Dieter Schlesak (Hrsg.): Gefährliche Serpentinen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Dieter Schlesak (Hrsg.): Gefährliche Serpentinen

Schlesak (Hrsg.)/Zipser-Gefährliche Serpentinen

CHAOSMOS

Letztendlich
aaaaawird die Unordnung die Vollkommenheit
aaaaaerreichen
alle Sprachen lösen sich auf in Musik des Windes
aaaaadas Chaos entfaltet seine Herrlichkeit
Letztendlich zwischen Evolutionen Wirbelstürmen
aaaaagerinnt die Welt plötzlich zu einem Bild
Wasser Horizonte Metropolen stehen still
aaaaadas ganze Universum
aaaaaaaaaaist ein vollendetes und verwegenes Stilleben
auf einem Photo

Magda Cârnegi
Übersetzt von Herbert-Werner Mühlroth

 

 

Posthumer Blick aus der Zukunft in dieser verspäteten Zeit

Diese Zusammenstellung und Auswahl rumänischer Dichtung nach 1960 ist, wie alle Anthologien, subjektiv; sie stellt die rumänische Gegenwartslyrik, ihren unüberhörbaren besonderen Klang, der lange Zeit im Konzert der lyrischen Stimmen der Welt fehlte, mit einem Blick aus der Zukunft und der Überzeugung vor, daß ihr besonderer Ton nur mit diesem Blick wahrnehmbar wird.
Daß Rumäniens Dichter so wenig bekannt geworden sind, lag an den bisherigen Übersetzungen, die dem lyrischen Sprachniveau ihrer Zeit nie gerecht geworden sind. Hans Magnus Enzensberger hat dieses im Vorwort zu seinem „Museum der modernen Poesie“ betont und die rumänische Dichtung in seine Anthologie nicht aufgenommen.
Erst in der Sprache Oskar Pastiors konnte Marin Sorescus Dichtung in Deutschland ankommen, Mircea Dinescu in der Sprache Werner Söllners, Gellu Naum übertragen ins Deutsche von Georg Aescht und Oskar Pastior, und schließlich Ana Blandianas Gedichte, übersetzt von Franz Hodjak; mit diesen Übertragungen ist ein Anfang gemacht worden.
Doch nicht nur das mangelhafte Sprachniveau der Übersetzungen, auch die abgelegene, exotisch wirkende Gegend in einem Irgend- oder Nirgendwo des Ostens hat das Vorurteil befördert, diese Lyrik habe nichts als Hirtenpoesie zu bieten.
Seit 1989 ist Rumänien nun mit der Last seiner totalitären Vergangenheit dem Westen näher gerückt und wieder nach Europa gekommen; es ist nicht mehr wie bisher abschiebbar. Ein Zeichen dafür ist Mircea Dinescus Publikumserfolg; sein Auftritt und sein Stil hatten einen Nerv auch des jungen westlichen Publikums getroffen.
Hinzu kommt die Aktualität eines besonderen Charakterzuges dieses historisch in Schlägen und Vergeblichkeit geschulten Volkes – heute in einer allgemeinen Niederlage der weißen Zivilisation: „Welche ein Volk!“ schrieb Emile Cioran 1989: „Unendlich passiv … und zugleich abgebrüht, als habe es bereits alles durchschaut und könne sich deshalb weder zu einer Illusion aufraffen noch sich zu ihr herablassen“. Heute, in diesen „Neuen Zeiten“ weltweiter Hoffnungs- und Utopielosigkeit klingt uns dies nun auch recht vertraut.
Aversionen gegen jeden Brustton der Überzeugung spielen im rumänischen Gedicht vor und dann nach ’89 eine wichtige Rolle; und ein ganzes Kapitel der „Gefährlichen Serpentinen“ (VI: „Die kläglichen Reste des Heiligenscheins“) ist dieser Aversion (oder war es ein Verlust?) gewidmet; Walter Benjamins Analyse des „Trauerspiels“ scheint heute aktueller denn je zu sein: „Auf dem Antlitz der Natur steht Geschichte in der Zeichenschrift der Vergängnis.“ (In unserer Anthologie ist viel davon und von mancher „Ruine“ die Rede): „Die allegorische Physiognomie der Natur-Geschichte, die auf der Bühne durch das Trauerspiel gestellt wird, ist wirklich gegenwärtig als Ruine.“ Der posthume Blick nach vorn (einer erinnerten Zukunft) erkennt die Ruine als Grabstein. Und die Auflösung der Grenzen von „alter“ Geschichte nach Auflösung der System- und Stacheldraht-Zäune gibt den Blick auf ein totales Endspiel, und zugleich auf eine andere, die Grenze des „Ganz Anderen“ frei. Es gibt ein wunderbares Zitat von Heiner Müller dazu: „… wenn die Chancen vertan sind, beginnt, was Entwurf einer neuen Welt war, anders neu: als Dialog mit den Toten.“ Es ist ein Dialog mit den Opfern, erst sie schließen die Vergangenheit aber auch die Zukunft auf, so daß Geschichte die Geschichtsbücher verläßt; in diesen Stimmen der Opfer nämlich wird Geschichte transparent, in ihrem Grauen also wirklich sichtbar. („Bis ans jenseitige Ende der Welt / bleibt die Wüste neutral: / … / Fünf Sinne habe ich noch / und alle fünf sind sie / anscheinend jetzt erst zurückgekehrt / aus Auschwitz.“ Elena Stefoi *1954, in Kapitel VIII).
Die junge rumänische Lyrik also bringt das traditionell wichtigste rumänische Thema Tod und Transzendenz in einen neuen, nämlich einen geschichtlich-posthumen Kontext, zwingt es zur Umkehr, zwingt es zu jenem Blick, der modernen Stil erst möglich macht…

Dieter Schlesak, Aus dem Nachwort, 1998

 

Die Hände in den Taschen des Bischofs

– Dieter Schlesaks Panorama rumänischer Lyrik Gefährliche Serpentinen. –

Was eigentlich heißt rumänische Lyrik? Das ist nicht nur von einer arroganten Position der Mitteleuropäer her gefragt, so als könne es „weit hinten“ in diesen „Randlagen“ Europas keine Stimme der Poesie geben. Spätestens 1989. Und das war spät genug, hat uns Mircea Dinescu mit seinen anklagenden scharfen Versen mitten hinein in die damalige rumänische Realität und mitten hinein in die Abenteuer einer Sprache und Literatur geführt, die leider hierzulande niemand kennt. Plötzlich wurden wir uns wieder jäh und schmerzlich gewiß, wie sehr Poesie noch Wirkung haben kann, ohne populistische Anbiederei.
Es kommt freilich einem Wunder gleich, einer sensationellen Einmaligkeit, daß der vorliegende Sammelband im wesentlichen von Dichtern übersetzt wurde, von rumänisch-deutschen Lyrikern und Schriftstellern, von Dieter Schlesak, Rolf Bossert, Gerhardt Csejka, Lioba Happel, Franz Hodjak, Oskar Pastior, Werner Söllner, Ernest Wichner und etlichen anderen. Sie verbinden mit ihrer Übersetzungskunst, was ja die Voraussetzung zu kongenialer Vermittlung überhaupt sein muß: Kenntnis zweier Sprachen, poetisches Gespür sui generis, Kenntnis der literarischen Tradition und der gesellschaftlichen Zusammenhänge Rumäniens. Diese deutschsprachigen Lyriker/Übersetzer haben sich nun „revanciert“ für jenen 1982 in Rumänien erschienenen Band, der zum erstenmal zehn rumäniendeutsche Dichter in rumänischer Übersetzung vorstellte.
Aber warum diese Verzögerung? Schlesak meint, von den rumäniendeutschen Dichtern der siebziger Jahre sei die moderne Entwicklung vorweggenommen worden, die dann die rumänischen Kollegen in den achtziger Jahren aufgegriffen und fortgeführt hätten. Wenn das zutrifft, reicht des Herausgebers erste Begründung (die für Enzensberger und sein Museum der modernen Poesie 1960 noch gegoltenen haben mag) für die lange Abwesenheit rumänischer Lyrik nicht aus: Es habe an den mangelhaften, dem Sprachniveau der rumänischen Poesie nicht adäquaten Übersetzungen gelegen.
Es muß Gründe gegeben haben, warum die bekanntesten rumänischen Schriftsteller ins Ausland gingen, die Sprache wechselten – und dann berühmt wurden: Tristan Tzara, Ionesco, E.M. Cioran, Mircea Eliade. Was sie vertrieb, war nicht allein das Ungenügen an der rumänischen Sprache, sondern das Gefühl, in einer kulturellen Provinz zu leben. Die Ironisierung dieser Scham vor der Welt ist Thema vieler Gedichte in dieser Anthologie, am witzigsten spöttelt Dinescu in seiner „Rede anläßlich der Aufnahme eines östlichen Landes in Europa“: Da versteckt ein reuiger Dieb vor Gott die Hände in den Taschen des Bischofs und ein Bauernsohn schämt sich seiner Latschen angesichts der Spatzenfüßchen der Japaner: „Man hat ja so seinen Nationalstolz.“
Dieter Schlesak, der Kundige, Hurtige, unermüdliche, versucht unserer Unkenntnis von dieser überaus vielfältigen Poesie mit einem weitgespannten Panorama abzuhelfen. Es grenzt ans Phantastische, daß er mehr als dreihundert Gedichte von einhundertundzehn Lyrikern aufgespürt und dafür entlegenste Publikationen sowie Manuskriptberge durchschürft hat. Sein Hauptaugenmerk galt der in den achtziger Jahren publizierten Lyrik – ohne daß er auf schöne Funde aus früheren Epochen verzichtet hätte, etwas auf Constant Tonegarus Gedicht „Die kaffeebraune Frau“, das jene freischwebende Leichtigkeit zeigt, die späteren Generationen unter dem Ceaucescu-Regime nicht erreichten. Man spürt in diesen Versen oft die Last einer uns fremden Geschichte, den Schmerz, ja Aufschrei, der dem in sich schlüssigen Bild gelegentlich mißtraut und es mit einer Wertungsmetapher belastet: „Dämon der Seele“, „Pech Horizont“, „Die Welt fällt vom Fleisch“ und so weiter. Die metaphysische Last ist dann zu schwer für einen autochthonen Ausdruck.
Andererseits beeindrucken epigrammatische Spruchformen wie das Hamlet-Gedicht von Florin Mugur:

Des Mittelalters Anfang.
Gefährliche Gegend, das Weiße
im Mond.
Legt Eisen an,
dann fliegt ihr nicht.
Wir treten ein
Wir treten ein
in das verborgene Reich des Verdachts.
Siehe, es kehren ermüdet die Henker
heim,
ihre Frauen zu lieben!
Und Hofnarren, die schnellen,
ziehen vorbei
im Läuten der Schellen.
Und die besoffenen Könige
äffen sie nach.

Auch Lyrik, wie sie Nichita Stanescu schreibt, in der das Tautologische nicht Überfrachtung nach sich zieht, sondern zum absurden Sprachspiel wird – wer anders als Oskar Pastior könnte der Übersetzer sein –, hat ihren festen Platz in Schlesaks Anthologie:

Welche oberste Kraft wirkt im Universum und erzeugt Leben?
Die Kraft zu sein,
vor allem aber die Kraft
seiend gewesen zu sein.
Die Kraft nicht zu sein,
vor allem aber die Kraft
seiend nicht gewesen zu sein.
Die Kraft ach die Kraft
kraftlos zu sein.
a-e-i-o-u, e-i-a-u-o,
u-a-i-e-o
ein Klang mit Gerüchen
eine Kontinuität ohne Zeit
ein wanderndes Gefühl das sich
Leiber einverpflanzt.
Ist man nicht mehr, so ist es als
sei man nie gewesen. (…)

Wer Dichtung als Weltpoesie sucht und liebt, bleibt nie an einer Grenze stehen. Es gab vor Schlesaks Unternehmen immerhin erste Vorstöße bei uns, unter anderem mit Bändchen von Marin Sorescu (1936-1996), Mircea Dinescu (geb. 1950), Ana Blandiana (geb. 1942) und dem großen alten Mann der rumänischen Moderne, dem Surrealisten Gellu Naum (geb. 1915). Diese Dichter neben Entdeckungen wie Nitchita Stanescu (1933-1983) oder so erstaunlichen Dichterinnen wie Mariana Marin (geb. 1956) oder Elena Stefoi (geb. 1954) bilden den Kanon, den man sich auch in Schlesaks Anthologie leicht erlesen kann – trotz der Fülle von rund dreihundert Gedichten. Dieter Schlesaks Sammlung ist ein poetisches Abenteuer ersten Ranges. Es löscht einen weißen Fleck auf der Landkarte der Poesie. Eine Sammlung, die sich auch wie die innere Geschichte eines Landes liest, ohne die man die geläufige kaum verstehen kann.

Hans-Jürgen Schmitt, Süddeutsche Zeitung, 25.3.1998

Gefährliche Serpentinen

– Rumänische Lyrik der Gegenwart. –

Wer sich bisher über die zeitgenössische rumänische Lyrik in Deutschland kundig machen wollte, der musste sich mit einer kärglichen Auslese begnügen. Diese Lücken hat der Lyriker und Prosaiker Dieter Schlesak nun in seiner Funktion als Herausgeber, Kommentator und Übersetzer mit dem voluminösen Sammelband Gefährliche Serpentinen offensichtlich geschlossen. Obwohl dennoch einige wichtige Namen nicht auftauchen (Azap, Andritoiu, Grigurcu, Heroa, Zilieru). In neunzehn thematischen Feldern geordnet, präsentiert Schlesak nicht nur die umfassendste Übersicht über eine Gattung, die besonders unter der Zensur und den Publikationsverboten leiden musste, er kann auch über ein erstaunliches Reservoir an Poeten verfügen, die gemeinsam mit dem Herausgeber und gelernten Übersetzer die Gedichte ins Deutsche übertragen haben.

Die ausgewählten Leitmotive, meist einem lyrischen Text entnommen, erweisen sich als Pfade in einer Landschaft, in der die Überlebenden die Toten beneiden. „Man hat einen Toten gefunden“ (Matei Visniec), „Messer zwischen den Blättern“ – so heißen die Texte oder Subtexte, auf die sich die Selektion des Herausgebers bezieht. Sie greifen nicht nur das Todesmotiv auf, sie signalisieren auch den semantischen Entleerungsprozess („Als die Dinge aus ihrem Namen fielen“), sie warten auf die „Wirkung einer Dosis / tödlichen Lebens“ (Marin Sorescu), sie zeichnen die grotesken Ansätze auf, einen Marxismus mit totalitären Mitteln zu installieren, was Mircea Dinescu in seinem höhnischen Gedicht „Ein Besäufnis mit Marx“ so formuliert: „Marx, mon vieux, hierzulande / würde man dich schleunigst halbieren / und umerziehen. Sogar die östlichen Kühe, die früher / neben der Bahnlinie grasten, sich einbilden, eine Art von Lokomotive zu sein, und keine Milch mehr geben, wird / dir angelastet“ (S. 146).

Besonders auffällige Themen sind Identitätsverlust und nationalpathologische Symptome. Andrei Zanca rechnet in „Pußta auf der Hirnhaut pulsierend (Fragment)“ mit der systematischen Verdummung der pannonischen Menschen durch die „Direktoren und Präsidenten in unserer Schwammepoche“ (S. 165) ab, indem er die Flucht ins Exil als einen „Ausbruch aus einer Heilanstalt“ bezeichnet. Wie waghalsig die Rückkehr Rumäniens nach Europa „nach 50 Jahren gewaltsamer Russifizierung“ ist, sieht Augustin Pop so: „Rumänien (müsste) endlich cocacolisiert werden“ und das entstehenden demokratischer Regime sollte von „Panzern(n) der NATO / in ihrer Hochform (überwacht)“ werden. Und welche Funktion sollte nun der Westen für Rumänien spielen? Der neue Stern der rumänischen Literatur, Mircea Cartarescu, ist skeptisch, ob die westliche Kultur für seine Landsleute vorbildhaft sein könnte, denn hinter der schönen Oberfläche sei überhaupt nur Oberfläche, die „komplexer ist als jede Tiefe“ (S. 182).

Zwei thematische Felder sind besonders reich bestückt: „Lacrimae rerum“ und „mysteriöses Verschwinden“. Auf ihnen werden die „Engel mit hängenden Flügeln“ und die Propheten auf den Marktplatz getrieben, wo sie hingerichtet werden. Niemand weiß, weshalb sie sterben müssen, vielleicht „Weil sie zu müde waren“ (Ana Blandiana). Im „Mysteriösen Verschwinden“ lauert der Tod überall: als krebsartiges Geschwür, als Todesstunde, als fleischfressende schwarze Blume, als Todesmaske, in der Gestalt des Totenbuches, und im letzten Gedicht des Bandes „Flugunterricht“ (Nichita Stanescu), lauert der Tod als unabwendbarer Risikofaktor für den waghalsigen Flieger.

In seinem Nachwort „Ein posthumer Blick aus der Zukunft dieser verspäteten Zeit“ spricht Schlesak von einem kurzen Intermezzo von 1945-47 auf dem Weg zu einer Nachkriegsliteratur, die erst 1960 begonnen habe. Dieses Intermezzo sei der einzige Lichtblick für die jüngere Generation gewesen, die den Versuch unternommen habe, darüber hinaus auch die Avantgarde der Vorkriegszeit in ihr Denken einzubeziehen. Sie orientierte sich vor allem an den Werken der drei noch lebenden Dichter Stefan Aug. Doinas (1922), Geo Dumitrescu (1920) und dem letzten Vertreter des rumänischen Surrealismus Gellu Naum, dessen poetisches Werk im April 1999 in Münster/Westfalen mit dem Preis für Europäische Poesie (gemeinsam mit seinem Übersetzer Oskar Pastior) ausgezeichnet wurde. Noch stärker sei, so Schlesak mit Verweis auf  Naum, der Einfluss der sechziger Generation (Stanescu, gest. 1983; Sorescu, gest. 1996 und Baltag, gest. 1997) gewesen.

Die meisten Lyriker/innen der rumänischen Nachkriegsgeneration scheinen sich auf einem schmalen Pfad zwischen einer versteinerten Realität und einer okkulten Metaphysik bewegt zu haben und nach 1989 mit einer geistigen Situation konfrontiert worden zu sein, in der der Untergang der repressiven kommunistischen Welt nahtlos in die Katastrophe der posttotalitären Zeit übergeht. In seinem Deutungsangebot verweist Schlesak auf zwei Denkrichtungen (wie auch nebeneinander existierende Kulturen): auf die alte Dorfkultur, die Kirchenorthodoxie und die Intellektuellen der 30er Jahre (Eliade, Cioran, Noica) auf der einen und auf die posthistorische Weltkultur auf der anderen Seite. Beide Richtungen würden in der „leeren Spielerei der Postmoderne“ so lange mit virtuellen Bedeutungen angereichert, bis sie irgendwann einmal zur Wirkung kämen. Könnte der reiche Vorrat der rumänischen Lyrik, so fragt sich der Rezensent, nicht im metaphysischen Cyberspace des 21. Jahrhunderts genutzt werden, um die „Sinnsuche“ zu beschleunigen? Eine Antwort gibt uns Ioan Alexandru (Jg. 1941) in „Herbst“: „Die Welt fällt nun vom Fleisch / und Blätter ziehn das gelbe Mark aus ihrem Baum; versetzen es auf den Mond. / Die Gebeine unter den Häusern / wachsen nun in den Berg wie / Milchzähne eines Säuglings in weiße Körper.- / Die Zeiger fallen ab / vom Zifferblatt dieser JahresZeit, / sie haben sich hinterrücks / in Gottes Wirbelsäule gebohrt.“ (S. 269)

Wolfgang Schlott, Wespennest, 2000

Wie alle Anthologien

– so der Herausgeber Dieter Schlesak, selbst Dichter und Übersetzer, im Nachwort zu seinen Gefährlichen Serpentinen – sei auch die von ihm vorgelegte Zusammenstellung rumänischer Dichtung nach 1960 als „subjektiv“ (S.365) zu charakterisieren. 114 rumänische Lyrikerinnen und Lyriker, poetae maiores und minores, sind in Schlesaks Auswahl versammelt, die nach rein dichterischen Prinzipien aufgebaut zu sein scheint: ein Teil der insgesamt 19 Kapitelüberschriften gibt Gedichttitel wieder, ein anderer – wie etwa „Messer zwischen den Blättern“ (S. 69 und 232) oder „Als die Dinge aus ihrem Namen fielen“ (S. 125; vgl. S. 420) – zitiert Gedichtpassagen oder Buchtitel.

Dieser Prävalenz des Poetischen entspricht die Bedeutung des Metaphysischen, der großen Themen Tod, Transzendenz, Leid oder Utopieverlust in der vorliegenden Auswahl. Zugleich zieht sich aber auch ein starker politischer Unterstrom mit deutlicher Wertung durch die Anthologie: Ana Blandiana und Marin Sorescu (vgl. S. 373 f.) werden auch als Politiker vorgestellt, dem weniger als Lyriker denn als politisch-philosophischer Essayist hervorgetretenen Horia Roman Patapievici wird große Aufmerksamkeit zuteil (vgl. S. 387) Andererseits ist Adrian Paunescu, der doch seit über 30 Jahren in Rumänien lyrisch präsent ist, wohl aus politischen Gründen nicht vertreten, seine Poesie „zählt“ (S. 370) nicht, wie es in Schlesaks Nachwort lapidar heißt. Schmerzlich vermißt man Gedichte von Nina Cassian und Anatol E. Baconsky; Dan David und Christian Popescu hätten durchaus noch in die Anthologie aufgenommen werden können. Bedauerlicherweise – weil nicht davon auszugehen ist, daß die vorliegende Anthologie nur von Kennern rumänischer Lyrik gelesen wird – fehlt eine Differenzierung zwischen den poetae maiores und minores: nur aus Manuskripten bekannte stehen kommentarlos neben Größen wie Nichita Stanescu oder Mircea Dinescu. Man hätte gründsätzlich um dieser Unterscheidung willen etwa den deutschen Übersetzungen ausgewählter Gedichte, die rumänischen Originale attachieren können, wie dies allein im Falle Dinescus und auch nur bei zweien seiner Gedichte (S. 147 und S. 173), geschehen ist. Ebensowenig werden die einzelnen Dichtergenerationen, die im Nachwort sehr schön in ihrer Eigenart charakterisiert werden, in der Anthologie als Einheit faßbar und in ihrem spezifischen Ton hörbar. Die impressionistische Zusammenstellung der Gedichte verhindert eine solche ganzheitliche Wahrnehmung.

Die Grundidee der vorliegenden Anthologie – rumäniendeutsche Übersetzer und Lyriker übertragen die Gedichte ihrer rumänischen Kollegen – ist leider nur in Ansätzen verwirklicht. So fehlt – neben dem wertvollen Verzeichnis der Autoren und ihrer Gedichte – bezeichnenderweise ein biobibliographisches Verzeichnis der Übersetzer, und es macht sich vor allem das Fehlen dessen, was die Übersetzer erst eigentlich legitimiert, schmerzlich bemerkbar: das Fehlend der rumänischen Originale. Die Übersetzungen in Schlesaks Auswahl lesen sich zwar flüssig und ohne sprachliche Widerstände, sie scheinen gleichsam natürlich aus der deutschen Sprache hervorzughen – beeindruckend etwa die Präsenz der rumänischen Realität in Ana Blandianas Alles (S. 9), bestechend Dumitru Chioarus Rückzug aus dem Himmel (S. 129) in der Übersetzung Dieter Schlesaks, begeisternd Mircea Cartarescus Der Westen (S. 188 ff.) und ergreifend die auf dem Totenbett geschriebenen Gedichten Marin Sorescus (S. 340 ff.) in der Übertragung durch Oskar Pastior -, doch den Leser beschleicht bei der Lektüre die bange Frage, ob er denn, um mit einem Bild Walter Benjamens aus seinem Essay Die Aufgabe des Übersetzers zu sprechen, in den vorliegenden Übersetzungen die Arkaden oder doch nur die Mauern vor der Sprache des Originals wahrzunehmen vermag.

Es gibt trotz dieser Einwände sehr gute Passagen im analytischen Teil, so vor allem das ausgezeichnete Porträt von Rolf Bossert. Dieses Kapitel besticht durch seine (in dieser Art ganz neue) Systematik und die weiterführenden Überlegungen. Als Hauptelemente der Lyrik des 1986 durch Freitod aus dem Leben geschiedenen Bossert arbeitet Tudorica das Spielerische (und die Bezüge zu den Konkreten) sowie die obsessive, bis zur Selbstdestruktion reichende Ich-Bezogenheit heraus (die im Sinne der „engagierten Subjektivität“ aber immer auch einen starken Bezug zur Gesellschaft habe). Plausibel werden die Gedichte in „Gebundene Rhythmen“, „Ungebundene Rhythmen“ und „Lieder „ (die sowohl Gereimtes wie Ungereimtes enthalten) eingeteilt. Die „Ungebundenen Rhythmen“ werden als umfassender Schwerpunkt im Werk von Rolf Bossert gesehen, das die Darstellung der Existenz im Umfeld der Zwänge und Unfreiheiten einer Diktatur (S. 77 /78) spiegele.

Am Ende des Buches schließt sich der Kreis zum Anfang: Mit der Ausreise der rumäniendeutschen Autoren in den Westen sei „die letzte Epoche“ einer Minderheitenliteratur“ unwiderruflich beendet. Nach der Lektüre der Arbeit von Christina Tudorica drängen sich allerdings zwei größere Fragenkomplexe geradezu auf: 1. Wie bezeichnet man eine deutschsprachige Literatur, die – wenn auch auf bescheidenem Niveau – nach wie vor in Rumänien entsteht? Kann man die Existenz der rumäniendeutschen Literatur tatsächlich nur mit einer Generation von Autoren verbinden? 2. Ist mit der Ausreise der jüngsten Generation der rumäniendeutschen Literatur unweigerlich ihr Tod gekommen? Oder ist es zu kurz gedacht, wenn man ihre Existenz oder Nichtexsitenz ausschließlich an geografische Faktoren bindet? Müßte man nicht vielleicht den Begriff „rumäniendeutsche Literatur“ als Interpretename betrachten?

Rene Kegelmann, Südostdeutsche Vierteljahresblätter, Heft 1, 1999

Aus Winter und Zeitlosigkeit:

rumänische Lyrik der Gegenwart.

Eine Flaschenpost sei das Gedicht, schrieb Paul Celan, in Anlehnung an Ossip Mandelstam, eine Flaschenpost, die auf der Suche nach Herzland sei. Dies auf die von Dieter Schlesak herausgegebene Sammlung gegenwärtiger rumänischer Dichtung zu übertragen, scheint mir legitim, es scheint mir nachgerade notwendig.
Die enthaltenen Gedichte des voluminösen Bandes, versehen mit Grafiken Pomona Zipsers, stellen in deutscher Übersetzung eine Lyrik vor, deren Lektüre kürzlich noch, mangels guter Übersetzungen, als wenig wichtig erachtet wurde. Hans Magnus Enzensberger drückte sich zumindest so aus in seinem „Museum der modernen Poesie“, wie Dieter Schlesak in seinem überaus kundigen Nachwort „Posthumer Blick aus der Zukunft in dieser verspäteten Zeit“ ausführt.
Die Sammlung ist in 19 thematische Abteilungen gefaßt, die Titel tragen wie „Spiegel, der entlang an einem Spiegel führt“, „Nur was kein Gedicht ist, kann als Gedicht bestehen“ oder „Als die Dinge aus ihrem Namen fielen“. Mangels Platz kann leider auf einzelne Autoren nicht eingegangen werden.
Selbstredend sind in einem so umfänglichen Band auch Gedichte, die mir weniger gut scheinen, aber, es sei versichert, diese kann man an einer Hand abzählen. Arbeiten von bekannten, gleichsam schule-bildenden Autoren, genannt seien z.B. Gellu Naum, Marin Sorescu oder Mircea Dinescu, die bereits Bekanntheit erlangten, stehen neben Erstübersetzungen zahlreicher jüngerer Dichter: Der Band vereint Gedichte von 110 Autoren, vermag entsprechend ein repräsentatives Bild von der gegenwärtigen rumänischen Lyrik zu entwerfen, die gleichberechtigt neben die – diesen Beweis führt das Buch nachdrücklich – anderer europäischer Länder einschließlich Deutschland zu stellen ist.
Überdies wiesen die Arbeiten in ihren Entstehungsgründen, in ihren gedichtgewordenen Verletzungen interessante Korrespondenzen zur Lyrik eines Landes Namens DDR auf, wenn auch die rumänischen Arbeiten teils tiefer scheinen, gebrochener durch ihre surrealen Tendenzen und moderner. Das aber ist auch der Auswahl Schlesaks zu verdanken. Dem Buch ist ein ausführlicher Anhang mit Kurzbiographien angefügt, dem Weiterentdecken sollte nichts im Wege stehen: „von einer Strophe zur andern, / in diesem schwimmenden Gedicht.“ (Ion Muresan).

Martin Bienert, Sax, Dresdner Kulturmagazin, 1998

Rumänische Lyrik der Gegenwart

Gefährliche Serpentinen – eine Anthologie. –

Die 1998 bei Edition Druckhaus erschienene Anthologie der rumänischen Gegenwartslyrik beeindruckt nicht nur durch ihren Umfang – sie zählt mehr als 400 Seiten – sondern auch durch die Vielzahl der vertretenen Autoren. Dem deutschsprachigen Leser werden mehr als 300 Gedichte aus einer Zeitspanne von fast vierzig Jahren – 1960 bis 1998 – vorgestellt. Die Tatsache, daß die Übersetzer selbst bekannte rumäniendeutsche Lyriker sind, wie Oskar Pastior, Werner Söllner und Franz Hodjak, bürgt für die Akkuratesse der Wiedergabe.
Die Gedichte sind thematisch geordnet und auf 19 Abschnitte verteilt. Die Auswahl der Gedichte dürfte für Dieter Schlesak, den Herausgeber des Bandes, keine leichte Aufgabe gewesen sein, besonders wenn man den weiten zeitlichen Rahmen, den die Anthologie abdeckt, bedenkt. Man begegnet den Namen der Vertreter aller poetischen Richtungen und aller „Generationen“. Neben Dichtern der rumänischen Avantgarde wie Gellu Naum (geb. 1915) und bereits „klassischen Dichtern wie Stefan Augustin Doinas (geb. 1922), Nichita Stanescu (1933-1983), Marin Sorescu (1936-1996), Ana Blandiana (geb. 1942). Mircea Dinescu (geb. 1950) stehen auch jüngere, bereits etablierte Autoren wie Mircea Cartarescu (geb. 1956), Mariana Marin (geb. 1956), Florin Iaru (geb. 1954) und Simona Popescu (geb. 1965) im Mittelpunkt.
Der Ehrgeiz des Herausgebers, ein vollständiges Bild der rumänischen Dichtung „der Gegenwart“ zu vermitteln, beinhaltet das Risiko des Verlusts der geschichtlichen Perspektive auf die einzelnen literarischen Strömungen dieser Epoche und erst recht auf die Entwicklung eines jeden einzelnen Dichters. Dieses Risiko ist aber wohl jeder Anthologie dieses Ausmaßes zu eigen. „Entschädigt“ wird der Leser durch die Gedichte selbst, die ihm den „unüberhörbaren besonderen Klang“ der rumänischen Gegenwartslyrik wie Dieter Schlesak schreibt, vermitteln.
Im Nachwort findet man eine knappe doch gehaltvolle Geschichte der modernen rumänischen Dichtung, die etwa Informationen über die Merkmale der verschiedenen Lyrikergenerationen und über die Eigenart des rumänischen Postmodernismus enthalten. Der Band enthält auch eine kurze biographisch-bibliographische Notiz zu jedem vertretenen Autor, der man auch das Erscheinungsjahr der jeweiligen Gedichte entnehmen kann.
Der schmerzliche Prozeß der Preisgabe des Widerstands und der Anpassung an die von der Ideologie und Propaganda entstellte „neue Welt“ des realexistierenden Sozialismus, die zur Auflösung der eigenen Identität führt, wird von Alexandru Musina in der  XVIII. Ode – „Sol“ beschrieben: „So siegten wir: die Hand betäubt, / das Bein betäubt, der Mund betäubt. / Die Augen hörten auf zu schlagen. Das Gehirn vergaß. / So siegten wir; die Lymphe wurde zu Gelatine, / die Knochen wurden zu Gelatine, die Nerven wurden zu Gelatine. (…) Die Furcht ist eine gute Mutter, voller Liebe. / In ihrem Bauch lernst du leben. In ihrem Bauch  / gibt’s andere Regeln, andere Götter, geht eine andere Sonne auf.“

Daniela Burtea, Deutsch-Rumänische Hefte, Heft 4/1998 – 1/1999

Es gehört zu den Ungleichzeitigkeiten der Geschichte,

daß die deutschsprachigen Vertreter der rumänischen Literatur, Franz Hodjak, Oskar Pastior und Werner Söllner (die auch zu den Übersetzern dieses Bandes zählen), ihren einheimischen Kollegen in Stil und Wirkung zuvorkamen. Dieter Schlesaks ansehnliche Anthologie hat der Gegenwartslyrik rumänischer Sprache nun nachträglich einen Platz im Museum der modernen Poesie verschafft. Überhaupt läßt sich die Entwicklung der rumänischen Lyrik – wie man aus dem hochinformativen Nachwort des Herausgebers erfährt – als verspäteter, aber eigenständiger Anschluß an die Moderne verstehen, die, nach dem kurzen Nachkriegsintermezzo der rumänischen Avantgarde und nach der „stalinistischen Dürre“ der fünfziger Jahre, in den Sechzigern regelrecht ‚nachgebetet‘ wird. Unter den Bildern, die haften bleiben, sind jene von Tod und Transzendenz, von Zweifel und Vergessen die bemerkenswertesten: eine „Poetik des negativen Spiegels“ (Schlesak), in denen sich die Jahre der Ceaucesçu-Diktatur eingebrannt haben. Von daher auch die Vorliebe fürs Ruinöse und Fragmentarische (selbst bei dem Metarealisten Nichita Stanesco), von daher „Das Warten – mit den Händen im Traum“ (Gellu Naum), von daher der Appel, „der Wirklichkeit ins Gesicht (zu) schauen“ (Magda Cârneci).

Michael Braun, Das Gedicht, Heft 6, Oktober 1998

Panorama der zeitgenössischen rumänischen Lyrik

Als 16jähriger Lyzeaner in Kronstadt trug ich drei Bücher monatelang in meiner Schultasche mit: „Zusatzlektüre“ nannte man das.
Eines war „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ – mein damaliger Deutschlehrer hatte mich mit einem Referat darüber beauftragt. Das Referat habe ich geschrieben, aber das Buch erst einige Jahre später richtig verstanden.
Ein anderes schmales Bändchen war von E.A. Poe „Die Abenteuer des Gordon Pym“ und gehörte gar nicht zum Unterricht; Weltliteratur gab es erst zwei Jahre später.
Ein drittes Buch war ein dicker Gedichtband, gebunden in dunkelgrünen Karton: sämtliche Gedichte von Lucian Blaga in rumänischer Sprache. Das Bildnis dieses feinen, sanften Mannes mit melancholischem, fragendem, ja fast traurigem Blick zierte unsere Aula: er war auch Schüler unserer Schule gewesen. In dem Gedichtband fand ich eine für mich damals überraschende Aussage, nämlich daß Dichtung den Zauber der Welt nicht entschlüsseln, sondern vertiefen würde.
Die Erinnerung an das Buch mit den dunkelgrünen Umschlägen stellte sich augenblicklich ein, als ich den seit der Leipziger Buchmesse vorliegenden Gedichtband „Gefährliche Serpentinen“ in die Hand nahm und durchblätterte. Dasselbe beachtliche Volumen, die Gedichte darin ebenfalls akkarut nach Themen (fast zyklisch) geordnet, hier wie dort biographische Angaben zu den Autoren, ein umfassendes und sehr gutes Nachwort, das zu den Gedichten und dem Umfeld hinführt (Dem Herausgeber ist nicht genug zu danken!). Dazu auch noch die Tatsache, daß viele der Autoren dieses Bandes (wie auch Blaga) zeitweilig zu Unterdrückten der kommunistischen Diktatur stalinistischer oder maoistischer Prägung geworden waren: eingesperrt, weggesperrt, schreib- und publikationsgesperrt.
Ein herausragendes Buch, das wie kaum zuvor das Gesamtphänomen der rumänischen Nachkriegslyrik analytisch präsentiert, ein Buch, das nach Jahrzehnten mangelnder Kommunikation zwischen Ost und West endlich die Vitalität der rumänischen Lyrik international bekannt macht.
Thematische Kraftlinien durchziehen wie ein kompliziertes Nervensystem den Band. Traditionelle Themen wie Tod oder Transzendenz führen zur freien Bewegung auf der Zeitachse oder zum unkontrollierten Schweben entlang der Zeitkoordinaten, wobei fast immer eine Überbrückung der historischen Zeit angestrebt wird. Autochthone Themen wie etwa das „Mioritische“ als geographischer Raum, der den darin lebenden Menschen und dessen Innenleben formt, werden zur symbolbeladenen Kulisse, zur Landschaft als lyrisches Objekt oder als Detail auch nur gestreift. Und wichtiger (weil spezifisch) die Satire und Parodie als Lebensweise und Form der nationalen Selbstdarstellung, die etwa in I.L. Caragiale einen illustren Vorläufer hatte. Dazu die „mythische Seel“, die aufgrund der historischen Bedingungen einen grundsätzlichen Haß produziert, nach dem Motto: „Hasse deinen Nächsten wie dich selbst.“
Eine sehr gründliche und präzise Analyse dieser thematischen Koordinaten wird von Dieter Schlesak im Nachwort durchgeführt.
In diesem Rahmen bleibt uns lediglich der Hinweis auf einige wenige zentrale Gedichte. Zum Beispiel auf die Wirklichkeitsbewältigung durch Selbstparodie in Marin Sorescus „Studie“:

Ich kam mir schon lange verdächtig vor,
und gestern heftete ich mich an meine Fersen
und beschattete mich unauffällig den ganzen Tag

Nun gut, ich bin weit gefährlicher,
als ich dachte…

Oder Ana Blandianas feinsinnigen poetischen Resignationen aus „Im Schlaf“ :

es geschieht mir, daß ich im schlaf
aufschreie,
nur im schlaf.
ich erwache und bin erschrocken
über so viel mut
in der stille der disziplinierten nacht,
und ich versuche es, den schrei
des ruhenden nachbarn abzuhören…

und das berühmte „Ich glaube“:

Ich glaube wir sind ein Volk von Pflanzen
Wie anders könnten wir sonst ruhig
auf unsere Entlaubung warten?
Würden wir sonst den Mut haben
wie im Schlaf auf einer Rutsche
fast bis in den Tod zu gleiten
mit der Gewißheit
daß es ein leichtes sein wird
noch einmal geboren zu werden…
Ich glaube wir sind ein Volk von Pflanzen.
Wer hat schon einen Baum gesehen
der sich aufbäumt?

Mircea Ivanescu („Rufe über den Wolf“) bewältigt das Obskure und Geheimnisvolle der Wirklichkeit, indem er es potenziert:

Wie alles vergolten wird … Immer wieder sagte ich,
wenn ich an einen Tisch trat, an dem mehrere saßen
und mich erwarteten oder
mich teilnahmslos hinnahmen – ich sagte:
‚Welches Leid‘, Manche lachten. Ich selbst
wußte ja nicht recht, was ich sprach, bloß soviel:
In der Nacht, als ich mich an den Augenblick erinnerte,
da ich seine gespannten Züge gewahrte und
die in einer fremden Sprache vorgebrachten Worte hörte, mit den
gleichen Silben, die beharrlich an meine Schläfe hämmerten,
und das Gesicht anstarrte, wissend,
im Gedächtnis wird die gleiche Folge der Worte
und Mienen ausgelöst: in jener Nacht
ermaß ich, wie groß dieses Leiden ist.

Nichita Stanescus „Lied“ konzentriert die Realität auf einen einzigen Augenblick, dessen Intensität ins Metaphysische hinführt:

Nur dieser Augenblick hat ein Erinnern.
Was wirklich war, weiß keiner mehr.
Die Toten tauschen unter sich zur Zeit
die Namen, die Zahlen, eins, zwei, drei…
Nur noch was sein wird, ist,
und was noch nie geschehen
hängt an dem Aste eines Baumes,
zart, ungeboren, wie Geister entstehen.
Es gibt nur meinen hölzernen Leib,
und nichts mehr, nur noch Alter, Stein.
Und meine Traurigkeit, sie hört
die ungebornen Hunde bellen.
Die angekläfften Niegebornen,
oh, nur noch diese werden sein!
Wir, die Bewohner dieses Augenblicks,
sind nichts als ein Mitternachtstraum,
und da mit ungezählten Füßen.

Noch ein Wort über die scheinbare Lust einiger Übersetzer am Verdrehen, Aussparen oder „kreativem Ergänzen“ (eine Prozedur, die wir auch im Fall von Gellu Naums „Rede auf dem Bahndamm zu den Steinen“ als ziemlich frustrierend empfanden). In Mircea Dinescus Gedicht „Rede anläßlich der Aufnahme eines östlichen Landes in Europa“ (das auch im Original abgedruckt ist) steht sinngemäß: „…ab morgen werdet ihr mich schwerer aus der Kneipe herausholen als Shakespeare aus der Encyclopaedia Britannica“ und leider nicht „…ab morgen kriegt ihr Shakespeare aus der Encyclopaedia Britannica leichter heraus als mich aus der Kneipe“. Hotul rusinat“ ist leider nicht „ein reuiger Dieb“, bunul Dumnezeu“ nicht „Gott“ schlechthin (sondern eher „der liebe Gott“), „uitati linga sura“ konnten wir in der deutschen Fassung leider nicht wiederfinden. „musafirii“ (allein) sind keineswegs „der hohe Besuch“ usw., usf.
Das Übersetzen von Gedichten kann manchmal ein riskantes Gesschäft sein.

G.-R. Soica, Siebenbürgische Zeitung, 31.7.1998

Auf Entdeckungsreise in rumänischen Triften

Gleich drei mögliche Erklärungen gab Hans Magnus Enzensberger, als er 1960 in seinem museum der modernen poesie auf Beispiele neuer rumänischer Dichtung verzichtete. „In gewissen Fällen“, rechtfertigte er sich im Vorwort, „vermochten sich vorhandene Gedichte im internationalen Kontext nicht zu behaupten, in anderen Fällen war jene kulturelle Verspätung zu beachten, von der bereits die Rede war. Zuweilen fehlte es an brauchbaren Übersetzungen.“
Wir wissen nicht, was ihm damals an Texten vorlag – immerhin hatten Autoren wie Leonid Dimov und Ion Gheorghe schon 1956 und 1957 aufhorchen lassen –, aber es mag tatsächlich an brauchbaren Übersetzungen gefehlt haben. Dieter Schlesak – Herausgeber der jüngsten und also selbst „verspäteten“ Anthologie moderner rumänischer Lyrik – bestätigt das in seinem Nachwort und mit der Auswahl seiner Übersetzungen, die fast durchweg von Autoren stammen, die Rumänien nach 1960 verlassen haben. Die meisten sind Rumänien-Deutsche, die so ihren rumänischen Kollegen jene Achtung erweisen, die ihnen selbst gleich nach der Revolution 1989 mit einem Sonderheft der Zeitschrift „Contrapunct“ über den deutschen Beitrag zur modernen rumänischen Lyrik bezeugt wurde. Dieter Schlesak, Übersetzer von nahezu einem Viertel des 400 Seiten starken Buches, gehört selbst zu ihnen. Er ist mit Oskar Pastior fast der älteste (Jahrgang 1934) unter Lyrikern und Nachdichtern wie Rolf Bossert, Gerhard Csejka, Werner Söllner, William Totok und Ernest Wichner. Auch sie sind, wie ihre rumänischen Kollegen, mit „jener kulturellen Verspätung“ in die literarische Welt eingetreten und kennen aus eigener Erfahrung die gefährlichen Serpentinen, auf denen sich Literatur und Literaten im Lande Ceausescus bewegen mußten. Das gibt dieser Anthologie eine Authentizität, die von Autoren und Übersetzern gemeinsam erzeugt ist. Für sie könnte man am ehesten den Begriff der Nachdichtung gelten lassen, der in der DDR für das zweifelhafte Verfahren stand, namhafte Autoren Interlinearübersetzungen ihnen nicht geläufiger Sprache „veredeln“ zu lassen.
Dichtern und Nachdichtern dieses Bandes sind Sprache und Lebenswelt des modernen Rumänien gleichermaßen geläufig; ein fast unwiederholbarer Glücksfall. Hinzu kommt, daß das Projekt – nicht eben bestsellerverdächtig – fast konkurrenzlos war, so daß der Herausgeber aus dem vollen schöpfen konnte. Dieter Schlesak wuchert mit diesem Pfund: er kann von Ana Blandiana über Mircea Dinescu, von Ion Georghe bis Nichita Stanescu, Elena Stefoi und Petre Stoica die besten Namen der rumänischen Literatur mit ihren besten Gedichten vorstellen, Marin Sorescu mit seinen unerhörten letzten, auf dem Sterbebett geschriebenen Gedichten in der Übersetzung von Oskar Pastior. Ein solches Buch kann weder durch die schlechten Reproduktionen seiner Illustrationen – Zeichnungen von Pomona Zipser – noch durch das aufschlußreiche, aber etwas spekulative Nachwort seines Herausgebers verdorben werden. Mit ihm – nicht mit seiner Auswahl – ist Streit möglich. Etwa, wenn er im Überschwang der Interpretation aktuelle Tendenzen der rumänischen Dichtung im Licht seiner eigenen metaphysischen Neigungen als unbestimmte Gottsuche deutet, die er durch „viele tiefsinnige Gedichte“ belegt. Vom „Gefängnis der Sprachlogik“ ist die Rede, von „alternativen Ebenen, die uns umgeben, aber nur mit dem Geist wahrgenommen werden können“. Ihre Poetisierung ist für ihn offenbar Voraussetzung und Chance, „damit die rumänische Art, mit ‚Postmoderne‘ umzugehen, diese umzugestalten, auch im Westen einmal so wahrgenommen werden wird wie zur Zeit Mircea Eliades“. Wo will das hinaus? Zurück nach Byzanz? Ein rumänischer Sonderweg aus der Postmoderne? Gefährliche Serpentinen!

Hannes Schwenger, Der Tagesspiegel, 2.8.1998

Die Alternative

Die Achtzehnte Ode – „Sol“ – von Alexandru Musina – er ist 1954 geboren – eröffnet den von Dieter Schlesak herausgegebenen Band „Gefährliche Serpentinen. Rumänische Lyrik der Gegenwart.“ Das Gedicht markiert den Ort, an dem das Schreiben in Rumänien nach der Befreiung von der gnadenlos-erbärmlichen Ceausescu-Diktatur fortgeführt wird:

XVIII. Ode – „Sol“

aaaaaWir haben überlebt. Wie der Dachs,
aaaaader im Schlaf die grüne Knospe erblickt und seufzt.
aaaaaDas Blut weiß die Regeln besser, und die Zelle
aaaaahat eine direkte Verbindung zu Gott.

So siegten wir: die Hand betäubt,
das Bein betäubt, der Mund betäubt.
Die Augen hörten auf zu schlagen. Das Gehirn vergaß.
So siegten wir; die Lymphe wurde zu Gelatine,
die Knochen wurden zu Gelatine, die Nerven wurden zu Gelatine.

aaaaaVergeblich schrien sie, wie Besessene,
aaaaableckten die schwarzen Zähne, klein und zahlreich,
aaaaadie Zeichen, die gedruckten Storys. Die Furcht ist eine Mutter.
aaaaaDie Furcht ist eine gute Mutter, voller Liebe.
aaaaaIn ihrem Buch lernst du zu leben. In ihrem Bauch
aaaaagibt’s andere Regeln, andere Götter, geht eine andere Sonne auf.

aaaaaEine blau angelaufene, wärmliche Sonne, eine Tier-Sonne,
aaaaaverständnisvoller als jede andere Sonne.

So siegten wir: wir schliefen.
Draussen verflossen die Zeitungen, Panzer, Gefühle.
Reiche wetzten sich ab, Reiche tauchten aus dem Meer empor.

aaaaaWir haben überlebt. Wir haben gesiegt. Hier bin ich.
aaaaaHier, neben dir.

Da ist eine neue Gemeinsamkeit. Sie ist, tastend, zu erkunden. Wenig ist schon absehbar. Worin unterscheidet sich der Sieg von der Niederlage? Er bleibt auf jeden Fall von ihr gezeichnet. Noch immer überrascht, konstatiert Alexandru Musina immerhin, daß die Traumstarre – die er hier gar nicht einmal bloß als den Alptraum beschreibt, der er auch war – von Rumänien abgefallen ist.

Ein Blick zurück – als (hierzulande) 1960 das von Hans Magnus Enzensberger herausgegebene Buch Museum der modernen Poesie im Frankfurter Suhrkamp Verlag erschien, war das ein editorischer Meilenstein. Dieser Sammelband, der sich seinem Vorwort gemäß dagegen wehrte, „mit einer Anthologie verwechselt zu werden“, gab dem deutschen Leser erstmals einen Überblick über die vielgestaltigen internationalen Tendenzen der Poesie jener Jahrzehnte, die heute gemeinhin als die der klassischen Moderne bezeichnet werden. Doch wies das Panorama des enzensbergerschen Museum auch Lücken auf – von denen eine geradezu paradox anmutet: Rumänische Gedichte sucht man in jenem Buch vergebens! Dabei wird heutzutage gerade der Beitrag aus Rumänien gebürtiger Autoren, wie Urmuz oder Tzara, zu den literarischen Avantgardebewegungen der ersten Jahrhunderthälfte, vor allem dem Dadaismus und dem Surrealismus, hocheingeschätzt. In Kreisen rumänischer Autoren und Kritiker empfand man die Verbannung aus dem „Museum der modernen Poesie“ immer schon als ungerecht. Sie könne nicht mit der Qualität der Gedichte der rumänischen Moderne erklärt werden, allenfalls den Übersetzungen, die Enzensberger davon zur Verfügung standen. Auch Dieter Schlesak sieht das so, der Herausgeber des in der Edition Druckhaus des Berliner Galrev Verlags erschienenen Sammelbandes „Gefährliche Serpentinen. Rumänische Lyrik der Gegenwart“. Auch er meint, daß die älteren Übersetzungen „dem lyrischen Sprachniveau ihrer Zeit nie gerecht geworden sind.“ Erst jetzt seien die Bedingungen gegeben, die es der rumänischen Poesie ermöglichten, in der deutschen Sprache anzukommen – seit dem Auftreten von kongenialen Literaturmittlern und Übersetzern, wie den rumäniendeutschen Schriftstellern Oskar Pastior, Werner Söllner oder Franz Hodjak, um nur einige zu nennen. „Mit diesen Übertragungen ist ein Anfang gemacht“, stellt Dieter Schlesak fest – und er ist bescheiden genug zu verschweigen, daß er selbst, der 1934 in Siebenbürgen geboren und ein Lyriker von Gnaden ist, daran mitgewirkt hat, der rumänischen Poesie als Übersetzer den Weg zur binnendeutschen Leserschaft zu bahnen.

In seiner Text-Zusammenstellung konzentriert sich Dieter Schlesak auf die rumänische Dichtung nach 1960. Er begründet diesen Schnitt mit der tristen literarischen Entwicklung des Landes. In Rumänien hat, sieht man einmal vom avantgardistischen Intermezzo der Jahre 1944-1947 ab, als das kommunistische Regime noch nicht eingerichtet war, die Nachkriegsliteratur erst um das Jahr 1960 begonnen – damals profitierte auch Rumänien, wenngleich mit einiger Verzögerung, vom Tauwetter, das unter der politischen Vorgabe Chruschtschows und der literarischen Ilya Ehrenburgs im sowjetischen Machtbereich Einzug hielt. Darum ist die erste Generation der rumänischen Nachkriegsliteratur die der Sechziger Jahre. – Als den wichtigsten Vertreter dieser Sechziger bestimmt Dieter Schlesak –. Wie die meisten Kenner der neueren rumänischen Literatur – Nichita Stanescu. Eines seiner schönsten und bekanntesten Gedichte heißt „Flugunterricht“. Weil es geeignet ist, das Buch zum Leser hin zu öffnen, beschließt es die Auswahl der Gefährlichen Serpentinen:

FLUGUNTERRICHT

Erst ziehst du die Schultern ein,
dann stellst du dich auf die Fußspitzen,
schließt die Augen,
vermeidest noch etwas zu hören
und sagst im stillen zu dir:
jetzt werde ich fliegen.
Dann sagst du:
ich fliege.
Und dies ist der Flug.

Du ziehst die Schultern ein,
den Flüssen gleich, die im Strom zusammenfließen,
verdunkelst die Augen,
so wie Wolken die Fluren verfinstern.
Du stellst dich auf die Fußspitzen,
so wie sich Pyramiden überm Sand erheben,
vermeidest noch etwas zu hören
mit dem Gehör eines einzigen Jahrhunderts
und sagst im stillen zu dir:
jetzt werde ich fliegen
von der Geburt zum Tod.
Darauf sagst du:
ich fliege.
Und dies ist die Zeit.

Du läßt die Flüsse zusammenströmen,
als zögst du die Schultern ein,
steigst empor im Geblök der Geißen
und sagst: Nevermore.
Und plötzlich,
schwirr
tragen dich die Flügel eines anderen;
und dann
bist du er
und er
ist ein anderer für alle Zeit.

Im Titel des von Dieter Schlesak herausgegebenen Bandes schwingt immer schon die Gefahr des Absturzes mit. Im Gedicht des 1933 geborenen, 1983 gestorbenen Nichita Stanescu aber scheint sie gebannt. Es spricht seine Wahrheit, die Erkenntnis der Flugbegabung und Zeiterfindung des Menschen – im Gebrauch des dichterischen Worts – mit gelassener Gewißheit aus. Marin Sorescu ist der poetische Antipode Nichita Stanescus in der Generation der Sechziger. Dem Aufflug der Worte in ein Jenseits der Geschichte bei Stanescu, setzt er verstandesklaren Zweifel entgegen. Marin Sorescu entwirft keine Gegenwelten, sondern nimmt nach allen Regeln der Kunst die Wirklichkeit auseinander. Deutlicher wird die ästhetische Gegenposition, die Marin Sorescu – er ist 1936 geboren und starb 1997 – zu Nichita Stanescu bezieht, wohl nirgends, als in dem Gedicht:

ALS ICH EINMAL FLIEGEN SOLLTE

Einmal um Mitternacht
hat einer mir einen Flügel gebracht.
Wer’s war, weiß ich nicht,
es war so ein Nebelgesicht.
Er sagte: „Du klemmst ihn dir untern Arm
und fliegst mit dem Vogelschwarm.“
Drauf ich: „Wie soll ich das verstehen,
soll ich halb fliegen und halb gehen?
Du mußt mir den zweiten Flügel besorgen.“
„Ja, ja, den bring ich dir morgen.“

Das sagte er,
doch er kam nie mehr.

Nach dem Sturz der Diktatur wechselte Marin Sorescu sogar in die Politik. Das hatten die wenigsten von ihm erwartet. Nicht wenige verübelten ihm, daß er sich kurzfristig sogar ins Amt des Kulturministers berufen ließ. Denn das geschah unter dem unmittelbaren Ceausescu-Nachfolger, seinem postkommunistischen Erben Iliescu, zu dem sich die meisten rumänischen Intellektuellen auf Distanz hielten. Wohl das geringste Verständnis für den problematischen Schritt Sorescus brachte Ana Blandiana auf. Sie ist die bedeutendste rumänische Schriftstellerin der Sechziger-Generation. 1942 geboren, ist Ana Blandiana noch heute politisch aktiv als Bürgerrechtlerin in der außerparlamentarischen Opposition. Vor allem eines ihrer Gedichte hat in den Achtziger Jahren, als die Ceausescu-Diktatur verhärtete, ihre Gegnerschaft zum Regime bekundet. Es kam ganz schlicht daher – und wurde sogleich verboten; denn es enthielt eine gewaltige Provokation. Es attackierte gar nicht direkt die Parteiherrschaft, thematisierte sie nicht einmal, sondern warf eine ganz andere Frage auf. Sie verkleidete sich zunächst in eine wenig schmeichelhafte Aussage über den Charakter des rumänischen Volks – aber nur um den Landsleuten nahezulegen, ihre Duldsamkeit endlich abzuschütteln. Auch dieses Gedicht Ana Blandianas, einer der Schlüsseltexte der Auseinandersetzung der rumänischen Literatur mit der totalitären Herrschaft, hat Dieter Schlesak in seine Anthologie Gefährliche Serpentinen aufgenommen:

ICH GLAUBE

Ich glaube wir sind ein Volk von Pflanzen
Wie anders könnten wir sonst ruhig
auf unsere Entlaubung warten?
Würden wir sonst den Mut haben
wie im Schlaf auf einer Rutsche
fast bis in den Tod zu gleiten
mit der Gewißheit daß es ein leichtes sein wird
noch einmal geboren zu werden…
Ich glaube wir sind ein Volk von Pflanzen
Wer hat schon einen Baum gesehen
der sich aufbäumt?

Neben der Generation der Sechziger rückt Dieter Schlesak die der Achtziger in den Vordergrund. Der Generation der Achtziger ist es gelungen, die rumänische Literatur zu erneuern, nachdem sie in den Siebziger Jahren stagnierte, was auf die merkliche Dogmatisierung der Kulturpolitik des Regimes zurückzuführen gewesen ist. Es hat etws gedauert, bis die Literatur eine Antwort darauf hat geben können. Die Achtziger – für sie stehen unter anderem die Namen Mircea Cartarescu, Traian Cosovei, der zuvor schon zitierte Alexandru Musina oder Elena Stefoi –, sie ignorierten die politischen Nötigungen. Sie bequemten sich keiner Instrumentalisierung an, sondern setzten alles auf die Autonomie der Literatur. Sie schrieben, „als hätte es Ceausescu nie gegeben“, urteilt Dieter Schlesak über die Achtziger; „Seine ‚Wirklichkeit‘ war für die jungen Poeten eine rein ideologische Existenz, nichts als Schein.“ Was auf den ersten Blick als unverfänglicher Ästhetizismus erscheint, erweist sich als widersetzlich, weil es sich von vornherein den Anforderungen der Gesellschaft entzieht. „Der Diktator war fast zu unwichtig, ein lästiges Hindernis“, fährt Dieter Schlesak in seiner Generationsbeschreibung der Achtziger fort. „Eine Poesie des negativen Spiegels entstand.“
Vielleicht ist Gellu Naum, der sich nie korrumpieren ließ, das große Vorbild der Achtziger. Er stammt aus einer anderen Epoche, ist ein anderer Überlebender – ein Avantgardist, dessen erste Werke noch in der Zwischenkriegszeit erschienen sind, der 1915 geborene Gellu Naum konnte jederzeit auch unter der Diktatur, wenngleich er nicht offen gegen sie auftrat, in den Spiegel schauen. Aber was er dort sah, war immer das Unvermutete, das Unbezähmbare, ein surrealer Reflex seiner Wünsche. Dieter Schlesak selbst hat ein Gedicht von Gellu Naum übersetzt, das die Buchstaben des Wassers ausschreibt, bis sie Feuer fangen; auch vom Atmen und vom Fliegen, vom Warten und der Liebe darin – in nur fünf Zeilen – ist die Rede:

AQUATISCHES ALPHABET

Das Warten – mit den Händen im Traum
Über den Nasen Flügeln die Lungen Flügel
Und dann ein Vogel, der ein Messer bringt

Ich hole dich nackt aus dem Spiegel
Der steht in Flammen

Gellu Naum beginnt sich – gerade noch rechtzeitig – in der hiesigen literarischen Öffentlichkeit durchzusetzen. Seitdem sowohl im Klagenfurter Wieser Verlag als auch im Zürcher Ammann Verlag Einzelpublikationen dieses Surrealisten erschienen sind, hat man in ihm einen der großen Poeten des Jahrhunderts erkannt. Fast gänzlich unbekannt dagegen sind jene rumänischen Autoren der Generation der Achtziger Jahre, für die Dieter Schlesak in seiner im Galrev Verlag erschienen Anthologie „Gefährliche Serpentinen“ eine Lanze bricht. Doch auch Angehörige einer noch jüngeren Generation sind in dem Band berücksichtigt. Zum Beispiel die 1960 geborene Ioana Parvulescu – sie hat laut der mit Sorgfalt erstellten bio-bibliographischen Angaben, die Schlesaks „Gefährliche Serpentinen“ dem Leser bieten, ihren bislang einzigen Gedichtband 1991 veröffentlicht. „Trödelnd auf einem Auge“ heißt er. Daraus ist ein Gedicht, das ihm wohl denTitel lieferte, in der Galrev-Sammlung rumänischer Lyrik der Gegenwart wiedergegeben:

TRÖDELND AUF EINEM AUG DER POESIE

Wie die Kaulquappe in ihrem Teich
wie das flache Blatt in seinem Himmelsteich
verstand ich
daß es Tage gibt
wenn
die Dinge
ihre Haut ausziehen
(wie die Schlangen)
und bleiben
lebendes Fleisch
bebend vor Erregung

Ioana Parvulescu gibt sich hier als eine Schriftstellerin zu erkennen, die von der Unabdingbarkeit des poetischen Worts überzeugt ist. Sie verwendet es präzis – und vertraut sich ihm doch an. Bis sich ihm – aber dafür hat keine Methode die Gewähr, und riskant ist es auch: das Trödeln auf dem Aug der Poesie – die Dinge eröffnen: in ihrer Verletzlichkeit und ihrer Erwartung, ihrer Hoffnung auf Annahme und Erlösung. Wer ihrer auf diese Weise inne wird, erkennt sich – Gellu Naum sprach vom Spiegel, der in Flammen steht – in ihrem anderen, „bebend vor Erregung“, selbst.
Und da sind, bedenkt man den deutschen Rezeptionsstand rumänischer Literatur, gewiß weitere Entdeckungen zu machen in Dieter Schlesaks Lyrik-Anthologie „Gefährliche Serpentinen“, keinesfalls nur unter den jüngeren Autoren. Man sollte sich also auf sie hinauswagen. Die vom Herausgeber getroffene Auswahl der Gedichte ist subjektiv, mithin diskutabel. Nicht alle Texte halten das fast durchweg hohe Niveau. Jedoch das ist bei einem solchen Projekt unvermeidlich; und es entwertet die Absicht nicht. Nur was Dieter Schlesaks Nachwort betrifft – es ist hochtrabend überschrieben: „Posthumer Blick aus der Zukunft in dieser verspäteten Zeit“ –, muß man Einwände erheben. Darin erfährt man mehr über die poetischen Auffassungen des Verfassers, als über die Entwicklung der neueren rumänischen Lyrik selbst. Was die vorstehend versammelten Texte von ihr verraten, wirkt um einiges Aufregender, als das, was Dieter Schlesak interpretativ in sie hineinprojiziert.
Auch der derzeit wohl international bekannteste rumänische Autor Mircea Dinescu fehlt nicht in der, trotz ihres unglücklichen Nachworts, zu rühmenden Galrev-Anthologie „Gefährliche Serpentinen“. Der 1950 geborene Dinescu fällt aus dem Generationsschema heraus, das, wie in der Rumänistik üblich, auch von Dieter Schlesak auf die zeitgenössische Literatur des Landes angewandt wird. Mircea Dinescu – poetul ist in Rumänien, nachdem er am 22. Dezember 1989 den Sturz des Diktators im Fernsehen verkündete, noch immer eine öffentliche Person. Und seine Stimme ist weiterhin die kesseste unter den aktuellen rumänischen Lyrikern. Auch Jüngere überbieten Mircea Dinescu darin nicht. Freilich erteilt er das Wort dabei – mit nicht gerade zimperlicher Ironie – manchmal garstigen Individuen. Sie dringen ansonsten nur in seltenen Fällen in den poetischen Bezirk ein, auch wenn in Bukarest die Dichter trinkfester und mehr der Ausschweifung anheimgegeben sind, als hierzulande. Darum sei – als wirklich allerletztes Argument, warum die Galrev-Anthologie „Gefährliche Serpentinen. Rumänische Lyrik der Gegenwart“ ein wirklich seriöser Literaturtip ist, noch ein darin enthaltenes Gedicht von Mircea Dinescu angeführt. Ohne weiteren Kommentar, außer einer Frage: zeigt sich hier nicht, wie ein östliches Land – sollte es vielleicht gar Rumänien sein? – vom Rest der Welt, Europa voran, erwartet; und warum der Prozeß der europäischen Einigung nicht nur im Westen zu fast unbeschränkten Hoffnungen berechtigt?:

REDE ANLÄSSLICH DER AUFNAHME EINES ÖSTLICHEN LANDES IN EUROPA

In der Kirche versteckt ein reuiger Dieb
seine Hände in den Taschen des Bischofs, damit Gott
sie nicht sieht. Der Bauer ruft seinem Sohn zu, dem
mit den riesigen Tretern, er soll seine Latschen
verstecken, denn es kommt hoher Besuch und man hat ja
so seinen Nationalstolz, es kommen die japanischen
Touristen mit ihren Spatzenfüßchen und wollen
den Weizen aufpicken, die Sonnenblumen und die Augen
des van Gogh.

Und unvermutet schlägt die Stunde der Zärtlichkeit
im städtischen Krankenhaus. Der Alkoholiker, der dem Entzug
ins Auge blickt, redet dem Spiritusfläschchen
auf dem Nachtschrank gut zu: „Veilchensaft, himmlisches
Zielwasser, Elixier fürs Jenseits…“

Dann öffnet er das Fenster und schreit:
„Willkommen, Konsumgesellschaft,
entjungfere auch du uns, nimm auch du uns
von vorn, drechsle uns aus den Nierensteinen
ein paar Glückswürfel. Ab heute reden wir
den Arsch nicht mehr mit Genosse
sondern mit Herr an, ab morgen kriegt ihr
Shakespeare aus der Encyclopedia Britannica
leichter heraus als mich
aus der Kneipe…

Gerhard Mahlberg, Hessischer Rundfunk, 30.7.1998

 

Zum 70. Geburtstag des Herausgebers:

Neu: Ost-West-Lektionen
Stuttgarter Zeitung, 6.8.2004

Zum 80. Geburtstag des Herausgebers:

Elisabeth Krause: Zwischenschaftler und Vermittler
Siebenbürgische Zeitung, 7.8.2014

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