Giorgos Seferis: Poesie

Seferis-Posie

WIR DIE WIR AUSZOGEN

Wir die wir auszogen zu dieser Pilgerfahrt
betrachteten die zerbrochenen Statuen
nachdenklich, und sagten uns daß das Leben nicht so einfach
aaaaaverloren geht
und der Tod unerforschliche Wege hat
und seine eigne Gerechtigkeit:

daß wenn wir aufrecht auf unseren Füßen sterben
dem Felsen vermählt
geeint in Härte und Hinfälligkeit
die alten Toten dem Kreis des Geschicks entflohen sind und auferstanden
lächelnd in einer Ruhe die wundernimmt.

Nachwort.

Giorgos Seferis – der diesen seinen Namen auf der zweiten Silbe betont – heißt eigentlich Giorgos Seferiades und ist am 29. Februar 1900 in Smyrna geboren. Wer wüßte aus dem Stehgreif zu sagen, wohin diese Stadt in der Jahrhundertwende gehört hat? Seferis hat Griechenland im Lauf einer langen und erfolgreichen diplomatischen Karriere an vielen Orten der Erde, zuletzt und gegenwärtig als Botschafter in London, vertreten: eine Vertretung, die sich schon deswegen nicht auf Unterschriftsmappe und Höflichkeiten beschränkt hat, weil sie von Anfang an nicht selbstverständlich war. Er ist der Gesandte eines Landes, das er immer noch sucht.
Comment peut-on être Grec? schreibt sein französischer Herausgeber und Übersetzer Robert Levesque und stellt damit eine Frage, die Seferis in jeder Weise betrifft: 1914 wird er mit seinen Eltern von den Türken aus Smyrna vertrieben, 1922 verbrennt dort sein Geburtshaus bei der Griechenverfolgung, 1941 flieht er vor den Deutschen aus Athen und arbeitet für die griechische Exielregierung – das „eigentliche“ Griechenland und wiederum auch eines, das keines ist – in Kairo, im Transvaal; dazwischen Paris, London, Albanien: in langer Folge und vielfältiger Wandlung wiederholt sich das Motiv von Verfolgung, Flucht und Exil aus einem Land, das selbst seinem eigenen Volk nichts Besseres als die Verbannung zu bieten hat, die Verbannung aus dem Früher und Vormals, in dem Sprache und Erde und – wie Seferis sie nennt – die Statuen noch heil waren. Wie stellt man es an, Grieche zu sein?
Doch nur so, daß man vereinfacht. Man wird denken dürfen, daß sich dazu einem Mann von Seferis’ gesellschaftlicher Herkunft zunächst ein anderer Weg anbietet: die Reduktion der Welt auf jene Karikatur ihrer selbst, die dem „Weltmann“ seinen lächerlichen Namen gegeben hat: dessen Erfolg in seinem Talent zur Fraglosigkeit besteht: der, weit davon entfernt, „überall zu Hause zu sein“, es vielmehr nur in einem behaviouristischen Schema ist und daraus die Überlegenheit der Ameise gewinnt.
Die Welt eines Seferis ist anders beschaffen. Anscheinend ist sie rasch umschrieben, jedes seiner Gedichte zählt sie uns nach ihren Teilen auf: Meer, Föhre, Schiff, Berg, Insel, Haus… mit geringer Geduld läßt sie sich einsammeln, ist, wenn auch nicht simpel, so doch einfach. Freilich besagt das noch nichts; wäre wohl auch als hübsches Spiel mit bunten und längst als „poetisch“ deklarierten Steinchen zu denken, als eine Art von literarischem Chagall, bei dem man zuversichtlich, wenn auch mit schwindendem Vergnügen nach Bukett, Ziegenbock und Braut suchen kann; als Poesie des „einfachen Lebens“; als verkappte Naturpoesie: in Wirklichkeit ist sie keins von alledem.
Wer sich in der neuen griechischen Literatur umsehen will und dazu, sagen wir, die Anthologie von Apostolides durchblättert, macht eine merkwürdige und lehrreiche Erfahrung; er wird vielerorts einer Unverbrauchtheit begegnen, oft auch einer Härte und Direktheit, die ihn erfrischt. Doch daneben, übergangslos und mittenhin stößt er auch auf den Gedichttitel Aus meiner stillen Ecke oder die Zeile Ich will dir die gefallenen Ähren lesen, um dir ein wenig Brot zu schicken: und tut doch unrecht, darin nichts als derivierte und abgesunkene Dichtung zu sehen: er möge, bei beiden Zitaten, nur ein Stück weiterlesen. Vielmehr ist es eine Literatur, die den Filter der Modernität deswegen oft nicht erträgt, weil sie davor und daneben entstanden ist. Gewiß eine sehr allgemeine Feststellung, die viele Ausnahmen kennt: Seferis ist darunter eine der bedeutendsten; in ihm begegnet eine moderne Sensibilität jenen ersten und einfachen Dingen, die der Dichtung seiner Muttersprache auch sonst, und so oft zu ihrem Unglück, zur Hand sind. Mit ihnen ist er seiner Heimat am engsten verwandt.
Es sind Dinge besonderer Art. Sie tun nichts. Sie kommen vor. Sie verschwimmen in keiner feingetönten Schattierung, werden von keinem Vergleich verschönt; oft wird ihnen nicht einmal zugestanden, daß sie „sind“, sie erscheinen in ihrer sprachlichen Mindestform: dem Substantiv, der bloßen Nennung. Ist es eine Tugend, von den Dingen zu sagen nur daß es sie gibt? Dinge, die, so meinen wir aufs erste, uns doch nicht allzunah angehen: uns sind Steine nicht die auf dem Feld, sondern die, in denen wir wohnen; uns werden Ruder nur mürrisch und stundenweise in Miete gegeben, uns liegt das Meer in Cattolica und wird wohl auch salzig sein. Kann man uns damit kommen?
Die Dinge bleiben nicht allein:

… wir haben genau aufgemerkt
auf die Föhren den Strand die Sterne.
Zugetan der Pflugschar oder dem Schiffskiel
suchten wir…

oder auch:

Drei Felsen ein paar verdorrte Föhren eine verlassene
Kapelle…
Hier legten wir mit den Schiffen an…

Im Grunde ist die Dichtung von Seferis eine ganz einfache Dichtung; sie hat sich ein allererstes Schema bewahrt: die Dinge sind, die Menschen tun. Sie führt uns in eine Seelandschaft zwischen den Ufern von Substantiv und Verb, die wir dort doch nie bemerkt haben, in ein Dazwischen, in dem sich beides gleichermaßen fremd und vertraut ausnimmt. Angesichts der „Steine da“ fließt dem alten Tanz der Gymnopädien neue Bedeutung zu, und erst durch den „Rhythmus, der die Erde schlug mit vergessenen Füßen“ werden die Steinbrocken zeichenhaft. Durch solche Fäden, die diese Dichtung spannt, unterscheidet sich ihre Einsamkeit von der eines Reservats und ihr „einfaches Leben“ von dem einer unappetitlichen Elmau. Der Unterschied ist leicht zu fassen, weil er so unübersehbar groß ist: zwar wird hier wie dort das kaum Genannte schon zum Symbol; das Meer ist nicht mehr nur das Meer, die am Strand gefundene Münze nicht mehr nur die am Strand gefundene Münze. Der Zuwachs aber, den dieses „nicht mehr nur“ enthält, ist von verschiedener Art; er wird dort dem gefühlslüsternen Konsumenten zugerichtet und alsbald verdaut; hier entsteht er im Verzicht auf alle andere Tätigkeit außer der des Zeigens; degeneriert daher dort zum Kitsch; und erhebt sich hier zur Dichtung.
Gefordert ist für solche Poesie, daß das ich schweige, ein Pseudonym annehme, wie in der Dichtung von Eliot (den Seferis ins Griechische übersetzt hat) und Perse, die sich mit der seinem am ehesten vergleicht. Bei beiden findet sich, gelehrter bei Eliot, ornamentaler bei Perse, das, was oben das „Dazwischen“ genannt worden ist: Schnitt und Auseinanderrücken genannter Dinge und menschlichen Tuns, zwischen denen erst ausgespannt und verschwiegen wird, was das Gedicht sagen will. Ebenso sind sie auf das sachlich genau, unzweideutige Wort angewiesen – ein Grundsatz, der, nebenbei sei es gesagt, den Übersetzer aufs nächste betrifft: auch er hat für diese Dichtung niemals das gesuchte Wort herbeizuschaffen, sondern das einfache, nicht das schöne oder glatte, sondern das genaue, nicht das verschluderte, aber auch nicht das antiquierte oder barocke; in ihr waltet eine fast im klassischen Sinn reine Diktion.
„Den Titel Mythistorema habe ich gewählt“, so schreibt Seferis in einer Anmerkung zu der ersten Gedichtfolge dieses Bandes, „weil ich von einer festen Mythologie offen Gebrauch gemacht habe und weil ich darin, in einer gewissen Folgerichtigkeit, innere Zustände mitteilen wollte, die mit mir sowenig zu tun haben wie die einer Romanfigur.“ In diesem Satz wird nicht nur der Ichverzicht in seiner Dichtung programmatisch, sondern auch die Verwendung des Mythos; auch hier fallen uns wieder Perse und Eliot ein, die Anabasis etwa, oder Tiresias als Zentralfigur des Waste Land. Es ist leicht zu sehen, warum Seferis diesen Königsweg der Moderne zur Universalität und Einfachheit einschlägt: auf ihm kann jenes schwierige Geschäft gelingen, ein Grieche zu sein; denn der Mythos ist dasjenige seltene Ding, das am besten weiß, was wir bedeuten – solange wir uns in ihm wiedererkennen können: wo nicht, gefriert er zu Gips.
Seine einzelnen Figuren zu deuten, ist hier nicht der Ort. Allenfalls noch ein Wort zu den Statuen: die Statuen, die so oft in den Gedichten von Seferis wiederkehren, die leise Schwankenden mit dem unverrückbaren Lächeln, die weniger zerbrochenen als wir, die Statuen, die in unsern Traum fallen, wenn wir aus ihm heraustreten: jenseits derer zu leben Glück wäre und Tod zugleich – sie sind vielleicht das eigentliche Geheimnis und die wahrste Botschaft von Seferis, dem Griechen.

Christian Enzensberger, November 1961

Fünfundzwanzig Jahre später

hätte ich von Seferis lieber geschrieben, daß er, wie fast alle großen Dichter der Moderne, aus einer bestimmten, in uns verschütteten Schicht heraus wahrnimmt und ihr eine Stimme gibt; daß er sie dadurch in uns wiedererweckt, uns an Angelpunkte unserer eigenen wie der großen Geschichte erinnert und uns so einen verlorenen Teil unserer selbst zurückruft; die Gegenwart wird zur Glocke; deswegen können wir ihn verstehen und lernen: unsere Hoffnungen wie unsere Ängste waren verfrüht; weder der Untergang noch das Glück steht uns so kurz bevor, wie wir dachten. Wäre also die Zeit nachempfindender Hinterdreinreden inzwischen nicht allmählich vorbei –

Christian Enzensberger, Nachwort zur Neuausgabe, April 1987

Im Grunde ist die Dichtung

des griechischen Nobelpreisträgers Giorgos Seferis (1900–1971), schreibt Christian Enzensberger, „eine ganz einfache Dichtung; sie hat sich ein allererstes Schema bewahrt: Die Dinge sind, die Menschen tun. Sie führt uns in eine Seelandschaft zwischen den Ufern von Substantiv und Verb, die wir dort doch nie bemerkt haben, in ein Dazwischen, in dem sich beides gleichermaßen fremd und vertraut ausnimmt.“

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1987

Nobelpreiswürdige Gassenhauer.

-Die Gedichte des Poeten Giorgos Seferis.-

„Im Grunde ist die Dichtung von Seferis eine ganz einfache Dichtung; sie hat sich ein allererstes Schema bewahrt: Die Dinge sind, die Menschen tun“ erkennt der Übersetzer des im Suhrkamp Verlag erschienenen zweisprachigen Gedichtbandes Giorgos Seferis Poesie in seinem Nachwort dazu.
In Tavernen und auf der Straße geträllert wird sie im poesie- und musikliebenden Griechenland, die Lyrik des Nobelpreisträgers für Literatur Giorgos Seferis. Denn viele seiner Gedichte wurden zu beliebten Liedern. Beispielsweise die ersten Zeilen des in dem Poesieband enthaltenen Gedichts „Quid platanon opacissimus“. Aus ihnen machte der bekannte griechische Komponist Mikis Theodorakis das Lied „O ypnos se tylixe“ („Der Schlaf umfing dich“), das Maria Farantouri auf ihrer CD Way Home singt. Ebenfalls von Theodorakis ist der mit den Zeilen „Sto perigiali to kryfo“ – „Am versteckten Strand“ beginnende Ohrwurm, der auf dem Gedicht „Arnisi“ („Entsagung“) basiert und eine Rück- und Vorschau auf das eigene Leben – wohl auch das eigene – griechische – Land an einem Strand „so weiß wie eine Taube“ zum Gegenstand hat. Tausende sangen dieses Lied an den Straßenrändern als man den Dichter zu Grabe trug. Erschienen ist das Gedicht bereits 1931 in seinem ersten Band Wende. Leider kennt man im deutschsprachigen Raum die Melodie eher mit einem ganz anderen Text mit dem Titel „Zusammenleben“, gesungen von Milva. Auch andere Komponisten vertonten Seferis-Gedichte, so beispielsweise Ilias Andriopoulos einige Verse des in dem Suhrkamp-Band Poesie enthaltenen „Santorini“.
Was die Werke des 1900 in Smyrna (dem heutigen Izmir) geborenen und 1972 in Athen gestorbenen Giorgos Seferis so alltagstauglich macht, sind ihre schlichte Sprache und ihre eingängigen Bilder. Gewohnt, in seinen Funktionen als griechischer Staatsbeamter und Diplomat in völlig unpoetischen, nüchternen Worten zu sprechen, ist er auch in seiner Poesie um Klarheit und Verständlichkeit bemüht. Man fühlt sich schnell zu Hause in seiner Poesie. Häufig spielt er auf griechische Mythen an. Doch – ob man von deren Inhalt und Bedeutung Kenntnis hat oder nicht – es sind in erster Linie immer wieder kehrende Worte wie Meer, Insel, Schiff, Föhre, Berg, Haus, Statue, Nacktheit, die eine bald vertraute und bald als einmalig griechisch empfundene Umgebung voller Schlichtheit und Klarheit schaffen, in der der Geist Halt und Heimat findet, um von ihr aus auf abenteuerliche Reisen aufzubrechen und weit zu schweifen.

griechenland.conbook.de, 29.5.2010

Asteris Kutulas über Seferis

Fakten und Vermutungen zum Autor
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer


Giorgos Seferis liest To Fos.

Giorgos Seferis – Kurzer griechischer Dokumentarfilm.

Vorschau auf den griechischen Dokumentarfilm Log books: George Seferis.

Naheliegendes:

  1. Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.): Museum der modernen Poesie

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