TEXT+KRITIK: Gerhard Falkner – Heft 198

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch TEXT+KRITIK: Gerhard Falkner – Heft 198

TEXT+KRITIK: Gerhard Falkner – Heft 198

ODE AN MEIN GEHIRN

Du hattest nie wirklich Boden unter den Füßen

ich habe dich immer
erhobenen Hauptes getragen
damit du Ausschau halten konntest
nach Gott und der Welt

wir sind einander stets
in Augenhöhe begegnet
wenn es darum ging
einen Disput auszutragen

ich habe dich mit ins Freie genommen
sooft es nur ging
denn die Natur
diese Mauer aus Luft und Staub

hat uns immer erquickt. du hast mich
hart regiert, ohne mich zu tyrannisieren
und dafür habe ich dir ein Schauspiel geboten
das sich sehen lassen konnte

selbst als sie Algorithmen bei dir fanden
habe ich mich dir mit Respekt
genährt und nicht mit den harten Bandagen
der Informationstheorie

wenn ich dich, entsprechender Momente halber
mal aus den Augen verlor, kehrte ich
binnen kürzester Zeit reumütig zurück
wenn nötig: auf allen vier Beinen

 

 

 

Schönheit – dieses leuchtende Wunder am Ende des Zufalls

– Ein Gespräch. –

Cornelia JentzschDu bist einer der wenigen, wenn nicht sogar der einzige Dichter sowohl deiner als auch der nachfolgenden Generationen, für den der Begriff Schönheit eine dauerhafte Relevanz besitzt. Warum begibst du dich immer wieder auf die Suche nach Schönheit?

Gerhard Falkner: Schönheit ist die einzige, heute noch einigermaßen erschwingliche Heldenhaftigkeit.
Und zwar Schönheit als Kolonisierung des immer unerschlossenen Terrains der jeweiligen poetischen Ambition.
Die Schönheit ist quasi der Bombentrichter, den die Suche nach ihr und der Abwurf von sich selbst und in eigener Sache hinterlässt.
Ich orientiere mich dabei an keiner klassischen, modernen oder postmodernen Ästhetik und ich verbinde mit ihrer Anwendung keine reflexive Absicht.
Ich suche sie als ein aus ihrer Wörtlichkeit heraus resultierendes Ereignis. Schönheit ist nicht ein da draußen irgendwo existierendes Gebilde, das man einfach durch Beschreibung oder Andichtung zu Papier bringen kann, sie wird durch eine via Blick auf eine Sache gerichtete Energie zum Aufstrahlen gebracht.
Genau in dem Sinne, wie ich einmal geschrieben habe: „Am Ende des Zufalls leuchtet das Wunder.“
Schönheit ist dieses leuchtende Wunder am Ende des Zufalls.

JentzschIm Mittelalter galt Schönheit als Glanz der Wahrheit, Walter Benjamin schrieb in seiner Abhandlung zu Goethes Wahlverwandtschaften vom Schein der Schönheit. Du sprichst von der Schönheit als Heldenhaftigkeit, also von Energie und hergestelltem Ereignis, etwas Prozesshaftem?

Falkner:Um es noch einmal etwas deutlicher zu sagen: Ich verwende den Begriff Schönheit weder als literarisches Zitat noch als ideale Kategorie, deshalb ist es leider unerheblich, was Walter Benjamin oder Goethe dazu zu sagen haben. Ich wünschte, es ließe sich noch eine verpflichtende Formulierung in irgendeiner philosophischen Ästhetik für sie finden, aber ich fürchte, der Zug ist abgefahren. Trotzdem verwende ich den Begriff Schönheit, als ob es sie gäbe. Nur das Bild für sie lasse ich offen.
(Wenn alles schiefgeht, beinhaltet sie dann eben nur das Paar in diesem offenen Bild auf der Suche nach ihr herumirrenden Augen.)
Darüber hinaus ist ihre Verwendung von mir ein absichtlicher Vertrauensbruch mit den nachromantischen Diskursen, welche die Schönheit demoliert und unbrauchbar gemacht haben. Eine Beseitigung des Begriffs an sich konnte natürlich nicht gelingen, und das unterstützt seine beziehungsweise ihre potenzielle Restitutionsfähigkeit.
Die Schönheit ist als metaphysischer Begriff, der auf Platons Ideenlehre zurückgeht, ebenso wie der Glaube, von nichts anderem abhängig als von der Kraft seiner Behauptung und der Größe seiner Gemeinde.
Die Schönheit kann auch das trübe und verbrauchte Wasser in der Blumenvase sein, wenn es von vielen lange genug angehimmelt wird.
Ich sage also nicht, was wie und warum schön ist, womit ich nur den sinnlosen Kampf der Meinungen unterstützen würde, sondern ich setze einfach den Begriff als das Andere an eine mir günstig erscheinende Stelle und beobachte, wie er seine Ellenbogen benützt, sich auch ohne Auskunft über seinen genauen Charakter Raum zu schaffen.
Als das Andere ist die Schönheit das strahlende Gegenüber alles dessen, was nicht Schönheit ist.
In einer Art Autopoiesis arbeitet sie aus sich heraus (am im Gedicht implantierten Begriff) an ihrer Selbsterschaffung, sobald sie als Begriff im Gedicht implantiert ist.

JentzschDu sagst, dass du das „Bild“ für die Schönheit „offen lässt“. Du verweigerst dich hier bewusst eines, vielleicht auch deines Definitionsversuches, als ob es ihn geben müsste. Aber ist nicht Schönheit schon immer nur eine momentane Übereinkunft gewesen, die je nach Zeit oder Moden definiert wurde? Und sind zudem Dichter nicht ohnehin Abstinenzler jeglicher Festlegungen? Denn sie stiften eher Ahnungen von jenem außerhalb der Sprache Liegenden, das nicht nur in ihr mitschwingt, sondern sie konstituiert.

Falkner: Mir erscheint deine Frage etwas konfus. Wenn ich mich einem Definitionsversuch verweigere, so tue ich das der Intention nach ja bereits bewusst. Das aber ist hier ja schon deswegen nicht der Fall, weil ich erklärend antworte, auch wenn ich Schönheit ex negativo definiere, sodass der Zusatz „als ob es ihn geben müsste“ (und damit ist wohl der Definitionsversuch gemeint, der hier doch Gegenstand sowohl des Gesuchten als auch des Gefundenen ist) meine epistemologischen Fähigkeiten überfordert.
Dass Schönheit eine Übereinkunft ist, die ich ebenfalls nicht als momentane bezeichnen würde, macht sie nicht sinnlos.
Ich finde das geradezu scheißegal.
Mit etwas Gewissenhaftigkeit in der Methode lässt sich die Mode auch durchaus von der Idee trennen.
Restverschmutzungen durch Zeitgeist schaden ihr nicht.
Und wenn es, wie ich hoffe, die Idee noch gibt, wenn auch leider kaum noch in idealer Gestalt, so gibt es mit dieser Idee eben auch noch den idealen Ort für Schönheit, auch wenn diese sich keiner umfassenden Deutung mehr fügt.
Die Poesie hat ja gerade das Privileg, die sinnliche Erkenntnis nicht mit Misstrauen betrachten zu müssen. Natürlich ist das eine Art höherer Narrenfreiheit, aber eben auch eine Freiheit, die sich unverwechselbar von dieser ausgelutschten Freiheit abhebt, die sich sonst und heute hinter diesem Begriff versteckt.
Dass daher „Dichter Abstinenzler jeglicher Festlegungen“ sein sollen, was immer das heißen mag, erinnert mich an den schockierenden Satz eines osteuropäischen Lyrikers, der gegen ein Gedicht vorbrachte, dass es „mit einer für Lyrik unerwünschten Genauigkeit“ verfasst wäre.
Für mich ist diese Argumentation ein Alptraum, da ich das Gedicht als Präzisionsinstrument sehe und alles Verschwiemelte und Verschusselte verabscheue.
Natürlich liegt in der Wahrnehmung von Schönheit eine gewisse Unzurechnungsfähigkeit, aber nicht unbedingt im Denken, sondern in der Anwendung von Mitteln zur Brechung banaler Geläufigkeiten.
Die Schönheit besitzt durch ihre fundamentale Anmaßung die Kraft, den Vergangenheitscharakter der Kunst zu überwinden, auch wenn sie das nur für den kurzen Augenblick des Durchbrennens aller Sicherungen schafft.

JentzschFestlegung und Genauigkeit möchte ich nicht verwechselt sehen. Festlegen hat mit Machtausüben und Schaffen statischer Zustände zu tun. Denn beides geht von jemandem aus, der festlegt, befestigt. Und das widerspräche ja der von dir so schön formulierten dauerhaft beweglichen „höheren Narrenfreiheit“ eines Poeten. Genauigkeit dagegen beinhaltet eine Zuwendung, indem man etwas respektvoll in seiner Eigenheit zu erfassen sucht. Entsteht nicht gerade hierbei Schönheit?

Falkner: Das weiß ich nicht.
Ich versuche ja gerade dauernd auszudrücken, dass Schönheit nicht etwas zu Entdeckendes, sondern etwas zu Zeugendes, zu Schaffendes ist. Jeder, der sich in glücklicher oder begeisterter Befindlichkeit erfährt, wird unweigerlich um den Grund seiner Entzücktheit Schönheit ausschütten, sie ist das Licht, das er auf die eigene Begeisterung fallen lässt.
Schönheit ist somit das In-Erscheinung-Treten eines durch die Eleganz der Betrachtung optimierten Selbst.
Er sieht mit diesem Drang im Leibe, Helenen bald in jedem Weibe.
Jedenfalls finde ich es interessant, dass man mit der Darstellung des Schönen die Schöngeister heute mehr irritieren kann als mit allen ihren Gegenteilen. Allein das spricht sowohl für ihre Schaffung wie auch für ihre Verwendung.

JentzschIn Über den Unwert des Gedichts schreibst du, dass ein Gedicht Resonanzraum und Spannungsumwandler zwischen dem Innen und Außen ist, dass wir aber für die gesteigerte Verfügbarkeit des Außen zunehmend auf das Innen verzichten. Oder, wie ich denke, diesen Verzicht uns leisten. Wo das Schöne fehlt, fehlen deiner Meinung nach die passenden Sinne, es aufzuschließen. Geht uns zunehmend Schönheit verloren? Möglicherweise auch Poesie? Wird beides entbehrlich werden oder gar transformiert?

Falkner: Hmm. Langes kurzes Grübeln.
Wohin läuft der Hase in dieser Frage?
Besonders hier, wo mir der Strick eigener Formulierungen um den Hals gelegt wird.
Das mit dem Spannungsumwandler zwischen Innen und Außen ist schon richtig, hat aber nicht unmittelbar mit Schönheit zu tun. In diesem Zusammenhang geht es vielmehr um die immer ungünstiger werdende Kompensation einer Außenwelt durch eine Innenwelt. Wobei Innenwelt nicht als transzendentales Nirwana aufzufassen ist, sondern als die pausenlose Beantwortung erlebter Vorgänge durch das Gehirn in Form des inneren Monologs und mit gefühlskarätiger Untermalung. Dies aber ist ein sehr weites Feld und schwer durch allgemeine Sätze fassbar.
Ja, und zum letzten Teil deiner Frage: Die Schönheit ist natürlich da, denn sonst fände sich kein Begriff von ihr. Jetzt könnte es theoretisch nur sein, dass sie durch die Vielzahl widersprüchlichster Auffassungen sich von selbst suspendiert. Das wiederum hinge davon ab, wie sehr wir die Vorstellung von ihr an ein logisches oder paritätisches Prinzip binden.
Von dieser Auffassung aber weiche ich ja sowieso ab durch die fortwährende Behauptung, dass Schönheit nicht etwas Entdecktes, Entdeckbares. sondern etwas Geleistetes ist.
Eine Blume ist etwas Schönes, weil ich die Fähigkeit aufbringe, sie schön zu finden.
Das Schöne an ihr ist ein aus natürlichen Zutaten bereitetes Kunstprodukt.
Dass dies an eine Kraft der Sinne gebunden ist, versteht sich von selbst.
Ob uns Schönheit und Poesie verloren gehen?
Zuerst einmal, ich würde beides trennen, obwohl keinerlei sich gegenseitiges Ausschließen damit verbunden ist. Schönheit ist von Poesie unabhängig.
Poesie kann durch die zeugende Kraft der Wahrnehmung zu etwas Schönem werden, meistens aus Gründen der Selbstverzauberung des Lesers, Hörers oder Dichters, ohne dass Schönheit Gegenstand ihres Themas sein muss.
Und ob beides gar entsetzlicherweise transformiert wird?
Das wissen die Götter.

JentzschWenn die Schönheit als metaphysischer Begriff von der Kraft seiner Behauptung abhängt, kann es überhaupt eine Schönheit außerhalb von Sprache geben? Ist sie der eigentliche Generator für Schönheit? Was antwortet der Dichter?

Falkner: Es gibt überhaupt nichts außerhalb von Sprache!
Die Welt ist nur Illustration (von Sprache).
Selbst Schweigen existiert ausschließlich innerhalb von Sprache.

 

 

Inhalt

– Gerhard Falkner: Ode an mein Gehirn

– Norbert Hummelt: Die Worte der verlorenen Reinschrift. Gerhard Falkners Hölderlin-Nachfolge

– Gregor Dotzauer: Instadtsetzung und Verbergung der Seele. Über die Ich-Inszenierungen in Gegensprechstadtground zero und Bruno

– Peter Geist: lichtkolik in der schwärze. Gerhard Falkners Langgedichte

– Michael Braun: Vereinigung der Gegensätze. Drei Fußnoten zu Gerhard Falkners wemut

– Steffen Popp: Eine lebendige Spur. Überlegungen zu Gerhard Falkners Endogene Gedichte. Ein Grundbuch

– Kurt Drawert: Minnesänger der Moderne. Die „endogenen Gedichte“ von Gerhard Falkner – Elf Jahre später. Eine exogene Nachbemerkung

– Hans Thill: Die Treppe im Tsunami. Anmerkungen zu Gerhard Falkners Gedicht „NA NED REHTEA, TSUNAMI“

– Monika Rinck: Zwei Abbildungen des lyrischen Ichs

– Jan Wagner: Falkners Falter

– Ann Cotten: Katachresen. Beobachtungen an Gedichten von Gerhard Falkner Sabine Peters: Unterstellungen, Entstellungen: Gerhard Falkners Zweifel an der Sprache und am Sprechen. Am Beispiel des Gedichts „Das Tote Meer“

– Norbert Lange: Nuit blanche. Eine Fußnotensammlung zu zwei Gedichten von Gerhard Falkner

– Cornelia Jentzsch / Gerhard Falkner: Schönheit – dieses leuchtende Wunder am Ende des Zufalls. Ein Gespräch

– Gerhard Falkner: Na was denn nun, Herr Falkner!

– Constantin Lieb: Gerhard Falkner – Auswahlbibliografie 1975–2013

– Notizen

 

„Die Kunst hat nur ein Geheimnis, das ist die Grammatik“,

so hat Gerhard Falkner den Zugang zu seinem Werk umschrieben, das seinen Rang als einer der führenden Vertreter anspruchsvoller Gegenwartslyrik begründet hat.
„Kaum ein westdeutscher Lyriker der achtziger Jahre ist mit dem Anspruch auf Stilhöhe und die existenzielle Auffassung seines Schreibens so ernsthaft und vehement hervor getreten wie Gerhard Falkner“, schreibt Erk Grimm im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur über den 1951 geborenen Autor, der sich zwischenzeitlich aus dem gedichtblinden Literaturbetrieb zurückzog, nach der Jahrtausendwende aber mit Gedichtbänden wie Endogene Gedichte und Hölderlin Reparatur erneut Furore machte und zum Bezugspunkt für viele jüngere Kolleginnen und Kollegen wurde. Das Heft widmet sich verschiedenen Facetten des Werkes vor allem des Lyrikers Gerhard Falkner. Es enthält zudem neue Gedichte sowie ein Gespräch mit Falkner und eine Auswahlbibliografie.

edition text + kritik, Klappentext, 2013

 

Beitrag zu diesem Buch:

Joshua Groß: TEXT + KRITIK Ausgabe 198: Gerhard Falkner
poetenladen.de

 

Zeitschriftenlese

Es gehört wohl zu den stärksten Passionen junger, selbstbewusster Zeitschriftenmacher, die jeweils amtierenden Literaturpäpste zu grimmigen Bannflüchen zu reizen. Auch im Falle von Heinz Ludwig Arnold, dem Erfinder der Zeitschrift Text + Kritik, kam es zu Verwerfungen, als der junge Germanistikstudent im November 1962 den großen Friedrich Sieburg, seines Zeichens Chefkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, um ein existenzsicherndes Inserat für seine neue Zeitschrift anging. „Sie scheinen nachgerade an einem hoffnungslos gewordenen Qualitätsbegriff festhalten zu wollen“, so komplimentierte Sieburg artig den jungen Editor, um anschließend die Peitsche zu zücken: „Sie nennen für die erste Nummer drei Namen, die mir alle drei gleich widerwärtig sind, nämlich Günter Grass, Hans-Henny Jahnn und Heinrich Böll. Das ist … eine trübe Gesellschaft, dem deutschen Waschküchentalent entstiegen und gegen alles gerade Gewachsene feindselig gesinnt.“ Zwei Jahrzehnte später, so behauptet die Legende, war es Sieburgs Nachfolger Marcel Reich-Ranicki, der mit derben Beschimpfungen der „Schweine-Bande“ um „Arnold-Dittberner-Kinder“ nicht geizte.
Der so Attackierte ließ sich nicht einschüchtern. Der damals 22-jährige Arnold setzte in seinen ersten beiden Heften unverdrossen auf seine Hausgötter Grass und Jahnn – und es gelang ihm scheinbar mühelos das, was bei Rainer Maria Gerhardt, dem heute vergessenen Literaturgenie der Nachkriegszeit, noch in astronomisch hohen Schulden und einem tragischen Freitod geendet hatte. Unter dem ursprünglich von Arnold gewünschten Zeitschriftentitel fragmente hatte Gerhardt schon 1951/52 in seinem großartigen literarischen Journal dem restaurativen Nachkriegsdeutschland die Leviten gelesen, war aber an notorischem Geldmangel und ästhetischer Kompromisslosigkeit schon früh gescheitert.
Heinz Ludwig Arnold und seine frühen Mitstreiter Gerd Hemmerich, Lothar Baier und Joachim Schweikart hatten mit Text + Kritik mehr Glück. Das Konzept, sich in kritischen Aufsätzen immer nur einem wichtigen Gegenwartautor zu widmen, schien zunächst nur auf ein germanistisches Fachpublikum zu zielen. Nachdem er aber auf listige Weise beim Chefmanager von HAPAG-Lloyd eine Spende von 1000 DM rekrutiert hatte, begann Arnold mit seinem neuen Literaturblatt von Göttingen aus die literarische Welt zu erobern. Das Debütheft über Günter Grass, ein 32 Seiten-Heftchen, ist noch heute, in stark erweiterter und aktualisierter Fassung, zu haben. Für den Eröffnungsbeitrag, eine „Verteidigung der Blechtrommel“, hatte Arnold den Brüsseler Germanisten Henri Plard gewinnen können, den er während seiner literarischen Lehrjahre als Sekretär Ernst Jüngers kennen gelernt hatte. Auf sein literarisches Adjutantentum bei Ernst Jünger, das von 1961 bis 1963 währte, blickte Arnold später mit einigem Ingrimm zurück, zuletzt in seinem Text + Kritik-Heft zu Jünger, das die schärfste Kritik am Anarchen aus Wilflingen enthält, die jemals aus literaturwissenschaftlicher Perspektive geübt wurde.
Die Lust an der literaturkritischen Auseinandersetzung zeichnet ja nicht nur das Jünger-Heft, sondern viele andere Projekte der edition text + kritik aus, die 1969 im juristischen Fachverlag Richard Boorberg ein festes verlegerisches Fundament gefunden hatte und dort ab 1975 als selbständiger Verlag agieren konnte. Text + Kritik war nie ein Forum für urteilsschwache Germanisten, die jede interpretative Wendung mit einem Überangebot an Fußnoten absichern, sondern ist bis heute die bevorzugte Schaubühne für philologische Feuerköpfe, die cum ira et studio für oder gegen einen Autor und sein Werk eintreten. So muss jeder Autor, dem die Ehre zukommt, in einem Text + Kritik-Heft analysiert und seziert zu werden, mit kritischen Dekonstruktionen des eigenen Werks rechnen.
Mittlerweile hat die öffentliche Aufmerksamkeit nachgelassen, aber die angriffslustige Essayistik ist auch nach insgesamt 157 Heften das Markenzeichen von Text + Kritik geblieben. In Neuauflagen und Aktualisierungen wurden veraltete Urteile revidiert, beim Wechsel der Denkschulen und Interpretationsmethoden aber auch so mancher Purzelbaum geschlagen. In der 5. Auflage des Ingeborg Bachmann-Heft exponierte sich z.B. eine schrille feministische Literaturwissenschaft, der Sonderband Nr. 100 über „Literaturkritik“ publizierte massive Attacken auf Marcel Reich-Ranicki. Einem euphorischen Sonderheft über „die andere Sprache“ der „Prenzlauer-Berg-Connection“ folgte mit der Nummer 120 alsbald die Selbstkorrektur im desillusionierten Blick auf den Zusammenhang von „Literatur und Staatssicherheitsdienst“. Die subtilsten, stilistisch funkelndsten Schriftsteller-Entzauberungen haben in den letzten Jahren Hermann Korte und Hugo Dittberner verfasst. Über Sarah Kirsch, in der Nummer 101, findet man z.B. die wunderbare Sentenz, die Dichterin schreibe „Gedichte, die durch forcierte intellektuelle Unterbeanspruchung langweilen“. Diesen Königsweg literaturkritischer Unruhestiftung will Text + Kritik nicht mehr verlassen.

Michael Braun, Saarländischer Rundfunk, April 2003
Fakten und Vermutungen zu TEXT+KRITIK

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Laudatio + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde OhlbaumGalerie Foto Gezett +
Dirk Skibas Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Das Falkner“.

 

Gerhard Falkner liest auf dem XI. International Poetry Festival von Medellín 2001.

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