Zbigniew Herbert: Poesiealbum 86

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Zbigniew Herbert: Poesiealbum 86

Herbert/Januszewski-Poesiealbum 86

APOLLO UND MARSYAS

Das eigentliche duell Apollos
mit Marsyas

(absolutes gehör
contra riesige skala)
findet gegen abend statt
denn wie wir schon wissen
haben die richter
den gott als sieger erkoren

fest an den baum gefesselt
exakt enthäutet
schreit
Marsyas
doch bevor der schrei
seine hohen ohren erreicht
ruht er sich aus im schatten dieses schreis

schaudernd von abscheu geschüttelt
putzt Apoll sein instrument

nur scheinbar
ist Marsyas’ stimme
monoton

und besteht nur aus einem selbstlaut
A

tatsächlich
erzählt
er
von unerschöpflichen schätzen
seines leibes

von kahlen bergen der leber
weißen schluchten der speisen
rauschenden wäldern der lunge
sanften hügeln der muskeln
von teichen der galle von blut und frösteln
vom winterlichen wind der knochen
über dem salz des gedächtnisses

schaudernd von abscheu geschüttelt
putzt Apoll sein instrument

jetzt fällt in den chor
die wirbelsäule Marsyas’ ein
im grunde dasselbe A
nur dumpfer mit zusatz von rost

das hält der gott mit den nerven aus kunststoff
länger nicht aus

über die buchsbaumbewachsene
schotterallee
entfernt sich der sieger
und sinnt
ob aus dem heulen des Marsyas
nicht mit der zeit
ein neuer zweig
der – sagen wir – konkreten
kunst erwachse

da fällt
eine versteinerte nachtigall
vor seine füße

er wendet sich um
und sieht
daß der baum an den Marsyas gefesselt war
ergraut ist

gänzlich1

Übertragen von Karl Dedecius

 

 

 

Zbigniew Herbert

Zbigniew Herbert ist ein lebender Klassiker. Als 1956 sein erster Gedichtband erschien, feierte ihn die Kritik einhellig als ein literarisches Ereignis von einschneidender Bedeutung. Seitdem ist Herberts Ruhm in Polen und im Ausland unaufhörlich gewachsen. Unter den polnischen Lyrikern, die Mitte der fünfziger Jahre mit großer Entschiedenheit daran gingen, einen erstarrten ästhetischen Kanon durch eigenwillige neue Formen zu ersetzen und in ihnen die sich vollziehenden gesellschaftlichen Veränderungen provokant auszusprechen, gilt Zbigniew Herbert als einer der wichtigsten Wortführer, dessen Werk bereits in die zeitgenössische Weltliteratur Eingang gefunden hat.

Ankündigung in Max Zimmering: Poesiealbum 85, Verlag Neues Leben, 1974

Der taube Gott der Tonkunst

Gegensätzliches verschiedener Ordnung ins Gleichgewicht einer strengen Sprache zu bringen ist Zbigniew Herberts Vorsatz immer gewesen. Seit Ende der fünfziger Jahre gehört er zu den herausragenden poetischen Erscheinungen Volkspolens. Mit seinem Auftreten vor allem ist die Wiederaufnahme von Motiven des klassischen Altertums verbunden, ein auch in der Lyrik der DDR nicht unbekannter Vorgang, der in Polen allerdings früher einsetzte. Das Goldene Zeitalter war es nicht, was Herbert in die graue Vergangenheit lockte, das gegenwärtige Polen bestimmt seine Begegnung mit Hellas; die Frage nämlich, was die in mythischen, literarischen, künstlerischen Urbildern gespeicherte Erfahrung der Vergangenheit uns heute zu bedeuten vermag. Die Harmonie, die seine Gedichte stiften, glättet nicht das Unvereinbare, löst die Rätsel der Wirklichkeit nicht in die klare Einseitigkeit von einst oder jetzt, Gefühl oder Ratio auf, sondern sinnt dem dialektischen Einklang beider nach. Erreicht wird das in einer auf ihre Weise klassischen Sprache, die lyrische und logische Schlüssigkeit, Lust am Metaphorisieren und Neigung zum intellektuellen Diskurs in schwebenden Ausgleich bringt, dabei eine sublime Musikalität erreicht, die auf Reim und lautmalerischen Effekt verzichten kann.
In der Regel hebt dort, wo die Sage endet, das Gedicht an. Den Wettkampf, den Herberts „Apoll und Marsyas“ meint, entscheidet nicht das Urteil der Götter. Sie haben ihren Spruch gefällt. Er galt dem sagenhaften Wettstreit der Instrumente; Marsyas’ Flöte gegen die Zither Apolls. Da blieb der Gott des Wohllauts, der schöne Anführer der Musen Sieger und strafte hart die Anmaßung des phrygischen Hirten, mit der roh klingenden Rohrpfeife gegen den Sonnengott und seine Leier angetreten zu sein.
Das „eigentliche Duell“, das im Gedicht stattfindet, fordert ein anderes Urteil heraus. Marsyas, zur Strafe bei lebendigem Leibe enthäutet, schreit seine Qualen heraus. Apoll, der nur Wohlgeformtes wahrzunehmen gewohnt ist, schüttelt sich vor Abscheu bei dem schrillen, eintönigen Laut. Wann je war ein Notschrei kunstvoll?
Marsyas’ Schreien ist aber nicht ausdruckslos, es erzählt die ursprüngliche Gewalt körperlichen Schmerzes. Dies herauszuhören, bedürfte es der Empfänglichkeit für den Ausdruck fremden Leids, bedürfte es menschlicher Anteilnahme. Dem Gott „mit den nerven aus kunststoff“ gilt Marsyas’ störend unschöner Schrei aber nicht als Verweis auf eine menschliche Lage, er löst lediglich Gedanken aus, ob daraus Material für eine neuartige „konkrete kunst“ gewonnen werden könnte. Der Jammer, der die sprichwörtlichen Steine erweicht, vermag – so das Gedicht – das bloß artistische Interesse an der Wirklichkeit, die sich selbst genügende Harmonie nicht zu berühren.
Das Einvernehmen, das sich am Ende zwischen Marsyas, Nachtigall und Baum herstellt, spricht über den kunstfertigen, nur schönen Apoll, von dem die Sage zu berichten weiß, daß er nie Glück in der Liebe erfuhr, ein anderes Urteil als jenes der Götter.
In Herberts Lyrik lebt die kulturgeschichtliche Überlieferung erstaunlich auf. Eine eigenwillige, behutsame Deutung verleiht ihr nicht vermutete Gegenwärtigkeit. Alte Stoffe werden nicht gewaltsam aktualisiert, sie erweisen aber ihr ungeschmälertes Vermögen, unsere Fragen geduldig zu erwägen und unsere (Vor-) Urteile unaufdringlich in Frage zu stellen. Die Zeugnisse der Alten mit kritischem Blick betrachtend, lernt sozialistische Lyrik unsere Gegenwart mit der nicht minder kritischen Weisheit der Alten anzuschauen.

Heinrich Olschowsky

Nicht Neuerungen

sind Herberts Ziel. Seine Ziele heißen vielmehr Vollkommenheit, Maß, Harmonie, Gleichgewicht. Ein Gleichgewicht aus Überraschung und Mitteilung, Konstruktion und Emotion. Aus Problembewußtsein und Intensität ästhetischer Wirkungen. Eine Poetik der ausgewogenen Waagschalen.

Jerzy Kwiatkowki, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1974

 

Herrn Cogitos Welt

Heute wird der Petrarca-Preis zum fünften und letzten Mal verliehen. So wie er durch einen spontanen Einfall entstand anläßlich des 600. Todestages seines Namensgebers, so soll er als Petrarca-Preis nach den fünf festgesetzten Jahren wieder eintauchen in die allgemeine kulturelle Aktivität, und zwar ganz unabhängig davon, ob er unter anderem Namen oder im Namen einer anders inspirierten Idee, aber mit den gleichen Intentionen, eines Tages wieder auftaucht. Er war von seinem Stifter und der Jury von Anfang an als unabhängiger Autorenpreis gedacht gewesen und mit einem Anspruch versehen worden, der sich bewußt abheben sollte vom konventionellen Zeremoniell des schlechten Gewissens, das sich, ohne die Sache zu meinen, um die es geht, durch die Übergabe von Schecks zu entlasten versucht. Ob uns die Verwirklichung unserer Idee, bestimmte Spuren und Motive Petrarcas, von der Quelle von Vaucluse bis nach Verona, wo er, wie er schreibt, „Gott sei Dank wohl gelitten war“, mit unseren von theologischen Ambitionen freien Vorstellungen zu verbinden, gelungen ist, müssen Sie entscheiden. Wer die Idee selber nicht verstanden hat oder mißverstehen wollte als Wiederauflage der römischen Dichterkrönung Petrarcas, dem ist auch heute nicht mehr zu helfen. Zu dieser Idee gehört unwiderrufen auch die Verleihung des Preises an Herbert Achternbusch. „Wie oft“, schreibt Petrarca in seinem fiktiven Dialog mit Augustinus über die Weltverachtung, „wie oft habe ich Dich klagen hören, wie oft Dich schweigend und voll Ärger gesehen, weil, was für den denkenden Geist so klar und leicht zu erkennen war, sich weder mit der Zunge noch mit dem Griffel erschöpfend ausdrücken ließ.“
In den letzten fünf Jahren hat sich in der öffentlichen Einschätzung von Literatur etwas verändert. Die Poesie hat großen Zulauf in Deutschland. Überall Lesungen, Kongresse, Symposien, Gedichte werden gehört, befragt und analysiert. Ausgerechnet die intimste literarische Form, die im fortschreitenden Jahrhundert mehr und mehr danach trachtete, sich zu verstecken und dankbar die sozusagen natürliche Logik des Marktes in Anspruch nahm, als nicht verwertbar zu gelten, ausgerechnet die verschlossensten Gebilde der Einbildungskraft finden Zuhörer. Mehr Zuhörer als Leser, das ist ein wichtiger Unterschied. Und zwar deshalb, weil sich damit weniger ein Bedürfnis danach ausdrückt, einen bestimmten inhaltlichen Sinn auszumachen, der sich bei der Lektüre selbstverständlich leichter erschließen würde, sondern vielmehr eines, dessen Ziel die unmittelbare, authentische Übertragung dessen ist, was Valéry die „poetische Erregung“ nannte. Dieses Bedürfnis nach poetischer Erregung mag viele Ursachen haben, über die sich genauer nachzudenken lohnte in einer Zeit, da fast jede Erregung Produkt geplanter Vermittlungen ist. Es ist nur banal und lächerlich zu behaupten, bei diesem Bedürfnis handele es sich lediglich um die Übertragung bestimmter geistiger Energien von einem politischen Feld auf ein kulturelles, weil auf diese Weise alle tieferen Ursachen unberücksichtigt bleiben. Aber dieses Problem soll hier nicht gelöst werden. Was mich interessiert, ist diese offensichtlich anwachsende Sehnsucht nach poetischer Erregung, die ich selber in der letzten Zeit bei sogenannten Lyrikfestivals beobachtet habe. Auf dem Podium in rascher Folge zehn Autoren, Dichter, vor sich zweitausend bereitwillige Ohren, die jedes Bild, jeden Witz, jeden seltenen Reim, jede Metapher gierig aufsaugen und sofort danach den Händen befehlen, laut gegeneinanderzuschlagen. Für den Vorlesenden zunächst ein beglückendes Gefühl: die mühevolle Arbeit der Einbildung, des Verstandes, das zermürbende Wählen und Verwerfen von Worten, alle Tätigkeiten, deren Ziel ein Gedicht ist, dem man die Spuren der Arbeit möglichst nicht mehr ansehen sollte, alle Arbeit wird belohnt durch den einsetzenden Beifall, der ja nichts anderes anzeigt als die geglückte Transformation der eigenen poetischen Erregung auf andere. Warum, frage ich mich, gehen die Dichter, wenn es wieder still geworden ist, nicht stolz und erhobenen Kopfes vom Platz, sondern – und das sind meistens die besten – unsicher und mit gefurchter Stirn? Ich vermute, sie wissen warum: es war ein Sieg ohne Widerstand. Nun ließe sich erwidern, das sei eine arrogante Behauptung, denn es könne ja immerhin eine totale Kongruenz zwischen Autor und Publikum bestehen, es wäre ja denkbar, daß das Ensemble von Wörtern und Bedeutungen, von Formen und Erfindungen, aus denen ein Gedicht besteht und das, im glücklichsten Fall, das „Ich“ des Autors vollständig ausdrückt, sich restlos auf die vielen „Ichs“ und „Halb-Ichs“ der Zuhörer übertragen ließe. Aber jeder, der mit Sprache zu tun hat und sie ernst nimmt, weiß, wie selten dieser Fall eintritt. Blitze, die aus Gedichten schlagen und, sei es auch nur für einen Moment, die eigene Situation beleuchten, sind bei unseren inneren klimatischen Verhältnissen kaum zu beobachten. Ich fürchte, die Ursache der Wirkung von vielen Gedichten heute liegt in der Auflösung der poetischen Sprache und Imagination in eine poetisierende Rhetorik, in der es, zwar noch nicht festgelegt, Regeln gibt, die ihren Effekt bestimmen. Wer sich die Mühe macht, Gedichte nicht nur zu hören, sondern auch zu lesen – und die Jury des Petrarca-Preises kann ein langes, trauriges Lied davon singen −, der wird leicht feststellen, durch welche Regeln sich diese Rhetorik definiert und wie sie die sonderbare Einmütigkeit zwischen Autor und Zuhörern herstellt. Mit anderen Worten: es gibt eine Sehnsucht, aber diese Sehnsucht darf uns nicht glauben machen, wir seien sensibler geworden, sondern: Die immer stumpfer werdende Sensibilität gegenüber unseren Empfindungen und Wahrnehmungen, unseren Ideen und Beobachtungen ist auf eine Ebene hinabgesunken, wo der Grad der Intensität keine besondere Rolle mehr spielt. Ein schönes großes Haus mit vielen Stockwerken und geheimen Zimmern, mit langen dunklen Fluren und matten Spiegeln, aber keine Treppe, keine Leiter, nicht einmal ein Lift. Parterre haben sich viele Menschen versammelt, die einem Dichter zuhören, aber keiner kommt auf die Idee, eine Treppe zu bauen. Das Haus zerfällt. In der Dumpfheit und Enge genügen wenige Worte und rhetorische Wendungen für den Beweis, daß man noch am Leben ist. Ja, gewiß, wir leben noch.
Aber an Ideen, an denkerischer Intelligenz, an produktiver Nachdenklichkeit, die ja auch zum poetischen Akt gehören, um am Ende in einem Gedicht aufzugehen und oft nur noch einem zufälligen Blick aus einer zufälligen Perspektive sich zeigen und sich öffnen, daran herrscht großer Mangel. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß das einst gute Verhältnis von Denken und Dichten in Deutschland empfindlich gestört ist, daß einem, der denkt, gesagt wird, er solle das Dichten lieber bleiben lassen, und umgekehrt. Eine anmaßende, arrogante Rede, die nichts weiß von der initialen Entstehung einer Idee und eines Gedichts.
In diesen dichterischen Raum der Abwesenheit des Denkens tritt nun eine poetische Figur, die sich mit Herr Cogito vorstellt: ein mittelgroßer Herr mit guten Manieren, überaus gebildet und anregend, mit Marotten und Spleens, der sein Wissen nicht als sein Eigentum betrachtet, sondern freundlich Auskunft gibt über den Zustand der Welt, wie er ihn versteht. Er trägt sein Cogito wie einst der Golem seinen Namen sichtbar auf der Stirn. Aber während jener, der sich ganz einer furchtbaren Laune seines Schöpfers verdankte, mit der Auslöschung seines Namens wieder zu einem Klumpen Lehm zusammensackte, trägt dieser Herr Ich denke seinen Namen unauslöschlich bis zum Tode bei sich. Er ist verdammt, zu denken und bildet damit den radikalen Gegentypus zum romantischen Typ des Dichters, der als Medium sich versteht, wobei es gleichgültig ist, ob er sich als Medium Gottes oder als Medium einer anderen, besseren Gesellschaft begreift. Herr Cogito ist gezeichnet von der Erfahrung unseres Jahrhunderts, das im Denken die letzte Möglichkeit des Überlebens liege. Ich bin nicht sicher, ob er besonders glücklich ist mit dieser Erfahrung, die er täglich von neuem machen muß und die ihn konstituiert, weil er ebenfalls täglich der Schwester dieser Erfahrung, der Niederlage des Denkens, begegnet, die verantwortlich ist für die Verwüstung der Welt und der Menschen. Diese tägliche Niederlage, die tägliche Feststellung des Risses, der durch die Welt geht und die Vernunft und die Sinne gespalten hat, mit den Bedingungen in Einklang zu bringen, die sein Name, unser aller Name, ihm abverlangt, verschafft Herrn Cogito das melancholische Gesicht.
Zuweilen rettet sich Herr Cogito in Ironie, indem er mit der Hand seine Stirn und damit seinen Namen bedeckt, aber es besteht kein Zweifel, daß dieser namenlose Zustand nur eine vorübergehende Grille ist, um die Stärke seiner unfreiwilligen Bestimmung herauszufordern.
Unfreiwillig: Valéry hat behauptet, selbst die Arbeit des Sysiphos habe ihr Gutes gehabt: er habe bei seiner Arbeit seine Muskeln trainiert. Ein Glück, daß er es dem Sisyphos nicht persönlich sagen konnte, er wäre von dessen Stein zermalmt worden. Es wäre ebenso taktlos, Herrn Cogito ständig an sein Schicksal zu erinnern. Das Denken trainiert zwar den Geist, aber vom Geist allein kann ich nicht leben.
Was macht Herrn Cogito so anziehend inmitten der vielen „Ichs“ und „Ers“ und „Sies“ der modernen Literatur? Warum hört man seine leise Stimme sofort, wenn er spricht? Warum sieht man ihn gleich, selbst an bevölkerten Orten und in verschiedenen Verkleidungen, sei es als Landstreicher, Reisender, als Lehrer oder als stiller Zuhörer? Warum ist er, der auf die selbstverständlichste Weise den Satz des Novalis illustriert, jeder Mensch sei eine kleine Familie, nicht ein Zerrissener, von dem wir jeweils nur Fragmente, Fetzen einer Totalität wahrnehmen? Ich glaube, die Überraschung, die Herr Cogito darstellt, besteht darin, daß er, in welcher Gestalt er auch immer auftritt, jeweils ganz er selber ist. Wenn wir seine Meinungen hören und von seinen Taten lesen, haben wir nie das Gefühl, durch Selbstüberschätzung, Larmoyanz, falsches Mitleid oder Besserwisserei betrogen zu werden. Herr Cogito hat auf verblüffende Weise sich selbst akzeptiert mit allen Verletzungen und Wunden, die ihm das Jahrhundert beigebracht hat. Seine tiefe, bohrende Sehnsucht, die verschiedenen Erscheinungsformen seiner Existenz durchdenkend zu begreifen, hat zu einer Einfachheit geführt, deren hervorstechendstes Merkmal die Redlichkeit in der Aussage auch noch dort ist, wo das Unvermeidbare zur Sprache kommt.

Michael Krüger, aus: Petrarca-Preis 1975–1979, Privatdruck des Petrarca-Preises

Dankesrede zur Verleihung des Petrarca-Preises 1979

Es gibt zwei extreme Möglichkeiten, eine Rede zu halten: eine effektvolle, heute sehr bewährte, die den Stifter und die Juroren beleidigt. Diese reizt mich nicht. Ich stamme aus einem Land, wo Mut sich nicht in Extravaganzen manifestiert.
Die zweite Möglichkeit ist, daß der Preisträger meint, der Auszeichnung nicht gewachsen zu sein. Auch diese Rede beleidigt die Juroren und ihre Urteilskraft – stellt ihren literarischen Geschmack in Frage.
Was bleibt? „Aurea mediocritas“. Und das heißt nicht „vergoldete Mediokrität“ sondern „goldene Mitte“. Also möchte ich einfach dem Stifter und den Juroren meinen herzlichen Dank aussprechen für diese hohe Anerkennung.
Weil der Patron dieses Preises Francesco Petrarca ist, erlauben Sie mir an dieser Stelle ein persönliches Bekenntnis: die Verbindung zu diesem Dichter verdanke ich dem polnischen Altphilologen und Schriftsteller Jan Parandowski. An diesem Ort und zu dieser Stunde sind meine Gedanken bei ihm.
Wenn ich schon einige Verdienste habe, dann nicht wegen meiner Leistungen, sondern wegen meiner Bestrebung – meinem Versuch −, einen Dialog mit der Vergangenheit zu führen. Und dazu braucht man Tugend – Demut. Sie stellt heute den Versuch dar, eine größere Ordnung zu bilden, sich selbst mit alten Schriftstellern vergangener Zeiten zu messen. Ein wahrhaft schmerzlicher Prozeß.
Wir alle wissen, daß Verona eine besondere Bedeutung im Leben Petrarcas hatte. Es ist ein Ort, an welchem sich eine stille Tragödie ereignete. Hier hat Petrarca einen alten Codex entdeckt – nämlich die Briefe Ciceros. Cicero war neben Vergil und Seneca sein liebster klassischer Autor. Im Zeitalter der Taschenbücher kann man sich nicht vorstellen, wie wunderbar diese Offenbarung war. Zum ersten Mal konnte man die private Stimme des großen Redners hören. Diese Schriften waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen, ihr Ursprung war vertraulicher Natur, und sie zeigten den Verfasser nicht immer im besten Licht. Petrarca las diese Briefe, zuerst mit Bewunderung, dann mit gemischten Gefühlen, zuletzt mit arger Enttäuschung.
Warum? fragen die Forscher. Ich glaube, die Antwort ist einfach: Ciceros Briefe waren ein Spiegel, in welchem Petrarca sich selbst erkannte – seine politischen Utopien und peinlichen Querelen, seine Verwirrung und auch seine ständige Suche nach Ruhe.
Bevor Petrarca – dieser unermüdliche Wanderer – sich auf seine letzte Reise begab, korrigierte, verbesserte und vernichtete er seine Manuskripte und Briefe. Die Moral dieser Geschichte ist auch für uns gültig: man soll die Spuren verwischen. Exhibitionismus ist keine geistige Haltung.

Zbigniew Herbert, aus: Petrarca-Preis 1975–1979, Privatdruck des Petrarca-Preises

 

Jan Wagner: Im Königreich der Dinge. Insbesondere über Zbigniew Herbert. Dritter Bamberger Poetikvortrag im Rahmen der Bamberger Poetikprofessur

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
Interview
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
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Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfGIMDbPIA +
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Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Keystone-SDA

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 1/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 2/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 3/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 4/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 5/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 6/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 7/8.

 

Zbigniew Herbert – Dokumentarfilm Obywatel Poeta, Teil 8/8.

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