Tränen und Rosen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch Tränen und Rosen

Tränen und Rosen

ELEGIE
in memoriam Albert Einstein

Ein Weiser aber,
bevor er starb: Er
hob noch einmal
seine Hand… und angestrengt
vor Warnen war der Raum.
Da welkten schon und wie vom Rande
schmerzerregter See
die Schatten seines Mundes. Doch
voller Deutung war und ganz
im aufgefangnen Lichte dunkler Sterne
die letzte Stunde:
Weltgedicht der Zahlen!

Jedoch:
die Hand stand unbewegt.

Wind auf den Flächen
des Alls. Leben Tode –
Schmerz! Ausgerissen
die Schwingen Gottes, die Gedanken
lagen, verstreut.
Du aber im Nachtgrund,
Fliegender, fern
der weißen Wange deiner Erde,
dem Kinderstaunen
von Wipfeln und grasleisem Mond:
todabgeschieden
unter den ferngesteckten Gestirnen ahnt
ein Walten dein Herz.
Vernimm den Ton: Schweigen…
ein Denken, alterlos
der Welt: die schmalgebogene
Brücke!

Oder schreckt es dennoch
tief um dich in dir
und du erinnerst den Schmerz
im altersgefurchten Rembrandtgesicht,
dies Wissen
unterm Lid, zurückgehalten,
wurzelhart, ein Schatten?
Wie schnell endet der Mensch… und wanken erst,
die ihn überdauern einen Atem lang,
die Berge, erlischt,
was menschlich war,
im Aug ihm… und zerdrückt ist
sein Stolz, Schmetterlingsflügel im Sturm.
Noch geht wie unter traumwärts
fliehenden Wolken still
dein Fuß, und
zerbrochen schon
ist, die dich trug,
die dünne Schale der Erde.

Blut quillt,
immer wieder das Blut!

Verbirg, aschkalten Herzens, Bruder
verbirg deine Hände! Deck zu
die mitwissenden, die
zu schweigen verstehn:
Finger, die warfen Blatt um Blatt
auf den besudelten Tisch beim argen Spiel,
nicht aufzuschauen, da
der Würger umging. Deck zu,
Elender, daß schlafen du magst und,
inmitten des Todes,
gesichtlos.

Aber war nicht, sagt es,
sagt das gültige Wort: war,
wo im Buchenwald
der große Liebende, hier,
einem Herzschlag lauschte, nicht
der sichre Ort? Und sang
er nicht einst? – Kahlgeschlagen
sein Berg, Sand und kaltes Erstarren:
die ungeschlossenen Wunden!
Und unter den Rinden
die fingerlose Angst!
Nacht du der Nacht:
felsennagender Schatten
an unserm Herzen!

Noch deine Bäume, Deutschland,
wissen zu viel.

Erich Arendt

 

 

Das beschwörende Wort der Dichter

an die menschliche Vernunft ist auferstanden in hundert Sprachen, in tausendmal tausend Symbolen, überliefert aus allen Zeiten und Zonen, den Wahnsinn des Krieges begleitend als Klage, Mahnruf, Aufbegehren, Manifest, so alt wie der Krieg selbst, fast so alt wie die bezeugte Geschichte der Menschheit.
So wurden Generationen hindurch Geschichte gelehrt: als eine Kette von Kriegen, in denen Blut und Eisen für den Stärkeren entschied. Die Spannen dazwischen: notdürftiges Vernarben der Wunden, verstohlen-hastiges Rüsten, Spione im feindlichen Lager, Aufmarsch im schmelzenden Schnee, Angriff bei steigender Sonne – ewiger Kreislauf von Töten und Getötetwerden, veränderlich allein in der Technik und der Zahl der Opfer. Das gleiche Leid in immer neuen Bildern: der Stürzende unter dem Keulenschlag des Siegers, von den Sichelwagen hingemäht die Bogenschützen, Legionen erstickend im Sumpf, schmerzentstellte Gesichter unterm Helmdach, Bauern zerstampft vom Huftritt der Panzerreiter, an die Grabenwand gepreßt Köpfe im Trommelfeuer der Materialschlacht – Kriegszüge, Kreuzzüge, Raubzüge, in Schiefer geritzt, auf Papyrus gepinselt und in Stein gehauen, als Tempelfries, als Mosaik, Holzschnitt, Historienbild, als Zeitungsfoto, als Filmbericht.

Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?

In fünfeinhalbtausend Jahren menschlicher Geschichte, sagen die Gelehrten, hat es knapp dreihundert Jahre des Friedens gegeben; in vierzehntausend Kriegen wurden mehr Menschen geschlachtet, als gegenwärtig auf dem Erdball leben: drei Komma sechs Milliarden.
Kriege, angezettelt aus Eroberungssucht, aus Besitzgier, Ehrgeiz, Chauvinismus, Rache, Neid, religiösem Fanatismus; im Geschoßhagel der „kleine Mann“ der Weltgeschichte, „kämpfend für Fürsten und für Adelsbrut und fürs Geschmeiß der Pfaffen“. Für ihn ein Stück gestanztes Blech und ein Kreuz ohne Namen auf dem Massengrab, für seine Herren Trophäen, Arbeitssklaven, eroberte Provinzen, Einflußsphären, Rohstoffe, Märkte, Dividenden:

Sie das Gold und wir der Dünger, wir das Dunkel, sie das Licht.

Dulce et decorum est pro patria mori! hieß ein Leitspruch aus dem Lateinpensum unserer Väter. War für die Frauen und Kinder der Tod des Ernährers auch süß? Für die in der ersten Reihe der Schlachtordnung, „im Rock des Räubers“ eingedrungen in fremde Länder, war für sie der Tod ehrenvoll? Der Tod fürs Vaterland – wer verkörperte das Vaterland? Gott mit uns! – dann der Bauchschuß durchs Koppelschloß.
Lange hörten die Völker auf miserable Lehrer; man deklamierte ihnen den Horaz und unterschlug den Satz des Pindar:

Süß ist dem, der ihn nicht kennt, der Krieg.

Zu allen Zeiten waren Schreiber mietbar, die das Wort prostituierten, um sinnloses Sterben zu glorifizieren.

Die Erde zittert, zittre, Schwert. Ich bin ein heiliger Reiter… Der Bester ist, der Sieger bleibt, und ich begehr nichts weiter.

Der so das Faustrecht anbetete, starb nicht im Schützengraben, sondern im Bett in den Jahren zwischen zwei Weltkriegen, deren erster weit über zehn, deren zweiter zweiunddreißig Millionen Opfer verschlang.
Haßgesänge übertönten auch in der Dichtung oft die Stimme der Vernunft. Trotzdem war sie immer da, zaghaft anfangs, vorsichtig, verschlüsselt, wehklagend, anklagend, mehr Rebellion des Herzens als des Kopfes. Sie wuchs an Kraft und Eindringlichkeit, je fürchterlicher die Kriege wurden, und ermutigte die Völker, den Schleier zu zerreißen, der das Geheimnis der Entstehung von Kriegen verbarg. Lenins Funkspruch: An Alle! An Alle! verkündete eine neue geschichtliche Moral und erfüllte eine Welt mit der Hoffnung, daß die uralte Botschaft: Friede den Menschen auf Erden! endlich Erfüllung finde. Erschüttert wurde der Glauben an die Unvermeidbarkeit, an die Naturgesetzlichkeit des Krieges. Dem Moloch fiel der Mantel von den Schultern, ab fiel die Erstarrung vor den Apokalyptischen Reitern: Krieg ist nicht Schicksal, nicht Hagelschlag ins reife Korn; Krieg ist besiegbar wie Pest und Hunger. Wenn Krieg droht, hilft kein Geschichtsfatalismus, kein Beten vor dem Altar: Ehe die Hand den Ölzweig hebt zum pazifistischen Gruß, ist sie vom Arm geschlagen. Die Völker müssen den Kriegsgott für immer vom Sockel stoßen: Krieg den Urhebern der Kriege, oder, wie Majakowski fordert:

Befriedet den Planeten!

Das ist der ewige Friede der philosophischen und religiösen Schulen, aus dem Wunschbild transponiert in die Politik des zwanzigsten Jahrhunderts.

Nur wenn das Reich bedroht von Feindeshorden,
wenn mordend sie mit Krieg uns überzogen,
dann greift zum Schwert, dann spannt ihn straff, den Bogen –
nie aber, um, aus bloßer Gier zu morden!

Dieser Vers des Du Fu, zwölfhundert Jahre alt, vollzieht die Scheidung zwischen gerechtem und ungerechtem Krieg längst vor allen philosophisch-staatsrechtlichen Erwägungen. Im Dreißigjährigen Krieg definiert Logau: „Ein Krieg ist köstlich gut, der auf den Frieden dringet“, und die anonyme Weisheit des Volkes singt in den Feldzügen von 1870/71:

Auf, laßt zur Heimat uns zurückmarschieren,
von den Tyrannen unser Volk befrei’n…
Soldat der Freiheit will ich gerne sein!

Gäbe man mir ein Gewehr, rief der kubanische Patriot und Spanienkämpfer Nikolás Guillén, „ich würde meinen Brüdern sagen, wozu es dient“. Das Aufrechnen vergangenen und das Verhindern künftigen Unrechts ist die humanitäre Legitimation, die Erich Weinert dem Soldaten der Roten Armee zuspricht:

Das ist für Liebknecht! Das für Spartakus!
Für Thomas Münzer! Für Marat! Für Hus!
Für alle, die im Kampf ums Recht gefallen.
Und jeder Schuß war ein gesühnter Mord
und riß ein Stück uralten Unrechts fort.

Angesichts der Millionen Helden, die für die Befreiung von der faschistischen Barbarei gefallen sind, schreibt der sowjetische Dichter Alexej Surkow:

Für unsere Kinder schmelzen wir aus dem Eisengeschrei schon der Liebe Lied.

Die Kriege sind von Jahrhundert zu Jahrhundert immer verheerender geworden. Die Folgen eines dritten Weltkrieges sind vorausberechnet worden, seine potentiellen Opfer nur noch erfaßbar durch den Zusatz Mega zu dem Zahlwort. Und die Vernichtungstechnik hat eine neue Qualität des Sterbens und Siechens entwickelt. In Linus Paulings Untersuchung Leben oder Tod im Atomzeitalter findet sich eine Landkarte, deren dichte Schraffuren die Strahlungsintensität sechzig Minuten nach dem Ausbruch eines Kernwaffenkrieges markieren; sie liegt in kontinentaler Breite bei tausend Röntgen und darüber. Sechshundert Röntgen sind tödlich. Die biologischen Folgen sind selbst dem Wissenschaftler nicht voll überschaubar, aber die Statistik japanischer Kliniken gestattet eine alle anthropologischen Dimensionen überspringende Vorahnung, wie jenes Geschlecht der Übrigbleibenden aussähe, dessen Menschenähnlichkeit durch entsetzliche Mutationen getilgt wäre. In den Tabellen der Physiker, Chemiker, Mediziner liegt die ins Globale vergrößerte Parallele zu jenem Karthago, das nach dem dritten Kriege nicht mehr auffindbar war.
Von diesen Drohungen umstellt, wird die Überlegung sinnlos, ob Poesie und politisches Engagement miteinander zu vereinbaren sind. Sollte es je „reine“ Dichtung gegeben haben: In dieser Zeit, da die Existenzfrage an die Menschheit gerichtet ist, an den Wissenschaftler, an den Politiker, an den Künstler, an dreieinhalb Milliarden Menschen, verliert der Dichter sein moralisches Antlitz, wenn er nicht für das Leben Stellung nimmt, wenn er sich nicht bemüht, die Menschen sehend, die Zusammenhänge durchschaubar zu machen.
Die Taube Picassos, aufgestiegen zum Flug um den Erdball, ist den Stürmen des Krieges heute nicht mehr schutzlos preisgegeben.

Die Hand, die Sterne versetzte,
wacht über der Erde Drehn,
die Hand, die den Stern geschaffen,
ist’s, die uns hält.

Der Bogen der in dieser Anthologie vereinten Gedichte reicht von dem frühesten uns überkommenen Zeugnis der Friedenssehnsucht, einem sumerischen Bruchstück aus dem vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, bis zum poetischen Manifest gegen den Atomstrahl; von der fatalistischen Ergebenheit in die Kriegsgreuel über die Ohnmacht des klerikalen Idealismus mit seiner Vertröstung auf einen ewigen Frieden im Jenseits bis zur Macht wissenschaftlicher Erkenntnis, die uns befähigt, den Krieg als gesellschaftsgebundene, geschichtliche Erscheinung zu begreifen und durch gesellschaftliche Veränderung zu bekämpfen.
Auch mit dem Wort zu bekämpfen. Wenn die Lyrik, die Kunst insgesamt auf politische Wirkung heute verzichtet, kann sie mitschuldig werden, daß morgen die Erde keine Dichtung mehr trägt. Keine Dichter. Kein Publikum.

Richard Christ, Vorwort

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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