Marie Luise Kaschnitz: Poesiealbum 340

Kaschnitz/Meinhardt-Poesiealbum 340

HIROSHIMA

Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutet dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab
Hunderttausend, die ihn angehen nächtlich
Auferstandene aus Staub für ihn.

Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, daß sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe der auf seinem Rücken saß
Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Fotograf
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.

 

 

 

Poesiealbum 340

Marie Luise Kaschnitz zählt zu den wichtigsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts; ihre Gedichte sind in ihrer „Zeitgebundenheit und Überzeitlichkeit“ (Heinz Czechowski) hochaktuell. Die Leser werden in ihre Welt entführt, durchstreifen Landschaften und erfahren Liebe und Leid in ergreifender Weise. Die Katastrophen zweier Weltkriege, die damit einhergehenden und nicht enden wollenden Unmenschlichkeiten überschatteten ihr Leben und grundieren ihr Werk mit Melancholie.

MärkischerVerlag Wilhlemshorst, Klappentext, 2018

Marie Luise Kaschnitz

Sie gehört wie Langgässer, Lavant, Aichinger und Bachmann zu den Autorinnen der „inneren Emigration“, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit vielbeachteter Lyrik den Anschluß an die Moderne fanden. In ihren Gedichten und Texten hat sie Kindheit, die Zeit des Nationalsozialismus sowie der Nachkriegsjahre verarbeitet und sensibel ihre Schreiberfahrungen sowie gesellschaftliche Probleme – wie Ungerechtigkeit und Leid – festgehalten.

aus Utz Rachowski: Poesiealbum 339, MärkischerVerlag Wilhelmshorst, 2018

 

Stimmen zur Autorin

Die bestürzende Einmaligkeit des Gedichtes „Genazzano“ ist nicht zu definieren, sie bleibt ein Geheimnis.
Peter Huchel

,Ein Gedicht‘ über das Dichten: eines der wenigen zu diesem Thema, das einem Dichter geglückt ist.
Horst Rüdiger

Sie war eine leise Autorin. Gleichwohl ging von ihren besten Büchern eine geradezu alarmierende Wirkung aus. Diese Dichterin erteilte uns eine sprachgewaltige Lektion der Stille.
Marcel Reich-Ranicki

Der Mut war ihr eine Hauptaufgabe. Und was wäre der Mut, wenn nicht immer dieser neue Appell an sich selbst.
Hilde Domin

Gut, daß die Dichterin ihrer Naturbesessenheit noch rechtzeitig Worte verliehen hat – oder hatte die Natur der jungen Kaschnitz eines schönen Tages Worte eingegeben?
Robert Gernhard

Schwierige Erfahrung ist aufgehoben in einfachen Worten. Sie sind sehr persönlich und zugleich von allgemeiner Bedeutung.
Walter Helmut Fritz

Und es gibt eine poetische Wahrheit, die größer, gewaltiger und erregender ist als jede noch so geglückte Metapher. Wenn das Schweigen schließlich zum Wort wird: Dein Schweigen – meine Stimme.
Horst Bienek

Von Gedichtband zu Gedichtband konnte die Kaschnitz immer mehr auf die tradierte Formensprache ihres Anfangs verzichten, um sich schließlich der Realität ganz unmittelbar zu öffnen.
Heinz Czechowski

Man findet einen poetischen Reichtum auf engstem Raum, eine Fülle von lakonischen Einfällen. Es ist eine Weltkritik in Blitzlichtern.
Hermann Kesten

 

Paprika an den Pfirsich!

Der Mensch in der Revolte  bleibt die Ausnahme, in der Regel ist er heute: Patient. Kuriert werden muss sein Leiden am Urinstinkt, es könne noch eine Welterhellung für ihn geben. Nein, solcher Instinkt ist nicht mehr gesund – gesund scheint eher das Hineinfinden ins bekannte Unglück der mittelmäßigen Depression zu sein.
Nicht ohne Grund enden gelungene Therapien damit, dass die Beteiligten über sich lachen. Abschied von den Hoffnungen als die letztmögliche Souveränität? Ja, sagt Marie Luise Kaschnitz:

Morgen sind wir doch
was Tote sind

Vor diesen Bescheid freilich setzt sie ein „Aber heute noch“, der Mensch ist „Ein Verlangen ein Zorn / (…) / Ein Stück Gott ein Stück Tier / Getrieben verlassen / Zu lieben frei“.
Gedichte der 1901 Geborenen bündelt ein Heft der Reihe Poesiealbum. Kaschnitz kommt aus einer Offiziersfamilie. Sie nannte sich selbst ein „Augenkind“: eine Sehende. Sie wird an der Seite ihres Mannes, eines Archäologen, ein paar Jahre Römerin. Unter Hitlers Macht winden sich beide durch die deutsche Zeit. Der Tod des Mannes schneidet ihr tief und unheilbar ins Leben: Dein Schweigen – meine Stimme heißt einer ihrer Gedichtbände. Sie dringt vor in die Räume der Leere. Eine letzte Reise nach Rom, sie stirbt dort, 1974.
Nachdenken über die Geduld, die Ewigkeit. Flanieren im Park von Weimar und in Meersburg. Der Rausch einer Wirtshausnacht. Eine Trauerstunde mit Schiffspassagieren im Hafen:

Einer war tot.
Auf ihn hab ich gewartet.

Die Verse lesen sich wie eine Wegbeschreibung entlang des Abgrundes, der zwischen dem Traum vom gelungenen Dasein und der grauen Wahrheit dieses Lebens liegt. Gerecht ist, was gut anfängt, aber auch das, was zur rechten Zeit aufhört – der Gleichwertigkeit von Werden und Vergehen verdankt jede Existenz ihre Balance. Keine Welt-Anschauungsgedichte: Welt-Erschaungsgedichte. Auch Welt-Erschauerungsverse. Mag es schmerzen, in den Jahren nichts erreicht zu haben; auf richtet doch, alles verstanden zu haben. Fortschritt? Am Ende immer nur eine Bewegung zur Umverteilung des Staubes. Immerhin:

Sank der Staub, erschienen die Sterne.

Der Herbst, die Bachmann, Kindheit und Hiroshima. Diese Lyrik ist im Zustand dunkel, sofern sie irgendwann von keinem täuschenden Ziel mehr weiß, und sehr licht, sofern die Dichterin vor ihrer eigenen Klarsicht nicht ausweicht. Natürlich gibt der Übermut noch kühnste Rezepte aus:

Würzt den Pfirsich mit Paprika
Und das Beinfleisch mit Honig

Die Kraft, ja Schönheit der Gedichte liegt in der Ehrlichkeit des Eingeständnisses: Mit Leidenschaft fängt vielleicht vieles an, in Mitleidenschaft endet alles. So entstanden berührende Momentbilder einer Durchschütterung.

Der Flitter heruntergerissen
Kargwort neben Kargwort

Hans-Dieter Schütt, Neues Deutschland, 29.1.2019

Weltgeschehen ist immer präsent

Geboren 1901 in Karlsruhe, gestorben 1974 in Rom gehörte Marie Luise Kaschnitz zu den bedeutenden deutschen Dichterinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Sie war eine leise Autorin“ schrieb Marcel Reich-Ranicki, aber ihre „Lektionen der Stille“ verweisen in ganz eigenen poetischen Bildern auf die Ereignisse ihrer Zeit.

Wir hörten in den Kieferwäldern
Den Wind, der in den Kronen sang.
Wir sahn das weiße Blut, das perlend
Aus den verletzten Stämmen drang

– die Naturbeschreibung wird so auch zu einem Bild des Weltgeschehens, das in ihren Gedichten immer präsent ist. Ute Meinhardt bietet die Grafik des Bandes den Rita Joker zusammengestellt hat. Und das dichterische Bekenntnis der Kaschnitz:

Das Alter ist für mich kein Kerker, sondern ein Balkon, von dem man zugleich weiter und genauer sieht.

kw, FreiePresse, 12.10.2018

 

MITEINANDER
Für Marie Luise Kaschnitz

Du
und der Kirschbaum
und die rasende Straße
und der Ozean
und der Blitz

Du
und deine Angst
und dein Zorn
und dein Aberglaube
und dein Glaube
aaaaa„Let My People Go“

Du
und der Stern
und das Wort Stern
und das Hauptwort
und das Nebenwort

und das Nebeneinander
und das Miteinander
und
aaadu

Rose Ausländer

 

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Zum 40. Todestag von Marie Luise Kaschnitz

 

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Georg-Büchner-Preis
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