Lyrikertreffen Münster 1991

Lyrikertreffen Münster 1991

DIE FREUDEN DER SCHWELLE

Die grenzgängerische Poesie erfordert einen Sprung
Der an einen Rand versetzt oder einen Vorsprung
In jener Lust, von der Lukrez uns sprach
Überhang und Schwelle, die mit dem Wie beschenkt
Wie ist es sanft, Schiffbrüchen zuzuschaun
Noch sanfter ist der Punkt im Geist, von dem aus man
aaadie Irrung sieht
Und die Dinge sich teilen in einem Weltenkomparativ
(gleich einem Gott mit enormen blauen Augen in Schnee geformt
locken das Meer und der Himmel auf die Marmorterrassen
die Fülle junger und starker Rosen)

Wo sind wir denn erstaunend dort zu sein
und daß das Erstaunen erstaunt

Michel Deguy
Übersetzt von Sieghild Bogumil

 

 

Vorwort

Als 1987 zum erstenmal Dichter aus der DDR (mit einer einzigen Ausnahme: Erich Arendt) am Lyrikertreffen Münster teilnehmen konnten, war dies ein unbeabsichtigter, wenn auch willkommener Nebeneffekt der konzeptuellen Veränderung gewesen, durch die aus der deutschsprachigen Veranstaltung ein europäisches Lyrikertreffen und damit ein Weg beschritten wurde, der danach vielen am Ort und auch außerhalb weiterführend schien. Bis dahin hatten die (ersten vier) Lyrikertreffen Münster und ihre Organisatoren für die Behörden in Berlin (Ost) unter einem ,gesamtdeutschen‘ Stern gestanden. Ob es nun schon seit langem immer nur eine deutsche Poesie gegeben hat oder ob es noch heute mehrere deutsche Literaturen gibt, diese Frage wird vielleicht an Bedeutung verlieren. Aus der innerdeutschen Konkurrenz, die doch mindestens für Teile der Literaturkritik und Literaturwissenschaft bis in die jüngste Zeit bestanden hat, wird die deutsche Lyrik in Kürze wohl endgültig heraustreten. Sie wird dann nicht mehr (oder nur noch historisch) unter dem ins Enge weisenden Aspekt der (innerdeutschen) Moral und Systemkonkurrenz betrachtet werden können, sondern sie wird sich ohne Wenn und Aber als eine der europäischen Poesien wirklich international messen lassen müssen.
Hatte 1989 innerhalb der fremdsprachigen europäischen Poesie die französische Lyrik einen kleinen Schwerpunkt, so diesmal die italienische. Die Italiensehnsucht deutscher Dichter und vieler anderer Gruppen hat eine über zweihundertjährige Tradition. Trotz etlicher Anstrengungen von Vermittlern und Verlagen in den letzten Jahren, auch die italienische Gegenwartslyrik nach Deutschland zu vermitteln (die Prosa hat es etwas leichter, aber auch da bleibt Der Name der Rose ein exzeptioneller Erfolg), hat es die Generation der Dichter nach Ungaretti und Montale schwer gehabt, hier Fuß zu fassen. Auch das Lyrikertreffen kann dabei kaum mehr als eine Anregung für die Zukunft sein. Liegen könnte das auch an verschiedenen Schwerpunkten der poetologischen Orientierung beider Poesien. Zwar gibt es Analogien im Bereich der Neoavantgarden: Ansonsten erscheint uns die italienische Lyrik (noch immer) stärker an Traditionen der modernen französischen Lyrik orientiert als die deutsche und auch stärker an den einheimischen dichterischen Konventionen ausgerichtet, die hierzulande entsprechend unbekannt sind.
Zugleich mit der italienischen Lyrik kommen etliche weitere bedeutende Stimmen aus allen Richtungen Europas zu Wort, auf daß sich ein Eindruck von der Vielfalt der gegenwärtigen europäischen Poesie ergeben mag. Von den deutschen Dichtern sind neben Autoren, die seit Jahrzehnten zu den wichtigen gezählt werden, auch jüngere eingeladen, deren Gedichte einige Entwicklungslinien mitbestimmen könnten.
Die im Lyrikertreffen immer angestrebte Begegnung und Diskussion zwischen Dichtern, Wissenschaftlern und Kritikern soll fortgesetzt werden. Für das Symposion sind zwei Themenschwerpunkte vorgesehen; zum einen „Der Beitrag der Lyrik(er) zu der politischen Veränderung in Mittel- und Osteuropa“, zum anderen „Aspekte der italienischen Gegenwartslyrik“.
(…)

Lothar Jordan und Winfried Woesler, 5.5.1991, Vorwort

 

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