Pablo Neruda: Memorial von Isla Negra

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Pablo Neruda: Memorial von Isla Negra

Neruda-Memorial von Isla Negra

VIELLEICHT HABEN WIR ZEIT

Vielleicht haben wir trotz allem Zeit,
um dazusein und um gerecht zu sein.
Beim Vorübergehen
starb gestern die Wahrheit,
und obgleich alle Welt es weiß,
verhehlt es alle Welt:
keiner hat ihr Blumen geschickt:
schon ist sie tot und keiner weint.

Vielleicht werden wir zwischen Vergessen und Kummer
kurz vor dem Begräbnis
die Gelegenheit
in Tod und Leben haben,
hinauszugehn von Straße zu Straße,
von Meer zu Meer, von Hafen zu Hafen,
von Gebirg zu Gebirg,
und vor allem von Mensch zu Mensch,
um zu fragen, ob wir sie umbrachten,
oder ob andere sie umbrachten,
ob es unsere Feinde waren
oder unsere Liebe das Verbrechen verübte,
denn längst ist die Wahrheit tot,
und wir können nun rechtschaffen sein.

Zuvor mußten wir kämpfen
mit Waffen obskuren Kalibers,
und wenn wir uns verwunden, vergessen wir,
wofür wir gekämpft hatten.

Niemals wußte man, von wem das Blut
herrührte, das uns einhüllte,
wir beschuldigen unaufhörlich,
unaufhörlich wurden wir beschuldigt,
sie litten und wir leiden,
und als sie schon gewannen
und auch wir gewannen,
war die Wahrheit gestorben
an Überalterung oder an Gewalt.
Jetzt kann man nichts mehr machen:
alle verlieren wir die Schlacht.

Darum meine ich, wir könnten vielleicht
endlich gerecht sein,
oder könnten endlich da sein:
uns bleibt diese letzte Minute
und dann tausend Jahre Ruhm,
nicht da zu sein und nicht wiederzukehren.

 

 

 

Eine Fotografie zeigt seinen Arbeitsplatz:

auf dem mit Schnitzwerk verzierten Tisch Manuskripte, Schreibgerät, eine Statuette, ein Bildnis Baudelaires, Bücher. Bücher auch in den Wandregalen zur Rechten und Linken. Im Fenstergeviert, unmittelbar vor den Augen des Dichters, die schäumende Pazifikbrandung. „Die wilde Küste von Isla Negra mit ihrem ozeanischen Aufruhr gestattete es mir, mich mit Leidenschaft der Aufgabe meiner Dichtung zu widmen“, schrieb Neruda. Hierher, an diesen abgelegenen Ort, zog es ihn immer wieder. Hier ruhte er aus von seinen Reisen durch Chile, durch die Welt. Hier im Angesicht elemtarer Natur gewann er neue Kräfte, schrieb er viele seiner schönsten Gedichte. Isla Negra war für Neruda Stätte schöpferischer Konzentration und Besinnung. Im Steinhaus am Strand, das wie des Dichters Werk mit den Jahren wuchs und Veränderung erfuhr, entwarf er künftige Werke, doch gab er sich, in die Vergangenheit schauend, auch Rechenschaft über Geleistetes und Gelebtes.
Memorial von Isla Negra, 1964 erstmalig erschienen, ist ein in Verse gefaßtes Erinnerungsbuch. In ihm schlägt der Dichter einen weiten Bogen von den Tagen der Kindheit über die bewegte Jugendzeit bis zu den erfüllten Jahren als weltweit anerkannter politisch engagierter Künstler. Er beschwört jenen prägenden Landstrich, „wo der Regen geboren wird“, wo sich dem Knaben das Irdische in seiner elementaren Fülle erschloß; er besingt seine Liebschaften, erinnert an die Jahre als Student und Hungerpoet, als junger Weltreisender, als Suchender und Leidender in fernen Ländern, als Aufbegehrender in der großen, blutigen Auseinandersetzung des Spanienkriegs. „Das grausame Feuer“ stählte ihn, gab ich, Erkenntnis, ließ ihn eine unverrückbare Position finden, von der aus er sich und seine Zeitgenossen in einer abschließenden „Kritischen Sonate“ befragt und bewertet.
Dieser lyrische Band innerer Sammlung – nach Aufenthalt auf Erden, Der Große Gesang und Elementare Oden Nerudas viertes monumentales Werk – ist das eindringliche Lebenszeugnis eines wortgewaltigen Dichters unserer Epoche.

Verlag Volk und Welt, Klappentext, 1976

 

Leben und Werk von Pablo Neruda

Weltzugehörigkeit, im Humanen, Musischen und Historischen, erhielt in unseren Tagen umfassend und akzentuiert ein Kontinent, das südliche Amerika, durch das Dichtwerk des Chilenen Pablo Neruda. Dieser Erdteil, den meisten nur stumme Erstreckung in Atlanten, eine vage Vorstellung, aus der schemenhaft oder abenteuerlich einzelne Namen wie Cortés oder Bolívar sich abhoben, trat damit erstmalig lebendig, dichterisch, Sinnzusammenhänge erschließend, in unser Bewußtsein, unsere Erlebnissphäre. Bekam Stimme und Gesicht. Ein neues Kapitel Weltdichtung ist aufgeschlagen: eine lyrische Landschaft, erdkreishaft. Neu eröffnet sich uns, gestaltet, ein Universum von Natur und Mensch, bis in die geologische Geburt, bis tief in die Vorzeit und eine bislang ungewisse Geschichte. Und, was uns mitatmen läßt, in jeder Zeile spürbar: Nerudas intensive Gegenwart als eine Emanation dieses Kosmos. Eingeborener Sohn eines tragischen und heroischen Erdteils. Authentischer Künder. Sein Dichtvermögen: ein Sprechen der Dinge selber.
1904 im äußersten unwirtlichen Süden des Kontinents als Sohn eines Lokomotivführers in Parral geboren mit Namen Neftali Reyes Basoalto, steht er vom Tag seiner Geburt an im Bann einer Elementarlandschaft. Himmelsstriche von ursprünglicher Wildheit, die düstere Schwermut einsamkeitdurchdrungener Wälder, die Monotonie ewiger Regen, die Verlorenheit des Fels, menschenleere Weiten, alles senkt sich in ihn, verwurzelnd: „Der Süden ist ein von Wassern verschlungenes Roß… von Schweigen umringt und Wurzeln“, wird er später schreiben. – Die Mutter stirbt bald nach der Geburt. Ein schweigsamer Vater. Schweigsam auch, herb die Menschen, wie der australe Süden. Einsam das Kind, in der Obhut des Großvaters. Fünfjährig folgt er dem Vater nach Temuco, wohin dieser nach Neftalis Geburt (Neruda ist nach einem tschechischen Lyriker sein späteres Pseudonym) übergesiedelt war. Bald wird er den Vater auf seinen Fahrten mit dem Lastzug in ein weiteres Schweigen begleiten, in das urgesichtiger Wälder, der Unberührtheit von Pflanze, Fels und Baum. Tellurisch: der Erde verhaftet, ihrem kosmischen Gepräge, ihrem Atem, den Eruptionen, ihrem inneren Feuer (die das Kind schreckenden Ausbrüche des nahen Vulkans Llaima) wird seine Dichtung sein. Mit seinem Jugendfreund Juvencio Valle durchstreift der Zehn- bis Zwölfjährige schmalwüchsig, mit großen traurigen Augen, die Einsamkeiten und Geheimnisse der Wälder um Temuco, besessen Insekten, Spinnen, Pflanzen sammelnd (seine Herbarien und Insektarien schwellen an), lernt er, ein wißbegieriger kleiner Forscher, das Leben der Gesteine, des Holzes, der Käfer kennen, immer neue Welten. Sein Auge schärft sich, weitet sich, dringt unter die Rinde, Haut reibt sich an Haut, seine zarte an die harte versehrende der Dinge. Unerschöpflich seine Begier, die Natur zu erschließen, umherzuschweifen mit seiner alles ergreifenden Sensualität. Unerschöpflich sein kindliches Sammlertum: er steckt damit seine Spielgefährten an, sie bauen sich Hütten und häufen darin die gesammelten Schätze. (Später wird sein Haus in Isla Negra die vollkommenste Muschelsammlung des Kontinents haben, die er der Universität von Chile vermacht hat). Trotz wirtschaftlicher Sorgen im Haus und von vielem Elend umgeben, bleibt seine Kindheit unbeschwert: früh schon lebt er in einer traum- und wirklichkeitsgesättigten Welt, die sich zusammenfügt aus Stein (spätere Chiffre der Dauer), aus Baum und Blüte (Symbole der Schönheit und Beglückung), aus Regen, Schlamm, Wolkenbruch und Tod, aus Raupe und Schmetterling, Käfer, Vogelei und Schnecke, dem Schlachten der Tiere, dem gräßlichen „mannhaften“ Trinken frischen Lammbluts, aus Feuersbrunst, häusereinstürzendem Beben, dem harten, ihm freundschaftlichen Gesicht der Holzfäller und Streckenarbeiter, die ihm seltene Käfer bringen, und dem gütigen seiner Amme, aus Gitarre (Symbol der Dichtung), aus Strombett, Fluß und Meer und den später so oft besungenen Vögeln.
Der Zwölfjährige, stets im unmittelbaren Kontakt zu allem Lebendigen und den irdischen Materien, hat bereits begonnen, Gedicht auf Gedicht zu schreiben, auf Wände, Kartons, Schulheftseiten. Seine uneingeschränkte Lebensverbundenheit gab ihm das Vermögen, seine Dichtung dereinst als eine neue Realität neben die der Welt zu stellen. Hier ist schon der Ansatzpunkt zu seiner Gedichtauffassung, die er dreißig Jahre später in Spanien formuliert:

Eine Dichtung, befleckt wie ein Anzug, ein Körper, unsauber von Essen und schamloser Betätigung, mit Falten, Beobachtungen, Träumen, Liebes- und Haßerklärungen, mit Getier, Erschütterungen, Idyllen, politischen Lehren, Verneinungen, Zweifeln, Behauptungen, Verbundenheiten.

Von Kindheit an gab ihm die Dichtung auch eine gewisse Geborgenheit vor der wie ein Verhängnis lastenden Einsamkeit. Von ihr beherrscht, durchsetzt, liebte er sie keineswegs, wohl bejaht, als ihm dem Dichter beigegeben, als Bedingung dichterischen Schaffens. Sein unstetes Wanderleben aber gleicht einer Flucht vor ihr, die ihn über Kontinente treibt, durch Urwald, Wüste, Städte, durch Liebesrasereien, hin zu Freundschaft und Vers.
Wie mit Natur und Landschaft, lebt er von jungen Tagen an ebenso intensiv mit der Literatur. Neruda gehört zu den belesensten Dichtern. Nicht nur Kenner der Weltdichtung, auch der wissenschaftlichen Werke über seine Andenheimat, ihre Pflanzen, Vögel und Gestein. Ihm genügt nicht das visuelle Erfassen der Dinge. In ihr Inneres dringen, ihr Geheimstes ergründen! So nur konnte das Werk seiner Reife, der Canto General hervorgehn, wo in jeder Zeile mit poetischem Glanz eine wissende Helle aufleuchtet. Zu seiner großen schöpferischen Naturbegabung (über dreißig Bände zählt sein Dichtwerk) gesellt sich ein stetes wissenschaftliches Studium, nach gewissenhaftem Plan. Sein Wissen über die Natur, Geographie, Kosmogonie und Geschichte seines Kontinents ist enzyklopädisch zu nennen. Dieses Universalitätsverhalten (die Kultur seines Landes, die Existenzprobleme unserer Zeit voller Leidenschaft erfassend, den bildenden Künsten zugeneigt, verbunden den sozialen Fragen und Wirklichkeiten) gibt seiner Dichtung Spannweite und -kraft, dem Vers den Reichtum der Metaphorik. Lebensintensiv bis in seine Studien und sein Schweigen hinein; so erleben wir Zeile um Zeile die Lebensfülle eines Menschen, aufgeschlossen zu Freundschaft und Liebe, sie an sich bindend, der das unauslöschliche Gespräch sucht, der zu feiern versteht, zu kochen und zu bewirten, der Späße treibt und Kurzweil, spielerisch, und, umringt von Freunden und Turbulenz, plötzlich beginnt, Verse zu schreiben, Manifeste und Aufrufe, Reden.
Wie ihn als Kind alles zu unbeholfenen Versen bewegte, wird ihm bis zum heutigen Tag jedes Geschehen, jedes seine Sinne erregende Objekt Zwang zum dichterischen Wort. Bereits als Knabe fühlt er sich aufgerufen: das Leben hat ihn zur Dichtung bestimmt. Die große Sprache des Schweigens, die des Lebens wie des Todes, in der Absolutheit der Urwaldstille erfahren, inmitten vulkanischen Todes und später in der grausamen Verlorenheit in der Steinwüste Stadt, wird tönend seine Sprache. Vorerst „pflanzenhaft“, wie er selber sagt. Zur Daseinsgröße wuchsen in seinem jungen Fühlen „die Träume mit dem Moos, die langen Nachtwachen auf dem Humus“ der Erde. Grundelement seines Bestehens in einem ulysseischen Getriebensein, in der erschütternd empfundenen Vergänglichkeit von Mensch, Liebe und Sein sind von Anbeginn seine Andenerde, sein chilenisches Meer, in das „der Blitz wie ein blinder Albatros sich verirrt“. So wird sein Vers, welt-erfahrend, welt-gestaltend, homerisch chronistisch, ein großer Glanz. Rhythmen, die eines Weitausschreitenden sind, dessen Sohle hinzog über die Kontinente, über Wüste, Steppe und Stein, der seinem Schweifen Halt gebot vor einem Fluß, einem Baum, einem Antlitz.
Von dem vierzehnjährigen Jüngling, der in Temuco die Dichtung bereits als seinen ihm zustehenden Beruf begriff, schreibt er nach Jahren:

Damals begann ich wild zu lesen, sprang von Jules Verne zu Vargas Vila, zu Strindberg, zu Gorki, zu Felipe Trigo, zu Diderot… Der Sack der menschlichen Weisheit war aufgerissen und entleerte sich in die Nacht von Temuco… Für mich waren Bücher gleichbedeutend mit der Wildnis, in der ich mich verlor. Sie waren andere leuchtende Blüten, andere düstere hohe Blätter, geheimnisvolles Schweigen, Himmelstöne oder das menschliche Leben jenseits der Hügel der Farne, der Regen.

Und der Sechzigjährige über diesen selbstsucherischen Jüngling, der über seine Augen, seine Stunden, seine Hoffnungslosigkeiten schrieb:

Ich war 14 Jahre alt, war auf stolze Art dunkel, schlank, verdüstert, mit gefurchter Stirn traurig und formell.

So, wie er sich ganz der Lektüre hingab und dem Schreiben, so auch gleichzeitig um 1920, sechzehnjährig, anderen literarischen Interessen und Aktivitäten: als Präsident eines literarischen Athenäums, als Herausgeber anderer Dichter, als literarischer Korrespondent. Noch unter seinem Geburtsnamen veröffentlicht er zahlreiche Gedichte in Zeitschriften der Stadt und in Valdivia, Santiago, Chillán, Valparaiso. Vor sich immer ein Leben, das eins werden soll mit seinem Werk wie mit der Welt, verläßt er 1921 Temuco und übersiedelt nach Santiago, in der Tasche einen Gedichtband, vor einem Jahr niedergeschrieben, den Crepusculario (Buch der Dämmerungen), der nach zwei Jahren erscheinen wird. Ein noch intensiveres literarisches Leben beginnt. Er organisiert mit anderen Dichtern Lesungen, veröffentlicht in Zeitschriften Artikel über Dichter, Besprechungen, Verteidigungen, Übersetzungen. Allein in der Zeitschrift Claridad 108 Arbeiten.
Das Erscheinen des Crepusculario läßt die ältere wie die jüngere Dichtergeneration ganz Südamerikas aufhorchen: dieser Gedichtton, diese Härte und rücksichtslose Offenheit, die Dinge, Tabus durchbrechend, mit unverblümten Metaphern benennend, war bislang in der lateinamerikanischen Dichtung nicht vernommen worden: „… ihres Leibes Wölbung, geheim geöffnet, wie eine Frucht, eine Wunde.“ Wohl ist das Echo groß, allein, nur in literarischen Kreisen. Die Stimme eines Menschen aber, der verlangte, teilzuhaben an Freude und Schmerz der andern, verhallt ungehört. Und seine Wirrnis und Einsamkeit, die er aus der elementaren Ödnis in sich trug, verdichtet sich, steigert sich in der ihm wesensfremden, ding besessenen Stadt. Selbstquälerisch flüchtet er in Bitternis, in die Trauer, in des Eros Abgründe und Besessenheiten. Ausdruck dieses Lebensgefühls: die Gedichtbände El hondero entusiasta (Der begeisterte Schleuderer) und Veinte poemas de amor y una canción desesperada (Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung); beide Bände der Liebe gewidmet, Liebe als Zuflucht vor der drohenden Selbstverlorenheit. Ein einziges trostloses Fragen und Zweifeln: „Ich bin der Verzweifelte, das Wort ohne Echo.“
Aus jeder Zeile des Hondero spricht leidenschaftliche Hingabe, darin er seine Befreiung, seine Selbstbestimmung zu finden hofft:

Mein dich Begehren war das schrecklichste und flüchtigste, das aufgewühlteste, trunkenste, drängendste und voll der größten Gier. Totenacker der Küsse… Alles in dir war Untergang.

In der allesbeherrschenden Autonomie der ihn umgebenden Sachwelt bleibt, trotz des turbulenten Treibens mit der Boheme Santiagos, mit Dichtern und dunklen Gestalten der Tavernen nur die Entfremdung für ihn und die Menschen und ein unumschränkt waltender Tod. Flüchtigkeit und Verfall auch im Letzten, in der Liebe, die ihm einzig die Unvereinbarkeit der Geschlechter weist. Jene Jugendlandschaft, die großen eisigen Regen, die Ströme und das wilde südliche Meer, ist mit seinem tragischen Liebesgefühl dicht verwoben. Die in den Augen der Geliebten gespiegelte Dämmerung wird zum Signum des Todes. – Das unablässige Kommen und Gehen der Meereswogen, Bild der Fremdheit und Verlassenheit, rollt mit Rhythmenhärte durch die Strophen der 20 Liebesgedichte. Im spanischen Sprachraum ist mit ihnen eine neue Dichtsprache gegeben, fähig, neue seelische Differenziertheit und bislang ungenannte Bezüge der Liebe zum Ausdruck zu bringen. Die Metapher erlangt Eigenwert, ist nicht mehr bloßes Vergleichsbild, kein „anstelle von“; sie verneint das ent-sagende „wie“: „Ich habe mit Kreuzen von Feuer deines Leibes Atlas gezeichnet. Mein Mund war eine Spinne…“ Der Leib ist nicht mehr zart wie Atlas, er ist er selber, ganz Zartheit, der Mund läuft nicht wie eine Spinne hin, ist eine, grausam besitzergreifende. Nerudas verzweifeltes Bemühen, sich von seiner Verdüsterung, seiner Verlorenheit zu befreien zeigt sein im Jahre 1926 erschienenes Gedicht Tentati va del hombre infinito (Versuch des unendlichen Menschen). Was in den „Liebesgedichten“ erst schattenhaft spürbar ist, hier wird es dominierendes Element seiner Dichtung: die Welt im Daseinszerfall. Dámaso Alonso spricht von der „grausamen Sehnsucht eines ganz Verlorenen“ als Grundlage dieser Gedichte.
Hauptwerk der ersten Schaffensperiode Nerudas ist die Residencia en la tierra (Aufenthalt auf Erden), 1925 in Santiago begonnen, dann im Fernen Osten fortgesetzt, wohin er 1927 als Vertreter seiner Regierung geschickt wird (damit eine Zeit des Hungerns, äußerer Schwierigkeiten und Ungewißheiten beendend), und in Buenos Aires und Madrid abgeschlossen. Ein Werk, das den Tiefpunkt seiner Verzweiflung und Einsamkeit darstellt, aber zugleich Höhepunkt seines bisherigen Schaffens ist, aus der Weltdichtung nicht mehr fortzudenken. Der Dichter sieht das ganze Dasein in ständiger Desintegration und zentral darin sich gestellt, ein von Ängsten gequältes auswegloses Wesen, Teil des Weltzerfalls selber. Hundert Seiten unverrückbarer Dichtung. Ein einziges Infragestellen der menschlichen Existenz, des Sinns, des Wertes allen Lebens. Verdinglichung, Entfremdung, Vereinsamung als unabänderlich, als naturgegeben empfunden. Nerudas Aufenthalt im Orient (Rangun, Singapore, Ceylon, Batavia, Kolonialstädte mit erschreckendem Massenelend, einem unerbittlichen Verkommen der armen menschlichen Kreatur, mit ihren krassen sozialen Gegensätzen und der nacktesten, brutalsten, erotischen Atmosphäre) verdichtet erschreckend seine Verdüsterung, treibt ihn, abgestoßen von solch gnadenloser Menschenverachtung, in noch größere Isolation, obwohl er den steten Kontakt zu den literarischen Freunden daheim nicht unterbricht und eine rege Mitarbeit an der Zeitschrift La Nacion ein gänzliches Insichverstummen nicht zuläßt. Nie ist Neruda die Einsamkeit des Menschen zum Wunschbild geworden, Nihilismus nie das Ziel. Sein ganzes Schreiben in dieser Lebensphase ist als ein einziges verzweifeltes sich Wehren zu betrachten, ähnlich der inneren Situation Lautréamonts, dem er sich stets verwandt fühlt, seinem Werk verbunden. Selbst, wie ein Abschirmen, Untertauchen, sein besessenes Lesen („ich lese den ganzen Proust zum vierten Mal“, schreibt er von Batavia aus) vermag das sich akzentuierende Drama seiner Einsamkeit nicht zu mindern. Die Nichtigkeit jeder menschlichen Existenz, ihre Ausweglosigkeit steht unter jenem schärferen Licht unerbittlicher vor seinen Augen als je zuvor: Alles Mühen Wahn, das Ziel des Lebens Tod, leben heißt nur dem Tod entfliehen, wobei jeder Fluchtschritt der nämliche Schritt des Todes ist und jegliches Tun einzig den eigenen Zersetzungsprozeß steigert. Das um ihn chaotisch waltende blinde Durchdringen von Lebens- und Todeskräften, das, sinnlos, verheerend, dem Untergang, der Auflösung zutreibt, konnte mit den herkömmlichen Mitteln der Dichtung, die Maß, Regelmäßigkeit, Schönheit verlangen, nicht gefaßt, nicht gestaltet werden. Der Orient mit seiner Glut, Härte und Brutalität läßt neue Spannungen, eine neue Bilderfülle in Nerudas dichterischen Sprachraum treten. Wie er selber die Unmittelbarkeit zu Dingen und Erscheinungen sucht, so auch soll der Vers diese Unmittelbarkeit haben, sein Ablauf den inneren des Dichters wiedergeben. Die Textstruktur muß den Gefühlsverlauf zutage fordern, im Wechsel von Erhellen, Verdunkeln, von Zögern und Schnellen, weitrhythmisch oder geballt. Aufgerissenheiten, Zentrierungen, Wirbel, Steilheiten, Eruptionen, Verhalten-sein, Prosaintervalle (Stilmittel des Surrealismus) heben stofflich wie psychisch den Vers ins äußerst Reale. Der im Gefühlsstrom webende Bedeutungsbezug verbindet die heterogenen Chiffren, die Bildkühnheiten einer stummen Apokalypse. Zwischen Wort, Gefühl und Außenchaos keine Distanz. Die Innenwelt tritt objektiviert in Erscheinung und erreicht die neue dichterische Qualität. Allein die innere Ordnung der unvereinbar scheinenden Metaphern schafft, unklassisch, untraditionell, die Einheit des Gedichts. Stilelement wird das Fragmentarische, Deformierende. Die nur logische Zone ist aufgelöst. Es regiert die Schaffenssphäre des Gefühls im Einssein mit der Realität durch die Wertgleichsetzung jedes ablaufbedingten Wortes:

… laßt uns erglühen und schweigen und Glocken.

Der Dichtung in der so gesehenen Deskomposition der Welt weist Neruda die Aufgabe zu: Zeugenschaft zu geben, zu nennen, zu bewahren:

… der Wind, der meine Brust peitscht, die Nächte aus unendlicher Substanz, gefallen in mein Schlafgemach, verlangen mir das Prophetische ab, das in mir ist.

Der Dichter, der Künder, der Wahrer. Gegen die Desintegration stehen Mit-Leiden und Fragen. Kein Bejahen des blindwaltenden Verhängnisses in einer „schwarzen Poesie“. Eher ein Bestehenmüssen, ein Überlebenwollen. Wiewohl der eigene wie der allgemeine Zerfall als absolut erlebt ist in der ersten Residencia, durchbrechen zuweilen befreiende Ausbrüche den geschlossenen Kreis des Zerstörerischen:

Und dennoch wäre es köstlich, mit einer ausgerauften Lilie einen Notar zu erschrecken oder eine Nonne mit einer Ohrfeige umzubringen…

Anstelle Gottes ist der Tod getreten, das Nichts, sinnvolles Leben unexistent. Aber bei allem Vergebens der Liebe („Tango des Witwers“) tönt dennoch ein Abglanz Liebe auf. In jedem Gedicht ist der Selbstbezug des Dichters das Eigentliche, ob in Ich-Form gegeben oder in der Innensicht eines Zustandes („Toter Galopp“) oder Geschehens („Das Gespenst des Frachtschiffs“). – Auch im zweiten Teil der Residencia sind die meisten Gedichte härteste Entsprechungen eines als mörderischen, selbstmörderischen Gesetzes des Daseins. Wo ein offener Horizont? „… wie ein Schiffsuntergang sterben wir dem Innern zu…“ – „O Wunde, in die bis zum Tod die blauen Gitarren stürzen!“ – „Viel Tod ist, viele Beerdigungen in meinen ohnmächtigen Leidenschaften und trostlosen Küssen.“ Allein, in einer anderen Umwelt konzipiert (in Buenos Aires und Madrid), die gehaltvolle Möglichkeiten des Lebens weist, von Freunden umgeben, erscheinen Themen von irdischer Bejahung („Ode an Lorca“, „Statut des Weines“, „Zugang zum Holz“, „Sexuelles Wasser“, „Mutterschaft“). Hineinspielen reale Ereignisse: der Tod eines großen Freundes, Rojas Jimenez, Mißakkorde im Häuslichen, Krankheiten im Hause. Gedichte mit direktem und indirektem Ichbezug, von starker Brisanz auch der Entsubjektivation:

… mit schweren Krallen klammert sich die Zeit an das ermüdete Geschöpf.

Dieses erste Hauptwerk Residencia en la tierra steht mit seinem poetischen Duktus, seinem Stil keineswegs außerhalb der Dichtung unserer Zeit: Neruda hat in einer weltumspannenden geistigen Gemeinschaft mit Rimbaud, Lautréamont, Whitman, Majakowski, Aragon, Breton, Apollinaire, Trakl das neue unklassische Gedicht mitgeschaffen, das den innersten Bezug zur Epoche wahrt, alles Statische sprengend, und dem Menschen, absorbiert von der Übermacht des Materiellen, das Überreale weisend. Wenn mit allen Fasern auch dem revolutionären Element der Epoche im Geistigen (Einstein, Planck, Picasso) wie im Geschichtlichen (Lenin) verbunden wie der übrigen Moderne, bleibt er immer den Werken der großen spanischen Dichter der Vergangenheit verwurzelt, ihr Erbe empfangend, weiterführend: so von Manrique die Unmittelbarkeit des Wortes, von Garcilaso die tiefe Schwermut, sie in seinem indianischen Blut noch erschreckender verdunkelnd, von Quevedo, seinem „Hauptahn“, die alles in sich einsaugende Kraft des Verses, diese um Erdkreisbereiche erweiternd, und dann vor allem von Góngora die kühne Selbständigkeit der Metapher, die keine syntaktischen Regeln respektiert, das alogisch Poetische:

… Schweigen, das einhersprengt auf beinlosen Rossen – bis eine Landkarte von Blut. und überschwemmtem Haar die Höhlungen befleckt und das Dunkel.

Neruda weiß, daß es kein absolut Neues gibt, weiß um seine Ursprünge und Verbundenheiten:

Die Welt der Künste ist eine große Werkstatt, in der alle arbeiten und sich gegenseitig helfen, wenn sie es auch nicht wissen oder glauben mögen. An erster Stelle erhalten wir Hilfe von denen, die vor uns waren, und wir wissen heute schon, daß es keinen Rubén Darío ohne Góngora gibt, keinen Apollinaire ohne Lamartine und keinen Pablo Neruda ohne sie alle zusammen. Mein bedeutendstes umfassendstes Buch jedoch ist jenes gewesen, das wir Chile nennen.

1936, Konsul in Madrid, steht er eines Morgens mitten in einem entscheidend historischen Ringen: das spanische Volk hat sich gegen den Einbruch des Faschismus mit unglaublicher Kühnheit und Sieges- und Todesentschlossenheit erhoben. Hier gilt nicht mehr der erstickende Bannkreis der Ausweglosigkeit und Verzweiflung. Nicht mehr das Leid als einzige Möglichkeit sich zu wehren. Rebellion ist die neue Wirklichkeit um den Dichter, eine, die die Tore einer freiheitlichen Zukunft aufschlagen will. Die Verbrechen des Faschismus, das Blut in den Straßen Madrids, die Sprengladungen aus einem plötzlich barbarischen Himmel, ganze Häuserblocks wegfegend, der Mord an García Lorca, den Neruda 1932 in Buenos Aires kennengelernt hat, vor allem aber eines fast unbewaffneten Volkes Wille, zu widerstehen und dem Leben Werte und Ziele zu setzen, sprengen den Ring seiner Isolation, reißen ihn aus der bloßen Zeugenschaft, die Jahrzehnte mit Erdulden und Dulden gelebt war. Und Neruda erkennt: nicht Naturwesen nur ist der Mensch, er ist geschichtsbildend auch, selber Geschichte, befähigt, neue eigene Realitäten zu schaffen und damit sich selber. Der Dichter, bislang mehr registrierender mit-leidender Zeuge, wird zum Ankläger, der für alle Verräter am spanischen Volk und seiner Freiheit, Strafe verlangt, auf Erden wie in der Hölle. Auf einmal handelndes Subjekt einer geschichtlichen Landschaft, greift er mit seinen Dichterfreunden Alberti und Miguel Hernández, deren Freundschaft bereits zuvor in Madrid geholfen hat, seine Verdüsterung aufzuhellen, mit Wort und Tat in den Freiheitskampf ein. Er hält vielerorts im Lande Vorträge über das Verbrechen an García Lorca, schreibt darüber in Zeitschriften, leitet, um die gerechte Sache des spanischen Volkes weltbekannt zu machen, die internationale Zeitschrift Die Dichter der Welt verteidigen das spanische Volk, unter der Mitarbeit von Rafael Alberti, W.H. Auden, Vicente Aleixandre, Nancy Cunard, Jean Gebser, Nicolás Guillén, Langston Hughes, Gonzáles Tuñón, Tristan Tzara und vielen mehr. 1937 fährt Neruda nach Paris, um den von Cesar Vallejo gegründeten Lateinamerikanischen Zirkel zur Hilfe Spaniens mitzuleiten. Wegen seines Einstehens für die Sache der spanischen Republik wird er von seinem Konsularposten abberufen. Wir sehen ihn am zweiten Internationalen Schriftstellerkongreß in Madrid und Valencia teilnehmen, um zu beraten, wie man der Spanischen Republik in ihrem Abwehrkampf Hilfe bringen könnte. Es wird beschlossen, in jedem Land ein „Bündnis der Intellektuellen zur Verteidigung der Kultur“ zu gründen. Neruda reist im September 1937 nach Chile und gründet dort die chilenische Sektion dieser Allianz. Er wird zu ihrem Präsidenten gewählt. Die dem Dichter freundlich gesinnte neue chilenische Regierung betraut ihn im März 1939 mit der Aufgabe, spanische Republikaner, die nach Frankreich geflüchtet waren, aus den dortigen Lagern ins Asylland Chile zu bringen. Es gelingt Neruda 3000 Flüchtlinge, darunter viele Schriftsteller und Intellektuelle auf dem Schiff Winnipeg aus einer steten Bedrohung zu retten. Nur seinen besten Dichterfreund, nach Lorcas Ermordung, Miguel Hernández, vermag er nicht zu retten, er mußte in Francos Kerkern, trotz vielen Bemühens, elend zugrunde gehen.
Die neue Welt, die der spanische Kampf und das eigene Mitstreiten seinem geistigen Auge eröffnete, seinem Leben entscheidenden Umschwung und Impuls verleihend, kam in seinem España en el corazón (Spanien im Herzen) dichterisch zu Wort: Zorn, Abscheu, Anklage, Aufruf sind die bewegende Kraft dieser Dichtung voller dramatischer Härte und geballter Dichte. Metaphern, durchaus weiter im Stil früheren Schaffens, spannungsgeladen, in eigenwilliger Bildwelt, prall voll Realität, nur weniger düster, in hellender Transparenz:

… dein entscheidender Stern schlägt seine rauhen Strahlen tief in den Tod, und er gründet die neuen Augen der Hoffnung.

Ein kämpferischer Ton, nie zuvor, auch in seinen frühesten Gedichten nicht, vernommen, ist angeschlagen. Zu gleicher Zeit findet er seine neue dichterische Ortsbestimmung bei Quevedo bestätigt, ja, mit den Worten, die er ihm widmet, zeichnet er sich selbst:

Immer war Quevedo der unterirdische Weise, der Erforscher von soviel Labyrinth… Nur ein so irdisch-sinnlicher Dichter konnte zu einer solch geistigen Vision vom Ende des Lebens kommen und nicht nur die Fotografie der Stellung eines Menschen zeichnen sondern der einer unglücklichen Nation… Der große Zeuge sieht immer jenseits der Mauern, jenseits der Zeiten…

Quevedo half ihm, seine Stellung in der Geschichte, den neu eingeschlagenen Weg seiner Dichtung tiefer zu gründen, zu festigen.
Nicht allein Düsternis und Schatten der Vergänglichkeit waren von Kindheit an in die Augen des Dichters gedrungen, auch das Elend und die Armut, jenes Verdämmern der Indiovölker, als naturgegeben, als Geschick. Nun erkennt er deutlich ihre Zeit- und Gesellschaftsbedingtheit:

die Armut als ein Geschwür unserer Zeit… das Verbrechen auf dem Thron, nicht beim einfachen Volk.

Das Dunkel seiner eigenen Daseinsverwiesenheit hat sich gelichtet, und er sieht das eigene Leben wie das der übrigen lebbar, sieht eine sich aufhellende Welt als möglich. Dieses neue Lebensgefühl durchzieht das noch während des Spanischen Krieges begonnene große Poem Canto general de Chile (Chiles großer Gesang), Urzelle seines Hauptwerks der mittleren Jahre, des Canto General (Der große Gesang). Verschmelzung seiner jüngsten Erhellung mit der alten terrenalen Gefühlswelt:

Woher denn stamme ich, wenn nicht aus diesen uranfänglichen und blauen Materien… Aber ich bin metallisch die Aureole, der Reif, den Weiten verkettet, den Wolken, den Himmelstrichen… der an hinabgestürzte Wasser rührt und den unendlichen Unbilden abermals trotzt.

Widerstand und Bejahung. Er, der sich selber als den „Wächter auf dem Turm einer undurchlässigen Umzingelung“ bezeichnete, blickt jetzt über diese hinweg in eine neue Weite, eine offene, die vor des Menschen Kämpfen zukunftshaltig liegt. Mit seiner neuen Klarsicht ist ihm die leidenschaftliche Liebe zu seiner Heimat als eine Möglichkeit für den Menschen erwachsen, eine Liebe zu allem, was sich mit ihr unter seinem australen Himmel verbindet. Ein Liebesbekenntnis zu den reißenden Strömen seines Landes, zu seinem welthaften Meer, der Majestät seiner Wüsten (Tocopilla), zu seinen Dichtern, den Jugendfreunden; die Berufe des Menschen besingend, den Reiter im Regen, die Sträucher, die fast schwesterlich vertraute Andentanne, die Gräser, die Vögel. Keine Objektivierung des Ich in eine andere Gestalt wie in der Residencia, hier wendet er sich direkt an die Gegenstände und Lebewesen:

Ich schreibe für eine jüngst den Wassern entstiegene Erde, neuerlich trocken, von neuem frisch voll Blumen, voll Pollen, voll Mörtel, ich schreibe für ein paar Krater… Spreche für die Wiesen, die keinen Namen kennen.

In seiner Sprache ganzen Größe feiert er, wie im griechischen Mythos, das Meer als Ursprung des Lebens, seine Vielgestalt, seine grüne zersprengende Kraft wie seine weitgespannte Stille:

Druck und Traum und saphirene Krallen, o Beben aus Salz und Löwen.

Von gleicher fundamentaler Bedeutung wie der Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges sollte für Neruda der 31. Oktober 1943 werden. Von Mexiko heimkehrend, wohin er drei Jahre zuvor von seiner Regierung als Konsul bestellt worden war, wurde er auf seinem Weg entlang der pazifischen Küste eingeladen, die inkaische Ruinenstadt Macchu Picchu in Hochperu zu besuchen. Der Zusammenstoß mit dieser Ruinenwelt, die er nie als solche bezeichnete (er spricht immer von den „Höhen von Macchu Picchu“), wurde für seine Gefühlswelt und seine Erkenntnis von entscheidender Bedeutung: hier festigt, weitet sich sein amerikanisches Gewissen. War im Canto general de Chile dieses der engeren Heimat zugemessen, so von nun an als unabdingbar dem ganzen indianischen Kontinent. Ein innerer Prozeß hat hier seinen Abschluß gefunden und seine Höhe, ein Ende, das ein Anfang eines neuen Wegbeschreitens ist. Angesichts dieser gewaltigen, versunkenen, historischen Welt mit ihrer majestätischen Größe, den steinernen Quadern unter dem Himmel der Adler, fühlt er ihr sich zugehörig, wesensverwandt. Die alte Weltsicht mit ihrer Allgegenwart des Todes und des Zerfalls nochmals und nun definitiv in Frage stellend, erkennt er vor der Inkafeste auf den schwindelerregenden Höhen der Anden, dem „siderischen Adler, dem Weinberg aus Nebel“: nicht nur das zeitweilige Wesen ist der Mensch. Er gehört, auch als Naturwesen, einer historischen Gattung an. Alles, des Menschen Ängste, Deformierungen und Entfremdungen haben ihre Erklärung in der Geschichte. Wie die Natur als Ganzes die heitere Dauer des Lebens ist, so hat der Einzelne, dem Zeit und Tod der blinde sinnlose Abgrund sind, in der Geschichte, in der Menschengemeinschaft mit ihren Mühen und Kämpfen sein sinnreiches Dasein, einen Aufstieg zu Helle, gegeben jenseits aller Angst. Vor sich die großmächtige steinverkörperte Vorzeit, erkennt der Dichter das geschichtliche Wesen des Menschen, nach dem er immer auf der Suche war, um sein wahres Gedicht schreiben zu können, das des Lebens: den Tod zu überwinden. Dieses ihn bis ins Mark erschütternde Erleben findet in einer großen mitreißenden Vision zwei Jahre später Gestaltung in einem seiner bedeutendsten Poeme „Die Höhen von Macchu Picchu“, das die Schlüsselstellung in seinem Canto General einnehmen wird. Dem Geschick Amerikas verpflichtet, hier entlegenster Kordillere, wird er die historische Natur des Menschengeschlechts darstellen, ihre lebendige Vielheit wird die MenschenIandschaft sein:

Ich sehe die Gewänder und Hände, des Wassers Spur in der hallenden Leere, die Mauer, besänftigt durch eines Antlitzes zarte Berührung.

Vor der „granitenen Leuchte“, dem „Brot aus Stein“ erkennt er: nur ein einziger wirklicher Tod ist, der endgültige, als großes Verhängnis, wenn die Gesamtheit verschwindet, der Einzelne keine Möglichkeit mehr hat, sich in der Gemeinschaft zu verwirklichen:

… da ihr euch stürztet in ein einziges Sterben, ist es, als ob zur Größe eurer Hoheit der wahre Tod kam… da die erdfarbene Hand sich in Erde verwandelte… da jeglicher Mensch sich seiner Gruft verwob, blieb das errichtete Maß der Vollkommenheit zurück, der erhabene Sitz des menschlichen Frührots.

Von nun an wird Nerudas Dichten im Brennpunkt des Lebens seines Volkes stehen. Sein Wort als lebendige Tat. Und er ruft in die Leere der präinkaischen Ruinenwelt hinein:

… Aus der Tiefe sprecht die ganze lange Nacht mit mir, als wäre ich verankert mit euch… gebt mir den Kampf, das Eisen, die Vulkane… Redet durch meine Worte und meinen Mund.

Im gleichen Jahr, da er zurückgekehrt, das Bild der Größe von Macchu Picchu im Herzen, tritt er in die Kommunistische Partei seines Landes ein. 1945, bereits Dichter-Senator, beginnt er sein großes Gedicht niederzuschreiben, das ein Jahr darauf veröffentlicht wird.
In den beiden folgenden Jahren verbindet sich seine auf Marx gründende Welt mehr und mehr mit seinem Dichten, er schreibt:

… hier habt ihr als einen Schwerthaufen mein Herz, bereit zum Kampf.

Dieser Prozeß wird noch beschleunigt, intensiviert durch die Ereignisse des Jahres 1947: Der chilenische Präsident Gonzáles Videla, mit Hilfe der Arbeiterschaft und der Kommunistischen Partei an die Macht gekommen, begeht an den eigenen Versprechungen Verrat und setzt die Kommunistische Partei außer Gesetz und Recht. Eine wilde Unterdrückungs- und Verfolgungswelle beginnt. Verhaftungen, Folterungen überall. Konzentrationslager. Auf Neruda wird ein Kopfgeld ausgesetzt, da er den Verrat öffentlich brandmarkte. Von Freunden und namenlosen Armen geschützt, beherbergt, muß er von Hütte zu Hütte fliehen, sich vor den ihn verfolgenden Polizeischergen zu verbergen. Auf dieser Flucht, gehetzt, bedroht, schreibt er im Jahre 1948 und 1949 den Großen Gesang zu Ende, gut zwei Drittel des 342 Gedichte umfassenden Werkes. Ein Epos, einen ganzen Erdkreis thematisch umspannend, eine gewaltige Kosmographie. Die bald hell, bald düster mitreißenden oder verhaltenen Rhythmen verleihen allem Ausdruck, was der immense Kontinent ermöglichte, verwirklichte, birgt und ausstrahlt: die urwelthafte Andenlandschaft, die tragische Geschichte aller ihrer Völker (Unterdrückung und Aufbegehren, der dreihundertjährige Krieg der Araukaner gegen die spanischen Invasoren, die Befreier und Gründer von Nationen und Ländern). Dem Ursprünglichen und der Urgeschichte des Kontinents verwobene Geschehen, Gestalten, Gesichter. Epopöe eines Erdteils: ein breithinwogender Strom von Visionen, Metaphern, die in locker oder streng geformten Rhythmen die kosmische Melancholie beschwören, den irdischen Glanz, die Trauer um Opfer und Opfer, aus der Zeitentiefe vernehmbar oder aus Unrecht, Unterdrückung und Blutvergießen unserer Tage:

Echsenhaftes Amerika, zusammengerollt beim Werden der Pflanzen, am Stamm… du säugtest schreckliche Söhne mit giftiger Schlangenmilch… ein Gezücht, das voller Blutgier war.

Oder:

Welch ein Mond, wie ein Gewehrkolben blutbefleckt, welch ein Astgewirr von Peitschen, welch gräßliches Licht, aus Augenlidern gerissen…

Worte der Verantwortlichkeit eines Willens, eines Zorns, um Wirksamkeit, Änderung bemüht; ganz Identifikation mit den Hoffnungen, Schmerzen, Gaben und Sehnsüchten des Volkes.
Vor uns liegt mit dem Canto General ein symphonisches Werk, das nur ein an tausend Versen geschulter Kunstverstand, eine elementare Natur zum Gelingen bringen konnte, einer, der zu Hause ist auf Erde und Meer, in beider geheimnisvollen Tiefen, der die Welt durchschweift hat mit ulysseischem Vergnügen und Verzweifeln, mit Augen, die voller Gier alles erfaßten bis ins innerste Geweb, und der von der Dichtung bekenntnishaft schreibt:

… im Haus der Dichtung bleibt nichts, was nicht mit Blut geschrieben wurde, um gehört zu werden vom Blut.

Ungebrochen, unrhetorisch tritt uns die Ding- und Menschenwelt entgegen. Reicher, dichter, profilierter noch in Wort und Metaphorik sein Canto General als die Residencia. Mit seiner dichterischen Substanz, der Klarheit eines Quevedo, der Atemweite eines Saint-John Perse: homerisch. Zwischen den Dingen und diesem bildnerischen Geist Neruda lebt eine natürliche schöpferische Einheit. Der das Magische der Dinge unter der eigenen Haut spürt und der das Verborgene der Meerestiefe wie das der Liebe im Wort zum Leuchten bringt und bewahrt.
Nur dort gewinnt sein Vers nicht die starke Leuchtkraft und Tiefe, wo der Dichter, Freiwild der Polizei, unter dem Druck des Tagesgeschehens von diesem berichtet, wo er, der ganz von Zorn Erfüllte, der Ankläger sein muß, wo Hunger und Blutvergießen den Blick trüben und versehren. Hierbei kann der Vers nicht in dichterischer Distanz zur Ausreifung gelangen, die dichterische Verfremdung des Gegenstandes nicht statthaben. In diesem an tausend Ufer schlagenden Ozean eines Weltgedichtes sind über die tönenden Abgründe und untermeerischen Gebirge hinweg die nicht vollauf gelungenen Verse nur unwesentliche Untiefen. Andrerseits bringt die Unmittelbarkeit seiner Empörung, seines Mitgefühls und seines Verdammens auch Gedichte und Strophen hervor, einmalig und dicht wie in España en el corazón:

Tausend Nächte werden niedersinken mit düsterem Schweigen, ohne den Tag zu zerstören, den diese Toten erwarten…

Von einem versklavten, in Lethargie getriebenen Kontinent seit Generationen erwartet wie eine historische Notwendigkeit zu Besinnung und Selbstverwirklichung, will der Canto General in diesem Sinn ein handelndes Werk sein, die apathischen Indiomassen zurückführen zu den Quellen ihrer Herkunft, zu einem ungebrochenen Dasein. Es stellt sie erneut in den Raum einer ehemals großartigen Kultur, den mythischen Gesichtern der alten Götter gegenüber, die Entrechteten in den Mut, ins freiheitliche Handeln ihrer Vorfahren. – Im Gegensatz zu Europa hat Südamerika eine einheitliche Geschichte durchlaufen, mannigfaltig zwar in Episoden, doch einheitlich im Kern. Unterdrücker und Eroberer war bei allen Völkern der gleiche: der spanische Conquistador. Und um 1800 standen die Nachfahren der Araukaner, der Inkas, der Chibchas, Azteken und Kariben in einem den ganzen Erdteil erschütternden, umwandelnden Kampf, ob ihre Führer zur Freiheit Bolívar, San Martín oder O’Higgins hießen, unterschiedlichen Herkommens waren und mit unterschiedlichen Vorstellungen und Plänen im einzelnen. Und dann, bis in unsere Tage erlitten alle Indiovölker die nämliche Ausbeutung und Conquista, durch den Dollar oder das Englische Pfund. Durch diese Einheitlichkeit vermochte Nerudas Dichtwerk nicht nur das eigene Volk zu erreichen, es wurde schnell vom ganzen Erdteil offenen Ohrs, offenen Herzens aufgenommen. Atemberaubend, erschreckend führt Nerudas epische, dramatische Lyrik den blutigen Gang der Geschichte vor unsere Augen. Treu der Erde, einem humanen Wollen, treu dem Hoffen und Wehren der Leidenden schreibt er wie über sich selber die Strophen über Gonzáles Carbalho:

Dieser große flußhafte Dichter begleitet das Schweigen der Welt mit tönendem Ernst, und wer inmitten des Weltgetriebes ihn vernehmen will, der lege… sein Ohr an die Erde: und noch immer inmitten der Straßen, unter der Schritte Getümmel würde er jene Poesie aufsteigen hören, der Erde und des Wassers tiefe Stimmen.

1949 gelingt es dem Dichter die Einkreisung zu durchbrechen, seinen Verfolgern zu entkommen. Es ist aber die Zeit des Kalten Krieges, eine zerstörerische Atmosphäre umspannt den Erdball, die gefährlich verengend auf Denken und Gefühl einwirkt. Neruda irrt durch West- und Osteuropa, durch Frankreich und Italien, durch die sozialistischen Länder bis hinein nach Asien, ein überzeugter Sozialist, der wie viele unter dem kalten Bannstrahl der politischen Konfrontation steht. Sein Leben ist erfüllt von Konferenzen, Lesungen, Teilnahmen an Kongressen, Weltjugendfestspielen, Verleihungen der Weltfriedenspreise, nachdem er selber ihn erhalten. Andrerseits lebt er, weiterhin die wertgroßen Bezirke des Lebens besingend, oft auch mit euphorischem Strahlen, wie bei seiner Begegnung mit der Geliebten, Matilde Urrutia, der späteren Lebensgefährtin. Die Augen des Exilierten jedoch, der jetzt real im Sozialismus eine Heimstatt gefunden, spiegeln Erlebnis und Dasein oft gebrochen, dringen nicht tief genug ein. Von den Zeitgegebenheiten erfaßt, verfällt er einem unkünstlerischen Sektierertum, einem Schwarz-weiß-sehen und -malen. Von seiner politischen Aufgabe erfüllt, bestimmt er Vers und Wort zum Tagesgebrauch, läßt er das Dichterische als einmalige Gestaltung außer acht. Seine Strophen sollen jetzt die Massen erreichen, sie bewegen. Bis in das Jahr 1957 hinein werden sie somit häufig Parteidokumentation oder bildhafte Gesinnungsäußerung. Zwar gewinnen Sprache und Metapher dabei neue Helligkeitswerte, die späteren Werken zugute kommen werden, allein, durch den Verlust des letzten Geheimnisses, das das Gedicht zum Gedicht erst macht, büßen sie ihre dichterische Substanz ein. In vielen Versen in Trauben und der Wind und in den beiden Bänden Elementare Oden, ja selbst noch zuweilen im späteren Dritten Buch der Oden ist die frühere Intensität, der ehemalige nerudianische Duktus, das gedrängte Sprachvolumen, die seinem differenzierten Geist gemäße Struktur, verschwunden. Die Direktheit des Wortes, bloßes Nennen hat Chiffren, Inversionen, alogische wesenhafte Bildkühnheiten abgelöst. Von vornherein spürbar, erhalten empfindsam konzipierte Oden, in ihrer Transparenz oft schön, einen angesteuerten Gedankenschluß, wie eine Parole. So wird selbst der bildliche Einfall unfruchtbar. Der alles verkümmernde Druck unter dem Stalinismus hat selbst diesen genialen, weltoffenen und eigenwilligen Dichter von orpheischem Rang zeitweilig verarmen lassen. Er selber erkennt diese von den unhumanen Verhältnissen ihm eingelastete Tragik und schreibt 1957, die einstige Enge und Vordergründigkeit verurteilend:

Auch ich war dogmatisch in Beziehung zu manchen Autoren unserer Epoche… Gegenwärtig bin ich Gegner jeglicher Art des Dogmatismus, jeglicher Formeln und Rezepte in Literatur und Kunst.

Und so hat er es bis auf den heutigen Tag gehalten: die dichterische Vision, ihre Wahrheit, ist ihm das Unveräußerliche des Dichters: „… nötigen wir die Schönheit nicht, die Pille der Wahrheit einzunehmen als Medizin…“ oder:

Ich las… so viele Verse über den 1. Mai, daß ich jetzt nur noch über den 2. dieses Monats schreibe.

Erst vom Estravagario (Extratouren) 1958 an, gelingt es Neruda, wieder die volle Wirklichkeit in ihrer Weite und Tiefe, mit ihren Widersprüchen und Brechungen als geschlossenes Werk zu gestalten: Ein sich Öffnen zum Freiheitlichen, zum eigenen Innern. Bewegt von seiner Liebe zu Matilde Urrutia und später von dem entscheidenden Ereignis des XX. Parteitags der Sowjetunion, der die Mauer des Schweigens um die Verbrechen der Stalinzeit niederriß, vermochte er von den langwierigen inneren Schwierigkeiten Jahre danach zu schreiben: „Schwer lastete der Sack des Schweigens“… „Also entsteht die verdünnte Seele: ohne Menschen, ohne Gefahrten, ohne Vernunft, ohne Partei, ohne Wahrheit, mit Getuschel, mit Argwohn, mit Distanz, ohne Gesang, mit Waffen, mit Schweigen, mit Formularen.“ In seiner neu errungenen inneren Freiheit kann die Liebe alles in ihren Strahlenbereich stellen. Durch Mißverständnisse hindurch, durch Verdächtigungen wurde sie schließlich zu einem „terrenalen“ Bund. Persönlichstes und Kollektives sind wieder zu einem einander Zugehören gekommen. Und Tod, Schmerz, Freude wieder das waltende Dreigestirn des Daseins: eine spannungsgeladene Harmonie. Bereits im Dritten Buch der Oden herrscht in vielen die volle, durch nichts geschmälerte Weltsicht, getragen von der tiefen Irrationalität des Gefühls. Wieder ist Natur, im großen wie im kleinen, kosmisch empfunden Wertbegriffen wie seine Liebe sind da die einfachen Dinge des täglichen Gebrauchs. Sonst in der Dichtung übersehen oder mißachtet, rücken sie, poetisch gestaltet, als wesentlich ins Großreich Leben.
In den Versen des Kapitäns, 1952 bereits anonym erschienen, nun als offizielles Bekenntnis seiner Liebe gegeben, steht sie als Zentrum des Daseins, gleichgesetzt mit der Schöpfung selber. Liebe als beiderseitige Identifikation, eine Totalität: „… unser Liebesname, ein einziges Sein, der Pfeil, der den Winter durchdrang.“ – „Ich beuge mich zu deinem Mund, die Erde zu küssen.“ Ein irdischer Pantheismus, der Liebe bedeutet und Freundlichkeit zur Welt, lebt jetzt in des Dichters Gefühlswelt. – Krönung dieses unentwegten Liebesgesprächs ist der 1960 veröffentlichte Band Hundert Liebessonette. Der Dichter hat das in Unrast, Getriebenheit und Einsamkeit immer gesuchte glückliche Lebensbewußtsein in seinem Liebesbündnis gefunden. Alle Ungelöstheiten sind überwunden. Die Verse ein einziges Atmen in großen und freien Zügen:

… dich liebe ich unmittelbar, problemlos, ohne Stolz… nur auf diese Art, in der nicht ich noch du bist… so nah, daß deine Hand auf meiner Brust die meine ist.

Das ganze Dasein: im Alltäglichen: „Du mein Herz, Königin der Sellerie, des Troges: kleine Leopardin du des Fadens und der Zwiebel… des Wanderzuges des Traums hin zum Salat… für mein Haus, dem Abgrund nahe, gib mir das gepeinigte Universum der Stille.“ – Es sind ungewöhnliche Sonette, reimlos, unklassisch, unregelmäßig in der Form, frei und oft spielerisch, die Schönheit des Erfülltseins kündend: „Meine Liebe hat zwei Leben, um dich zu lieben. Daher liebe ich dich, wenn ich dich nicht liebe, und daher liebe ich dich, wenn ich dich liebe.“ Sinnlich, geistig, erdhaft in einem, so tritt uns in diesen Zwölfzeilern ein alles einbeziehender Erotismus entgegen. Schmerz und Schwermut sind getragen, bis zum Schlußpunkt der Fuge Leben, von der Allgegenwart der Geliebten:

Aber wenn, ach, der Tod naht, um an die Tür zu pochen, bleibt dein Blick allein für so viel Leere, nur deine Liebe, das Dunkel zu versiegeln.

Selten in diesen Sonetten konfrontiert sich sein Ich direkt mit der Liebe, zumeist nimmt es das Signum anderer Objekte an, in der dritten Person formuliert: Herbst, mein schmerzlicher Zustand, mein Herz, die Feste. Indirektheiten zeichnen die Gestalt der Geliebten nur um so deutlicher, klarer.
Das Hauptwerk seiner glückverhafteten Weltsicht ist der zum größten Teil auf einer Seereise verfaßte Estravagario (mit Extravaganzenbrevier oder auch Extratouren übersetzbar). Eindeutig kontrapunktisch gesetzt gegen die Mißlichkeiten der Vergangenheit, in der Liebe wie im politischen Kampf. Heiterkeit, ein weltverstehender Humor erhellen als neues wesentliches Element alles. Ein Werk der Reife: Rückschau eines in der Gemeinsamkeit wie im tagtäglichen Tag froh Verwurzelten:

Nie zuvor fühlte ich mich so im Einklang, nie zuvor hatte ich Küsse soviel.

Wie in der Residencia und im Canto General sind die eigene Existenz, sind Schöpfung, Tod, Vergänglichkeit und Daseinsverdinglichung wieder Gegenstand des dichterischen Wortes, das nun helltönend ist, weltbejahend. Kein „herbstliches Lächeln“ in den Strophen, sie sind Ausdruck eines, der um die Vollentfaltung seines Ichs bemüht ist:

Nun gebe ich mir Rechnung, was ich gewesen bin, nicht ein Mensch nur sondern mehrere, und wie oft ich gestorben bin, ohne zu wissen, wie ich wiedergeboren…

Jede Zeile bezeugt die Vielfalt, die Vielschichtigkeit des Lebens. Er, der „zwischen soviel Vergessen ein überlebender Vogel“ ist, sieht: bei aller Tragik ist nicht Ausweglosigkeit des Menschen Teil, der Tod ist lebenszugehörig. Fast das Gesamtwerk Nerudas ist autobiographisch zu nennen, ist ein unablässiges Sichauseinandersetzen mit der Welt und ihren Strömungen, ihrem Irren und ihren Helligkeitsmomenten. Nerudas schwer errungenes Verankertsein, in Liebe und Welt, manifestiert sich hier in Scherz und Spiel der Einbildungskraft. Da gibt es Ausflüge ins Reich des Absurden und in die Selbstironie:

Im Montag haben alle Tage zusammen Platz, sie bilden ein Kartenspiel, das funkelt und saust, indem es die Zeit verkürzt mit Herzen, Kreuzen, Karos.

Oder:

… ich bin es, der Träume herstellt, und an meinem Haus aus Federn und Steinen mit einem Messer und einer Uhr, schneide ich die Wolken aus und die Wogen.

Unbestechlich aber bleibt dabei sein Blick in die Zeit, in die durch Nöte und Krieg gefährdete Welt:

Seien wir überdrüssig dessen, was da tötet, und dessen, was nicht sterben will.

In dieser „ethischen“ Poesie beginnt in Wohlgesonnenheit der Vers zu schweben, immer aber über einem magnetischen Zentrum, das, die Würde des Menschen und damit seine Verwundbarkeit einbegreifend, als A und O den „Schlußpunkt“ hat:

Es gibt keinen größeren Raum als den Schmerz, es gibt kein anderes Universum als das, das blutet.

Der 1959 erschienene Band Navegaciones y regresos (Seefahrten und Heimkehr) könnte man ein weiteres Buch Elementare Oden heißen. In Ansprache und Stil. Erneut ein Rühmen der einfachen Dinge des Lebens, eines Stuhls in der Wildnis („Der Krieg ist wie die dunkle Wildnis endlos. Der Friede beginnt auf einem einzigen Stuhl“), einer Katze, des Hafenwassers. Erinnerungen an Städte und Freunde tauchen auf, an Dichter, und immer wieder erstehen Gedanken an das Meer:

Ich kehre von langen Reisen zurück… Duft nach Honig und Bienenharz barg die Ferne, und knisterndes Geschehen machte mich zum Bürger, wo ich war. Ich war kein Fremder mit toten Augen: ich teilte das Brot und alle seine Fahnen. Doch es ist Chiles Meer, das, des Nordens Ozean durchdringend, zwischen anderen Wellen aufsteigt: aus diesen Wassern kommt meine Verzweiflung und meine Hoffnung.

Bereits die Allmacht Zeit leiblich empfindend, die Flüchtigkeit des Daseins, beantwortet er mit gelassener Melancholie: „Jünger und älter, diesmal wie immer bin ich zurückgekehrt: jünger durch Liebe, Liebe, Liebe, älter, gewiß, denn mich nagen die Uhren an, die Monate, des Kalenders schneidende Zähne.“ Seine Selbstbezüglichkeit ist keine Abgrenzung, sie steht inmitten des Zeitgeschehens, er ein Verbündeter des Menschen. Das Massaker am 28. Januar 1946 auf dem Bulesplatz in Santiago erinnernd, schreibt er:

Ich habe nicht vergessen noch bin ich gestorben. Ich bin der Januarbaum in dem verbrannten Wald… Keine Blätter sind an meinen Ästen. Einzig in meinem Herzen die Narben, die blühen und erinnern. Ich bin der letzte Zweig der Strafe.

Cancion de gesta (Heldenepos), 1960 erschienen, bekundet abermals sein Einssein mit den Leiden der Menschen. Ursprünglich als ein Gedichtband über Puerto Ricos Vergangenheit und Gegenwart, über sein koloniales Martyrium und den gegenwärtigen Kampf seiner Aufständischen konzipiert, weitete sich das Heldenepos nach den revolutionären Ereignissen auf Cuba zu Gesängen über den ganzen karibischen Raum. Erneut, wie in Trauben und der Wind sieht er sich als den Dichter in öffentlicher Verantwortung, den Anwalt der Leiden: „Ich wurde geboren, die Unverschämtheit zu queren mit einem Blitzstrahl, an die unmenschlichen Wunden zu rühren.“ Puerto Rico, schmerzlicher Ausgangspunkt zu den übrigen „Todesinseln“, veranlaßt ihn, rückschauend auf die Geschichte Amerikas zu blicken: eine Einheit von revolutionären Erhebungen, eine Einheit von Leiden und Heldenhaftem.

Heiter ist all dieser Jahre Pfeil und traurig unser beleidigtes Amerika: in die Höhe auffährt der Mensch mit seinem Blitz und führt auf dem Mond seine Ähren ein, indessen verfault Nicaragua mit den Maden seiner Dynastie, das Blut Sandinos entehrend und das Samenkorn Rubén Daríos…

Zum andern, der Quelle seiner Kraft, dem Tellurischen, verhaftet, dem Elementaren im Menschen, seiner Schönheit, die Worte:

Neger des Kontinents, ihr habt der Neuen Welt das Salz, das ihr fehlte, gebracht… Reglos lag unser grünes Amerika, bis es wie eine Palme sich bewegte, da von einem Negerpaar der Tanz des Blutes und der Anmut geboren wurde.

„Wegweisender Mast“ durch alle Verfinsterungen ringsum ist das befreite Cuba:

In diesem Erdraum… verabschiede ich den Schmerz, der mich aufgesucht hat, als gäbe ich einer Taube den Abschied.

Erneuter Rückblick auf das eigene Leben, auf die erlebte Geschichte, auf jenes Fieber, das ich in Birma hatte und jene gekreuzigte Liebe“, auf „die Mörder der Nachtigallen… die den armen Federico ermordet“. Wie ein Ausklang in eine unendlich beruhigte Welt, erheben sich seine Worte auf die Sierra Maestra:

… mit Rosenbüschen der Himmel gestirnt, laß ich die Zeit auf mein Antlitz rinnen wie dunkle Luft oder feuchtes Herz, und ich sehe, was da kommt und geboren wird… Hoch ist die Nacht und rein wie Stein.

Ein auf höchsten Ton gestimmtes und bedeutendes Dichtwerk, in Europa und an der Pazifischen Küste 1959 und 1961 verfaßt, sind die Cantos Ceremoniales (Zeremonielle Gesänge): Zehn groß angelegte Poeme von erhabener Schönheit. Eine leidenschaftlich mit gelebte objektive Welt, in die sein Ich, das dichterische, ganz eingeht, gleich, ob das erschütternde Verstummen und einsame Sterben der legendären Geliebten Bolívars, Manuela Saenz, in schwermütigen, sehnsüchtigen Versen gesungen wird, ob er die Großartigkeit der Kordillere vor den Augen eines Fliegenden in einem kosmischen Gesang erstehen läßt („Alle Minerale des Himmels erwachten, während meine Kordillere jenes Feuer mit Asche einschloß, das mit dem ganzen Weltall brannte“) oder Lautréamonts tragisches Geschick als stetiges Dichtersymbol zeichnet („Hinter jedem seiner Schatten das Korn. In jedem lichtleeren Aug eine Pupille… Die Hoffnung, die aus der Qual sich erhebt“). Geschichtlichkeiten, psychisch tiefreichende Visionen, kosmische Substanzen gebannt in sein Wort. Oft erschreckend. Dann wieder er der für unsere Erde Entbrannte. Im „Kataklismus“:

… die Asche im Kleid der Meduse, die Erde in einem Aufschrei… Mensch bin ich, warum ward ich auf Erden geboren? Wo ist mein Leichentuch? Ist das der Tod?

Im „Stier“ erwächst symbolhaft das blutende Spanien, das Land, das mit seinem Aufbegehren ihm half, die düstere Haut abzustreifen. Noch immer aber:

Rot wie die Feuersbrunst sind die Türme Spaniens.

Diesem Band mit den langen Gedichten folgt bald darauf 1962 ein neuer mit Gedichten in starker Verknappung: Llenos poderes (Vollmachten). In der Anlage wie die Elementaren Oden, jedoch von stärkerer Aussagekraft, substantieller, durchgeistigter. Alltäglichkeiten, die die Sinnhaltigkeit des Lebens ausbreiten:

… und frisch gewaschen… und das Kind lief aus den Händen der Mutter, wieder auf einem Zyklon zu reiten, Schlamm aufzusuchen, Öl, Pisse, Tinte, sich zu verletzen und zwischen Steine zu stürzen… später wird es nur Zeit haben, sauber einherzugehen, doch schon ohne Leben.

Vieles auch in diesem Band Rückschau, streng, unsentimental, und durch so manche Zeile der Atem Vergänglichkeit, den es zu bestehen gilt:

… so fing das Leben stets von neuem an, indem das Kleid ich wechselte und den Planeten, vertraut werdend mit Gefährten und der großen Menschenmenge der Verbannung, mit der großen Einsamkeit der Glocken.

Die letzte große und bedeutende Veröffentlichung ist, trotz ihres Titels Memorial en Isla Negra, kein rein autobiographisches und retrospektives Werk. 1964 von dem sechzigjährigen Dichter veröffentlicht, ist dieses fünfbändige Werk, das eines jugendlichen Geistes, der bei allem Ich-einfangenden Rückblick, dem Überschauen, Sichten, Bekennen, Rechenschaftsgeben Aufbruch aus Gegenwärtigem bedeutet. Eines Geistes, der sich, nicht um dahin zurückzukehren, in seine Ursprünge versenkt, sondern um seine jetzige Position klarsichtig erfassen zu können, als eine Ausgangsposition.

Langsame Kindheit, aus der wie ein langes Gras der harte Pistill aufwächst, das Holz des Menschen… das Skelett blieb fest, der Knochenbau hielt, das Lächeln… jenes nackten Kindes… das Wachsen aber war wie ein Gewand, war der andere Mensch und ihn trug er entliehn… doch seit jenen aufgebrauchten Stunden blickt uns jener an und erkennt uns nicht.

Im australen Süden, „Wo der Regen geboren wird“ (Titel des ersten Bandes), schlummern die Kräfte, die für sein Sein, sein Werden bestimmend wurden. Dort waren die Trauben (in seiner gesamten Dichtung Symbol der Fruchtbarkeit, der Lebensfülle), die von der toten Mutter her aufwuchsen, dort war die Güte, die er als Kind bei seiner Amme gefunden. Dort war „die Poesie, auf der Suche nach mir… Und ich, trunken von der großen gestirnten Leere, ihr ähnlich, ein Ebenbild des Geheimnisses… rollte mit den Sternen dahin, losstürmte mein Herz in den Wind.“ „Der Mond im Labyrinth“, der zweite Band der Pentagorie, blickt auf die Wirrnisse seiner frühen wechselnden Lieben zurück mit ihrem grausamen Verlassen, ihrer Melancholie, Liebe aber auch als Geborgenheit in dem ihn völlig vereinsamenden Osten, als Zuflucht und als Ursprung der Dichtung:

Ich denke, nicht nur auf Einsamkeit fußt meine Dichtung, sondern auf einen Leib und immer wieder auf einen Leib, bei voller Haut des Mondes und mit allen Küssen der Erde.

Nichts bleibt zu verwerfen, alles Gelebte hat mit seinen Abgründigkeiten, Unzulänglichkeiten, allem Versehren erst seinen Sinn: „Gestrige Stunden eines Lebens, durchdrungen wie von einer blutigen Nadel zwischen den stets verworfenen Entschlüssen… Von dem, was ich war, habe ich nur diese grausamen Male, denn jene Schmerzen bestätigen mein Dasein.“ – Im dritten Band Das grausame Feuer ersteht noch einmal die spanische Tragödie mit ihrem Unmaß an Toten, ihrem spanischen Tod. Er berichtet von den nach Frankreich Geflüchteten, Bedrohten, die gerettet, „von neuem geboren wurden, Auferstandene, Lebendige.“ Er spricht von der triebgroßen verzweifelten Liebe zu Josie Bliss im fernen Orient, er, gezeichnet vom Versagen, von jener unbarmherzigen Trennung, sein jetziges Wort von der Trauer um das Vergehen durchwoben:

Gestern. Gestern!… du meine Tolle, Taube des Feuers, heut noch immer ohne mein Fernsein, ohne Grab… im Stich gelassen von meiner Liebe… dort, wo deine ausgelöschten Hüften mich nicht mehr suchen können.

− Die Tragödie der Liebe wird im nächsten Band Der Wurzeljäger weiter beschworen, vor allem die seiner ehemaligen Frau Delia. Ein Bekenntnis zu Schuld und gleichzeitiger Unschuld, Liebe in der Wandlung. Zentral zwischen Gedichten über viele Himmelsstriche steht das hohe Lied auf Mexiko, Stätte, die ihm als erste das schwierige Glück gewiesen, ganz auf der Erde dazusein: „… Ich fühlte vielleicht zum erstenmal mich nicht Vater der Klage, nicht Gast des ewigen Todeskampfes.“ – Den Mittelpunkt des letzten Buches vom Memorial nimmt seine Auseinandersetzung mit der düsteren Zeit des Stalinismus ein: Die Episode. Ohne Beschönigung gibt er sich Rechenschaft von der unheimlichen Gewalt dieser geschlagenen Wunde. Nennt jene Zeit als eine der größten Entfremdung unter den Menschen, eines allseitigen Mißtrauens. Allein, sein Glaube an die Würde des Menschen auf dem beschrittenen Wege ist ungebrochen.
Schreibend, sich selber zu finden und einen Sinn der Welt, so verlief, verläuft der Weg dieses großen Dichters, der bemüht ist um die Wahrheit, die Schönheit der Wahrheit, die er als Fundament seines Schaffens und Bestehens braucht und liebt: „und zur Wahrheit gewandt: halte dich nicht zurück, bis du zur Lüge dich verhärtest!“ Ihm, dem Dichten das wesentliche Verhalten zur Welt ist, der das Wort aus allem Gelebten und Durchlittenen gesogen, in sich aufgebaut hat zu Rhythmus und Bild, ein Selbstsucher immer, oft ein Finder des Verborgensten, des Geheimnisses durch die visionäre Macht der Metapher, wurden in einem langen, Wunden reißenden Prozeß schließlich Erde und Meer, Kreatur und Mensch, Ding und Aberding, das bescheidenste noch, lebbar, bejahenswert und beglückend Gegenstand des Rühmens. Das Welthaltige in Kosmos und Geschichte: Einverleibung einer genialen Natur, Sinngehalt des Verses:

Aus so vielen Lieben und Wandern gehen die Bücher hervor. Und enthalten sie Küsse nicht oder Himmelsstriche und enthalten sie Menschen nicht in Überfluß… Hunger, Begehren, Zorn, Wegziel, so taugen sie weder als Schild noch als Glocke.

Erich Arendt, aus: Pablo Neruda: Gedichte. Sammlung Nobelpreis für Literatur, Coron-Verlag

Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstler Pablo Neruda

 

VENCEREMOS FÜR PABLO NERUDA

In diesen grauen europäischen Städten
des Herbstes neunzehnhundertdreiundsiebzig

muß ich die Wörter ausprobieren
Ozean
Kupfer
Salpeter
Tellurisches
und verwerfen weil sie mir nicht zustehn
CHILE
ein für allemal
sei das gesungen
dachte ich
Salz und Honig
dein Tod
wenn er je käme
nährte noch lang

ein für allemal genug
seit „in Spaniens Straßen das Blut“

Nie mehr ein anderes Rot als Wein
Fahnen
dachte ich
ein für allemal
könne kein Land oder wenigstens
dieses
zurück
nachdem es angelangt war
jenseits deiner
ERKLÄRUNG EINIGER DINGE
„Generäle
Verräter:
seht mein totes Haus“

Mit den bis zuletzt offenen Augen
sahst du im Feuer
deine Bücher verbrennen
auf dem Hügel San Cristobal

sahst ihre Asche
dein Sterben verdunkeln
und dein lebenslanges Gedicht:
FRIEDEN GEWÜNSCHT

„Eine Zwiebel gegessen“
mit den Bäckern Fischern Holzfällern
zwischen Parias
Strandgut
Andenschnee
und den Abendröten

Als die Fraun
kasserollenklappernd
bei den Taxichauffeuren standen
als die Kupfermineure mehr Sold wollten
als die Arbeiter beiseitegingen
sahst du noch einmal
Bezahlte
Bestochene
sich zusammentun
Gewalt
auf den Haufen der Macht zu werfen

Wieder Schreie auf den Inseln
Menschen von Schiffen ausgeladen
auch wo keine Inseln sind

an die Küsten geschwemmt
flußeinwärts
bis zum Fußballstadion
auf den Plätzen künftiger Zuschauer
werden die Ermordeten sitzen

noch einmal von vorn beginnen

Lesen Schreiben lernen ALLENDE
NERUDA viertausend Kilometer lang
Kälte und Wind und Lumpen nicht achtend
wie bisher

als wär nie gewesen

drei Jahre Hoffnung
Gewaltlosigkeit
ein halbes Liter Milch pro Kind
Segelflugzeug in die Flügel geschossen
zersplittert
weiß und länderweit

Margarete Hannsmann

 

 

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Nachrufe auf Pablo Neruda: Neues Deutschland ✝ Berliner Zeitung ✝
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Zum 1. Todestag des Autors:

Jürgen P. Wallmann: „Ich werde niemanden exkommunizieren“
Die Tat, 21.9.1974

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Uwe Berger: Seine Poesie ist Stimme des Volkes
Neues Deutschland, 12.7.1979

H. U.: Einheit von Poesie und Politik
Neue Zeit, 11.7.1979

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Hans-Otto Dill: Seine Dichtung – leidenschaftlicher Hymnus auf den Kampf der Völker
Neues Deutschland, 12.7.1984

Volodia Teitelboim: Ein Dichter, der auf Erden wohnt
Sinn und Form, Heft 6, November/Dezember 1984

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Margit Klingler-Clavijo: Ich bekenne, ich habe gelebt
Deutschlandfunk, 12.7.2004

Josef Oehrlein: Die drei Archen des Dichters
Cicero

Karin Ceballos Betancur: Das Kind und der Dichter
Die Zeit, 8.7.2004

Holmar Attila Mück: Krieger mit der Lyra
Deutschlandradio Berlin, 12.7.2004

Claudia Schülke: „Militanter Stalinist und kolossaler Dichter“: Pablo Neruda
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.7.2004

Leopold Federmeier: Der trunkene Durst des begeisterten Schleuderers
Neue Zürcher Zeitung, 12.7.2004

Zum 5. Todestag des Autors:

Sergio Villegas: Beerdigung unter Bewachung
Sinn und Form, Heft 6, November/Dezember 1978

Zum 10. Todestag des Autors:

Karl Bongardt: Seinen Atem durchwob die singende Liebe
Neue Zeit, 24.9.1983

 

Pablo Neruda – Lesung und Interview des Literaturnobelpreisträgers 1971.

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