Zeitschrift: die horen – Heft 249

die horen

EINFACHER ZEICHENSTRICH

Mich selbst beschreib ich recht schnell und erklär mich
mit wenigen reduzierten Strichen.
Kein bisschen ermüdend
wenn die Stunden sich dehnen an solchen Abenden, winterlichen.

Zieht also eine gerade Linie
die von unten ansteigt nach oben.
Sie soll für meinen Glauben stehn.
Dann eine zweite, die herkommt von drüben
Mittig trifft sie die erste, versenkt sie
macht kurzen Prozess
dass diese erschüttert absackt.
Setzt lange Linien neben kurze
setzt kräftige neben schwache
auf dass meine Neigungen erkennbar werden
sorgt dafür, dass diese Linien nie enden
weil ihr sonst den Akt, da ich mich selbst erkläre
brutal beenden würdet.

Fügt mit flinker und lockerer Hand hinzu
wild durcheinander, richtungslos
ein paar meiner Widersprüchlichkeiten.
Dann legt zwei lange Hauptlinien fest
und damit ebenfalls den ewigen Abstand zwischen beiden.

Jetzt noch mit dem Zeichenstift
(oder mit eurer Fantasie)
dafür sorgen, dass über allem ganz oben
eine Dunkelheit gesetzt wird, nebulös im Weißen.
Denn mit einem einfachen Zeichenstrich allein
lässt das Bild meiner Trauer sich nicht umreißen.

Kiki Dimoula
Ins Deutsche übertragen von Ina Kutulas

 

„Werft kein Tränengas mehr. Wir weinen auch so.“

Im November 2012 sagte Jazra Khaleed bei einer Begegnung am Syndagma-Platz in Athen, interessanterweise führe die jetzt herrschende gesellschaftliche Situation in Griechenland nicht nur zu einem Zustand der Lethargie, Ungewissheit und Depression, sondern sie führe vereinzelt sogar zu Situationen, die er, Jazra, in den Jahren zuvor so noch nicht erlebt habe. Einige von ihm mitorganisierte Lesungen hatten in den letzten Monaten enormen Zulauf gehabt und das Interesse für Lyrik zum Beispiel sei immerhin so stark gewesen, dass man über die Gründung neuer, kleiner Verlage und über alternative Veranstaltungsformen nachzudenken und diese umzusetzen beginne. Man könne es selbst kaum glauben. Hin und wieder ist davon zu lesen und zu hören, dass sich in der Bevölkerung Formen von Solidarität herausbilden, die es zuvor in dem Maße nicht gegeben hat, und zwar „sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt …“
Es gibt es also, das „andere Griechenland“, das nicht „bankrott“ und „korrupt“, das nicht von Faulenzern, Schmarotzern, Betrügern bewohnt und nicht von „2000 Jahren Niedergang“ gekennzeichnet ist – tatsächlich ist „dieses Griechenland“ eine Chimäre im ursprünglichen Sinn des Wortes. In vorliegender Anthologie kommt nicht das Land der „Pleite-Griechen“ – die Bild-Zeitung soll diese Bezeichnung zwischen 2010 und 2012 in 127 Ausgaben benutzt haben – zu Wort, sondern es äußern sich Autoren, die in einer Sprache schreiben, die seit der Antike ununterbrochen gesprochen wird. Giorgos Seferis brachte diese Tatsache in seiner Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises 1963 wie folgt zum Ausdruck: „Unser Land ist klein, verfügt aber über eine gewaltige Tradition, die ungebrochen bis in unsere Zeit weiterwirkt. Griechisch ist zu allen Zeiten gesprochen worden. Unsere Sprache hat sich verändert, wie sich alles Lebendige ändert, aber Brüche sind ihr erspart geblieben.“ So haben wir versucht, in dieser horen-Ausgabe aufzuzeigen, wie dieses „Ungebrochene“ in einem heute scheinbar so sehr verlorenen Land aussieht. Entstanden ist eine nach sehr subjektiven Gesichtspunkten zusammengestellte Textsammlung ohne jeden Anspruch auf irgend eine Vollständigkeit oder literaturhistorische Relevanz. Nach einiger Zeit entdeckten wir allerdings doch ein – quasi unsichtbares – Kriterium, das uns offensichtlich leitete, unsere Schwerpunkte diktierte und das sich umschreiben ließe mit dem Begriff „Widerstand“. Bei näherem Hinsehen mussten wir erkennen, dass das Begriffspaar „Literatur und Widerstand“ – wobei es dabei schon um Leben und Tod geht – Griechenland offenbar „adoptiert“ zu haben scheint. Denn die Geschichte der neugriechischen Nation des 20. Jahrhunderts war geprägt von deren schrittweiser territorialer Konstituierung seit der Unabhängigkeit eines Rumpf-Griechenlands 1830 (hinzu kamen: die Ionischen Inseln 1864, Thessalien 1881, Kreta 1908, die meisten Inseln, Epirus und Makedonien mit Thessaloniki 1913), einer extremen politischen Polarisierung (zwischen Republikanern und Monarchisten, zwischen Rechts und Links), mehreren Kriegen und einem Bürgerkrieg. Tatsächlich enden die kriegerischen Auseinandersetzungen der Griechen mit dem Osmanischen Reich bzw. später mit der Türkei erst 1922. Im darauf folgenden Jahr kommt es zu einem Bevölkerungsaustausch. 1,5 Millionen in der kleinasiatischen Türkei lebende Griechen werden nach Griechenland und 500.000 in Griechenland lebende Türken in die Türkei zwangsumgesiedelt.
Nach den Balkankriegen 1912/13, der Beteiligung Griechenlands am Ersten Weltkrieg 1916 bis 1918, nach dem Griechisch-Türkischen Krieg 1922, nach der faschistischen Metaxas-Diktatur 1936 bis 1940, nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Bürgerkrieg von 1946 bis 1949 sowie dem sich anschließenden Bestehen eines Militärstaates mit Notstandsgesetzgebung (der bis Anfang der 60er Jahre existierte), begann in Griechenland erst gegen Ende der 50er Jahre eine Normalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich Anfang der 60er Jahre langsam stabilisierten. Allerdings bedeutete der Militärputsch im April 1967 ein jähes Ende dieser so kurzen und vor allem ersten (!) halbwegs demokratischen Phase in der Geschichte der jungen griechischen Nation – mit verheerenden Folgen für die weitere gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung. Griechenland ist ein Sonderfall: Es war das einzige westeuropäische Land, in dem 1967, also zwei Jahrzehnte nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, eine Militärdiktatur installiert wurde, die immerhin sieben Jahre lang, bis 1974 währte. Weder die NATO −, noch die westlichen europäischen Partner Griechenlands, noch seine USA-Verbündeten waren bereit, einen Beitrag zu leisten, damit das Obristenregime so schnell wie möglich wieder verschwindet, sondern sie alle richteten sich mit der Diktatur ein, die ein Volk traf, das – zum ersten Mal in seiner neueren Geschichte – einen Hauch von Demokratie hatte erleben dürfen. Die neugriechische Literatur entstand in einem Umfeld, in welchem permanent Krieg, Krise, politische Unruhe und menschliche Not herrschten. Die Autoren reagierten darauf ganz unterschiedlich.
Konstantin Kavafis wählte, um seine „politischen Botschaften“ übermitteln zu können, den „Umweg“ über das hellenistische Zeitalter und verbarg sein Privatleben und insbesondere seine Homosexualität mit einer höchst beeindruckenden Konsequenz, die uns offenbart, welcher existentiellen Bedrohung er sich ausgesetzt sah – selbst als „griechischer Dichter“ im fernen Alexandrien in Ägypten. Kostas Karyotakis, der in den zwanziger Jahren nicht nur als Dichter berühmt wurde, sondern sich gesellschaftlich in der Gewerkschaftsbewegung engagierte, nahm sich das Leben, weil er als Beamter aus politischen Gründen in ein Provinznest zwangsversetzt wurde, wo er nicht mehr „atmen“ konnte. Maria Poliduri engagierte sich für den Feminismus und die Frauenfrage und gehörte in den zwanziger Jahren zu den „Aussätzigen“ der griechischen Gesellschaft. Die Tuberkulose, die die noch sehr junge Dichterin dahinraffte, war eine Krankheit der Armen; den Aufenthalt im letzten Sanatorium ermöglichten Bekannte – allerdings unter einem Vorwand, denn Maria Poliduri hätte diese finanzielle Unterstützung niemals akzeptiert.
Odysseas Elytis wurde der Literatur-Nobelpreis für die poetische Kodierung des Leidens des Griechentums vor allem während des 2.Weltkriegs in seinem Epos „Axion esti“ verliehen.
Jannis Ritsos, Mikis Theodorakis, Tassos Livaditis und fast alle anderen hier im Band vereinten Autoren, die in den ersten 40 Jahren des letzten Jahrhunderts geboren wurden, machten Gefängnis, Verbannungslager und Folter durch, ihre Bücher waren zum Teil für Jahrzehnte verboten, einige dieser Autoren mussten emigrieren oder waren beruflichen oder persönlichen Schikanen der Staatsmacht ausgesetzt.
So findet sich fast die gesamte linke Intelligenz Ende der vierziger Jahre auf der Todes- und Folterinsel Makronisos wieder, auf der das riesige Lager mit Hilfe der englischen und später der amerikanischen Regierungen aufgebaut wurde und bis 1950 bestehen bleiben konnte. Das geschah während des griechischen Bürgerkriegs, der im Dezember 1944 nach dem militärischen Eingreifen britischer Truppen gegen die linke Befreiungsbewegung EAM ausbrach. Eine europäische Demokratie – nämlich Großbritannien – arbeitete also Hand in Hand mit ehemaligen faschistischen Nazikollaborateuren, um eine demokratische Regierungsübernahme durch die enorm starke griechische Linke gewaltsam zu verhindern. Großbritannien setzte seine Machtinteressen in Griechenland berechnend und ohne demokratische Legitimation durch: angefangen mit der Wiedereinführung der Glücksburg-Monarchie – also eines dänischen Königs, der in Griechenland zum Staatsoberhaupt gemacht wurde –, bis hin zur gezielten Provokation eines Bürgerkriegs (auf Befehl von Winston Churchill) und damit auch zur Eröffnung von Konzentrationslagern, in die zehntausende Linke deportiert und in denen systematisch gefoltert und gemordet wurde. Als Großbritannien in Griechenland schließlich nicht mehr Herr der Situation war, zog es sich zurück und ließ die USA das „Werk“ vollenden. Diese durch anhaltenden Terror und Einschüchterung sowie das Mittel der Bevorzugung und Zurücksetzung erzwungene „unnatürliche Entzweiung“ (Theodorakis) des griechischen Volkes und die jahrzehntelange Unterdrückung bescherte der griechischen Nation ein bleibendes Trauma, das ein tief im Bewusstsein einiger Generationen von Griechen verankertes antiwestliches Ressentiment zur Folge hatte.
Die sogenannte „Generation der Niederlage“ eines Manolis Anagnostakis, Michalis Katsaros, Takis Sinopoulos etc. durchlebte nicht nur gnadenlose Verfolgung und Diskriminierung in den vierziger Jahren, sondern auch die desillusionierende und von völliger Hoffnungslosigkeit durchdrungene, nachfolgende Dekade der 50er Jahre, die Gefühlswelt und Schreibstil dieser Autoren prägte.
Die permanent kriegerischen Zustände und instabilen politischen Verhältnisse seit der Konstituierung des neugriechischen Staates 1830 führten dazu, dass die nationale Identität Griechenlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in erster Linie über die kulturelle Identität des „Griechentums“ definiert wurde, und es ist bezeichnend, dass in den 60er Jahren, während einer äußerst kurzen demokratischen „Atempause“ von etwa sieben, acht Jahren, eine Kultur aufblühte, die enorme internationale Ausstrahlung hatte und die das künstlerische sowie ästhetische Selbstverständnis der meisten griechischen Kulturschaffenden bis in die 90er Jahre hinein prägte. In breiten Bevölkerungsschichten fand diese Kultur einen phänomenalen Anklang. Und nicht nur das. „Griechentum“ bedeutete nicht mehr nur die immer wieder neu aufwallende Schwärmerei für das Altertum, sondern es war eine moderne Kultur auf hohem Niveau entstanden. Griechische Künstler machten international Karriere und erlangten Weltruhm. Es war, als hätte Griechenland urplötzlich die Zeit seit der europäischen Renaissance in rasantem Tempo aufgeholt. Diese kulturelle Bewegung konnte sich von der siebenjährigen Unterbrechung durch die Diktatur (1967 bis 1974) nur sehr schwer erholen, und mit Beginn der neunziger Jahre ging diese Ära schließlich ganz zu Ende. Sie wurde in einem schleichenden Prozess abgelöst von einer kosmopolitischen, zumeist indifferenten Kulturlandschaft, die ihre nationalen Charakteristika immer mehr einbüßte. Großartige Kunst von griechischen Künstlern entsteht seitdem vor allem in der griechischen Diaspora in den USA, in Australien und Europa, wo genauso viele Griechen leben wie im Heimatland selbst. Jeffrey Eugenides, Alexander Paine und Aris Fioretos seien hier als Beispiele genannt.
Beim – wie ich es nennen würde – „Neuen Goldenen Zeitalter“, den „Golden Sixties der griechischen Kultur“ haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das auf allen künstlerischen Gebieten zu beobachten war – in der Literatur, der Musik, der Bildenden Kunst, auf dem Gebiet des Filmschaffens. Einen Höhepunkt markierte zweifellos die Verleihung des Literaturnobelpreises an Giorgos Seferis 1963. Zugleich gewannen auch die Lyrik von Odysseas Elytis (der 1979 den Literaturnobelpreis erhielt) und Jannis Ritsos immer mehr an internationaler Bedeutung. Die neue griechische Literatur – zuvörderst international repräsentiert durch Nikos Kazantzakis’ Romane – wurde bald schon in vielen Ländern wahrgenommen und in etliche Sprachen übersetzt. Auf musikalischem Gebiet erlangte Manos Chatzidakis 1960, als ihm der Oscar für die Filmmusik verliehen wurde, einen enorm hohen Bekanntheitsgrad. Weit reichende internationale Popularität wurde Mikis Theodorakis’ sinfonischen Werken aus den 50ern als auch seinem späteren Liedschaffen zuteil. Auf dem Gebiet des Filmschaffens kam es in den 50er und 60er Jahren zur Verleihung einiger Oscars und anderer Preise in Los Angeles, Cannes, Berlin, Paris, London etc. an Künstler wie Michalis Cacojannis, Nikos Koundouros, Vassilis Photopoulos etc. Allein in den 60er Jahren gab es 16 Oscar-Nominierungen für einen griechischen Film oder Schauspieler, so viele, wie in keinem Jahrzehnt davor oder danach. Werke der Bildenden Kunst – wie z.B. die von Jannis Zarouchis – fanden Aufnahme in Sammlungen des Pariser Louvre und in die Bestände anderer namhafter Sammlungen und Museen. Mehrere griechische Künstler standen am Beginn ihrer bald schon international anerkannten Karriere (Constantin Costa-Gavras, Theodoros Angelopoulos, Jannis Kounellis, Vangelis, Olympia Doukaki, Petros Markaris). Allseits bekannte und gefeierte Persönlichkeiten waren zu dieser Zeit bereits Maria Callas, Melina Merkouri, Dimitris Mitropoulos, Jannis Xenakis, Irini Pappas, Katina Paxinou, Nana Mouskouri und nicht zu vergessen John Cassavetes, Elia Kazan – beide griechisch-stämmig –, um einige Beispiele zu nennen.
Die kulturelle Blüte, zu der es im modernen Griechenland der 60er Jahre kam, bahnte sich bereits in den 50er Jahren an. Interessanterweise lassen sich sowohl für die desillusionierte und traumatisierte linke Intelligenz als auch die sogenannten bürgerlichen Künstler drei gemeinsame ästhetische Bezugspunkte festmachen: die neuere griechische Kunst seit dem 19. Jahrhundert (z.B. über die „Entdeckung“ der Erinnerungen von Makrijannis, der naiven Malereien von Theofilos, des Karagiosis-Puppenspiels und der „alternativen“ Rembetiko-Musik), die europäische Moderne (z.B. zur als revolutionär empfundenen Tradition des sowjetischen Romans, des französischen Surrealismus, des modernen Balletts und der Neuen Musik) und – natürlich – die Antike (z.B. ästhetisch vermittelt zum einen durch den lakonischen Konstantinos Kavafis, zum andern durch den hymnischen Angelos Sikelianos, der die „Delphische Kultur“ wieder auferstehen lassen wollte).

Der Putsch von 1967 kam nicht nur, um einen erwarteten phänomenalen Wahlerfolg der liberalen Zentrumsunion (Enossi Kentrou) zu verhindern, die kaum als eine das herrschende System bedrohende Kraft angesehen werden konnte, sondern der Putsch war vor allem eine Reaktion auf diese kulturelle Revolution, die von breiten Bevölkerungsschichten und insbesondere von der Jugend mitgetragen wurde und die einen linken libertaristischen und zugleich aufklärerischen Ansatz hatte. Die Kulturtradition dieser „Golden Sixties“ wirkte zwar nach bis in die neunziger Jahre, wurde aber, wie bereits erwähnt, durch die siebenjährige Juntazeit brutal unterdrückt und anschließend ab 1974 von den Regierenden und – ob des dieser kulturellen Bewegung innewohnenden Freiheitspostulats – teilweise auch von der Kommunistischen Partei bekämpft.

Ab Anfang der neunziger Jahre führte die neoliberale Ausrichtung der Politik die griechische Gesellschaft dann in die „transzendentale Obdachlosigkeit“ (um einen Begriff des jungen Georg Lukács zu benutzen), denn das politisch-wirtschaftliche Streben nach Europäisierung und Globalisierung der Märkte brachte es mit sich, dass nationale und ethnische Besonderheiten immer mehr zurückgedrängt wurden. Das neue finanzgesteuerte Gesellschaftsmodell postulierte sie als Hemmschuhe des Fortschritts. Es brauchte keine eigensinnigen Griechen, sondern „gesichtslose“ Konsumenten, bevorzugt unkritische, die bei ihrer Eitelkeit zu packen waren, wenn es darum ging, sich als Weltbürger zu empfinden und als solche zu beweisen. So gab es, parallel zur griechischen ökonomischen Krise, seit 2009 starke Tendenzen – ausgehend sowohl von einigen intellektuellen Kreisen als auch von offiziellen Regierungsstellen, vor allem vom Bildungsministerium –, die neugriechische Geschichte von 1821 an, beginnend mit dem Ausbruch des Aufstandes gegen die Osmanische Herrschaft, neu zu „schreiben“. Viele bislang tradierte nationale Ereignisse in der neugriechischen Geschichte wurden von offizieller Seite plötzlich neu definiert. Das griechische Volk begann seine Helden, seine Ideale, seine Geschichte zu verlieren, seine nationale Identität wurde in Frage gestellt. Diese Diskussion über das rigorose Uminterpretieren und Umschreiben der Geschichte, bis in die Schulbücher hinein, löste in Griechenland einen Kulturkampf aus, der zum Teil brachial und sehr emotional geführt wurde. Kostas Georgasopoulos, einer der bedeutendsten griechischen Publizisten und Repräsentant der „Golden Sixties“, schrieb auf dem Höhepunkt dieser Auseinandersetzung einen Artikel mit dem Titel Über Fahnenkunde, in dem u.a. folgendes zu lesen ist: „Viele Jahre nach der Phase der Aufstände (zur Erlangung der Unabhängigkeit Griechenlands, A.K.) bezeichneten Universitätsprofessoren und diverse andere Intellektuelle in öffentlichen Verlautbarungen die Fahnen, die die Menschen auf der Straße getragen hatten, als ‚Lappen‘, als ‚nationalistische Symbole‘, als ‚Idole der Götzenanbetung‘. Dieselben ‚Theoretiker‘ wollen uns nun weismachen, dass die Nationen ‚Konstrukte‘ seien, die Staaten ‚Gewaltmaschinen‘ und die Geschichte unseres Volkes ein Szenarium für eine nachmittägliche Seifenopern-Serie im Fernsehen. Diese Meinungen werden jetzt tatsächlich in den Vorlesungssälen vertreten, sie sind in den Schulbüchern zu lesen, und zu großen Teilen wird die Bevölkerung ruhig gestellt mit Kulturgütern aus Staaten, die im Niedergang sind, Staaten, die die Kultur des Tauschhandels einführten an der Weltbörse der Rauschmittel, der seichten Unterhaltung, der Monotonie, des Schweigens und des Geschreis, der armseligen Sexspiele…“
Dieser Angriff auf allen Ebenen des sozialen Lebens als auch auf das „Geschichtsbewusstsein“ und die „Integrität“ der Griechen löste eine noch nicht dagewesene Identitätskrise des sich bislang als selbstbewusst empfindenden griechischen Volkes aus. Es war zugleich ein innerer Krieg zwischen einer sich der Globalisierung verschreibenden, also „anti-griechisch“ neoliberal agierenden Regierung und der älteren, noch mit Krieg, Bürgerkrieg und der Junta konfrontierten Generation, die ihre Kraft und ihre Zuversicht stets aus den nicht nationalistisch verstandenen Begriffen „Griechenland“, „Heimat“, „Freiheit“ sowie aus der griechischen Geschichte und Kultur schöpften. Ihr ganzes Leben und ihre Ideale sollten einer neuen „kosmopolitischen“ Weltanschauung geopfert werden. Somit wurde das Volk insgesamt für die Regierenden zum Feind, es musste kampfunfähig gemacht werden. Dazu gehörte auch, den Wert seiner kulturellen Traditionen mit Geringschätzigkeit zu bemessen und das Nationalbewusstsein der Griechen zu untergraben und zu zerstören. Also ihre gemeinschaftliche Erinnerung und Kultur auszulöschen. All das bekam das Etikett „Nationalismus“ aufgedrückt.

Der vorliegende Band ist unter anderem das Zeugnis einer permanenten Literatur im Widerstand. Darum beginnt und endet unsere Auswahl mit aktuelleren Texten, dazwischengeschoben ist ein „historischer Exkurs“ mit einigen Klassikern der modernen griechischen Literatur.
Sowohl Amanda Michalopoulou, Christos Chryssopoulos und Jazra Khaleed wie auch der Grafiker Ilan Manouach oder Michalis Michailidis und Petros Markaris reagieren unmittelbar auf den „neuen Kriegszustand“, auf die „neue Junta-Zeit“, als die die letzten fünf Jahre von vielen in Griechenland empfunden und beschrieben werden. In den Texten bzw. Aussagen dieser Autoren wird deutlich, dass bereits lange vor dem ökonomisch-wirtschaftlichen der gesellschaftliche Niedergang Griechenlands deutlich zu erkennen war. Dessen Ausmaß wurde schlagartig offenbar, als es im Dezember 2008, ein Jahr vor Ausbruch der Krise, zu einem gewaltsamen Aufstand der Jugend kam. Die innere Unzufriedenheit mit dem Status Quo der Elterngeneration, der Frust über die soziale Kälte des Staates und insbesondere die als existenzielle Bedrohung empfundene Perspektivlosigkeit entluden sich in einer bisher noch nicht dagewesenen explosionsartigen Protestwelle – das Land hatte sich in ein Pulverfass verwandelt. Das geschah zu einem Zeitpunkt, da die gesamte Generation der 17- bis 30jährigen Griechenland als ein Land ohne Zukunft wahrnahm, ein Land, das im Hinblick auf seinen Wohlstand, seine Kultur, seine soziale Entwicklung dem Untergang geweiht war.
Anlass dieses Aufstandes war der Tod des 15jährigen Alexis Grigoropoulos am 6.12.2008, der nach Zeugenaussagen von einem Polizisten kaltblütig erschossen, nach Angaben der Polizei allerdings durch den Querschläger aus der Waffe eines Polizeibeamten tödlich getroffen wurde. Wie auch immer, Alexis Grigoropoulos wurde zur Symbolfigur einer ausgestoßenen Generation. Kein Kind einer Verkäuferin im Supermarkt, sondern eines Juweliers. Der Zerfall des staatlichen Systems begann auch diejenigen in den Abgrund zu reißen, die bis dahin als ökonomisch abgesichert galten. Niemand konnte sich mehr in der Sicherheit wiegen, durch irgendeinen glücklichen biographischen Umstand vor der trostlosen Realität beschützt zu bleiben. Ein emphatisches Dokument dieser Sinnkrise und Ausdruck des Protestes gegen eine vollkommen kommerzialisierte Alltagskultur ist der folgende Brief von Alexis’ Freunden, den sie bei seiner Beerdigung verteilten:

„Wir wollen eine bessere Welt! Helft uns! Wir sind keine Terroristen, Vermummten … WIR SIND EURE KINDER! … Wir haben Träume – Tötet sie nicht. ERINNERT EUCH! Ihr wart auch mal jung. Und jetzt rennt ihr nur noch Eurem Geld hinterher, interessiert Euch nur noch für Äußerlichkeiten, seid fett geworden und glatzköpfig, habt VERGESSEN! Wir dachten, ihr würdet uns unterstützen; wir dachten, es würde euch kümmern, dachten, dass auch ihr uns mal stolz machen würdet. VERGEBENS! Ihr lebt ein falsches Leben, lasst den Kopf hängen, habt die Hosen runtergelassen und wartet auf den Tag, an dem ihr sterbt. Ihr fantasiert nicht mehr, verliebt euch nicht mehr, kreiert nicht mehr. Nur kaufen und verkaufen könnt ihr noch. ÜBERALL NUR MATERIELLES. NIRGENDWO LIEBE – NIRGENDWO WAHRHEIT. Wo sind die Eltern? Wo sind die Künstler? Wieso treten sie nicht hervor, uns zu schützen? MAN TÖTET UNS! HELFT UNS!

DIE KINDER

PS: Werft kein Tränengas mehr. Wir weinen auch so.“

Wochenlang gingen zehntausende Schüler und Studenten auf die Straße, besetzten Schulen und Universitäten. Dabei handelte es sich nicht um vereinzelte Proteste, das war ein wütender Aufstand der Jugend, der sich auf das ganze Land ausweitete. Schlagartig wurden der tiefe Generationskonflikt und der Unmut der jungen Griechen im Hinblick auf die sozialen Zustände des Landes sichtbar. Die Ursache für den damaligen Jugendaufstand lag darin, dass diese so genannte „700-Euro-Generation“ (und die „400-Euro-Generation“ im Jahr 2013) schon zu diesem Zeitpunkt keine gesellschaftliche Perspektive mehr hatte. Selbst für die zumeist gut ausgebildeten Absolventen von Fachhochschulen und Universitäten gab es kaum Arbeitsplätze, und wenn, dann waren diese schlecht bezahlt und oft bestanden keinerlei Aufstiegschancen. Die Jugend erlebte tagtäglich, dass sie nicht „gebraucht“ wurde, egal wie viel Zeit, Kraft und Geld sie und ihre Familien in ihre Ausbildung investiert hatten. Für sie war kein Platz mehr in einem Land, das bis 2007 mit die höchsten Entwicklungsraten in der EU aufwies. Die jungen Erwachsenen waren gezwungen, bei ihren Eltern wohnen zu bleiben – im Ausland oft belächelt als diejenigen, die scheinbar nicht imstande waren, sich aus dem „Hotel Mama“ zu verabschieden. Tatsächlich aber konnten die meisten von ihrem geringen Gehalt nicht mal die Miete für eine 1-Raum-Wohnung bezahlen. Offenbar hatte das Griechenland ihrer Eltern sie abgeschrieben, sie waren lediglich geduldete Gäste und empfanden sich als „heimatlose“ Griechen in einem dem Verfall preisgegebenen Land. Bereits ein Jahr später brach die größte ökonomische Krise der letzten 50 Jahre aus. Wiederholt wurde in den Jahren nach 2009 in Griechenland davon gesprochen, dass das Land „zurückgebombt wird auf das Niveau der 60er Jahre“. In den 60er Jahren waren Hunderttausende Griechen wegen des noch immer sehr niedrigen ökonomischen und sozialen Niveaus des Landes gezwungen, dieses als Gastarbeiter zu verlassen, um der Armut und einem weiterhin instabilen politischen System zu entkommen. Seit 2010 tendiert die Situation wieder in dieselbe Richtung. Die Menschen dürfen/sollen scheinbar nur wählen können zwischen völliger Verarmung, „Chaos“ und der Drachme oder völliger Verarmung, „europäischer Ordnung“ und dem Euro. Erstere Möglichkeit ist eine hypothetische, die zweite inzwischen Realität. Tausende, vor allem junge Griechen flohen und fliehen aus ihrer Heimat. Dieser Aderlass an kreativem Potenzial und an Fachkräften besiegelt über kurz oder lang den Zukunftsverlust des Landes. Für eine Gesellschaft, in der die elterliche Fürsorge traditionell einen hohen Stellenwert hat, sind das tragische Zustände, zumal die Eltern-Generation der heute 40- bis 60jährigen sich außerdem dem Vorwurf ausgesetzt sieht, ihre Kinder einer traumatischen Perspektivlosigkeit ausgeliefert zu haben.
Griechenland hat – infolge der Regierungspolitik der letzten vierzig Jahre und der Auswirkungen einiger wirksamer Bestrebungen ausländischer politischer und wirtschaftlicher Einflussnahme – seine junge Generation verloren und damit seine Zukunft. Seine Geschichte wird umgeschrieben; somit verliert das Land seine Vergangenheit. Seine nationale Identität ist infrage gestellt. Es hat die Fähigkeit eingebüßt, sich in der Gegenwart behaupten zu können. Das wirft nicht nur die Frage auf, ob es „Griechenland“ überhaupt noch gibt, sondern vor allem auch, ob es sich überhaupt noch einmal neu erfinden kann.
Dieser Band offenbart zumindest, dass Griechenland sich seit jeher im „Kriegszustand“ befunden hat und dass bis heute Menschen mit Worten und Taten darauf reagieren und Widerstand leisten. Menschen vor allem, die sich auf ihr „inneres Griechenland“ berufen und Mittler sind zwischen diesem und allen Orten „draußen“, an denen es sich wiederfindet.
Bei der Entstehung dieser Anthologie konnte ich mich auf die Unterstützung der Autoren und Übersetzer verlassen – in diesen Zeiten eine überaus erfreuliche Tatsache, insbesondere sei Ina Kutulas (auch für ihre Mitarbeit an der Auswahl und Zusammenstellung dieses Bandes), Michaela Prinzinger und Theo Votsos ausdrücklich gedankt: Efcharisto poly.

Asteris Kutulas, Vorwort

 

Immer den Dimoularkationslinien nach

Einige Gedichte von Kiki Dimoula hatte ich schon früher, Ende der 90er vielleicht, in deutscher Übersetzung kennen gelernt, und es gab meinerseits damals auch ein paar Nachdichtungsversuche. Jetzt hatte ich also einen recht umfangreichen Band in der Originalsprache vor mir. Der Umschlag aus dickerem Karton fühlte sich samtig an. Und wie schon einige Male in anderen Buchläden in anderen Orten in Griechenland hatte ich auch dieses Mal folgendes wundervolle Erlebnis: Die Buchseiten waren noch nicht aufgeschnitten. Man musste zuhause ein Messer oder einen Brieföffner nehmen und das Papier im Falzknick aufschlitzen, mit einer Vorsicht, als entsichere man die bis eben noch bestehende Situation, diese Verschwiegenheit, und rufe nun die Texte auf, schrecke sie aus dem Zustand ihrer Introspektion. Ein Ritual, das griechische Verlagshäuser den Buchkäufern in einigen Fällen noch immer nicht genommen hatten – und vielleicht bis heute nicht nehmen – und womit sie ihnen zugleich dieses Geschenk bescherten, für eine Weile noch teilhaben zu können an diesem unbeschreiblichen Geheimnis, das von einem Buch ausgehen kann, wenn die Worte noch nicht erklingen, wenn sie innehalten wie in einem Tiefschlaf, wenn die Texte erst lebendig werden, sobald das Tageslicht auf sie fällt. Auch dieser Band gehörte noch in solche Zeiten, da das zu gelten schien, was meine Mutter immer sagte, bevor sie nachmittags die Augen für eine Stunde schloss: „Ich muss mich mal von innen bekucken.“ Das Eigentümliche der Gedichte von Kiki Dimoula ist für mich, dass diese sich auch weiterhin von innen bekucken, wenn man die bedruckten Seiten vor sich hat und wenn diese bereits Blicken ausgesetzt sind. Dann geschieht etwas Merkwürdiges. Die Gedichte beschauen sich selbst, erwidern aber wie mit anderen, separaten Augen gleichzeitig fremde Blicke. Dämonische Synchronität während des Akts der Bücherschau.
In Kiki Dimoulas Gedichte hatte ich mich vom ersten Augenblick an verkuckt. Ich begeisterte mich für den Perspektivwechsel, den die Autorin immer wieder vollzog oder zu vollziehen sich gezwungen sah – so jedenfalls verstand ich das, wovon ich da Kenntnis bekam: dieses Ich-sehe-und-werde-gesehen, Ich-sehe-dieses und Dieses-sieht-mich, ich schaue aus und sehe ein. Ganz bei sich zu sein und im nächsten Augenblick sich in das hinein zu versetzen, was einen betrachtet, anvisiert, beeinflusst oder sich selbst der Beeinflussung durch den Betrachter aussetzt und auf das Sich-Ausgesetzt-Fühlen aufmerksam macht, intensiver noch, wenn es das Stadium der Gleichzeitigkeit erreicht hat, in der sich all das vollzieht. Selbstbetrachtungen des Betrachters unter Betrachtung des Betrachteten. Tracht … tracht … tracht … Klingt fast so, als würde einem nach dem Leben getrachtet. Selbstmord nach einer Tracht Prügel im Trachtenkostüm. Das, was ich an Befindlichkeiten der Kiki Dimoula kennen lernte, nahm ich schon bald an mir selbst wahr. Ich möchte mir an dieser Stelle keine weiteren Erkundungsgänge in diesem Terrain erlauben und beende die diesbezügliche Berichterstattung. Ich kehre zurück zum Gedichtband mit dem achatgrauen Umschlag und den Texten von Kiki Dimoula.
Damals, im Winter 2005/2006, als ich einige Flaschen Alkohol gekauft hatte und mich an den Wochenenden mit meiner Freundin Effi, der Malerin traf, um zusammen zu zeichnen, Drinks zu mixen (an dieser Stelle ein Augenzwinkern des Dichters Kavafis: „Es war wohl der Alkohol“), zu kochen, zu fabulieren, schnitt ich in ihrem Beisein mit der Kante einer Malerspachtelklinge die ersten Seiten dieses Gedichtbandes auf. Ich schaute mir die Buchstaben an. Ich übte. Ich las Effi, während diese malte, dann aber zum Zeichnen überging, wieder und wieder die Zeilen eines Texts vor. Ich lauschte dem Klang dessen, was ich soeben vorgelesen hatte, hinterher. Ich schwieg. Ich begann von Neuem. Ich las immer flüssiger. Wir tranken immer mehr. Effi füllte Blatt um Blatt. Und irgendwann, als es schon recht spät war, machte sich die Nachdichterin in mir bemerkbar, die aber keinen Übersetzer an ihrer Seite hatte. Deshalb bat ich Effi um Erläuterung der Wörter, die mir fremd waren. Allmählich wurde allerdings klar, dass die Schwierigkeiten nicht darin bestanden, wortwörtlich zu verstehen, was Kiki Dimoula geschrieben hatte, sondern Effi sah sich bei diesem Gedicht einem rätselhaften Fantasiegebilde gegenüber, das in Worten dem glich, was sie mit Stiften aufs Papier brachte, und das nicht so einfach zu erklären war. Fast jede Linie, jede Aussage konnte so oder so interpretiert werden. War sie gezeichnet worden oder hatte sie sich zeichnen lassen, floss sie nach hier oder wurde sie nach da abgedrängt? Bog sie sich konvex oder konkavvadias oder konkavafis? Interessanterweise hatte ich bzw. hatten wir ausgerechnet mit einem Gedicht begonnen, das vom Zeichnen handelte, und interessanterweise zeichnete Effi genau in der Art und Weise, wie wir glaubten, dass Kiki Dimoula die Rezipienten ihres Gedichts anwies, es zu tun. Zunächst vom unteren Blattrand bis zum oberen den Stift über das Papier führen, dann von links nach rechts zum Beispiel, wenn man die Anleitung so verstehen wollte. „Eine Bekreuzigung!“, rief ich. Doch Effi war sich nicht sicher, ob wir die richtige Deutung gefunden hatten. Und dabei waren doch gerade wir immer darin einig gewesen, dass gerade das Unerklärliche nicht erklärt werden müsste, weil sich sonst das Fluidum verflüchtigen würde, das die Magie von Kunstwerken ausmacht, weil die Aura eines Kunstwerks erlöschen würde und das Werk nichtssagend und verkümmert zurückbliebe. Noch ehe wir uns dessen bewusst geworden waren, hatten wir schon damit begonnen, Vermutungen anzustellen. Wie sollte diese oder jene Anweisung, die die Dichterin erteilte, am besten befolgt werden? Wie sollten die Stiche gesetzt, die Linien gezogen werden? Welche Stifte wären vor allem geeignet? Müsste man Kreiden hinzunehmen? War das Papier das richtige? An welcher Stelle die erste Linie ansetzen? Wir beschäftigten uns Stunden mit diesem Text oder er sich mit uns oder er sich mit den Linien, die auf dem Papier ihren Verlauf nahmen, vielleicht blieben wir sogar zwischenzeitlich außen vor, zogen uns in die Küche zurück zu den verschiedenen Flaschen, gingen dann wieder in den Arbeitsraum und schauten Textzeilen und gezeichneten Linien zu, wie sie sich miteinander verbanden oder voneinander lösten.
Ich hatte schließlich eine ungefähre Ahnung, aber vielmehr noch ein starkes inneres Bild von der Strichzeichnung, die Kiki Dimoula im Geiste entworfen hatte, irgendwann 1956, als sie den Zyklus „Erewos“ schrieb, als etwa 25jährige. Das Gedicht verriet zu Beginn, dass Winter war. Winter war auch in Athen, und Winter ist jetzt auch in Berlin. Das Gedicht verwies auf einen Bleistift, und Bleistifte lagen auch auf dem Fußboden in der Wohnung der Malerin. Und Bleistifte liegen jetzt auch hier neben mir. Effis vielfältige, mit Gesten unterstrichene Erläuterungsversuche im Hinblick auf das, was Kiki Dimoula an dieser und an jener Stelle gemeint haben könnte, machten mir deutlich, wie sehr Kiki Dimoulas Verse die Vorstellungsgabe anzuregen vermochten. Ich erfuhr es nicht nur aus Effis Worten, sondern sah es tatsächlich dann auch auf den Blättern, von denen immer mehr mit Liniengeflechten überzogen wurden. Diese Fülle begeisterte mich, fast war es, als wollte etwas in mir außer Rand und Band geraten und jeden Augenblick den Dimoularkationslinien nacheilen.
In den darauf folgenden Tagen – ich kannte die Verse dieses Gedichts inzwischen auswendig und hörte sie in mir, von einer getragenen Magierinnenstimme gesprochen –, bat ich im Verwandtschaftskreis alle Tanten und Onkel und auch die Cousinen und deren Männer, mir den einen oder anderen Vers zu erläutern. Ich war sehr neugierig darauf, welche Gedanken ein jeder von ihnen entwickeln würde, denn mir war ja inzwischen klar, dass das, was ich zu hören bekommen würde, nicht nur die Erklärungen dessen waren, was die griechischen Wörter, die ich nicht kannte, bedeuteten, sondern ich würde außerdem erfahren, wie Tante L. oder Tante M. diesen oder jenen Gedanken der Dichterin bei deren Selbsterklärungsversuchen zu interpretieren wagten. Es bemühten sich eine Textilzeichnerin, ein Informatiker, eine Kinderärztin, ein Zahnarzt, ein Rechtsanwalt, ein Grünanlagenverantwortlicher, zwei Näherinnen und ein Tischler, mir den Inhalt der Verse von Kiki Dimoula zu erhellen. Auch ein Neunjähriger beteiligte sich an den Versuchen, und die ganze Angelegenheit schien immer mehr so etwas wie eine Wahrheitsfindung werden zu wollen. Alle waren mit großem Ernst bei der Sache, denn es handelte sich um das Gedankengut einer der bedeutendsten Dichterinnen des Landes. Zwar hatten sie alle noch nie etwas von ihr gelesen, aber eines stand trotzdem fest: Diese Frau war eine derjenigen, die Griechenland personifizierten und auf ihre besondere Art und Weise repräsentierten. Das Gedicht, in welchem Kiki Dimoula anfangs behauptete, sich ganz leicht selbst beschreiben zu können, war perfekt geeignet, sich eine Vorstellung zu machen sowohl von der Persönlichkeit der Dichterin als auch von dem, wofür sie nach Meinung der Verwandten stand: Griechenland.
Mit zunehmender Erheiterung stellte ich fest, dass jeder der mir Behilflichen schon gleich zu Beginn, wenn es darum ging, mir zu verdeutlichen, was unter „Monokontylies“ in der Überschrift zu verstehen war, fast exakt mit dem selben Schwung des Armes, mit der selben entschiedenen Geste der Hand zu zeigen versuchte, was gemeint war. Worte wurden sichtbar gemacht. Man konnte sie nicht nur lesen, sondern das, was sie meinten, sogar als Luftbild zeichnen, die Worte in Gebärden umwandeln. Acht- oder neunmal erlebte ich Kiki Dimoulas Gedicht als Pantomime oder als eine Art modifizierte Eurythmieaufführung, die sich vom Steinerschen Tanzalphabet befreit hatte und in ihrer eigenwilligen zeichenhaften Interpretation der Worte der Kiki Dimoula als Darbietung sich selbst neu zu erfinden versuchte. Desweiteren stellte ich überrascht fest, dass ein jeder von denen, die sich mir als Erklärer und Berater zur Verfügung stellten, nicht nur einmal sagte: „… Wenn ich das richtig verstehe…“, beziehungsweise: „… Wenn ich die Dimoula richtig verstehe.“ Die Szenen, die sich damals an einem frühen Abend etwa zwei Stunden lang vor meinen Augen abspielten, prägten sich mir für längere Zeit ein. Besonders die Gesten der Hände bei den Worten „tassis“ und „thlipsi“, wenn der Versuch unternommen wurde, die Gedanken der Dichterin nachzuvollziehen und vor allem: mir diese zu vermitteln. Alle im Raum waren plötzlich zu Nachdichtern geworden, die sich zudem wie Gebärdendolmetscher bewegten. Manchmal hörte ich die Worte gar nicht mehr. Ich ertaubte und sah das Gedicht in der Luft entstehen, wo die Finger wieder und wieder Senkrechte und Waagerechte, Diagonalen und Kurven zeichneten. Ich sah die gehobenen Augenbrauen, Falten die auf Stirnen erschienen, wo sich nie zuvor Falten gezeigt hatten. Ich sah aufgeworfene Lippen, das Weiß von Augäpfeln, zuckende Lider. Und ich erlebte den schockartigen Moment, in welchem ich mit einem Mal gewahr wurde, dass all das auch mich sah.
Ich trage seitdem noch immer ein Liniengebilde mit mir herum, als hätten sich die Striche – von denen Kiki Dimoula in ihrem Gedicht gewünscht hatte, diese mögen gesetzt werden und man solle sie nicht enden lassen – tatsächlich weiter verlängert, als seien sie zunächst aufgenommen worden von allen Verwandten, die mir erklärten, wie diese Linien fortgeführt werden müssten, entsprechend den Vorgaben der Dichterin, um sich ein Bild von ihr machen zu können oder um das Bild erkennen zu können, das sie sich von sich selbst machte, bis die Verwandten, die sich redlich mühten, den Linien schließlich freien Lauf ließen, damit diese auf mich übergehen konnten, um sich alsbald in Fäden zu verwandeln – in dem Moment, als die an mich stoßenden und mich einspinnenden Linien gewahr wurden, dass mein Name „Ina“ im Griechischen die Bedeutung „Faden“ hat. Die Fäden verzwirnten sich. Es bildeten sich Schnüre, Knäuel, eine Verpuppung, ein Nestfreches, die sich in mein Inneres einbanden und dort verwickelt mich fortan behausten, während ich sie beherbergte und die Fäden alsbald aus diesen Wirrungen wieder herauswuchsen, sich weiter verlängerten, meinen Körper zurückließen und sich nächste und übernächste und überübernächste Körper suchten. Möglicherweise hat mich dieses Flecht- und Filzwerk, dieses Verschlungene in meinem Innern ein für allemal für die ganz und gar durchschaubare und gut verständliche Welt verdorben. Es hat seine Leit- und Nebenlinien, seine Nervenbahnen und Erinnerungsknotenschnüre durch mich hindurch geführt und in seine Unergründlichkeit einbezogen. Und schon zieht es mich zu einem Labyrinth hin, ins nächste Dunkel, zum Impuls, der die Linie zum Krickelkrakel macht, ihren Fluss ab- und auftauchen lässt im Schnee, in dessen Lauterkeit, im Regen, der aufwartet mit seinen grauen Wassern.
Ich habe Kiki Dimoula später einmal in Berlin bei einer Lesung erlebt, in der Literaturwerkstatt der Kulturbrauerei. Es war im Herbst 2008, meine ich, knapp drei Jahre, nachdem ich erstmals ein Gedicht von ihr auf Griechisch gelesen und mir kurze Zeit später von mehreren Menschen Übersetzungs- und Deutungsversuche hatte bescheren lassen. Kiki Dimoula hat ein paar Worte auf die erste Seite des Buches geschrieben, das ich von dieser Lesung mit nach Hause nahm, in keiner ununterbrochenen Linie, sondern in mehreren kürzeren Linien, entsprechend den Zeiten, die wechseln, entsprechend den Zeiten, die sich wieder Wege suchen müssen durch Öffnungen, die unsichtbar sind und doch da, Öffnungen, die uns im Blick haben. Die Welt in meinen Augen, so der Titel des Hockney-Bildbandes, von woher ich von ihm angeschaut werde, heraus aus dem Foto, das ihn dort zeigt. Auf der Rückseite des Buchs mit den Kavafis-Gedichten und den Hockney-Illustrationen das Zitat: „… da musste ich an zwei schöne graue Augen denken, die ich einst sah…“ Und daneben der graue Umschlag des Bandes mit dem Dimoula-Gedicht, der Brieföffner, das Lesebändchen mit der Sicherheitsnadel.
Es ist wohl die immer wiederkehrende Frage, die sich aufdrängt, spüre ich den Blick von Hockney und durch ihn hindurch den Blick des Kavvadias, den Blick der Kiki Dimoula, den Blick aus der Leere des Buchgeschäfts im Stadtviertel, aus dem ich fortzog. Dieser Blick hat sich aufbewahrt in dem Gedichtband mit den Texten von Kiki Dimoula. Ihnen wohnt er inne, und noch immer sind nicht alle Buchseiten aufgeschnitten und gelesen. Da und dort liegen die Gedichte noch im Innern eines Schneefeldes. Schritte nähern sich. Prägen Schriftspur. Es könnte Sebald sein, der eine Linie verfolgt, die er in sich weiß und die ihn hierher bringt, an die Stelle, an der Kiki ihren Carlgustav hinterließ und in dem sie aufwartet, mit geschlossenen Lidern und aufgestellten Ohren. „Plötzlich wurde ich hellhörig“, könnte sie sich vernehmen lassen. Daraufhin würde ich leichtsichtig und ein jegliches Gespinstartige erneut zu dimoulieren versuchen. Als Erstes vermutlich in der Aufreihung 1946 (Foto Kavvadias, Marseille) – 1956 (Gedichtzyklus „Erewos“, Dimoula – 1966 (Radierungen Hockney), denn die Trennstriche innerhalb dieser Aufzählung weiten sich, werden zu Schlitzen, durch die ein gleißendes Licht tritt – Lichtschnitte, die bisher unberührte Seiten trennen wollen, jetzt, da Berlin genau so dunkel ist wie die Trauer der Kiki Dimoula, die sich als hellste Freude tarnt, genau so dunkel wie Athen zu dieser Stunde, genau so finsterforsch wie die Hände, die die Buchläden leergeräumt haben und die Augen der Innenschau hinter die Welt rollen lassen…

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Ina Kutulas, 14.12.2012

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Die wütenden Kinder des Zeus

− Die Zeitschrift die horen forscht nach Griechenlands Autoren. −

Die Horen gehören als Töchter des Zeus und der Themis zur griechischen Götterwelt. Sie sind die Beschützerinnen der Jahreszeiten, des Schönen und der Ordnung. Die Horen nannte 1794 Friedrich Schiller seine Zeitschrift, die mitten im ,politischen Tumult‘ den Musen gewidmet sein sollte, den antiken Idealen, nicht der schnöden Aktualität. Die neueste Ausgabe der horen (seit 1955 gibt es den Titel wieder als Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik im Wallstein Verlag) könnte sich auch mit der antiken Geisteswelt befassen, schließlich ist sie Griechenland gewidmet. Dagegen steht jedoch klar die Aktualität.
An den Anfang des Heftes haben die Herausgeber Gedichte von Jazra Khaleed gestellt: „…hört mich an, während ihr in meinen Fehlschlägen blättert / ihr wollt mich schön gerade, mehr Mann als Kind…“ Jazra Khaleed wurde 1979 in Grosny geboren, als Sohn einer Tschetschenin und eines Griechen. Er lebt in Athen, schreibt auf Griechisch und sieht sich als Ankläger gegen Fremdenfeindlichkeit und Ungerechtigkeit im heutigen Griechenland. Michaela Prinzinger hat nicht nur seine politische Poesie ins Deutsche übertragen, sondern auch die harte, rabenschwarze Sprache des im Jahr 1969 in der griechischen Hauptstadt geborenen Michalis Michailidis, dessen Roman Nachtfahrt den Leser in ein düsteres, gewalttätiges Mafia-Athen mitnimmt.
Die Herausgeber haben sich aber offenbar gescheut, alle 240 Seiten des Griechenland-Bandes einer wütenden neuen Autoren-Generation zu widmen, die auf jeden Hellas-Romantizismus verzichtet und in Deutschland eher unbekannt sein dürfte, auch weil es an Übersetzungen fehlt. So halten sie sich auch an die vertrauten Dichterstimmen: Odysseas Elytis, Konstantinos Kavafis, Jannis Ritsos, Jorgos Seferis.
Und sie setzten auf so bekannte Namen, wie Petros Markaris, dessen Griechenland-Krimis mittlerweile auch für deutsche Leser zum Krisenspiegel geworden sind; den vielfach prämierten Aris Fioretos, der auf Schwedisch schreibt; die nicht weniger kosmopolitische Alltags-Erzählerin Amanda Michalopoulou, die einige Jahre in Berlin gelebt hat. Wie eng die Verbindungen zwischen Deutschland und Griechenland sind, zeigt auch der als Gastarbeitersohn 1966 in Stuttgart geborene Literaturübersetzer Theo Votsos, der drei experimentierfreudige Autoren seiner Generation vorstellt. Die Texte sind immer nur Kostproben, die Lust machen sollen aufs Weiterlesen.
Anthologie. Ein Satz, der für Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit steht. Jazra Khaleed erzählt von enormem Zulauf zu den von ihm organisierten Lesungen. Asteris Kutulas, der als Kind griechischer politischer Emigranten in der ehemaligen DDR aufwuchs und heute in Berlin lebt, wollte mit seiner „sehr subjektiven“ Auswahl aus dem literarischen Schaffen Griechenlands einen Gegenton setzten zu den schrillen Schmähreden über den ewigen Bankrotteuer in der Ägäis. Das ist gelungen.

CSC, Süddeutsche Zeitung, 3.5.2013

Kein verlorenes Land

− Zur griechischen Literatur erschien eine fein zusammengestellte Ausgabe der Zeitschrift die horen. −

Asteris Kutulas ist ein unermüdlicher Literaturbotschafter. Seit Beginn der achtziger Jahre sorgt der 1960 im rumänischen Exil geborene und in der DDR aufgewachsene Autor, Herausgeber und Übersetzer dafür, dass die großen griechischen Dichter der Moderne wie Jannis Ritsos und Odysseas Elytis, Konstantin Kavafis und Georgos Seferis sowie die Musik Mikis Theodorakis’ vor allem in Ostdeutschland ein größeres Publikum fanden und behielten.
Er tut dies seit einem Vierteljahrhundert zusammen mit seiner Frau Ina. Nun haben beide gemeinsam unter dem Titel Sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt… Auf der Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land eine sorgsam edierte Sammlung griechischer Literatur als Heft 249 der horen vorgelegt. Wie Asteris Kutulas im Vorwort schreibt, wollen sie damit das „andere Griechenland“ beschreiben, das eigentliche, jenseits des von der Bild-Zeitung als faul und bankrott beschriebene Griechenland. Ein Heft, das nicht „2000 Jahre Niedergang“ (Der Spiegel) dokumentiert, sondern voller Autoren ist, die „in einer Sprache schreiben, die seit der Antike ununterbrochen geschrieben wird“. Kutulas‘ Eingangsessay bettet die griechische Sprache und Literatur ein in die jüngere Geschichte des Landes, mit ihren Diktaturen und Jahren der demokratischen Hoffnungen, mit den instabilen politischen Verhältnissen und dem Verrat der politischen Kaste an der jüngeren Generation zu Beginn des neuen Jahrtausends – bis hin zum Flugblatt der Kinder des Aufstandes 2008 nach dem Tod des 15-jährigen Alexis Grigoropoulos: „Schießt nicht mit Tränengas auf uns, wir weinen auch so“.
Entstanden ist eine Anthologie der griechischen Literatur von der frühen Moderne bis zur unmittelbaren Gegenwart. Von 1901 bis 2013 geht die Auswahl, beginnend mit dem 1863 in Alexandria geborenen Konstantin Kavafis, bis zu Jazra Khaleed, Jahrgang 1979, Sohn einer Tschetschenin und eines Griechen, dessen stark rhythmisierte Lyrik direkt ins gegenwärtige Geschehen eingreift, die Lebensumstände der Migranten und die herrschende Ungerechtigkeit anprangert.

Kommt, ich bring euch Manieren bei
Ihnen, verehrter Richter, während Sie sich die Schuld aus dem Bart wischen
Ihnen, lieber Herr Journalist, während Sie für den Tod die Werbetrommel rühren.

Vor allem jüngere Autoren

Ergänzt werden die literarischen Texte durch Essays deutscher und griechischer Autoren über ihre literarischen Vorlieben und die jüngste griechische Literatur, die in Deutschland nahezu unbekannt ist.
Unverständlich bleibt allein, warum in der Übersetzung des Gedichtes „The New Beat“ von Jazra Khaleed, geografische und politische Begriffe ans Deutsche angepasst wurden, indem u.a. die Athener Mesolongiou-Straße durch das Kottbusser Tor in Berlin ersetzt wurde, eine Übertragung, die in Zeiten des Internets überflüssig ist. Die Berliner Verhältnisse lassen sich eben gerade nicht mit den Athener Verhältnissen vergleichen. Das schmälert aber überhaupt nicht das Verdienst der Herausgeber, uns in Erinnerung zu rufen, wie reich die griechische Literatur ist und wie entdeckenswert ihre jüngsten Entwicklungen.
Eine Neuentdeckung ist für mich Amanda Michalopoulou. In ihrer Prosa schimmert durch die entwurzelten Figuren mehr Gegenwart durch die Sprache, als uns die Reportagen und Berichte in den Medien Glauben machen.
Lesen wir also, um die Griechen zu verstehen, ihre Literatur. Die des schwedisch schreibenden Ares Fioretos mit seinem ethnologisch-poetischen Blick auf den griechischen Vater. Oder die Chronik über Athen in Zeiten der Krise Taschenlampe zwischen den Zähnen von Christos Chryssopoulos. Oder doch die alten Modernen wie Odysseas Elytis oder Georgos Seferis, den Nobelpreisträger von 1963, hier vermittelt durch den Blick des Dresdners und „Wahlgriechen“ Gregor Kunz:

Manchmal beweinten Weiber im Elend
jammernd ihre verlorenen Kinder
und andere rasten und suchten nach Alexander
und nach versunkenem Ruhm in der Tiefe von Asien.

Annett Gröschner, der Freitag, 3.5.2013

Der Reichtum der Griechen

Asteris Kutulas wurde 1960 als Sohn griechischer Exilanten in Rumänien geboren, Ina Kutulas fünf Jahre später in Magdeburg. Gemeinsam schauen nun beide Autoren nach Griechenland, haben eine Ausgabe der Zeitschrift die horen zusammengestellt, die sich unter dem poetischen Zitat Sogar dann, wenn der Himmel fehlt... auf die Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land begibt. Das Zitat stammt vom Lyriker Jazra Khaleed, der Asteris Kutulas von jenem anderen Griechenland erzählt hat, das nicht bankrott ist und nicht korrupt, das Griechenland der Literatur, Sprache, Kultur.
Dass dabei das Begriffspaar „Literatur und Widerstand“ einen festen Faden spinnt, bemerkten die Herausgeber erst nach dem Zusammenstellen der Textsammlung. Jannis Ritsos oder Mikis Theodorakis haben Gefängnis, Verbannung oder Schikanen erlebt, als sich in den 40er Jahren die linke Intelligenz auf der Todes- und Folterinsel Makronisos wiederfand. Heute entstehe großartige Kunst von griechischen Künstlern vor allem in der Diaspora, schreibt Kutulas und nennt Jeffrey Eugenides, Alexander Paine, Aris Fioretos.
Der Band beginnt und endet mit aktuellen Texten, die das Historische klammern. „Der erste Tod des Dichters Jazra Khaleed“ endet mit seiner Rückkehr: „Und ladet ihr mir die Sünden der Dichter auf / erheb ich mich wieder aus der Asche“. Einige Seiten später lässt Mikis Theodorakis den Dichter Kostas Karyotakis, der sich 1928 ins Herz schoss, nicht sterben. Er schreibt über die Oper, die er ihm gewidmet hat und die damit endet, dass der Poet nicht sich, sondern die Zukunft erschießt.
Ob Reisetagebuch, Lyrik, Essay oder Porträt, ob berühmte Autoren oder hierzulande unbekannte, ob historische Stoffe oder Gegenwart – aus Wörtern wachsen die Säulen der Tempel, Literatur ist das Heiligtum und dieses Griechenland ein wirklich reiches Land.

jaf, Leipziger Volkszeitung, 6.5.2013

Wenn jeder Himmel fehlt

− Auf Suche nach einem verlorenen Griechenland. −

Asteris Kutulas ist seit Jahrzehnten in Sachen griechischer Kultur in Deutschland aktiv. Er hat Texte und Gedichte von zum Beispiel Kavafis übertragen, von ihm stammt die sehr gute Übersetzung der Theodorakis-Autobiographie, zudem hat er unzählige Konzerte mit Mikis Theodorakis und Maria Farantouri organisiert und auch hochkarätige CD-Einspielungen mit ihnen realisiert. Jetzt hat er, zusammen mit seiner Frau Ina, eine Textsammlung wichtiger griechischer Autoren komponiert, die, als Mosaik, ein exquisites Porträt eines Landes ergeben, das gegenwärtig um – zumindest existenzielle – Identität ringt. Griechenland war, gesellschaftspolitisch und historisch gesehen, freilich nie ein stabiler Ort der Idylle und Harmonie. Genau das zeigen die punktgenau ausgewählten Texte und Poeme von Autoren wie Giorgos Seferis, Jannis Ritsos, Tasos Livaditis, Manolis Anagnostakis und vielen anderen. Sie machen auch klar, auf welchem Niveau da um Wahrheit und Klarheit gekämpft wurde – immer auch mit kosmopolitischen und poetischen Perspektiven. Nicht ohne Selbstironie, wie etwa die Texte zum Thema „Das griechische Gen der Selbstzerstörung“ zeigen. Immerhin geht es ja auch um den Verlust einer ganzen griechischen Generation junger Leute, denen die Gegenwart wie die Zukunft existentiell wie kulturell geraubt wurde. Ein exzellenter, engagierter und kluger Griechenland-Reader.

M. A., plärrer, Heft 5, 2013

Besprechung Die Horen Nr. 249

Es ist ein seltenes Vergnügen, einen ganzen Band einer renommierten Kulturzeitschrift vorstellen zu können, der sich auf 239 Seiten der griechischen Literatur (in gewissem Maße auch der bildenden Kunst) widmet. Das letzte Mal ist dies vor 12 Jahren geschehen, 2001, in dem Jahr, als Griechenland Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Für die überschaubaren Freunde der griechischen Literatur in den deutschsprachigen Ländern war die Buchmesse das lang ersehnte Großereignis, das der griechischen Literatur im deutschsprachigen Raum zum Durchbruch verhelfen sollte. Es kam anders. Nach dem kurzen Sturzbach zur Buchmesse 2001 (ca. 40 Veröffentlichungen), trocknete der Publikationsfluss wieder zum Rinnsal aus.

1. Einleitung
Bis auf die beliebten Krimis von Petros Markaris im Diogenes Verlag beschränkt sich die griechische Literatur in renommierten deutschsprachigen Verlagen auf gelegentliche Findlinge. Jeder, der sich um die Übersetzung griechischer Texte bemüht, weiß wie schwierig es ist, einen Verleger zu finden. Abhilfe bietet dann allenfalls ein spezialisierter Kleinverlag, der aber in der Regel trotz großem persönlichen Engagements nicht ein breites Publikum erreicht.
Nachdem der Romiosini Verlag nach über 30 Jahren und ca. 200 Veröffentlichungen griechischer Texte, die ohne ihn nur in seltenen Fällen im Wirkungskreis der Buchpreisbindung erschienen wären, seine Arbeit eingestellt hat, dürfte es noch schwieriger werden.
In der Ausgabe 202 der horen im Jahre 2001 hatten sich die Herausgeber, die Romiosini-Verlegerin Niki Eideneier und Torsten Israel, vorgenommen, „griechische Literatur aus zwei Jahrhunderten“ zu präsentieren. Die Herausgeber der Ausgabe 249 aus diesem Jahr, das Ehepaar Asteris und Ina Kutulas, beide, neben manch anderem, ausgewiesene Kenner und Übersetzer griechischer Texte, haben sich für einen anderen Weg entschieden. Wie Asteris Kutulas in seiner Einführung schreibt, handelt es sich um „eine nach sehr subjektiven Gesichtspunkten zusammengestellte Textsammlung ohne jeden Anspruch auf irgendeine Vollständigkeit oder literaturhistorische Relevanz“. Für eine repräsentative Darstellung der Entwicklung der griechischen Literatur seit Anfang des 20. Jahrhunderts wären 230 Seiten auch nicht ausreichend.

2. Überblick
Der Band ist in zehn Abschnitte aufgeteilt, wobei der erste und die zwei letzten sich mit aktuellen Texten befassen, während die übrigen „Klassiker des 20. Jahrhunderts“ vorstellen. Die Einleitung weist auf die dramatische und traumatische Geschichte Griechenlands während der ersten 75 Jahre des 20. Jahrhunderts hin, eine stetige Herausforderung für jeden griechischen Künstler, und auf die kulturelle Blüte vom Ende der 50er Jahre bis zum Militär-Putsch im April 1967. Aber was passierte danach bis zum Ausbruch der wirtschaftlichen (und politischen) Krise ab Ende 2009? Das bleibt merkwürdig vage. „Die Kulturtradition dieser ‚Golden Sixties‘“, so Asteris Kutulas, „wurde durch die siebenjährige Juntazeit brutal unterdrückt und anschließend ab 1974 von den Regierenden… bekämpft“. Als ob die wechselnden Regierungen der PASOK und der Nea Dimokratia in den letzten knapp 40 Jahren die kulturelle Unterdrückung nur mit sanfteren Methoden fortgesetzt hätten. Als ob nicht Griechenland seit dem Fall der Junta und bis zum Ausbruch der Staatsverschuldungskrise (2010) einen Grad an Freiheit und auch an Freiheit von bitterer materieller Not erlebt hätte wie nie zuvor in seiner 180 jährigen Geschichte. Wie aber ist zu erklären, dass die kulturelle Blüte der 60er Jahre keine Renaissance erlebte? Der Hinweis, dass das „neue finanzgesteuerte Gesellschaftsmodell“… „keine eigensinnigen Griechen, sondern ‚gesichtslose‘ Konsumenten“ brauchte, scheint etwas kurz zu greifen. Wenn sich die griechische Literatur, wie Asteris Kutulas schreibt, mit dem Begriff „Widerstand“ charakterisieren lässt, dann stellt sich die Frage, warum sie nicht gegen die (Un)Kultur des Konsumismus Widerstand leistete.
Wie wirkte sich, abgesehen von den enormen Finanztransfers der Beitritt zur EG/EU kulturell aus? Wie hat sich die Einbeziehung von breiten Kreisen, die zuvor als Unterlegene im Bürgerkrieg ausgegrenzt waren, in Wohltaten der Regierung – vor allem seit der PASOK-Regierung unter Andreas Papandreou – ausgewirkt.
Wie erklärt sich das weitgehende Schweigen der Literatur zu diesen einschneidenden Entwicklungen, zum Massenkonsum, zum Massentourismus, zum billigen Import von Waren aus aller Welt?

3. Im Einzelnen
3.1. Die horen 249 stellen dem deutschsprachigen Publikum einen hochtalentierten Graphiker vor, Ilan Manouach, dessen kunstvolle Tuschezeichnungen jeweils die einzelnen Abschnitte einleiten. Die teils surrealen, teils beklemmend realistischen Darstellungen des in Athen geborenen Künstlers sind eine spannungsvolle Ergänzung der Texte.

3.2. Die wenigen Gedichte von Jazra Khaleed, Pseudonym eines tschetschenischen Immigranten, der auf Griechisch schreibt und die gnadenlose Existenz der zahllosen illegalen Immigranten beschreibt, entpuppen sich als von trotzigem Stolz getragener Widerstand gegen eine feindliche, unmenschliche Umwelt. Im Heer der Sprachlosen benutzt er die Sprache als Waffe. Die Westeuropäer wissen vielleicht, dass die massenhafte Präsenz illegaler Einwanderer, die auf dem Weg in die Kernländer der EU in Griechenland hängen bleiben, ein Problem darstellen, aber fast nie leihen sie diesen Gehör.
Die drei Texte, aggressiv und vulgär wie Gangsta-Rap, wurden von der erfahrenen Übersetzerin Michaela Prinzinger kongenial übersetzt. Leider muss, wie meist bei der Übertragung von Lyrik, der Reim auf der Strecke bleiben. Hier ist es besonders schade, weil der Rhythmus der kurzen harten Reime eine eigene Botschaft transportiert. Des Griechischen kundige Leser finden die Originaltexte im Internet: jazrakhaleed.blogspot.com.

3.7. Konstantinos Kavafis durfte natürlich nicht in der Sammlung nicht fehlen. Der alte weise Mann aus Alexandria ist ein Ausnahmedichter, einer der weltweit größten, ein Meister der knappen Form, der extremen Verdichtung. Seine besondere Stellung wird nicht zuletzt auch durch die mittlerweile zahlreichen Übersetzungsversuche, die auf Deutsch vorliegen, belegt.
Auftakt ist elf Seiten lang eine Übersetzung aus einem Tagebuch über eine Reise von Alexandria nach Athen, in dem der Dichter penibel Buch führt über die Temperatur jeden Tages, manchmal zu jeder Stunde, in der er ständig Leute trifft, die man nicht kennt, über die er auch nichts sagt.
Tut man ihm einen Gefallen, wenn man aus Anlass seines 150. Geburtstags diese Banalitäten abdruckt, die er wohl kaum für die Veröffentlichung geschrieben hat. Den beiden Herausgebern, exzellente Kavafis-Kenner, ist die Belanglosigkeit bewusst, doch empfinden sie sie als „eigentlich nicht befremdlich nichtssagend (…), sondern im Grunde vielsagend nichtssagend“. Es gehört schon sehr viel Begeisterung dazu, diese Tagebucheinträge als „wahre Meisterwerke eines Menschen“ zu sehen, „der sich in Verschwiegenheit übt und sich selbst danach befragt, ob einhundert Prozent zu erreichen wären“. Schade, dass dem deutschsprachigen Lesepublikum, mit Lektüre über griechische Literatur nicht gerade verwöhnt, ein solcher Stoff präsentiert wird, der allenfalls für Seminararbeiten taugt.
Entschädigt wird man im zweiten Teil des Kavafis-Abschnittes mit der Übersetzung einer Auswahl der Unvollendeten Gedichte (von den beiden Übersetzern Asteris und Ina Kutulas „Unfertige Gedichte“ genannt). Kavafis hat Veröffentlichte Gedichte (154 an der Zahl), Unveröffentlichte sowie Verworfene Gedichte hinterlassen. Die italienische Neogräzistin Renata Lavagnini hat aus Kavafis’ Nachlass 30 weitere unvollendete Gedichte rekonstruiert, von denen – soweit ersichtlich – bislang erst einige übersetzt wurden (K. K., Das Gesamtwerk übersetzt und herausgegeben von Robert Elsie, Fischer 2006). Die sieben in den horen abgedruckten gehören bis auf eines nicht dazu. Es handelt sich um unverwechselbaren Kavafis-Ton und Stil, insgesamt gelungen übersetzt, auch wenn sich über Details diskutieren ließe. Es bleibt festzuhalten: schon dieser sieben Gedichte wegen lohnt sich die Lektüre des Bandes.

3.8. Kostas Karyotakis und Maria Polyduri sind zwei lyrische Stimmen, die im deutschsprachigen Raum kaum bekannt sind. Mikis Theodorakis, der Karyotakis eine (wenig bekannte) Oper gewidmet hat, erläutert in einem einführenden Text, was ihn mit Karyotakis, den Exponenten des Neo-Romantismus zu Anfang des letzten Jahrhunderts verbindet und zu der Oper inspirierte. Er setzt darin die Verzweiflung des sich 1928 selbst tötenden Dichters mit dem Holocaust an den Juden in Beziehung.
Karyotakis hatte eine gegenseitig befruchtende aber schwierige Beziehung zu Maria Polyduri, einer sechs Jahre jüngeren Dichterin, die aus der Provinz stammte und sich gegen die von Männern beherrschte Gesellschaft auflehnte. Karyotakis war depressiv und, damals unheilbar, an Syphilis erkrankt, was seine Beziehung zu M. Polyduri überschattete.
Die Übersetzer verzichten darauf, Karyotakis’ elegante Reime in Reimform wiederzugeben. Das geht in der Regel schief. Natürlich fehlt den deutschen Texten dann etwas, aber dieser Verlust ist unvermeidlich. Es soll hier nicht auf die einzelnen Übersetzungen eingegangen werden, jedoch kommt der Rezensent nicht umhin festzustellen, dass es sich bei den Texten von Maria Polyduri nicht um Übersetzungen, sondern um sehr freie Wiedergaben handelt, wobei nicht nur die knappe Sprache der griechischen Dichterin verloren geht. Im Falle des Gedichtes „Du Engelsgleicher, komm“ sucht man im Original vergebens nach einem „Engelsgleichen“, Maria Polyduri sagt: „Komm, du Süßer“. Im letzten Vers geht der lyrische Gaul mit den Übersetzern vollends durch  (kursiv jeweils die Interlinear-Übersetzung):

Du Engelsgleicher, komm, wenn auch die Nacht uns anfällt
Komm, du Süßer, wenn auch die Nacht kommt.
In all ihrer Ohnmacht deine Jugend verheizt sich in zitterndem Funkeln
Deine Jugend wird traurig leuchten
Ich sticke ihr Muster in eine Decke, Dunkeldecke damit ich den dunklen Schleier webe
Die mit all ihrer Wollust mich zu verschlingen sucht. Der mich wollüstig bedecken wird.

Ein sprachlicher Genuss ist hingegen der Essay von Ina Kutulas über die schwierige und unerfüllte Beziehung zwischen den beiden Lyrikern Polyduri und Karyotakis. Anhand von Zeilen aus beider Gedichte entwickelt sie einen innigen Dialog zwischen den früh Verstorbenen, am Leben in provinzieller Enge Verzweifelten und von Krankheit Gezeichneten. Maria Polyduri, die „Prinzessin der Traurigkeit“ starb zwei Jahre nach Karyotakis nach einem unsteten Leben an Schwindsucht. Sie vereinte hohe Sensibilität mit dichterischer Begabung.

3.9. Die beiden griechischen Literatur–Nobelpreisträgern, Giorgios Seferis und Odysseas Elytis, brauchen nicht näher vorgestellt zu werden. Neben „klassischen“ Gedichten von Seferis ist der Abschnitt angereichert durch einen sehr lesenswerten und einfühlsamen Essay von Gregor Kunz über Seferis’ unruhiges Leben zwischen seiner Geburtsstadt Smyrna in Kleinasien und seinem Doppelleben als Diplomat und Dichter in den Wirren der 40er und 50er Jahre. Der Abschnitt über Elytis wird gewürzt durch einen Beitrag von Ina Kutulas, die Erinnerungen an Besuche bei Elytis zum Vorwand nimmt, um ihrer Neigung zu Alliterationen und Lautmalereien nachzugehen in einem amüsanten Parforceritt durch Kindheitserinnerungen, Wortspiele und Märchen.
Im selben Abschnitt begegnen wir auch Nikos Engonopoulos, einem hierzulande gänzlich unbekanntem Multitalent, Maler und Dichter, Surrealist der letzten Stunde, eingeführt von einem kurzen kulturkritischen Essay von Grigoris Katsakoulis.

3.10. Einen längeren Abschnitt widmet der Band der Verbannungsinsel Makronissos, einem düsteren Kapitel der Bürgerkriegsepoche. Die windumtoste menschenfeindliche Felseninsel, in Sichtentfernung des attischen Hafens Lavrion gelegen, war offiziell ein Umerziehungslager, in Wahrheit ein Ort, um Menschen zu brechen, die verdächtigt wurden Kommunisten oder Sympathisanten zu sein. Die Fakten sind bekannt und insbesondere auch von Mikis Theodorakis eindrucksvoll beschrieben, der dort fast zu Tode geschunden wurde. Mikis Theodorakis, Menelaos Ludemis, Jannis Ritsos und Tassos Livaditis, die mit kurzen Texten vorgestellt werden, haben alle einige Zeit auf dieser Hölleninsel verbracht. Ein lesenswerter Essay von Peter Geist erinnert an die Gründe, warum es sich lohnt, Ritsos zu lesen. Jannis Ritsos, insbesondere in den Vertonungen von Mikis Theodorakis, war vor vierzig Jahren auch in Deutschland ein Begriff. Er geriet in Vergessenheit, zu Unrecht.

3.11. Ein weiterer Abschnitt konfrontiert den Leser mit der „Generation der Niederlage“. Gemeint ist die Niederlage im Griechischen Bürgerkrieg, ein Ereignis, das im deutschen Bewusstsein in ferner Zeit liegt. Auch für die heutige griechische Jugend handelt es sich um einen in die Geschichte entrückten Vorgang. Aber man muss sich nur die Filme von Theo Angelopoulos anschauen Die Wanderschauspieler, Die Reise nach Kythera oder Weaping Meadows, um zu ermessen, welch ungeheuren Einfluss der Bürgerkrieg und die „steinernen Jahre“ danach auf eine ganze Generation hatten.
Der in Deutschland unbekannte Takis Sinopoulos kommt mit einem Gedicht kurz zu Wort, dann Jakowos Kambanellis, Autor des Mauthausen–Zyklus, der in der grandiosen Vertonung von Mikis Theodorakis, gesungen von Maria Farandouri, um die Welt ging. Leider ist Manolis Anagnostakis mit nur einem Gedicht vertreten. Von Rena Chatzidaki stammt das berührende Gedicht „Im Belagerungszustand“, ein Samisdat aus dem Foltergefängnis der Sicherheitspolizei in der Bouboulina-Straße während der Juntazeit 1967–1974, dessen Verfasserin jahrelang nur unter dem Pseudonym „Marina“ bekannt war. Schließlich folgen noch einige Gedichte von Titos Patrikios, einst politisch verfolgt, heute in Griechenland ein Dichterfürst, bei uns nur eine Randnotiz.

3.12. Der vorletzte Abschnitt trägt den dunklen Titel „Durch transparentes Dunkel“ und setzt mit einem fulminanten und gar nicht dunklen Text von Aris Fioretos ein, der einzige Vertreter der zweiten Generation griechischer Emigranten. Als Sohn eines griechischen Vaters und einer österreichischen Mutter in Schweden geboren und sozialisiert, zeugen seine subtilen Betrachtungen über seinen griechischen Vater, dessen Angewohnheiten, dessen Körperlichkeit, dessen Menschlichkeit und Vaterliebe von distanzierter Warmherzigkeit und hoher literarischer Qualität. Das für Griechenland so wichtige Thema Emigration wird damit sehr knapp aber auf hohem Niveau thematisiert.
Volker Sielaff, Autor aus Dresden, schildert sein Sehnsuchtsverhältnis zu Griechenland, zu Zeiten der DDR unerreichbar, und wie er nach und nach die griechische Lyrik entdeckte, darunter auch Dionisis Karatzas. Er nennt ihn den „erhabenen Unspektakulären“, da er in seinem Werk „die ganz alltäglichen, wunderlichen Dinge wie eben auch die Vision einer absoluten Schönheit, zumindest den Glauben daran und die Sehnsucht danach“ findet. Vorangestellt sind fünf seiner Gedichte in der Übersetzung von Ina Kutulas.
Zur Generation der bislang im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannten Lyriker der Generation 50 plus gehört auch Sakis Serefas, von dem zwei Gedichte, die aufhorchen lassen, diesen Abschnitt beschließen. Birgit Hildebrand, eine erfahrene Übersetzerin aus der kleinen Gilde der unerschrockenen Literaturtransporteure zwischen Deutschland und Griechenland, hat sie ins Deutsche übertragen.

3.13. „Im Zentrum der globalen Einsamkeit“ ist der Titel des letzten Abschnitts, entnommen dem Gedicht „Vulgäre Ode“ von Lefteris Poulios.
Poulios wird der „Generation der 70er Jahre“ zugerechnet, einer Generation, die unter der Obristenherrschaft zu schreiben begann. Griechische Philologen lieben die Einteilung nach Generationen, geordnet nach Dekaden, was einem Lyriker, der heute, vierzig Jahre später, immer noch, wenn auch anders, produktiv ist, wenig gerecht wird. Poulios’ Übersetzerin, Michaela Prinzinger, zieht in ihrer kurzen informativen Einführung eine direkte Linie von Poulios als literarischem Großvater zum Enkel Jazra Khaleed, mit dem der Band einsetzt. Die fünf ausgewählten Gedichte reichen von 1973, d.h. zu Junta-Zeiten, die Poulios als „Hässliche Zeiten“ benennt, über die Vereinsamung der zappenden TV-Konsumenten „Vulgäre Ode“ (1988) zu den „Präludien“ von 2008. Dabei soll hier ein unbetiteltes Juwel aus dem Jahre 2003 nicht übersprungen werden, dessen Kürze eine Wiedergabe in einer Rezension rechtfertigen mag:

Unordnung dulde ich nicht.
Poesie hat keine Bedeutung.
In einer kleinmütigen Welt ist sie entbehrlich.
Man kann sie weder einwecken in Vernunft-Gläser
Noch, das versteht sich, zum Absurden rechnen.
Zweckmäßigkeit ist ihr Tod.

Knapper und schöner kann man es kaum sagen.
Niki Eideneier, die unermüdliche Verlegerin und Übersetzerin, präsentiert drei Gedichte von Antonis Fostieris, Jahrgang 1953, das letzte eingebettet in einen charmanten Bericht aus ihrer Übersetzer-Werkstatt mit Blick auf den Olymp, während sie an den Fostieris-Texten hobelt und feilt. Mit Erfolg. Das Gedicht „Anopheles und Gemein“ ist von unwiderstehlichem Humor und zeigt, welche Funken Dichter aus Situationen schlagen, in denen andere nur zur Fliegenklatsche greifen.
Der nächste Dichter, Thanassis Lambrou, muss in der Präsentation ohne einführende Worte auskommen. Auch er Teil der Generation 50 plus, Jurist mit Zweitstudium der Philosophie, Kunstgeschichte und klassischer Philologie in Freiburg i.B., ist wie Seferis im Brötchenberuf Diplomat. Bislang ist von seinen Texten auf Deutsch nur wenig und an verstreuten Stellen erschienen. Seine drei in den horen abgedruckten Gedichte „Mani“, „Luke Howard“ und „Borges“ wurden von Herbert Speckner übersetzt, der zweite Teil von „Luke Howard“ sogar gereimt, eine besondere Herausforderung. In Ermangelung des griechischen Originals lässt sich nicht beurteilen, inwieweit die im Deutschen flüssig klingenden Reime dem Ursprungstext entsprechen.
Der Band klingt aus mit einem (warum nur einem?) Gedicht der Grande Dame der griechischen Lyrik, Kiki Dimoula: „Einfacher Zeichenstrich“, in dem sie auf raffinierte Weise ihr eigenes Portrait mit Wörtern zeichnet. Ina Kutulas nimmt das Gedicht zum Anlass, eine bezaubernde Geschichte zu diesem Gedicht zu erzählen: wie ihre Schwiegerfamilie auf ihren Vortrag hin versucht das Gedicht pantomimisch umzusetzen. Wie schon der Titel ihres Beitrags „Immer den Dimoularkationslinien nach“ verrät, gibt die Autorin auch hier ihrem Hang zu lautlichen Assoziationen, zu Alliterationen und Wortspielen nach.
Die Erzählung setzt ein mit einer wunderbaren Beschreibung des Aktes, wie man die Seiten eines Buches aufschneidet, eine in Frankreich und Griechenland bisweilen noch notwendige Übung, zu der man in Deutschland keine Gelegenheit mehr hat, was man nach der Lektüre dieser Passage nur bedauern kann.

4. Auf der Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land ist der Titel des jüngsten Bandes der nach griechischen Göttinnen benannten Zeitschrift die horen. Dieser prall gefüllte Zeitschriftenband erleichtert diese Suche ungemein. In Zeiten, in denen die Medien voll sind mit Berichten über „Pleite-Griechen“ und die verheerenden sozialen Auswirkungen einer in Griechenland sehr einseitig umgesetzten Sparpolitik, bietet der Band ein wichtiges Korrektiv: zu entdecken ist eine reiche Literaturlandschaft, die zeigt, dass es Griechen schon immer gelungen ist, widrigen Zeiten Kunst entgegen zu setzen. Widerstand mit Sprache. Sie profitieren davon, dass die Geschichte ihnen eine 3.000 Jahre alte, ungemein reiche Sprache geschenkt hat.

Den Herausgebern und dem Verlag sei Dank für diesen Akt der Aufklärung.

Ulf-Dieter Klemm, τεύχος, Heft 18, 2013

 

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Der Mitteldeutsche Rundfunk spricht zur Buchmesse mit Asteris Kutulas über das neue Heft der horen.

Fakten und Vermutungen zu die horen + 50 Jahre

 

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