Odile Kennel & Thomas Wohlfahrt (Hrsg.): Weltklang – Nacht der Poesie

Kennel & Wohlfahrt-Weltklang – Nacht der Poesie

KRIEG

Bass: ba da ba ba ba   ba da da ba da da

willkommen in dieser neuen welt
schwarze amerikanerin
putz deine schuhe ab
mein blut ließ ich am ufer

also schwimm ich zurück zum überleben
noch einmal die ghettoprinzessin geben
also schwimm ich zurück zum überleben
dich unterwerfen – meine ankunft erwarten
und dich dran erinnern
wo die front
entstand

ich weiß nicht warum ich im überlebensjahr geboren wurde
1971 waren waffen revolutionärer anlaß abzuhauen
aus schlafenszeit in einen alptraum erwacht
unerträglich, meine brüder wieder sterben zu sehn
in meinen armen
meine waffe abwischen und auffahren
das ende feiern wenn die scheiße grade anfängt
ich wuchs auf als frau mit frischem blut und stimmen
verlassen in roten straßen von detroit
kaum zeit für kleinmädchenalternativen
nach kurzer zeit war ich verwirrt
von quadratischen betonklötzen
aber daddy hat sein leben lang malocht
damit ich auch sicher aus stein bin
hat bemerkt, daß krieger neue namen haben in dieser
baby-geteerten Straße

zuhause ist es am schönsten
arbeite nicht
mit stahlkappen turnschuhen

dennoch muß ich diesem fremden land meinen namen aufdrücken
solang es noch naß ist
und das noch vor jungs, revolution und geburt
in weiblich politischer fötuslage
hab noch nichts verstanden
ich fing früh an dich zu lieben
große brüder und sternzeichen fisch daddy
halfen mir an dich zurückzudenken
obwohl sie mich unbedingt gegen dich aufbringen wollten
obwohl ich dich oftmals dasselbe tun sah
nie hörte ich auf, deine augen zu sein

bemüht, dein dunkles spiegelbild zu finden
im nil, schwarzen meer, detroit river, lake minetonka,
in barbie, mississippi massala, brooke shields, maisfeldern,
fischkiemen, atlantis, indischer ozean, rotes meer, niagarafälle, poland springs
der fluß bleibt haften, jeder mythos paßt,
denn ich weiß du magst maisbrot und grütze
hab dich meinem körper entsponnen über kühle seide
mit schokoladenmilch gesäugt
gelbe mädchen an den spitzen noch braun wurdest mir aus dem körper gerissen
und doch sind wir siamesische bäume, frei zu entklettern
diesem wahnsinn, alte abzählreime zu singen

eene meene miste
schnapp dir einen hübschen bruda gleich neben dir
am gezwirbelten verblichenen kräuselafro
hat er vergessen daß du seine königin bist
dann zeig’s ihm einfach
eene meene miste

sag ihm du sprichst Yo!
yoruba / französisches feuer / säuischen süden / guayana goldzahn,
patwah / kreolisch / swahili slang / garten grillfest /
bleib in deckung / zimt dominikaner
und er wird wieder-
erkennen seiner schwester heiße saucenzunge
zweischneidige verabredung blind für
liebe durch geburtsrecht
auf den ersten blick
ein düsenjäger kann vielleicht ein drachen sein
aber einer von beiden bringt dich schneller wieder heim
willst du deine antwort wissen frag sie
sie töten meinen wald
also bewahr ich meine saat
schwarze männer aus yellowstonebäumen gewachsen
wieder in meinen boden gepflanzt
unsere flüsse kochen sieben millionen grad
nach der ganzen zerstörung
ist meine familie zu retten das ziel
wir wissen jung ist alt
wir wissen jung ist alt

und wenn ich dir sage ich wuchs auf mit cornflakes?
herausfand ich sei gar nicht wirklich mit oshun verwandt
hab edelsteine unter meinen nageln gefunden
bei meiner wöchentlichen frauiküre
statistisch bist du nicht mehr verfügbar
25 prozent von dir sind im anti-melanin penis system
belästigungstaktik für die dienstzeit
bekämpfen wie’s nur deine schwesta könnte
ich warte an fenstern bete für deine rückkehr
ich weiß du haßt dieses wort
wie ich dich so leicht liebe spüren lasse
an einem ort der dir sagte deine mama ist
fettig, ne schlampe und leicht zu ersetzen
dauernde inschrift ist unauslöschlich
und du suchst dich in der wand eines anderen
ignorierst den spiegel wie ein kleiner junge
der zu groß geworden ist
den unterschied zu sehen
du sollst wissen ich sehe äthiopien und bahia
jeden tag auf dem weg durch st. nicholas
auf der suche nach einem bruder, der
die gleiche zeichensprache spricht / fünfmal täglich betet
nie beim pokern verliert / tagelang witze macht / den d zug nimmt
verstummen ließ sein bruder
Abel
sie will dir ihren
umständlichen mädchenwunsch erzählen
sucht ungeschickt lippen
die ihren kuß verstehen
das ging total an ihm vorbei
und er macht weiter bis er’s
Kain
Ich?
Ich?

ICH!
das wirrköpfige mädchen das
deine zukunft lesen kann
aus einem glas mit blauem afroglanz
ghetto carolina geechie sorgfältig abschreibt
deine ängste beim vornamen nennt
die beste partie darstellt
ihr heißer mund bringt’s als wäre
honigwein in ihrer tasche
poesie versteckt unter ihren alten silberlocken
wurzeln gezüchtet unter buschigen pferdeschwänzen
und diese hier wirst du heiraten
Mary
die frau die dir zu bekannt vorkam
dich zu sehr an das erinnerte, wofür du stehst
in diesem land

es ist schon schwer baby
so schön zu sein wie wir
die königschamäleonhaut maskieren wenn
afrikanische leinwand im dunklen glüht
ich hab dieser arche ein stück abgebissen
deshalb sind die münder schwarzer frauen
doppelt smart – doppelt smart
fluchen dich paarweise nieder
elfenbein wächst unter unseren haaren
verdammt, jessica, kind, lächelst du nie?
eine zeitlang
heute morgen hab ich geschossen an der front der obststände
weil sie unseren babies zellophanverpackte früchte verkaufen
eure eigenen männer sollen sich schämen, eure hand zu halten
bekämpfe beiläufig verletzung, verlasse die wüste
um exotische wasser zu schmecken
wenn ich im brunnen bin, ja ja
jetzt brauch ich neue religionen chakra schutzpläne
karten zum mittelpunkt der erde
am muttermal nach rechts
beschleunigen wenn du wieder frische luft riechst
sprechen ist eine sexy atemtechnik
also bin ich ein stiller freak
ein lahmes leck
daß du leicht ignorieren kannst wenn du nicht hörst
wie es nachts immer tropft
gib mir einen grund zu schreiben
dies ist mein eid zu kämpfen
um dich liebster / sprachenbrecher
amerikanischer fremder / vorstadtgefahr
internationaler eindringling / der an jede falsche tür klopft
für dich bin ich immer im krieg immer im krieg
immer im krieg
immer im
krieg

jessica Care moore
Übersetzt von Olaf Schenk

 

 

 

Vorwort

Oskar Pastior hat jüngst „die Stimme als den eigentlichen Textgenerator“ des Gedichts bezeichnet. Diese Bemerkung enthüllt ein Geheimnis. Sie erklärt, weshalb gute Gedichte dann auf großen Anklang treffen und verstanden werden, wenn sie gehört werden. Wir hatten in unseren Breiten die Stimme und ihre Wirkung vergessen. Die Stimme ist gewissermaßen das Instrument der Dichtung.
Der österreichische Dichter Raoul Schrott wies in mehreren Essays darauf hin, daß mit der Verschriftlichung der Poesie zwar deren Textgewebe komplexer und vielschichtiger wurde, die Stimme dabei aber auf der Strecke blieb. Es ist dem dramatischen medialen Wandel der letzten zehn oder fünfzehn Jahren, der ganz selbstverständlich auch die Dichtung erfaßte – ich möchte sagen: zu danken –, daß auch in unseren abendländischen Gefilden Schrift und Tongebung wieder zueinander finden. Zusehends verstehen und erleben wir Dichtung wieder als ein Konzert aus Wort, Klang und Rhythmus. Dieses Konzert verweist auf den Urspung der Dichtung, auf das Zusammenspiel von Gesang und Tanz. Und vielleicht gibt es ja einen noch nicht ergründeten Zusammenhang, wonach die dem Medium Stimme vertrauende Spoken- und Slam-Poetry, wovon uns jessica Care moore und in anderer Weise Juri Andruchowytsch interessante Beispiele zu hören geben, auch der quasi leer gelaufenen Konkreten und Lautpoesie neue Impulse gab und sie zu neuem Leben erweckte. Freuen Sie sich auf Jaap Blonk!
„Was über das Hören in das Gedicht zurückkehrt, ist die Persönlichkeit des Dichters“, schreibt Raoul Schrott. Dort, wo der Dichter in ungebrochener Tradition seit eh und je auch der Stimmträger des Gedichts blieb, war und ist sein gesellschaftlicher Stellenwert als Künstler erheblich. Das gilt für Gennadij Ajgi und das ergreifende Pathos seines Vortrags genau so wie für die Dichterinnen und Dichter aus der karibischen Region, denen wir beim diesjährigen Weltklang-Festival besondere Aufmerksamkeit widmen.
Im jahrhundertelangen traurigen Hin und Her von Eroberung, Versklavung, Neueroberung, Befreiung ist ein Völkergemisch entstanden, das sich eigene Sprachen wie das Kreolische oder das Pidgin-English geschaffen hat, auch wenn die Amtssprachen Englisch, Französisch oder Spanisch heißen. Die Dichtung war und ist dort „lebendige Volksgeschichte“ ganz in dem Sinne, wie Herder sie in Stimmen der Völker in Liedern einst beschrieb, und sie ist modern.
Als Derek Walcott 1992 den Nobelpreis erhielt, war er in der englischsprachigen Welt längst als „Homer of the Caribic“ bekannt; Joseph Brodsky verglich ihn mit dem Schöpfer der Ilias oder der Odyssee. Walcott selbst schreibt den Vers: „I’m just a red nigger who love the sea“, und die FAZ feierte seine Dichtung in genau diesem Sinn als „Eroberungsfeldzug gegen die Herren von einst: Durch seine Gedichte kolonialisiert er die abendländische, die angelsächsische Bildsprache und formt sie zu einem neuen Reich, einem Weltreich der Poesie.“ THE EMPIRE WRITES BACK!, dieser ebenso kluge wie forsche Slogan emanzipierten Schreibens, dem sich Autoren des einstigen Commonwealth verpflichtet sehen, gilt in immer wieder anderer ästhetischer Weise auch für den besonderen Ton einer „poesia negra“ der Kubanerin Nancy Morejón, für Edouard Glissant aus der französischsprachigen Karibik und für den indonesischen großen Dichter und Performer Rendra.
Eine große Aufgabe für die Übersetzer. Wie schrieb Herder?

Auch beim Uebersetzen ist das schwerste, diesen Ton, den Gesangston einer fremden Sprache zu übertragen, wie hundert gescheiterte Lieder und lyrische Fahrzeuge am Ufer unsrer und fremden Sprachen zeigen. Oft ist kein ander Mittel, als, wenns unmöglich ist, das Lied selbst zu geben, wie es in der Sprache singet, es treu zu erfassen, wie es in uns übertönet, und festgehalten so zu geben. Alles Schwanken aber zwischen zwo Sprachen und Singarten, des Verfassers und Übersetzers, ist unausstehlich; das Ohr vernimmts gleich und haßt den hinkenden Boten, der weder zu sagen noch zu schweigen wußte.

Ganz in diesem Sinne werden alle Dichterinnen und Dichter ihre Gedichte in ihrer Muttersprache zu Gehör geben. Die deutschen Fassungen können Sie im eigens für den heutigen Abend erstellten Buch mit- oder nachlesen. Sehr, sehr herzlich sei den Übersetzern gedankt, die uns in die Lage versetzen, dem Wort- und Sprachkonzert auch dann zu folgen, wenn es komplexe zusammenhänge mitteilt. Viele der heute gehörten Gedichte werden Sie in absehbarer Zeit auf unserer Internetsite www.lyrikline.org wieder hören und in verschiedenen Sprachen lesen können.
Die Lichtkünstlerin Gunda Förster hat, inspiriert von der Dichtung, für den heutigen Abend einen architektonischen Raum aus Bühne und Licht entwickelt, der jedem einzelnen Gedicht seinen eigenen Lichtraum schafft.
Aus der Tradition der Sommernacht der Lyrik heraus veranstaltet die literaturWERKstatt berlin das Weltklang-Festival zum zweiten Mal hier auf dem Potsdamer Platz…

Thomas Wohlfahrt, Vorwort

 

Fakten und Vermutungen zu Thomas Wohlfahrt

 

Fakten und Vermutungen zu Odile Kennel
Porträtgalerie: Autorenarchiv Susanne Schleyer +
Dirk Skibas Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

VERSschmuggel zwischen Anna Crowe und Odile Kennel. Übersetzung eines Gedichts von Odile Kennel.

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