der Zukunft! Redner, Sänger,
aaaaaMusiker der Zukunft!
Nicht das Heut wird mich rechtfertigen,
aaaaanoch kann es Antwort geben, wozu ich bin,
Ihr aber, ein neues Geschlecht, einheimisch, athletisch,
aaaaakontinental, größer als alle bisherigen,
erhebt euch! Denn ihr müßt mich rechtfertigen.

Ich selber schreibe nur ein, zwei Worte, die andeuten
aaaaadie Zukunft,
ich trete nur für einen Augenblick hervor,
aaaaaum mich zu wenden und gleich ins Dunkel wieder
aaaaazu tauchen.

Bin ein Mann, der dahinschlendert, doch nie anhält,
aaaaader einen flüchtigen Blick euch zuwirft
aaaaaund dann das Gesicht wieder abkehrt,
der es euch überläßt, zu beweisen und zu erklären,
und der die Hauptsache von euch erwartet.

 

 

Vorwort zur Erstausgabe der Grashalme 1855

Amerika lehnt die Vergangenheit nicht ab oder was sie in ihrer jeweiligen Sonderheit hervorgebracht hat, unter anderer Staatskunst oder der Auffassung einer Klassenherrschaft oder den alten Religionen – es nimmt die Lehren gelassen hin, ist nicht ungeduldig, weil es äußerlich noch an Ansichten, Sitten und einer Literatur festhält, während das Leben, seinen Bedürfnissen gehorchend, in die neuen Formen des neuen Lebens übergegangen ist – es spürt, daß der Leichnam langsam aus dem Eß- und Schlafzimmer des Hauses getragen wird, es spürt, daß er kurze Zeit an der Tür verweilt – daß er für seine Zeit der Tauglichste war – daß sein Wirken sich vererbt hat auf den starken, wohlgestalten Erben, der nun naht – und daß dieser der Tauglichste sein wird für seine Zeit.
Die Amerikaner haben unter allen Nationen aller Zeiten auf dieser Erde wahrscheinlich die vollkommenste poetische Natur. Die Vereinigten Staaten selbst sind im Grunde das größte Gedicht. In der bisherigen Geschichte der Erde erscheinen die weiträumigsten und tatenfreudigsten Staaten zahm und ruhig neben ihrem viel größeren Raum und Tatendrang. Hier endlich ist im Tun des Menschen etwas, was dem gewaltigen Wirken von Tag und Nacht entspricht. Hier, aller Fesseln ledig, ist Tatkraft, notwendigerweise blind für Besonderheiten und das einzelne, großartig in Massen sich bewegend. Hier waltet Gastlichkeit, die zu jeder Zeit Merkmal von Helden ist. Hier breiten die Vollendung allen Tuns, die das Gewöhnliche verachtet, unvergleichlich in der gewaltigen Kühnheit ihrer Menschenmengen, und der Antrieb ferner Zukunft sich in uneingeengter fließender Weise aus, ihren fruchtbaren herrlichen Überfluß verströmend. Man sieht, dieses Land hat wirklich des Sommers und des Winters Fülle, und es kann niemals zugrunde gehen, solange Korn aus dem Boden wächst, in Obstgärten Apfel von Bäumen fallen, in Buchten Fische schwimmen und Männer mit Frauen Kinder zeugen.
Andere Staaten treten durch ihre Bevollmächtigten in Erscheinung – aber der Genius der Vereinigten Staaten zeigt sich nicht am besten oder reinsten in ihren Exekutiv- oder Legislativkörperschaften, nicht in ihren Gesandten und Schriftstellern, ihren Universitäten, Kirchen oder Salons, auch nicht in ihren Zeitungen oder in ihren Erfindern – sondern immer am reinsten im gemeinen Volk aller Staaten des Südens, Nordens, Westens, Ostens, in seiner ganzen machtvollen Weite. Indessen, die Größe der Nation wäre ohne eine entsprechende Größe und Großmut des Geistes ihrer Bürger monströs. Weder dichtbevölkerte Staaten noch Straßen und Dampfschiffe, weder blühender Handel noch Farmen, Kapital und erworbenes Wissen können dem Ideal eines Menschen – auch dem Dichter nicht – genügen. Ebensowenig können Traditionen genügen.
Eine lebendige Nation kann allzeit ihr Gepräge geben und höchste Autorität auf einfachstem Wege erlangen – nämlich aus der eigenen Seele heraus. Das ist der höchste Grad einträglichen Nutzens von einzelnen wie von Staaten und von augenblicklicher Wirksamkeit und Großartigkeit und der Themen der Dichter. (Als ob es nötig wäre, den Weg zur Überlieferung des Ostens Generation um Generation zurückzutrotten! Als ob die Schönheit und Heiligkeit des Sichtbaren hinter der des Mythischen zurücktreten müsse! Als ob die Menschen sich nicht zu jeder Zeit ihr eigenes Gepräge geben könnten! Als ob die Erschließung des westlichen Kontinents durch Entdecker und das, was aus Nord- und Südamerika geworden ist, geringer wäre als das kleine Schauspiel der Antike oder das ziellose Schlafwandeln des Mittelalters!) Der Stolz der Vereinigten Staaten kehrt sich ab von der Wohlhabenheit und der Eleganz der Städte, von allem Gewinn aus Handel und Landwirtschaft, von aller geographischen Größe und dem Glanz äußerer Siege, um sich zu erfreuen am Anblick und der Vergegenwärtigung vollentfalteter Menschen oder eines vollentfalteten unbezwingbaren einfachen Menschen.
Amerikas Dichter sollen das Alte wie das Neue fassen, denn Amerikas Geschlecht wird von keinem übertroffen. Der Ausdruck des amerikanischen Dichters soll außergewöhnlich sein und neu. Er soll indirekt sein, nicht direkt oder beschreibend oder episch. Sein Wert wird dadurch nur höher. Laßt die Zeiten und Kriege anderer Nationen besungen, ihre Geschichtsepochen und ihr Wesen geschildert sein und ihr Gedicht beendet. Nicht so das Hohelied der Republik. Hier bleibt das Thema schöpferisch, hat Ausblick. Was auch immer zum Stillstand kommt unter dem Geheiß von Sitte, Abhängigkeit oder Gesetz, der große Dichter kennt keinen Stillstand. Abhängigkeit ist nicht sein Meister, er meistert sie. Hoch oben steht er, außer Reichweite, und läßt ein in einem Punkt zentriertes Licht kreisen – er dreht die Achse mit seinem Finger – er verwirrt die schnellsten Läufer, da er da steht; und leicht besiegt er sie und verhüllt sie. Der Zeit, die sich zur Treulosigkeit, Konfektion und Verhöhnung hin verirrt, gebietet er durch stete Treue Einhalt. Treue ist das Antiseptikum der Seele – sie durchdringt breit das einfache Volk und verleiht ihm Beständigkeit, und dieses gibt nie mehr Glaube, Hoffnung und Vertrauen auf. Da ist um einen unwissenden Menschen jene unbeschreibliche Frische und Unbewußtheit, die aller Macht des edelsten ausdrucksreichsten Genius spottet und sie demütig macht. Der Dichter erkennt mit Sicherheit, daß einer, der kein großer Künstler ist, ebenso begnadet und vollkommen sein kann wie der größte Künstler.
Zu vernichten oder umzugestalten, diese Macht wird von dem größten Künstler großzügig geübt, selten aber die des Angriffs. Was vergangen, ist vergangen. Schafft er nicht höhere Vorbilder und bewährt er sich nicht durch jeden Schritt, den er tut, ist er nicht das, was man erwartet. Das Wesen des großen Dichters, obsiegt – nicht Reden noch Kämpfen oder vorbereitete Anschläge. Schau ihm nach, nun ist er diesen Weg gegangen! Keine Spur von Verzweiflung oder Menschenhaß, weder List noch Unnahbarkeit, keine Schmach der Geburt oder Hautfarbe, weder das Blendwerk der Hölle noch die Armseligkeit der Hölle – und kein Mensch wird hinfort wegen Unwissenheit, Schwäche oder Sünde erniedrigt werden. Der größte Dichter kennt nichts Kleinliches, keine Nebensächlichkeit. Haucht er seinen Atem in etwas, was zuvor als klein galt, so weitet es sich in die Größe und Lebensfülle des Universums. Er ist ein Seher – er ist individuell – ist in sich selbst vollkommen – die anderen sind ebensogut wie er, nur, er sieht es und sie nicht. Er stimmt nicht ein in den Chor – er macht vor keiner Vorschrift halt – er ist es, der Vorschriften gibt. Was die Sehkraft für die anderen Sinne, das ist er für die anderen Menschen. Wer kennt das wunderbare Geheimnis der Sehkraft? Die anderen Sinne bestätigen einander, sie aber ist jedem Beweis entrückt, außer dem in sich selbst, und ist ein Vorläufer der Identitäten der geistigen Welt. Ein einziger Blick von ihr spottet aller Forschungen des Menschen, aller Instrumente und Bücher auf Erden und allen Verstandes. Was ist wunderbar? Was unwahrscheinlich, unmöglich, grundlos, unbestimmt – nachdem du einmal den Lidspalt, schmal wie eines Pfirsichs Narbe, geöffnet hast, und alle Nähe und Ferne, der Sonnenuntergang und alle Dinge in dich eingedrungen sind mit elektrischer Schnelle, sacht und in aller Ordnung, ohne Verwirrung, Stoßen und Drängen?
Land und Meer, die Tiere, Fische und Vögel, das Gewölb des Himmels und seine Gestirne, die Wälder, Gebirge und Flüsse sind keine geringen Themen – doch die Menschen erwarten vom Dichter mehr, nicht, daß er nur die Schönheit und Würde weist, die allen stummen greifbaren Dingen eignet – sie erwarten von ihm, daß er den Pfad aufzeige zwischen der Wirklichkeit und ihren Seelen. Männer und Frauen gewahren die Schönheit durchaus – wahrscheinlich ebensogut wie er. Die leidenschaftliche Ausdauer von Jägern, Holzfällern, Frühaufstehern, Garten-, Obst- und Ackerbauern, die Liebe gesunder Frauen zur männlichen Gestalt, zu Seefahrern und Rosselenkern, die Leidenschaft für Licht und Luft, all das sind seit je mannigfaltige Anzeichen des unfehlbaren Schönheitssinnes und der Poesie, die den Menschen innewohnt, die im Freien leben. Ihnen nutzt beim Wahrnehmen die Hilfe des Dichters nichts – einige würden sich ihrer bedienen, aber sie können es nicht. Der poetische Wert ist nicht durch Reim und Gleichmaß gegeben oder durch abstraktes Rühmen der Dinge, noch liegt er in melancholischen Klagen oder trefflichen Lehren, er ist das Leben dieser Dinge selbst und noch vieles mehr, er ruht in der Seele. Der Nutzen des Reims besteht darin, daß er Samen legt für einen noch wohllautenderen und volleren Reim, und der des Gleichmaßes, daß er sich den eigenen unsichtbaren Wurzeln überträgt. Reim und Gleichmaß vollkommener Gedichte weisen das freie Wachstum metrischer Gesetze auf und knospen aus ihnen ebenso untrüglich und zwanglos wie Flieder und Rosen am Busch und nehmen Gestalt an, die ebenso fest ist wie die von Kastanien, Orangen, Melonen und Birnen, und verströmen Duft, um ihm unspürbar Gestalt zu verleihen. Fluß und Schönheit der gelungensten Dichtwerke, der Musik, Rede oder Rezitation sind nicht selbständig, sondern abhängig. Alle Schönheit kommt aus schönem Blut und einem schönen Gehirn. Wenn alles, was groß ist, in einem Mann oder einer Frau zusammenfindet, so ist es genug – diese Tatsache wird durch das ganze Weltall hin Geltung haben; alles Einschränkende und der äußere Glanz von Jahrmillionen wird jedoch keine Geltung haben. Wer seiner Schönheit und seines Wortflusses wegen sich ängstigt, ist verloren. Was du tun sollst, ist dies: Liebe die Erde, die Sonne und die Tiere, verachte Reichtümer, gib jedem, der da bittet, tritt ein für die Unwissenden und Schwachsinnigen, widme dein Einkommen und deine Arbeit anderen, hasse Tyrannen, streite nicht wider Gott, habe Geduld und Nachsicht für deine Mitmenschen, zieh den Hut vor nichts Bekanntem oder Unbekanntem, vor keinem Menschen und vor keiner Menschenmenge – gehe frei mit starken einfachen Menschen um, mit jungen Leuten und Müttern der Familien – überprüfe alles, was du in Schule und Kirche oder aus irgendeinem Buch gelernt hast, und verwirf, was auch immer deine Seele beleidigt; und dein leibhaftiges Fleisch und Blut sollen ein großes Gedicht sein und reichsten Fluß haben, nicht in Worten nur, auch in den stummen Linien der Lippen und des Gesichts und zwischen dem Zucken deiner Lider und in jeder Bewegung, jedem Gelenk deines Körpers. Der Dichter soll seine Zeit nicht in unnützer Arbeit vertun. Er soll wissen, der Boden ist bereits gepflügt und gedüngt; andere mögen es nicht wissen, er aber soll es wissen. Er soll geradewegs an die Schöpfung herangehen. Sein Vertrauen soll das Vertrauen aller Dinge meistern, die er berührt – es soll alle Neigungen meistern.
Das ganze uns bekannte Universum hat einen wahrhaft Liebenden, und das ist der größte Dichter. Er verschwendet sich in ewiger Leidenschaft und ist unbekümmert darum, was ihm das Schicksal bringt, welch mögliche Zufälligkeiten an Glück oder Unheil, er erringt täglich und stündlich seinen köstlichen Lohn. Was andere hemmt oder zerbricht – ihm ist es Nahrung nur für das Feuer seines Verlangens nach Vereinigung und Liebeslust. Anderer Fähigkeit zur Freude schwindet zu nichts vor der seinen. Alles, was man vom Himmel oder vom Höchsten nur erwarten kann, bewegt ihn innig, beim Anblick der Morgendämmerung oder der Szenerie des Winterwaldes oder in der Gegenwart spielender Kinder oder wenn er den Arm um den Nacken eines Mannes oder eines Weibes legt. Seine Liebe hat mehr denn alle andere Liebe Muße und Raum – Raum über ihn selbst hinaus. Er ist kein zaghafter, kein argwöhnischer Liebhaber – er ist zuversichtlich, er verschmäht Distanz. Sein Erleben, seine Schauer und Erschütterungen sind nicht umsonst. Nichts kann ihn abschrecken – Leiden nicht noch Finsternis – nicht Tod noch Furcht. Ihm sind Klage, Eifersucht und Neid Leichname, begraben und im Erdreich verfault – er sah sie in die Grube fahren. Die See ist ihres Ufers nicht gewisser oder das Ufer nicht der See als er des Genusses seiner Liebe und aller Vollkommenheit und Schönheit.
Der Genuß der Schönheit ist keine Sache von Glück oder Zufall −, er ist so unumgänglich wie das Leben – ist wirklich und gewichtig wie die Schwerkraft. Vom Augenlicht geht ein anderes Augenlicht aus und vom Hören ein anderes Hören und von der Stimme geht eine andere Stimme aus, ewig begierig auf die Harmonie zwischen dem Menschen und den Dingen. Diese verstehen das Gesetz der Vollendung in Menschenmengen und -fluten: daß es verschwenderisch ist und gerecht – daß es nicht eine Minute des Lichts oder des Dunkels gibt, nicht ein Geviert Erde oder Meer ohne es – nicht eine Richtung des Himmels noch irgendein Gewerbe oder eine Beschäftigung noch den Ablauf irgendeines Geschehens. Dies ist der Grund dafür, daß im eigentlichen Ausdruck der Schönheit Genauigkeit herrscht und Ausgewogenheit. Kein Teil braucht den anderen zu übertreffen. Nicht wer die zarteste und kraftvollste Stimme hat, ist der beste Sänger. Nicht durch den schönsten Klang und das schönste Maß haben wir Gefallen an Gedichten.
Ohne Anstrengung, ohne im geringsten darzulegen, wie es zustande kommt, bringt der größte Dichter den Geist jeder Begebenheit und Leidenschaft, von Bild und Mensch hervor, manchmal mehr, manchmal weniger stark, so beim Hören oder Lesen deine eigene Persönlichkeit formend. Dieses gut zu vollbringen, heißt sich messen mit den Gesetzen, die der Zeit entsprechen und ihr obliegen. Zweck und Ziel müssen auf jeden Fall erfüllt werden, und der Schlüssel dafür muß vorhanden sein – und der leiseste Hinweis ist der Hinweis auf das Beste und wird so der deutlichste Hinweis. Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft sind nicht getrennt voneinander, sondern vereint. Der größte Dichter gestaltet, was sein wird, folgerichtig aus dem, was ist und war. Er zieht die Toten aus ihren Särgen und stellt sie wieder auf die Füße. Er sagt zur Vergangenheit: Stehe auf vor mir und wandle, auf daß ich dich erkenne! Er lernt von ihr – er stellt sich dorthin, wo die Zukunft Gegenwart wird. Der größte Dichter wirft nicht nur seine Strahlen über Charaktere, Szenen und Leidenschaften – er erklimmt zum Schluß größere Höhen und verleiht allem Vollendung – er läßt die höchsten Gipfel sehen, von denen niemand sagen kann, wozu sie da sind oder was jenseits von ihnen liegt – er leuchtet einen Augenblick auf am äußersten Rand. Am wunderbarsten ist er in einem halbverborgenen letzten Lächeln oder Runzeln der Stirn; durch diesen Blitz im Augenblick des Scheidens wird der, der ihn sieht, für viele Jahre später noch ermutigt oder erschreckt. Der größte Dichter moralisiert nie, er gibt keine Regeln für Moral – er kennt des Menschen Seele. Der Seele eignet der grenzenlose Stolz, niemals eine Lehre oder Erfahrung anzuerkennen als die eigene nur. Aber so groß wie ihr Stolz ist auch ihr Mitgefühl, eines gleicht das andere aus, und keines von beiden kann zu weit gehen, solange es sich mit dem anderen verbindet. Die innersten Geheimnisse der Kunst schlummern in diesem Einssein. Der größte Dichter hat eng zwischen ihnen beiden gelegen, und sie leben ganz in seinen Gedanken, seinem Stil. Die Kunst der Künste, der Glanz der Darstellung und die leuchtende Sonnenhelle der Literatur ist Einfachheit. Nichts ist besser als Einfachheit – nichts kann Übertreibung oder Unbestimmtheit wiedergutmachen. Das Schwellen des Impulses weiterzutreiben, die geistigen Tiefen zu durchdringen und allen Gegenständen Ausdruck zu verleihen sind weder gewöhnliche noch sehr ungewöhnliche Fähigkeiten. In der Literatur aber mit der vollkommenen Richtigkeit und Unbekümmertheit der Bewegung von Tieren, mit der Unanfechtbarkeit empfindsamer Wesen von Bäumen im Wald und vom Gras am Wege zu sprechen, ist der makellose Triumph der Kunst. Hast du einen gesehen, dem das gelungen ist, so hast du einen der Meister unter den Künstlern aller Völker und Zeiten gesehen. Du sollst nicht den Flug der grauen Möwe über der Bucht, den feurigen Schritt des Vollbluts, die vom hochgewachsenen Stengel sich neigenden Sonnenblumen, die Erscheinung der Sonne bei ihrem Lauf am Himmel und die Erscheinung des Mondes danach mit größerem Wohlgefallen betrachten als ihn. Der große Dichter hat nicht so sehr einen ausgesprochenen Stil, vielmehr ist er der Kanal von Gedanken und Dingen ohne Zugabe oder Abschwächung und der freie Kanal seiner selbst. Er gelobt seiner Kunst: Ich will mich nicht aufdrängen, ich will in meinen Arbeiten weder Eleganz noch Effekthascherei noch Originalität haben, die wie ein Vorhang zwischen mir und den anderen hängen. Nichts will ich zwischen uns haben, auch den prächtigsten Vorhang nicht. Was ich sage, bedeutet genau das, was es wirklich ist. Mag, wer will, begeistern, verblüffen, bezaubern oder schmeicheln, meine Ziele wollen die gleichen sein wie die von Gesundheit, Hitze oder Schnee, und wie sie will ich unbekümmert sein, was andere davon halten. Was ich erlebe oder darstelle, soll aus meiner Arbeit ohne eine Spur meiner Tätigkeit hervorgehen. Du sollst neben mir stehen und mit mir in den Spiegel schauen.
Das alte rote Blut und der makellose Adel großer Dichter wird durch ihr ungezwungenes Wesen bewiesen. Ein heldenhafter Mensch schreitet ruhig durch Gewohnheiten, Herkömmlichkeiten und Geltungen, die ihm nicht gemäß sind, hindurch. Kein Charakterzug der Gemeinschaft von bedeutenden Schriftstellern, Gelehrten, Musikern, Erfindern und Künstlern ist so vortrefflich wie der schweigende Trotz, der aus neuen freien Gestaltungen vorwärtsdrängt. Im Bedürfnis nach Dichtung, Philosophie, Politik, Technik, Wissenschaft, Arbeitsweise, Kunstfertigkeit, nach einer angemessenen großartigen ursprünglichen Oper, der Schiffsbaukunst oder jeglicher Handwerkskunst, ist für allezeit der Größte, der das größte neuartige praktische Beispiel liefert. Das ist der reinste Ausdruck, der keine geistige Sphäre seiner selbst würdig findet und sich selbst eine schafft.
Die Botschaft großer Dichtungen an alle Menschen lautet: Kommt als Gleichberechtigte zu uns, nur dann könnt ihr uns verstehen. Wir sind nicht besser als ihr; was in uns ist, das ist auch in euch, woran wir uns erfreuen, daran könnt ihr euch auch erfreuen. Meintet ihr, es könnte nur einen einzigen Höchsten geben? Wir versichern, daß es ungezählte Höchste geben kann und daß der eine den anderen ebensowenig aufwiegt wie ein Augenlicht das andere – und daß die Menschen nur durch das Bewußtsein ihrer eigenen Hoheit gut und groß sein können. Worin, glaubt ihr, liegt die Größe der Stürme und Verheerungen, der verlustreichsten Schlachten und Schiffbrüche, der wildesten Wut der Elemente und der Gewalt des Meeres und des Kreislaufs der Natur, der tiefen Schmerzen menschlichen Sehnens, der Würde, des Hasses und der Liebe? Es ist jenes Etwas in der Seele, das uns sagt: Wüte weiter, wirble fort und fort, ich wandle hier und überall als Herr – Herr über die Zuckungen des Himmels und des Meeres Zerschmettern, Herr über Natur und Leidenschaft und Tod, über alle Schrecknisse, alle Qual.
Die amerikanischen Sänger, sollen durch Großmut, Wohlwollen und durch die Ermutigung ihrer Gefährten gekennzeichnet sein. Sie sollen, ohne Ausschließlichkeit und Heimlichkeit, welthaltig sein; sie sollen glücklich sein, jedem alles zu übermitteln – Tag und Nacht dürstend nach Wesensgleichen. Sie sollen nicht nach Reichtum trachten und Privileg – sie sollen selber Reichtum und Vorrecht sein – sie sollen spüren, wer der überströmendste Mensch ist. Der Überströmendste ist, der allen Erscheinungen, die er wahrnimmt, entgegentritt, kraft des Gegenwertes seines ihm innewohnenden stärkeren Reichtums. Der amerikanische Sänger soll keine besondere Klasse beschreiben, weder eine Interessenschicht noch zwei, nicht vorrangig Liebe noch Wahrheit, nicht vorrangig die Seele noch den Leib – auch nicht die Oststaaten mehr als die Weststaaten oder die Nordstaaten mehr als die des Südens.
Exakte Wissenschaft und ihre praktische Tätigkeit ist für den größten Dichter nicht Hemmnis, sondern stets eine Ermutigung und Stütze. Dort sind Anfänge und Erinnern – dort die Arme, die ihn zuerst emporhoben und ihn am besten hielten – dorthin kehrt er nach all seinem Gehen und Kommen zurück. Der Seefahrer und Reisende, der Anatom, Chemiker, Astronom, Geologe, Phrenologe, Spiritualist, Mathematiker, Historiker und Lexikograph sind keine Dichter, aber sie sind die Gesetzgeber der Dichter, und ihre Erkenntnisse liegen dem Bau jedes vollendeten Gedichtes zugrunde. Gleichviel, was emporwächst oder Ausdruck findet, sie pflanzten den Samen zu der Konzeption – von ihnen kommen, bei ihnen stehen die sichtbaren Zeichen von Seelen. Wenn Liebe und Einverständnis sein soll zwischen dem Vater und dem Sohn, und wenn des Sohnes Größe die Ausstrahlung der Größe des Vaters ist, dann soll auch Liebe walten zwischen dem Dichter und dem Mann der beweisbaren Wissenschaft. Die Schönheit der Dichtung soll künftig Zierde und letzte rühmende Bestätigung der Wissenschaft sein.
Groß ist das Vertrauen in den Strom des Wissens und in die Erforschung der Tiefen von Eigenschaften und Dingen. Eindringen und Einkreisen läßt hier des Dichters Seele wachsen, doch immer ist er Herr seiner selbst. Die Tiefen sind unergründlich, also stumm. Unschuld und Nacktheit werden zurückgewonnen – sie sind weder züchtig noch unzüchtig. Die ganze Theorie vom Übernatürlichen und alles, was damit in Zusammenhang gebracht oder daraus abgeleitet wurde, schwindet wie ein Traum. Was je geschehen – was geschieht und immer auch geschehen mag oder wird, die Gesetze des Lebens schließen alles ein. Sie genügen jedem Fall und allen – keines soll beschleunigt oder verzögert werden −, jedes besondere Wunder einer Begebenheit oder eines Menschen ist unzulässig in diesem weiten offenen System, in dem jede Regung, jeder Grashalm, Gestalt und Geist von Männern und Frauen und alles, was sie betrifft, unsagbar vollkommene Wunder sind, alle aufeinander abgestimmt und ein jedes verschieden und an seinem Platz. Es ist auch unvereinbar mit der Wirklichkeit der Seele, anzunehmen, es gäbe im bekannten Universum etwas, was göttlicher sei als Männer und Frauen.
Männer und Frauen und die Erde und alles, was auf ihr ist, sollen genommen werden wie sie sind, und die Erforschung ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart und Zukunft soll ununterbrochen und mit vollkommener Unparteilichkeit geschehen. Auf dieser Grundlage stellt die Philosophie ihre Betrachtungen an, den Blick immer zum Dichter gewandt, immer das ewige Streben aller zum Glück im Blickfeld, immer in Übereinstimmung mit dem, was den Sinnen und der Seele klar ist. Denn das ewige Streben aller zum Glück macht allein den Kern einer geistig gesunden Philosophie aus. Alles ist belanglos, was weniger umfaßt als dies – was geringer ist als die Gesetze von Licht und astronomischer Bewegung −, als die Gesetze, die den Dieb, den Lügner, den Schlemmer und den Säufer in diesem Leben verfolgen wie zweifelsohne auch danach oder als die unermeßliche Erstreckung der Zeit, das langsame Herausbilden von Dichte oder das geduldige Wachsen geologischer Schichten. Ebenso belanglos ist, so man gegen ein Wesen oder eine Einwirkung kämpft, was Gott in eine Dichtung oder ein philosophisches System legen würde. Gesundheit und Ganzheit kennzeichnen den großen Meister ist ein einziger Bestandteil verdorben, ist alles verdorben. Der große Meister hat nichts mit Wundern gemein. Er sieht die Gesundheit für sich darin, einer der Menge zu sein – er sieht die Abspaltung in besonderem Vorrang. Zur vollkommenen Form gehört eine allgemeine Grundlage. Unter dem allgemeinen Gesetz zu stehen, ist etwas Großes, denn das heißt, mit ihm in Einklang stehen. Der Meister weiß, daß er unsagbar groß ist und daß alle unsagbar groß sind – daß zum Beispiel nichts größer ist, als Kinder zu empfangen und sie gut aufzuziehen – daß zu sein ebenso groß ist wie wahrzunehmen und zu erzählen.
Für das Werden großer Meister ist die Idee der politischen Freiheit unerläßlich. Freiheit findet Helden als Anhänger, wo immer Männer und Frauen leben – niemals aber findet sie treuere Anhängerschaft und heißeres Willkommen als bei den Dichtern. Sie sind die Stimme und die Verkörperung der Freiheit. Sie sind seit Menschengedenken dieser großen Idee würdig – ihnen ist sie anvertraut, und sie müssen sie hüten. Nichts hat Vorrang vor ihr, nichts kann sie beirren oder erniedrigen.
Da die Eigenschaften der Dichter des Kosmos in ihrem leibhaftigen Körper konzentriert sind und in ihrem Gefallen an den Dingen, haben sie den Vorzug der Echtheit vor aller Erfindung und Schwärmerei. Wenn sie sich verströmen, werden alle Dinge mit Licht übergossen – das Tageslicht ist aufgehellt mit flüchtigerer Helligkeit −, und die Tiefe zwischen Sonnenauf- und -untergang wird um vieles tiefer. Jeder bestimmte Gegenstand, jeder Zustand, jede Vereinigung, jeder Vorgang stellt eine besondere Schönheit dar – das Einmaleins die seine – das Alter die seine – das Zimmermannshandwerk die seine, die Große Oper die ihre – der scharfbugige Riesenrumpf des New-Yorker Schnellseglers auf See, unter Dampf oder vollen Segeln, leuchtet in unvergleichlicher Schönheit – die weiten, in Eintracht handelnden Kreise der Regierung Amerikas leuchten in gleicher Weise – und die gewöhnlichsten, klar umrissenen Vorhaben und Handlungen in gleicher Schönheit. Die Dichter des Kosmos schreiten durch alle Hindernisse, Barrieren, durch Aufruhr und Kriegslisten hindurch zu den höchsten Prinzipien. Sie sind nützlich – sie befreien die Armut von ihrer Not und die Reichen von ihrem Dünkel. Du mächtiger Besitzender, sagen sie, sollst nicht mehr zu Geld machen, nicht mehr erreichen als irgendein anderer. Eigentümer der Bibliothek ist nicht, wer einen Rechtsanspruch darauf hat, weil er sie gekauft und bezahlt hat. All und jeder ist Eigentümer der Bibliothek (in Wirklichkeit ist er oder sie allein Eigentümer), der sie in all den verschiedenen Sprachen, Themen und Stilarten zu lesen vermag, in den diese ohne Mühe eingehen und den sie gelehrig, stark, reich und weit machen. Diese Staaten Amerikas, stark, gesund und vollkommen, sollen kein Vergnügen an Entweihung der natürlichen Vorbilder haben und dürfen sie nicht zulassen. In Gemälden, Skulpturen oder Schnitzwerken aus Stein oder Holz, in Illustrationen, von Büchern und Zeitungen, in den Mustern von Geweben, in allem, was Räume, Möbel und Kleider schmücken oder auf Gesimsen und Denkmälern stehen soll oder auf dem Bug und Heck der Schiffe oder irgendwo vor dem Auge des Menschen im Haus oder draußen ist alles Unfug und Verrat, was die rechtschaffene Form verzerrt oder unirdische Wesen, Örtlichkeiten oder Ereignisse darstellt. Vor allem ist die Menschengestalt so erhaben, daß sie nie ins Lächerliche gezogen werden darf. Übertriebene Verzierungen eines Werkes können nicht zugelassen werden – nur solche, die den vollkommenen Erscheinungen, der freien Natur entsprechen und die unumgänglich aus der Natur des Werkes selbst hervorgehen und zu seiner Vollendung nötig sind. Die meisten Werke sind am schönsten ohne Aufschmuck. Übertreibungen rächen sich an der Physiologie des Menschen. Reine und starke Kinder werden nur in den Gemeinwesen hervorgebracht und empfangen, wo die Vorbilder natürlicher Formen jeden Tag vor aller Welt sichtbar stehen. Der große Genius und das Volk unserer Staaten darf nicht ins Schwärmerische erniedrigt werden. Wenn die Geschehnisse richtig erzählt werden, bedarf es keiner Schwärmerei.
Die großen Dichter sind zu erkennen am Fehlen jeglicher Unechtheit und an der Bestätigung ihrer vollkommenen persönlichen Lauterkeit. Wer von vollkommener Lauterkeit ist, dem sollen alle Fehler verziehen sein. Hinfort soll keiner von uns mehr lügen, denn wir haben erkannt, daß Aufrichtigkeit die innere wie die äußere Welt gewinnt, ohne eine einzige Ausnahme, und daß, seit unsere Erde sich zu einer Masse geballt hat, noch nie Betrug, Falschheit und Verschlagenheit auch nur das kleinste Körnchen von ihr oder den leisesten Hauch eines Schattens an sich gezogen haben – und daß auch durch Reichtum und Macht eines Staates oder der ganzen Staatenrepublik ein sich verbergender kriecherischer verschlagener Mensch entdeckt und der Verachtung ausgesetzt wird – und daß die Seele sich nie hat narren lassen und nicht genarrt werden kann – und daß Sparsamkeit ohne die liebende Zustimmung der Seele nur ein fauliger Brodem ist – und daß es nie ein Wesen gegeben hat, das von Natur die Wahrheit haßte, auf keinem Kontinent des Erdenrunds, auf keinem Planeten oder Satelliten, nicht im Mutterleib noch irgendwann im Wechsel des Lebens, in keiner Spanne der Ungewißheit oder des Wirkens der Lebenskraft noch in irgendeinem Prozeß des Wachsens oder der Umgestaltung irgendwo.
Äußerste Vorsicht oder Klugheit, prächtigste leibliche Gesundheit, starkes Vertrauen und ein sich Gleichsetzen, Liebe zu Frauen und Kindern, große nährende und zerstörende Gewalt und Ursprünglichkeit mit dem vollkommenen Sinn für die Einheit der Natur, den Besitz des nämlichen Geistes, der menschlichen Dingen eignet, werden aus dem Strömen des Weltgehirns aufgerufen, wesentlicher Teil des größten Dichters zu sein vom Geborenwerden aus seiner Mutter Schoß an und von ihrem Geborenwerden aus ihrer Mutter Schoß an. Vorsicht reicht selten weit genug. Man hatte gedacht, die wären bedachtsame Bürger, die ihr ganzes Selbst auf solide Gewinne richteten und für sich und ihre Familie wohl gesorgt und ein Leben nach dem Gesetz ohne Schuld und Verbrechen zu führen beschlossen hätten. Der größte Dichter sieht diesen Nutzen durchaus, er läßt ihn gelten, wie er auch den Nutzen von Ernährung und Schlaf sieht, aber er hat höhere Vorstellungen von Klugheit, als zu glauben, er gäbe schon viel, wenn er nur ein paar flüchtige Aufmerksamkeiten an der Türklinke erweist. Die Voraussetzungen zur Lebensklugheit bestehen nicht in des Lebens Gastlichkeit, nicht in seinem Reifen oder seiner Ernte. Über jene Unabhängigkeit hinaus, die eine kleine Summe auf die Seite gelegten Sterbegeldes, ein paar Schindeln ringsum, ein paar Ziegel über dem Kopf auf einem eigenen Fleckchen amerikanischer Erde und die für die alljährliche Kleidung und Nahrung zur Verfügung stehenden Dollars gewähren, über die traurige Lebensklugheit hinaus, daß sich ein so erhabenes Wesen wie der Mensch preisgibt dem Glücksspiel und der Leere jahrelangen Gelderwerbs mit all seinen dörrenden Tagen und eisigen Nächten, all seinen würgenden Enttäuschungen und heimlichen Winkelzügen, mit seinem endlosen KIeinkram in Salons und dem schamlosen Prassen, wenn andere verhungern, mit all der Einbuße an Blüte und Duft der Erde, der Blumen, der Luft und des Meeres, der wahren Freude an Frauen und Männern, denen du begegnest oder mit denen du zu tun hast in der Jugend und im besten Alter und mit der ausbrechenden Krankheit und dem verzweifelten Aufbegehren am Ende eines Lebens ohne Aufschwung und Unschuld (selbst wenn du es zu einer Rente von zehntausend Dollar im Jahr gebracht hast oder in den Kongreß oder die Regierung gewählt worden bist) und mit dem grausigen Geschwätz über einen Tod ohne Heiterkeit und Hoheit – gibt es den großen Betrug an der modernen Zivilisation und ihrer Vorsorge, der die Oberfläche und die zweifelsohne planvoll entwickelte Ordnung der Zivilisation entstellt und ihre unermeßlichen Züge, die sie mit so großer Schnelligkeit immer weiter ausbreitet, mit Tränen netzt, bevor die Küsse der Seele sie erreichen können.
Immer noch steht die wahre Auslegung der Klugheit aus. Die Klugheit bloßen Reichtums und Ansehens, die das höchst achtbare Leben genießt, scheint zu schwach, um überhaupt mit dem Auge wahrgenommen zu werden, wenn klein und groß in gleicher Weise in Gedanken über die Klugheit, die der Unsterblichkeit angemessen ist, friedlich nebeneinandergeraten. Was bedeutet eine Weisheit, die die Geringfügigkeit eines Jahres oder von siebzig oder achtzig Jahren ausfüllt – gegenüber der Weisheit, die über Jahrhunderte sich erstreckt und zu einer bestimmten Zeit sich wieder meldet mit angewachsener Kraft und reichen Geschenken und, so weit du blicken kannst, in jeder Richtung, den strahlenden Gesichtern von Hochzeitsgästen, die dir fröhlich entgegenlaufen? Nur die Seele ist aus sich selbst – alles andere lebt vom Bezug zu dem, was sich ergibt. Alles, was ein Mensch tut oder denkt, hat seine Konsequenz. Nie kann der Drang der Barmherzigkeit oder persönlicher Kraftentfaltung etwas anderes sein als der lauterste Beweggrund, ob er nun den Beweis liefert oder nicht. Eine genaue Aufstellung ist nicht vonnöten – ein Hinzurechnen, ein Subtrahieren oder Teilen ist unnütz. Ob wenig oder viel, gebildet oder ungebildet, weiß oder schwarz, gesetzlich oder ungesetzlich, krank oder wohlauf, vom ersten Atem, der durch die Luftröhre fließt, bis zum letzten Ausatmen ist alles, was ein Mann oder eine Frau tut, so es stark, mild herzig und sauber ist, ganz zweifellos für allezeit von Gewinn für ihn oder für sie in der unerschütterlichen Ordnung des Universums und in seinem ganzen Bereich. Die Klugheit der größten Dichter entspricht am Ende der grenzenlosen Sehnsucht und Fülle der Seele, sie vertagt nichts, gestattet kein Ablassen von der eigenen Sache noch von irgendeiner anderen, kennt keinen besonderen Sabbat noch ein eigenes Jüngstes Gericht, scheidet die Lebenden nicht von den Toten noch die Gerechten von den Ungerechten, gibt sich zufrieden mit der Gegenwart, bringt jeden Gedanken und jede Handlung mit ihren Auswirkungen in Einklang und kennt keine mögliche Vergebung oder übertragene Sühne.
Die unmittelbare Prüfung, wer der größte Dichter sein könnte, findet heute statt. Wenn er sich nicht selbst wie mit ungeheurer Meeresflut mit der heutigen Zeit überströmt – wenn er selbst nicht das umgewandelte Zeitalter wäre und ihm nicht die Ewigkeit aufgetan ist, dann laß ihn untertauchen im allgemeinen Gang der Dinge und seiner Entwicklung harren. Die Ewigkeit, die allen Epochen, Orten und Vorgängen, allen beseelten und unbeseelten Gebilden ihr Ebenbild verleiht, ist das Bindende der Zeit und hebt sich aus ihrer unbegreiflichen Unbestimmtheit und Grenzenlosigkeit heraus in die fließenden Formen des Heut und wird gehalten von den dehnbaren Ankern des Lebens und bildet den gegenwärtigen Durchgangspunkt für das, was war, zu dem, was sein wird, und anvertraut sich selbst dem Spiel dieser Woge einer Stunde, dieser einen unter den sechzig schönen Kindern der Woge. Die endgültige Prüfung von Dichtung, Wesensart und Werk stehen noch immer aus. Der ins Künftige schauende Dichter wirft sein Bild Jahrhunderte voraus und beurteilt Künstler und Darstellung nach dem Wandel der Zeit. Lebt es durch sie? Währt es noch, unerschöpft? Wird der nämliche Stil und die Wegrichtung des Genius auf ähnliche Ziele noch Befriedigung gewähren? Hat der Gang von zehn, Hunderten oder Tausenden von Jahren die Umwege nach rechts und nach links um seinetwillen gemacht? Wird der Dichter, nachdem er begraben ist, fort und fort geliebt würden? Denkt der Jüngling oft an ihn? Und denkt die junge Frau oft an ihn? Und die mittleren Alters und die Alten, denken sie an ihn?
Große Dichtung ist Jahrhunderte und Jahrhunderte gültig, für jeden Rang und jedes Temperament, für alle Lebensbezirke und Glaubensrichtungen, für die Frau ebenso wie für den Mann und für den Mann ebenso wie für die Frau. Ein großes Gedicht ist für Mann und Frau nicht Abschluß, sondern Beginn. Hat jemand sich vorgestellt, er könnte am Ende im Schutz einer angemessenen Macht sitzen und ausruhen, an Auslegungen Genüge finden und sie verwerten und Zufrieden sein und erfüllt? Der größte Dichter schafft einen solchen Endpunkt nicht – er führt weder zur Ruhe noch zu wohlbehüteter Sattheit und Bequemlichkeit. Seine Berührung wirkt wie die Natur in voller Tätigkeit. Die er mitführt, führt er festen sicheren Griffs in lebenerfüllte, einstmals unerreichbare Gebiete mit – von nun an ist keine Ruhe mehr – sie gewahren den Raum und den unbeschreiblichen Glanz, die alle alten Flecken und Lichter in ein totes Vakuum verwandeln. Nun soll dort ein Mensch sein, ganz Aufruhr und Chaos – der Ältere spricht dem Jüngeren Mut zu und weist ihm, was er tun muß – und beide sollen furchtlos zusammen fortschreiten, bis die neue Welt sich eine neue Planetenbahn geschaffen hat und ohne Wirrnis auf die unbedeutenden Bahnen der Sterne schaut und hinfliegt durch das unaufhörliche Kreisen und nie wieder zur Ruhe kommt.
Bald wird es keinen Priester mehr geben. Ihr Werk ist getan. Eine neue Ordnung soll erstehen, sie sollen Priester der Menschen sein, jeder Mensch soll sein eigener Priester sein. Sie sollen ihre Inspiration in den wirklichen Gegenständen des Tages finden, Zeichen der Vergangenheit und Zukunft. Sie sollen sich nicht herablassen, die Unsterblichkeit zu rechtfertigen oder Gott, die Vollkommenheit der Dinge, die Freiheit oder die erlesene Schönheit und Wahrheit der Seele. Sie sollen von Amerika ausgehen, und die übrige Welt soll ihnen entgegenkommen.
Die englische Sprache begünstigt das große amerikanische Ausdrucksvermögen – sie ist stark genug, geschmeidig und reich genug. Als zäher Stamm eines Menschengeschlechts, das durch alle Wechselfälle hindurch nie die Idee der politischen Freiheit aufgegeben hat, die der Geist jeglicher Freiheit ist, hat sie Begriffe aus Sprachen übernommen, die feiner heiterer gewandter und eleganter sind. Sie ist die machtvolle Sprache des Widerstandes – sie ist die Ausdrucksform des gesunden Menschenverstandes. Sie ist die Sprache des stolzen und schwermütigen Geschlechts und aller, die emporstreben. Sie wird bevorzugt, um Wachstum, Treue, Selbstachtung, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Wohlwollen, Großmütigkeit, Klugheit, Entschlossenheit und Mut auszudrücken. Sie ist das Medium, das fast das Unaussprechliche verkünden soll.
Keine große Literatur, keine ähnliche Lebensart oder Redekunst, kein gesellschaftlicher Umgang, keine Haushaltführung oder öffentliche Einrichtung oder die Art, wie Vorgesetzte ihre Angestellten behandeln, keine Durchführungsbestimmung, keine Richtlinie der Armee und der Marine, weder der Geist der Gesetzgebung und der Gerichtshöfe, weder die Polizei, das Erziehungswesen oder die Architektur, weder Gesänge noch Vergnügen können sich auf die Dauer der eifernden leidenschaftlichen Natur der amerikanischen Maßstäbe entziehen.
Ob die Münder der Menschen es aussprechen oder nicht, es pocht eine lebendige Frage im Herzen jedes freien Mannes, jeder freien Frau nach dem, was vergeht, und dem, was aufgebaut wird, um zu dauern. Ist es meinem Land gemäß? Bergen die Anordnungen keine schändlichen Sonderbestimmungen? Steht es für die stetig wachsende Gemeinschaft von Brüdern und Liebenden, weit, wohlverbunden, stolz, über den alten Vorbildern, kühn über allen Vorbildern? Ist das, was vergeht und aufgebaut wird, als wäre es frisch aus den Feldern aufgeschossen oder aus dem Meer gezogen, damit ich heute und hier es nutzen kann? Ich kenne den, der an meiner Statt Antwort gibt: ein Amerikaner in Texas, Ohio oder Kanada muß für jeden einzelnen, jede Nation Antwort geben, die mir Bestandteil meines Stoffes ist. Gibt dies Antwort? Nährt es die Jugend der Republik? Löst es sich gut und schnell in der süßen Milch der Brust der Mutter vieler Geschöpfe?
Amerika bereitet sich mit Gelassenheit und Wohlwollen auf seine Besucher, die sich angemeldet haben, vor. Nicht der Verstand soll ihnen Gewähr und Willkommen sein. Der Begabte, der Künstler, der Intellektuelle, der Verleger, der Staatsmann, der Gelehrte, alle sind geachtet – sie sind recht an ihrem Platz und erfüllen ihre Aufgabe. Aber auch die Seele der Nation erfüllt ihre Aufgabe. Sie weist keinen zurück, sie läßt alle zu. Nur wer ihr gemäß, dem wird sie halbwegs entgegengehen. Ein einzelner ist ebenso herrlich wie eine Nation, wenn er die Eigenschaften aufweist, die eine herrliche Nation ausmachen. Die Seele der größten reichsten und stolzesten Nation kann wohl der ihrer Dichter halbwegs entgegengehen, um sich der ihren zu verbinden.

Walt Whitman, Vorwort

Nachwort

„Über Whitman reden, ist wie über das Universum reden. Er gleicht dem Universum, nicht nur, weil er so weit und umfassend ist, sondern, weil er ungreifbar, entweichend, auf den ersten Blick widerspruchsvoll und in gewissem Sinne formlos ist.“ Diese Worte des bedeutenden englischen Kritikers John Symonds enthalten in der Tat mehr als nur ein Körnchen Wahrheit.
„Der Donnerer von Manhattan“, von dem Thomas Mann sagte, er müsse in einem Atem mit dem „göttlichen Namen von Weimar“ (Goethe) genannt werden, gehört keiner Schule an. Er läßt sich nicht mit einem Etikett versehen und einer bestimmten literarischen Strömung zuweisen. Er ist Walt Whitman, ein Dichter, der seine Zeitgenossen wie ein Riese überragt und dessen Entwicklung doch eng mit der seines geliebten Landes verbunden ist.
Walt Whitmans Amerika hatte die im Revolutionskrieg gewonnene politische Unabhängigkeit im zweiten Krieg gegen England 1812 bis 1814 behauptet und war im Begriff, eine Industriemacht und seine Bevölkerung eine Nation zu werden. Seiner tatkräftigen, energischen und unternehmungslustigen Bevölkerung standen, seitdem die Grenzen der Union durch den Louisianakauf bis an das Felsengebirge vorgeschoben worden waren, riesige Ländereien zur Verfügung, die nicht nur fruchtbar waren, sondern unermeßlich reiche Lager an Kohle, Erdöl und Edelmetallen enthielten. Ausgedehnte Wälder – sie bedeckten ein Drittel der Fläche und enthielten Nutzholz jeder Art – harrten der Ausbeutung. Hunderte von schiffbaren Strömen und ein außerordentlicher Reichtum an Wasserkraft schufen die Voraussetzungen für einen unglaublich raschen wirtschaftlichen Aufstieg der Vereinigten Staaten.
Im Norden schritt die Industrialisierung mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts. Fabrikanlagen schossen wie Pilze aus der Erde, die Industrie verdoppelte den Wert ihrer Produktion, täglich wurden neue Erfindungen angemeldet, von denen Morses Telegraph, Fields Unterwasserkabel und McCormicks Mähmaschine besonderer Erwähnung bedürfen, und die Einwohnerzahl der Dörfer und Städte erhöhte sich sprunghaft. Zwischen Whitmans Geburtsjahr und der Veröffentlichung der Grashalme wuchs die Bevölkerung der Vereinigten Staaten von knapp zehn auf mehr als dreißig Millionen Menschen. Die erfolgreiche Jungfernfahrt von Fultons erstem Dampfschiff auf dem Hudson im Jahre 1807 revolutionierte das Transportwesen auf dem Wasser. Innerhalb weniger Jahrzehnte tummelten sich Hunderte von Dampfern auf dem Mississippi und seinen Nebenflüssen, auf den Großen Seen und auf den Kanälen, die den Nordwesten durchquerten. Der Rauch ihrer Schornsteine vermischte sich bald mit dem der Eisenbahnen. Auf dem stählernen Schienennetz, das sich zwischen 1840 und 1860 verzehnfachte und den Osten mit den in atemberaubendem Tempo aufstrebenden Städten des mittleren Westens verband, ergoß sich ein ununterbrochener Strom von deutschen und skandinavischen Einwanderern nach den fruchtbaren Gebieten des oberen Mississippibeckens. Die ständig wachsende Textilindustrie Englands und der Nordstaaten benötigte mehr Baumwolle, als der Boden der alten Baumwollstaaten hervorbringen konnte. Infolgedessen waren die Plantagenbesitzer des Südens und ihre Politiker in Washington bestrebt, das Baumwollreich nach dem westlichen Georgia, Alabama, Mississippi und Louisiana auszudehnen. Der breite, majestätische Mississippi stellte für ihre Expansionsabsichten kein dauerndes Hindernis dar. Dieser Drang nach dem Westen war weder durch den Louisianakauf noch durch den Anschluß von Texas gestillt worden. Erst als das Sternenbanner den Union Jack am Columbiafluß und die mexikanische Flagge am Goldenen Tor verdrängt hatte, war die politische Expansion vorübergehend abgeschlossen.
Somit glichen die Vereinigten Staaten in der Mitte des 19. Jahrhunderts einem jungen Riesen, der sich seiner Kraft bewußt wird, wächst und sich dehnt und streckt. Die Zukunft schien hell, strahlend und voller Versprechungen zu sein. Nur hin und wieder deutete das Wetterleuchten am politischen Himmel auf das noch im Schoße der Zukunft ruhende furchtbare Stahlgewitter des Bürgerkrieges hin. Wohl wurden bereits in den vierziger und fünfziger Jahren die Keime zu den kolossalen Betrügereien, der maßlosen Ausbeutung und der abgrundtiefen Korruption des Vergoldeten Zeitalters gelegt, aber diese Keime waren kaum sichtbar. Die Millionen von europäischen Einwanderern, die nicht nur aus ökonomischen, sondern vor allen Dingen aus politischen Gründen ihre von reaktionären Kräften beherrschte Heimat zwischen 1830 und 1850 verlassen mußten, sahen in den Vereinigten Staaten einen Hort der Freiheit und der Demokratie. Die Jahrzehnte, in denen Walt Whitman heranwuchs, sich bildete und reifte, waren eine Zeit des Schwunges, des Aufstiegs und des Fortschritts. Es waren Jahre eines grenzenlosen Optimismus.
In dieser Zeit des erwachenden Selbstvertrauens und des gesteigerten Selbstbewußtseins wurde auf literarischem Gebiet die Forderung nach einem ursprünglichen, selbständigen, von europäischen Einflüssen freien amerikanischen Schrifttum erhoben. Das Bestreben, alle fremden Fesseln abzuwerfen, das sowohl in den Werken als auch in den Reden zahlreicher amerikanischer Schriftsteller und Dichter zum Ausdruck kam, zeigt sich am deutlichsten in dem Bemühen, den amerikanischen Lesern die Vergangenheit der jungen Union und die Schönheit der amerikanischen Landschaft vor Augen zu führen.
Washington Irving machte seine Landsleute und die Europäer nicht nur auf humorvolle Art und Weise mit der Geschichte New Yorks vertraut, sondern zeigte in einigen seiner Kurzgeschichten, daß sich der Hudson als Hintergrund für romantische Erzählungen ebenso eignet wie irgendein sagenumwobener englischer Strom. James Fenimore Cooper wandte sich bewußt von englischen Vorbildern ab und bewies durch die Veröffentlichung zahlreicher Romane, deren Handlung in den Urwäldern, der weiten Prärie oder auf den Großen Seen abrollt, daß sich amerikanische Autoren durchaus mit schottischen Romanciers messen konnten. Der Indianer, eine typisch amerikanische Gestalt, der – wenn wir von seiner Darstellung bei Philip Freneau und Charles Brockden Brown absehen – nur in Reisebeschreibungen und historischen Berichten auftrat, kam nunmehr in den Romanen Coopers und in den Dichtungen von Henry Wadsworth Longfellow zu Ehren. In Nathaniel Hawthornes Romanen und Erzählungen wurde die puritanische Welt Neu-Englands lebendig. William Cullen Bryant ermunterte in seinen Prosaschriften die Dichter, Amerika zu besingen; und Edgar Allan Poes Forderung nach einer literarischen Unabhängigkeitserklärung hatte in Ralph, Waldo Emersons Ansprache an der Harvard-Universität Erfüllung gefunden.
Die von der Mehrzahl aller Literarhistoriker als klassisch bezeichnete Periode war angebrochen. Somit war – rein äußerlich – die literarische Emanzipation um die Mitte des 19. Jahrhunderts vollzogen.
Und dennoch hatten weder die Vertreter der New-Yorker Gruppe noch die vielgerühmten Männer Neu-Englands eine ursprüngliche amerikanische Literatur geschaffen. So wichtig Skizzen wie Rip van Winkle oder The Legend of Sleepy Hollow für die amerikanische Literatur sind, sie können nicht vergessen machen, daß ihr Verfasser, Washington Irving, später immer wieder europäische Themen wählte und sich im Löwenhof der Alhambra wohler fühlte als in den Catskillbergen am Hudson. In ihm, dem „Republikaner mit aristokratischen Neigungen“, der bereits in seiner Jugend – auf dem Boden der Föderalisten stehend – seine Abneigung gegen die Demokratie Jeffersons gezeigt hatte, wurde der Hang zur Flucht aus der Gegenwart in eine problemlose, verklärte Vergangenheit immer stärker. Gleich dem zurückgekehrten Rip van Winkle fand Irving kein Verhältnis zu dem neuen Leben in Amerika. Das lärmende Treiben der aufblühenden Industriestädte stieß ihn ab, und für die Arbeiter, Handwerker und Bauern der Ära Jacksons hatte er kein Verständnis. Hier berührte er sich mit Cooper. Sosehr dieser die neue, aufsteigende amerikanische Bourgeoisie verachtete und angriff, noch größer war seine Abneigung gegen die demokratischen Kräfte, die unter Jackson das politische Leben Amerikas bestimmten. Oliver Wendell Holmes plauderte geistreich und humorvoll am Frühstückstisch in Boston, wo er zwar das kalvinistische Dogma angreifen konnte, aber vom Lärm und Ruß der Fabriken nicht gestört wurde. William Cullen Bryant mochte noch so sehr auf sein Amerikanertum pochen, sein berühmtes Gedicht „Thanatopsis“ ist durchdrungen von Gedanken und Gefühlen, die englische Dichter wie Blair, Young und Wordsworth in dieser oder jener Form schon ausgesprochen hatten. Longfellows indianisch-amerikanisches Epos als solches war „The Song of Hiawatha“ ohne Zweifel gedacht, ist von finnischen Einflüssen nicht frei. Immer wieder verriet Longfellow, der Interpret europäischer Literaturen, seine Vorliebe für die Ideen und Gedanken der Alten Welt. Henry David Thoreau haßte das Maschinenzeitalter, die Ziegelfabriken, das Hasten und das Treiben. Seine Abneigung galt der Gesellschaft, in der er lebte, aber seine Flucht nach Walden war eine Flucht aus der Gesellschaft schlechthin. Edgar Allan Poe flüchtete aus der Wirklichkeit in das Reich der Phantasie und seiner Träume. All die Vertreter jener Bewegung, die als amerikanische Romantik bezeichnet wird, konnten – trotz des zur Schau getragenen Amerikanismus – die europäischen Traditionen nicht beiseite schieben. Ebensowenig vermochten die Transzendentalisten – Emerson nicht ausgenommen – dies zu tun. Es blieb dem von seiner Generation so wenig verstandenen Walt Whitman vorbehalten, die Brücke von der ausklingenden Romantik zum erwachenden Realismus zu schlagen und der Sänger Amerikas, des einfachen Mannes und der Demokratie zu werden.
Der am 31. Mai 1819 auf Long Island, dem „fischförmigen Paumanok“, geborene Dichter, den man zum Unterschied vom gleichnamigen Vater, einem einfachen Bauern und Handwerker, Walt nannte, verbrachte seine Kindheit und Jugend auf dem Lande, am Rande der Großstadt. Die mit Blumen übersäten Ebenen und die lichten Wälder der damals noch völlig einsamen Insel, die er auch in späteren Jahren immer wieder durchstreifte, der Strand, an dem er dem Donnern der Brandung lauschte, und das Hasten, Drängen und Wimmeln an der Fähre in Brooklyn, wohin die Familie 1823 übergesiedelt war, hinterließen in dem jungen Walt unauslöschliche Eindrücke. Was ihm an formaler Schulbildung fehlte – er hatte nur für kurze Zeit die Volksschule besucht −, erarbeitete er sich in jenen Jahren, da er das Druckerhandwerk erlernte und anschließend als Dorfschullehrer auf Long Island von Ort zu Ort zog.
Der Versuch, eine eigene Wochenzeitschrift herauszugeben, schlug fehl, und Whitman kehrte nach New York zurück, wo er regen Anteil am politischen Leben nahm und teils als Drucker, teils als Journalist oder Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften tätig war. Zu seinen Obliegenheiten als Journalist gehörte der Besuch von Opern und Theatervorstellungen, Museen und Bibliotheken, Zirkusvorführungen, politischen Veranstaltungen, Gerichtsverhandlungen und Festlichkeiten. Für die Verhältnisse in Krankenhäusern und Schulen mußte er sich ebenso interessieren wie für die Zustände in Gefängnissen, Kneipen und Bordellen. Whitman kam in diesen Jahren, die seine Univesitätszeit darstellten, keineswegs nur mit Künstlern, Journalisten und Bohemiens aller Schattierungen in Pfaffs Bierkeller zusammen, sondern traf sich auch mit Hafenarbeitern, Matrosen, Fährleuten, Kutschern, Handwerkern, Händlern, Gastwirten und Straßendirnen. Auf diese Art und Weise lernte er die Menschen von Manhattan kennen und Lieben, die er später in so vielen seiner Lieder besang. Im Jahre 1848 zog Whitman, nachdem er wegen seiner offenen Parteinahme gegen die Sklaverei seine Stellung am Brooklyn Daily Eagle eingebüßt hatte, nach New Orleans, wo er sich ganz dem Zauber dieser südlichen Großstadt hingab. Spanische und vor allen Dingen französische Elemente durchsetzten von nun an Whitmans Sprache. Sein Gefühl, daß all jene riesigen entwicklungsfähigen Gebiete, die er auf der Rückreise von New Orleans nach New York längs des Mississippi und an den Ufern der Großen Seen sah, einem Lande zugehörig sind und nie geteilt werden dürfen, wurde durch die Reise gestärkt und gefestigt.
Nach einem abermaligen kurzen Ausflug in den Lokaljournalismus wurde Whitman ein einfacher Zimmermann und Tagelöhner, der gelegentlich arbeitete, die meiste Zeit aber damit verbrachte, Entwürfe für seine Gedichte zu verfassen. Erzählungen, wonach er infolge von mysteriösen Offenbarungserlebnissen plötzlich in der Mitte der fünfziger Jahre den göttlichen Funken des Genies verspürt habe, müssen in das Reich der Whitman-Legende verwiesen werden, an deren Entstehung der Dichter nicht ganz unbeteiligt war. Tatsächlich hat er bereits in den vierziger Jahren, da er gute journalistische Aufsätze, schlechte Gedichte und den bedeutungslosen Temperenzlerroman Franklin Evans schrieb, nach neuen Themen und Formen gesucht. Im Jahre 1855 hielt er seine Zeit für gekommen. Mit eigener Hand setzte er das dünne Bändchen, das ein Bild des Autors ohne seinen Namen, eine Vorrede und 12 Gedichte enthielt. Der mit goldenen Buchstaben geschriebene Titel lautete: Grashalme.
Das Bild mit den vielen verzweigten und verästelten Graswurzeln auf dem Deckel des grasgrünen Bändchens sowie der Titel deuten auf Whitmans Anliegen hin. „Was ist das, Gras?“, so läßt er im „Gesang von mir selbst“ ein Kind fragen, und aus den zahlreichen, teils unsicheren Erwiderungen kristallisiert sich die Antwort: Symbol von Trieb und Wachstum, die in allen Zonen und Ländern, bei schwarzen, braunen und weißen Menschen überall dieselben sind. Die Menschheit selbst gleicht einem Meer von Grashalmen. So einheitlich und gleichförmig sie aus der Ferne betrachtet auch erscheinen mag, so ausgeprägt, eigenartig und einzigartig ist jedes Individuum; aber trotz aller individueller Verschiedenheiten sind alle Menschen Glieder einer großen Familie, in der sie aufgehen, wie die einzelnen Grashalme in der weiten Prärie.
Somit wird bereits äußerlich bezeichnet, was in vielen Gedichten Whitmans anklingt: Die Wechselwirkung zwischen, Individuum und Gemeinschaft. „Ich singe das Selbst, das schlichte Einzelwesen, doch sprech ich das Wort  d e m o k r a ti s c h  aus, das Wort  e n  m a s s e.“ In seiner Person versuchte Whitman übersteigerten Individualismus mit demokratischer Gleichheit in Übereinklang zu bringen. Im „Gesang von mir selbst“, in dem das Ich nicht nur an den Anfang, sondern in den Mittelpunkt gestellt, besungen, gepriesen und gefeiert wird, erlebte Emersons Selbstvertrauen seine höchste Vollendung, aber gleichzeitig klingen aus allen Strophen Jeffersons demokratische Ideale. Während Whitman in einigen Versen die Verherrlichung des Individuums Selbstzweck ist, dient ihm das Ich an anderen Stellen als Symbol für den amerikanischen Menschen schlechthin. Der Dichter arbeitet mit den Holzfällern im Gebirge, vergnügt sich mit den Schwimmern im Fluß und leidet mit dem verfolgten Negersklaven. Indem er von sich singt, preist er die einfachen, arbeitenden Menschen Amerikas, die er liebt: die Pioniere und Bauern, die Zimmerleute und Schmiede, die Jäger und Fischer, die Matrosen und Lotsen, die Hafenarbeiter und Fuhrleute, die Maschinisten, die Spinnerinnen und die Negersklaven.
Tritt Walt Whitman in den Gedichten „Auf der Brooklyn-Fähre“, „Pioniere! Pioniere!“ und im „Gesang vom Beil“ als der Sänger Amerikas auf, so geht er im „Gesang von der offenen Straße“ und in „Salut au monde!“ über die Grenzen Amerikas hinaus, um die Menschen aller Länder und Rassen brüderlich zu grüßen. Die zahllosen Erscheinungen des Industriezeitalters, das praktische, tägliche Leben mit all seinen Mannigfaltigkeiten, die ganze bunte und vielfältige Welt werden von ihm in den Kreis seiner Betrachtungen einbezogen. Er fühlt sich als Teil des Alls, wenn er ausruft: „Walt Whitman, ein Kosmos!“. Subjekt und Objekt werden eins. Für ihn – hier kommt deutlich der Romantiker und Kenner des Emersonschen Transzendentalismus zum Ausdruck – ist der Mensch, auch der menschliche Leib, ein Teil des Göttlichen, und das Göttliche ist ein Teil des Menschen.
So betrachtet, gewinnen die später in die Grashalme aufgenommenen Gedichte des Zyklus „Kinder Adams“, in denen Whitman nicht nur die Schönheit, den Zauber und die Anziehungskraft des weiblichen Körpers, sondern in unerschrockener Offenheit die intimsten geschlechtlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau beschreibt, ein anderes Aussehen. In diesen Liedern zeigt sich ein neues, auf Gleichheit beruhendes Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Nur engstirnige, prüde Philister werden an den gesund-naiven und reinen Gedichten dieses Zyklus Anstoß nehmen.
Der Dichter sollte bald Gelegenheit haben, seine Liebe zu den Menschen, von der er stets gesungen hatte, zu beweisen. Mit der Wahl des Republikaners Abraham Lincoln zum Präsidenten spitzte sich der Konflikt zwischen den Nord- und Südstaaten aufs äußerste zu. Der im Jahre 1861 beginnende Bürgerkrieg wurde vom Norden zunächst weder für die Befreiung der Negersklaven noch für die Einheit der Union um der Einheit willen geführt. Die Ursache des Sezessionskrieges lag vielmehr in dem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen dem auf freier Lohnarbeit aufgebauten industriewirtschaftlichen System der kapitalistischen Nordstaaten und dem feudalistischen Charakter tragenden landwirtschaftlichen System der Südstaaten. Um günstige Bedingungen für die weitere Entwicklung der Produktivkräfte zu schaffen, mußte die historisch überholte Form einer auf Sklaverei aufgebauten Landwirtschaft früher oder später beseitigt werden. Dieser Gefahr war sich die herrschende Klasse der Südstaaten bewußt und versuchte, ihr durch den Austritt aus der Union zu entgehen. Sie tat damit durchaus nichts Außergewöhnliches, denn das Recht der Sezession wurde von den Vertretern dieses oder jenes Einzelstaates bzw. dieser oder jener Staatengruppe immer dann proklamiert, wenn die wirtschaftlichen Interessen dieses Staates oder dieser Staaten durch die Politik des Bundes gefährdet wurden. Wenngleich die ökonomischen und politischen Verhältnisse zum Kriege führten, so schließt das nicht aus, daß Tausende und aber Tausende von einfachen Menschen im Norden zu den Waffen griffen, um das Sklavereisystem zu beseitigen und die Einheit der Nation zu erhalten.
Walt Whitman, der in zahlreichen Versen seinem Abscheu vor den Sklavenhaltern und seinem Mitleid mit den Sklaven freimütig Ausdruck verliehen hatte, gehörte nicht zu denjenigen, die sofort mit fliegenden Fahnen an die Front eilten. Er wollte, getreu seiner Forderung in der Vorrede zu den Grashalmen, wonach der Dichter in Zeiten der Not und der Gefahr das Volk aufrütteln und wachrufen soll, der Nation nicht mit dem Gewehr, sondern mit der Feder dienen. Demzufolge werden in den ersten Gedichten der 1865 veröffentlichten Sammlung Trommelschläge, die in die Grashalme aufgenommen wurden, Kampf und Krieg, Soldatentum und offene Feldschlacht verherrlicht. Aber das helle Schmettern seiner Kriegsfanfare sollte angesichts des gewaltsamen Todes, der entsetzlichen Wunden und des tiefen Leides bald verstummen.
Dieser Wandel wurde hervorgerufen durch den Besuch der Lazarette in Washington. Von nun an sah Whitman, wie wir aus dem Gedicht „Der Wundpfleger“ erfahren, seine Hauptaufgabe darin, die Verwundeten zu pflegen und die Sterbenden zu trösten. Während dieser Tätigkeit als Krankenpfleger, die er aus freien Stücken ausübte, ist er bei etwa 20.000 Verwundeten gewesen und hat sie in der Stunde der Not gestärkt. Die in den Calamus-Gesängen verherrlichte Kameradschaft und Menschenliebe wurde in den Lazaretten in Washington in unnachahmlicher Weise praktisch verwirklicht.
Hatte Walt Whitman in dem Zyklus „Kinder Adams“ die Schönheit des menschlichen Körpers besungen, so zeigt er in den „Trommelschlägen“, wie der Krieg den menschlichen Körper zerstören kann. Er spricht von dem blutenden Stumpf, der einst ein Arm war, von der zerschossenen Kehle, durch die rasselnd der Atem kommt, von den fürchterlichen Qualen dessen, dem ein gezackter Granatsplitter den Unterleib aufgerissen hat und für den der Tod eine Erlösung bedeutet, von zerschmetterten Schultern und zerbrochenen Schenkeln, von Blut und eiternden Wunden.
Die Fanfare ist verstummt. An ihre Stelle sind Totenklagen, Gesänge der Versöhnung und des Friedens getreten. Am schmerzlichsten war der Verlust des Präsidenten, der an jenem Frühlingsabend, „Als jüngst der Flieder blühte vor dem Haus“, ermordet wurde. Ihm hat Whitman die großartigste und ergreifendste seiner Elegien gewidmet. Leitmotivartig zieht sich der blühende Flieder mit den herzförmigen Blättern durch die Elegie. Das einsame, schmerzliche Lied der Einsiedlerdrossel gilt Abraham Lincoln, dem großen hellen Abendstern, der am westlichen Himmel früh, allzu früh in die Nacht sank. Lincoln war für Whitman kein Held im Sinne Carlyles. Er sah in dem Präsidenten den einfachen, schlichten Mann aus dem Volke, der im Namen des Volkes für das Volk regierte. Die Demokratie nimm keine Zentralstellung im Werke des Dichters ein. „Amerika ist Demokratie“, so hatte er einst ausgerufen, weil er in Amerika alle Voraussetzungen für die Entstehung der Demokratie zu finden glaubte und weil sein grenzenloser Optimismus in dem Glauben an die Kraft des amerikanischen Volkes wurzelte.
Für ihn war Demokratie freilich mehr als ein politisches System. Er bezeichnete es als das höchste Ziel und die Krönung der Demokratie, „daß sie allein alle Nationen, alle Menschen noch so verschiedener und entfernter Länder zu einer Bruderschaft, einer Familie vereinen kann. Nicht nur das halbe Ziel des Individualismus, der isoliert; sondern auch die andere Hälfte, die da ist Zusammengehörigkeit und Liebe, die verschmilzt, bindet und einigt und alle Rassen zu Kameraden und Brüdern macht.
Sein Idealbild einer Demokratie als einer in Brüderlichkeit verbundenen Gemeinschaft von aber Millionen von Menschen unterschied sich freilich grundlegend von der amerikanischen Wirklichkeit nach dem Bürgerkrieg, wo nicht die Liebe, sondern der Haß, wo nicht die Verständigung, sondern der Wille zur Vernichtung regierten, und wo trotz der erfolgten Emanzipation der Farbigen von einem Zusammengehörigkeitsgefühl aller Rassen keine Rede sein konnte. Je schnellere Fortschritte die Industrialisierung des Landes machte, je stärker die wirtschaftlichen und politischen Positionen der kapitalistischen Klasse wurden, desto schwächer wurde die Demokratie und desto tiefer die Enttäuschung Whitmans. In der 1871 veröffentlichten Prosaschrift Demokratische Ausblicke, bezeichnet er die bürgerliche Demokratie der Neuen Welt in ihren sozialen Aspekten, in ihren religiösen, moralischen, literarischen und ästhetischen Ergebnissen als einen vollkommenen Fehlschlag. Trotz aller Enttäuschungen war der greise Dichter bis zu seinem Tode davon überzeugt, daß Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, wie er sie in „Leb wohl!“ ankündigt, eines Tages in der ganzen Welt triumphieren werden.
Walt Whitmans Grashalme zeigen, wie eng Inhalt und Form aufeinander bezogen sind. Weil er etwas völlig Neues verkünden wollte, das sich nicht in metrische Formen pressen ließ, mußte er auf den Reim und ein reguläres Metrum verzichten. In den überlieferten, starren Formen englischer Lyrik konnte Whitman das hastende, sprudelnde, drängende, stoßende, treibende und sich überstürzende Amerika nicht ausdrücken. Er mußte eine dem neuen Inhalt angepaßte Form finden und einen eigenen, ungewöhnlichen Stil entwickeln. So löste er sich von den üblichen Versmaßen und goß seinen neuen Inhalt in freie Rhythmen.
Wenngleich sie kein Versmaß haben, so durchzieht dennoch ein musikalischer Rhythmus all seine Gedichte. Man hat teils in der althebräischen Dichtung, teils bei Ossian, im Blankverse Shakespeares und in der Prosa von Emerson und Carlyle das Vorbild gesucht. Der Dichter selbst erklärte, weder ein Buch noch das Fragment irgendeines Buches sei sein Vorbild gewesen; die Natur habe ihn gelehrt und seine Gedichte seien formlos aus eigenem Grund. Der ewige Rhythmus der Meereswogen, der den Dichter von Kindheit an faszinierte, mag bewußt oder unbewußt auf die Entwicklung seiner poetischen Form eingewirkt haben.
Wirft man Whitman stilistische Inkongruenzen vor, so verkennt man, daß er absichtlich verschiedene Stil- und Sprachebenen nebeneinanderstellte. Er hatte in der Sprache des einfachen Mannes die Quelle gefunden, aus der, wie er erkannte, die Sprache jeder Nation gespeist und dauernd erneuert wird. Indem er einerseits Wörter und Wendungen gebrauchte, die nur in der gehobenen Sprache üblich sind, und andererseits auf zahlreiche Wörter der Umgangssprache zurückgriff, versuchte er alle Schichten der amerikanischen Bevölkerung und alle Sprachebenen des amerikanischen Englisch zu erfassen. Die italienischen Fremdwörter und die französischen und spanischen Brocken hat Whitman in seine Gedichte eingefügt, um dadurch auszudrücken, daß er sich berufen fühlte, für die arbeitenden Menschen aller Länder zu sprechen. Die Grashalme, an denen er fünfunddreißig Jahre lang herumfeilte, umstellte und abänderte, bis die nahezu vierhundert Gedichte enthaltende Fassung von 1891, der die vorliegende Auswahl gefolgt ist, als endgültig erklärt wurde, sind nicht nach irgendeinem literarischen Vorbild sondern nach der Natur gestaltet worden. Whitman wollte, wie er selbst aussagte, „keine ästhetischen oder intellektuellen Gaumen befriedigen, sondern in jeder Seele den Trieb zu wahrem Eigenleben erwecken“. Dieses Vorhaben ist ihm, soweit es seine Zeitgenossen angeht, nicht gelungen. Das nur von Emersons Lob unterbrochene Schweigen wurde bald vom Keifen engstirniger Moralisten abgelöst, die Whitman für seine erotischen Gesänge eine öffentliche Auspeitschung angedeihen lassen wollten.
Im Gegensatz zu England, Frankreich und Deutschland, wo er einen kleinen, aber erlesenen Kreis von Bewunderern fand, hat Amerika einen seiner größten Sänger lange nicht verstanden. Heute nimmt Walt Whitman auch in den Vereinigten Staaten den Platz ein, der ihm, dem originellsten und selbständigsten Dichter Amerikas, gebührt.

Karl-Heinz Schönfelder, Nachwort

 

ODE AN WALT WHITMAN

Ich erinnere nicht,
in welchem Alter
noch wo,
ob im weiten regenfeuchten Süden
oder an der schrecklichen
Küste, unter dem harschen Schrei
der Möwen,
ich eine Hand berührte,
und es war
die Hand Walt Whitmans:
ich trat
nackten Fußes auf Erde,
schritt über die Weiden,
über den kraftvollen Tau
Walt Whitmans.

Während
meiner ganzen
Jugend
begleitete mich diese Hand,
dieser Tau,
seine patriarchalische Festigkeit, wie Fichtenholz fest,
seine Prärienweite
und seine Friedensmission, die erdumkreisende.

Ohne
der Erde
Gaben
zu verachten,
des Kapitells
vollen Schwung
noch das
Purpurinitial
der Weisheit,
du
lehrtest mich
Amerikaner sein,
erhobst meine Augen
zu den Büchern,
zum Schatz
der Getreide:
breitgelagert
in der Helle
der Ebene
ließest du
den hohen
Berg mich sehn,
den schirmenden. Vom unterirdischen
Echo
sammeltest du
für mich
alles ein,
alles, was geboren,
erntetest du,
durch die Luzernen galoppierend,
schnittest du für mich die Mohnblüten ab,
suchtest du
die Flüsse auf,
eiltest am Abend
in die Küchen.

Doch nicht Erde
allein
brachte deine Schaufel
ans Licht,
du grubest
den Menschen aus,
und der
gedemütigte Sklave,
gemeinsam mit dir,
seines Wuchses schwarze Würde
wiegend, schritt, die Freude
erobernd, er dahin.

Zum Heizer
vor dem Kessel
unten
schicktest du
ein Körbchen
Erdbeeren,
an allen Straßenecken deines Dorfes
kam einer
deiner Verse zu Besuch
und war wie ein Stück
reinen Leibes,
der Vers, der dort hinkam
wie
dein eigener Fischerbart
oder deiner Akazienbeine majestätischer Gang.

Unter den Soldaten ging
deine Silhouette einher,
Silhouette eines Barden, eines Krankenpflegers,
eines nächtlich sorgenden Mannes,
der das Geräusch kennt
des Atems im Todeskampf
und mit dem Frührot
die lautlose
Wiederkehr
des Lebens erwartet.

Guter Bäcker!
Erster großer Bruder
meiner Wurzeln,
Araukarien-
wipfel,
seit
hundert
Jahren
schon
weht
über deine Prärien
und ihr Blühen
der Wind,
ohne deine Augen aufzuzehren.

Neue
grausame Jahre in deinem Lande:
Verfolgung,
Tränen,
Verliese,
vergiftete Waffen
und wütende Kriege
haben die Grashalme deines Buches
nicht niedergetreten,
den Lebensquell
seiner Jugend.
Und, ach,
die
Lincoln
mordeten,
sie legen sich jetzt
in sein Bett,
stürzen
seinen Sessel um
aus duftendem Holz
und errichten einen Thron
aus Unglück und verspritztem
Blut.

Aber
auf den Stationen
der Vorstädte
singt
deine Stimme,
auf
den
Landungsplätzen
am Abend
plätschert
wie
dunkles Wasser
dein Wort,
dein weißes
und schwarzes
Volk
der Armen,
einfaches Volk
wie
alle
Völker,
vergißt
deine Glocke nicht:
da versammelt sich, singend,
unter
der Pracht
deines weitgesteckten Lebens dein Wort:
unter den Völkern, deine Liebe
entfaltend,
wandert die Brüderlichkeit
über die Erde.

Pablo Neruda

 

Zum 125. Todestag des Autors:

Christian Lindner: Tod des amerikanischen Lyrikers Walt Whitman
deutschlandfunk.de, 26.3.2017

Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Walt Whitman: American Experience.

Zum 50. Geburtstag des Übersetzers:

Uwe Berger: Zwei Dichter unserer Zeit. Zum 50. Geburtstag von Peter Huchel und Erich Arendt
Aufbau, Heft 4, 1953

Zum 60. Geburtstag des Übersetzers:

Helmut Ullrich: Lobpreis irdischer Schönheit. Zum 60. Geburtstag des Schriftstellers Erich Arendt
Neue Zeit, 13.4.1963

Georg Maurer: Erich Arendt zu seinem 60. Geburtstag
Sonntag, 15.4.1963
Nachgedruckt in: G. M., Essay I. Halle: Mitteldeutscher Verlag 1968

Zum 65. Geburtstag des Übersetzers:

Günther Deicke: Dichter und Weltfahrer. Erich Arendt zum 65. Geburtstag
Berliner Zeitung, 16.4.1968

Elke Erb: Erich Arendt zum 65. Geburtstag
Sonntag Nr. 16, 1968

Zum 70. Geburtstag des Übersetzers:

Günther Deicke: Poetische Sprache unserer Solidarität. Erich Arendt zum 70. Geburtstag
Neues Deutschland, 15.4.1973

Hinstorff gratuliert seinem Autor Erich Arendt zum 70. Geburtstag
trajekt 7, VEB Hinstorff Verlag, 1973

Zum 75. Geburtstag des Übersetzers:

J(ürgen) Sch(midt): Ein lähmendes Gefühl ist das. Dem Dichter und Übersetzer Erich Arendt, fünfundsiebzig Jahre alt, zu Ehren
Stuttgarter Zeitung, 16.9.1978

Gregor Laschen/Manfred Schlösser (Hg.): Der zerstückte Traum. Für Erich Arendt zum 75. Geburtstag
Agora, 1978

Zum 80. Geburtstag des Übersetzers:

Hubert Witt: Der flutharte Traum. Erich Arendt zum 80. Geburtstag
Sinn und Form, Heft 2, 1983

Hans Marquardt/Hubert Witt: Himmel und Erde. Erich Arendt zum 80. Geburtstag
Sonntag, 17.4.1983

Zum 85. Geburtstag des Übersetzers:

Uta Kolbow: In Raum und Zeit
Berliner Zeitung, 15.4.1988

Zum 100. Geburtstag des Übersetzers:

Uwe Grünging: Erinnerungen an Erich Arendt
Ostragehege, Heft 30, II/2003

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer + Archiv 1 + 2
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