H.C. Artmann: Das poetische Werk – Gesammelte Dialektgedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von H.C. Artmann: Das poetische Werk – Gesammelte Dialektgedichte

Artmann-Das poetische Werk – Gesammelte Dialektgedichte

nua ka schmoez how e xogt!
nua ka schmoez ned..

reis s ausse dei heazz die bluadex
und haus s owe iwa r a bruknglanda!
fomiaraus auf d fabindunxbaun
en otagring..
daun woat a wäu
bis s da wida zuaqoxn is des loch
des bluadeche untan schilee
und sog:
es woa nix! oda: gemma koed is s ned!

waun s d amoe so weid bist
daun eascht schreib dei gedicht
und ned eea!

nua ka schmoez ned how e xogt!
nua ka schmoez..

heit drong s as nua z gean
eana heazz (de dichta
de growla de schmoezxön)
bei jeda glengheid
untan linkn goidzaun
oda r iwa n lean briafdaschl
wia r a monogram..

waun owa r ana r a gedicht schreim wüü
und iwahaubt no a weanaresch dazua

daun sol a zeascht med sein heazz
med sein bozwachn untan goidzaun
nua recht schnöö noch otagring ausse
oda sunztwo zu an bruknglanda gee!

 

H.C. Artmann liest „nua ka schmoez how e xogt!…“

Hochdeutschübersetzung von Katharina Laszlo hier.

H.C. Artmann liest Dialektgedichte in einer Studioaufnahme um ca. 1974 vermutlich aus dem Umfeld der Aufnahmen für die Quartplatte 12 des Wagenbach Verlags.

 

 

Ich betrachte die folgenden texte…

Ich betrachte die folgenden texte als bloße inhaltsverzeichnisse für den leser, als literarisierte inhaltsverzeichnisse freilich; als anhaltspunkte und als ideen für noch nicht existierende, erst in der vorstellung sich vollziehende gegebenheiten. Ich versuche mich also praktisch in ausgriffen auf die zukunft. Ein inhaltsverzeichnis weist auf etwas hin, das erst zu realisieren wäre: es ist ein vorentwurf, und ein solcher befaßt sich mit der zukunft.
Mit diesen texten soll ein weg, eine methode gefunden werden, um von der engen und allgegenwärtigen vergangenheit, wie sie da in der literatur als abgehalfterter Ahasver herumgeistert, wegzukommen. Hiermit soll der sehnsucht nach einer besseren vergangenheit entgegengetreten werden; wehmütiges sicherinnern ist fruchtlos, ein abgestorbner kirschbaum, der sich nie mehr beblättern wird. Wohl bin ich romantiker – aber war nicht jede romantik von etwas erfüllt, das uns hin und wieder gegen ende des winters gleich einer noch unrealen frühlingsbrise überfällt?
Auch die konventionelle science-fiction ist meist nichts anderes als in die zukunft projizierte vergangenheit (kenntlich allein schon am imperfektstil), obendrein dominiert der vergangenheitscharakter jedenfalls eindeutig in ihr.
Warum inhaltsverzeichnis? Warum so viel unausgeführtes? Warum nur angedeutetes? Warum nur versprechungen? – Warum denn nicht? Eine eindeutige antwort soll nicht gegeben werden, weil sprache festlegt; jeder leser mag jedoch für sich herausfinden, was diese texte ihm persönlich an möglichkeiten anbieten.
Auf die frage, welche von diesen möglichkeiten mir selbst am meisten am herzen liegen, kann ich nur antworten: jene, die in die westliche, in die atlantische richtung weisen, jene abenteuer, die ich bei der lektüre der fragmentarischen altirischen dichtung er-lebte, durch-lebte und noch heute weiter-lebe.

H.C. Artmann, aus: Unter der Bedeckung eines Hutes, Residenz Verlag, 1974.

 

Editorische Notiz

Im vorliegenden Band sind zum ersten Mal die beiden großen Dialektgedicht-Zyklen – med ana schwoazzn dintn und rosn – vereint, ergänzt um die Sammlung med ana neichn schwoazzn dintn und das separat erschiene Gedicht „i bin a bluadbankdirekta“, das in rosn eingeordnet wurde.
Den Abschluß des Bandes bildet das Gedicht „requiem viennense“, das gemeinsam mit Gerhard Rühm geschrieben wurde.
Die Entstehungsdaten der Gedichte befinden sich im Inhaltsverzeichnis.

Rainer Verlag und Klaus G. Renner Verlag

Editorische Notiz der Verleger

Die Idee zu einer mehrbändigen, aufgegliederten Ausgabe des damals schon auffällig vielschichtigen poetischen Œuvres von H.C. Artmann in der „Kleinen Reihe“ des Rainer Verlages – naheliegend erschien es damals – entstand 1967. Sie wurde – wie die meisten „Ideen“ von Verlegern – aufgrund dieser und jener Entwicklung (des Autors, seiner ständigen Wohnwechsel, des kleinen Verlages und seiner Probleme) ad acta gelegt, eigentlich aber nie aus dem Gedächtnis entlassen.
1969 erschien die von Gerald Bisinger mit Liebe und Fleiß betreute Sammlung Ein lilienweißer Brief aus Lincolnshire im Suhrkamp Verlag. 1978 auch in Taschenbuchform, die bis dahin vollständigste Zusammenstellung der Gedichte, welche bis heute Gültigkeit und Wirksamkeit erlangt hat.
Viele Jahre später, im Herbst 1991 also – was im Durcheinander der Frankfurter Buchmesse nicht möglich – nämlich bei einem Besuch der Renners bei Rainers im ungarischen Fünfkirchen, gerät diese „Idee“ wieder ins Blickfeld: ein mehrbändiges Werk, verteilt auf zwei Schultern.
Salzburg, Wohnort des H.C., liegt zwischen Fünfkirchen und München, zwischen Rainer und Renner. H.C. gibt also wenige Tage später sein Placet, bekundet Wohlwollen, avisiert gar seine Mitwirkung. Auch Klaus Reichert in Frankfurt am Main – nobilder und aufrechter Herausgeber vieler Werke H.C.s – wird sofort gewonnen.
1992 – Klaus Reichert hat seine nicht mühelose Arbeit angefangen, fortgeführt und mit H.C. abgestimmt – die, von den Verlegern übernommen, die Bandzahl der Gesamtausgabe auf zehn Stück (ursprünglich acht) ausgeweitet bzw. begrenzt. Die redaktionelle Arbeit des Herausgebers und des Autors ist vorläufig abgeschlossen.
Im Sommer 1993 beginnen Pretzell und Renner unter Nutzung der typographischen Vielfalt einer 1992 erworbenen leistungsfähigen Photosatz-Maschine die Ausführung der ersten Bände.
Frühjahr 1994 – Beendigung der Satzarbeiten. Die Drucklegung kann beginnen…

Klaus G. Renner und Rainer Pretzell, Nachwort

 

Beiträge zur Gesamtausgabe: Das poetische Werk

Fitzgerald Kusz: Kuppler und Zuhälter der Worte
Die Weltwoche, 18.8.1994

Andreas Breitenstein: Die Vergrößerung des Sternenhimmels
Neue Zürcher Zeitung, 14.10.1994

Thomas Rothschild: Die Schönheit liegt in der Abwesenheit von Nützlichkeit
Badische Zeitung, 15.10.1994

Franz Schuh: Weltmeister jedweder Magie
Die Zeit, 2.12.1994

Albrecht Kloepfer: Hänschen soll Goethe werden
Der Tagesspiegel, 25./26.12.1994

Karl Riha: Wer dichten kann, ist dichtersmann
Frankfurter Rundschau, 6.1.1995

Christina Weiss: worte treiben unzucht miteinander
Die Woche, 3.2.1995

Dorothea Baumer: Großer Verwandler
Süddeutsche Zeitung, 27./28.5.1995

Armin M.M. Huttenlocher: Narr am Hofe des Geistes
Der Freitag, 25.8.1995

Jochen Jung: Das Losungswort
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.1995

Lieber H.C.!

Über den Kopf des Salzlesers hinweg möchte ich dir ein Gabelrastel schenken, hab neulich ein japanisches gesehn aus Porzellan, das war wie dem Hänsel sein Gretel zum durch den Lastenaufzug stecken und damit winken. Wenn der Gaszähler kommt, kannst Du ihn vielleicht bezirzen. Auf dem Sofa Deiner Erbprinzessin kannst du seinen Vierkant-Schimmer (eines Talismans aus Büffelbutter) generös im Winkel offerieren, kleiner Nackenstreifen, wenn die Ratgeber sich betunken und zerbröseln. Sushi hatten wir ja auch zu viert verzwackt. Deine Polkappe leuchtete. Es war eine dieser Angelegenheiten septentrionaler Fasanerie, wie alles läuft und man das Gastrecht fast kosten kann. Im Lastenaufzug klirrten Ziehharmonikas der abgegessenen Teller beim Jonglieren einer Zeitungsente, es war einfach extra. Hommage.

Oskar Pastior

 

Den Artmann

braucht man nicht vorzustellen, dürfte das auch gar nicht müssen, jedes Schulkind müßte eigentlich ihn und seine Gedichte kennen, zumindest am Ende der Schulzeit; aber das ist bei unserem Bildungs- und Gesellschaftssystem und dessen Werten leider nicht der Fall. Ich traf nur ein paar Mal privat auf den Artmann. Das erste Mal bei einer Art Spontantheateraufführung in der Galerie Basilisk von Lingens und Kettner in der Schönlaterngasse in Wien. Worum es da genau ging, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls spielten „die alten Hasen“ – der Konrad Bayer, der Gerhard Rühm und der H.C. Artmann – auf einer provisorischen Bühne vor ausgewähltem Publikum so etwas wie einen Sketch. Alle lachten, auch die Schauspieler-Dichter. Es war eine Hetz. Am meisten lachte der Doderer, der in der ersten Reihe saß und immer wieder begeistert klatschte. Das muß so um 1960 gewesen sein, als ich gerade nach Wien gekommen war. Das zweite Mal trafen wir bei einem Morgen-Kreis-Symposium in Ottenstein aufeinander. Ich fotografierte ihn, weil er ein so lustiges Kappel auf seinem Kopf hatte. Er war, glaub ich, nur auf einen ganz kurzen Besuch da, zum Mittagessen, dann verschwand er wieder. Das dritte Mal traf ich auf ihn im Foyer des Ronacher, als sich die beiden Roth-Zwillingsschwestern um ihn drängelten und von mir mit dem Artmann fotografiert werden wollten. Ich glaube, der Artmann wußte gar nicht, wer die beiden Damen waren, aber die waren sehr attraktiv, und das gefiel ihm. Und so gestattete er mir, diese Szene zu fotografieren. Das war bei „Fest für H.C. Artmann“; wann genau weiß ich nicht mehr. Die vierte und letzte „Begegnung“ war bei seiner Verabschiedungsfeier in der Feuerbestattungshalle am Wiener Zentralfriedhof. Ich stand seitlich am Rand der Halle, hörte die Reden, dachte an das Artmann-Gedicht mit dem „Wiener Zentral“ und verabschiedete mich auch von diesem großen Dichter und Poeten und gebildeten Menschen H.C. Artmann, als der Sarg langsam durch eine Öffnung im Boden wie in ein Niemandsland hinabglitt und sich dann die beiden Türen wieder schlossen. Was übrig blieb, war eine Trauergemeinde, Familie, Freunde, Kollegen, von denen dann viele ins nahe Wirtshaus gingen; ganz im Sinne von H.C. Artmann; denn er hätte das in einem solchen Fall wahrscheinlich auch getan.

Peter Paul Wiplinger: Schriftstellerbegegnungen 1960–2010, Kitab-Verlag, 2010

 

GEHEIMSPRACHE FÜR H.C.

Lawrence of Arabia
griff von der Leinwand herab,
verzerrt, wir saßen in
der ersten Reihe, ganz außen.
(So entstehen Perspektiven.)

In deinem Zimmer
stülptest du
einen Pullover über mich:
zum Schutz für den nächsten Tag,
an dem ich Freiheit suchte,
die du, erfahrener, kanntest.
Dem Lehrmeister dankte ich.

Einmal im Süden des Landes,
du kamst aus dem Schilf
als Schäfer (der Dichter!),
nicht unweit, davon gedieh die Schäferin,
reifte heran für spätere Jahre.

Wir begleiten dich zur Schmiede,
zum Schuster. Deine Verwandlungen
verwandeln sich in Bilder,
auch Draculas Schrecken.

Wie immer, du warst die Nähe
der Poesie, der Flug
der Wörter ins Weite.

Gewahren und sanft
ist der Meister der Formen
für die Jüngeren der Jüngere.

Alfred Kolleritsch

 

MEINE SPRACHE IST MIR WALD GENUG
(für h.c.)

dunkles gebäum und lichtfleckige lichtungen
die moosrosen
das ostergeknopse
wortstämme bestrahle ich
aaaaaaaaamit lichtfingern
im haselgestrüpp
aaalasse ich jetzt rascheln
wie eine köchin
aaadie fleisch und kräutlein
aaaaaain den topf geworfen
über ihre suppe staunt
lasse ich für h.c. einen kleinen wald aus sprache
aaaaaaaaaaaaaaaaaaawachsen
und wundere mich
aaaaaawie ich das machen kann

Elfriede Gerstl

 

„Spielt Artmann! Spielt Lyrik!“ (Teil 1)

„Spielt Artmann! Spielt Lyrik!“ (Teil 2)

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Fakten und Vermutungen zum Autor + Reportage +
Archiv + Sammlung KnupferIMDbKLG + ÖM
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachruf auf H.C. Artmann: FAZ
70. Geburtstag10. Todestag

 

Bild von Juliane Duda mit den Texten von Fritz Schönborn aus seiner Deutschen Dichterflora. Hier „Uferartmann“.

 

Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm Die Jagd nach H.C. Artmann von Bernhard Koch, gedreht 1995.

 

H.C. Artmann 1980 in dem berühmten HUMANIC Werbespot „Papierene Stiefel“.

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