Alexander Block: Kreuzwege

Block-Kreuzwege

TOTENTÄNZE

2

Nacht, Laterne, Apotheke –
Gedankenloses trübes Licht.
Und wenn du ein Jahrhundert lebtest –
Davon kein Ende. Nichts ändert sich.

Stirbst du, fängst du von vorne an
Es wiederholt sich, wie vor Jahren:
Nachts, eisige Dünung des Kanals
Apotheke, Laterne, Straße.

Übersetzung Sarah Kirsch

 

 

 

Erinnerungen an Alexander Blok

Im Herbst 1913, am Tag der Feiern für Verhaeren, der Rußland besuchte, fand in Petersburg bei den Bestushew-Kursen ein großer geschlossener Abend (das heißt nur für die Kursistinnen) statt. Eine der Veranstalterinnen war darauf gekommen, mich einzuladen. Ich sollte an sich Verhaeren feiern, den ich zärtlich liebte, nicht wegen seines berühmten Urbanismus, sondern wegen eines kleinen Gedichts – „Auf einer hölzernen Brücke am Rande der Welt“.
Ich sah die Pracht der Petersburger Restaurantfeiern vor mir, die immer irgendwie einer Totenfeier gleichen, Frack, guter Champagner und schlechtes französisch, und Toaste – und entschied mich für die Kursistinnen.
Zu Gast waren an diesem Abend auch die Patronessen, die ihr Leben dem Kampf für die Gleichberechtigung der Frauen gewidmet hatten. Eine dieser Damen, die Schriftstellerin Ariadna Wladimirowna Tyrkowa-Wergeshskaja, die mich von Kind an kannte, sagte, nachdem ich gelesen hatte: „Ja, Anitschka hat für sich die Gleichberechtigung erobert.“
In der Künstlergarderobe traf ich Blok.
Ich fragte ihn, warum er nicht zur Verhaeren-Feier gegangen sei. Der Dichter antwortete mit bestechender Aufrichtigkeit:

Weil man dort gebeten wird zu sprechen, und ich spreche nicht französisch.

Eine Kursistin kam mit der Liste zu uns und sagte, daß ich nach Blok lesen würde. Ich flehte:

Alexander Alexandrowitsch, ich kann nicht nach Ihnen lesen.

Er – vorwurfsvoll – zur Antwort:

Anna Andrejewna, wir sind keine Tenöre.

Blok war zu der Zeit schon der sehr bekannte Dichter Rußlands. Ich hatte seit zwei Jahren ziemlich oft meine Gedichte in der „Dichterwerkstatt“, in der Gesellschaft der Förderer des künstlerischen Wortes“ und im „Turm“ Wjatscheslaw Iwanows gelesen, aber hier war Alles ganz anders.
So sehr die Bühne den Menschen verhüllt, so unerbittlich enthüllt ihn die Estrade. Die Estrade ist so etwas wie ein Richtplatz. Vielleicht empfand ich das damals zum erstenmal. Die Anwesenden schienen sich für den Vortragenden in eine vielköpfige Hydra zu verwandeln. Einen Saal zu beherrschen ist sehr schwer – Soschtschenko war darin genial. Auch Pasternak war gut auf der Estrade.
Niemand kannte mich, und als ich heraustrat, scholl es durch den Saal:

Wer ist das?

Blok riet mir „Wir alle sind Trinker hier“ zu lesen. Ich widersprach:

Wenn ich lese, „Ich trag meinen engen Rock“, lachen alle.

Er antwortete:

Wenn ich lese „Und Trinker mit den Augen von Kaninchen“, lachen sie auch.

Nicht dort, glaube ich, sondern auf irgendeinem literarischen Abend hörte Blok Igor Sewerjanin, kam in die Künstlergarderobe zurück und sagte:

Er hat die fettige Stimme eines Advokaten.

An einem der letzten Sonntage des Jahres 13 ging ich zu Blok, um mir in seine Ausgabe etwas schreiben zu lassen. Er schrieb in jeden Band einfach : „Für Achmatowa – Blok.“ (Hier: die „Verse von der Schönen Dame“.) Aber in das dritte Buch schrieb der Dichter das mir gewidmete Madrigal:

Grausam ist Schönheit.

Nie trug ich einen spanischen Schal, in dem ich da beschrieben werde, aber zu dieser Zeit war Carmen sein Traum, und er hispanisierte auch. Mich. Auch die rote Rose habe ich selbstverständlich nie im Haar getragen. Es ist kein Zufall, daß dieses Gedicht in der spanischen Romancero-Strophe geschrieben ist. Und bei unserer letzten Begegnung hinter den Kulissen des Großen Dramatischen Theaters im Frühjahr 1921 kam Blok auf mich zu und fragte:

Und wo ist der spanische Schal?

Das sind die letzten Worte, die ich von ihm hörte.

*

Dieses eine Mal, als ich bei Blok war, erwähnte ich übrigens, daß der Dichter Benedikt Lifschiz sich darüber beklage, er, Blok, „hindere ihn, durch seine bloße Existenz, Gedichte zu schreiben“. Blok lachte nicht, sondern antwortete vollkommen ernst:

Das verstehe ich. Mich hindert Lew Tolstoi am Schreiben.

Im Sommer 1914 war ich bei meiner Mutter in Darniza bei Kiew. Anfang Juli fuhr ich über Moskau nach Hause zurück, in das Dorf Slepnewo. In Moskau nahm ich den ersten besten Postzug. Ich rauche draußen auf der Plattform. Irgendwo, auf einer leeren Station bremst die Lokomotive, ein Sack mit Briefen wird hinausgeworfen. Da taucht vor meinem erstaunten Blick überraschend Blok auf. Ich schreie auf: „Alexander Alexandrowitsch!“ Er sieht sich um( und da er nicht nur ein großer Dichter, sondern auch ein Meister taktvoller Fragen war, fragt er:

Mit wem reisen Sie?

Ich kann noch antworten:

Allein.

Der Zug setzt sich in Bewegung.
Heute, einundfünfzig Jahre danach, schlage ich Bloks „Notizbuch“ auf und lese unter dem 9. Juli 1914: „mit Mutter besichtigten wir das Sanatorium bei Podsolnetschnoje. – Mich piesackt der Teufel. – Anna Achmatowa im Postzug.“
Blok notiert an einer anderen Stelle, ich, Delmas und E. J. Kusmina-Karawajewa hätten ihn am Telefon heimgesucht. Ich glaube, ich kann dazu gewisse Aussagen machen.
Ich rief Blok an. Alexander Alexandrowitsch fragte mit der ihm eigenen Unverblümtheit, in seiner Art laut zu denken:

Sie rufen sicher an, weil Ihnen Ariadna Wladimirowna Tyrkowa mitgeteilt hat, was ich über Sie gesagt habe.

Krank vor Neugier fuhr ich an einem ihrer Empfangstage zu Ariadna Wladimirowna und fragte, was Blok gesagt habe. Aber sie war unerbittlich:

Anitschka, ich sage meinen Gästen nie, was die anderen über sie gesagt haben.

Bloks „Notizbuch“ ist voller kleiner Geschenke, aus dem Abgrund des Vergessens holt es die halbvergessenen Ereignisse herauf und gibt ihnen ihr Datum zurück: Wieder, schwimmt die Isaak-Holzbrücke lodernd zur Mündung der Newa hinunter, und ich blicke mit meinem Begleiter voller Entsetzen auf dieses nie gesehene Schauspiel, und dieser Tag hat ein Datum, das Blok festhielt – 11. Juli 1916.
Wieder treffe ich – schon nach der Revolution (21. Januar 1919) – im Eßraum des Theaters einen abgemagerten Blok, Wahnsinn in den Augen, und er sagt:

Wir treffen uns hier alle wie im Jenseits.

Und da essen wir zu dritt (Blok, Gumiljow und ich) Mittag, (am 5. August 1914) auf dem Bahnhof von Zarskoje Selo in den ersten Tagen des Krieges (Gumiljow schon in Uniform). Blok besucht in diesen Tagen die Familien der Eingezogenen, um ihnen Hilfe zu bringen. Als wir allein waren, sagte Kolja zu mir:

Schickt man ihn etwa auch an die Front? Das ist doch, als ob man Nachtigallen brät.

Und ein Vierteljahrhundert später in dem gleichen Dramatischen Theater – ein Abend zur Erinnerung an Blok (1946), und ich lese das eben geschriebene Gedicht:

Und er hat recht. Laterne, Apotheke,
Die Newa, Schweigen, Granit…
Ein Denkmal des Jahrhundertanfangs
Steht dieser Mensch dort; steht:
Wie er dem Puschkin-Haus am Ufer,
Lebewohl zuwinkte mit der Hand
Und dann die Mattigkeit, den Tod,
Als unverdiente Ruhe annahm.

Anna Achmatowa, Oktober 1965, aus Anna Achmatowa: Poem ohne Held, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig, 1979

 

AN BLOK

Dein Name ist ein Vogel in der Hand
ein kleiner Eiswürfel auf der Zunge
einmal öffnen und schließen die Lippen
dein Name, das sind fünf Buchstaben
man hat einen Ball gefangen
man trägt ein silbernes Glöckchen im Mund

Man wirft einen Stein in den stillen Teich
man schluchzt und hat dich genannt
ein leichter Hufschlag in der Nacht –
dein heller Name
er zuckt in der Schläfe
wenn der Gewehrhahn schnappt

Dein ganz unmöglicher Name
dein Name als Kuß in die Augen
auf unbewegte Lider sanft und kühl
dein Name als Kuß in den Schnee
ein eiskalter eisblauer Quellschluck
mit deinem Namen in den Schlaf

Marina Zwetajewa
übersetzt von Christa Reinig

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

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