Alfred Kolleritsch: Gegenwege

Kolleritsch-Gegenwege

ERNST JANDL, INWENDIG

Den Leib geöffnet, die Monade,
Spiegelschutt im Sack,
die Ordnung vielgeteilt
und hingeschüttet,
das ganze Leben so,
der Sprachleib offen,

es reden tausend Zungen
und Zungen gegen Zungen,
Gewebe reißen, das Zusammenspiel
vergrößert sich in Spiele,
aus den Verstecken springen
Bedeutungen einander an die Kehle,

Klares tauscht die Rolle,
Schmerz wird Lachgeschrei,
Sätze nehmen sich des Leides an,
verfallen mit, und die großen
Dinge zergehen in der Leibeshöhle,
fensterlos verschwindet Welt in sich,

sie redet weiter, tot das Glück,
Lautrippen klammern sich darum,
Fahrten in die Nacht, das Wortgestöber,
der Rumpf geht über in das Ganze.

Die Trauer, unbesiegt, steht abseits,
verhüllt sich und schweigt dazu.

 

 

 

Die sinnliche Energie,

die von den neuen Gedichten Alfred Kolleritschs ausgeht, ist außerordentlich. Das Gesehene, Gehörte, Geschmeckte reibt sich am Denken, läßt sich von ihm zügeln, treibt es voran, und verleiht der Sprache dieser Gedichte eine Widerstandskraft, Sperrigkeit und zugleich eine plötzlich überwältigende Süße, die in der Literatur dieser Jahre einzigartig ist. Mit dem Ineinanderflechten von philosophischem Denken und sinnlicher Anschauung problematisiert Kolleritsch die Möglichkeiten lyrischen Sprechens und erweitert sie zugleich. Gegenwege: mit diesem vielfältig deutbaren Titel ist auch ein Hinweis gegeben auf den Versuch des einzelnen, sich der Geschichtsverfallenheit entgegenzustellen und eine Richtung einzuschlagen hin zu dem Ort der Erfahrung, die der Mensch nicht teilen, wohl aber mitteilen kann. Diese Mitteilung ist die Figur des Gedichtes selbst und sein Aufgehen in der mitwirkenden Phantasie des Lesers.

Residenz Verlag, Klappentext, 1991

 

Von des Kaisers schönsten Kleidern

Zählt man die nur als Typoskript vorhandene Dissertation über Martin Heidegger nicht mit, dann hat Alfred Kolleritsch bis heute zwölf Bücher veröffentlicht, darunter drei Romane und mehrere Gedichtbände. 1978 wurde ihm in Siena der Petrarca-Preis verliehen. Aus Anlaß seines 60. Geburtstages haben in diesem Frühjahr zwei Literaturwissenschaftler der Universität Graz als Debütband einer Buchreihe über österreichische Autoren eine Art Festschrift herausgegeben. Sie enthält neben einem Interview-Protokoll und Peter Handkes Petrarca-Preis-Rede ein paar gewichtige Aufsätze und Textanalysen, den Abdruck einiger Kritiken sowie eine umfangreiche Bibliographie. Franz Weinzettls minutiöse Chronik zu Leben und Werk plaudert allerdings reichlich unbekümmert über Privates und Familiäres, und was schlimmer ist: Sie langt tief ins Nähkästchen des Provinziellen.
Solche Mitteilungen der Chronik erhalten ihren Sinn, wenn man sie als Lesehilfen für die „gelebten“ Teile von Alfred Kolleritschs Romanen benutzt, und besten Falles können sie als die Schatten von Abbildern der Realität Zeugnis davon ablegen, wie sich hier jemand aus der Mitte steirischer Provinz heraus zu einem großen Dichter entwickelt hat. Das Problem ist nur, daß der starre Blick auf alle Gruppierungen, Gründungen, Austritte und Zerwürfnisse, auf Anekdoten, kleine Skandale und Ehrenhändel (mit Friedrich Torberg zum Beispiel) den Dichter zu einer zentralen Erscheinung eines spätösterreichischen und Grazer feuilletonistischen Zeitalters verkleinern.
Wie ein Riese erscheinen selbst im Blick durch das umgedrehte Fernglas noch die mehr als hundert meist großformatigen Hefte der Zeitschrift manuskripte, in denen Alfred Kolleritsch seit 1960 eine Buchstabenflut von Erstveröffentlichungen moderner Literatur entdeckt und angeboten hat. Viele Bücher sind daraus entstanden, mit denen andere sich geschmückt haben. Dennoch wünsche ich mir, daß eines Tages jemand fragte: Ach, die manuskripte – ist das nicht die Zeitschrift, die der Autor von Augenlust und Gegenwege herausgegeben hat?
Es ist zu befürchten, daß aus Trägheit die Frage so noch lange nicht gestellt werden wird.
Der Hinweis, die Gedichte von Alfred Kolleritsch seien für eine solche Leser-Einschätzung zu schwierig, wäre nur die Wiederholung einer häufig variierten, als captatio benevolentiae getarnten reservatio mentalis. Der Vorbehalt des Gedanklichen schien bis zur Publikation des Gedichtbandes Absturz ins Glück (1983) noch eine Deutung als Gedankenlyrik zu ermöglichen. Bei Augenlust (1986) war das schon heikler. Eine Abkehr von Rilkes Verwandlung der Dinge ließ sich andeuten, eine versuchte Nähe zu Husserls Phänomenologie erschien legitimerweise feststellbar. Die Gedichte der Gegenwege sind finale Gebilde. Vor der nur in ihnen aufscheinenden realen Gegenwart des Todes versagen – mit George Steiner gesprochen – die „exegetischen und kryptographischen Fähigkeiten“ dessen, der diese Texte erklären wollte:

überallhin übersteigend,
begehrt das Wort
keine Grenze

Diese Gedichte sind ganz bei sich und auch nicht mehr begrenzbar durch eine interpretatorische Rückbindung an das bei Heidegger geschulte Denken ihres Autors. Alfred Kolleritsch verkündet keine Wahrheit, die außerhalb der sinnlichen Gestalt des Gedichts greifbar vorhanden ist. Auch die gegenüber früheren Gedichtbänden noch häufiger gewordenen Todesbilder lassen keine Rückschlüsse auf eine biologische Befindlichkeit des älter gewordenen Autors zu. Sie beschreiben nichts – und schon gar nicht das Sterben. Der Tod ist eine Erweiterung des Lebens, ein Gegenweg. Wer glaubt, an der Gewohnheit festhalten zu müssen, daß Gedichte anders als Bilder oder Musik auf einen Klartext der Verständigung reduzierbar seien, wird in diesen Sprachgebilden nur des Kaisers neue Kleider (nicht) sehen, und er wird verkennen, daß die Nacktheit des Seins sich in heutiger Lyrik kaum prächtiger kleidet als in Alfred Kolleritschs Gegenwegen, die die schönsten Feldwege des Denkens befreiend offenhalten:

dem großen Traum läßt der Kopf
zum Spielen die Rätsel.

Mehr und mehr verlieren die Rätsel den Charakter des Gedankenspiels; sie werden zu Bilderrätseln, Gegenständen der Anschauung und des Lese-Spiels. Das letzte Gedicht des Bandes verweist auf den Apostel Thomas und dessen Begehren, die Herzwunde des Auferstandenen zu berühren. Diese Anspielung mißt die Spannbreite zwischen Zugreifen und Anschauung:

Die Hand
in die Seite legend?
Wem bliebe die Hand,
ihre Zeichen und Nägel?

So wie es Thomas vermutlich auch tat, entscheidet sich das Gedicht für die Erkenntnis des Auges. Zahlreiche Augensegen beziehen sich auf diesen Apostel, der von der Blindheit des Herzens geheilt wurde. Einem Dichter wie Alfred Kolleritsch, der mit den Augen denkt, wird dies bewußt sein.
Diese Gedichte kommen als Fremde zu uns, sie beharren auf ihrer Würde, sie biedern sich nicht an. Parlandoton und Alltagssprache findet man nicht, aber diese Fremden sind nicht unkommunikativ; sie sprechen mit uns und ziehen uns in die wörtliche Rede hinein:

das Eis der Anführungszeichen
schnalzt mit der Zunge.

So ist jenes Schlußgedicht Peter Strasser gewidmet, einem in den manuskripten entdeckten österreichischen Autor, der sich selbst mit ironischem Ernst einen Philosophen genannt hat. Das Gedicht zitiert ihn:

Das Schöne, „daß es nicht ist“,
sagst du,

„dehnt den Gegenweg,
es wird der Abschied sein.

Dieses Gesprächszitat benennt den Singular des Buchtitels und lädt zu einer pluralen Verwandlung ein: Das Schöne, daß es ist in diesen Gedichten, lockt uns auf Gegenwegen ins Offene.

Herbert Wiesner, neue deutsche literatur, Heft 464, August 1991

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Rolf Schneider: Kolleritsch gibt Pfötchen
Die Welt, 24. 4. 1991

Dominik Jost: „Gegenwege“
Neue Zürcher Zeitung, 5. 7. 1991

Sibylle Cramer: Die Armut der gespaltenen Zunge
Basler Zeitung, 12. 7. 1991
Auch in: Süddeutsche Zeitung, 17. / 18. 8. 1991

Ulrich Weinzierl: Auf dem Gegenweg
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. 7. 1991

Elisabeth Grotz: Die Schwerkraft des Älterwerdens
Die Presse, 19./20. 10. 1991

 

VON DER SCHWERMUT DES ALFRED K.,
VON DEN NIEDERHÄNGENDEN ZWEIGEN DES SCHICKSALS

so schielt der Morgen, sagt seine Stimme in meinem Traum, über die Schneewächten über den vereisten Platz zu ihm in die Klinik, damals, und die Eisfläche war Tragödin ich meine er sprach in den engl.Zungen. Sprachen über Reviertreue und er sagte, bin so ausgewechselt wenn ich fortfahren musz – inmitten helleren Hortensien die virtuellen Bücher so sind wir geschwisterlich verbunden, seit wievielen Jahrhunderten wandern wir Hand in Hand den Schloszberg hinauf, verweilen 1 wenig, die Aussicht zu genieszen während EJ uns fotografiert, der Start des Kastanienbaums, so Max Ernst, rauschte über unseren Häuptern als wir saszen vor dem Haus, zusammen mit Peter Handke, EJ, Wendelin Schmidt-Dengler, vermutlich Kuckucksstücke in Eschen laufend. Also möchte ich auf 1 Höhe steigen, sagt er, und hinunterblicken ins grüne Tal dasz meine Sinne sich erfrischen mögen und meine Augen weiden mögen in den Gestalten der Landschaften, dem Wellenschlag der Gebirge dem Rauschen der Wasserläufe, wie damals in jenen Sommertagen, weil ich starre ins Dunkel der Schlafstube, sagt er, und die Mantille des Schwans wallte am Ufer des Traunsees und ich sage zu ihm, du wirst ja wieder im Dichterbuch schreiben etc.
Also gut beseeltes Café, ich war 1 Nachtigall ich war 1 Schmetterling ich war 1 Schwalbe, „oft kennt’ ich insgheim von 1 Kahnfahrt von 1 Tale, das mir 1 Berg verbarg, Trost erwarten (Höld.)“, die unfaszbare PLUMAGE, nämlich was diesen weiszgeflockten Wasservogel angeht, ich spreche vom hl.Geist, kommt er und geht er wie es ihm beliebt, sage ich zu Alfred K., also er spielt mit uns, vertreibt uns und lockt uns wieder heran, also tatsächlich uns die Brust gibt – sobald er uns aber wieder verläszt, uns 1 groszer Schrecken: wie man häufig bei groszem Schrecken die gröszte Glocke läutet (J.D.)

Friederike Mayröcker, 1.7.2010

 

BRAUNE SCHUHE

Brown shoes don’t make it
Frank Zappa

(Fredis Schuhe)

Wirklich, die braunen Schuhe sind an allem schuld,
das alte Palais am Fluss
und das Haus am Hang,
die Grenzen zwischen den Hügeln,
die Madonnen an den Straßen,
das Haus am See,
der ans Meer erinnert,
an Frieden und Leben,
Familie.
Glück.

Alles wäre in Ordnung gewesen,
hätten sich nicht die braunen Schuhe eingemischt.
Schuhe, in der Sonne braun,
im Schatten schwarz:
Wer soll sie tragen?
Ich kann nicht schlafen.
Die Sterne flüstern:
Vielleicht wegen der braunen Schuhe,
die nicht schwarz waren,
vielleicht wegen des Vollmondes
dort oben über der Stadt.

Vom Schlossberg sehe ich auf den Fluss
und das Leben.
Es war lang und wütend,
voll verlogener Zärtlichkeit,
unbekannter Mutterstimmen,
Marienbilder und Lügen.
Die Kerze am Fenster,
die nicht verlöschen will.
Und ich weiß bis heute nicht,
woher ich sie habe.
Wahrscheinlich aus dem Tal,
unter dem Plastikkreuz,
errichtet für die Heiden
und die, die da leiden,
obdachlos wartend.

Wirklich, die braunen Schuhe waren nicht schwarz.
Nur damals in Rožna dolina,
als die Sonne verschwand
und Wind und Wolken
herbeirasten.
Dort bei den Weiden,
die an Vater erinnerten,
an sein kleines Glück,
sein Dorf,
von dem selbst Gott sich losgesagt hat.
Dort bei den leeren mit Moos
bewachsenen Gräbern,
den unglücklichen Witwen,
den einsamen Seelen,
die ohne menschlichen Atem
durch fensterlose Häuser taumeln.

Ich lösche die Kerze am Fenster,
denn es ist mir eingefallen,
woher ich sie habe.
Ich warte,
dass der Kirschbaum im Garten blüht,
dass der Postbote einen gelben Briefumschlag bringt,
mit dem richtigen Inhalt und der Landkarte,
und sagt: Guten Tag.
Ich warte, dass die Schuhe schwarz werden
und weich.
Ich warte, dass die Schuhe aufbrechen können,
die braunen, nicht die schwarzen,
die falschen.

Um Himmelswillen, lass sie mich wenigstens putzen.
Die braunen, nicht die schwarzen. Die Schuhe.

für Alfred Kolleritsch

Maruša Krese

 

Zum 75. Geburtstag des Autors
Zum 80. Geburtstag des Autors
Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
Porträtgalerie

 

Präsentation des Lyrikbandes Es gibt den ungeheuren Anderen von Alfred Kolleritsch im LITERATURHAUS GRAZ am 5.2.2013.
Ausschnitte aus der gemeinsamen Lesung von Alfred Kolleritsch und dem Grazer Schauspieler Daniel Doujenis.

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