Wystan Hugh Auden: Glück mit dem kommenden Tag

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Wystan Hugh Auden: Glück mit dem kommenden Tag

Auden/Schade-Glück mit dem kommenden Tag

ZUM GEDENKEN AN W.B. YEATS

(gest. Jan. 1939)

I

Er verschwand im tiefsten Winter:
Die Bäche waren vereist, die Flugplätze fast verlassen,
Und Schnee entstellte die Denkmäler;
Das Quecksilber sank im Mund des sterbenden Tages.
Was an Instrumenten wir haben, bestätigt es:
Sein Todestag war ein dunkler, kalter Tag.

Fernab von seiner Krankheit
Liefen die Wölfe durch die immergrünen Wälder,
Blieb der bäuerliche Fluß unverlockt durch die vornehmen Kaie;
Trauernde Zungen
Hielten den Tod des Dichters fern von seinen Gedichten.

Aber für ihn war es sein letzter Nachmittag als er selbst,
Ein Nachmittag der Pflegerinnen und Gerüchte;
Die Provinzen seines Körpers revoltierten,
Die Plätze seines Geistes waren leer,
Stille drang in die Vororte,
Der Strom seines Fühlens versagte; er wurde seine Bewunderer.

Jetzt ist er verstreut über hundert Städte
Und unbekannten Neigungen völlig überlassen,
Um sein Glück zu finden in einer anderen Art Gehölz
Und bestraft zu werden unter einem fremden Gewissenskodex.
Die Worte eines Toten
Werden abgeändert in den Bäuchen der Lebendigen.

Aber inmitten der Wichtigkeit und des Lärms von morgen,
Wenn die Makler brüllen wie Tiere auf dem Parkett der Börse
Und die Armen zu erleiden haben, woran sie so ziemlich gewöhnt sind,
Und jeder in der Zelle seines Ich fast überzeugt ist von seiner Freiheit,
Werden ein paar tausend denken an diesen Tag,
Wie man denkt an einen Tag, als man etwas nicht ganz Gewöhnliches tat.
Was an Instrumenten wir haben, bestätigt es:
Sein Todestag war ein dunkler, kalter Tag.

II

Du warst albern wie wir; deine Gabe überdauerte alles:
Die Gemeinde reicher Frauen, körperlichen Verfall,
Dich selbst. Narr Irland quälte dich zur Dichtung.
Irlands Narrheit und Wetter bestehen weiter,
Denn Dichtung bewirkt nichts: sie überdauert
Im Tal ihrer Erzeugung, wo die Exekutive
Ihre Finger einzieht, fließt nach Süden weiter
Von Gehöften der Isolation und des emsigen Kummers,
Rauhen Dörfern, wo wir glauben und sterben; sie überdauert,
Eine Art Zufall, einen Mund.

III

Erde, nimm den Ehrengast:
William Yeats sucht hier nach Rast.
Bette friedlich Irlands Kelch,
Der sein Lied nicht mehr enthält.

In der Nächte grauser Mahr
Bellt Europas Hundeschar,
Und die Völker stehn auf Wacht,
Abgetrennt in ihrem Haß.

Menschengeistes Schande spricht
Jedes menschliche Gesicht,
Und in jedem Auge steckt
Meer des Mitleids, eisbedeckt.

Folge, Dichter, folg bedacht
Bis zum tiefen Grund der Nacht,
Deine Stimme, unzerstört,
Helfe uns, daß Jubel währt;

Mit dem Pfluge im Gedicht
Weinberg mach aus Strafgericht,
Hingerissen von der Not
Sing, was alle uns bedroht;

In des Herzens Wüsten laß
Quellen strömen heilend Naß,
In der Tage Kerker lehr
Freien Mann das Wort: ich ehr.

Übersetzt von Ernst Jandl

 

 

Nachwort

Karl Kraus hat einmal von der deutschen Sprache seiner Zeit gesagt, sie sei die große Hure, die er wieder zur Jungfrau machen müsse. Mit einer ähnlichen Situation sah sich der Engländer Auden konfrontiert: „In der modernen Gesellschaft, in der die Sprache unablässig entstellt und auf Nichtsprache reduziert wird, läuft der Dichter beständig die Gefahr einer Korrumpierung seines Gehörs.“ Schon als Wystan Hugh Auden und die mit ihm befreundeten Dichter Stephen Spender, Cecil Day Lewis und Louis MacNeice – allesamt junge linksstehende Absolventen der konservativen Oxford-Universität – sich in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren anschickten, die englische Lyrik zu erneuern, geschah dies nicht zuletzt mit der Absicht, sich um eine zeitbezogene, entromantisierte, gegenständliche Sprache zu bemühen, die gleichermaßen der modischen Vermarktung des Wortes wie dem schwülstig-verschwommenen Pathos entgegenwirkte. Diese Dichter, die als Auden Group und Pylon Poets (Wendemarken-Dichter) in die Literaturgeschichte eingegangen sind, setzten sich das ehrgeizige Ziel, das moderne Leben mit all seinen besonderen sozialen, psychischen und technischen Gegebenheiten als wesentlichen Gegenstand in die englische Dichtung einzubringen und ihr den Anschluß an die progressiven Strömungen der Zeit zu sichern. Eine unmittelbar aus der industriellen Erfahrungswelt des 20. Jahrhunderts gewachsene, das veränderte Empfinden des modernen Menschen reflektierende Sprache sollte die Lyrik möglichst nahe an die Gegenwart heranrücken und die für den einzelnen immer schwerer zu erfassenden Strukturen und Vorgänge in der spätbürgerlichen Gesellschaft durchschaubarer machen. In seinem Aufsatz „Was ist modern in der modernen Lyrik“ schreibt Stephen Spender:

Wenn man von dem „Modernen“ in der Dichtung spricht, dann bedeutet dies nicht, daß sich ein Dichter auf eine Dampfmaschine, ein Auto, ein Gaswerk, einen Slum, eine Telefonklingel beziehen muß, sondern daß all diese Dinge auf irgendeine Weise Teil seiner poetischen Sensibilität geworden sind, so daß er zu seinen Zeitgenossen in einer Sprache spricht, die in den feinsten Lautschattierungen und dem subtilsten Gebrauch von Bildern eine moderne Sprache von Menschen ist, deren Ohren und Augen von solchen mechanischen Vorrichtungen umgeben sind.

Die Dichter um Auden stellten sich damit in einen bewußten Gegensatz sowohl zum romantischen Ästhetizismus spätviktorianischer Lyriker wie auch zu den rückwärtsgewandten georgianischen Naturpoeten, die – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in ihren Werken der industriellen Zivilisation ängstlich schaudernd den Rücken kehrten und in ein idyllisch gesehenes Gestern flüchteten. Wie T.S. Eliot, ihr Anreger, der mit seinen Dichtungen Prufrock (1917) und Das wüste Land (1922) bereits die Krise bürgerlichen Seins und das Erlebnis der neuzeitlichen Großstadt in antithetische Bilder poetischen Einfühlens und sarkastischen Desillusionierens gebannt hatte, lehnten auch die Dichter um Auden jede Teilung der Erfahrungswelt in poesiewürdige und poesieunwürdige Objekte ab; sie sahen darin eine willkürliche, ja höchst schädliche Einengung der Themenbreite und des Wahrheitsgehaltes von Literatur. Für den Dichter sei kein Gegenstand an sich schön oder häßlich, schön werde ein Gegenstand erst durch seine poetische Übertragung im Gedicht.

Wir werden der Dichtkunst einen sehr schlechten Dienst erweisen, wenn wir sie nur auf die erhabenen Erfahrungen des Lebens beschränken… Diejenigen, die – um mit Mr. Spender zu sprechen – die Lyrik auf einen Sockel stellen wollen, schaffen nur, daß sie ins Regal gestellt wird. Die Lyrik ist nicht besser und nicht schlechter als die menschliche Natur; sie ist abwechselnd tiefgründig und seicht, intellektuell und naiv, langweilig und geistvoll, zotig und rein

so formuliert Auden im Vorwort zu einer 1935 erschienenen populären englischen Gedichtanthologie seine Auffassungen zur Lyrik. Verbunden mit dieser nüchternen Sicht war bei den jungen Dichtern seines „Kreises“ das ernste Streben nach einer littérature engagée. In einem Artikel über den Iren William Butler Yeats erklärt Auden, ein großer Dichter zeichne sich aus durch „ein tiefgehendes Verständnis der Zeit, in der er lebt,“ und durch „eine genügende Kenntnis der fortschrittlichen Ideen seiner Zeit und eine wohlwollende Einstellung ihnen gegenüber“.
Diese programmatischen Äußerungen haben in den Werken Audens und seiner Freunde vor allem in den dreißiger Jahren, als sie in der englischen Dichtkunst den Ton angaben, ihre poetische Umsetzung erfahren; weit direkter als in der frühen Lyrik T.S. Eliots sind in ihren Gedichten politische, ökonomische und technische Erscheinungen und Entwicklungen ablesbar. Neben die sezierende Analyse der Gebrechen der bürgerlichen Ordnung tritt in den „roten dreißiger Jahren“ der Gegenentwurf einer von allen Zwängen befreiten Gemeinschaft der Gleichberechtigten. Menschliche Bruderschaft, soziale Revolution und wissenschaftlich-technisches Fortschreiten sind die Agenzien, die eine humanisierte, dem Wohl aller Individuen verpflichtete Gesellschaft bewirken werden. Gerade diese radikale Zielsetzung war ein Novum in der englischen Lyrik unseres Jahrhunderts.
Wie seine Dichterfreunde entstammte Auden dem Bürgertum. 1907 in York als dritter Sohn eines Arztes geboren, der ein leidenschaftlicher Liebhaber der Kultur des Altertums wie der modernen Wissenschaften war, wuchs der junge Auden in einem Milieu künstlerischer und naturwissenschaftlicher Anregungen auf. Gemeinsam mit Eltern und Geschwistern unternommene Fahrten nach Nordengland und Wales brachten ihm das Erlebnis der Berglandschaft. Dieses Erlebnis sollte später in die Bildersprache seiner Lyrik eingehen – wir finden die Welt der Berge ebenso in dem 1933 erschienenen symbolischen Sonett „Die Besteiger“ wie in der 1936 entstandenen „Reise nach Island“ oder der von ihm unter allen seinen Schöpfungen wohl bevorzugten, an Horaz erinnernden Dichtung „Ein Lob dem Kalkstein“ von 1948, in der die Landschaft aus Kalkstein zum Sinnbild der Schönheit und Geborgenheit, aber auch der Vergänglichkeit wird. Und in einem Essay beschreibt Auden fast minutiös, wie sein Wunsch-Eden geographisch beschaffen sein soll: „Ein Kalkstein-Bergland ähnlich dem der Pennin-Kette mit einer zusätzlichen kleinen Eruptivgesteins-Region und mindestens einem erloschenen Vulkan. Eine steile und zerklüftete Meeresküste“ – und fügt unter dem Stichwort „Klima“ lakonisch hinzu: „Das britische.“
Neben der Bergwelt war es vor allem die von Kindheit an vertraute Landschaft der Fabriken und Bergwerke, Kanäle und Eisenbahnen, die ihn immer wieder anzog. Bevor er auf den Rat eines Freundes hin als Fünfzehnjähriger Gedichte zu schreiben begann – sein erstes veröffentlichtes Gedicht erschien im Dezember 1922 in einer Schulzeitung -, galt sein Interesse fast ausschließlich naturwissenschaftlichen und technischen Dingen, vor allem dem Bleibergbau. Der junge Auden hatte sogar ursprünglich die Absicht, Bergbauingenieur zu werden. So zeigen auch die frühen Gedichte deutlich Spuren dieser Faszination durch Industrie und Technik; Maschine und Hochofen, Eisenbahn und Flugzeug, in der Schönheit ihrer zweckmäßigen Form beschrieben, stehen nicht selten als Symbol für die Dynamik modernen Lebens und als Verheißung eines kommenden Zeitalters, in dem der Mensch seine Möglichkeiten voll auszuschöpfen vermag.
Doch wenn auch Auden in seinem Frühwerk aus rationaler Gesinnung die Leistungen der modernen Naturwissenschaften bejaht, so verstellt ihm dies doch nicht den Blick auf die negativen sozialen Auswirkungen in einem profitorientierten System. Aufschlußreich dafür sind die halb selbstkritischen, halb selbstgefälligen Bemerkungen des „Poeta laureatus“ Sir John Betjeman über die mit Auden verbrachte Zeit in Oxford: „Ich war der alte Typ (des Oxford-Studenten), trivial, sonderlich, Schmeicheleien zugetan; ein Dinergast mit einer großen Bewunderung für die landbesitzenden Klassen und die Häuser und Parks, in denen sie glücklich genug waren zu leben. Wystan war sich bereits der Slum-Verhältnisse in Birmingham, in Bergbaustädten und Docks bewußt.“ In dem Gedicht „Die Wasserscheide“, während der Oxforder Universitätsjahre (1925-1928) entstanden und in die von Spender 1928 privat gedruckte erste Lyriksammlung Audens aufgenommen, ist am Beispiel eines verfallenden Bleibergwerks – „längst schon eingeschlafen, lebt nur noch schwach“ – auf den deformierenden Einfluß verwiesen, den eine Technik in der Gewalt des Kapitals auf Mensch und Landschaft ausübt. Der bürgerliche Betrachter, der auf diesen Torso der Technik halb gebannt, halb furchtsam und abgestoßen blickt, wirkt in diesem Milieu von Niedergang, Tod und Armut wie ein Außenstehender, ein „Fremder“; seine totale Isolation soll den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen den Arbeitern und dem Bürgertum andeuten. Ähnliche Besorgnis angesichts der technischen Entwicklung spricht auch aus einem Gedicht Stephen Spenders: „Die Landschaft nahe einem Flugplatz“. Wird eingangs das Flugzeug noch als „schöner und geschmeidiger als ein Falter“ apostrophiert, so erscheint am Ende der Dichtung das Gelände des Aerodroms als ein „Ort der Hysterie“. Der Mensch wird nicht nur zum Nutznießer, sondern auch zum Leidtragenden der von ihm ersonnenen Erfindungen.
War der bürgerliche Intellektuelle Auden schon in seiner Oxforder Zeit zu der Überzeugung gekommen, daß die ihn umgebende Ordnung ihre Daseinsberechtigung verloren hat, so wurde diese Haltung noch durch den Berlin-Aufenthalt der Jahre 1928/29 verstärkt, bei dem er die ersten Sturmzeichen der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise und den sich rapide zuspitzenden Konflikt zwischen Arbeit und Kapital beobachten konnte. Das in dieser Zeit angesiedelte Werk „1929“, ein Ostergedicht über Tod und Auferstehung, Leid und Hoffnung, reflektiert bereits die Erschütterungen und läßt den Gedanken an die Revolution anklingen, die, wie der Frühling den Winter, die konservative „alte Clique“ hinwegfegen wird. Es ist ein für den jungen Auden typisches Gedicht: die soziale Thematik geht mit psychologischen Theorien eine enge Verbindung ein. Vor allem die Lehren des amerikanischen Psychologen Homer Lane haben hier Eingang gefunden. Gerade die mittleren Teile des Gedichtes verraten den Einfluß der Laneschen Doktrin, daß die Krankheiten des einzelnen wie auch letztlich der Gesellschaft auf seelische Störungen zurückzuführen seien und Heilung nur dann eintrete, wenn das sich selbst entfremdete Individuum den Antagonismus von Verstand und Instinkt überwinde und sich zu seiner wahren Natur, seinen eigentlichen Trieben und Anlagen uneingeschränkt bekenne.
Neben die bisweilen etwas überspitzte Lehren Lanes (nach ihm führte die Unterdrückung der kreativen Kräfte im Menschen zur Krebserkrankung) treten in der frühen Lyrik Audens die Traumsymbole des Psychoanalytikers Sigmund Freud, dessen Andenken eine 1940 veröffentlichte Elegie gewidmet ist. Die eindringenden naturwissenschaftlichen und psychologischen Vorstellungen und Begriffe, die mitunter in allzu entlegene Fachtermini übergehen, geben einigen seiner Dichtungen fast den Charakter einer klinischen Diagnose. „Er fand überall Symptome“, äußert Spender rückblickend. „Symptomatisch war sein Schlüsselwort. Doch in seiner sehr ungewöhnlichen Dichtung verwandelte er diese Symptome in Figuren in einer Landschaft von Bergen, Pässen, Strömen, Helden, Rossen, Adlern, Fehden und Runen nordischer Sagas. Er war ein Dichter unüblicher Art – eine Rasse, die anders war als wir – und zugleich ein Diagnostiker literarischer, sozialer und individueller psychosomatischer Bedingungen…“
Jeder einzelne entscheidet, darauf weisen die Werke Audens hin, letztlich über Fortschritt oder Niedergang der Menschheit mit. Viele der frühen Gedichte kreisen um das Thema des Widerspruchs zwischen einer fehlgelenkten individuellen Liebe und dem Wohl der Gemeinschaft. Die nur vom anderen wie einem Objekt Besitz ergreifende, sich ganz in den Raum des Privaten zurückziehende Liebe wird als Ausdruck eines bürgerlichen Egoismus gewertet, der die ganzheitliche Entwicklung des Individuums ebenso verhindert wie das Zusammenfinden der Menschen in einer universellen Bruderschaft. In dem als „Song“ bezeichneten Werk „Liebste, gib dein müdes Haupt“ allerdings, wo die körperliche Liebe zweier Menschen – bei aller Unbeständigkeit und Vergänglichkeit – in „Liebe, Hoffnung weltenweit“ mündet, sind die Gegensätze versöhnt.
Als Anfang der dreißiger Jahre die Wirtschaftskrise, in Großbritannien immer gewaltigere Ausmaße annahm, die Flut des Faschismus in Europa spürbar anwuchs und der mit einigen Hoffnungen bedachte Liberalismus total versagte, näherte sich Auden – wie auch Spender, Lewis und MacNeice – mehr und mehr der Position des Kommunismus, in dessen Lehren er den Gedanken der „universal love“, gesellschaftlich konkretisiert, am überzeugendsten aufgegriffen sah. Marx tritt, vor Freud, die sozialen Prozesse und politischen Entwicklungen werden noch präziser und tiefergehend erkundet.
Dies ist besonders stark abzulesen an den Stücken The Dance of Death (1933) und The Dog Beneath the Skin (1935) – letztes entstand in Zusammenarbeit mit seinem Freund Christopher Isherwood – wie an dem Gedichtband Look, Stranger (1936) und der Lyrik- und Prosasammlung Journey to a War (1939), literarisches Ergebnis einer Reise an den Schauplatz des Chinesisch- Japanischen Krieges. Die bürgerliche Gesellschaft wird in aller Schärfe als verantwortungslos und parasitär abgeurteilt, wie in „Die kulturelle Voraussetzung“. Sie ist als eine mit Notwendigkeit untergehende Ordnung gesehen, auf deren Trümmern man dereinst die „Gerechte Stadt“ – Sinnbild einer humanisierten, kommunistischen Gesellschaft – erbauen wird. Doch das Bewußtsein der Beschwernisse eines solchen Weges ist stets gegenwärtig; bisweilen verfällt der Dichter angesichts der Selbstsucht und Apathie allzu vieler in eine Haltung des Zweifels. Eben jene Gleichgültigkeit und Unwahrhaftigkeit der bürgerlichen Menschen, seine fehlende moralische Widerstandskraft gegenüber demagogischen Verlockungen sind für Auden Faktoren, die die Ausbreitung des Bösen – vor allem des Faschismus – begünstigen. Einer solchen Einstellung setzten Auden und seine Freunde das Bereitsein zum persönlichen Engagement gegen die Feinde von Zivilisation und Gesittung entgegen. Aus diesem Engagement ist auch die generöse Geste Audens zu verstehen, der sich 1935 bereit erklärte, die aus Deutschland emigrierte Erika Mann zu heiraten, um ihr den so dringend benötigten Paß als britische Staatsbürgerin zu verschaffen.
Als sich die spanische Republik der Franco-Invasion zu erwehren hatte, eilte Auden, der in den dreißiger Jahren als Schullehrer wie auch beim Film und beim Theater tätig war, Anfang 1937 nach Spanien und wirkte an Propagandasendungen für die rechtmäßige demokratische Regierung mit. Am 29. Mai desselben Jahres erscheint das Gedicht „Spanien 1937“, nach Spender die „beste poetische Darstellung der republikanischen Sache in englischer Sprache“. In ausladenden, assoziationsreichen Versen wird an den Menschen als den Beweger und Vollstrecker der Geschichte appelliert, seiner Verpflichtung gegenüber Zivilisation und Fortschritt gewahr zu werden. Der Kampf von heute, „die bewußte Hinnahme der Schuld“ des Tötens sollen eine Zukunft bereiten helfen, die „die Wiederentdeckung der romantischen Liebe“ bringt, in der „die Stunde des Zeremonienmeisters und der Konzerte“ anbricht. Doch zwei Jahre darauf lassen das Scheitern der spanischen Republikaner und die immer näher rückende Drohung eines neuen Weltkrieges wie andererseits auch die Auswirkungen des Personenkultes um Stalin die revolutionäre Haltung Audens und anderer linksstehender Dichter, deren marxistische Anschauungen nicht fest gegründet sind, in Resignation umschlagen. Doch die antifaschistisch-humane Grundposition bleibt bei Auden erhalten. Die Jahre 1939/40, in denen wir Auden bereits in den USA finden, bringen eine Hinwendung zu den Ansichten des frühexistentialistischen dänischen Philosophen Sören Kierkegaard und des protestantischen amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr, der – über ein Jahrzehnt Pfarrer in einer Arbeitergemeinde Detroits und überzeugter Hitlergegner für ein sozial ausgerichtetes Christentum plädierte und das Verhältnis von Geschichte, Politik und christlicher Ethik untersuchte. Audens Werke aus den vierziger Jahren, die zum Teil von der Niebuhrschen Theorie des Fortwirkens der Ursünde in unserer Zeit und der dadurch verursachten Fragmentierung der Persönlichkeit beeinflußt sind, bekunden eine skeptischere Bewertung der Möglichkeiten des Menschen, sich aus seinen Zwängen und Bedrückungen zu befreien; erkennbar ist auch eine distanzierte Stellung gegenüber Technik und Naturwissenschaft und eine kritischere Sicht rein rational bestimmter Denk- und Verhaltensweisen. Das Streben nach einer verbesserten Situation des Menschen erhält religiöse Akzente, die „universal love“ des marxistischen Dichters wandelt sich zur Agape, zur christlichen Nächstenliebe.
Auden hat den Glauben verloren, daß Literatur soziale Umwandlungen befördern kann – „Denn Dichtung bewirkt nichts“, heißt es in dem Werk „Zum Gedenken an W.B. Yeats“. Und doch formuliert er ein paar Strophen weiter den ethischen Auftrag des Dichters:

Mit dem Pfluge im Gedicht
Weinberg mach aus Strafgericht,
Hingerissen von der Not
Sing, was alle uns bedroht.

Die Kunst ist für ihn, wie er in der dichterischen Adaption von Shakespeares „Sturm“, „The Sea and the Mirror“ (1945), darlegt, ästhetisch ein Bereich der Ordnung und Harmonie, der in deutlichem Kontrast zu dem Chaos des bürgerlichen Lebens und der inneren Zerrissenheit des Individuums steht. „… aus deinen sanften Augen starrt… / Das, was wir nicht sind, das an, was wir sind.
Die Dichtung wird zum Gegenstand, der durch seine Schönheit den Menschen zur Erkenntnis seines Dilemmas bringt und ihn veranlaßt, sich, trotz seiner Skeptis, um die Verwirklichung seiner humanen Potenzen zu bemühen. In einem Essay schreibt Auden:

Wir verlangen von einem Gedicht, daß es schön sei, daß es sprachlich ein Paradies auf Erden darstelle, eine zeitlose Welt reinen Spiels, die uns erfreut, gerade weil sie von unserem geschichtlichen Dasein mit all seinen unauflöslichen Problemen und unvermeidlichen Leiden absticht, gleichzeitig verlangen wir von einem Gedicht, daß es wahr sei, daß es uns eine irgendwie geartete Offenbarung über unser Leben biete, die uns zeigt, wie das Leben in Wirklichkeit ist, und die uns aus Selbstverblendung und Wahnvorstellungen herausführt; und ein Dichter kann uns nicht die Wahrheit bringen, ohne in seiner Dichtung das Problematische, Schmerzliche, Ungeordnete, Häßliche zu lassen.

Die Werke der vierziger bis siebziger Jahre bezeugen eine antikapitalistische Haltung. Das gilt für „Die Manager“, 1948 erschienen, ebenso wie für die symbolische Dichtung „Das Zeitalter der Angst“ (1947). Das letzte ein die Ära von Atombombe und kommerzialisierter Massenkultur reflektierendes Seitenstück zu Eliot Das wüste Land, ist eine konsequente dichterische Bestandsaufnahme der Lage des spätbürgerlichen Menschen in Kriegs- und Nachkriegszeit. Mythen, Allegorien, historische Anspielungen, zeitkritische Exkurse und an Rilke gemahnende Landschaften der Psyche offenbaren die verlorengegangene Identität des Individuums, sein Unbehaustsein, seine zwischen Angst und vergeblichem Hoffen angesiedelte Existenz.
Seit Ende der vierziger Jahre verbrachte Auden, der in seiner Jugend die klare, kalte Welt der Felsen, Gletscher und weiten Ebenen Nordeuropas, vor allem Islands, bevorzugt hatte, die Frühjahrs- und Sommermonate auf der italienischen Insel Ischia und‘ ab 1958 im niederösterreichischen Kirchstetten; er gewann damit seiner Lyrik den Raum des Mediterranen, jenes liebevoll-ironisch gesehene „sonnverbrannte Anderswo / Aus Weingärten, Barock und la bella figura“, und das Gebiet der österreichischen Voralpen hinzu. Werke wie „Ein Lob dem Kalkstein“ und „Ein Lebewohl dem Mezzogiorno“ und ein „Pfingstsonntag in Kirchstetten“ benanntes Gedicht belegen dies. In jener Zeit entstanden zahlreiche Essays wie auch Libretti für Werke Igor Strawinskys und Hans Werner Henzes, die in nahe gelegenen italienischen, österreichischen und süddeutschen Musikstätten ihre Uraufführung erlebten. Mitschöpfer dieser Libretti war der geistreiche und humorvolle Chester Kallman, der Auden über Jahrzehnte bis zu dessen Tod in Freundschaft verbunden und unentbehrlicher Ratgeber für sein lyrisches Werk blieb. In einer Reihe von Gedichten zeigt sich Auden nach wie vor als unbequemer Kritiker moderner westlicher Zivilisation – ganz gleich, ob er das Schreckensbild einer gefängnisartigen Großstadt entwirft, die „Dreck und Gewalttat“ verbreitende Sensationspresse attackiert oder, wie in „Mondlandung“ (1972), den Supermann-Kult seiner Glorie entkleidet – wobei er auch sein Unbehagen an der neuzeitlichen Technik überhaupt bekennt.
Die späten Werke lassen die Person des Dichters unmittelbar hervortreten. Wir erfahren von seinem Alltag, seinen Gewohnheiten, seiner Einsamkeit (die in „Seither“ anklingt), der Ausstattung seines Hauses – auch von seinen Vorlieben und Abneigungen. Das bringt Gewinn, aber auch Verlust für seine Lyrik. Mitunter werden jetzt konservatives Beharren und vergangenheitsverklärende Haltungen spürbar; in den letzten Jahren büßt seine Lyrik an poetischer Kraft und Allgemeingültigkeit ein, sie erscheint zu stark ins Private verengt.
In der technischen Versiertheit hingegen stehen die AItersgedichte den frühen Werken kaum nach. Sie zeigen eine ähnliche Vielfalt an metrischen Formen, wie sie die Schöpfungen des jungen Auden auszeichnete. Auden äußerte einmal, er habe im Laufe seines Lebens sämtliche Versformen ausprobiert. In der Tat ist sein Repertoire erstaunlich: Es reicht vom altenglischen stabreimenden Langvers bis zum 17silbigen japanischen Haiku, von der altnordischen Drottkvætt-Strophe bis zum Sonett, von der Sestine bis zum frei rhythmisierten Vers. Auch dieses geniale Spiel auf der Klaviatur der Formen weist Auden als einen der Großen in der englischsprachigen Literatur unserer Zeit aus.
Als der Dichter kurz vor einer geplanten Reise nach Oxford am 29. September 1973 in Wien starb, fand sein Wirken ein unerwartetes, abruptes Ende. Doch seine Prophezeiung in der Elegie über William Butler Yeats hat sich auch an seinem Werk erfüllt: Die Welt hält „den Tod des Dichters fern von seinen Gedichten“.

Günter Gentsch, Nachwort

Wystan Hugh Auden

Der Engländer Wystan Hugh Auden (1907–1973) war der profilierteste Vertreter einer Dichtergeneration, die bereits gegen Ende der zwanziger Jahre bemüht war, durch Verwendung von Begriffen der Alltagssprache die Gegenwart neu zu interpretieren und damit ein von romantischer Verklärung befreites Weltbild zu vermitteln. Sein umfangreiches lyrisches Werk, das die europäische Dichtung unserer Zeit stark bereichert hat, spiegelt die geistige Entwicklung eines bürgerlichliberalen Humanisten wider, für den die Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg und die Auseinandersetzung mit dem Faschismus ebenso bedeutsam war wie die Beschäftigung mit metaphysischen und existentiellen Themen. Gedankliche Vielfalt und Formenreichtum seines dichterischen Schaffens werden in dieser repräsentativen zweisprachigen Auswahl sichtbar, in der sich gefühlsintensive Liebeslyrik, Reminiszenz und kritische Reiseimpression, Verteidigung künstlerischer und moralischer Werte und politische Analyse zu einem Themenkreis vereinen, der sich, verallgemeinert, mit den Worten Audens umschreiben läßt: „Es muß immer zwei Arten von Kunst geben, eine Zuflucht suchende, denn der Mensch bedarf der Zuflucht, und eine Gleichniskunst, die den Menschen lehren soll, den Haß zu verlernen und die Liebe zu erlernen.“

Verlag Volk und Welt, Begleitzettel, 1978

 

W.H. Auden 1907–1973

Das Leben Audens: ein Amerikaner in England, als Student eine Zeitlang Marxist, Kampfflieger im Spanischen Bürgerkrieg, Professor in Oxford, poet laureate, Reise nach Island mit Isherwood, jährlicher Aufenthalt auf Ischia, und dann, plötzlich, der Abschied vom Mediterranen, ein Dorf in Österreich, wo er, abwechselnd mit New York, während der letzten fünfzehn Jahre seines Lebens wohnt, zusammen mit Chester Kallman. Wir haben uns mit Freunden von Wien aus auf den Weg nach Kirchstetten am Rand des Wienerwaldes gemacht, dort sind wir mit dem stellvertretenden Bürgermeister verabredet, der uns das Haus zeigen wird; aus dem Arbeitszimmer hat man ein kleines Museum gemacht. Meine Freunde sagen, der Bürgermeister werde wahrscheinlich noch von einem anderen Dichter sprechen, der kurz vor Kriegsende im selben Dorf Selbstmord begangen hat. Sie beschreiben diesen Josef Weinheber als eine Art Heimatdichter – ein nur schwer in eine andere Sprache Übersetzbares Wort -, er sei kein Nazi gewesen, aber trotzdem… Was auch immer dieses aber trotzdem besagen soll, es hat Auden nicht davon abgehalten, für diesen Kollegen, dem er nie begegnet ist, ein wunderschönes Gedicht zu schreiben:

Reaching my gate, a narrow
lane from the village
passes on into a wood:
when I walk that way
it seems befitting to stop
and look through the fence
of your garden where (under
the circs they had to)
they buried you like a loved
old family dog.

Categorised enemies
twenty years ago,
now next-door neighbours, we might
have become good friends,
sharing a common ambit
and love of the Word,
over a golden Kremser
had many a long
language on syntax, commas,
versification.

Der stellvertretende Bürgermeister ist eine Bürgermeisterin. Sie holt uns an dem kleinen Bahnhof ab und fährt voraus. Das erste im Haus, was ich sehe, ist die Olivetti, dann die beiden Riesenpantoffel und die Tasche, mit der er im Spar-Laden einkaufte, und dann stelle ich mir vor, wie er hereinkommt und fragt, was wir in seinem Arbeitszimmer machen und wieso ich in seinen Bücherschrank starre. The Gift von Nabokov, ein Brett mit Krimis, Jules Verne, The Complete Poems von R. Jarrell, A History of Western Technology; wir kommen uns vor wie Leute, die sich unbefugt Eintritt verschafft haben, es ist eine Erlösung, als die Bürgermeisterin uns ein Video mit einem kurzen Film vorspielt, den das Österreichische Fernsehen 1966 zu Audens sechzigstem Geburtstag gedreht hat. Das Gesicht mit den tausend Falten: in der Kirche, in die er jeden Sonntag ging, hinter den Scheiben seines Volkswagens, beim Anhören des Ständchens, das zwei kleine Kinder in Tracht ihm bringen – ein älterer Mitbürger, einer von uns, der geehrt werden mußte, weil er es weit gebracht hatte, ein Onkel mit Schlappen, der sich entschlossen hatte, unter uns in unserem Dorf zu leben, wegen der Ruhe, der Beschaulichkeit der Landschaft, wegen des guten Weins und der Nähe der Wiener Oper. Er ist im Schatten der kleinen weißen Kirche begraben, die metallene Tafel ist fast ganz unter Efeu versteckt, der vom Regen glänzt, W.H. Auden, poet and man of letters. Ein Grablämpchen mit roter Kerze, steht in meinem Notizbuch, aber was mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben ist, sind die beiden kleinen Kinder in ihrer Tracht, die ihren Reim aufsagen, ihre noch so ganz unbeschriebenen Gesichter, wie sie zu dem zerfurchten Gesicht des Dichters aufblicken, und das Rätsel: was wohl in jenem Augenblick hinter diesem Palimpsest gedacht wurde.

Cees Nooteboom, in: Cees Nooteboom: Gesammelte Werke Band 9, Suhrkamp Verlag, 2008

 

Das Zeitalter der Angst – Wystan Hugh Auden

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Hannes Stein: Ein Ruhmeslied für W.H. Auden und seine Verse
Berliner Morgenpost, 20.2.2007

Die Wahrheit mit eigenen Augen
Die Welt, 21.2.2007

Jens Brüning: Marx und Freud zum Vorbild
Deutschlandfunk Kultur, 21.2.2007

Erich Klein: Wenn die Nacht am tiefsten ist: W.H. Auden
Der Standart, 17.2.2007

Rüdiger Görner: Denkspiele im Zauberkreis der Sprache
Neue Zürcher Zeitung, 17.2.2007

Andreas Brunner: Die Poesie kann nichts bewirken
Wiener Zeitung, 16.2.2007

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG

 

Wystan Hugh Auden liest sein Gedicht Zum Gedenken an W.B. Yeats.

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