Heinz Politzer: Zu Else Lasker-Schülers Gedicht „Die Verscheuchte“

Im Kern

Im Kern

– Zu Else Lasker-Schülers Gedicht „Die Verscheuchte“ aus dem Band Else Lasker-Schüler: Gesammelte Werk in 3 Bänden. Band I: Gedichte 1902–1943. –

 

 

 

 

ELSE LASKER-SCHÜLER

Die Verscheuchte

Es ist der Tag im Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich –
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.

Wie lange war kein Herz zu meinem mild…
Die Welt erkaltet, der Mensch verblich.
– Komm bete mit mir – denn Gott tröstet mich.

Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich?
Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild
Durch bleiche Zeiten träumend – ja ich liebte dich…

Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt?
Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich
Und ich vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.

Bald haben Tränen alle Himmel weggespült,
An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt –
Auch du und ich.

 

Kabbala der Leidenschaft

Sie war aus dem Geschlecht der Hexen. Der Hexe von En-Dor nämlich, die dem König Saul weissagte und den Geist seines Vaters heraufrief. Wie in Trance ging sie durch die Straßen von Jerusalem, eine alte Frau, ein einsamer, exotischer Nachtvogel mit gebrochenen Flügeln. Ihr Alraunengesicht trug schwer an der Last seiner Augen, die allzuviel gesehen hatten. Ihre Lippen waren bitter; wenn sie aber lächelten, wirkten sie kindlich und unschuldig.
Im Jahr vor ihrem Tod, 1943, erschien in Jerusalem, der damals noch geteilten und von Terror zerrissenen Stadt, ein schmaler Gedichtband, ihr letzter. Das Buch war auch in politischem Sinn ein Ereignis: Es wurde mitten in einer um Leben und Sprache ringenden jüdischen Gemeinschaft veröffentlicht, zu einer Zeit, in der Hitler im Namen des Deutschen die Welt mit Krieg überzog.
Das Gedicht „Die Verscheuchte“ steht in diesem Buch. Es war Jahre vor der Einwanderung der Lasker-Schüler nach Jerusalem geschrieben, in Zürich, wo sie mit Schauspielern des Pfauentheaters, vor allem mit Ernst Ginsberg, Freundschaft geschlossen hatte. Zuerst trugen die Verse den Titel „Das Lied der Emigrantin“; die vierte Strophe, die wichtigste, fehlte noch.
Das Lied ist eine Litanei der Liebe: ungemein frei behandelte Terzinen, beschränkt jedoch auf zwei Reime; beide Reimwörter auf einen einzigen Vokal, das schrille „i“, gesetzt, so daß die Unreinheiten im Reim, etwa gleich des ersten Verses, nicht störend, sondern mildernd wirken. Im „Auch du und ich“ der, verkürzten, letzten Zeile wird die Leidenschaft der Verbannten einfache Versgestalt.
Diese Leidenschaft steht nur scheinbar in der Vergangenheit („da ich liebte dich…“). So groß ist die Liebe gefaßt, daß sich privates Schicksal mit dem der Welt zu decken vermag. Entfremdet ist alles; der Gott, zu dem zu beten die Liebende den Geliebten auffordert, ist, sie weiß es, tot, auch er ein Schattenbild. Dennoch erhebt die Dichterin die Hände zum Gebet: Die Milde der Liebe, die einmal war und die, wie die letzte Zeile in verschlüsselter Kürze andeutet, noch immer ist und sein wird, sie spendet den Trost, den Gott gewährt; er erlaubt den Liebenden, ihn immer wieder in ihrer Liebe neu zu schaffen. Im Detail der Bilder – des Wildes, das aus der Landschaft aufgescheucht ist, des vor Kälte brüllenden Nordsturms auch, der feindlich den Liebenden droht – klingt das Gedicht an die Klage des dem Wahnsinn verfallenen Hölderlin um Diotima an. Wahn ist das Schicksal der Dichter, wenn die Verbannung sie in der eigenen Heimat ereilt.
Auch der Pfeil, der bei Hölderlin das Wild, den klagenden Menon, den Dichter selbst, getroffen hat, ist da, in Zeilen, mit denen das Gedicht in einer Fassung endete, die Klaus Mann schon 1934 in der Amsterdamer Emigranten-Zeitschrift Die Sammlung abdruckte:

Und deine Lippe, die der meinen glich,
Ist wie ein Pfeil nun blind auf mich gezielt –

Mit Recht hat die Lasker-Schüler sie gestrichen; sie führen die gültige Schlußzeile des Gedichts, wie es nun vor uns liegt, weiter und enthüllen lediglich eine Intimität.
Am Ende der vierten Strophe fällt das Wort vom „Bündel Wegerich“. Das Wort „Bündel“ ist strikt autobiographisch. Wer je die Lasker-Schüler in Zürich oder Jerusalem gesehen hat, erblickte ein Bündel – gelegentlich begeisterten – Elends. Das Wort „Wegerich“ aber entspricht nicht nur dem Kraut vom Stamme Plantago, der Bescheidenheit seines niederen Wuchses, der Demut seiner unscheinbaren Blüten; es zerfällt auch in die Silben „Weg“ und „Er“ und „Ich“. Was dieses „Ich“ mit jenem „Er“ teilt, der eben erst, am Ende der vorausgegangenen Strophe, als „Du“ angesprochen worden ist und in der letzten Zeile wiederkehren und dem „Ich“ vorangestellt sein wird, ist die Stammsilbe des Blumennamens, der „Weg“, ein Weg des Exils und des unerbittlichen Abschieds.
Das aber ist deutsche Sprache nicht mehr; es ist ein Zauberwort, wie es einer Besessenen und Beschwörerin wohl zukommt, eine magische Chiffre, deren Bedeutung sich, jenseits aller Semantik, in unauslotbare Tiefen verliert, eine Kabbala der Leidenschaft, die sich die Dichterin der „Hebräischen Balladen“ erlauben durfte.
Als ein hebräischer Dichter ihr einmal vorschlug, ihre Gedichte in die Sprache des Landes zu übersetzen, soll die Lasker-Schüler geantwortet haben:

Aber sie sind doch hebräisch.

Es war ihrem schöpferischen Unbewußten nicht unbewußt geblieben, daß sie aus jenem Geschlecht stammte, das einst einem biblischen König die Wahrheit hinter dem Wort vermittelt hatte.

Heinz Politzer, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Über die Liebe, Insel Verlag, 1985

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