Nicolás Guillén: Poesiealbum 129

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Nicolás Guillén: Poesiealbum 129

Guillén/Medio-Poesiealbum 129

DAS FLUGZEUG

Wenn diese Zeit vergeht
und in der Flamme der Jahrhunderte
all das verbrennt, was wir an Dokumenten haben;
wenn es den Schlüssel nicht mehr gibt
zum Fortschritt unsrer Tage, und
mit der Geduld des unwissenden
der Mensch von vorn beginnen muß,
dann werden Spuren sichtbar werden,
die Zivilisationen von einst bezeugend.

Was werden die Naturforscher der Zukunft sagen,
wenn eines Flugzeuges Skelett
in einer Ebne ausgegraben wird
oder auf eines Berges Gipfel,
benagt vom Rost und zum Fossil geworden,
gewatig, unbegreiflich, höchst befremdend?
Bestimmt wird man
sehr viel Tamtam drum machen
und dann das Flugzeug einstufen
als einer ausgestorbnen Tierwelt zugehörig.

Übertragen von Roland Erb 

 

 

Stimmen zum Autor

Wir spüren in seinen Songs den harten Tonfall Villons, die Farbensattheit Baudelaires, die ursprüngliche Kraft afrikanischer Folklore, die metallische Geschmeidigkeit der spanischen Romanze, zur dreisaitigen kubanischen Gitarre gesungen. Er spricht von seines volkes kubanischer Farbe aus Dunkelheit, Leid und Grimm. Sie wird in seinen Gedichten zur Hautfarbe der gesamten Menschheit.
Erich Arendt

Er ist berühmt ob seiner kurzen Gedichte, die Beschwörungen, leidenschaftlichen Gesängen, Wiegenliedern und Geständnissen gleichen.
Ilja Ehrenburg

Verlag Neues Leben, Klappentext, 1978

 

Geometrie und tellurische Fülle

− Das lyrische Lebenswerk Jorge Guilléns. −

Luzidität in der Poesie ist ein Zustand, der sich nur schwer gewinnen und noch schwerer über eine lange kreative Zeitspanne hin erhalten läßt. Die Dinge, auch die mit dem Flair des Arielhaften und Liquiden ausgestatteten, besitzen nicht allein leuchtende Farben, ätherische Qualitäten. Sie sind zugleich Ingredienzen der Körperwelt, sind materielle Bausteine der Wirklichkeit und unterstehen als solche dem Gesetz der Schwerkraft. Um so erstaunlicher ist die Begabung Jorge Guilléns, immer wieder den poetischen Aufschwung zu vollbringen und die Szene zu illuminieren: „Meinen ruhigen Augen schenkt die Mauer mehr Weiß, / zwischen diesen grünen Gittern ist das Tägliche schön…“ Guillen war von den spanischen Dichtern der 27er Generation derjenige, dessen Naturell eine Poesie in Dur möglich machte. Mehr noch als Rafael Alberti, der nur heiter und transparent sein konnte, solange er die Begeisterungsfähigkeit der Jugend besaß, verstand Guillén sich darauf, die Stimme eines más allá eines Jenseits zu sein, das aber keinesfalls als christliche Erlösungswelt, sondern als pantheistische Immanenz begriffen werden muß: „Die Wirklichkeit erfindet mich, [ich] bin ihre Legende.“ Jorge Guillén, der Dichter, ist bei dem Epiker Gabriel Miró in die Lehre gegangen, bei jenem verbalen Zauberer von der spanischen Levante, der es vermochte, das Ambiente eines Dorfes oder einer Gegend mit all seinem regionalen Timbre zu beschwören und der sein Credo in den Worten zusammengefaßt hat:

Manche Gefühle sind keine wirklichen Gefühle, bevor sie die Kraft des lyrischen Wortes empfangen […] Eine weite Ebene, aus der eineinziger Baum aufstieg, empfand ich nichtals mir zugehörig, bevor ich zu mir sagte: „Heiße Erde und kühler Baum.

Die sprachliche Palette Guilléns, des Literaturwissenschaftlers und poeta doctus aus Valladolid, ist breit. Seine Lyrik verdankt ihre bukolische Tönung, ihr kräftiges Bukett zu einem nicht geringen Teil Gabriel Miró, während sie ihre Intellektualität von Valéry und ihren Hang zur Quantität, ihre Vorliebe für tellurische Fülle und Dichte von Góngora herleitet:

aaaaaaaaaaIch war es,
Mittelpunkt in jenem Augenblick
von
so viel Umgebung

Bei Góngora, der geradezu einen Kult des Überflusses trieb, finden sich vergleichbare Versuche, die Welt allein durch stoffliche Überlagerung dem Bereich des Alltäglichen zu entrücken und ihr eine Dimension des Festtäglichen zu geben: „so viel Gemahl verwundert das Gestade“ oder „Aufrecht stehend bin ich Schatten / für zahllose Ziegen im heißen Sommer“.
Was Guillén über Góngora sagt, nämlich, daß bei diesem „die Fugen ächzen unter der Last seines fest gestauten Realseins“ – das gilt auch für ihn selber. Guillén, der Abstraktes und Anschauliches metaphorisch mischt, bündelt die ihn umgebenden Erscheinungen wie auch ihre vielfältigen Brechungen und Reflexe synästhetisch zu einer Über-Wirklichkeit:

Die Welt hat die arglose
Tiefe der Spiegel.
Die klarsten Entfernungen
träumen das Wahre.

Nur selten, lediglich dort, wo er sich von dem Romantiker Gustavo Adolfo Bécquer zu einem „Gefühl ohne Gedanken“ stimulieren läßt, gewinnt Guilléns Poesie eine erinnerungsträchtige Perspektive, einen Blick für die Vergangenheit:

Zeit tief hinab: in ihren Gärten, sieh,
wie sie sich setzt. Und wie sie immer tiefer wird.
Ihr Innerstes, schon ist es dein. Wie durchsichtig
die vielen Nachmittage! Wie jederin den ändern geht, für immer!
Ja,
deine Kindheit ist schon eine Sage im Mund der Quellen.

Prinzipiell —zumindest in der Phase des Cántico – ist Guillén ein Dichter des Raumes. Das unterscheidet ihn grundlegend von Lorca, der sich stets der Vergänglichkeit anheimgegeben sah und der in seinem Kammerspiel Sobald fünf Jahre vergehen, dieser Legende der Zeit, sagte:

Man muß mit jeder Zerfallsvorstellung kämpfen, mit diesen schrecklichen zerbröckelnden Krusten an den Wänden.

Guillén erlebt die Welt nicht in ihrer temporären Abgründigkeit, sondern in ihrer räumlichen Weite. Zudem sparen seine Verse nicht nur den resto social, den sozialen Rest aus; sie vermeiden es auch, den existentiellen Zweifel zur Sprache zu bringen. Der Cántico, der Lobgesang, erhebt sich ohne jeden erkennbaren Konflikt, ohne Not, ohne Angst, ohne Trauma:

So viel Verflechtung von Zufall, geschmückt mit Willkür,
steht da, greifbar, voll unwiderstehlicher,
lächelnder Wirklichkeit. Ich wohne an den Rändern
einer Tiefe, die blockhaft ist und transparent.
Die Luft umschließt, zeigt, hebt hervor
die Blätter am Zweig, die Zweige am Stamm,
die Mauern, die Dächer, die Ecken, die Pfosten:
offenbar gewordne Heiterkeit des Nachmittags,
der nach desFensters stiller Vision verlangt…

Vielleicht erklärt die Tatsache, daß sich Guillén als Übersetzer nicht nur für Valéry, sondern auch für Claudel interessierte, bis zu einem gewissen Grade den Charakter seiner eigenen Dichtung, die beides ist, strenge, handwerklich orientierte Kombinatorik und metaphysisch verzückter Daseinsjubel:

Niemals trennt der Himmel.
Dieser Himmel, jetzt, hier,
− Luft, die ich atme −
überschüttet mich mit Planeten.

Wohin sich verirren, wohin?
Mein Zentrum ist dieser Punkt,

irgendeiner. So ganz und vollständig
erwartet
mich immer die Welt!

Ohne daß seine Lyrik je bacchantisch würde, ist sie trunken von Realität. Ihr Rausch ist jedoch von spiritueller Art. Nicht von ungefähr steht über dem Gedicht „Florida“ (außer einem Rimbaud-Motto) ein Vers von Juan Ramón Jiménez: „Todas las rosas son la misma rosa“, „Alle Rosen sind einunddieselbe Rose“. Eine solche Zeile, die die Einzelerscheinungen nur im Lichte des Gattungsbegriffs sieht und den Dingen also letztlich die geschichtliche Identität abspricht, hätte weder für Lorca noch für Alberti leitmotivisch sein können. Die einzelne, die wirkliche Rose nur im Hinblick auf ihr Urmuster zu betrachten – das war, strenggenommen, ein poetisches Beharren im Glauben an die Universalien, an die Allgemeinbegriffe der scholastischen Philosophie. „Die Namen“ heißt denn auch ein Gedicht Guilléns. Und dieser Text, der, wiewohl er von Rosen handelt, sonderbar duftlos bleibt, beginnt mit den Versen:

Morgendämmern. Der Horizont
öffnet kaum seine Wimpern
und fängt an zu sehen. Was? Namen.

Guillén hat über Góngora bemerkt:

Niemand hat Zutritt, der nichts von Geometrie versteht.

Für ihn selber jedoch trifft diese Aussage weitaus mehr zu als für den Cordobesen des siglo de Oro, der mit seiner Begeisterung für die konkrete Stofflichkeit der Sinnenwelt durchaus schon im Lager der Nominalisten stand. Guillén ist ein Dichter des Abstrakten und Mathematisch-Präzisen. Kreis – rechter Winkel – Gerade: das sind für Guillén poetische Orientierungshilfen, lyrische Figuren – auch bei seinen Annäherungen an das Organische. Daß so viel Plan, so viel Vernunft auch Gefahren in sich birgt, läßt sich besonders an einem Altersgedicht ablesen, in dem das frühe Repertoire unreflektiert und unmodifiziert zur Charakterisierung New Yorks herangezogen wird:

Bewundert New York von hohen Fenstern aus:
von Raum umgeben, hohe schlanke Blöcke.
O
Vertikalität, die du die Schönheit überfällst
im Ansturm von Geraden! Bauwerke, festentschlossen,
Geometrie, die nacktesteder Welt, zu sein,
und nur mit einemSchmuck. Schaut hin: dem Raum.

Lorca hatte in seinem Poeta en Nueva York schon um 1930, also drei Jahrzehnte früher, das Unmenschliche der Wolkenkratzer-Metropole am Hudson erkannt. Als die seinem Wesen gemäße Form hatte er allerdings nicht die Gerade verwendet, sondern die gekrümmte Linie, die den Strukturen des Biologischen entspricht. Lorca, der seine Lebens- und Wertvorstellungen aus dem ländlichen Erfahrungsbereich seiner andalusischen Heimat bezog, setzte sich vehement gegen den amerikanischen Stadtdschungel zur Wehr:

Ich zeige die Verschwörung an
all der verödeten ros,
die nicht durch Radio die Todeskämpfe übertragen
und die des Walds Programme streichen.

Bei Guillén hat sich der Sinn für die stets auch tragische Situation des Menschen sehr spät ausgebildet – erst nach dem Tode seiner ersten Frau. Nun allerdings gab er seine Haltung des siempre atónito, des immerwährenden Staunens auf. Und er schrieb unter dem Titel Clamor (Klage) Gedichte über die „Zeit der Geschichte“ (1949−1962):

Die armen Toten,eingesperrt ins Dunkel,
[…] liegen da, so arm, daß sie nicht einmal arm sind…

Mit seiner Euphorie verliert Guillén allerdings auch viel von seinen poetischen Möglichkeiten. Die Sprache wird bilderlos, oft larmoyant. An die Stelle eigener Eindrücke und Imaginationen treten literarische Anspielungen, etwa die „Randnotizen zu Montaigne“, die „Randnotizen zu Bécquer“, die „Randnotizen zu Mallarmé“ oder kraftlose Paraphrasen von Lorca und Ungaretti-Zitaten. Besonders in Guilléns drittem Gedichtband Huldigung (1949—1966) wird das Versiegen der Eingebung offenkundig. Gelegentlich wird zwar noch Guilléns innerste Empfindung Sprache:

Schön ist es, Gegenstand der Welt zu sein.

Das Einverständnis mit dem universell Vorgegebenen weiß sich nun aber nicht mehr mit jener leuchtenden Anschaulichkeit zu verdeutlichen, über die der Dichter im Cánticot so souverän verfügte, etwa wenn er sagte:

Nein, keine Nymphen.
Die Klarheit selbst entdeckt uns das Entzücken.

Klares Wasser
schlägt den Augen Märchentiefe vor.

Und Fische,
plötzlich Blitze,erscheinen, Träume ihrer selbst.

Jorge Guilléns Versuch, mit Homenaje (Huldigung) eine Synthese von Cántico und Clamor von Lobgesang undKlage zustande zu bringen, ist nur bedingt gelungen. Die Phantasie des Dichters, der seit dem Spanischen Bürgerkrieg im Exil lebt, hat sich zunehmend verflüchtigt. Und der Schmerz, die Trauer zeigen ihr gramvolles Gesicht: „Schwermut. / Was wird aus uns? Sind wir zu trösten?“ Dem alternden Guillén glücken keine vergleichbaren Gedichte, wie sie etwa der Triester Umberto Saba gegen Ende seines Lebens geschaffen hat. Guillén, fern von den zwanziger Jahren und den inspirierenden Freunden seiner Generation, schreibt eine vage Poesie, in der die Versatzstücke der Konvention häufiger anzutreffen sind als die spontanen Äußerungen und die originären Wendungen:

Der weiße Marmor des Palastes steigt
in Treppenplatten nieder – Kühnheit…

Der Gedichtband Homenaje trägt den Untertitel Reunion de vidas. Hildegard Baumgarts Übersetzung Verbindungen von Leben scheint mir die Absicht nicht ganz wiederzugeben. Nicht Leben (Leben allgemein) soll Verbindungen eingehen. Was der Dichter offensichtlich meint, ist die Zusammenfügung seiner beiden Daseinsphasen, der hellen des Cantico und der dunklen des Clamor. Vereinigung der Lebenshälften: das, etwa, wäre die Intention. Übrigens sind die Übersetzungen, wie große Vorzüge sie im einzelnen auch besitzen, in manchen entscheidenden Dingen nicht von hinlänglicher Einfühlsamkeit. Das wird beispielsweise auch am Schlußgedicht erkennbar, das Hildegard Baumgart Sämtliche Werke nennt. Nun heißt zwar Obra compléta schlichtweg Gesamtwerk. Hier jedoch soll etwas anderes evoziert werden, nämlich: das Werk (la obra) ist abgeschlossen, vollbracht, vollendet.
Der bei Suhrkamp erschienenen Sammlung Ausgewählte Gedichte sind zwei andere deutschsprachige Bände mit Lyrik Guilléns vorausgegangen. Beide – die von Ernst Robert Curtius besorgte Edition Lobgesang (1952 im Verlag Die Arche, Zürich) und die, ebenfalls von Hilegard Baumgart übersetzte Kollektion Berufung zum Sein (Limes Verlag, Wiesbaden 1963) – stellen jedoch fast ausschließlich arbeiten aus dem Cántico vor. Nur Berufung zum Sein enthält auch einige Proben aus Clamor. Dieser neue Band nun macht das Werk Guilléns als Ganzes sichtbar. Er zeigt das Œuvre, so wie es sich Mitte der sechziger Jahre darstellte, als der Dichter mit Obra completa das Fazit zog:

Am Ende sind wir angelangt, und ich beginne
meinen Frieden, traurig: vollendet ist das Werk.

1973 allerdings hat Guillén das sich selber auferlegte Schweigen noch einmal gebrochen und in Buenos Aires einen weiteren Band publiziert: Y otros poemas (Und andere Gedichte).

Hans Jürgen Heise, Neue Rundschau, Heft 1, 1975

Als ich auf die Welt kam

− Über Nicolás Guillén. −

Guilléns Gedichte sind Städte. Darin gibt es Felder, zimtene Türme und hohe Balkone. Es duftet nach frischem Regen. Hier werden Frauen entführt. Allgegenwärtig ist das Piratenmeer, karibisch, von zauberischer Färbung.
Die Leute, die ich in jener Stadt traf, Zuckerarbeiter, Schulkinder, Seeleute, Liebespaare, gingen Arm in Arm mit Guilléns Poesie durch die Straßen. Seine Verse wurden gelacht, geweint, getanzt. Lautlos wie weiße Katzen um die Mittagszeit glitten sie über das ausgeglühte Kopfsteinpflaster, polterten in Holzschuhen daher, torkelten wie betrunkene Seeleute.
Neben dem Busfahrer, eingekeilt zwischen Studenten, Macheteros, mit riesigen Strohhüten, Kindern und einkaufenden Hausfrauen, halte ich ein schwarzes Reclambändchen vor die Augen: Nicolas Guillen: Gedichte. Der Busfahrer liest den Namen des Verfassers und beginnt zu singen:

Er ging am Sonntagabend
ging am Sonntag und kam nicht wieder.

Er lacht, bis man nur noch seinen großen Mund sieht. Jemand hat ihm beim Baseball den rechten oberen Schneidezahn ausgeschlagen. Die Leute im Bus singen den Text mit. Einige beginnen trotz der Enge zu tanzen. Fröhliche Trauer um García Lorca.
Mir fällt eine Geschichte ein, die Bodo Uhse mit schöner Verwunderung erzählt hatte und die wir alle für übertrieben hielten: Er war mit Guillén durch das Hafenviertel von Havanna gegangen. Eine Gruppe halbwüchsiger Jungen spielte mit lautem Geschrei. Einer von ihnen stolperte Guillén vor die Füße.
Er entschuldigte sich, wies mit der Hand auf Guillén: Dich kenn ich doch, du bist ein Dichter. Vom Balkon herunter mischte sich die Mutter des Jungen ein: Ja, ich habe es gleich gesehen, Sie sind Nicolás Guillén. Guillén blieb mitten auf der Straße stehen. Er schaute hinauf, neigte tief den Kopf und sagte: Ich danke Ihnen, Señora.
Ricardo, Germanistikstudent und mein Begleiter, zuckt die Achseln: Was ist daran Besonderes. So etwas passiert bei uns fast jeden Tag. Guillén hat einmal über sich selbst gesagt: Ich schreibe, wie man spricht, ich schreibe, was man in Versammlungen sagt, so, als unterhielte ich mich mit jemandem auf der Straße. Alles, was in meinen Versen steht, hat irgendwer schon einmal ausgesprochen, hat es nachts heimlich geträumt, seiner Geliebten zugeflüstert. All diese Sätze habe ich nur aufgeschrieben, poetisch gemacht. Das ist ja wohl keine große Arbeit. Dieser anfechtbare Ausspruch vielleicht erklärt die tiefe Wirkung seiner Dichtkunst. Wie viele Quellen speisen sein poetisches Gewissen, wie viele Kulturen treffen sich in ihm. Kongolesisches, senegalesisches, dahomeisches Blut vermengt sich in seinen Adern mit spanischem.
Nach vielen Jahren umarmen sich vor unseren Augen Don Federico, der Weiße, Taita Facundo, der schwarze Ahne. So habe ich in einer Querstraße des Malecón zwei Kinder gesehen, ein schwarzes und ein weißes, die sich nach einem Streit brüderlich die Hand reichten. Tatsächlich bin ich auf meinen Wegen durch Kuba niemals Zeuge von Rassendiskriminierung geworden. Einmal nur, ich habe es fast vergessen, fragte mich eine alte Mulattin: Sagen Sie, Señora, bin ich nicht fast so weiß wie Sie?
Der Dichter Guillén liegt nachts an der Grenze zwischen Schlafen und Wachen. Von irgendwoher steigt eine Stimme auf, die klar und vernehmlich die Worte spricht: Negro bembón, wulstlippiger Neger. Dieser Satz bohrt sich in sein Gedächtnis. Er steht früh am Morgen auf, schreibt den ganzen Tag: „Ich bin Enkel, Großenkel, Urgroßenkel eines Sklaven (Mag der HERR erröten).“ Ich suche in einem verwinkelten Hafengäßchen die Bodeguita-del-Medio-Bar. Jemand hatte mir gesagt, ich würde Guillén dort treffen. Tatsächlich sehe ich in den Vitrinen mehrere Fotos: Guillén mit Ernesto Che Guevara, Guillén bei der Zuckerrohrernte, Guillén mit Allende und Castro. Daneben Hemingway, die Bardot, Picasso, Jewtuschenko. Auf Jewtuschenkos Kopf sitzt ein verängstigter kleiner Affe. Guillén lächelt ein großes, breites Lächeln, das ohne eine Spur von Spott ist. Ich gehe durch den vielfarbigen Abend nach Hause. Auf der weißen Ufermauer des Malecón sitzen die Liebespaare. „Zu Regen zerfasert / Der verlassene Abend seufzt / Ein Strom von Verheißungen…“ – trotz tausender Kilometer Entfernung, verschiedener Ahnen, Landschaften, Kulturen: Wir sind allzu sehr verwandt. Eine tröstliche und zugleich beunruhigende Entdeckung. Wer Kuba zum erstenmal sieht, ist geneigt, sich von Exotik gefangennehmen zu lassen, sieht das Fremde, nicht das Verwandte. Ich ging allein hügelan durch die Sierra. Mit einem Schlag wurde es dunkel, und über die Palmwipfel brach ein tropischer Regen herein. Mein dünnes Baumwollkleid klebte am Körper, meine langen Haare wurden von Nässe schwer. Alsbald wurde ich Zeuge einer wunderbaren Verwandlung: Die glänzenden Blüten des Regens richteten sich auf, überschrien sich im Dunkel, weißer, roter, schwarzer, gelber Oleander, Framboyán, Hibiscus, Galan der Nacht. Ihre zaubrischen Düfte vereinigten sich mit der überragenden Persönlichkeit des tropischen Regens.
An diesem Tag lernte ich verstehen, warum die Poesie des kubanischen Volkes so reich ist an farbigen Blüten, den Metaphern.
Guilléns Sprache aber ist hart wie der metallische Klang des Zuckerrohrs, wenn es vom Wind bewegt wird. In der Elegie auf den Führer der kubanischen Zuckerarbeiter, Jesús Menéndez, tritt es uns vermenschlicht, fühlend gegenüber:

Die Zuckerrohrfelder wogten hin und her, verzweifelt, wildschwenkend die Hände: Den Tod verkündeten sie…

Kuba lebt inmitten von Zuckerrohr. Zwischen den armdicken Stämmen wurden Menschen von Aufsehern ausgepeitscht, erschossen, Schweiß floß, Männerfreundschaften wurden geschmiedet, Lieder erfunden, Kinder wurden geboren.
Wir sitzen auf Feldsteinen zwischen Macheteros. Es ist Mittagspause. Eine Brigade aus Dichtern, Schauspielern und Musikern ist aufs Feld gekommen. Sie spielen ein selbstverfaßtes Stück über das Leben Ernesto Che Guevaras. Als dieser Name das erstemal genannt wird, steht ein vierzehnjähriger Junge auf und senkt den Kopf. Der gesprochene Text wird von gedehnten Bänkelgesängen zur Conga unterbrochen. Ich frage meinen Nebenmann, wer die Texte zu den Liedern geschrieben hat. Er sieht mich erstaunt an:

Die Lieder waren einfach da. Jeder kennt sie.

Nach einer halben Stunde faltet er die neueste Ausgabe der Granma auseinander und beginnt zu lesen. Zwei andere stehen auf und gehen. Ich sehe mich erstaunt um. Niemand findet etwas dabei, die Schauspieler lassen sich nicht stören. Auch der Texter Guillén wäre sicher nicht böse. Am Abend sitzt ein junger Dichter in lila Samthosen an unserem Tisch, der ständig affektiert die Nase rümpft. Ein Musiker mit artistischem Geschick. Wie phantasiereich der menschliche Körper ist! Der Trommler glaubt wie ich an die magische Kraft von Worten und Tönen, Sensemayá zu töten, die Schlange.
Neben Guilléns Gedichten hatte ich in Kuba immer Nerudas Großen Gesang bei mir. Ich erinnere mich, wie ich Texte, die dem ausgebeuteten Chile gewidmet waren, glücklich überblätterte. Allende war an der Macht. Auch Guilléns „Chile: dein weißes Morgengestirn“ schien mir nur noch von historischer Bedeutung. Keiner von uns hat damals die traurigen erschütternden Ereignisse des September 1973 vorausgeahnt. Was mag aus den chilenischen Genossen geworden sein, mit denen wir abends im Hotel Capri beim Wein saßen? Uns allen, Freunden und Gefährten aus verschiedenen Ländern schien in jenem August 1972 das gequälte Vietnam näher. Ich erinnere mich, wie ein Junge aus unserer Gruppe einen Text für ein Vietnamlied vorstellte. Darin kam die Zeile vor: Euer Schmerz ist auch unser Schmerz. Onix, unsere Freundin mit dem schönen Namen, sagte: Wie leichtfertig du daherredest. Guillén hat einmal geschrieben:

Man darf mit dem Krummer anderer Völker niemals leichtfertig umgehen.

Kannst du den Schmerz der Vietnamesen wirklich so empfinden, als würde er dir selbst zugefügt? Soviel Phantasie hat kein Mensch. – Wir widersprechen nicht. Alle Anwesenden sind jung, und zum Glück fehlt jedem von uns die Erfahrung des Krieges. Am nächsten Tag, dem Tag des Liedes, sind die Fenster der neuen Schule weit geöffnet. Der aromatische Duft des Regens erfrischt uns. Auf der Bühne – zwischen zwei Liedern – flüstert mir mein Nachbar zu: Rechts in der ersten Reihe, das ist Guillén. Ich habe Zeit, ihn anzusehen. Ihm fehlt gänzlich jener äußere Glanz, wie man ihn von großartigen Persönlichkeiten gemeinhin erwartet. Er ist klein, weißhaarig, mit einem freundlichen prüfenden Blick. Er trägt ein langes weißes Baumwollhemd wie die Bauern seiner Gegend. Die Hände sind schmal und intelligent wie die eines Gelehrten, Das Scheinwerferlicht wird greller, zeichnet Falten deutlicher nach, macht das fiebrige Flackern der Augen sichtbarer, untrügliches Zeichen für Krankheit und Erschöpfung.

Als ich auf die Welt kam
Wartete niemand auf mich…

Diese Zeilen, die Guillén als junger Mensch schrieb, fallen mir jetzt ein. Ich denke über Wandlungen nach, die ein Mensch im Laufe seines Lebens durchmachen kann. Wie findet einer aus der Scheinwelt der Marquisen, Libellen, makellos weißen Schwäne heraus ins reale Leben, zu sich, zu seinem Volk?

Den Weg, wir kennen ihn
Die Gewehre sind bereit
Aufgerufen sind die Hände…

Derselbe Mann sagt auch:

Transitreisende, bitte umsteigen ins Flugzeug
Zum Träumen…

Ich bin beeindruckt von dieser Vielseitigkeit… Manches hört sich zu einfach an in Guilléns Biographie. So und nicht anders war es, sagen die Romanisten. Guillén schweigt nachsichtig.
Der Blitz schlägt ein an jenem Augustabend. Es gibt keinen Strom. Mikrophon und Verstärker fallen aus. Guillén steht auf, spricht einige seiner Verse. Leise Stimme aus Erstaunen.

Petra Werner, 1.1.1978, aus Helmut Baldauf (Hrsg.): Schriftsteller über Weltliteratur. Ansichten und Erfahrungen, Aufbau Verlag, 1979

Eine Schildkröte in Havanna

Auch Nicolas Guillén hat die Statur, die Augusto Monterroso als die einem Dichter angemessene notiert: einmetersechzig. Pope und Leopardi nicken aus dem Olymp herunter auf Havanna, Alfonso Reyes stellt sich auf Zehenspitzen zum Vergleich dazu, und Julio Cortázar oder Vicente Aleixandre bestätigen, auf eine eher peinliche Art, die Ausnahme von der Regel. Guillén macht das nichts aus, und die Kubaner, die alle so lang sind wie das Zuckerrohr, möchten ihn auf den Sockel des Nationaldichters heben. Aber wie Quecksilber kugelt er ihnen da wieder herunter und reist irgendwohin. Die kubanische Unabhängigkeit ist um wenige Monate älter als ihr Dichter, und dieser ist zwei Jahre jünger als das Jahrhundert. Die kubanische Unabhängigkeit: eine schlechte Metapher, die Nicolas Guillén in etlichen Gedichten verbessert hat, denn auch auf den Antillen ist der Dichter ein Prophet, und die Folgen sind die allzeit bekannten. Seit Shakespeares Caliban ist die Prophetie nur immer ins Blaue gegangen, bis man sie auf Kuba objektiviert hat und aus der Zuckerinsel das machen will, was Columbus vielleicht meinte, als er das paradiesische Cipango entdeckte. Von Columbus geht eine Linie in Guilléns Familie, in der die Väter zunächst Beamte der Krone sind, Verwalter und Herren der Lage, bis der prophetisch-rebellische Geist erwacht und der Senator Guillén erschossen wird von der neuen Oligarchie. Die Mütter in Guilléns Familie sind leidgewohnt. Seit Ausrottung der Indios auf der Insel – die letzte Indioprinzessin Siboney kehrt nur im Schlager zurück – landen die Sklavenschiffe vor dem Morro von Havanna. Hier sollte man genauer hinsehen, das schmalhüftige-Kongomädchen schleppt eine Tradition ein, über die später Dissertationen geschrieben werden, damit auch alles klar verstanden wird in Guilléns Gedichten. Aber was heißt schon verstehen. Will man den Wind im Zuckerrohr oder das Timbre in der Stimme Ignacio Villas verstehen wie einen Telefonruf? Seit den spanischen Romanzen des Mittelalters hat es keine Dichtung in spanischer Sprache gegeben, die so verständlich und wie von allen geschrieben ist wie Guilléns Balladen und Lieder. Si, Señor, aber die negritude? Wie definiert sich diese mütterliche Linie?
Fernando Ortiz hat dicke Bücher darüber geschrieben. Wir sehen ihn in der Nationalbibliothek von Havanna, wie er lesend die Beine auf und ab bewegt, und wir wagen nicht, den Gelehrten mit einer Frage zu stören. Die Frage läßt die Wissenschaft nicht ruhn, Werner Krauss stellt sie 1964 in Havanna, in der UNIAC, im weißen Gebäude des Schriftstellerverbandes, darin Guillén präsidiert, umgeben von viel grünem Rasen, der gepflegt und gesprengt wird und einen Saum von Hibiskusblüten hat. Sitzen wir auf Schaukelstühlen? Guillén ist schon damals so rund, wie er es immer gewesen sein muß, sein Lächeln reicht von einer Hemisphäre in die andere und nimmt uns jede Befangenheit. Ah, profesor! Und die Familie, wie geht es ihr, und die lieben Kleinen? Jeder Kubaner liebt das vertraute familiäre Gespräch, Hochzeiten, Todesfälle, Geburten. Wir schütteln die Köpfe, und es ist auch nichts unterwegs. Die Klimaanlage funktioniert nur in Anwesenheit größerer Mengen von Dichtern oder delegierten Dichtern aus den sozialistischen Ländern; wir beteuern, die Hitze zu mögen, sozusagen das Klima unserer romanistischen Wissenschaft, auch die Gedanken brodeln da besser als bei zehn unter Null, und dazu rauchen wir diese kubanischen Zigarren, die Fidel raucht und die uns gestern der Präsident der Akademie, Nuñez Jiménez, auch er ein Barbudo und im grünen Drillich, geschenkt hat. Krauss streift immerzu die Asche ab und fährt mit dem glühenden Geschoß in Guilléns sanfte Geduld. Negerelemente in den Romanzen Lope de Vegas? Wir wollen das nicht glauben. Guillén zitiert etwas, das im Singsang des Kubanischen wie ein eigenes Gedicht klingt, wie beschlagnahmtes Eigentum, doch Werner Krauss stellt noch einmal die Frage kategorisch: Was ist die Negritude, oder spricht er es spanisch aus: negritud, und läßt dabei das Schluß-d weg, um Guillén entgegenzukommen: negritu? Negrismo, korrigiert Guillén. Doch da geschieht das Unglück, die glühende Asche fällt in den bequemen Schuh des Professors, dieser springt auf, stampft auf, auch Guillén erhebt sich erschrocken und tritt auf der Stelle, und beide, der Dichter, der Professor huldigen der spanischen Tradition in einem gemeinsamen Zigeuner-Zapateado, der immer mehr die Züge eines Piratentanzes annimmt nach Sir Roger de Coverley. Der Schuh wird geleert wie ein Aschenbecher, doch nun kann Guillén sich über das Mißgeschick nicht beruhigen, wir müssen, mehr angesteckt als höflich verpflichtet, in sein großes Gelächter einstimmen, in den Naturzustand der Situationskomik, und mir fallen alle Gedichte aus dem Sóngoro Cosongo dabei ein. Con tanto inglés que tu sabía.
Der Negrismo hat mit Gelächter zu tun, mit einem antizipierenden Gelächter. Gleiche Rechte den Negern, Mulatten? Kuba den Kubanern? Der Tod des Arbeiterführers Jesús Menéndez und die Bestrafung des Mörders? Als dies alles vollzogen ist, sind die Gedichte Guilléns, in denen die Wahrheit vorweggenommen wurde, ein paar Jahrzehnte alt. Wie in der Fabel ist die Schildkröte immer schon da gewesen, wenn der eitle Hase ankommt und die Zuschauer aus Übersee ihre Dollars auf ihn gewettet haben.
Einen ritmo de semilla, einen Rhythmus des Samenkorns, hatte Federico García Lorca diese neue Dichtung genannt. Lorca hatte 1930 Kuba besucht und einige seiner Gastgeber enttäuscht. Man hatte in Kuba von einem Spanier aus Granada mehr Sinn für Etikette erwartet. Stattdessen saß Lorca bei Ausflügen im Automobil lieber neben dem Fahrer, verlief sich, wenn er eingeladen war, in der Altstadt von Havanna und versäumte es, im Klub der Töchter von Galicien artige Verse vorzutragen, die strengweißen, strengmoralischen Plantagenbesitzertöchter zu beplaudern. Nicolas Guillén ein paar Jahre später in Spanien, 1937 auf dem Schriftstellerkongreß in Madrid, an der Front, auf einem Bankett in Barcelona: ein schüchterner junger Mann in zu weiten Hosen, für den die Zukunft noch nicht begonnen hat. In Spanien lernt er Langston Hughes kennen, und auf einem Foto sind sie die Randfiguren. Die Mitte nimmt Hemingway ein, der einen Arm auf die Schulter von Michail Kolzow legt und einen auf die von Guillén. Langston Hughes steckt die Hände in die Taschen, Kolzow versteckt sie in den Ärmeln seiner bestickten Bauernjacke. Hughes, das war noch einmal das Thema der negritu, Ol’ Man River und der Blues, der in der Küche gesungen wird, vom Tellerwäscher. Für Guillén ein Verbündeter an einem anderen Ufer. Kam der Jazz bis nach Havanna? Oder kam der Jazz aus Havanna? In den fünfziger Jahren wurde der kubanische Trommler Chano Pozo in einem Lokal in Harlem erschossen, weil er geheime Rhythmen einer kubanischen Sekte an den Jazz verkauft hatte.
Wer in Havanna seinen Dollar einführte, wollte in seiner quadratischen Welt bleiben und im Tropicana das hören, was er immer hörte, etwa die Andrew Sisters mit ihrem Drinkin’ rum and Coca Cola: ein Getränk, das weltum den Namen eines Programms bekam: Cuba libre.
Eine Zeitlang konnte es so aussehen, daß die kubanische Nationalkultur sich trotz Guilléns Gedichte und Artikel mehr nach Ernesto Lecuona richten wollte und nach seiner Musik im Operettenstil gebrochener Herzen. Aus der schönen blauen Donau wurde das ewige Blau der Karibik, und aus der spanischen Zarzuela wurde zuvor das Salz entfernt, ehe man das Gebräu den Töchtern von Galicien vorsetzte. Diese unheimlich blasse Musik war auch nach der Revolution soviel wert wie Konterbande unterm Ladentisch. So kann der Betreuer, der uns beim Abschied im Namen der Akademie eine Platte mit dem Schönsten von Ernesto Lecuona schenkt, unser Lachen nicht begreifen. Das Lachen haben wir von Guillén. Noch auf dem Flughafen schenkt Krauss mir seine Platte, so daß ich in der Heimat angekommen eine abgeben konnte und bis ans Erzgebirge als Anreger wirkte, und mancher der nun deutsch gesungenen Lieder des Meisters fallen gar nicht auf, oder doch so sehr, daß sie uns auf internationalem Parkett zu Preisen verhelfen.
Nicolas Guillén hatte das alles kommen sehen, und auch der spanisch singende Nat King Cole und die Tangoversion des stars-and-stripes-Marsches hatten nichts mit eigener Kultur zu tun. Über Nacht holte er zusammen, was in Kuba war, und es war mehr Schwarz als Weiß in seinen Versen auf einen Negerboxer, in seinen Huldigungen an die schwarze Schauspielerin Eusebia Cosme; die Tänzerin Tongoleie, auf Josphine Baker, die ja aus spanisch sprechender Familie kam, auf Ignacio Villa – Schneeball genannt –, und auch die Liebesgedichte waren schwarz und gut wie weißer Rum in der rasch einbrechenden Nacht der Karibik. Negerbohème und die Gedichte an alle: Der Riß zog sich dennoch durch die beschworene Nationalkultur. Die Hautfarbe konnte nur Signal sein, in einer Zeit, da bis hinunter nach Feuerland auf diesem Kontinent die Haut zu Markte getragen wurde.
Guillén nennt nun die Ausbeutung und die Ausbeuter beim Namen, und er wird verhaftet, verfolgt, geht ins Exil, kehrt zurück mit den Truppen Fidel Castros in ein anderes Havanna. Von da an beginnen seine Schwierigkeiten, sich gegen den Anspruch des Nationaldichters zu wehren. Ein Botschafter der kubanischen Kultur? Und so zieht er als Reisender durch die Jahre und Städte. Immer kommt es dabei zu Begegnungen, wie sie sein Landsmann Samuel Feijóo aus der Universität von Las Villas so gern zeichnet: Feijóo wie ein vom Blitz getroffener Ariel, während Guillén eher an Caliban erinnert, und in wechselnder Verwandlungskunst verschmilzt der eine mit dem Tintenklecks Dubuffet; verknäult sich mit dem obszönen Saura zu einem surrealistischen cadavre exquisite; zeigt sich gerupft wie ein Hahn, wenn er in Paris den Kubaner Roberto Altmann trifft, und erscheint wie die Karikatur eines als Engel verkleideten Mannequins neben dem Chilenen Matta. Maler unter Malern. Guillén dagegen kennt die Empfindsamkeit seiner Berufskollegen und läßt nur Fotos zu, auf denen man sich auf Armeslänge entgegenkommt: Jeder Dichter eine unverwechselbare Großmacht. Guillén begrüßt Jorge Amado, Guillén trinkt Kaffee mit Pablo Neruda, mit Carpentier in Paris und in Peking unterm Bild von Lu Hsün. Dabei zeigt sich die lateinische Herzlichkeit nirgends besser als bei einem Bankett, bei einem der vielen Abschiedsessen, die Guillén in der spanischsprechenden Welt gegeben werden. Dutzende von literarischen Persönlichkeiten stellen sich ein, die Reden werden als Beilagen zur Hauptmahlzeit gereicht und zum Kaffee gibt es ein Gedicht auf den Gefeierten. Als neulich der Dichter Ernesto Cardenal im Berliner Ganymed gefeiert wurde, machte er sich offensichtlich Sorgen über seine Popularität oder über das geringe Vorkommen von Dichtern prozentual zur Bevölkerungsdichte.
Guillén in Havanna ist ein exzellenter Gastgeber, der auf Verlangen des Gastes die Speisekarte der Bodeguita del Medio signiert, weil die Nachauflagen seiner Bücher vergriffen sind. Die Bodeguita ist jedem Havannareisendem wehmütige Erinnerung, in der Guillén wie eine Yorubagottheit thront, mit der man die Speiseopfer heimlich und unter Gelächter verzehren darf, diese Kaninchenbraten, Hühnerbeine in safrangelbem Reis, Bohnensuppen und ungezählte Gläser Mojito.
In Berlin, bei einem Abendbrot in der Wohnung von Erich Arendt, haben wir Guillén über die Bodeguita ausgefragt. Guillén nickt und ißt große Berge grünen Salats. Über der braunen Stirn trägt er eine gewaltige weiße Haarmähne. Und der Negrismo, fragt Arendt, noch immer ein, dein Thema?
Der Caribe, sagt Guillén, dieses rätselhafte Tier, halb Schildkröte, halb Kaiman, man soll es nicht definieren, und dann lächelt er übern Tisch dieses Lächeln, das von Hemisphäre zu Hemisphäre reicht. Zum Nachtisch hängt er sich die große Brille in die Ohren und liest ein Gedicht. „Mira si tu me conoce!“ (Sieh mal, wie du mich kennst!)
Gruß an die Schildkröte in Havanna. Möge sie hundert Jahre werden!

Fritz Rudolf Fries, Sinn und Form, Heft 6, November/Dezember 1978

 

 

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Zum 80. Geburtstag des Autors:

Monika Walter: Verse von Träumen, die Wirklichkeit werden
neues deutschland, 10.7.1982

Hans-Otto Dill: Nicolás Guillén zum Achtzigsten
Sinn und Form, Heft 3, Mai/Juni 1982

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Kalliope
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Nachruf auf Nicolás Guillén: neues deutschland

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