DIE STERNENREUSE
Daß du noch schwebst, uralter Mond?
Als jung noch deine Scheibe schwebte,
hab ich an einem Fluß gewohnt,
wo nur das Wasser mit mir lebte.
Das Wasser schwoll, es war Gesang,
ich schöpfte und mein Atem lauschte,
wie es um Steine tönend sprang
und schäumend schoß und niederrauschte.
Zwei Felsen, wie betäubt von Ruß
und steil und schmal wie eine Schleuse,
umstanden damals noch den Fluß.
Im Wasser hing die Sternenreuse.
Ich hob die Reuse aus dem Spalt,
es flimmerten kristallne Räume,
es schwamm der Algen grüner Wald,
ich fischte Gold und flößte Träume.
O Schlucht der Welt, des Wassers Schwall
kam wie Gesang: war es mein Leben?
Damals sah ich im dunkeln All
ganz nah die Sternenreuse schweben.
Die Gedichte dieses Bandes entstanden in den Jahren 1925 bis 1947. Sie stellen eine vom Verlag getroffene Auswahl dar, welcher Peter Huchels 1948 erschienene erste Gedichtsammlung sowie Einzelveröffentlichungen zugrunde liegen.
Hans-Jürgen Heise: Peter Huchels frühe Lyrik
Die Tat, 6.5.1967
Karl Krolow: Brüchige Musik. Die frühen Gedichte Peter Huchels
Stuttgarter Zeitung, 20 5.1967
Jost Nolte: Sie gaben Befehl, die Wurzel zu roden. Zu Peter Huchels Gedichtband Die Sternenreuse
Die Welt der Literatur, 22.6.1967
H. Conrad: Peter Huchel. Die Sternenreuse
dpa-Buchbrief/Kultur, 9.8.1967
Sabine Brandt: An taube Ohren der Geschlechter. Endlich gibt es wieder eine Ausgabe früher Huchel-Gedichte
Die Zeit, 8.12.1967
Dietrich Segebrecht: Herkunft
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.4.1968
I
Momente nur, nicht mehr – drei Mal bin ich Huchel leibhaftig begegnet –; vor allem aber ein Moment in Heidelberg im Jahr 1954 während eines jener von westdeutschen „Petitionskreisen“ organisierten (und, seid sicher, von der DDR finanzierten) „gesamtdeutschen Gespräche“, vorbereitend unter anderem eine „Deutsche Begegnung vom 5. – 7. November 1954“ in Berlin, in Ostberlin. Als einer der Delegierten der DDR war Peter Huchel nach Heidelberg gekommen, der zumindest mir als großartiger Lyriker schon vertraut war (wem noch in der Gruppe?); und ich hielt mich gemeinsam mit Hermann Lenz an seiner Seite – Hannes Schwenger schwört bei allen Heiligen, dass es nicht Hermann Lenz gewesen sein kann –; Huchel erinnerte immer noch ein wenig an den in sich gekehrten „Wendenburschen“, als der er kurz nach dem Krieg in der Zeitschrift Ost und West von Günther Birkenfeld vorgestellt worden war: „Und wenn er barhaupt (…) über die märkischen Felder bei Potsdam schweift (…), mit leicht gesenktem Kopf einen sandigen, von hohen Birken gesäumten Flurweg entlanggeht, nein, eher schon entlangdöst, so kommt da aus der Vergangenheit ein Wendenbursche herauf.“ Eine Rede bot Huchel in Heidelberg nicht, auch sonst hielt er wohl den Mund, außer im friedlichen, zivilen und wortarmen Gespräch mit seinen beiden Begleitern, da wir durch die Heidelberger Gassen schlenderten. Man konnte den Eindruck gewinnen, als wolle er sich unsichtbar machen, als würde er sich „zurücknehmen“ wollen: Zwei Jahre vor der Heidelberger Tagung hatte Huchel einige Sätze gesagt (geschrieben) – der „Aufbau“-Artikel war mir vor der Veranstaltung in die Hände gedrückt worden –, die er vermutlich schon jetzt bereute. Der Aufsatz war geprägt von einem nicht sonderlich erhabenen Anti-Amerikanismus, der die „Intellektuellen in der tödlichen Umarmung der amerikanischen Kulturpolitik“ treiben sah; es waren Bemerkungen, die die (unausgesprochene) Frage nahelegten, ob nicht an Melvin J. Laskys eigentlich ziemlich großartige Zeitschrift Der Monat gedacht war… Huchel weiter – und es war natürlich Westberlin ins Auge gefasst –: „Wir schreiben das Jahr 1952, und die ersten Vorboten der Barbarei sind schon lange wieder in die Mauern unserer Stadt eingezogen (…) Noch können wir sie zurückschlagen! Und wir werden sie zurückschlagen!“ (Der reinste „Panzerbär!“, um des Himmels willen!) In den Straßen am Neckar schien das alles abgetan und dahingeschwunden, man konnte kaum noch glauben, dass jene über-militanten Sätze von Peter Huchel geschrieben worden waren. Stattdessen (und vielleicht ist es ja eine kleine Demonstration gewesen) beharrte Huchel darauf, „ins Kino“ gehen zu wollen, und zwar mit einer mäkelnden Konsequenz, die an ein Kind erinnerte, das unbedingt ein Schokoladeneis gekauft bekommen will… „Ich will endlich einmal einen richtigen amerikanischen Detektivfilm sehen“, murrte Huchel; kein Zweifel, dass er sich nicht „aus Studiengründen“ diesem Vergnügen widmen wollte. Wir fanden alsbald ein Kino; der Film jedoch ist relativ grau und langweilig gewesen. Huchel, etwas einsilbig: „War nicht sehr großartig, wie?“
II
Gleichfalls am Rand der Heidelberger Tagung erlebt: Ich überreiche dem Dichter einen der kulturpolitischen Leitartikel, wie ich sie in jenen Jahren für die in Düsseldorf (nicht in Schwerin) erscheinende Kulturbundzeitschrift Heute und Morgen allmonatlich im edelsten Stil verfasste, und will von dem verehrten Mann wissen, was er davon hält. Es muss da so etwas wie „Dadurch rücken wir der Wiedervereinigung ein gutes Stück näher“ gestanden haben; ich weiß nicht mehr, wodurch, ich erinnere mich nicht mehr an den Inhalt des Artikels. Aber das missmutige Urteil Peter Huchels habe ich heute noch im Ohr: „Hören Sie ’mal!, dadurch – das ist ja das purste Feuerwehrdeutsch! Können Sie nicht auf solche Wörter verzichten?“ (Eine für meine spätere Prosa ungemein folgenreiche Antwort; insofern darf man auch diese Memoire zu den Stückchen rechnen, die ich gerne „Prologe“ nenne.) Seit diesem Moment von vor fast fünfzig Jahren stellt sich die Vokabel „dadurch“ in meinen Schriften nirgendwo mehr ein; soweit sie sich mir anbot, habe ich wie elektrisiert nach Äquivalenten gesucht, seither häufen sich vor allem in meinen Essays Formulierungen wie „solcherart“, „so“ oder „auf solche Weise“, auch sie nicht selten mit schlechtem Gewissen präsentiert. Wie tief mich Huchels schroffes (nein, keinesfalls freundliches) Verdikt getroffen hat, wird durch den Umstand unterstrichen, dass der eigentlich minimale Vorgang modifiziert auch in einem meiner verrückteren Prosastücke, in dem Band Ohne Nennung von Gründen (1985), durchgespielt wird, Jahre nach dem Tod Huchels, nämlich nach der Entdeckung eines fatalen „Dadurch“ in Huchels Sinn und Form, genauer: in einem unter Huchels Federführung in Sinn und Form abgedruckten Gedicht von Johannes R. Becher, „Das Altersgedicht“ überschrieben:
Von den Gedichten meiner Jugend
Unterscheidet sich
Das Altersgedicht
Dadurch
Daß es der Jugend gewidmet ist,
Ihrer Kraft, ihrem Leuchten,
Ihrem strebenden Bemühen
Um den Frieden,
Um das Neue.
(Kommentar beinahe überflüssig: Eine Unsäglichkeit sondergleichen, lieber Peter Huchel; und ich denke manchmal, dass es dieses „Gedicht“ gewesen ist, das Sie nachträglich besonders empfindlich gemacht hat für die Vokabel „dadurch“, vom „strebenden Bemühen“ mal zu schweigen.) In meiner phantastischen Story aus den frühen Achtzigern geschieht es übrigens, dass Johannes R. Becher selber im „Pressecafé“ der Nachkriegsjahre das Verslein meinem Schelmen-Helden Bubi Blazezak vorliest, um die Meinung des „Mannes aus dem Volke“ zu erfahren. Bubi reagiert mit dem Blablabla, wie man es häufig schon bei „Lesungen“ gehört hat; „,Man müßte vielleicht häufiger Gedichte hören, und nicht nur hören, sondern vielleicht auch lesen! DADURCH, versucht er sich zu entschuldigen und betont das auch von Johannes R. Becher ausdrucksvoll hervorgehobene Wort aus dem Feuerwehrdeutsch, ,dadurch, daß ich hauptsächlich Landschaftsbücher lese…‘“ Und siehe: „Johannes R. Becher steckt sein Gedicht geschockt wieder ein…“ Wie auch ich in Heidelberg im Jahr 1954 meinen wunderbaren Leitartikel (im Stil Thomas Manns geschrieben) rasch weggesteckt habe und nie wieder hervorgeholt.
Adolf Endler, in: Text + Kritik: Peter Huchel – Heft 157, edition text + kritik, Januar 2003
Peter Hamm: „Sei getreu, sagt der Stein“. Zum 70. Geburtstag Peter Huchels.
Süddeutsche Zeitung, 3.4.1973
Karl Krolow: Ein Mann, der Gesichte hat. Peter Huchel zum 70.
Hannoversche Allgemeine Zeitung, 3.4.1973
Olof Lagercrantz: Ein deutscher Dichter. Peter Huchel zum siebzigsten Geburtstag.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.4.1973
Helmut Mader: Mottos zu einem Leben. Peter Huchel wird siebzig Jahre alt.
Stuttgarter Zeitung, 3.4.1973
Franz Kalterbräu: Peter Huchel ist tot.
Frankfurter Rundschau, 7.5.1981
Karl Krolow: Apokalyptische Landschaft.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.5.1981
Albert von Schirnding: In der Mitte der Dinge die Trauer.
Süddeutsche Zeitung, 8.5.1981
Bruno Bolliger: Unbekümmert geht der Fremde davon.
Neue Zürcher Zeitung, 9./10.5.1981
Stephan Hermlin: Aber wir sind doch Brüder…
Die Zeit, 15.5.1981
Wolfgang Kopplin: Nachruf. Der große Peter Huchel.
Bayernkurier, 16.5.1981
Hans Dieter Schmidt: „Der Fremde geht davon…“. Erinnerungen an den Dichter Peter Huchel.
Rhein-Neckar-Zeitung, 16./17.5.1981
Klaus Sauer: Eine deutsche Passion.
Deutschland Archiv, 1981, Heft 6
Stefan Welzk: „Überdrüssig der Götter und ihrer Feuer“.
Frankfurter Hefte, 1981, Heft 8
Axel Vieregg: Nachruf auf Peter Huchel.
Neue Deutsche Hefte, 1981, Heft 3
Alexander Kluy: Der große Hof des Gedächtnisses
Lutz Seiler: Im Kieferngewölbe.
Sinn und Form, 2003, Heft 2
Klaus Bellin: „Aufs tote Gleis rangiert“.
Neues Deutschland, 3.4.2003
Helmut Böttiger: Kindheitsträume und Diktaturdrangsal.
Stuttgarter Zeitung, 3.4.2003
Christian Egger: Auf den Feldern der Kindheit.
Mitteldeutsche Zeitung, 3.4.2003
Uwe Pörksen: Der Widerstand gegen die Lüge.
Badische Zeitung, 3.4.2003
Steffen Richter: Mit dem Pflug in den Acker geschrieben.
Frankfurter Rundschau, 3.4.2003
Michael Braun: „Unter der blanken Hacke des Monds werde ich sterben“.
Basler Zeitung, 4.4.2003