Jan Bürger (Hrsg.): Ich bin nicht innerlich

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Jan Bürger (Hrsg.): Ich bin nicht innerlich

Bürger (Hrsg.)-Ich bin nicht innerlich

G. B. ALPHABETVERSUCH

A – ANATOMIE, die
„Anatomie“ ist das erste Wort, das mir einfällt, wenn ich den Namen Gottfried Benn ausspreche. In seiner Dichtung fühlt man sich wie in einem Anatomie-Labor. Du gehst darin umher, betrachtest ganz genau all das, was man dort „Objekte“ nennt, du atmest den Geruch von Antiseptika ein, wirst blaß und blässer und versuchst trotzdem, deine gute Laune zu bewahren. Einmal, als ich noch ein umherschweifender Nobody war, nahm mich ein Freund mit ins Anatomie-Museum der Stadt Lviv. Eine durchaus gewagte Aktion, denn der Zutritt zum Museum war für Unbefugte streng verboten. Nur Medizinstudenten durften hinein, alle anderen nicht, vermutlich wollte man ihren guten Glauben an die diskreditierte Natur des Menschen nicht gefährden. In meiner Erinnerung finde ich riesige Herzen von Metzgern und Liebenden, durchhängende und aufgeblasene Lungen von Rauchern, Trompetern und Glasbläsern, die melancholischen Innereien der Säufer, ein Tatoo auf einer Brust – über einer Brustwarze –, ein Heldenorden. Und als historische Exponate gab es auch noch die amputierten Hände des letzten städtischen Henkers. Alle diese Teile wurden in Behältern mit einer transparenten physiologischen Lösung verwahrt. Ich glaube, ich habe diesem Museum eine Rippe vermacht.
ZUSÄTZLICHE SCHLÜSSELWÖRTER (ZSW): Alraun, der | Anamnese, die | Anästhesie, die | Angst die | Anomalie, die | Aster (kleine), die

B – BLÄHUNG, die
Die Blähung resultiert aus der phänomenalen Fähigkeit der Natur, jeglichen freien Raum mit Gas auszufüllen. Was den toten menschlichen Leib betrifft, so ist die Blähung nur eine von zwei Möglichkeiten (es gibt immer mindestens zwei Möglichkeiten). Im Gegensatz zu Mumifizierung oder Austrocknung ist nämlich auch eine Saponifizierung möglich – Entstehung von Fettwachs gefolgt von Schwellung. Wie kein anderer wußte Gottfried Benn, daß es keinen dritten Weg gibt. Die Menschen trocknen aus oder blähen sich. Die einzige Alternative dazu bietet das Feuer. Schon die uralten indischen Texte bezeichnen das Feuer als die höchste – Reinigungssubstanz. Allerdings erwiesen sich dann die Krematorien als furchtbare Parodie auf diese Reinigungsmethode, insbesondere die KZ-Krematorien.
ZSW: Bierfahrer, der | Bierbauch, der | Bitterkeit, die | Bizeps, der | Blitzkrieg der | Blut, das | Boden, der | Blut und Boden | Bombardierung die | Bonze, der

C – CHAOS, das
Chaos – alles, was übrigblieb, seit Gott tot ist. Es handelt sich dabei um eine besonders reizvolle Version der Welt, leuchtend und laut, wie eine massenhaft besuchte Attraktion im nächtlichen Lunapark. Der Chaos-Glaube, der auf den Gottes-Glauben folgt, verursacht eine Befreiung der Instinkte und der Gase (siehe Blähung). Der Erste Weltkrieg hat eine Massenbekehrung der Christen zum Unglauben verursacht. Vor dem Krieg war Unglaube ein eher individuelles Phänomen und entsprang einer freien Entscheidung. So ist beispielsweise der Weg Benns von Marburg nach Berlin (von der Theologie zur Medizin) noch ein Weg, den er freiwillig eingeschlagen hat. Der Erste Weltkrieg hat dann aber gezeigt, daß es in Wirklichkeit gar keine Wahl gab. Interessant: Wie würde wohl der Sohn eines lutherischen Pfarrers im Brüsseler Militärspital, wo er seinen Dienst tat, auf abgerissene Gliedmaßen und herausgerissene Därme reagieren?
ZSW: Chemie, die | Chloroform, das | Christ, der (Christentum, das) | Clique, die | Courage, die

D – DERMATOLOGIE, die
Die Dermatologie ist zusammen mit der Pathologie und Venerologie die medizinische Fachrichtung, in der sich Benn nach eigener Aussage am sichersten fühlte. Die menschliche Haut ist ein wunderbares Forschungsobjekt. Das Wichtigste dabei – man behält den Unterschied zwischen den Dermatiden (Hautentzündungen) und Dermatosen (Hautkrankheiten) im Kopf. Man muß unterscheiden lernen zwischen der Blüte der Haut und ihrer Fäulnis, zwischen Absterben, Häutung, Schälung und Erneuerung. Die Haut ist eine lebendige Fläche, sie bietet Platz für einen Text und wird selbst zum Text. Deshalb bedeutet Dermatologie für Benn soviel wie Dichtung. Wobei in diesem Fall das deutsche Wort „Dichter“ sich tatsächlich von „dicht“ ableitet, der Dichter ist der Verdichter und Dichtung eine Verdichtung von Verbindungen und Bedeutungen und somit eine Intensivierung der Wirklichkeit.
ZSW: Deutschland, das | Dichter, der | Dieb, der | Diktatur, die | Dissonanz, die | Doktor, der | Doppelgänger, der | Dreck, der

E – ENGEL, der
Die Engel gehören im Krankenhaus zum Stammpersonal. Zu allen Zeiten waren die Krankenhäuser überfüllt von Engeln. (Daß wir sie meistens nicht sehen, steht auf einem anderen Blatt.) Es gibt zumindest drei Kategorien von Krankenhaus-Engeln. Zunächst einmal die rettenden, will sagen: Sie holen ihre Schützlinge gewaltsam aus dem Transitkorridor wieder zurück ins Leben. Dann die begleitenden – sie begleiten ihre Klienten nach drüben, hinüber auf die andere Seite. Schließlich die strafenden, will sagen: Sie nehmen dem von den Ärzten scheinbar schon Geretteten das Leben wieder weg. Es steht zu vermuten, daß die dritte Gruppe die größte ist, die Kriegsstatistiken der Krankenhäuser scheinen diese Vermutung jedenfalls eher zu bestätigen. Benn mit seiner besonderen dichterischen Begabung zum Hellsehen hat alle drei Sorten Engel mehrmals gesehen – wenn nicht in den Krankenzimmern oder auf den Klinikfluren, so doch in den Leichenschauhäusern. Allerdings hielt er sie für Sanitäter.
ZSW: Else | Eiter, der (Eiterherd, der) | Ekstase, die | Expressionismus, der | Entartung, die | Exil (aristokratisches), das

F – FREITOD, der
Das deutsche Wort „Freitod“ ist ein einzigartiges Phänomen, weil hier die Sprache versucht, die Wirklichkeit zu unterwerfen. Es scheint, als solle der Tod auf diese Weise gezähmt werden. Er erlangt Freiheit, ist kein Muß mehr, und wir gewinnen eine Freiheit in seinem Rahmen. Mit anderen Worten: wenn ich will, dann sterbe ich, wenn nicht – dann nicht. Aber in Wirklichkeit wird nicht der Tod, sondern das Leben gezähmt. Der Freitod der Herta von Wedemeyer (1945) – Benns Frau – ist nichts anderes als der Versuch, das Chaos (siehe Chaos) zu beherrschen oder wenigstens der nächsten Katastrophe zuvorzukommen. Die Antwort des Chaos war ein böser Witz – Benn blieb am Leben, und ihm blieben noch elf Jahre für seine eigene Krankheit zum Tode. Allmählich kommen wir zur Einsicht, daß der Freitod nur die Hälfte der Sache ist. Wenn das Chaos ein richtiges Chaos wäre, würde es ganz andere Witze reißen.
ZSW: Fäulnis, die | Fleischwolf, der | Folter, die | Fotze, die

G – GRUSELKABINETT, das
Nun also noch einmal ins Museum. Es war in Berlin. Das Museum hatte drei Stockwerke. „Drei Stockwerke voll von unvergeßlichen Erlebnissen“ stand auf der Reklame-Postkarte. In Wirklichkeit war alles noch viel schlimmer, als man erwarten durfte. Blinde Wände, wegweisende Pfeile, Treppe, Kasse, geschminkter Billetverkäufer im schwarzen Überwurf, Beginn der Ausstellung im oberen Stock – Gruselkabinett. Dunkelheit und Nebel, ferner Donner, Blitze, Windgeheul, Eulenschreie. Da und dort in den Lichtblitzen – geborstene Grüfte, auferstandene Leichenpuppen, riesige Kakerlaken an den Wänden, rasende Ratten, schallendes Gelächter und teuflische Pfiffe. Das nächste Stockwerk war „den spektakulärsten Szenen aus der Geschichte der Medizin“ gewidmet. Eine mittelalterliche Beinamputation, eine Bluttransfusion von einem Lamm zu einem Menschen, das Aufwachen von Patienten in den patentierten lethargischen Särgen, eine Genital-Operation an einem Patienten, der an den Füßen aufgehängt war. Und andere lebensbejahende Bilder. Der deutsche „Erfindungsgeist“ hat alle Bewegungen mechanisiert (die Bewegungen der Puppen wirkten etwas krampfartig, aber das paßte durchaus zum Zweck der Veranstaltung) und den Raum angefüllt mit Geschrei und Stöhnen und Ächzen. Und erst auf der dritten Ebene – im Keller – hat es mich dann erwischt. In solchen „Luftschutzkellern“ überstanden die Berliner damals die Bombenangriffe der Alliierten. Eine Stimme vom Band schrillte von Zeit zu Zeit ihr „Achtung, Achtung!“. Und Sirenengeheul. In solchen Luftschutzkellern haben die Menschen jede Menge privater Sachen verloren – aus derlei Funden hat man Exponate gemacht: von der Visitenkarte des Reichsführers Himmler (da hat jemand Glück gehabt!) bis zum bourgeoisen Parfüm Weißer Flieder. Und Kämme, Taschentücher, Puppen, Feuerzeuge, Streichhölzer, Schuhe, Notizbücher. Außerdem: die damaligen Zeitungen, vor allem Der Völkische Beobachter. Da findet sich auch die Ausgabe vom 21.6.1941, aber kein Wort darin über die für die folgende Nacht vorbereitete militärische Exkursion nach Osten, die als „Blitzkrieg“ geplant war. Mir wurde klar, daß ich von hier nicht mehr wegkommen würde. Exakt in diesem Moment habe ich körperlich gespürt, wie sich meine Touristenfreiheit in Luft auflöste. Jetzt weiß ich, daß mir Benn eine Falle gestellt hat.
ZSW: Gangräne, die | Göring & Goebbels | Gebein, das | Genitalien, die | Germane, der | Gonokokkus, der | Götterdämmerung, die

H – HELLSEHEN, das
Das Hellsehen der Dichter ist ein Thema, das sich wunderbar für allerlei Spekulationen eignet. Wahr ist, daß die Dichter normalerweise verschwommen und undeutlich sehen, wenn sie überhaupt etwas sehen. Ihre Augen tränen von Wind und Rauch, sie stochern im Nebel herum, d.h., sie ahnen mehr, als daß sie etwas sehen. Dann gibt es Dichter, die behaupten, sie könnten ihre Träume niederschreiben. Andere hören Stimmen, und eine Stimme diktiert ihnen irgendwelche Worte in die Notizbücher. Andere bewegen Gegenstände auf Distanz (Metaphorik). Benn gehört zu keiner der genannten Kategorien. Er sieht klar, aber anders: Hautflecken, eitriges Emphysem, Leichengrün, Epidermisablösung mit Bildung von Blut-Serum-Blasen. Benn – in seinem Fall hat die Medizin die Metaphysik nicht nur verdrängt, sondern übertroffen.
ZSW: Haß, der | Heimat, die | Hetzjagd, die | Hochverrat, der | Hölle, die | Humanismus, der | Hure, die | Hysterie, die

I -ICH
Ich – das absolut verschlossene und unerreichbare Mysterium der Existenz, über das den Kopf zu zerbrechen wir besser unterlassen sollten. Alle Versuche, das Ich vom Nicht-Ich definitiv abzugrenzen, sind sehr gefährlich. Während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich schon, wie sich bei mir einige Dachsparren lockern… In meiner Jugend habe ich eine provisorische Beruhigung in den hinduistischen Kategorien Atma und Brahma gefunden. Aber was passiert, wenn an die Stelle von Brahma mit der Zeit das Chaos (siehe Chaos) tritt? Was dann?
ZSW: Innere, das

J – JODOFORM, das
Das Jodoform (CHJ3) – das klassische Medikament der Feldmedizin, erfunden wohl von den preußischen Militärpharmazeuten. Gelbes, kristallines Pulver mit Schmelzpunkt 119°C, löst sich gut in Chloroform und Essigsäure. Um die antiseptische Wirkung zu verstärken, empfiehlt es sich, das Jodoform mit Äther zu verbinden. Der Geruch dieser Mischung ist eine immer noch nachwirkende Kriegsassoziationen (das bezieht sich sowohl auf den Ersten Weltkrieg als auch auf den Zweiten). Und das angeblich geruchlose Blut war die dritte furchtbare Komponente dieser Mischung. Nach den Zeugnissen der Soldaten, die die erste Schlacht bei Ypern überlebt hatten, ging der Tod in schmutzigen Verbänden umher und hatte diesen unverwechselbaren Geruch – Blut, Äther und Jod, dieser Geruch schlug auf Magen und Kehle – Erbrechen, Würgeanfälle.
ZSW: Jahrhundertwende, die | Jammer, der | Jenseits, das | Jugend (schöne), die

K – KADAVER, der
Kadaver ist in erster Linie ein medizinischer Begriff für ein Phänomen, das auf einem bestimmten Niveau – einem physiologischen – tiefschürfend und vielseitig erforscht ist, obwohl es doch bei allen lebendigen menschlichen Kreaturen eine tiefsitzende angeborene und unbewußte Angst oder gar Abscheu auslöst. Die Beziehung zwischen dem lebendigen menschlichen Wesen und dem Kadaver kann man mit den Kategorien Abstoßung und Anziehung umschreiben. Bei einigen Individuen überwiegt bei weitem der Faktor Anziehung, was bei ihnen das Bedürfnis nach ständiger Vertiefung in die Kadaver weckt – hier finden wir also den Ursprung der pathologischen Anatomie und der Nekrophilie. Gleichwohl bleibt uns der Kadaver ein sehr verschlossenes Mysterium des Seins, vergleichbar allenfalls noch dem Ich (siehe Ich). An diesem Widerspruch – physische Erforschtheit und metaphysische Unbegreiflichkeit – entzündet sich Benns Poesie, dabei wird das Physisch-Physiologische (Leichenflecken, Zeichen von Autolyse und Fäulnis) zum einzig möglichen Ausdruck des Metaphysischen. Genauer: Es ist nichts anderes als der Widerstand des Ich.
ZSW: Kaldaunen, die | Kaserne, die | Knochen, der | Kokain, das | Krematorium, das | KZ | Krebsbaracke, die

L – LEIB, der
Der Leib ist – nach der alten idealistischen Definition – Behältnis und Tempel, also eine Art Gefäß. Somit hat er, wenn nicht eine sekundäre Rolle, so doch die einer Hilfsmission. Er ist nur eine Stufe einer großen vertikalen Hierarchie – kein Ziel, sondern ein Mittel, eine Hülle für etwas Wichtigeres. Um so mehr, als diese Hülle (siehe Kadaver) provisorisch ist. Nach den Worten eines mittelmäßigen russischen Dichters „ist der Tod nur ein Richtblock, auf dem der Körper von mir abgetrennt wird“. Dagegen hat Benn einmal ein wunderbares Bild für die Weiterverwendung dieses Behältnisses gefunden: „SCHÖNE JUGEND“. Eine Brut junger Ratten nistet sich im Leib eines toten Mädchens ein und ernährt sich von dessen Innereien. Zwar ist diese Weiterverwendung ebenfalls nur provisorisch: Der Sanitäter der Morgue fegt die Ratten blitzschnell in einen Eimer und ertränkt sie. Die endgültige Bestimmung des Leibes ist Zerfall. Um von diesem Gedanken verrückt zu werden, genügt es schon, wie in der Kindheit ganz dicht vor den Spiegel zu treten und laut zu sagen: „O Gott, wie hübsch ich bin! Kann es denn sein, daß ich heute sterbe?“
ZSW: Laster, das | Leben, das | Leiche, die | Leichengift, das | Leichenhalle, die | Lepra, die | Liebe, die | Luftabwehr, die | Lustmord, der

M – MORGUE, die
Die Morgue ist keine Werkstatt, sie ist ein Ort für Abfälle, eine Entsorgungsstelle, oder etwas weniger schroff gesagt: ein Vorraum. Als ich noch keine 18 war, fand ich mich auf der Straße in einer fremden Stadt, als Student, und natürlich bar jeglicher Mittel zum Unterhalt. Jemand schlug mir vor, ich solle mich doch bei der Morgue bewerben, dort brauche man ständig Sanitäter. Derselbe Ratgeber sagte auch, diese Säufer würde man dort gut bezahlen, und den Sprit würden sie literweise saufen können. In der Stadt gingen Gerüchte um über einen etwas unangepaßten Maler mit dem Namen Sur, der sein tägliches Brot in der Morgue verdiente. Natürlich, dort mußt du hingehen, sagten mir meine besten Freunde, stell dir vor, welche Texte du hernach schreiben wirst, redete ein besonders Ambitionierter auf mich ein. Weder er noch ich wußten etwas von Benn. Eines Tages traute ich mich an diese Tür.
ZSW: Marburg | Medizin, die | Macht, die | Massaker, das | Massenmord, der | Menschenfresser, der | Metaphysik, die | Metastase, die | Mißgeburt, die | Muse, die

N – NIETZSCHE
Nietzsche ist ein rebellischer Philologe. Es kommt einem der starke Wunsch, jenem die ganze Verantwortung aufzuhalsen – für die erste Verwendung des Betäubungs- und Nervengases bei Ypern, für die Krematorien und für die KZ! Es stellt sich heraus, daß jeder Philologe verpflichtet sein sollte, die Folgen seiner brillant formulierten Sätze zu berücksichtigen. Denn aus jeder rhetorische Frage in der Art „Wo seid ihr, Barbaren des XX. Jahrhunderts?“ kann dir jedes künftige Tribunal einen Strick drehen. In diesem Sinne kühlten auch unsere Lehrer in der Schule ihr Mütchen an Nietzsche, obwohl sie keine einzige Zeile von ihm gelesen hatten. Natürlich spielte dabei auch eine gewisse Xenophobie eine Rolle. Nietzsche erschien in unseren Klassen nur als der häßliche Antipode von Dostojewski. Man wollte uns die geistige Überlegenheit des russischen Schriftstellers über den reaktionären deutschen Ideologen demonstrieren (es wurde ausdrücklich betont: den deutschen!). Niemand erwähnte Rilke, George, Trakl, Hesse, Benn. Doch ist die Verbindung zwischen Nietzsche und Benn mehr als unmittelbar: Ihr Name ist Syphilis. Nietzsche ist für Benn kein Prophet, sondern Patient.
ZSW: Nazis, die | Nekrophilie, die | Nerv, der | Nihilismus, der | Notruf, der | Notzucht, die | Nymphe, die

O – OBDUKTION, die
Die Obduktion entspringt vor allem dem kindlich neugierigen Wunsch nachzuschauen, was drin ist. Zum Teil auch Ritual, Erbe der antiken Kulte; zum Teil – eine Prozedur, erdacht von Justizbeamten in der Morgenröte der Zivilisation. Dementsprechend findet sie nach streng festgelegten Regeln statt, im kalten Licht der Argonlampen, beim kalten Metallgeklirr der scharfen Gegenstände (Kälte bedeutet Sterilität, und Sterilität bedeutet Kälte!), mit der obligatorischen Ausfüllung des Protokolls in einem speziellen geschnürten und versiegelten Buch. Dann holt man aus der geöffneten Leiche in die weiße (etwas graue) Welt verschiedene Ungeheuerlichkeiten heraus: eine Kugel, Steine, Knöpfe, Nadeln, Spritzen, eine Glasperle (siehe Fortsetzung unter Pathologie)…
ZSW: Orakel, das | Orang-Utan, der | Orpheus

P – PATHOLOGIE, die
… riesige Herzen von Metzgern und Liebenden, durchhängende und aufgeblasene Lungen von Rauchern, Trompetern und Glasbläsern, die melancholischen Innereien der Säufer, schwarze und faulige Lebern oder eine Leber bedeckt mit etlichen größeren und kleineren Geschwüren. Pathologie – das ist die pathologische Anatomie, die zusammen mit der Dermatologie (siehe Dermatologie) und der Venerologie (siehe Venerologie) zu den Lieblingsbeschäftigungen des Arztes Benn gehörte. Doch es entsteht der Eindruck, daß diese Aussage auch auf den Dichter Benn zutrifft – so sehr er auch diese Lebensambivalenz herunterspielen wollte. So oder so endet alles mit einer zynischen und erbarmungslosen Verschlußnaht. Das ist, wenn die losgerissenen Eingeweide auf die Schnelle an die Leiste genäht werden. Es gibt in der Welt nichts, was vulgärer wäre, sagte ein anderer Arzt auch Schriftsteller. Er meinte seinen Beruf.
ZSW: Paralyse, die | Partei, die | Pazifismus, der | Pest (braune), die | Poesie, die | Preußen | Propaganda, die | Prophezeiung, die | Prophylaxe, die

Q – QUAL, die
Der Schmerz ist bekanntlich ein Zeichen für Lebendigkeit. Die Qual ein Zeichen für noch mehr Lebendigkeit. Dichter transformieren die Qual in Rhythmus, Worte und Klang. Jeder Dichter krümmt sich unter inneren Qualen, er stößt sich schmerzhaft an der Unmöglichkeit, das Sein mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, wiederzugeben. Ohne Träumen ist Dichtung nicht möglich. Unter den Ärzten ist es gang und gäbe, Witze über Dichter zu erzählen. Dergestalt versuchen die Ärzte sich vor der nur ihnen bekannten Wahrheit von der ultimativen Verschlußnaht zu schützen. Dann soll die Zweiteilung einer Person in einen Dichter und einen Arzt, besonders einen Arzt, der diese letzte Wahrheit jeden Tag sieht, eine extreme Qual sein. Kein Wort über Kokain.
ZSW: Quatsch; der | Quecksilbersalbe, die | Quelle, die

R – REICH, das
Das „Reich“ – so hieß Benns Heimat für ihn fast lebenslang. Es waren unterschiedliche Reiche mit unterschiedlichen Ordnungszahlen, das „Zweite“ und das „Dritte“. Dazu kamen zwei Katastrophen, zwei verlorene Geschichten. Doch war es ein und dieselbe Heimat. Das Verhältnis des Dichters zur Heimat – ein krampfhaftes Bemühen zu lieben, trotz alledem. Zu lieben, auch wenn es nicht geht. Oder wenn man nichts zurück bekommt. Die Heimat revanchierte sich zumindest zweimal: Schreibverbot und Nachkriegsobstruktion. Die Heimat beobachtet aufmerksam jeden deiner Schritte – nach links, nach rechts. Sie schießt ohne Vorwarnung. Dabei ist es schwer zu unterscheiden, wo ist sie selbst, und wo die Partei, die sie regiert. Genauso schwer ist es, das Reich des Geistes vom Reich der Macht, die Helden von den Mördern und die Soldaten von den Banditen zu unterscheiden. Die Nähe der Heimat empfindet man am stärksten im Luftschutzkeller.
ZSW: Ratte, die | Reichsschrifttumskammer, die | Rammstein | Ruin, der | Runenschrift, die | Russland, das

S – SCHEIDE, die
Die Scheide ist auch eine Heimat, aber eine kleine Heimat. Eigentlich nicht Heimat sondern eher eine Erbschaft. Benn erwähnt sie mal als Loch, mal als Spalte/Ritze. Seine Erotik ist höhnisch, das ist eher eine Anti-Erotik, das ist Schleim und fauler Geruch, venerischer Juckreiz und totes Sperma. Seine Entbindungen ähneln den Abtreibungen, und die Kreißenden sind häßlich in ihren animalischen Bemühungen. Es ist nicht ohne den Patienten Nietzsche (siehe Nietzsche) abgegangen mit seiner hypertrophen Maskulinität, doch hat auch er einmal begeistert aus den ur-arischen Quellen zitiert: „lm menschlichen Körper sind die Öffnungen oberhalb vom Nabel – rein, und die unterhalb – unrein, und bei einem jungen Mädchen sind alle Öffnungen rein – die oberhalb und unterhalb des Nabels liegen.“
ZSW: Sadismus, der | Schaber, der | Schanker, der | Scheitern, das | Schreckgespenst, das | Schreibverbot, das | Schuldbewußtsein, das | Schwanz, der | Schwärze, die | Seele, die | Sektion, die | Sensenmann, der | Sexualität, die | Spiritus, der | Sprache, die | Spritze, die | Spuk, der | Staat, der | Steinigung, die | Sterben, das | Substanz, die | Sünde, die | Syphilis, die

T – TERROR, der
Terror – extremer Ausdruck des Chaos und Befreiung der Instinkte in ihm. Benn wurde wie die meisten Intellektuellen der postnietzscheanischen Generation aus der ersten Hälfte des neuen Jahrhunderts Zeuge, wie man mit Hilfe des Terrors jedes politische Ziel erreichen konnte. Es hatte sich herausgestellt, daß Gott tatsächlich tot war. Zumindest lag er im Koma. Denn er hat niemanden und nichts aufgehalten, der Terror hat fast reibungslos funktioniert – je gräßlicher, desto erfolgreicher. Er wurde zum Hauptfaktor der Staatspolitik, gleichzeitig einiger staatlichen Gebilde, so auch Benns Heimat, d.h. des Reiches (siehe Reich). Das Üble an der Sache ist, daß Benn diese Terroristen am Anfang gefallen haben, und er begrüßte ihren Machtantritt mit einer dynamisch-gestreckten Hebung der rechten Hand. Er konnte seinen verzauberten Blick nicht von ihrer Uniform lassen, von ihren geordneten Reihen, den deutlichen Gesten, den klaren und konkreten Aussagen, und von den Fackelzügen konnte er gar nicht ablassen. Wie er dann später auch von dem Totentanz nicht loskam, den sie über Europa verhängt hatten.
ZSW: Teufel (als Theologe), der | Tod, der | Totentanz, der | Tripper, der | Trümmer, die

U – ÜBERMENSCH, der
Der Übermensch nach Nietzsche (siehe Nietzsche) ist nicht identisch mit dem Übermenschen nach Goebbels. Bei Nietzsche: eine reine Idee – bei Goebbels: reale Praxis. Obwohl Knut Hamsun und Martin Heidegger und Ezra Pound und nicht zuletzt Gottfried Benn fast unter dieselbe Anklage gestellt wurden wie jener. Schließlich wissen wir auch nicht, wie es Nietzsche ergangen wäre – gesetzt den Fall, er hätte es zu einer übermenschlichen Lebensdauer gebracht. Die Sieger von 1945 waren ebenfalls bereit, mit Bücherverbrennungen anzufangen. Das haben sie auch gemacht – viel früher. Doch zurück zum Übermenschen: Der Philosoph Wladimir Solowjow schrieb über diese Idee, Nietzsche habe sie geistig erbrochen. Das heißt, Benns großer Patient vergiftete sich zuerst an dieser Idee, dann kam sie aus ihm heraus als Kotze. Diese betont physiologische Metapher verwechselt schon wieder die Metaphysik mit der Medizin. Nicht weniger physiologisch in ihren Anmerkungen zur Poesie argumentierten die das Regime verkörpernden und von ihm gepflegten Übermenschen in der SS-Zeitschrift „Das schwarze Korps“, die 1936 die AUSGEWÄHLTEN GEDICHTE von Benn als „widernatürliche Schweinerei“ ächteten. Es folgten Ausschluß aus der Reichsschrifttumskammer und Schreibverbot. Das hat womöglich den Dichter vor einem späteren Tribunal der Sieger bewahrt.
ZSW: Untier, das | Unterwäsche, die | Unaufhörliche, das | Unzucht, die | Urin, der | Urwald, der

V – VENEROLOGIE, die
Venerologie – noch ein Bereich der Menschenkunde, in welchem Benn, wie in der Pathologie und Dermatologie, die größten Erfolge hatte. Er mußte alles behandeln – Syphilis, Gonorrhoe, weichen Schanker, Lymphogranulomatose und das venerische Granulom. Aus seinem „Doppelleben“ sehen wir, daß er fehlerlos in der Diagnose und Verschreibung war. Unzählige Patienten standen Schlange bei ihm in jenen alltäglich komplizierten Zeiten. Er war ein richtiger preußisch zuverlässiger und kluger Arzt. Heute zählt man zu den venerologischen Krankheiten auch AIDS. Das konnte Benn nicht voraussehen, er, der für alle Fälle durch tausend Genesungen geprüfte Quecksilbersalbe parat hatte. Doch er konnte es als Dichter voraussehen, indem er seine namenlose Begleiterin und somit auch uns alle an den aussterbenden Baracken vorbeiführte.
ZSW: Vaterlandsliebe, die | Vene, die | Verfinsterung, die | Verlassenheit, die | Versbau, der | Verschnitt, der | Verseuchung, die | Versuchung, die | Verwirrung, die | Verwitterung, die | Virus, das | Volk, das

W – WEGGANG, der
Weggang (in den Schatten, das Jenseits, die Isolierung) – eine der meisterprobten Methoden der geistigen Selbsterhaltung. Das Bedürfnis danach wird sowohl durch äußere Umstände (Wechsel der politischen Regimes, öffentliche Hetze und Auspfeifen, Drohungen und Verbote – von Schreiben, Sprechen, Publizieren) als auch durch die individuelle innere Selbstgenügsamkeit diktiert. Weggang ist manchmal eine stolze und gekränkte Selbsteliminierung von jeglichen Kontakten mit dem Schmutz der Realität. Die vollkommenste Form des Weggangs ist der Freitod (siehe Freitod). Oder wie beim Patienten Nietzsche (siehe Nietzsche) – allmähliches Eintauchen ins Chaos (siehe Chaos). Benns Weggang beginnt in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre. Es ist ein typisches Beispiel für die „innere Emigration“ (nach Benn „ein aristokratisches Exil“): eine fleißige Konzentration auf die Arztpraxis und das illegale Schreiben für die Schublade. Es bleibt uns ein Geheimnis, warum Benn nicht den Selbstmord gewählt hat. Am medizinischen Ethos kann es nicht gelegen haben. Die Gewohnheit, den Tod in seiner physiologischen Offenbarung zu erleben, konnte doch dem Selbstmord die Schärfe nehmen.
ZSW: Wahl, die | Wahn, der | Wahnsinn, der | Weg, der | Weib, das | Wermut, der | Widerstand, der | Wildheit, die | Wohl, das | Wurm, der

X – XENOPHOBIE, die
Xenophobie ist eine kollektive Krankheit, die durch Erziehungsmethoden übertragen wird. Die deutsche Sprache, sagte unsere Deutschlehrerin in der Schule, solle man kennen, weil es die Sprache unserer Feinde sei. Um den Feind zu besiegen, müsse man auch seine Sprache kennen. Die Existenz der DDR hat an ihrer Überzeugung nichts geändert. Was hat Benn damit zu tun? Nichts, zum Glück. Gott sei Dank hat sie seinen Namen nie gehört.

Y – YPERN, das
Ypern – einer jener Namen des 20. Jahrhunderts mit seiner doppelten – XX – xenophobischen Intensität. Im April 1915 wurde von den Truppen des Zweiten Reichs (siehe Reich) zum ersten Mal Nervengas angewandt. Das geschah in der zweiten Phase der Schlacht um Ypern in Flandern. Infolgedessen erlitt die britisch-französisch-belgische Allianz riesige Menschenverluste, die Frontlinie wurde um Kilometer zurückgenommen, und das derart erfolgreich mit „Erfindungsgeist“ synthetisierte Gas bekam einen neuen Namen. Die erstarrten, in unnatürlichen Posen verkrampften Soldatenleichen waren Beweis für die katastrophale Verfinsterung der Welt und ihre blitzschnelle Verwandlung in eine einzige Morgue (siehe Morgue).

Z – ZUKUNFT, die
Die Zukunft – dieses problematische Wort brauche ich unbedingt zum Abschluß. Diesem Text fehlt ein bißchen Hoffnung – hier ist sie. Indem er der Sprache ihre provisorische Existenz verlängerte, ist der Doktor Benn zum Schluß gekommen, daß man ihn in der Zukunft nur daran messen würde, was er gesagt hat. Sein „Was“ beinhaltet natürlich auch das „Wie“. Sein Wie ist zweifellos schön, laut und stark. Das Unausgesprochene existiert nicht, behauptete Doktor Benn. Somit hat er endlich seine Antwort an das Chaos formuliert und seinen Blick hochmütig von ihm abgewandt.
ZSW: Zeile, die | Zeit, die | Zensur, die | Zentaur, der | Zivilisation, die | Zyankali, das | Zynismus, der

Juri Andruchowytsch
Aus dem Ukrainischen von Sofia Onufriv

 

 

 

Zu diesem Buch

Wer sich Gottfried Benn annähert, begibt sich auf unsicheres Gelände. Einerseits ist da seine großartige Lyrik, deren Bedeutung für die Literatur des vergangenen Jahrhunderts unumstritten ist. Andererseits wirkt sein kompromißloser Nihilismus verstörend, wenn nicht gar abschreckend. Benn stellte einmal fest, in der Begegnung mit seinen Zeitgenossen immer wieder auf Einerseits-Andererseits-Strukturen zu stoßen, und diese Widersprüchlichkeit scheint auch für ihn selbst programmatisch gewesen zu sein. Nicht verwunderlich, daß er sein wichtigstes autobiographisches Werk Doppelleben genannt hat.
Doppelleben, das ist eine Strategie; die an Krimis und Agentenstories erinnert, in denen die Spannung immer dann steigt, wenn etwas sorgfältig verborgen wird. Welche Gründe er dafür auch immer gehabt haben mag – Benn hat es in seinem Leben oft aufs Verbergen angelegt. Er habe „ja meistens so viel Mauern“ um sich herum, daß er „dem andern kein Verstehen zeigen mag“, schrieb er 1922 an eine Freundin. Einerseits klingt das wie eine Entschuldigung, wie ein Hinweis auf die eigene Schwäche. Andererseits ist es ein offenes Bekenntnis zur Isolation, ohne die er sich ein Künstler-Dasein nicht vorstellen konnte. Wenn möglich, schattete Benn sich innerlich ab. Und doch suchte er stets nach Außenwirkungen.
„Ich bin nicht innerlich / ich bin nicht weise / u doch empfinde ich / gewisse Kreise“, notierte er sich 1955, im Jahr vor seinem Tod. Ist das Ironie, Autosuggestion oder aus Freude am Rhythmus der Worte einfach nur hingeschrieben?
Wer sich Gottfried Benn annähert, stößt fortwährend auf Rätsel. So ist dieses Buch ein Experiment. Fünfzehn Autoren der jüngeren Generation haben sich auf seine Schriften und seine Biographie eingelassen: Erzähler, Lyriker und Essayisten, die auf den ersten Blick nichts mit ihm verbindet, ebenso wie solche, die aus ihrer Beziehung zu ihm kein Geheimnis machen. Neben den Autoren gilt mein besonderer Dank Holger Hof, dem Herausgeber der großen Stuttgarter Benn-Ausgabe. Gemeinsam mit ihm wurden um die einzelnen Beiträge Bruchstücke aus Benns Schriften gruppiert, vor allem aus seinem Nachlaß. Fern ab der philologischen Pfade ist so ein literarisches Kaleidoskop entstanden, durch das Benns Lebenswerk eher schillernder als klarer wirkt. Wie sollte es auch anders sein? Man kann sich über ihn schier unbegrenzt streiten, gerade das erhebt ihn zu einem Klassiker der Moderne.

Jan Bürger, Vorwort, April 2003

 

Aus dem Inhalt

– Florian Illies stellt die Frage, wie es Benn gelang, sich den Medien zu verweigern und gleichzeitig darin zu stilisieren.

– Ulrike Draesner macht sich Gedanken um ein kleines Gespenst, das auch in den Gedichten Benns herumgeistert: das lyrische Ich.

– Sabine Scho hat im Tierpark beobachtet, wie Benn auf Goofy, Bambi und die drei kleinen Schweinchen trifft.

– Anna Katharina Hahn beweist endlich, daß Benn-Lesen immer noch dabei hilft, Frauen zu erobern.

– Norbert Hummelt geht der Frage nach, welches Verhältnis Benn zu Kindern und der eigenen Kindheit hatte, nämlich ein gespaltenes.

– Juri Andruchowytsch hat das ultimative Benn-Alphabet zusammengestellt von A wie Anatomie bis Z wie Zynismus.

„Eine neue Generation,

das ist ein neues Gehirn und ein neues Gehirn, das ist eine neue Realität und neue Neurosen, und das Ganze heißt Evolution und so wuchert der Kulturkreis weiter.“ (Gottfried Benn) In Essays, Erzählungen, Gedichten und einer dramatischen Skizze nähern sich fünfzehn Autoren einer neuen Generation dem Leben und Werk von Gottfried Benn an.

Klett-Cotta, Klappentext, 2003

 

Mein Weg über Benningen

– Eine Brief-Fiktion. –

Stuttgart, im neuen Jahrtausend

Lieber Benn,
seit einiger Zeit fahre ich täglich nach Marbach, dorthin, wo Ihre nachgelassenen Papiere aufbewahrt werden. Dadurch kenne ich jetzt, das ist in der Tat etwas merkwürdig, einen Teil Ihres Haushalts, ohne daß Sie mich zu sich eingeladen hätten. Ich kann nicht leugnen, auf gewisse Weise einem Einbrecher zu ähneln, denn ich verletze Ihre Intimsphäre. Wobei zu fragen bleibt, ob jemand wie Sie, lieber Benn, der sich vor bald fünfzig Jahren verabschiedet hat, überhaupt noch eine Intimsphäre benötigt. Denken Sie bitte nicht, daß ich mich heute an Sie wende, um mich zu entschuldigen. In Bezug auf Ihre Person ist mein Herz wirklich rein. Schließlich bin ich ein später Besucher Ihres Nachlasses, und das meiste, was Sie aufgehoben haben, ist seit vielen Jahren veröffentlicht. Das macht mein Eindringen unspektakulär – ich reagiere einfach auf die Tatsache, daß sich Ihr sprechendes Grab (Sie wissen, manchmal kann ein pathetisches Bild nicht schaden) unmittelbar unter meinem Büro befindet. Und den will ich sehen, den unter diesen Umständen nicht die Neugier packt!
Ziehe ich einen der grünen Archivkästen mit Ihrem Namen auf, sehe ich Ihre etwas eckige Handschrift, die mich, Sie verzeihen, an die Rezepte meines Hausarztes erinnert. Ziehe ich einen anderen auf, stoße ich auf Ihre Typoskripte. Sie haben viel mit der Maschine geschrieben, was ich gut verstehe. Auch ich schreibe diesen Brief mit einer Maschine, allerdings mit einem Notebook, ein harmloses, ungemein praktisches Gerät, das Ihnen sicher gefallen würde. Ich glaube, wir sind einer Meinung, daß Handgeschriebenes der Literatur in einem gewissen Stadium nur schadet. Es stört den Prozeß der Selbstkritik, und den stelle ich mir bei Ihnen wie ein Tribunal vor. Wie sonst sollte man Ihrer Forderung genügen, in jedem Satz alles zu sagen, also Ihrem „Princip der absoluten Prosa, in der kein Satz im Zusammenhang mit psychologischen und erlebnismässigen Herkunftsäusserungen“ steht? Zugegeben, mich überrascht an Ihnen, daß Sie, der Sie mit Drogen viel mehr Erfahrung haben als ich, das Rauschhafte beim Schreiben stark eingrenzen wollen, es Prinzipien unterwerfen, anstatt sich ihm hinzugeben. Überhaupt überraschen Sie mich immer öfter, je länger ich in Ihren Büchern lese, und das mag einer der Gründe für diesen Brief sein.
Da Ihnen bei allem Willen zur Unbarmherzigkeit ein Hang zum Romantischen nie abgegangen ist und Sie im Alter nicht einmal vor sentimentalem Kitsch zurückschreckten, kann ich Ihnen ruhig gestehen, daß ich Archive gern mit unterirdischen Großstädten vergleiche. Ich gehe durch enge Gassen mit Mauern aus grünen Steinen, von denen man jeden, so etwas gibt es sonst nur im Traum, wie ein Fenster aufklappen kann. Natürlich hätte ich mir Ihren Bezirk etwas größer gewünscht, ebenso den Flecken Kolmar. Celan und Döblin sind zum Glück stattlich, aber nicht zu vergleichen mit der unwirtlichen Siedlung Hans Grimm. Hier unten, fern ab der Nazigrößen, konnte Grimm seinem Expansionsbedürfnis recht harmlos Rechnung tragen: Mann ohne Raum! 367 grüne Kästen!
Aber zurück zu Ihnen, lieber Benn: Wie haben Sie eigentlich gearbeitet? Warum haben Sie, der Sie doch fest mit dem Nachruhm gerechnet haben, so wenig aufgehoben? Was verbrannte im Krieg? Was landete in Ihrem Papierkorb? „Ein alter Schreibtisch steht bei mir im Mittelpunkt“, schrieben Sie 1952 über Ihren Arbeitsplatz (erlauben Sie mir bitte, ein paar Steilen aus Ihren Schriften zu zitieren; wir alle wissen, wie schwer es zuweilen ist, sich an das zu erinnern, was man irgendwann zu Papier gebracht hat).

Ich verfüge nur über ein Zimmer für meine ärztliche Praxis und meine Schriftstellerei. Auf diesem Schreibtisch (73 cm zu 135 cm) liegen große Bündel von Briefen (die ich nicht beantworte), von zugesandten Manuskripten (die ich noch nicht las), von Zeitschriften, Büchern, Probesendungen von Medikamenten, Stempelkissen (für die Rezepte), drei Kugelschreiber, zwei Aschenbecher, ein Telefonapparat. Es ist eigentlich kein Raum zum Schreiben da, trotzdem ermögliche ich es durch Fortschieben der Massen mit Hilfe der Ellenbogen.

Wenn sich der Dichter Benn zu Wort meldet, fährt er erst mal die Ellenbogen aus: Weg mit den Briefen, weg mit Medikamenten und Akten, weg mit den offenen Rechnungen! Keine Frage, so wollten Sie nicht verstanden werden, als Sie Ihr Nachkriegs-Elend wunderbar lakonisch auf den Punkt brachten. Aber wie gut stehen Ihnen spitze Ellenbogen, wie gut passen sie zu Ihrer halsbrecherischen Gedankenakrobatik der Weimarer Jahre: Hoppla, jetzt komm’ ich! Nächster Halt Benningen!
Das war jetzt gar kein Kalauer, was Sie vielleicht nicht wissen. Benningen heißt ein kleiner Ort zwischen Neckar und Weinbergen auf meinem täglichen Weg ins Archiv. Erst kommt Benningen, und dann muß man raus aus der S-Bahn, wenn man zu Ihren grünen Kästen will. Natürlich ist es albern, bei Benningen an Sie, lieber Benn, zu denken, fast so albern wie wir alle mitunter sprechen: unbewußt, assoziativ.
Ja, mehr noch als ein Prophet des Asozialen sind Sie doch ein Virtuose des Assoziativen. Wenn Sie ich sagen, sind diese drei Buchstaben vor allem Teile des Nichts. Bis 1933 ist Ihre Prosa so satt an unerhörten Einfällen und Kombinationen, daß sie Gefahr läuft, unverständlich zu werden. Kontaktverluste nehmen Sie beim Schreiben in Kauf. Geist und Leben sind Ihnen sowieso zweierlei. Das Publikum scheint Ihnen herzlich egal, und doch wollen Sie, Pastorensohn, der Sie nun mal sind, eine Botschaft verkünden, wenn auch keine frohe. (Ist Ihnen aufgefallen, daß ich beginne, im Präsens zu schreiben? Irgendwie fühlt es sich dadurch nicht ganz so absurd an, sich an einen von uns Gegangenen zu wenden.)
Wissen Sie, je verlorener Poesie und Philosophie in einer Welt der geklonten Mäuse, Schafe und möglicherweise sogar Menschen wirken, desto mehr bewundere ich, daß Ihnen das revolutionäre Potential der Naturwissenschaften bereits am Beginn des vergangenen Jahrhunderts klar war. Die vitalistischen Träume der Generation Nietzsche waren Ihnen schon immer zu banal, obwohl auch Ihnen die Phantasie, pardon, zuweilen durchging:

Der Körper ist der letzte Zwang und die Tiefe der Notwendigkeit, er trägt die Ahnung, er träumt den Traum. Der Schwellungscharakter der Schöpfung ganz evident: in ihm erschuf sie ihre Korrelate und fordert in den Räuschen nach Gestalt. Alles gestaltet sich aus seiner Hieroglyphe: Stil und Erkenntnis, alles gibt er: Tod und Lust.

Bei allen guten Geistern: Körper, Traum, Schöpfung, Rausch, Stil, Erkenntnis, Tod, Lust! – Hier wollen Sie wirklich alles auf einmal sagen und alles auf einmal sein: Arzt, Priester, Kokser, Dichter, Denker, Todesengel, Charmeur. Und ich bin nun wirklich nicht der Erste, den das irritiert.

Benn las seinen Essai apathisch und so rasch vor, daß es schwer war, ihm zu folgen, er trat wieder auf in der Pose des einsamen Rufers in der Wüste des Vertrauens auf logisches Denken und Erkenntnisse der Wissenschaft; in Wahrheit ist er nur einer aus einer Armee von Predigern des Irrationalen. Wie jenen schallt ihm dafür lauter Beifall aus dem Lager der Rechten entgegen: ein kompromittierendes Symptom.

Erinnern Sie sich noch an diesen Artikel aus der Vossischen Zeitung? 1931 muß das gewesen sein. Wie ignorant dieser Kritiker auf Ihre Brillanz reagierte! Und wie klug seine Warnung vor dem Beifall der Rechten war!
Schneller als Sie springt in den Weimarer Jahren niemand von einem Thema zum nächsten. Lange bevor an Kabelfernsehen auch nur zu denken ist, fangen Sie an, von einem Kanal zum nächsten zu zappen (schönes Wort, oder?). Sogar wenn Sie etwas ausführlicher erläutern, klingen Ihre Worte wie eine Kette von Befehlen – als gäbe es überhaupt keinen Zweifel daran, daß Sie prinzipiell alles auf faszinierende Weise besser wissen. Wer kann denn schon von sich behaupten, in der Weltliteratur und der praktischen Medizin ebenso zu Hause zu sein wie in der Evolutionstheorie und der Hirnforschung? Besonders Letztere hat es Ihnen angetan. Die Hirnforscher führen Sie sogar ins Feld, wenn es darum geht, jene literarischen Gattungen schlecht zu machen, für die Sie kein Talent haben:

Hier mehr als in der Dramatik lösen sich die alten Zusammenhänge und werden die zukünftigen geprägt, hier mehr als in der Novellistik enträtseln sich die Züge des werdenden Ich, hier an ihren Gründen und Abgründen kämpft die menschliche Gestalt, um sich ahnend oder auch schauernd schöpferisch zu erneuern.

So sprechen Sie am 3. Oktober 1930 (auf den Tag genau 38 Jahre vor meiner Geburt, aber ich will nicht von mir reden) im Rundfunk über den Aufbau der Persönlichkeit. Und obwohl Sie in dieser Rede, die ich übrigens für eine Ihrer besten halte, jeden Schritt nachvollziehbar begründen, wird auch an diesem 3. Oktober vor allem eines klar: Sie, lieber Benn, sind versessen auf jene Funken, die sprühen, wenn man zwei Gedanken aufeinanderschlägt. Als Nietzsches Musterschüler philosophieren Sie mit dem Hammer:

Wir tragen die frühen Völker in unserer Seele, und wenn die späte Ratio sich lockert, in Traum und Rausch, steigen sie empor mit ihren Riten, ihrer prälogischen Geistesart und vergeben eine Stunde der mystischen Partizipation. Wenn der logische Oberbau sich löst, die Rinde, müde des Ansturms der vormondalten Bestände, die ewig umkämpfte Grenze des Bewußtseins öffnet, ist es, daß das Alte, das Unbewußte erscheint in der magischen lchumwandlung und Identifizierung, im frühen Erlebnis des Überall und des Ewigseins.

Was hat das in einem Aufsatz zu suchen, in dem Sie auf der Höhe der medizinischen Debatten einen Grundriß einer Geologie des Ich skizzieren wollen? Bitte, verehrter Benn, verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will Ihren Essay nicht kritisieren oder gar verreißen, sondern nur meiner Verwunderung Ausdruck verleihen. Der Hammer ist (wie sich mit Nietzsche auch noch die flapsigste Formulierung rechtfertigen läßt!) –, der Hammer ist, wie es Ihnen hier im Gewand des Naturwissenschaftlers gelingt, ganz jener Schock-Artist zu bleiben, der einst eine dunkelhellila Aster im Mund eines ersoffenen Bierfahrers entdeckte.
Ich muß mich wohl deutlicher ausdrücken. Zunächst steilen Sie fest, daß das Gesetz der Mutation nicht etwa nur das Außermenschliche beherrscht. Der Mensch, seine Persönlichkeit, wandelt sich ebenso wie jede Pflanze und jedes Tier. Wie für den Dichter und Darwin-Übersetzer Jens Peter Jacobsen, den Sie in jungen Jahren so verehrten, ist für Sie das Intellektuelle, das Geistige, die Kultur der Empfindungen, kurz: all das, was den Menschen zum Menschen macht, der Natur nicht entgegengesetzt, sondern Teil der Natur. Das mag trivial klingen – aber wenn ich mir vor Augen führe, was das im Alltag bedeutet: Wer hat sich nicht schon mal darüber gewundert, daß alle seine Freunde zehn Zentimeter größer sind als ihre Väter? Oder darüber, daß er schon mit dreißig plötzlich die Achtzehnjährigen nicht mehr versteht? Oder daß frühere Generationen im selben Alter fast alles, was uns gut und richtig erscheint, für idiotisch gehalten hätten? Nichts ist sicher. Nichts bleibt, wie es ist. Alles mutiert. „Selbst das Geld geht in Verwesung über“ (um zur Abwechslung auch mal den Dichter-Arzt Büchner zu zitieren). Verdammt, Benn, was für ein simpler Gedanke! Und doch bringt er mich ganz durcheinander. Sagen Sie mal, wie kann ich dann überhaupt Sie und ich sagen, wenn wir beide im nächsten Moment schon wieder ganz andere sein werden?
Nun, das führt jetzt zu weit. Eigentlich wollten Sie ja wohl eine ästhetische Debatte anzetteln, als Sie beschlossen, am 3. Oktober 1930 über den Aufbau der Persönlichkeit zu sprechen. Ihre Hauptthese klingt noch ganz naturwissenschaftlich: Die biologische Grundlage der Persönlichkeit sei nicht das Großhirn, sondern der ganze Organismus. Aber dann heben Sie ab und entwerfen eine Metaphysik ohne Gott: Weil Körper und Hirn nicht getrennt werden können, sind uns die Erinnerungen überholter Entwicklungsstufen eingeschrieben. Zugespitzt: Unser Gedächtnis ist älter als wir selbst. „Das geologische Prinzip!“ jubeln Sie. Und wer kultiviert den Zugriff auf dieses uralte Wissen, von dem wir alle durch Träume, Mythen und Riten eine verschwommene Vorstellung haben? Voilà, die Künstler! Großartig, lieber Benn. Da haben Sie also eine Antwort gefunden auf jene Sinn-Frage, die selbst die bedeutendsten Dichter mit den Zähnen knirschen läßt, seit man sich in den Kirchen nicht mehr richtig wohl fühlen kann.
Schade nur, daß dieselben Ideen Sie auch zu Ihren Thesen über „Rasse“, „Züchtung“ und die „Reinigung des Volkskörpers“ geführt haben. Ausgerechnet 1933 mußten Sie von Ihrem Grundsatz abweichen, die Künstler sollten bloß nicht versuchen, die Welt zu verändern. Ich weiß, ich komme mit dieser Frage viel zu spät, und doch stelle ich Sie Ihnen noch einmal: Wie konnten Sie nur mit den Nazis gemeinsame Sache machen? All das, was Sie bis zur Machtübernahme veröffentlicht haben, ist einfach zu gut und zu intelligent, um Ihnen Ihren berühmten „Irrtum“ abzukaufen. Nein, Sie haben sich 1933 nicht geirrt. Zwanzig Jahre nach Ihrer Leidenschaft für Else Lasker-Schüler wollten Sie nicht länger der kleine Giselher sein, sondern unter der bräunlichen Tarnkappe als Weltautor reüssieren. Während Ihre Akademiekollegen Alfred Döblin und Heinrich Mann die Koffer packen mußten, biederten Sie sich bei literarischen Luschen wie Hans Friedrich Blunck und Hanns Johst an. Zwei Jahre lang haben Sie die Ellenbogen ausgefahren, um sich nach oben zu kämpfen – und damit Gott sei Dank nichts erreicht, als Ihr Lebenswerk beinahe zu diskreditieren.
Verehrtester Benn, jetzt bin ich doch schroff geworden. Wissen Sie, ich erlaube mir das wahrscheinlich nur, weil ich mir überhaupt nicht sicher bin, ob ich mich 1933 klüger oder gar moralischer verhalten hätte als Sie. Aber das, was Sie da gemacht haben, ist so abstoßend, daß ich manchmal am liebsten überhaupt nichts mehr mit Ihnen zu tun haben würde.
Und dann denke ich in der S-Bahn an Ihre Untergrundbahn: „Der Strumpf am Spann ist da, doch wo er endet, ist weit von mir…“ Und aus dem Lautsprecher schwäbelt es: „Benningen! Benningen!“ Und wenig später steige ich aus und gehe wieder zu den tausend sprechenden Gräbern – verzeihen Sie mir bitte, wenn ich Ihre Zeit über Gebühr in Anspruch genommen habe. Ich wollte Ihnen einfach mal gesagt haben, daß Sie mich auch fünfzig Jahre nach Ihrem Verstummen tief erschüttern. Und wenn ein Künstler das schafft… Chapeau, lieber Benn, dann ist sein Werk, wie man in Ihrem Berlin so schön sagt, janz bestimmt nich’ von Pappe –

Jan Bürger, in Jan Bürger (Hrsg.): Ich bin nicht innerlich, Klett-Cotta, 2003

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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