Axel Kutsch (Hrsg.): Versnetze_zehn

Kutsch-Versnetze_zehn

HERR PEDANT

Sein Blick ist vom Voruebergehn der Staebe
so mued, visierabgeknebelt verstorben. Ich
berge Irisstuecke, vernebelt. Ob ihn das vom
Erdengluecke abstiess, hob? Vom vibrierten

Tag verschob? Bin deine Rose, verlebte Musik.
Bin deine Bruecke vorm Berg, oh sattes Vlies,
dein Atomkrieg. Oberschnee lebt subversiv
ueberm Klee in der Vornacht, biegt obsessiv

sein Heumondversteck, bibberte als vorige,
bissige Narbe im Dreck. Lobte Verse von heut’.
So ichvertraeumte, so verebbend klein. Gib’s
ab, leb, geh um. Bis vor dies vertrocknete Sein

(Anagramm)
Titus Meyer

 

 

 

Das zehnte Versnetz

– Ein Rück-, Nah- und Ausblick des Herausgebers. –

Mit der Veröffentlichung jährlich erscheinender Anthologien aktueller deutschsprachiger Poesie begibt man sich als Herausgeber auf dünnes Eis. Die Gedichte sind meistens taufrisch, manchmal erst verfasst worden, nachdem die Einladungen des Verlags zur Mitarbeit bei den Autorinnen und Autoren eingetroffen sind. Es ist also kein mehr oder weniger gesichertes Terrain wie bei Sammelbänden mit Lyrik eines Jahrzehnts, Jahrhunderts oder gar von den Anfängen bis zur Gegenwart, aus dem man schöpfen kann.
Aber gerade der heiße Atem des Neuen ist für mich der besondere Reiz, editorisch über dünnes Eis zu gehen und mir dabei eventuell auch mal nasse Füße zu holen. Nicht jedes Gedicht, das ich aufnehme, muss ein kleines Meisterwerk sein. Manchmal sind es einige Zeilen oder eine originelle Metapher, die mich faszinieren, auch wenn der Rest des Textes nicht diese Höhe erreicht. Allerdings sollte er sprachlich nicht zu hausbacken oder abgegriffen sein. Dann rettet auch eine kurz aufblitzende Passage das Gedicht nicht mehr.
Obwohl die Resonanz der bisherigen Versnetze-Ausgaben bei Lesern und Medien größtenteils positiv war, wird mir vor allem von Autoren konventionellerer Schreibweisen mitunter vorgeworfen, dass ich bei unorthodoxen Texten ein zu großes Herz habe. Die heutige Lyrik ist ein sehr weites Feld, und meine Absicht als Herausgeber ist es, möglichst alle Richtungen der gegenwärtigen deutschsprachigen Poesie in ihrer quirligen Vielfalt zu vernetzen, wobei ich den Werkstattcharakter, den diese Anthologien auch haben, betonen möchte. Freilich – Dilettantismus, wie er oft im Internet anzutreffen ist, hat keine Chance.
Bereits in den Anthologien, die ich vor Beginn der Versnetze-Reihe seit 1983 herausgegeben hatte, tauchten immer wieder bis da hin weitgehend unbekannte Autoren auf, die dann ihren beeindruckenden Weg in der deutschen Literatur gemacht haben, so Marcel Beyer, Dieter M. Gräf und Norbert Hummelt. Und auch in den Versnetzen lassen sich neben längst arrivierten Poeten neue Talente entdecken, denen man ohne prophetische Gaben eine verheißungsvolle literarische Zukunft vorhersagen kann.
Als 2008 der erste Band dieser Reihe erschien, war noch nicht abzusehen, wie lange sie sich halten würde. Da Verleger Ralf Liebe und ich mit Versnetze_zehn ein kleines Jubiläum feiern können, darf man durchaus von einer beträchtlichen Strecke sprechen. Und wahrscheinlich ist das Ziel noch nicht erreicht. Das Interesse zahlreicher Lyrikerinnen und Lyriker aller Altersstufen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, in diesen Anthologien veröffentlicht zu werden, ist nach wie vor ungebrochen. Das zeigte sich auch bei der aktuellen Ausgabe, für die wieder mehrere tausend Gedichte eingereicht worden sind.
Die Entdeckungsreisen durch die Regionen gehen in Versnetze_zehn weiter. Allerdings ist es nicht weniger reizvoll, sich der Lektüre der darin enthaltenen Gedichte bereits renommierter Verfasser zu widmen und inhaltliche bzw. stilistische Vergleiche anzustellen. Dabei dürfte man feststellen, dass auch in den älteren Generationen „junge Lyrik“ geschrieben wird. Eine größere einheitliche Diktion wie noch in den Zeiten der vom Alltagsparlando geprägten „Neuen Subjektivität“ der siebziger Jahre ist weder im neuen Versnetze-Band noch in seinen Vorgängern zu finden. Es gibt zwar gelegentlich Berührungspunkte (zum Beispiel prosanahe Texte), aber es überwiegt die Polyphonie lyrischer Schreibweisen vom klaren, leicht zugänglichen bis zum schwierigen Gedicht am Rande des Verstehens.
Die Versnetze sind auch ein Seismograph gesellschaftlicher Befindlichkeiten, etwa mit von ostdeutschen Schriftstellern verfassten Gedichten über die Nachwehen der Wiedervereinigung oder Erinnerungen an das Leben in der DDR. Und auch die unheilvolle Vergangenheit des Dritten Reiches mit seinem unmenschlichen Vernichtungsapparat beschäftigt die Autoren nach wie vor. Kein Wunder bei den rechtspopulistischen Entwicklungen in Deutschland und anderen Ländern Europas. ln der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart wird verstärkt die Situation der Flüchtlinge thematisiert. Zum weiteren inhaltlichen Spektrum gehören unter anderem die schöne neue Technik- und Medienwelt, Heimat ohne Heimattümelei, Natur, Kunst, Musik, Literatur und Zeit.
In einem Poetenladen-Essay über meine Herausgebertätigkeit bemerkte Theo Breuer, dass ich stets großen Wert darauf lege, in den „abseits gelegenen Dörfern und Städtchen, Tälern und Hochlagen zu forschen, um auch den zurückgezogen lebenden originellen Autoren aus dem Hinterland eine Chance zu geben“. Die regional strukturierten Versnetze machen deutlich, dass lesenswerte und innovative Lyrik nicht nur in den Metropolen geschrieben wird, ebensowenig vorrangig von angesagten Poeten, deren Werk mit angesehenen Auszeichnungen bedacht worden ist. So finden sich in diesen Anthologien viele interessante Schriftsteller, die bisher kaum von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen worden sind. Der heiße Atem unserer nennenswerten Lyrik, die selten so pulsierend war wie in diesen Jahren, weht mit ihrer spannenden Vielfalt in alle Himmelsrichtungen und durch alle Generationen, unabhängig vom Renommee der Verfasser.
Nichtsdestoweniger wurden in jüngster Zeit in verschiedenen Medien eine weit verbreitete Stillosigkeit, ein Trend zu einer Art Plauderton und Belanglosigkeiten aus den Literaturinstituten in unserer zeitgenössischen Dichtung beklagt. Wenn solche Vorwürfe auch hier und da berechtigt sein mögen, sind Verallgemeinerungen doch fehl am Platz. Die Phasen grundsätzlicher innovativer Neuerungen sind zwar mit dem Ausklingen der Moderne weitgehend abgeebbt, aber in den Versnetzen kann man sich davon überzeugen, dass zahlreiche Lyrikerinnen und Lyriker der Gegenwart sich erfolgreich darum bemühen, ihre Diktion durch „kleine Verschiebungen“ (Ernst Jandl) aus der Klammer literarischer Einflüsse zu lösen und individuelle poetische Akzente zu setzen, so dass es eher angebracht ist, von einem neuen Pluralismus statt von Stillosigkeit zu sprechen. Doch auch Kritiker bewegen sich manchmal auf dünnem Eis. Und nicht nur als Herausgeber kann man sich nasse Füße holen.
Die Vernetzung der Generationen und Regionen ist auch in Versnetze_zehn wieder, jeweils mit dem jüngsten Autor beginnend, großräumig nach Postleitzahlbereichen vorgenommen worden – vom Osten (0/1) über den Norden (2/3), Westen (4/5), Südwesten (6/7) bis in den Süden (8/9). Das Versnetz „Kleiner Grenzverkehr“ enthält neue Gedichte von deutschsprachigen Lyrikerinnen und Lyrikern aus Österreich, der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden, Finnland und den USA.

Axel Kutsch, Vorwort, Mai 2017

 

Beitrag zu diesem Buch:

Jonis Hartmann: #networking
fixpoetry.com, 5.7.2017

 

Fakten und Vermutungen zur Edition
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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