Volker Hage: Zu Inge Müllers Gedicht „Unterm Schutt II“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Inge Müllers Gedicht „Unterm Schutt II“ aus Inge Müller: Daß ich nicht ersticke am Leisesein. 

 

 

 

 

INGE MÜLLER

Unterm Schutt II

Und dann fiel auf einmal der Himmel um
Ich lachte und war blind
Und war wieder ein Kind
Im Mutterleib wild und stumm
Mit Armen und Beinen die ungeübt stießen
Und griffen und liefen
Bilder ringsum
Kein Boden kein Dach
Was ist – verschwunden
Ich bin eh ich war.
Ein Atemzug Stunden
Die andern! Ein Augenblick hell wie im Meer
Da klopft einer –
Den Globus her!
Daß ich mich halte
Brücken Land Pole
Millionen Hände brauch ich
Mich trägst du nicht, Tod, ich mach mich schwer
Bis sie kommen und graben
Bis sie mich haben
Du gehst leer.

 

Das Mädchen, die Trümmer, der Tod

Ein Albtraum, wie ihn wohl jeder fürchtet: unter Trümmern verschüttet zu sein – ohne Nahrung, ohne Bewegungsmöglichkeit, allein in Stille und Dunkelheit. Ob als Folge eines Erdbebens, einer Gasexplosion oder eines Luftangriffs: Es trifft den einzelnen mit elementarer Wucht physisch wie psychisch.
In diesen Versen von Inge Müller – dem mittleren von drei erstmals 1965 in der DDR publizierten Gedichten mit dem Titel „Unterm Schutt“ (I bis III), deren autobiographischer Hintergrund bekannt ist – wird eine Situation gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Berlin vergegenwärtigt.
Im April 1945 war die spätere Lyrikerin, Hörspielautorin und Ehefrau von Heiner Müller als frisch einberufene Helferin der Wehrmacht auf der Suche nach Wasser für ihre Flakbatterie unterwegs und wurde unter einem einstürzenden Haus begraben: Nachwirkung eines vorangegangenen Luftangriffs. Drei Tage lang blieb die junge Frau – sie hieß damals noch Ingeborg Meyer und war gerade 20 Jahre alt geworden – lebendig begraben, bevor sie gerettet werden konnte.
Die Phasen des Schreckens skizziert das Gedicht in leisen Tönen und ruhigen Bildern, in einer fast liedhaften Sprache. Da ist der Moment der Überraschung, der paradoxen Reaktion („Ich lachte und war blind“), der Augenblick schockartiger Anpassung an die neue, unvergleichliche Situation, erlebt mit kindlicher, ja embryonaler Hilflosigkeit, dann das langsame Bewußtwerden einer umfassenden Orientierungslosigkeit („Kein Boden kein Dach“) – und schließlich der völlige Stillstand der Zeit („Ein Atemzug Stunden“).
Gezielt nutzt die Autorin an wenigen Stellen den Reim, etwa als Ausdruck trotziger Hoffnung:

Bis sie kommen und graben
Bis sie mich haben.

Hier hält die Verschüttete Zwiesprache mit dem Tod – ein feiner Anklang an Matthias Claudius; doch anders als in dessen Gedicht „Der Tod und das Mädchen“ kann die junge Frau bei Inge Müller vorerst weiterleben: Sie wird ausgegraben und gerettet.
Für die Dichterin war das Erlebnis ein Trauma, unter dem sie, wie die Müller-Biographin Sonja Hilzinger zu Recht geschrieben hat, „lebenslang litt“. Hinzu kam, daß sie als junge Frau nur wenige Tage nach ihrer Rettung – und der Kapitulation Berlins – einen neuen Schock zu verkraften hatte: Als sie sich endlich auf die Suche nach ihren Eltern machen konnte, fand sie deren Haus völlig zerstört vor. Ingeborg Meyer war nun selber unter denen, die in den Trümmern gruben. Ihre Eltern aber konnten nur noch tot geborgen werden. Nicht alliierte Flugzeuge übrigens hatten das Haus bombardiert, sondern Maschinen der deutschen Luftwaffe, die den Vormarsch der Roten Armee im Nordosten der Stadt stoppen wollten.
Alle Versuche Inge Müllers, diese Erfahrungen literarisch in Prosaform zu verarbeiten, blieben bruchstückhaft; ein umfangreiches Fragment („Ich Jona“) fand sich im Nachlaß. Nur im Gedicht konnte die Annäherung an das Trauma offenbar gelingen. Verwunden hat sie die Erfahrung nie, auch wenn niemand genau wissen kann, warum sie 1966, mit nur 41 Jahren, freiwillig aus dem Leben schied.

Volker Hageaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreißigster Band, Insel Verlag, 2007

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