Jossif Brodskij: Einem alten Architekten in Rom

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Jossif Brodskij: Einem alten Architekten in Rom

Brodskij-Einem alten Architekten in Rom

1. JANUAR 1965

Dein Name wird vergessen sein.
Es leuchtet über dir kein Stern.
Das Windgebell nur wirst du hörn
so wie in alter Zeit.
Du legst den Schatten müde ab,
du löschst die Kerze vor dem Schlaf,
da uns das Leben viel mehr Nacht
als Kerzenlicht verheißt.

Woher der Hauch Melancholie?
Die altvertraute Melodie
ertönt. Und wieder. Sei’s drum. Sie
mag tönen künftighin.
Mag tönen in der Todesstund
als Dank von Augen, Herz und Mund
an das, was oft zum Firmament
hinauf zu sehn uns zwingt.

Und schweigend starrst du auf die Wand:
der Strumpf ist leer – kein Niklaus fand
dich. Und begreifst’s – als Unterpfand,
daß längst zu alt du bist.
Für Wunder ist es schon zu spät.
Als du den Blick zum Himmel hebst,
da fühlst du plötzlich, daß du selbst
die schönste Gabe bist.

 

 

 

Zum Verhältnis von Vorlage und Übersetzungen

Dem Leser dieser Auswahl müssen mit Notwendigkeit Unterschiede zwischen den verdeutschten Texten auffallen. Da ist z.B. das sehr formvolle, in Rhythmus und Reim an die Diktion Rilkes erinnernde „Wir sahen damals abends dieses Roß…“ und die ganz anders wirkende „Große Elegie für John Donne“, reimlos und mit unüberhörbaren rhythmischen Brüchen; das rhythmisch durchgeformte Gedicht „Fast eine Elegie“ und die rhythmischen Stauungen in den „Versen im April“; die wohlgeformten poetischen Perioden in „Dido und Äneas“ und die prosaischen Schachtelsätze in der Versepistel „Adieu, Mademoiselle Veronika“; ganz zu schweigen von den fast schon irritierenden Unterschieden zwischen der nur dezent ironisierten erhabenen Diktion in „Odysseus an Telemachos“ einerseits und der „verwildernden“ Stilistik von „Aus der Schul-Anthologie: Albert Frolów“ oder „Zwei Stunden in einem Behälter“.
In der Tat ist auch der poetische Stil der Originale ganz außergewöhnlich differenziert, ja geradezu widersprüchlich. Er ist nicht leicht auf eine Formel zu bringen. Der deutsche Leser meint zunächst, in vielen Gedichten Brodskijs den ihm so vertrauten naturlyrischen Ton wiederzufinden. Bei näherer Beschäftigung wird er sich dann zunehmend einer Irritation bewußt, die von diesen Texten ausgeht, einer Irritation, die aus den Spannungen und Kontrasten zwischen den Gedichten und innerhalb der Gedichte entsteht: durch ironische Brechung, durch geradezu mutwilliges Zerstören der Stimmung, Täuschen der Erwartung, durch scheinbares Aus-dem-Ton-Fallen. Gerade diese Irritation aber ist es, die den spezifischen ästhetischen Reiz der Gedichte Brodskijs ausmacht.
Dazu noch einige Bemerkungen, die allerdings keinerlei Anspruch auf Endgültigkeit erheben, vielmehr zunächst eher einseitig anmuten mögen – Bemerkungen aus der Perspektive des Übersetzers.
Brodskijs Sprache – die fast durchgehende Verwendung des Reims, die häufige Verwendung antiker Motive und die partielle Erlesenheit von Wortwahl und Diktion – baut Erwartungen beim Leser auf, die auf die großen lyrischen Traditionen der europäischen Vergangenheit verweisen, und zwar mehr auf die „rhetorischen“ Traditionen von Renaissance, Barock und Klassizismus als auf die „stimmungslyrischen“, die seit der Empfindsamkeit unser Bild von der Lyrik geprägt haben.
Diesem deutlich archaisierenden Moment in Brodskijs Texten steht jedoch eine ebenso deutliche Tendenz zur Brechung und zur Destruktion gegenüber, zum Einsatz stilistischer, reimtechnischer und rhythmischer Querschläger, die ihn auch als Erben der traditionszertrümmernden Avantgarden unseres Jahrhunderts ausweisen.
So enthält seine Poesie eine mehrfache Provokation: Sie provoziert die konventionell-emotionale sowjetische Lyrik der offiziellen Monatszeitschriften und den Modernismus der bei uns gewohnten Poesie durch radikalen Archaismus; dieser selbe Archaismus macht aber gleichzeitig auch jene antitraditionalistischen, erwartungstäuschenden Querschläger, die zu spätavantgardistischer Routine verkümmert waren, zur voll wirksamen Provokation. Die strenge poetische Form, die sublime Diktion wird in ihrem Zufall demonstriert, in ihrer Brüchigkeit, in ihrer unwiederbringlich vergangenen Schönheit. Diese Sicht wird unterstützt durch zahlreiche Motive auf der Inhaltsebene – es genügt, hier auf die immer wieder beschworenen Bilder verfallender oder zerstörter großer Architektur (wie etwa im Titelgedicht), zerstörenden und verstörenden Wirkens der Natur („Neue Stanzen an Augusta“) und vor allem auf das immer wiederkehrende Motiv der Trennung zu verweisen.
Diese Spannungen und Widersprüche hat keiner der drei Übersetzer nach einem einheitlichen Rezept verdeutscht. Jedes einzelne russische Gedicht hat seinen Übersetzer veranlaßt, einen jeweils anderen Kompromiß zwischen den Erfordernissen semantischer, syntaktischer, stilistischer, metrisch-rhythmischer und gelegentlich auch reimtechnischer Annäherung an das Original zu suchen. Die jeweils gefundenen Lösungen mögen unterschiedliche Leser unterschiedlich ansprechen. Sie alle stehen aber im Dienst einer bedeutenden, komplexen Poesie, die nicht den geschmäcklerischen Konsumenten, sondern den mitdenkenden und mit-kreativen Leser sucht.

Rolf Fieguth und Sylvia List, Nachwort

 

Zu diesem Buch

Jossif Brodskij gilt als der bedeutendste russische Lyriker der Gegenwart. Die vorliegende Auswahl, weitgehend von ihm selbst besorgt, ist ein Querschnitt seines lyrischen Schaffens.
Brodskijs Themen sind die aller großen Lyriker: Leiden an der Welt, Liebe und Tod, Trennung und Einsamkeit. Seine Dichtung verbindet Klassizität der Form mit absoluter Modernität der Sprache und des Empfindens; sie bedient sich historischer Figuren, antiker und biblischer Hintergründe, um individuelle Erfahrung gegenwärtiger Realität darzustellen. Seine Verse leben von der Spannung des Gegensätzlichen. Sie sind meditativ und technisch virtuos, und die Entrückung der Themen in die Mythologie oder historische Vergangenheit macht das Gesagte nur um so eindringlicher.
„Ich zögere nicht zu sagen, daß Jossif Brodskij ein Dichter ersten Ranges ist .“ W.H. Auden

R. Piper Verlag, Klappentext, 1986

 

Verweile Augenblick! Du bist nicht schön,

doch immerhin bist du unwiederbringlich.

Ein Vers ist zu dem andern wie ein Bruder,
obwohl sie zueinander flüstern: Rück ein wenig.
Doch jeder ist soweit vom Himmelstor entfernt,
so arm, so dicht, so rein, dass – Einigkeit sie füllt.

Wisława Szymborska, Nobelpreisträgerin von 1996, sprach in ihrer Preisträgerrede von der Schwierigkeit, heute den Beruf des Dichters auszuüben und einzukreisen. Es gäbe, sagte sie, keine Bescheinigung, keinen amtlich eingetragen Beruf namens Dichter. Dementsprechend würde niemand, nicht einmal die Dichter selber, das Wort gerne benutzen oder auf sich beziehen. Mit einer Ausnahme: Als sie Joseph Brodsky (andere Schreibweise auch Jossif Brodskij) zum ersten Mal traf, bemerkte sie schnell, dass er keine Probleme damit hatte, sich als Dichter zu bezeichnen, ja sogar ohne Hemmungen auf diesem Wort zu bestehen.
In der Tat ist Dichter sein heute schwerer als in allen Zeiten zuvor, in denen Menschen Dichtungen verfasst haben. Denn – noch einmal abgesehen davon, dass nur sehr wenige Menschen Lyrik lesen und die Hälfte davon auch eher daran interessiert ist, sie akademisch zu deuten und zu erden – die allgemeine Poesie hat in ihrer allzu großen Hast die neue und ultimative Form zu finden, einen immer publikumsferneren Erlebnishorizont geschaffen. Damit will ich nicht sagen, dass die hier angedeuteten Dichtungen schlecht sind, nein (im schlimmsten Falle würde ich sie als zweitrangig bezeichnen), das größere Problem ist jedoch das dieser eine Aspekt der Lyrik die gesamte langsam aber sicher ins Abseits gespielt hat. Denn was ist Lyrik denn eigentlich? Ist es nicht die Kunst mir Wörtern das Phantastische, Unnahbare, Konzeptlose, Besondere der Welt in Worte zu kleiden, die einen sicheren Ort für die Essenz dieses Gefühls, dieses Dings, dieses verbindenden Moments bilden, damit alle Menschen auf der Welt sie wieder herauslesen oder erkennen können? Und ist ein Dichter nicht ein Mensch, der aus seinem Wesen heraus, dieses Wunder vollbringt, die Möglichkeit gibt zu verstehen und zu erleben, was einen Menschen bewegt, leitet, ängstigt und bestimmt?

Da steh ich nun im offenen Mantel
und lass die Welt mir durch ein Sieb
des Nichtbegreifens in die Augen fließen.

Joseph Brodsky ist einer der Dichter in der Moderne, der diese Kunst, neben vielen anderen, auf ganz eigene Weise beherrscht. Wie Ted Hughes, William Carlos Williams oder eben Wisława Szymborska, ist er ein Dichter der von sich aus, von seinem Geist, die Momente des Daseins zu erhellen versucht. Er hatte ein unbeständiges Leben hinter sich, als er 1987 den Literaturnobelpreis bekam, er war in einem Gulag gewesen, hatte sich selber Polnisch und Englisch beigebracht, um von den Übersetzungen leben zu können, hatte das 17 Jahre nach dem Krieg immer noch zerstörte Königsberg erlebt, war aus Russland ausgewiesen worden, wobei man ihm seine Manuskripte raubte und hatte sich in den USA ein neues Leben aufgebaut.
Bis heute liegt auf Deutsch keine vernünftige Sammlung seiner gesammelten Gedichte vor, was auch daran liegen mag, dass schon in der Originalsprache die lyrischen Richtungen seines Werkes sehr verschieden sind und die Übersetzungen stets an dem einzelnen Gedicht gemessen, begangen werden müssen. Die meisten Gedichte in diesem Band sind zwischen 1960–1972 (Datum steht bei jedem Gedicht dabei) entstanden, also alle bevor er Ende 1972 in die USA ausgewiesen wurde. Eine neue, immerhin umfangreiche Ausgabe der Gedichte gibt es bei FischerBrief in die Oase: Hundert Gedichte. Im Fischer Verlag sind insgesamt die meisten Sammlungen erschienen.

Ich weiß, dass ich vorm Abgrund steh. Und mein
Bewusstsein kreist gleich einem Schaufelrad
um seine Achse, die unbiegsam ist.

Wie bereits erwähnt sind Brodsky Gedichte thematisch und formal sehr unterschiedlich. Es gibt längere Gedichte, wie z.B. eine Elegie auf John Donne, in der Klang und Pathos dominieren, aber auch sehr viel stillere Gedichte, in denen Brodsky über eigene Beziehungen und das eigene Erleben der Dinge schreibt; dazu gehören auch sehr berühmte Gedichte, wie „Haltestelle in der Wüste“ oder „Einem alten Architekten in Rom“. Es sind meist vielfältige Stimmungsbilder; man hat das Gefühl durch Augen Brodskys die Szenerie zu sehen, kurz mit seinem Leben und Erleben verbunden zu sein, so still und bezeichnend ist der Ton der Gedichte, an die Brodsky immer wieder Beobachtungen anflechtet:

…denn leichter erinnern wir uns
an das, was uns fehlt, als es aufzufüllen,
mit etwas anderem von außen.

 

Der Ton – gleich einem sich entrollnden Band –
ist eine Art Verlängerung der Stille.

Weiterhin ein beliebtes Thema sind für ihn antike Sagenstoffe, z.B. Aeneas, die er oft zu philosophischen Betrachtungen und Parabeln verformt oder weiterspinnt.
Wie man wahrscheinlich merkt, fällt es schwer die symmetrische und dann wieder asymmetrische Poesie und Kunst Brodsky wirklich in einer Rezension darzulegen. Vielleicht ist es am besten, wenn man einfach sagt: Joseph Brodsky ist einer der eindrucksvollsten Dichter der Moderne. Seine Poesie hat nichts fachmännisches, nichts beherrschendes, vielmehr ist sie stets ein wenig wellenhaft, losgelassen und wieder auf den Punkt gebracht, nachdenklich und wieder ausdrückend. Aber alles an ihr ist Dichtung und alle Werke Brodsky gleichen sich in einem Punkt: ihrer eindeutig poetischen Intention.

Die Stunde früh. Es dämmert. Flußher Dampf.
Im Winde tanzen Kippen um die Urne.
[…]
Es nieselt.

 

Zünd an die Kerzen. Und hör auf, man müsst
erhellen jemands Dämmerung durch ihr Licht.
Von uns hat niemand über andre Macht –
geheime Wünsche, die nur Unheil bringen.
An mir ist’s nicht, dich, Schönste, zu umfangen,
und nicht an dir, mich weinend anzuklagen.
Legt auf die Dinge selber doch das Wachs
sich, und nicht auf das Denken von den Dingen.

 

Auf ewig – das ist kein Wort, sondern eine Ziffer.

Timo Brandt, amazon.de, 27.3.2012

Schwierig zu fassen

Brodskij ist für mich terra incognita gewesen. Ich wusste über seine Existenz eher durch die Enge Verbundenheit zu den beiden anderen herausragenden osteuropäischen Dichtern des 20. Jh., Czeslaw Milosz und Tomas Venclova. Brodskij war der jüngste innerhalb dieser Triade, die neben der Exilierung aus ihren kommunistischen Heimatländern eine wichtiges gemeinsames Sujet verbindet: Der Pessimismus. (Dabei gibt es sicherlich Abstufungen; ich würde beispielsweise behaupten, dass dieser am stärksten bei Venclova vertreten ist). Nach der Lektüre dieser Sammlung kann ich zumindest feststellen, dass Brodskij auf sehr unterschiedliche Weise geschrieben hat und sich das v.a. im Leserhythmus bemerkbar macht. Zudem sind bei weitem nicht alle Gedichte wirklich gut oder gleichsam berührend, aber in jedem „Teil“ findet sich mindestens eines, das einem die Schuhe auszieht, wie z.B. „Sieben Jahre später“, „Dido und Äneas“, „Nature morte“ und „Odysseus an Telemachos“, um nur ein paar zu nennen. Schließlich habe ich mehr Blut geleckt auf seinen Kurzroman, vielleicht noch die Erinnerungen an Petersburg und einige Essays als auf weitere Lyrik, obgleich ich auch danach sicher sagen werde, Brodskij ist für mich terra incognita…

Michael Pietrucha, amazon.de, 1.9.2012

Der russische Lyriker Brodskij

– Zur deutschen Übertragung seiner Gedichte. –

Als im Dezember 1963 der damals dreiundzwanzigjährige Leningrader Poet Jossif Brodskij verhaftet und drei Monate später wegen sogenannten ,Parasitentums‘ zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde, hatten sich im Westen, aber auch in der Sowjetunion, einige gewichtige Proteststimmen erhoben, die letztlich ein kleines Wunder bewirkt haben: ein praktisch unbekannter Autor, dessen Gedichte lediglich in engen oppositionellen Kreisen Leningrads und Moskaus kursierten, den jedoch die großartige Altmeisterin russischer Moderne, Anna Achmatowa, als „das größte Talent der jungen Generation“ empfohlen hatte, durfte nach anderthalbjähriger Verbannung wieder in seine Heimatstadt Leningrad zurückkehren. Somit ist Brodksij, ein im Grunde apolitischer Dichter, dem nichts ferner liegt als Tagesaktualität, geschweige denn aufsehenerregende Regimekritik, dem es nicht einmal auf die sogenannte ästhetische Provokation ankommt, zu einem weltweit beachteten Politikum geworden.
Ein Mißverständnis? Ein Paradox? Mitnichten; eher schon eine dem Sowjetsystem immanente Absurdität, die dennoch einer inneren Logik nicht entbehrt. Denn was die wachsamen Staatsorgane damals an Brodskij gleichsam exemplarisch bestrafen wollten, war sehr wohl systemgefährdend, oder genauer systemfremd: nämlich Brodskijs ostentatives Einzelgänger- und Außenseitertum, seine augenfällige Andersartigkeit, sein konsequenter Nonkonformismus, der mit jenem staatlich zugelassenen, und gar im Ausland vorgezeigten Nonkonformismus eines Jewtuschenko oder Wosnessenskij nichts gemein hatte. Allein schon Brodskijs Werdegang war in dieser Hinsicht sehr unorthodox: Mit 15 Jahren, nach Abschluß der Hauptschule, hatte er auf das offizielle Bildungsangebot (auf die Aufnahme ins Gorki-Literaturinstitut etwa) ,hochnäsig‘ verzichtet – zugunsten eines zweifelhaften Selbststudiums, in welchem er sich zwar die Kenntnis des Englischen und des Polnischen aneignete, sich ansonsten jedoch mit so unzeitgemäßem und praxisfremdem Zeug wie der antiken Mythologie, mit den sogenannten ,metaphysischen Dichtern‘ Englands im 16. und 17. Jahrhundert, mit der Bibel, mit Religionsphilosophie und Kunstgeschichte beschäftigte; aus der heimatlichen Kulturtradition dann fast ausschließlich mit offizieller Meinung nach „historisch längst überholten“ Erscheinungen wie dem Symbolismus oder dem Akmeismus, also mit derart ,unsowjetischen‘ Dichtern wie Achmatowa, Gumiljow, Mandelstam oder Zwetajewa…
Doch Ironie beiseite: Die Eigenart von Brodskijs Lyrik verdankt sich in der Tat – zum guten Teil – seiner intensiven und kenntnisreichen Auseinandersetzung mit eben jenen kulturhistorischen Impulsen. In diesem Sinne ist Brodskij ein ausgesprochen traditionsbewußter Dichter, für den überdies die Zugehörigkeit der russischen Literatur zum abendländischen Kulturkreis eine selbstverständliche Tatsache ist. Brodskij sind zwar jegliche modernistisch-avantgardistischen Eskapaden, oder auch formales Experimentieren offenkundig fremd, noch fremder aber ist ihm die sterile Pseudoklassizität oder die triviale Lesebuch-Didaktik, durch die sich Produkte aus der soziorealistischen Versschmiede, sprich: das Gros der sowjetischen Gegenwartslyrik, auszeichnen. Hinzu kommt, auf einer, wenn man so will, literatur-soziologischen Ebene die Tatsache, daß sich Brodskij bereits als fünfzehnjähriger Anfänger jene Freiheiten genommen hat, die in der Sowjetunion allein den Mitgliedern des Schriftstellerverbandes zukommen: nämlich als ,freier Schriftsteller‘, als beruflich ungebundener Lyriker und Übersetzer zu existieren. Erst aus all diesen Zusammenhängen heraus lassen sich vielleicht sowohl die Repressionen gegen Brodskij als auch sein mutiges Einzelgängertum erklären.
Regulär erschienen sind in der Sowjetunion – 1966 und 1967 – lediglich 4 Gedichte und einige Übersetzungen Brodskijs. Die erste russischsprachige Auswahl seiner Gedichte kam 1965 in New York heraus, ihr folgte dann – 1970 – eine breitere und repräsentativere. In deutscher Sprache erschien Brodskij, von Einzelheiten abgesehen, zuerst 1966, in einem schmalen, in Esslingen verlegten Bändchen. Im angloamerikanischen Kulturkreis, für den Brodskij als ein vorzüglicher Übersetzer der englischen metaphysischen Dichten und als Autor der hervorragenden „Elegie für John Donne“ sowie der (eher ziemlich banalen) „Verse auf den Tod von T.S. Eliot“ gewiß noch einen zusätzlichen Reiz besaß, ist die erste repräsentative Brodskij-Auswahl 1973 erschienen, zu einem Zeitpunkt also, als sich der Autor, der im Juni 1972 im Rahmen der jüdischen Auswanderungswelle seine Heimat verlassen mußte, bereits in den USA befand. Diese von Georg L. Kline besorgte, gleichzeitig in England und Amerika erschienene Auswahl liegt der ersten größeren deutschsprachigen Brodskij-Präsentation zugrunde, die der Piper-Verlag unter dem Titel Einem alten Architekten in Rom im Spätherbst 1978 herausbrachte. Die beiden Herausgeber und Übersetzer – Sylvia List und Rolf Fieguth – teilen uns mit, daß die Auswahl der Gedichte für diesen Band weitgehend von Jossif Brodskij selber getroffen worden ist; auch bedanken sie sich bei Prof. Kline „für seine persönliche Unterstützung und für die unschätzbare Hilfe, die seine Übertragungen für (ihre) Arbeit bedeutet haben“. Beides gilt es zu berücksichtigen, wenn wir im weiteren sowohl die Auswahl als auch die Übertragung kritisieren werden.
Doch zunächst zum Wesentlichen: Was an Brodskijs Gedichten schon auf den ersten Blick fesselt (oder aber irritiert), sind deren für einen zeitgenössischen, dazu noch sowjetrussischen Dichter gewiß unübliche vielfältige kulturhistorische Bezüge, die sich meist bereits in den Gedichttiteln manifestieren. „Dido und Äneas“, „Odysseus an Telemachos“ oder „An Lykomedes auf Skyrost“ heißen sie, oder „Post aeternam nostram“, oder „Anno Domini“ (eine Anspielung auf einen Gedichtband von Achmatowa), oder „Neue Stanzen an Augusta“ (eine Anspielung auf Byrons „Stanzen an Augusta“) und anderes mehr. Erst recht im Detail stößt man auf unzählige literarische sowie historische Anspielungen, Querverbindungen und Motive (vornehmlich antiker Provenienz), die nicht einmal die aus der englischen Ausgabe übernommenen, akribischen Textanmerkungen vollständig zu erfassen und zu klären vermögen. Gleichwohl erweisen sich diese Fußnoten als recht nützlich: liest man beispielsweise das eindrucksvolle Gedicht „Lichtmeß“ sozusagen nur so, als einen in sich geschlossenen, formschönen Text, so würde man wohl kaum bemerken, daß es sich praktisch um eine Vers-Nacherzählung von Jesu Darstellung im Tempel, Lukas 2, V. 22–40 handelt…
Ähnliches läßt sich – anschaulicher noch – an dem Titelgedicht „Einem alten Architekten in Rom“ zeigen. Der Titel steht auch im russischen Original in deutscher Sprache. Warum? Weil es darin um Königsberg – heute Kaliningrad – geht, um dessen Zerstörung. Als Brodskij 1962, siebzehn Jahre nach Kriegsende, diese für Ausländer gesperrte Stadt besuchte, lag sie immer noch in Trümmern – eine Geisterstadt –, daher auch die – bitter-ironische – Widmung „einem alten Architekten“. Warum aber „in Rom“? Der Titel ist Wallace Stevens’ Gedicht „Einem alten Philosophen in Rom“ nachgebildet, einem Gedicht über die Würde eines Mannes im Angesicht des Todes. Das heißt Brodskij zieht hier – unter dem Aspekt der Würde – eine Parallele zwischen dem Tod eines alten Mannes und einer alten Stadt.
So betrachtet, dürfte sicherlich der Eindruck entstehen, Jossif Brodskij sei so etwas wie ein nicht gerade zeitgemäßer leicht verschrobener ,poeta doctus‘, doch nichts wäre falscher: allein schon deshalb, weil Brodskijs Lyrik jegliches intellektuelles Kalkül oder jede Spekulativität fremd sind. Im Gegenteil: Brodskij ist im Prinzip ein spontaner, sinnlich-konkreter, in der eigenen Biographie und der aktuellen Zeit tief verwurzelter Erlebnis- und Bekenntnisdichter, der über das Selbsterlebte und -erfahrene eine möglichst ehrliche Rechenschaft ablegen will. Allen seinen Gedichten liegt ein ganz konkretes, authentisches Erlebnis zugrunde, eine reale Begebenheit, eine charakteristische Lebensepisode. Anders gesagt: die meisten seiner Gedichte haben einen deutlichen ,epischen Kern‘; dann wird aber diese authentische persönliche Realität in einen sozusagen ,kulturhistorischen Rahmen‘ eingespannt, hineinprojiziert und so um – meist recht überraschende – Dimensionen und Perspektiven erweitert, vertieft, objektiviert. Jene ,kulturhistorischen‘ Anspielungen und Bezüge sind also keinen Augenblick (beziehungsweise nur selten) bloß verzierendes Beiwerk oder manieristische Stukkatur.
Brodskij ist ein – wie man so schön sagt – gottbegnadeter, spontaner Lyriker. Doch diese Spontaneität, mit der er Wahrnehmungen, Gedanken, Phantasie freisetzt und zu einem stürmischen Sprachfluß werden läßt, bedingt zugleich auch seine, kaum übersehbaren, ,schwachen Stellen‘. Manches seiner Gedichte gerät nämlich allzu extensiv, wenn nicht gar langatmig, mutet fast wie eine ,écriture automatique‘ (freilich nicht im streng surrealistischen Sinne) an: Alles, was soeben durch den Kopf zieht, wird aufgeschrieben; der erste beste Einfall wird aufgegriffen und fortgesponnen – zum Beispiel in dem langwierigen, dazu noch ziemlich banalen GedichtAdieu, Mademoiselle Veronika“, oder in dem albern-genialischen „Zwei Stunden in einem Behälter“, das – von der Überlänge mal abgesehen – seinen Reiz im wesentlichen dem spontanen Spiel mit ,einer Art makkaronischer Sprache‘ (d.h. mit durch die russische Aussprache bzw. Transkription verhunzten deutschen bzw. pseudodeutschen Sprachbrocken und Redewendungen) verdankt und das sich daher kaum adäquat übersetzen läßt. Ich meine, auf diese beiden Gedichte (und auf einige andere noch) hätte man bei der Auswahl getrost verzichten können, zumal sich bei dem sehr produktiven Autor gleich ein Dutzend gewichtigerer, und in jeder Hinsicht besserer, Texte angeboten hätte.

Damit sind wir bei dem schwierigsten Problem dieser Brodskij-Präsentation angelangt: bei der Qualität der Übersetzungen. Sie einfach als recht miserabel – da nur ausnahmsweise dem Original wirklich adäquat – zu bezeichnen, wäre gewiß ziemlich ungerecht, obwohl sie von oft elementaren, sinnentstellenden Übersetzungsfehlern voll sind. Die beiden Übersetzer haben sich – dies ist offensichtlich – alle erdenkliche Mühe gegeben, und – was noch viel wichtiger ist: sie haben genauestens reflektiert, was in Brodskijs Lyrik – poetologisch, stilistisch, auch sprachlich – sozusagen ,los ist‘; siehe nur das vortreffliche Nachwort „Zum Verhältnis von Vorlage und Übersetzung“.
Freilich, es ist eine geradezu halsbrecherische Aufgabe, Brodskij gerecht zu werden. Allein schon der virtuos-variablen rhythmisch-metrischen Durchstrukturierung seiner Gedichte wegen, und mehr noch wegen der exponierten Rolle, die bei ihm kühnoriginelle Reime und gewagte Assonanzen oder auch Alliterationen spielen. Hinzu kommt auch die sozusagen ,rein sprachliche‘ Beschaffenheit seiner Texte, deren enorme Vielschichtigkeit und Spannweite. Ich denke hier an den reichen Wortschatz, vor allem aber an das häufige Gegeneinander-Ausspielen kontrastierender Sprach- und Stilebenen, an die Verknüpfung erhabener rhetorischer Gestik mit dem schnöden Alltagsjargon beispielsweise, oder an die reizvolle ,Mesalliance‘ zwischen archaischen Kirchenslawismen und aktuellstem Slang.
Doch nicht an derartigen Schwierigkeiten, auch nicht so sehr an Poetik oder Stilistik scheinen die beiden Übersetzer gescheitert zu sein, sondern vielmehr wohl an mangelhaften Russischkenntnissen, vielleicht auch nur an einem unzureichenden, oder nicht aufmerksam genug benutzten Wörterbuch – oder aber: sie haben ihrem Vorbild, der englischen Übersetzung, allzu blind vertraut. Wie anders wäre nämlich sonst zu erklären, daß jene drei früheren Brodskij – Übersetzungen von Karl Dedecius, die in diese Ausgabe aufgenommen wurden, völlig tadellos, ja vorzüglich sind, während man in dem Band ansonsten immer wieder auf Ärgerliches und Mißliches stößt.
So liest man z.B. in dem Gedicht „Anno Domini“ „Wie gut, daß das Gericht nicht schwimmen kann / Wie gut, daß winters zugefrorn das Meer“, obwohl im Original – ganz eindeutig – „Schiffe“ (keinesfalls aber „das Gericht“) „nicht schwimmen können“ (wobei dann freilich „fahren“ oder „auslaufen“ wohl besser wäre, da ja „Schiffe“ an sich „schwimmen können“). Wie kann aber derart Surreales (ein schwimmendes bzw. nicht schwimmen könnendes Gericht) zustande kommen? Ganz einfach. Dadurch nur, daß der Übersetzer offensichtlich nicht bemerkt hat, daß im Russischen das (unregelmäßig deklinierte) „Schiff“ (sudno) im Nominativ Plural (suda) eine tückische Ähnlichkeit mit einem „Gericht“ (sud) aufweist. Ein anderes Beispiel: Erst wenn man den ersten Vers des Gedichts „1. Januar 1965“ nicht „Dein Name wird vergessen sein“ übersetzt, sondern wirklich so, wie es im Original steht, also (wortwörtlich): „Die Heiligen Drei Könige werden deine Adresse vergessen“, schließt sich dann der nächstfolgende (korrekt übersetzte) Vers „Es leuchtet über dir kein Stern“ organisch und sinnvollerweise an. Die Reihe ähnlicher Beispiele ließe sich fast beliebig fortsetzen, doch wollen wir uns lediglich mit der Anmerkung begnügen, daß sich die meisten solcher irreführenden Mißverständnisse letzten Endes auf ein einzelnes, falsch verstandenes Wort zurückführen lassen. „Besorgnis“ bzw. „innere Unruhe“ (Original) ist doch etwas anderes als „Missvergnügen“ (Übersetzung), „Blumentöpfe“ sind keine schlichten „Kübel“ und „Löwenzahn“ schon gar kein „Kürbis“ usw. Es ist nur folgerichtig, daß sich solche elementaren lexikalischen Fehlgeburten dann auf der syntaktischen oder stilistischen Ebene nur noch fortpflanzen und potenzieren.
Fazit? Die Tatsache, daß nicht einmal die schwerwiegenden Mängel der Auswahl und – vor allem – der Übersetzung die Wirkung der Gedichte von Brodskij entscheidend zu schwächen vermögen, spricht gewiß für den Autor. Um so mehr aber wäre für die Zukunft eine bessere, adäquatere Übersetzung zu wünschen und auch eine Auswahl, die sich nicht wie die vorliegende fast ausschließlich auf ältere Texte (von insgesamt 36 stammen vier Fünftel aus den Jahren 1961–69) stützt, sondern die auch den neueren, meist überaus bemerkenswerten Brodskij-Gedichten Rechnung tragen würde.

Antonin Brousek, Neue Rundschau, Heft 3, 1979

„Das Ende einer schönen Epoche“

Anna Achmatowa und W.H. Auden nannten ihn einen großen Dichter – Joseph Brodsky, der am 24. Mai 1940 als Kind jüdischer Eltern in Leningrad auf die Welt kam, früh zu schreiben begann (ohne publizieren zu können) und 1964 „wegen Parasitentums“ zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Dank weltweiter Intervention wurden daraus anderthalb Jahre. Nach seiner Rückkehr arbeitete Brodsky als Übersetzer aus dem Englischen, Polnischen und Serbokroatischen. Im Mai 1972 wurde er aus der Sowjetunion abgeschoben und ließ sich in den Vereinigten Staaten (deren Bürger er inzwischen geworden ist) nieder. Er glaube nicht an politische Bewegungen, gestand er nach seiner unfreiwilligen Emigration, denn jede politische Bewegung sei der Versuch, die persönliche Mitverantwortung am Weltgeschehen von sich zu weisen.
Brodsky bekennt sich demgegenüber zur „persönlichen Bewegung“, so auch in seinem dichterischen Schaffen. Nach literarischen Autoritäten befragt, nennt er so unterschiedliche Namen wie Kavafis, T.S. Eliot, Dostojewskij, Sylvia Plath, Dylan Thomas, W.H. Auden, Andrej Platonow, Djuna Barnes, Jewgenij Baratynskij, John Donne, Marina Zwetajewa.
Brodskys Gedichte liegen auf russisch in vier (in den Vereinigten Staaten edierten) Sammlungen vor; die letzten beiden – Das Ende einer schönen Epoche und Wortart – datieren von 1977. Nachdem 1966 eine erste deutsche Auswahl seiner Gedichte im Bechtle-Verlag erschienen ist, legt nun der Piper-Verlag 36 Gedichte aus den Jahren 1962 bis 1972 vor, von Brodsky selber ausgewählt. Die Auswahl reicht von der „Großen Elegie für John Donne“ (einem der inspiriertesten Texte des Autors) bis zu dem poemhaften, zwölfstrophigen Gedicht „Post aetatem nostram“ – die episch-narrative Langform erweist sich als Kontinuum. Brodsky füllt sie gelegentlich mit historisch-mythologischen Inhalten (Dido und Aeneas, Odysseus und Telemachos), oft aber mit alltäglich-trivialen (Adieu, Mademoiselle Veronika). Der Abbruch einer griechisch-orthodoxen Kirche in Leningrad zur Errichtung eines Konzertsaals („Haltestelle in der Wüste“) dient Brodsky als Anlaß zu einem weitschweifigen Diskurs über die Gegenwart, der in die Frage mündet:

Wie weit sind wir gekommen?
Und was ist ferner uns: der Hellenismus,
der orthodoxe Glaube? Was ist nah uns?
Was haben wir in Zukunft zu erwarten?
Harrt unser jetzt nicht eine andre Ära?
Und wenn’s so ist, was ist dann unsre Pflicht?
Und welche Opfer müssen wir ihr bringen?

Brodskys Hang zur philosophischen Reflexion (sie verbindet ihn mit dem Klassizismus eines Jewgenij Baratynskij ebenso wie mit der Rhetorik John Donnes und T.S. Eliots) ist spürbar auch in der „Mär“ über die alte und vielgeprüfte Kant-Stadt Königsberg („Einem alten Architekten in Rom“) und in den „Versen auf den Tod T.S. Eliots“. Die Geschichte eines Schulkollegen, der durch die Droge auf den Hund kam („Aus der Schulanthologie: Albert Frolow“), wird von Brodsky dagegen zu einer dramatisch zugespitzten Versstory gerafft, in der expliziter Tiefsinn keinen Platz hat. Originell und humorvoll-persiflierend behandelt Brodsky in 138 Versen den Faust-Stoff (von Marlowe über Goethe und Gounod bis Thomas Mann), indem er einen modernen Anti-Faust erfindet, der in Clausewitz ebenso bewandert ist wie in Francis Bacon und Descartes, dabei aber von sich sagt: „Mir ist fad, Teufel.“ Brodskys Anti-Faust, der im Original immer wieder deutsch radebrecht, spricht in der Übersetzung ein deutsch-russisches Kauderwelsch:

Ich bin antifaschist und antifaust.
Ich libe leben, ich vergöttre Chchaos.
Ich bin zu wolln, genosse oficiren,
dem zait zum faust ein weniges schpaziren.

(„Zwei Stunden in einem Behälter“)

Um die thematische Spannweite von Brodskys Poesie zu dokumentieren, sei hier noch auf jenes Anna Achmatowa gewidmete Gedicht hingewiesen, das die biblische „Darstellung im Tempel“ zum Gegenstand hat und in seiner getragenen Erzählweise und verhalten-pathetischen Diktion zu Brodskys besten Werken gehört.
Vielfalt, Pluralität als Stilmerkmal. Man wäre gelegentlich versucht, Brodsky als alexandrinischen Dichter zu bezeichnen, doch entzieht er sich jeder Einordnung. Eher müßte man einen synkretistischen Modernitätsbegriff auf ihn anwenden; im Synkretismus liegt seine Stärke, im harten Nebeneinander von Natur und Zitat:

Nun denn – Karaffe, Lächeln, Dämmerung.
Ein Barmann, ziemlich weit entfernt, beschreibt,
die Hände ringend, Kreise, wie sie ein
Delphin um eine frischbeladne
Feluke zieht. Quadrat des Fensters. In
den Kübeln Goldlack. Schnee treibt federleise.
Verweile, Augenblick! Du bist nicht schön,
doch immerhin bist du unwiederbringlich.

(„Winterabend in Jalta“)

Der Synkretismus wird von Brodsky auch sprachlich-formal realisiert und bis zum „Stilbruch“ strapaziert. Triviale Alltagsthematik ist in eine gehobene, ja archaische Lexik gekleidet, zu der sich ein strenges Versmaß und der Reim gesellen. Brodsky gilt als der subtilste Versifikator seiner Generation (nicht zuletzt wegen seiner meisterhaften Handhabung des Zeilen- und Strophenenjambements), doch ist das Formale nie Selbstzweck, sondern umgekehrt, ein „Minus-Verfahren“, das zur „Verfremdung“ des Inhalts beiträgt. (So erfüllt auch der von Brodsky in einigen Poemen verwendete Blankvers eine Kontrastfunktion.) Durch solche Brechungen entsteht bei Brodsky Innovation; so wird er zum subtilen Zertrümmerer der klassizistischen Ästhetik, provoziert aber gleichzeitig „den Modernismus der bei uns gewohnten Poesie durch radikalen Archaismus“.
Auf die eminenten Schwierigkeiten bei der Übersetzung dieser Dichtung haben die Übersetzer Rolf Fieguth und Sylvia List in einem kurzen Nachwort hingewiesen. Kompromisse mußten gefunden werden, für jeden Text ein neuer. Nicht immer sind sie befriedigend. Liest man im Deutschen „Todesstund“, „Erd“, „Kräh“, „mystsche“, „tu keiner Flieg ein Leides“, so wird eine falsche Archaik evoziert, die nicht dem erlesenen Wortschatz Brodskys entspricht. Ähnliches gilt für die Syntax: wird sie im Deutschen merklich um des Metrums willen umgestellt, entstehen (im besten Fall) Hölderlin-Reminiszenzen, während das Original jeden Manierismus vermissen läßt. In solchen Fällen müßten Äquivalente gefunden werden.
Eine leidige Sache, man weiß es, ist auch der Reim. Noch immer scheint jene Lösung die beste, die Paul Celan in seinen Blok- und Mandelstam-Übersetzungen gewählt hat: er ersetzte die russischen Reime im Deutschen durch Assonanzen. Verzichtet man – wie die Übersetzer dies einige Male versuchten – sogar auf die Assonanzen, so zerfällt die Form. Hält man sich dagegen allzu sklavisch an den Reim, wird die Wirkung parodistisch. In Anbetracht dieser Tatsache erstaunt nicht, daß die Blankversgedichte die adäquateste Wiedergabe gefunden haben.
Es bleibt zu hoffen, daß Brodsky, trotz gewissen Mängeln der vorliegenden Übersetzung, nun endlich auch im deutschen Sprachraum gebührend rezipiert wird.

Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung, 17./18.3.1979

 

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Joseph Brodsky „liest“ sein Gedicht „Натюрморт“.

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