Wolfgang Hilbig 75: Poesiealbum Sonderheft

Hussel-Wolfgang Hilbig 75

HILBIG

lautlos sich zu tode geschrien, geschrieben, gesoffen:
fernes schweres läuten vom rand der gebresten
– ein maientag voll krebskranken röchelns.
zwanghaft ohnmächtige sprachgewalt, zerrissen
die dünngescheuerte gute alte haut – porös plötzlich:
abgeschabt das wortfleisch von den knochen, die zerstreut
als wären sie noch nie vereint gewesen,
in den lehmen eines hassblauen herbstes klirren.
die ruhe der stürme im augenblick eines licht-lidschlages:
donner gespalten, vom scheitel bis zur sohle – enthemmte entladung.
ein punkt komma liebe oder ein fliegenschiss, raus bist du
noch lange nicht, kein rauch flieht, kein nebel der ebene.
tränenloser blick in fahles gewölk. klar, das wachstum der brände:
fortbleibender traum eines nackten tieres. unversöhnt und ausgelöscht
– einfach so und praktisch für immer.
lass uns den fasan schlachten, lass uns uns einmal spüren,
im sündsüßen blutrausch die grenzpfähle, unsre pressform vergessen,
die ohren verwachst in den wind drehen, die züge verpassen,
die sinnlosen notate verbrennen, um uns an ihren flammen zu wärmen,
leichtsinnige abschiede zu feiern – ein vorvorletztes mal oder
solange der atem uns unerkannt füllt, der gute rat reicht.
gesungen ists von den dächern bis in die gossen, aber gelebt?
sind wir untote im niemand gehörenden – hörenden – brachland der zeit,
nicht längst verloren im windschatten unsrer hirnhälften?

Jörg Seifert

 

Der Hilbig ist ein schöner, schwerfällig bis heiliger Blauwal, den die Laune einstiger Götter in einem tiefen Bergwerksgewässer ausgesetzt und mit allem begabt hat, was es brauchte, um sich zu den Ozeanen durchzubaggern. Seine Flossen sind mächtige, fein gerasterte Schaufelsiebe, kraft welcher er in der Hitze der Nacht des poetischen Werkes seine Wege öffnet, indem er sich schonungslos durch sämtliche Putre- und Petrifakte des literarischen Bergbauwesens zu den gold-, silber- und edelsteinhaltigen Adern vorgräbt. Kristalle, Donnerkeile, fossilierte Wesen der subterrestrischen Flora Literarica und enigmatische Rudimente mythologischer Herkunft werden dabei durch den Siebcharakter seiner Grabwerkzeuge gesammelt und schmelzen unter höllischen Temperaturen zu kaskadenförmigen Gebilden. Gleichzeitig wird die Wasserfontäne, die aus dem Atemloch des Hilbig schießt, unter dem jeweiligen Gewölbe zu einer Wolke kondensiert, welche die Gestalt eines Engels annimmt, die als luzide Figur der Vermittlung zwischen Schöpfungsgeheimnis und Schaffenswut auch ein Gleichnis für den Schwebezustand noch der schwersten von dem Hilbig bewältigten Brocken darstellt. Es ist dem Hilbig schon seit Urzeiten gelungen, die Verbindung zu den Ozeanen herzustellen – Dank- und Absage an die einstige Laune der Götter. Seine schönsten Kaskaden sind nie ganz aus einem Guß, sondern aus mehreren Zeit-, Raum- und Traumschichten gebildet, und weil sie nur an der Oberfläche abkühlen, dringt aus ihren Nahtstellen ein das Auge bannendes Leuchten, welches infolge der Buckel, Stachel, Splitter und Stäbe auf ihr ein wildes Feuerwerk aus Unterweltschatten hervorruft, von denen sich mit gewissem Leichtsinn behaupten ließe, daß sie tanzend an ihrer Unsterblichkeit arbeiten.

Andreas Koziol

 

Auf der Geburtstagstafel

zu seinem 75. Geburtstag am 31. August läge diese Hommage von fast 60 Autoren – einstige Weggefährten, frühe Freunde, poetische Zeitgenossen und neu hinzugekommene Bewunderer Hilbigscher Dichtung, die zwischen Tagebauödnis mit Fasan und Großstadtkneipen ohne Trost entstand. Lyrik, die sowohl aus eindrücklichen persönlichen Begegnungen mit dem „besessenen Autodidakten“ (Pietraß) als auch aus der eindrucksvollen Lektüre seiner Verse, Erzählungen und Romane schöpft.

Märkischer Verlag Wilhelmshorst, Klappentext, 2016

 

Poesiealbum Wolfgang Hilbig 75 erschienen

Schriftsteller Wolfgang Hilbig 

„In Deutschland gibt es keine Dichter mehr“

Als 2007 der Schriftsteller Wolfgang Hilbig starb, wusste die literarische Öffentlichkeit sofort, was mit dem 65-Jährigen verloren war. Nicht einfach ein Autor, sondern ein außerordentlicher, über keinen Ost-Kamm zu scherender Dichter, ein Erzähler und Poet von weltliterarischem Format, der es geschafft hatte, die Erfahrung der nachproletarischen DDR in die Moderne einzuspeisen.
Ein aus einem analphabetischen Haushalt stammender Autor, der nie zum literarischen Betrieb gehören wollte, dessen Werk aber von seinen Kollegen mit Hingabe gelesen, dessen anarchisches Naturell bewundert wurde. Mancher seiner Buchtitel gewann formelhaften Ruhm. Der 1979er Lyrikband Abwesenheit („wie lang noch wird unsere abwesenheit geduldet / keiner bemerkt wie schwarz wir angefüllt sind / wie wir in uns selbst verkrochen sind / in unsere schwärze“), die Prosatitel Alte Abdeckerei oder Das Provisorium. Letzteres ein Ost-West-Roman, in dem Hilbig über die Figur des ihm nicht unähnlichen Schriftstellers C. mitteilt:

Er hatte an der DDR, so wie sie war, nichts zu kritisieren, er hielt das für zwecklos.

Was meinte: grundsätzlich sinnlos. Zeilen, die man kannte. Bücher, die man las. Verfasst von dem unter Autoren wirkmächtigsten Ostautor nach Fühmann und Heiner Müller.

Gedicht zum Tod von Hilbig

„In Deutschland gibt es keine Dichter mehr“, eröffnete denn auch 2007 der Leipziger Thomas Kunst sein Gedicht zum Tod von Hilbig. Das Verswerk traf das Empfinden der Stunde und es ist ein gültiges Gedicht bis heute, an diesem Mittwoch, an dem der aus dem sächsischen Meuselwitz stammende Dichter 75 Jahre alt geworden wäre. Kunsts Gedicht eröffnet das neue Sonderheft der Edition Poesiealbum, das unter dem Titel Wolfgang Hilbig 75 insgesamt 60 zwischen 1971 und 2016 verfasste Gedichte sammelt, die aus der Begegnung mit Hilbig und seinem Werk schöpfen. Zu den 55 Autoren gehören unter anderen Wilhelm Bartsch, Kurt Drawert, Peter Gosse, Durs Grünbein, Christine Hoba, Uwe Kolbe, Christian Kreis, Clemens Meyer und André Schinkel.
Zusammengestellt wurde das Heft von Volker Hanisch. Der Germanist gehört zum Vorstand der 2011 gegründeten, in Leipzig ansässigen Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft. 45 Mitglieder zählt der Verein „vom Meuselwitzer Kleinstadtbürger bis zum Hochgermanisten“, wie Hanisch sagt. „Hilbig soll nicht in Vergessenheit geraten“, laute das Ziel der Gesellschaft. Besteht die Gefahr bei einem Klassiker mit siebenbändiger Werkausgabe? „Schwer zu sagen“, erwidert Hanisch. „Dass Hilbig nur eine Randgruppe bedient, ist klar. In Meuselwitz ist er bis heute schlecht gelitten, hat den Ruf eines Trinkers und Boxers. Politisch stand er gegen alle Systeme.“ – Der Verein tut, was er kann. Das ist einiges. Und folgenreich. Ein internationales Hilbig-Jahr ist ausgerufen. 2017 erscheint die große Hilbig-Biografie von Michael Opitz. Clemens Meyer setzt sich für einen Hilbig-Literaturpreis der Stadt Leipzig ein. Und es wird der 75. Geburtstag gefeiert: mit Lesungen, einem Radiofeature und der Poesiealbum-Premiere am 5. Oktober um 19.30 Uhr im Leipziger Antiquariat Central. (mz)

Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung, 30.8.2016

 

Der Fasan auf dem Brikettberg

– Gespräch mit Thomas Böhme. Thomas Böhme ist Schriftsteller. Er lebt und arbeitet in Leipzig. –

Karen Lohse: Wann sind Sie auf Wolfgang Hilbig aufmerksam geworden?

Thomas Böhme: Wolfgang Hilbig war einer der vielen, die in der Wohnung von Lutz Nitzsche ein- und ausgingen und zu dessen Kreis auch ich gehörte. Bewusst wahrgenommen habe ich ihn, nachdem sein erster Lyrikband abwesenheit erschienen war. Während ich das Buch las, stellte sich bei mir ein unglaubliches Erstaunen ein: Den Mann, der da in der Küche saß und sein Bier trank, hätte ich nie mit diesen Versen in Verbindung gebracht. Vor dieser Leistung empfand ich großen Respekt. Durch sein Äußeres und seine Art zu sprechen wirkte er überhaupt nicht wie ein Literat, sondern wie der Kumpel von nebenan. Was bei ihm an literarischer Potenz vorhanden war, dass er wunderbare Lyrik verfasste, war auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Diese zwei Seiten an ihm konnte ich immer sehr schwer zusammenführen. Einerseits gab es den Kumpel, mit dem man beim Bier saß und über alles Mögliche redete, nur nicht über Literatur. Andererseits verfasste er Texte, die einem schier den Atem nahmen.

Lohse: Wenn man die beiden Seiten von Wolfgang Hilbig einander gegenüberstellt – waren das zwei verschiedene Personen?

Böhme: Erstaunlicherweise nicht, obwohl man so etwas vielleicht erwarten würde. Er blieb immer er selbst, völlig authentisch. Wenn er aus seinen Texten vorlas, hat er nie einen literarischen Ton angeschlagen oder seine Stimme verstellt. Er las die Gedichte, wie er auch sonst sprach, mit einer gewissen Verwunderung über sich selbst. Manchmal stockend, manchmal wirkte er ein bisschen unbeholfen. Es kam nicht von vornherein eine intellektuelle Persönlichkeit zum Vorschein. Die musste man schon heraushören aus dem, was er vortrug. Man merkte aber auch, dass er in diesen Texten lebte. Mitunter waren bei seinen Lesungen auch Germanisten anwesend, die anschließend versuchten, einen intellektuellen Diskurs mit ihm zu führen. Dem hat er sich konsequent verweigert. Jemand konnte zehn Minuten lang über die Poetik in seinen Texten referieren, wenn er dann selbst etwas gefragt wurde, war die Antwort eigentlich immer sehr schlicht. So als wäre das überhaupt nicht des Nachdenkens für ihn wert. Die Poetikvorlesungen und theoretischen Essays, die er geschrieben hat, zeigen, dass er sich sehr wohl auch theoretisch mit Literatur auseinandersetzte. Er war eben nicht das naive Naturwunder. Aber mit einer großen Bescheidenheit hat er diesen Teil seiner Arbeit immer klein gehalten. Er zeigte sich nach außen hin nicht als besonders belesen oder eloquent.

Lohse: Hatte Hilbig Texte für die selbst verlegten Zeitschriften, zum Beispiel Laternenmann oder Anschlag beigesteuert?

Böhme: Beim Anschlag bin ich mir nicht sicher. Gegenüber dem Laternenmann hätte er vermutlich qualitative Vorbehalte gehabt. Ich habe ihn allerdings nie gefragt. Er war schon eine Legende, bevor ich anfing, Texte von Freunden und Idolen (vor allem die Beatniks der 50er Jahre) in wenigen maschinegeschriebenen Exemplaren in Umlauf zu bringen. Durch den Debütband bei S. Fischer war Hilbig quasi über Nacht in den literarischen Olymp aufgenommen. Ungefragt etwas abzuschreiben, hätte ich nicht gewagt, andererseits hatte ich Scheu, ihn um Unveröffentlichtes zu bitten, ich hatte ja selbst noch kein einziges Buch vorzuweisen.

Lohse: Wie ist er mit diesem Legenden-Status umgegangen?

Böhme: Sein Rang als Dichter war ihm bewusst. Das zeigt schon die 1968 aufgegebene Annonce in der NDL. Die späteren Ehrungen und Preisverleihungen nahm er selbstverständlich, wenn auch ohne Hochmut entgegen. Sie waren nur das Korrektiv für die jahrelange Ignoranz durch die Kulturfunktionäre der DDR und das Misstrauen, das er mit seinem Schreiben unter den Arbeitskollegen erregt hatte. Er hatte den Mythos vom schreibenden Arbeiter ebenso durchschaut wie den vom Leseland DDR und wusste, dass Schreiben eine Form der Absonderung war, die man um so weniger verzieh, je originärer die Texte waren.

Lohse: War ihm die Arbeit in den Industriebetrieben mehr als nur das Sujet seiner Texte?

Böhme: Darüber könnte ich nur spekulieren. Ich denke schon, dass sie ihm ein gewisser Halt, eine Sicherheit war. Der Status „freier Schriftsteller“ schafft einen enormen Druck, den Erwartungsdruck der Verlage und der Leser. Was, wenn einem dann nichts mehr einfällt? Solche Horrorvisionen kommen auch in seinen Texten vor, etwa in Die Kunde von den Bäumen, wo ein Schriftsteller zwanzig Jahre über einem Satz brütet.

Lohse: Die Arbeit war das äußere Gerüst seines Lebens?

Böhme: Ja, zumindest in der Zeit, als er noch weit entfernt war von öffentlicher Wahrnehmung. Später hat er ja als „freier Autor“ seine wichtigsten Romane geschrieben, das heißt, er war stark genug, den Druck auszuhalten, was nicht gleichzusetzen ist mit einer gesicherten Existenz. Wie gefährdet er sich fühlte, kann man an der autobiografischen Gestalt im Provisorium gut nachvollziehen.

Lohse: Was war der Grund, warum in Meuselwitz so viele künstlerische Talente nach außen traten?

Böhme: Ich weiß jetzt gar nicht, ob es wirklich so viele sind. Ich denke aber, dass der Erfolg Wolfgang Hilbigs auch andere ermutigt hat, an die Öffentlichkeit zu treten. In so einer Kleinstadt, wo jeder jeden kennt, ist der Anpassungsdruck enorm groß, da wirkt einer, „der es geschafft hat“ als Katalysator für jeden, dessen Begabung vielleicht sonst verkümmern würde. Generell ließe sich sagen, dass gerade eine so geschundene Landschaft wie das Bergbaugebiet südlich von Leipzig die künstlerische Fantasie weckt. Wesentliche Literatur ist seit dem Expressionismus aus der Auseinandersetzung mit den Folgen der Industrialisierung der Vergiftung ganzer Landschaften entstanden.

Lohse: Wie sah Ihr Kontakt zu ihm nach seiner Ausreise aus?

Böhme: Er schrieb gelegentlich Postkarten, nie Briefe, immer nur Karten. Hin und wieder schickten wir uns gegenseitig unsere neuesten Bücher. So wusste man voneinander, und ich lernte erst jetzt den fulminanten Erzähler Hilbig kennen. Persönlich getroffen haben wir uns erst nach der Wende. Wir lasen zusammen in der Galerie Eigen+Art, damals noch in der Fritz-Austel-Straße.

Lohse: Nachdem Sie sich wiederbegegnet waren: Hatte ihn die Zeit in Westdeutschland verändert?

Böhme: Nein. Er hatte keinerlei Allüren oder Gesten angenommen. Er war und blieb absolut authentisch, bis hin zum Dialekt. Wohl auch zum Verdruss vieler Leute, die gerne irgendwelche Statements von ihm haben wollten.

Lohse: Wie ist er eigentlich mit dem Thema Wende umgegangen?

Böhme: Ich denke, er hat sich keine Illusionen gemacht. Die Euphorie war ihm fremd, die manche angesichts der Wiedervereinigung befallen hat. In der Erzählung „Die elfte These über Feuerbach“ hat er sich sehr kritisch mit der Welt des schönen Scheins auseinandergesetzt. Der Untergang der DDR konnte ihn allerdings nicht überraschen, denn er hatte ihn ja literarisch längst vorweggenommen als Verfall und absurdes Theater.

Lohse: Wie ist er mit dem Medienrummel um sein Werk und seine Person umgegangen?

Böhme: Er versuchte das abzuwimmeln, wo immer es ging. Ich glaube, er hat nicht gerne Interviews gegeben. Es war ihm nicht angenehm. Er hatte wahrscheinlich nur akzeptiert, dass der literarische Ruhm solche Zugeständnisse verlangt. Gerne gemacht hat er es auf keinen Fall. Ich glaube, es hat ihn auch viel mehr Mühe gekostet, ein Interview zu geben, als ein paar Seiten Prosa zu schreiben.

Lohse: Was war er für ein Menschentyp an sich?

Böhme: Auf den ersten Blick wirkte er verschlossen. Aber wenn man ihn näher kannte, hatte man das Gefühl, dass in ihm eine Grund-Ehrlichkeit und Offenheit war. Ich hatte nie das Gefühl, dass er bewusst etwas nicht sagen wollte oder zurückhielt. Er war nicht unbedingt der Mitteilsamste, aber wenn er etwas sagte, dann konnte man hundertprozentig davon ausgehen, dass das Gesagte Hand und Fuß hatte. Er war überhaupt kein Taktierer, niemand, der in Diskussionen versuchte, seine Position besonders hartnäckig zu vertreten. Man konnte auch gut und gerne eine halbe Stunde mit ihm zusammen sitzen, ohne dass jemand etwas sagte.

Lohse: Was ist das Unverwechselbare seines Werkes?

Böhme: Die Fähigkeit, die schmutzigste und widerwärtigste Landschaft mit Worten zu beschreiben, die wahre Schönheit ausstrahlen.

Aus Karen Lohse: Wolfgang Hilbig. Eine motivische Biografie, Plöttner Verlag, 2008

Über Wolfgang Hilbig

Öde und trostlos ist die Welt von jenem Punkt aus, an dem Wolfgang Hilbig existierte. Nur seine wundersam beschwörenden, visionären Sätze verleihen dieser öden und trostlosen Welt Farbe, Licht, in gewissem Sinne sogar Pracht. Wie aber ist das möglich? Wie ist es möglich, für eine derart öde und trostlose Tatsache, wie es für Hilbig die Welt ist, eine solch sprachliche Pracht zu erschaffen?
Über Wolfgang Hilbig wurde schon viel geschrieben, aber Hilbigs Geheimnis – und Hilbig hat ein Geheimnis! – ist verhüllt geblieben. Fast niemand weiß von ihm, aus Übersetzungen kennt die Welt ihn kaum oder gar nicht, selbst in Deutschland ist er – obwohl er dort jeden bedeutenden Preis bekommen haben sollte – heute fast unbekannt, und hier bedeutet fast unbekannt, dass die Leser nichts von ihm wissen, die Kritiker ihn nicht zur Kenntnis nehmen, denn gäbe es die beachtenswerte Hilbig-Gesamtausgabe des Frankfurter S. Fischer Verlags nicht und wären nicht einige – aber wirklich nur einige – ältere Kritiker noch am Leben, die ihm Anerkennung zollen, auch wenn sie niemand mehr beachtet, dann würde er wahrscheinlich – zumindest auf kurze Frist – vollkommen aus unserem Blick geraten.
Viele dachten und sagten, schrieben über ihn, sein Schicksal und seine Kunst zu schreiben sei derart eng mit dem kommunistischen Ostdeutschland verwoben, dass Hilbig nichts anderes als eine Art – ein blass kafkaesker – Chronist Ostdeutschlands sei. Eine Art – und diese Art mögen die Deutschen selbst nicht allzu sehr. Hilbigs Kunst baut nämlich ohne jede weitere Erklärung darauf auf, dass die Welt identisch mit Ostdeutschland ist. Genauer gesagt: Für Hilbig ist Ostdeutschland die Welt, denn was außerhalb davon ist, das existiert für ihn nicht, kann auch gar nicht existieren, denn über jene schreckliche Kombination hinaus, die die Antwort der Ostdeutschen im sowjetischen Block auf den sowjetischen Block war, das heißt über die eigene, individuelle Version der pseudokommunistischen Diktatur sowjetischen Typs hinaus, hat Hilbig nichts. Für ihn gibt es, gab es außerhalb dieser keine Welt! Denn: außerhalb der Welt noch eine Welt?! – hätte er verständnislos gefragt. Und mit diesem Ausgangspunkt, mit dieser erschreckenden Identifikation kann sich kein Deutscher identifizieren, schon gar nicht gern. Die Deutschen im Westen, im Süden, im Nordwesten, also die freien Deutschen, die Westdeutschland aufbauenden Deutschen, betrachteten in der Zeit des Kalten Krieges die ostdeutsche Diktatur sowjetischen Typs so im Allgemeinen gern als ein rein politisches Gebilde, von dessen fürchterlichem Alltag sie auch heute mit Vorliebe sensationslüstern hören und lesen, von dem Alltag, den Geheimnissen und Enthüllungen, die ausschließlich für jenes ostdeutsche Deutschland galten, das samt seinem Alltag zusammengebrochen ist, verschwunden, das ein Ende hat. Wer Hilbig liest, versteht rasch, dass nichts ein Ende hat und ganz besonders für die Deutschen nicht, denn der Alltag – dieser ostdeutsche Alltag! – besitzt eine derart niederträchtige, in der Tiefe lauernde beängstigend reglose, düstere Kraft, ein Ungeheuer, das nicht zusammengebrochen ist, nicht verschwunden, sondern auch heute noch in der Tiefe lauert, beängstigend, bedrohlich, düster, so wie es schon immer dort war. Niemand fragt sich, warum hat Kleist sich wohl umgebracht? Und überhaupt: Warum bringen sich die Kleists in einer solchen Welt ständig um?! Egal wie unerwartet und vielleicht unbegründet dieser Sprung auch scheinen mag, Hilbig hat denselben Alltag erlebt und beschrieben, wie es der Alltag von Kleist oder Büchner oder Lenz gewesen ist.
Der fürchterliche, tödliche, ruhelose, fatale, mörderische Alltag des Kleinbürgers. Dieser Alltag vergeht nie. Der Kleinbürger vergeht nie. Aus diesem Alltag entsteht eine Welt, und das ist der Alltag, den auch Hilbig in den Jahrzehnten der pseudokommunistischen Diktatur Ostdeutschlands erlebt hat. Er hat also nicht von einer eigenartigen pseudokommunistischen Diktatur Ostdeutschlands geschrieben, sondern von diesem deutschen Alltag.
Noch genauer: von dem Alltag.
Und das ist es, was an Hilbig so bedrückend ist. Mit einer unglaublichen Kraft, einem beschwörenden Zauber, mit der Genauigkeit eines Besessenen hat er eine Welt beschrieben, die nicht allein für die Deutschen so unangenehm ist, sondern für uns alle schrecklich, die wir die fortbestehende Kraft dieses Alltags wahrnehmen. Er hat seine phantastischen Romane über eine Welt geschrieben, in der nur der schwache, der sensible, der zum Kompromiss unfähige, doch keineswegs heldenhafte Mensch Chaos und Surrealität wahrnimmt, denn in dieser Welt gibt es sehr wohl Gesetze, und es gibt Menschen, die ihre Struktur durchschauen und aufrechterhalten, weil das ihre Welt ist, in der er, der aggressive, der kleinliche, der feige, der unterwürfige, das heißt der vor dem Monumentalen, dem Großzügigen, der Freiheit fliehende Rattenmensch der Herr ist und nach Lust und Laune den verfolgt, der in seiner durch ihn immer wieder aufs Neue erschaffenen Welt fremd ist, den nicht in sie hineinpassenden, sie mit seiner Existenz nicht bestätigenden, ja, zur Bestätigung unfähigen Unglückseligen.

Wolfgang Hilbig ist ein großer Künstler. Zur Beschreibung einer schrecklichen Welt hat er eine wundervolle Sprache gefunden. Ich gestehe, das ist ein kranker Glanz. Aber egal wie: er glänzt. Unvergesslich.

Aus dem Ungarischen von Eva Zador
László Krasznahorkai, Neue Rundschau, Heft 2 / 2016

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

 

Wolfgang Hilbig am 29.1.1988 im LCB

 

Wolfgang Hilbig am 26.11.1991 im LCB

Gesprächspartner: Karl Corino, Peter Geist, Thomas Böhme
Moderation: Hajo Steinert

 

Lesung Wolfgang Hilbig am 13.3.2006 im LCB

Gespräch und Lesung I – Thomas Geiger spricht mit Wolfgang Hilbig über seinen Werdegang, der Autor liest Gedichte aus dem Band abwesenheit.

 

Gespräch und Lesung III – Gespräch über die Auswirkungen von Hilbigs Stipendienaufenthalt in Westdeutschland 1985, anschließend liest er aus seinem Roman Ich.

 

Gespräch IV – Thomas Geiger fragt Wolfgang Hilbig, ob er sich von der Staatssicherheit bedrängt fühlte, anschließend führt Hilbig in die Lesung ein.

 

Gespräch V – Wolfgang Hilbig berichtet von seinen Bemühungen in der DDR an bestimmte Literatur zu gelangen.

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Ralph Rainer Wuthenow: Anwesend!
Die Zeit, 30.8.2001

Helmut Böttiger: Des Zufalls schiere Ungestalt. Gespräch
Der Tagesspiegel, 31.8.2001

Welf Grombacher: Ein Jongleur der Elemente
Rheinische Post, 31.8.2001

Horst Haase: Weisheit eines Geplagten
Neues Deutschland, 31.8.2001

Richard Kämmerlings: Geschichte und Geruchssinn
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.8.2001

Zum 65. Geburtstag des Autors:

Gunnar Decker: Der grüne Fasan
Neues Deutschland, 31.8.2006

Christian Eger: Der Mann, der aus der Fremde kam
Mitteldeutsche Zeitung, 31.8.2006

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Jayne-Ann Igel: Das Dunkle oder Die Vordringlichkeit von Tatsachen
der Freitag, 31.8.2011

Ralph Grüneberger: Heute vor 70 Jahren wurde Wolfgang Hilbig geboren
Dresdner Neueste Nachrichten, 31.8.2011

Zum 1. Todestag des Autors:

Hans-Dieter Schütt: „Vom Grenzenlosen eingeschneit“.
Neues Deutschland, 2.6.2008

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Jörg Schieke: eisiger regen fressende kälte
MDR, 30.8.2016

Christian Eger: Schriftsteller Wolfgang Hilbig „In Deutschland gibt es keine Dichter mehr“
Mitteldeutsche Zeitung, 1.9.2016

Beulenspiegels literarische Irrf-Fahrt 4: Wolfgang Hilbig zum 75. Geburtstag
machdeinradio.de, 2.9.2016

Zum 1o. Todestag des Autors:

Clemens Meyer: „Diese Sprache schneidet mich regelrecht auf!“
MDR, 2.6.2017

Fakten und Vermutungen zum AutorInterview + KLG
DAS&D + Georg-Bücher-Preis
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Galerie Foto Gezett
shi 詩 yan 言 kou 口

 

 

Nachrufe auf Wolfgang Hilbig: FAZDie Welt ✝ Die Zeit 1 +2 ✝  
titel-magazin ✝ Goon Magazin ✝ Spiegel ✝ Focus ✝ der Freitag 
Der Tagesspiegel ✝ NZZNDBZtaz ✝ Süddeutsche Zeitung 

Claudia Rusch: How does it feel?
Neue Rundschau, Heft 2, 2008

Christian Eger: Im Abseits arbeiten
Mitteldeutsche Zeitung, 4.6.2007

Sebastian Fasthuber: Wolfgang Hilbig 1941–2007
Der Standard, 4.6.2007

Christoph Schröder: Wie sich das Ich auflöst
Frankfurter Rundschau, 4.6.2007

Uwe Wittstock: Wolfgang Hilbig-Wegweiser ins Unwegsame
uwe-wittstock.de

März, Ursula: Als sie noch jung waren, die Winde
Die Zeit, 14.6.2007

Uwe Kolbe: Eingänge, Zugänge, Abgänge
Michael Buselmeier (Hrsg.): Erinnerungen an Wolfgang Hilbig, Der Wunderhorn Verlag, 2008

 

 


 

Richard Pietraß: Dichterleben – Wolfgang Hilbig

 

Günter Gaus im Gespräch mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig. Aus der Reihe Zur Person, gesendet am 2. Februar 2003

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