Giorgos Seferis: Poesie

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Giorgos Seferis: Poesie

Seferis-Posie

WIR DIE WIR AUSZOGEN

Wir die wir auszogen zu dieser Pilgerfahrt
betrachteten die zerbrochenen Statuen
nachdenklich, und sagten uns daß das Leben nicht so
aaaaaeinfach verloren geht
und der Tod unerforschliche Wege hat
und seine eigne Gerechtigkeit:

daß wenn wir aufrecht auf unseren Füßen sterben
dem Felsen vermählt
geeint in Härte und Hinfälligkeit
die alten Toten dem Kreis des Geschicks entflohen sind und auferstanden
lächelnd in einer Ruhe die wundernimmt.

 

 

Nachwort

Giorgos Seferis – der diesen seinen Namen auf der zweiten Silbe betont – heißt eigentlich Giorgos Seferiades und ist am 29. Februar 1900 in Smyrna geboren. Wer wüßte aus dem Stehgreif zu sagen, wohin diese Stadt in der Jahrhundertwende gehört hat? Seferis hat Griechenland im Lauf einer langen und erfolgreichen diplomatischen Karriere an vielen Orten der Erde, zuletzt und gegenwärtig als Botschafter in London, vertreten: eine Vertretung, die sich schon deswegen nicht auf Unterschriftsmappe und Höflichkeiten beschränkt hat, weil sie von Anfang an nicht selbstverständlich war. Er ist der Gesandte eines Landes, das er immer noch sucht.
Comment peut-on être Grec? schreibt sein französischer Herausgeber und Übersetzer Robert Levesque und stellt damit eine Frage, die Seferis in jeder Weise betrifft: 1914 wird er mit seinen Eltern von den Türken aus Smyrna vertrieben, 1922 verbrennt dort sein Geburtshaus bei der Griechenverfolgung, 1941 flieht er vor den Deutschen aus Athen und arbeitet für die griechische Exielregierung – das „eigentliche“ Griechenland und wiederum auch eines, das keines ist – in Kairo, im Transvaal; dazwischen Paris, London, Albanien: in langer Folge und vielfältiger Wandlung wiederholt sich das Motiv von Verfolgung, Flucht und Exil aus einem Land, das selbst seinem eigenen Volk nichts Besseres als die Verbannung zu bieten hat, die Verbannung aus dem Früher und Vormals, in dem Sprache und Erde und – wie Seferis sie nennt – die Statuen noch heil waren. Wie stellt man es an, Grieche zu sein?
Doch nur so, daß man vereinfacht. Man wird denken dürfen, daß sich dazu einem Mann von Seferis’ gesellschaftlicher Herkunft zunächst ein anderer Weg anbietet: die Reduktion der Welt auf jene Karikatur ihrer selbst, die dem „Weltmann“ seinen lächerlichen Namen gegeben hat: dessen Erfolg in seinem Talent zur Fraglosigkeit besteht: der, weit davon entfernt, „überall zu Hause zu sein“, es vielmehr nur in einem behaviouristischen Schema ist und daraus die Überlegenheit der Ameise gewinnt.
Die Welt eines Seferis ist anders beschaffen. Anscheinend ist sie rasch umschrieben, jedes seiner Gedichte zählt sie uns nach ihren Teilen auf: Meer, Föhre, Schiff, Berg, Insel, Haus… mit geringer Geduld läßt sie sich einsammeln, ist, wenn auch nicht simpel, so doch einfach. Freilich besagt das noch nichts; wäre wohl auch als hübsches Spiel mit bunten und längst als „poetisch“ deklarierten Steinchen zu denken, als eine Art von literarischem Chagall, bei dem man zuversichtlich, wenn auch mit schwindendem Vergnügen nach Bukett, Ziegenbock und Braut suchen kann; als Poesie des „einfachen Lebens“; als verkappte Naturpoesie: in Wirklichkeit ist sie keins von alledem.
Wer sich in der neuen griechischen Literatur umsehen will und dazu, sagen wir, die Anthologie von Apostolides durchblättert, macht eine merkwürdige und lehrreiche Erfahrung; er wird vielerorts einer Unverbrauchtheit begegnen, oft auch einer Härte und Direktheit, die ihn erfrischt. Doch daneben, übergangslos und mittenhin stößt er auch auf den Gedichttitel Aus meiner stillen Ecke oder die Zeile Ich will dir die gefallenen Ähren lesen, um dir ein wenig Brot zu schicken: und tut doch unrecht, darin nichts als derivierte und abgesunkene Dichtung zu sehen: er möge, bei beiden Zitaten, nur ein Stück weiterlesen. Vielmehr ist es eine Literatur, die den Filter der Modernität deswegen oft nicht erträgt, weil sie davor und daneben entstanden ist. Gewiß eine sehr allgemeine Feststellung, die viele Ausnahmen kennt: Seferis ist darunter eine der bedeutendsten; in ihm begegnet eine moderne Sensibilität jenen ersten und einfachen Dingen, die der Dichtung seiner Muttersprache auch sonst, und so oft zu ihrem Unglück, zur Hand sind. Mit ihnen ist er seiner Heimat am engsten verwandt.
Es sind Dinge besonderer Art. Sie tun nichts. Sie kommen vor. Sie verschwimmen in keiner feingetönten Schattierung, werden von keinem Vergleich verschönt; oft wird ihnen nicht einmal zugestanden, daß sie „sind“, sie erscheinen in ihrer sprachlichen Mindestform: dem Substantiv, der bloßen Nennung. Ist es eine Tugend, von den Dingen zu sagen nur daß es sie gibt? Dinge, die, so meinen wir aufs erste, uns doch nicht allzunah angehen: uns sind Steine nicht die auf dem Feld, sondern die, in denen wir wohnen; uns werden Ruder nur mürrisch und stundenweise in Miete gegeben, uns liegt das Meer in Cattolica und wird wohl auch salzig sein. Kann man uns damit kommen?
Die Dinge bleiben nicht allein:

… wir haben genau aufgemerkt
auf die Föhren den Strand die Sterne.
Zugetan der Pflugschar oder dem Schiffskiel
suchten wir…

oder auch:

Drei Felsen ein paar verdorrte Föhren eine verlassene
Kapelle…
Hier legten wir mit den Schiffen an…

Im Grunde ist die Dichtung von Seferis eine ganz einfache Dichtung; sie hat sich ein allererstes Schema bewahrt: die Dinge sind, die Menschen tun. Sie führt uns in eine Seelandschaft zwischen den Ufern von Substantiv und Verb, die wir dort doch nie bemerkt haben, in ein Dazwischen, in dem sich beides gleichermaßen fremd und vertraut ausnimmt. Angesichts der „Steine da“ fließt dem alten Tanz der Gymnopädien neue Bedeutung zu, und erst durch den „Rhythmus, der die Erde schlug mit vergessenen Füßen“ werden die Steinbrocken zeichenhaft. Durch solche Fäden, die diese Dichtung spannt, unterscheidet sich ihre Einsamkeit von der eines Reservats und ihr „einfaches Leben“ von dem einer unappetitlichen Elmau. Der Unterschied ist leicht zu fassen, weil er so unübersehbar groß ist: zwar wird hier wie dort das kaum Genannte schon zum Symbol; das Meer ist nicht mehr nur das Meer, die am Strand gefundene Münze nicht mehr nur die am Strand gefundene Münze. Der Zuwachs aber, den dieses „nicht mehr nur“ enthält, ist von verschiedener Art; er wird dort dem gefühlslüsternen Konsumenten zugerichtet und alsbald verdaut; hier entsteht er im Verzicht auf alle andere Tätigkeit außer der des Zeigens; degeneriert daher dort zum Kitsch; und erhebt sich hier zur Dichtung.
Gefordert ist für solche Poesie, daß das ich schweige, ein Pseudonym annehme, wie in der Dichtung von Eliot (den Seferis ins Griechische übersetzt hat) und Perse, die sich mit der seinem am ehesten vergleicht. Bei beiden findet sich, gelehrter bei Eliot, ornamentaler bei Perse, das, was oben das „Dazwischen“ genannt worden ist: Schnitt und Auseinanderrücken genannter Dinge und menschlichen Tuns, zwischen denen erst ausgespannt und verschwiegen wird, was das Gedicht sagen will. Ebenso sind sie auf das sachlich genau, unzweideutige Wort angewiesen – ein Grundsatz, der, nebenbei sei es gesagt, den Übersetzer aufs nächste betrifft: auch er hat für diese Dichtung niemals das gesuchte Wort herbeizuschaffen, sondern das einfache, nicht das schöne oder glatte, sondern das genaue, nicht das verschluderte, aber auch nicht das antiquierte oder barocke; in ihr waltet eine fast im klassischen Sinn reine Diktion.
„Den Titel Mythistorema habe ich gewählt“, so schreibt Seferis in einer Anmerkung zu der ersten Gedichtfolge dieses Bandes, „weil ich von einer festen Mythologie offen Gebrauch gemacht habe und weil ich darin, in einer gewissen Folgerichtigkeit, innere Zustände mitteilen wollte, die mit mir sowenig zu tun haben wie die einer Romanfigur.“ In diesem Satz wird nicht nur der Ichverzicht in seiner Dichtung programmatisch, sondern auch die Verwendung des Mythos; auch hier fallen uns wieder Perse und Eliot ein, die Anabasis etwa, oder Tiresias als Zentralfigur des Waste Land. Es ist leicht zu sehen, warum Seferis diesen Königsweg der Moderne zur Universalität und Einfachheit einschlägt: auf ihm kann jenes schwierige Geschäft gelingen, ein Grieche zu sein; denn der Mythos ist dasjenige seltene Ding, das am besten weiß, was wir bedeuten – solange wir uns in ihm wiedererkennen können: wo nicht, gefriert er zu Gips.
Seine einzelnen Figuren zu deuten, ist hier nicht der Ort. Allenfalls noch ein Wort zu den Statuen: die Statuen, die so oft in den Gedichten von Seferis wiederkehren, die leise Schwankenden mit dem unverrückbaren Lächeln, die weniger zerbrochenen als wir, die Statuen, die in unsern Traum fallen, wenn wir aus ihm heraustreten: jenseits derer zu leben Glück wäre und Tod zugleich – sie sind vielleicht das eigentliche Geheimnis und die wahrste Botschaft von Seferis, dem Griechen.

Christian Enzensberger, Nachwort, November 1961

Fünfundzwanzig Jahre später

hätte ich von Seferis lieber geschrieben, daß er, wie fast alle großen Dichter der Moderne, aus einer bestimmten, in uns verschütteten Schicht heraus wahrnimmt und ihr eine Stimme gibt; daß er sie dadurch in uns wiedererweckt, uns an Angelpunkte unserer eigenen wie der großen Geschichte erinnert und uns so einen verlorenen Teil unserer selbst zurückruft; die Gegenwart wird zur Glocke; deswegen können wir ihn verstehen und lernen: unsere Hoffnungen wie unsere Ängste waren verfrüht; weder der Untergang noch das Glück steht uns so kurz bevor, wie wir dachten. Wäre also die Zeit nachempfindender Hinterdreinreden inzwischen nicht allmählich vorbei –

Christian Enzensberger, Nachwort zur Neuausgabe, April 1987

 

Im Grunde ist die Dichtung

des griechischen Nobelpreisträgers Giorgos Seferis (1900–1971), schreibt Christian Enzensberger, „eine ganz einfache Dichtung; sie hat sich ein allererstes Schema bewahrt: Die Dinge sind, die Menschen tun. Sie führt uns in eine Seelandschaft zwischen den Ufern von Substantiv und Verb, die wir dort doch nie bemerkt haben, in ein Dazwischen, in dem sich beides gleichermaßen fremd und vertraut ausnimmt.“

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1987

 

Nobelpreiswürdige Gassenhauer

− Die Gedichte des Poeten Giorgos Seferis. −

„Im Grunde ist die Dichtung von Seferis eine ganz einfache Dichtung; sie hat sich ein allererstes Schema bewahrt: Die Dinge sind, die Menschen tun“ erkennt der Übersetzer des im Suhrkamp Verlag erschienenen zweisprachigen Gedichtbandes Giorgos Seferis Poesie in seinem Nachwort dazu.
In Tavernen und auf der Straße geträllert wird sie im poesie- und musikliebenden Griechenland, die Lyrik des Nobelpreisträgers für Literatur Giorgos Seferis. Denn viele seiner Gedichte wurden zu beliebten Liedern. Beispielsweise die ersten Zeilen des in dem Poesieband enthaltenen Gedichts „Quid platanon opacissimus“. Aus ihnen machte der bekannte griechische Komponist Mikis Theodorakis das Lied „O ypnos se tylixe“ („Der Schlaf umfing dich“), das Maria Farantouri auf ihrer CD Way Home singt. Ebenfalls von Theodorakis ist der mit den Zeilen „Sto perigiali to kryfo“ – „Am versteckten Strand“ beginnende Ohrwurm, der auf dem Gedicht „Arnisi“ („Entsagung“) basiert und eine Rück- und Vorschau auf das eigene Leben – wohl auch das eigene – griechische – Land an einem Strand „so weiß wie eine Taube“ zum Gegenstand hat. Tausende sangen dieses Lied an den Straßenrändern als man den Dichter zu Grabe trug. Erschienen ist das Gedicht bereits 1931 in seinem ersten Band Wende. Leider kennt man im deutschsprachigen Raum die Melodie eher mit einem ganz anderen Text mit dem Titel „Zusammenleben“, gesungen von Milva. Auch andere Komponisten vertonten Seferis-Gedichte, so beispielsweise Ilias Andriopoulos einige Verse des in dem Suhrkamp-Band Poesie enthaltenen „Santorini“.
Was die Werke des 1900 in Smyrna (dem heutigen Izmir) geborenen und 1972 in Athen gestorbenen Giorgos Seferis so alltagstauglich macht, sind ihre schlichte Sprache und ihre eingängigen Bilder. Gewohnt, in seinen Funktionen als griechischer Staatsbeamter und Diplomat in völlig unpoetischen, nüchternen Worten zu sprechen, ist er auch in seiner Poesie um Klarheit und Verständlichkeit bemüht. Man fühlt sich schnell zu Hause in seiner Poesie. Häufig spielt er auf griechische Mythen an. Doch – ob man von deren Inhalt und Bedeutung Kenntnis hat oder nicht – es sind in erster Linie immer wieder kehrende Worte wie Meer, Insel, Schiff, Föhre, Berg, Haus, Statue, Nacktheit, die eine bald vertraute und bald als einmalig griechisch empfundene Umgebung voller Schlichtheit und Klarheit schaffen, in der der Geist Halt und Heimat findet, um von ihr aus auf abenteuerliche Reisen aufzubrechen und weit zu schweifen.

griechenland.conbook.de, 29.5.2010

Meditative Poesie griechischer Abstammung

Beeindruckt hat mich an diesem Band vor allem die erste Gedichtfolge, der „Mythische Lebensbericht“. Natürlich läßt sich Gedichten leicht griechischer Charakter zuschreiben, wenn man weiß, daß der Autor Grieche ist. Aber hier finden sich tatsächlich klare scharfgefasste Bilder wie unter einer Mittagssonne; hier drängt sich kein Ich in den Vordergrund, hier wird die Sprache nicht verformt. Es wird nur beobachtet und dem Leser selbst überlassen, die feinen Spannungen unter der Oberfläche wahrzunehmen. Unter diesen Gedichten finden sich sehr treffende Zeilen wie:

Der Schlaf umhüllte dich, wie ein Baum, mit grünem Laub
du atmetest, wie ein Baum, im stillen Licht
in der klaren Quelle betrachtete ich dein Antlitz:
die Lider geschlossen und die Wimpern streiften das Wasser.

In den weiteren Gedichtfolgen werden die Gedichte aber abstrakter und mysteriöser, und das Nachwort fand ich wenig hilfreich: Wo ich mir Informationen über Autor und Werk gewünscht hatte, versucht der Übersetzer sich an einer „tiefsinnigen“ Interpretation der Dichtung Seferis’.

Obsidian Sky „Gratwanderer“, amazon.de, 4.6.2004

Klassiker der modernen Dichtung

Giorgos Seferis, Nobelpreisträger für Literatur, ist in Deutschland leider viel zu wenig bekannt. Dabei gehört er zu den absoluten Klassikern der Dichtung des 20. Jahrhunderts, literarisch sicher dem Rang eines T.S. Eliot gleichzuordnen.
Fast noch wichtiger ist aber (denn wenige Leute dürften Bücher allein schon deshalb lesen, weil sie bedeutend sind), dass seine Gedichte einfach wunderschön sind. Dieser Band enthält einige seiner wichtigsten Sammlungen, v.a. den Zyklus „Mythistorima“. Sicher ist die sehr karge, beinahe lakonische Sprache Seferis‘ mit ihren epischen Anklängen an altgriechische Dichtung, an Argonauten-Mythos und ägäische Inselwelt, an Politik und Diktaturen des 20. Jahrhunderts nicht jedermanns/jederfrau Sache, aber zumindest für mich zählen sie zum unübertrefflich schönsten in der Dichtung überhaupt.
Ich habe mit diesem Band als Jugendlicher moderne Dichtung für mich entdeckt; und obwohl ich inzwischen viel gelesen habe (sehr viel) und studiere, hat sich an der Bedeutung dieser Texte für mich nichts geändert.

Roman Eisele „-roman“, amazon.de, 7.8.2002

Keine Angst vor Lyrik

Lyrik hat manchmal den Nachteil, dass sie schwer verständlich ist. Dies gilt leider auch für die manchmal sperrigen Gedichte des griechischen Nobelpreisträgers Seferis. In dem Zyklus „Mythischer Lebenslauf“, der zu Anfang dieses Bandes steht, gibt es viele Anspielungen auf die antike, griechische Mythologie, die nicht immer geläufig sein dürften. Oder war den anderen Lesern aus dem Schulunterricht wirklich noch bekannt, dass Andromeda (Titel eines Gedichtes) einst an einen Felsen am Meer zur Opferung des Poseidons angekettet wurde? Bei Seferis: „Das Meer das Meer, wo ist der der es leerschöpfen könnte?“ Mit Hilfe des Internets können diese vielleicht bestehenden Wissenslücken über die griechischen Sagengestalten aber ohne weiteres geschlossen werden. Darum keine Angst vor Lyrik. Der Gedichtband bietet eine faszinierende, intensive Lesenserfahrung.

Greif42, amazon.de, 19.10.2008

Aktive Spiegel

− Giorgos Seferis, die Argonauten und die Sprache der Engel. −

Man könne sich hier verlieren und werde dann verrückt, so Stefanie. Man könne auch anfangen zu verstehen. Wir sahen dem Meer zu, das bis Libyen reichen sollte, dann wieder den Eidechsen, die über den Sand rutschten, auf einen Melonenmond zu, Stücke abrissen und wieder davon ruderten, beides mühsam.
Hier: Das waren grauer Sand und Kies, verbackener Stein, hell in der Sonne und rostfarben, glühend, Wind in Ästen und Insekten; das Meer lag da, eben noch vollkommen und dann wieder nicht, blau und so leer wie der Himmel. „Keine Vögel. Und die Seele / soll sie sich selbst kennen / dann im Blick / auf auch eine Seele…“ So weit war ich gekommen mit den Argonauten und S. und Giorgos Seferis: bis ans Meer. Gelesen hatte ich in den Texten vordem schon, aber es war nichts geblieben, nur ein Wissen: Das gibt’s also. Erst hier ging mich der Satz an, setzte sich fest und erschien fortan immer wieder, oft als Frage.

Es hatte hier einen Hafen gegeben, der großen Stadt im Innern der Insel zugehörend; Gesetzestafeln und Statuen hatten gestanden, große Häuser und Hundehütten weithin, Tempel, Kasernen und Bordelle, alles aus Stein. Hafen und Stadt sind seit langem verschwunden unter rotem Sand, zweifarbigem Olivenlaub, blauem Thymian, verschwunden mitsamt ihren weisen Regenten, egozentrischen Krämern, Straßenlaternen, mit den Toten und allen Göttern und fast allen Namen. Und so klang es noch bei Homer:

Kretas Völkern gebot Idomeneus, kundig der Lanze: Allen, die Knossos bewohnt und das festummauerte Gortyn, Lyktos und Miletos, und das weiße Lykastos, Phästos und Rhythios auch, die volkreichen Städte, und allen andern, die sonst noch Kreta bewohnt in hundert Städten: Diesen herrschte voran Idomeneus, kundig der Lanze, auch Meriones, gleich dem männermordenden Ares. Ihnen folgten achtzig dunkle Schiffe.

Wohin? In Trojas Verderben, das auch ihr eigenes wurde, mochten sie heimgekehrt sein oder nicht. Fremd, wie ich war, wusste ich davon, kannte aber keinen der Bäume beim Namen, keinen Berg, keine Straße, keinen Stein. Aber das würde sich ändern. Die Eidechsen waren braun und verschieden groß, mal staubig, mal blank, hatten geknickte oder verkürzte Schwänze, fraßen Melone, und wovor sie Angst hatten, das war nicht ich. Namen sind Griffe an der Welt, und die Sprache der Engel, heißt es, bestünde aus Namen, ausschließlich. Hinten der Berg sah aus wie ein Löwe und rechts der andere wie ein Drache, und das Tier mit den traurig gefletschten Zähnen im Straßengraben hatte ausgesehen wie ein Dachs, tot und vertrocknet.
Von Seferis hatte ich nur den Namen. Aber auch das würde sich ändern. „Und auch die Seele / soll sie sich kennenlernen / muss in eine Seele / schauen: / den Fremden den Feind sahen wir im Spiegel.“ Niemand sieht sich im Spiegel. Fremd, wie ich war, wusste ich nicht, dass Seferis ein Fremder gewesen ist. „Dein Blut gefror manchmal wie der Mond…“

Den Berg am Meer hatte Talos gesehen, der bronzene Wächter der Küste, dreimal am Tag bis zu jenem, der seinen bronzenen Augen die Argo zeigte, darauf noch 44 Männer und eine Frau, Medea, Enkelin der Sonne. Geblendet stürzte der Riese, zerschlug sich den Knöchel und vergoss sein weißes Blut in den Felsen. Ich habe es gesehen. An den Tagen um den Vollmond lag das Blut nachts als Licht an der Küste, eingefasst vom dichten Schwarz der scharfen Schatten: „… in der unausschöpflichen Nacht breitete dein Blut / seine weißen Flügel aus über / die schwarzen Felsen, die Schatten von Bäumen und Häusern / mit einem schwachen Schein aus unserer Kinderzeit.“ Und immer dann schrieen Leute ihr Leid, ihre Angst, ihre Wünsche in die Brandung, all das, was sie geworden sind und nicht ertragen.
Kinder? Eben nicht. Wenn er „Dein“ sagt und wenn er „Blut“ sagt, spricht Seferis von Seferis, schreibt eine Erfahrung. Was ich erfahre, wenn ich darin lese, ist noch einmal etwas anderes, Seferis, aufgehoben in der Stimme / Erfahrung und im Vermögen seiner Übersetzer, hier Christian Enzensberger und Asteris Kutulas: „Dein Blut vereiste einst wie der Mond, / in einer unerschöpflichen Nacht dein Blut, breitete seine weißen Flügel über / die schwarzen Felsen die Formen der Bäume und die Häuser / mit ein wenig Licht aus den Jahren unserer Kindheit.“ Nur mehr mit den Augen aufnahmefähig, bin ich bei den Griechen taub und für die Griechen auch noch stumm, ich kann kein Griechisch: „… in jedem Alter ist der Mensch ein Säugling, / die Sanftheit und das Tierische der Wiege…“ Schade oder auch nicht. Eine Welt ohne Namen ist die Welt zu machender Erfahrung.
Am letzten Tag auf der Insel, in diesem oder einem anderen Jahr, trieben Trümmer auf dem Wasser, weiß und blau bemaltes Holz. Polizisten standen oben am Berg. Es habe Tote gegeben, würde es später heißen, als das Kaiki am Kopf des Drachen zerbrach und die Flüchtlinge im Meer verteilte. Dann, 24 Stunden später, sah ich im Schatten der Fähre eine Schildkröte, einen Rochen und einen Delphin, alle auf dem Weg nach Piräus.

„Was suchen denn unsere Seelen reisend / auf verfaultem Meergehölz / von Hafen zu Hafen?“ Skala tou Vourla, Smyrna, Athen, Paris, London, Athen, London, das albanische Koritza, Athen, Alexandria, Kairo, Pretoria, Cava die Tirreni, Athen, Istanbul, London, Beirut, London, Athen… Seferis hat es herumgezogen in der Welt wie ehedem Herakles, Iason, Odysseus. „Wir haben das Leben, das wir zu leben hatten, gelebt“, spricht mit ihren Stimmen die seine. Odysseus, Iason, Herakles hatten nur die Wahl, ihr Schicksal anzunehmen oder zu erleiden, so wie die Götter Homers es ihnen zugesponnen. Seferis hätte anders wählen können, ein anderes Schicksal, unbehelligt von den nunmehr Unzuständigen, den Moiren. War im Spiel ein Spieler, nicht nur Ball, war ein Spieler unter vielen und war ein Objekt wie viele, im Zugriff von Mächten und Menschen, der Geschichte und der Identitäten, Grieche unter Griechen…

Im August 1914, als wir Smyrna verließen, war ich vierzehn Jahre alt. Ich hatte sehr lebendig das Gefühl in mir, was das heißt: Sklaverei. In den beiden letzten Sommern waren wir nicht in die Sommerfrische an die See gefahren nach Skala tou Vourla, das für mich der einzige Ort war, den ich – selbst jetzt noch – Heimat im ureigentlichen Sinne des Wortes nennen kann: der Ort, wo meine Kinderjahre gewachsen und gediehen waren.
Smyrna, das war die unerträgliche Schule, die toten regnerischen Sonntagnachmittage hinter der Fensterscheibe, das Gefängnis. Eine Welt, unverständlich, unerträglich und verhasst. Skala war alles, was ich liebte.

Dem 1900 unter Osmanischer Herrschaft geborenen Giorgos Seferiades lag der Rechtsanwalt nahe und die Literatur, beides vom begüterten Vater her, der Jurist war und Literat; die Zeiten aber, in denen eine Biografie vorausschauend hätte angelegt werden können, waren vorbei. Was Seferis Sklaverei nennt, eine Atmosphäre der Bedrohung und der begründeten Furcht, vertrieb die Familie nach Athen, in Athen empfing die Türkenbrut Fremdenfeindlichkeit, in Paris waren sie endlich Griechen, Fremde unter Fremden. So ist es für Seferis geblieben, in Athen und in den anderen fremden Städten. Er, der Dichter werden wollte, studierte Jura und wurde 1926 Beamter im auswärtigen Dienst, diente loyal knapp vier Jahrzehnte lang den wechselnden Cliquen einer politischen Klasse, die er verachtet hat. Und er diente der Dichtung, zwei Herren also, worüber er sich im klaren gewesen ist, mehr oder minder: „Um sich der Sprache widmen zu können, braucht man Geld.“
Distanz wird sein Leben, Herkunft und Heimatlosigkeit, Furcht und Schutzbedürfnis dürften seine Berufswahl bestimmt haben, auch der Wunsch und die Illusion, dennoch dem Lande zu dienen. „In meinem politischen Leben empfand ich, in den meisten Fällen, großen Ekel. Trotzdem habe ich niemals aufgehört, mit der ganzen Wärme meines Herzens an den „Hellenismus“, das Griechentum, zu glauben, der die andere Seite meines Humanismus ist, jedenfalls wie ihn mein Charakter und die Zufälle des Lebens geformt haben.“ Seferis lebte in einer Art Spiegelkabinett und in der heroischen Routine einer Doppelexistenz, die zugleich Versteckspiel war. Unter den Fratzen, die er sah, steckte er auch selbst, notwendigerweise – wäre es anders gewesen, hätte der Apparat ihn ausgeschieden oder gar nicht erst angenommen. Ohne Glauben an eine höhere Instanz hätte er das – und sich – kaum durchgehalten und für die Wahrnehmung seiner selbst, der Griechen wie der Welt, hatte das Folgen.
Im autobiografischen Manuskript von 1941 fallen entsprechende Leerstellen auf. So nimmt er in dieser „Rechenschaft über sein bisheriges Leben“ (Gisela von der Trenck) das Problem der sozialen und wirtschaftlichen Struktur Griechenlands kaum zur Kenntnis, und, was noch seltsamer ist, auch von den Verheerungen der Weltwirtschaftskrise nur das augenfälligste Ergebnis wahr, den Wechsel seiner Dienstherren: „in Europa und auf dem Balkan stand die Zeit im Zeichen des Konservatismus und des Despotismus. […] das griechische Regime war selbst faschistisch.“ Auch von seiner Kenntnis der Verfolgungen im Land unter Metaxas zeugen nur einige sehr allgemein gehaltene Bemerkungen.
Zum anderen suchen offensichtlich der Dichter und der um ehrbare Neutralität bemühte, überdies sehr tüchtige Diener gleichermaßen verzweifelt nach menschlicher Größe, nach großen Seelen oder wenigstens politischer Statur. Gesehen haben sie „Mediokritäten“, kleine Figuren, Mittelschichtexistenzen, die alles sein können, weil sie nichts sind: „alle gleich, hohl, unbedeutend, schädlich.“
Vor diesem Hintergrund schreibt er mit den 4000 Jahren greifbarer Geschichte die Gedichte eines Griechenlands, das es nicht gibt, und einer Welt, die es nicht gibt, schreibt er Gegenwelten und wird er von ihnen geschrieben. Vor diesem Hintergrund strahlt die „Dunkelheit“ der Gedichte und erklärt sich auch der vergleichsweise schmale Umfang seines Werks. Dieses existenzbelastete Welt-Erschreiben kostet, dieses Bewegen des Materials (Identitäten / Mythen / Geschichte / Bilder…) zehrt und zerrt, und wenn seine Möglichkeiten im Gedicht gültige Realität geworden sind oder Gegen-Realität, aktive Spiegel, verhalten sie sich auch so.

Aber anders wäre es – für Seferis – nicht gegangen und anders wäre von Seferis nichts geblieben. Kunst verträgt keine Unehrlichkeit, das unterscheidet Kunst und Leben. „Wir haben das Leben, das wir zu leben hatten, gelebt…“ Hier spricht ein Wunsch und steht eine Frage: Wir? Wer ist das? Wieder ein Wunsch, der aus der Existenz kommt und auf sie zugreift. Wahl ist wohl nicht das richtige Wort für Giorgos Seferis, und die Moiren, als sie noch zuständig waren, hatten ihr Gutes, sie ließen keinen Platz für Reue.

„Den Titel Mythistorima habe ich gewählt, weil ich von einer festen Mythologie offen Gebrauch gemacht habe und weil ich darin, in einer gewissen Folgerichtigkeit, innere Zustände mitteilen wollte, die mit mir sowenig zu tun haben wie die einer Romanfigur.“ So wird es gewesen sein, aber was hinter dem letzten Komma steht, dementieren die Gedichte. Erschienen ist die Sammlung 1935 in Athen, geschrieben wurden die Texte vermutlich in London. Von einem noch jungen Mann, könnte man sagen, hieße der nicht Seferis, oder einem lange Alterslosen, wie es die älteren Heroen der Griechen ja waren.
Nur wenige Namen in den 24 Gedichten rufen die Mythen direkt auf, über den Titel oder scheinbar beiläufig im Text gesetzt. Aber in Bild und Narration und wieder in den Titeln entfalten sich Geschichten und Geschichte, die ihrerseits Namen aufrufen, ausgreifend in der Zeit nach beiden Seiten. „Manchmal beweinten Weiber im Elend / jammernd ihre verlorenen Kinder / und andere rasten und suchten nach Alexander / und nach versunkenem Ruhm in der Tiefe von Asien.“ Das ist unter anderem Seferis’ Gegenwart, die „Kleinasiatische Katastrophe“ 1922. Unfähigkeit und Größenwahn führten eine griechische Armee nach Anatolien und in den Untergang, das kleinasiatische Griechenland ging danach blutig zugrunde. 1,5 Millionen Griechen und 500.000 Türken wurden vertrieben, viele umgebracht.
Der Titel „Hydra“ verweist auf Herakles und seine Wege in die Anderwelt, die Asche – was hast du gesucht in der Asche – ist dann auch die seine. Die versunkene Stadt ist Troja, ist Smyrna, ist Gortyn, verschwunden unter Olivenbäumen, oder dieser riesige Haufen Steine am Rande des Dresdner Hellers, bewachsen mit Ahorn und Eschen. Der Nazarener aber ist „der Nazarener“, das Meer ist das Meer, eben dieses, jetzt und geschlagen von den Rudern der Argonauten. „Das Meer, das zu Zeiten deiner Seele so bitter geschmeckt…“ Und, was habe ich denn gesucht in dieser Asche, in diesem Meer und in den Seelen? Oder gefunden anstatt? Verwaistes und Halt, einen verlorenen Nagel der Argo und Antworten, zu denen die Fragen gefehlt haben.
Die Namen bilden Muster, gruppieren sich um „das Unglück Troja“ (weiser Homer!) und das verfluchte Geschlecht der Atriden zum einen, zum anderen weisen sie auf die Wege zwischen den Welten, Leben und Tod, vielfach begangen von Herakles, Iason, Odysseus. Fern bleiben die Namen der Götter, nur die Rasenden, Rächenden werden genannt, die Unschuld nicht kennen und Schuld niemals vergeben, dem Ödipus nicht, dem Orest und auch sonst niemandem. „Auf die Bahn, und wieder die Bahn, die Bahn, / wie oft die Umdrehung, wie viele blutige Runden, wie viele / Reihen schwarz von Menschen, die mir zusehen, / die mir zusahen, als ich auf dem Wagen / leuchtend die Hand hob, und jubelten.“ Bei Seferis heißen die Erinnyen Eumeniden = die Wohlmeinenden, aus gutem Grund, wie ich glaube, und mit gutem Grund dösen sie vor sich hin, da es Orest ist, der sie umkreist in Athen: „ich heimatlos…“
Seferis ist nicht Orest, aber er scheint sich auszukennen. Und natürlich sind sie da, die Götter, wohlmeinend oder auch nicht. „Das eigentliche Ziel des Dichters ist nicht, die Dinge zu beschreiben, sondern sie benennend zu erschaffen, das ist, denke ich, auch seine größte Freude.“ O ja.

In meinem achten Lebensjahr sah ich die Argonauten das erste Mal. Ich bekam die Götter- und Heldengeschichten der Griechen geschenkt, für Kinder erzählt und gedruckt in Rumänien. Sie waren anders als die Märchen, die ich kannte. Ihnen fehlte dieser Sirupgeschmack und sie nahmen kein Ende, weder im Guten noch im Bösen.
Wenn ich den Argonauten danach begegnet bin – bei Schwab und Hermlin, Kerényi, Müller und Ranke-Graves – waren es immer andere, weniger und mehr, wenngleich immer von Iolkos ausgefahren und angeführt von Iason, diesem seltsamen Helden „… Gute Jungs waren die Gefährten, sie murrten nicht / über die Mühsal, nicht über den Durst noch die eisige Kälte / sie hielten sich nach Art der Bäume und Wogen / empfingen den Wind und den Regen / empfingen die Nacht und die Sonne / ohne sich zu ändern in der Veränderung.“
Herakles und seine kleinere Inkarnation Iason verändern sich zwischen den Welten. Als grimmig Verwandelter kehrt Herakles aus dem Hades zurück, ein Marodeur und Mörder. Iason pflügt in der Anderwelt bei den Toten und gewinnt das Goldene Vlies, beides nur durch die Hilfe der Medea, an die er verloren geht, von der ersten Begegnung an. Einen Verrat später verliert er Königtum, Frau, Braut und Kinder. Gehasst von Göttern und Menschen, stirbt ein Wrack unterm Wrack der Argo. Sonderbar ähnlich bleibt sich nur der Jüngste der Reisenden, Odysseus, obwohl auch er in den Hades gegangen ist und nun ein zweites Mal sterben muss, wie Kirke, die Sonnentochter sagt, während die andern Menschen nur einmal sterben. Aber es ist viel Tod um ihn, für Feinde, Gegner, Konkurrenten, Freunde und Gefährten, als wäre er, der Verhasste / Zornige, das, was er bringt. „Einmal sangen sie, mit gesenktem Blick / als wir an der menschenleeren Insel mit den Feigenbäumen vorbeifuhren / tief im Westen, noch hinter dem Kap der Hunde, / die bellen.“
Seferis spricht nicht von Iason. Aber wer die Mythen aufruft, bekommt sie im Ganzen. So spricht Seferis, wenn er von den Gefährten spricht, auch als Iason und im Namen der fünfzig Kameraden, der guten minyischen Jungs, von Akastos bis Zetes. Wovon? Gute Gedichte sprechen immer wieder auch von anderem, je nach dem, wann sie wem begegnen, glücklich oder unglücklich. Aber, denke ich nach meiner letzten Begegnung mit den Argonauten des Seferis am Stadtrand von Berlin, im kleinen Meer von Zeuthen, das aus kleinen Würfeln gemacht ist, und unterm Vollmond, der von Talos nichts weiß: Sie sprechen vom Leben des Menschen, und auch davon, dass mit dem menschlichen Schicksal, dem menschlichen Elend würdig umzugehen sei.

Wir fuhren vorbei an vielen Kaps vielen Inseln am Meer
aus dem das andere Meer kommt, an Möwen und Robben
an verzweifelten Frauen vorbei, die schluchzend
um ihre verlorenen Kinder weinten
und anderen, zornigen, die nach Alexander dem Großen suchten
und nach Ruhm, versunken in den Ebenen Asiens.
Wir legten an vor Küsten voll nächtlicher Düfte
mit dem Gesang der Vögel, Wasser, die auf den Händen hinterließen
die Erinnerung an ein großes Glück.
Aber die Fahrten nahmen kein Ende.
Ihre Seelen wurden eins mit den Rudern und Dollen
mit dem strengen Gesicht des Bugs
mit der Rinne des Steuers
mit dem Wasser, das ihre Gestalt zerbrach.
Die Kameraden endeten einer nach dem anderen
mit gesenktem Blick. Ihre Ruder
zeigen die Stellen, wo sie schlafen am Ufer.

Keiner erinnert sich an sie. Gerechtigkeit.

Ohne Sinn ist schwer leben.

Gedichtzitate nach den Übertragungen von Christian Enzensberger sowie Asteris Kutulas und Steffen Mensching, Zitate aus dem Manuskript von 1941 nach der Übersetzung Gisela von der Trencks.

Gregor Kunz, die horen, Heft 249, Wallstein Verlag, 1. Quartal 2013

 

 

Asteris Kutulas über Seferis

Kuno Raeber: Giorgos Seferis in Athen
DU, Heft 3, März 1964

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Ulrich M. Schmidt: Die schwierige Suche nach Griechenland
Neue Zürcher Zeitung, 19.2.2000

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Porträtgalerie

 

Giorgos Seferis liest To Fos.

 

Giorgos Seferis – Kurzer griechischer Dokumentarfilm.

 

Vorschau auf den griechischen Dokumentarfilm Log books: George Seferis.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.